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Full text of "Geschichte der Medicin"

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GESCHICHTE 


DER 


M   E   D    I    C    I   N. 


VORLESUNGEN 

GEHALTEN  ZU  LEIPZIG  IM  SOMMERSEMESTER  1858 


VON 


PROF.  DR.  C.  A.  WUNDERLICH, 

Ritter  des  Königl.  Sächsischen  Verdienstordens  und  des  Sachsen  Ernestinischen  Hausordens, 
K.  .Sachs.  Geh.  Medicinalrath  ,  Director  des  klin.  Instituts  an  der  Crüversität  Leipzig  etc. 


CT^QJL^>-0 


STUTTGART. 

VERLAG  VON  EBNER  &   SEÜBERT. 
1859. 


"R  iä.I 


Druck  der  J.  B.  M  etzler'schen  Buohdruckerei  in  Stuttgart. 


INHALTS-ÜBERSICHT. 


Seite 

Einleitung i l 

Werth  der  historischen  Studien  1.     Objecte  der  Geschichte  der  Medicin  1. 

Erster  Abschnitt.    Die  Medicin  im  hellenischen  Alterthume.         3 
Vorhellenische    Medicin    3.     Vorhippocratische  Medicin    in    Griechenland    3. 
Hippocrates    5.      Verfall    der    griechischen    Medicin    nach    Hippocrates    13. 
Die    dogmatische    Schule  16.     Aristoteles    17.     Alexandrinische  Schule  21. 
Heropbilus  22.    Erisistratus  22.    Empiriker  23. 

Zweiter  Abschnitt.    Die  Medicin  unter  der  römischen  Herr- 
schaft         26 

Primitive  Zustände  der  Medicin  in  Rom  26.  Asclepiades  26.  Themison  und 
die  methodische  Schule  27.  Athenäus  .und  die  Pneumatiker  30.  Eklektiker 
30.  Einzelne  Aerzte  der  vorgalenischen  Zeit  31.  Claudius  Galenus  33. 
Nachgalenische  Zeit  37.  Der  Process  des  Verfalls  der  römischen  Medicin 
und  seine  Ursachen  40.    Untergang  44. 

Dritter  Abschnitt.    Die  Medicin  im  Mittelalter 46 

Die  Araber  46.  Mönchsmedicin  47.  Erste  Spuren  des  wiedererwachenden 
wissenschaftlichen  Sinns  im  Abendland  49.  Scholastik  50.  Regungen  einer 
besseren  Zeit  54.     Fünfzehntes  Jahrhundert  58. 

Vierter  Abschnitt.  Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Reformation.        60 

Ursachen  des  Umschwungs  60. 

Die  reellen  Fortschritte  in  der  Medicin  63.  Positive  Fortschritte  in  den 
Naturwissenschaften  66.  Anatomie  66.  Vesal  69.  Pathologische  Anatomie 
72.  Chirurgie  73.  Geburtshilfe  76.  Einflussreiche  italienische  Aerzte  76. 
Französische  Aerzte  77.  Holländische  Aerzte  78.  Deutsche  Aeizte  78. 
Einzelne  Leistungen  78.    Charakter  der  Forschung  im   16.  Jahrhundert  81. 

Die  Schwärmer,  Wühler  und  Gaukler  der  Reformationszeit  82.  Para- 
celsus  85.     Die  Obscuranten  101. 


IV  Inhalts-  Uebersicht. 


Seite 


Fünfter  Abschnitt.       Die   Medicin   im   siebenzehnten  Jahr- 
hundert  , 104 

Baco  104.  Physik  und  Chemie  113.  Anatomie  115.  Die  Societäten  120. 
Charlatanerie  in  der  Praxis   120. 

Die  medicinischen  Systeme  des  17.  Jahrhunderts  124.  Van  Helmont 
124.     SyLius   129.     Iatromechaniker  132. 

Naturbeobachtung  und  pathologische  Anatomie  136.  Sydenham  136. 
Situation  der  Medicin  in  verschiedenen  Ländern  144.  Herrschende  Krank- 
heiten 144.  Einführung  von  neuen  Arzneimitteln  145.  Chirurgie  und  Ge- 
burtshilfe 145. 

Sechster   Abschnitt.      Die   Medicin    im    Zeitalter    der   Auf- 
klärung       147 

Bewegungen  in  der  allgemeinen  Cultur  mit  Beginn  des  18.  Jahrhunderts 
147.  Naturwissenschaften   152. 

Medicinische  Wissenschaft  154  Das  Schiksal  der  früheren  Systeme  154. 
Die  theoretische  Richtung  des  18.  Jahrhunderts  155.  Fr.  Hoffmann  157. 
Stahl  160.  H.  Boerhaave  166.  Haller  172.  Gaub  178.  Wiener  Schule  180. 
Schule  von  Montpellier  186.  Barthez  188.  Die  Physiologie  der  Ency- 
clopädisten  192.  Cullen  192.  Deutsche  Solidarpathologen  196.  Humoral- 
pathologie  200.  Krankheitsclassificationen  200.  Resume  der  theoretischen 
Bestrebungen  der  Zeit  und  ihres  Werthes  204. 

Reelle  Forschungen  208.  Pathologische  Anatomie  210.  Morgagni  211. 
Hunter  214.  Blutuntersuchungen  215.  Französische  Chirurgie  215.  Chirurgie 
in  Deutschland  219.  Chirurgie  in  England  220.  Die  ärztlichen  Practiker 
220.  Monographische  Arbeiten  222.  Allgemeiner  Charakter  der  ärztlichen 
Verhältnisse  233. 

Siebenter  Abschnitt.    Die  Vorbereitung  der  neuen  Zeit.    .    .      236 

John  Brown  236.  Brown's  Doctrin  238.  Die  englische  Medicin  während 
und  unmittelbar  nach  Brown  243. 

Frankreich  243.  Bichat  214.  Pinel  247.  Französische  Zeitgenossen  249. 

Italien  251.     Rasori  und  die  Lehre  vom  Contrastimulus  251. 

Deutschland  254.  Die  Erregungstheorie  in  Deutschland  259.  Natur- 
philosophie 263.  Thierischer  Magnetismus  269.  Cranioscopie  270.  Homöo- 
pathie 270.  Die  gemässigten  Theoretiker  in  Deutschland  2  2.  Zurükführ- 
uug  des  Lebensprocesses  auf  allgemeine  Naturgeseze  2S3.  Analogisirung 
der  Lebenskraft  mit  den  Imponderabilien  285.  Genetische  Auffassung  des 
Lebens  286. 

Positive  Forschung  in  Deutschland  287.  Anatomie  287.  Physiologie 
287.  Pathologische  Anatomie  288.  Practische  Medicin  288.  Eklekticismus 
290.     Zustand  der  deutschen  Medicin  überhaupt  295. 


Inhalts-Uebersicht.  V 

Seite 

Achter  Abschnitt.  Die  jüngste  Umwälzung  in  der  medicin- 
ischen  Wissenschaft  und  die  Entwiklung  der 
Gegenwart 298 

Frankreich  298  Broussais  298,  Pathologisch-anatomische  Schule  in  Frank- 
reich 307.  Lännec  307.  Die  Experimentalphysiologie  in  Frankreich : 
Magendie  319.  Die  französische  Chirurgie  321.  Specialitätencultur  322. 
Schlussbetrachtung  über  die  französische  Medicin  324. 

England  325.  Travers  326.  Ch.  Bell  und  die  Arbeiten  über  das 
Nervensystem  327.    Practische  Medicin  330.    Specialitäten  330. 

Italien  331.     Diverse  Nationen  331. 

Deutschland  331.  Schönlein  333.  Einzelne  Lebenszeichen  in  der  deutschen 
Medicin  244.  Die  deutsche  Physiologie  346.  Joh.  Müller  347.  Die  Ver- 
suche der  Chemiker,  die  Medicin  zu  reformiren  350.  Die  Einführung  der 
ausländischen  Leistungen  und  die  Critik  352.  Die  neue  Wiener  Schule  352. 
Rokitansky  352.  Skoda  355.  Der  Umschwung  in  der  deutschen  Medicin 
357.  Widerstände  und  Missgriffe  359.  Durchdringen  der  neueren  Richt- 
ung 362.  Die  Gestaltung  der  Medicin  in  der  Gegenwart  363.  Die  Med- 
icin der  Zukunft  366. 


INHALTS-ÜBERSICHT 
DER  BELEGE,  EXCüßSE  UND  KOTIZEN. 

Zum  ersten  Abschnitt 3 

Hippocrates  3.  Plato  6.  Aristoteles  13.  Theophrastus  Eresius  16.  Die 
späteren  Autoren  der  griechischen  Zeit  16. 

Zum  zweiten  Abschnitt 17 

Die  griechischen  Aerzte  im  alten  Rom  und  ihr  Ruf  17.  Celsus  17.  Dios- 
corides  18.  Aretäus  von  Cappadocien  19.  Galen  21.  Nachgaienische  Pe- 
riode 22. 

Zum  dritten  Abschnitt 25 

Die  arabischen  Aerzte  25.  Constantinus  Africacus  25.  Die  medicinische 
Schule  von  Salem  25.  Dreizehntes  und  vierzehntes  Jahrhundert  28.  Der 
medicinische  Unterricht  am  Schluss  des  Mittelalters  28.  Syphilis  vor  1493  28. 

Zum  vierten  Abschnitt 29 

Das  Reformationszeitalter  29.  Hexenprocesse  29.  Medicinische  Repräsen- 
tanten der  Fortschrittspartei  im  16.  Jahrhundert  30.  Paracelsus  33.  Sy- 
philis 35. 


VI  Inhalts-Uebersicht. 

Seite 

Zum  fünften  Abschnitt .       36 

Baco  36.  Harvey  36.  Van  Helmont  37.  Sylvius  38.  Iatromechanische 
Schule  42.  Alchymisten  und  Adepten  44.  Die  spagirische  Medicin  45. 
Sydenham  47.     Marton  50. 

Zum  sechsten  Abschnitt. 55 

Fr.  Hoffmann  55.  Stahl  86.  Herrn.  Boerhaave  59.  Gorter  66.  de  Haen  66. 
Stoll  67.     Kämpf  70.     Sauvages  75. 

Zum  siebenten  Abschnitt 79 

Brown  79.  Röschlaub  79.  Bichat  80.  Bayle  82.  Peter  Frank  83.  Hah- 
nemann  84. 

Zum  achten  Abschnitt. 89 

Broussais  89.  Einige  Proben  aus  der  deutschen  medicinischen  Literatur 
vor  dem  Umschwung  der  Anschauungen  89.  Schönlein  91.  Rademacher  93. 
Die  Popularisation  der  Naturwissenschaften  und  der  Medicin  98. 


EINLEITUNG. 


Indem  ich  es  unternehme,   die  Entwiklung  unserer  Kunst  und  Wis-     werth  der 
senschaft  im  Laufe  der  Jahrhunderte  zu  verfolgen,  brauche  ich  wohl  kaum   hlstor'sc 

°  Studien. 

auf  den  Werth  des  historischen  Wissens  mich  zu  berufen. 

Der  Rükblik  in  die  Vergangenheit  ist  für  Jeden  Bedürfniss,  dessen 
Betrachtung  der  Gegenwart  eine  denkende  ist.  Zumal  in  den  Wissen- 
schaften ist  ein  wahres  Verständniss  unmöglich,  wenn  es  sich  nicht  auf 
die  Einsicht  gründet,  wie  die  Wissenschaft  geworden  ist. 

So  vermag  auch  der  Arzt  den  Werth  und  das  Wesen  der  jezigen 
Situation  des  technischen  Wissens  und  Handelns  nicht  zu  fassen,  wenn 
sein  Studium  nicht  zurükgreift  zu  den  Bewegungen  und  Entwiklungen, 
in  deren  Resultaten  der  heutige  Standpunkt  unserer  Kunst  und  Wissen- 
schaft sein  Fundament  hat. 

Die  Bedeutung  des  historischen  Studiums  liegt  nicht  in  der  Gedächt- 
nisseinprägung mehr  oder  weniger  reichlicher  Notizen,  sondern  in  dem  im 
Stillen  wirkenden  Einfluss,  welchen  ein  solches  Studium  auf  die  Correct- 
heit  des  wissenschaftlichen  Verständnisses  ausübt. 

Die  Geschichte  der  Medicin  hat  dreierlei  Obje et e,  welche  sich  allent-     objecto  der 
halben  verbinden  und  aufklären  und  welche  in  der  Darstellung  nicht  zu    JGes';hlJch!* 

°  der  Medicia. 

trennen  sind. 

Sie  hat  sich  zu  beschäftigen  mit  den  successiven  Veränderungen,  welche  Geschichte  der 
das  Verhalten  der  Krankheiten  im  Laufe  der  Jahrhunderte  erlitten  hat:  Krankheiten- 
Geschichte  der  Krankheiten.  Bei  Forschungen  dieser  Art  ist  jedoch 
nicht  zu  verkennen,  dass  ihr  sicherer  Gewinn  nur  ein  lükenhafter  und 
sparsamer  sein,  und  dass  nur  der  ängstlichste  Verzicht  auf  gewagte 
Deutungen  der  Worte  und  Descriptionen  der  früheren  Schriftsteller  vor 
grobem  Irrthum  schüzen  kann. 

Sie  hat  weiter  zur  Anschauung  zu  bringen  die  Schiksale  der  ärzt-    Geschichte  der 
liehen  Kunst  und  des  ärztlichen  Standes,  die  Geschichte  der  ärzt-    arztic  en    UD* 

7  und  des  arzt- 

lichen Praktiken  und  Maximen,  die  Aenderungen  in  den  Institutionen  und    liehen  staade*. 

Wunderlich,  Geschichte  d.  Medicin.  1 


Einleitung. 


Geschichte  der 
Wissenschaft. 


Die  Geschichte 

der  Medicin  ist 

ein  Theil  der 

allgemeinen 

Cokurgesehichte. 


in  der  socialen  Stellung  der  Aerzte,  ihre  im  Laufe  der  Zeiten  wechselnden 
Beziehungen  zu  Staat  und  Gesellschaft  überhaupt  und  zu  den  Kranken 
insbesondere. 

Ihre  wichtigste  Aufgabe  aber  ist,  das  allmälige  Eindringen  des  mensch- 
lichen Geistes  in  das  Verständniss  der  complexen  Verhältnisse  des  kranken 
Körpers  zu  verfolgen:  die  Geschichte  der  medicinischen  Wissenschaft. 
Diese  soll  nicht  antiquarischen  Interessen  dienen;  sie  darf  nicht  eine  Samm- 
lung der  succedirenden  Thorheiten  und  guten  Einfälle  der  Aerzte  sich 
zur  Aufgabe  sezen.  Nicht  einmal  die  allmälige  Aggregation  von  Ent- 
dekungen  und  Erfindungen  im  ärztlichen  Gebiete  darf  ihr  wesentlicher 
Inhalt  sein.  Die  Geschichte  der  medicinischen  Wissenschaft  ist  vielmehr 
die  Entwiklungsgeschichte  des  menschlichen  Geistes,  dessen  eingeborener 
Trieb  nach  Wahrheit  sich  nach  allen  Richtungen  geltend  macht,  verfolgt 
in  unserem  speciellen  Culturgebiete.  Sie  hat  die  in  sich  nothwendige 
Reihenfolge  intellectueller  Bewegungen  aufzuweisen,  welche  dahin  zielen, 
aus  der  Masse  der  gegenständlichen  Wahrnehmungen  eine  bewusste 
Anschauung  zu  gewianen  und  das  empirische  Bemerken  zum  Wissen 
zu  erheben. 

Die  Geschichte  der  medicinischen  Einsichten  verflicht  sich  daher 
aufs  engste  mit  der  Gesammtculturge schichte.  Sie  ist  ein  Glied 
derselben  und  ergänzt  diese  ihrerseits.  Allenthalben  ist  der  Zusammen- 
hang der  Entwiklung  der  Medicin  mit  dem  Gange  anderer  Wissenschaften 
bemerklich.  Nur  vorübergehend  und  zwar  ebensowohl  in  Zeiten  des 
Stillstandes  als  in  Momenten  ruckweiser  intensiver  Bereicherung  pflegen 
sich  einzelne  Wissensgebiete  abzuschliessen.  In  kurzer  Zeit  macht  sich 
der  gegenseitige  Einfluss  zwischen  der  einzelnen  Wissenschaft  und  der 
Gesammtbildung  wieder  geltend;  leztere  reisst  die  in's  Stoken  gerathene 
Partialcultur  mit  sich  fort,  oder  erhält  aus  dem  Reichthum  der  vereinzelt 
vorgerükten  Wissenschaft  befruchtende  Anregungen.  Daher  ist  die  stete 
Beziehung  auf  die  Gesammtentwiklung  der  menschlichen  Einsicht  auch 
bei  der  Betrachtung  der  Geschichte  der  speciellen  medicinischen  Wissen- 
schaft unerlässlich. 


ERSTER  ABSCHNITT. 

Die   Medicin  im  hellenischen  Alterthume. 


Es  genügt,  in  der  Verfolgung  der  Anfänge  unserer  Wissenschaft  auf 
die  hellenische  Bildung  zurükzugehen,  welche  sich,  obwohl  an  der  Grenze 
der  historischen  Zeit,  bereits  in  einer  wunderbar  vollendeten  Harmonie 
darstellt  und  nicht  bloss  als  Keim,  sondern  als  die  erste  gelungene 
Gestaltung  humaner  Cultur  gelten  kann. 

Zwar  sind  aus  den  ältesten  Zeiten  aller  Völker  bald  sparsame,  bald  vorheiien- 
reichlichere  Ueberlieferungen  vorhanden,  welche  sich  auf  Pflege  und  Aus- 
übung der  Heilkunst  beziehen.  Vor  allen  genoss  diese  bei  den  alten 
Aegyptern  (2 — 3  Jahrtausende  vor  unserer  Zeitrechnung)  eines  hohen 
Grades  von  Ansehen,  wurde  von  den  höchsten  Priestern  und  den  Königen 
selbst  ausgeübt  und  zeigte  schon  in  mancher  Hinsicht  eine  ausgebildete 
Technik  (Gebrauch  der  Klystire ,  Bäder  und  Frictionen ,  methodisches 
und  regelmässiges  Brechen  und  Purgiren,  Beschneidung,  Einbalsamiren). 
Der  Ruf  der  alten  ägyptischen  Aerzte  wirkte  noch  lange  nach  und  der 
Nimbus  ägyptischer  Weisheit  in  ärztlichen  Dingen  vererbte  sich  bis  in 
das  Mittelalter,  freilich  aufgefrischt  durch  die  spätere  alexandrinische 
Schule.  Einzelne  der  Kenntnisse,  Fertigkeiten  und  Vorurtheile  der  alten 
Aegypter  verpflanzten  sich  in  die  Nachbarländer,  und  Hebräer  und  Grie- 
chen haben  aus  den  ägyptischen  Mysterien  geschöpft. 

Vorhippocratische  Medicin. 

In  Griechenland  verlieren  sich  zwar  die  Anfänge  der  Medicin  bis  vorhippocrat- 
in  das  sagenhafte  Zeitalter.      Aber  die  historische  Zeit  der  Wissenschaft  \se„e.  e.ie 
beginnt  erst  mit  der  Mitte  des  fünften  Jahrhunderts  v.  Chr.  iand.; 

Wir  finden  um  diese  Zeit  bereits  eine  vorgeschrittene  Culturstufe  in 
der  Heilkunst,  ein  ziemlich  geordnetes  Medicinalwesen,  wohl  organisirte 
medicinische  Schulen  mit  bestimmten  sie  unterscheidenden  Doctrinen  und 
die  Kenutniss  von  vielen  pathologischen  und  therapeutischen  Thatsachen. 

i* 


Die  Medicin  im  hellenischen  Alterthume. 


Asclepiaden. 


Gymnasien. 


Praxis  der 
Einzelnen. 


Die  Ausübung  der  Heilkunst  war  vorzugsweise  in  den  Händen  der 
Asclepiaden,  der  Priester  der  Aesculaptempel,  einer  theils  an  Familien 
kastenartig  geknüpften,  theils  aber  auch  durch  Neueintretende  sich  recru- 
tirenden  Genossenschaft.  Ihre  Praxis  war  der  Hauptsache  nach  eine  col- 
legialisch-consultatorische  und  die  Berathungen  fanden  in  dem  Tempel 
selbst  statt.  Zugleich  waren  diese  Priester  die  anerkannten  Lehrer  der 
Kunst :  das  Asclepeion  war  Medicinschule,  meist  mit  sehr  localer  Färbung 
von  Doctrinen  und  practischen  Grundsäzen.  Mehre  dieser  Priestercolle- 
gien  (die  von  Cyrene,  Rhodus,  Cnidos  und  Cos)  gewannen  durch  Zulauf 
von  Kranken  und  Schülern  eine  hervorragende  Celebrität.  Zumal  waren 
es  die  rivalisirenden  Schulen  von  Cnidos  und  Cos,  welche  sich  vor  den 
übrigen  hervorthaten.  Die  erstere,  als  deren  berühmtester  Lehrer  Eury- 
phon  (Zeitgenosse  des  Hippocrates)  galt,  und  deren  Grundsäze  in  den 
xvCdica  yvcofiai  niedergelegt  wurden,  hatte  die  Tendenz  einer  strengen 
und  subtilen  symptomatischen  Distinction,  nahm  sehr  zahlreiche  Krank- 
heitsspecies  (z.  B.  7  Gallenkrankheiten,  3  Tetanusformen,  12  Blasen- 
krankheiten etc.)  an  und  benuzte  stark  eingreifende  therapeutische  Pro- 
ceduren  (Glüheisen).  Der  Geist  und  die  Praxis  der  Schule  von  Cos 
dagegen  fanden  in  Hippocrates  ihren  Interpreten  und  damit  ein  unver- 
gängliches Ansehen. 

Den  Asclepeien  wurde  jedoch  durch  die  Gymnasien  Concurrenz 
gemacht,  in  welchen  eine  Art  Naturmedicin  getrieben,  die  alimentäre 
Diätetik  sehr  sorgfältig  geprüft,  Heilgymnastik  freilich  in  der  einfachsten 
Weise  angewandt  wurde.  Viele  Kranke  verliessen  die  Asclepeien  und 
wandten  sich  den  Gymnasien  zu  und  es  scheint,  dass  allmälig  die  Lezteren 
für  die  Behandlung  der  chronischen  Krankheiten  den  Vorrang  gewannen, 
während  jenen  das  Monopol  in  der  Therapie  der  acuten  blieb. 

Uebrigens  wurden  auch  Kranke  in  den  Häusern  besucht.  Berühmtere 
Aerzte  und  solche,  welche  es  werden  wollten,  machten  Rundreisen  durch 
Hellas  und  die  Nachbarlande.  Fürsten  hielten  sich  vorübergehend  oder 
lebenslänglich  Leibmedici  und  wenigstens  beim  spartanischen  Heere  waren 
Aerzte  dem  Generalquartier  attachirt. 


Die  Philosophen.  So  wurde  die  Praxis  ausgeübt.     Die  Theorie    wurde  vornehmlich 

von  den  Philosophen  gepflegt;  besonders  waren  es  die  naturphilosoph- 
ischen Schulen  von  Grossgriechenland,  dem  ersten  Herde  griechischen 
Culturlebens,  in  welchen  philosophische  und  medicinische  Anschauungen 
Hand  in  Hand  gingen. 

Pythagoras,  540 — 500  v.  Chr.,  behandelte  selbst  Kranke  und  legte, 
den  schwelgerischen  Krotoniaden  Massigkeit  predigend,  gewissermaassen 


Die  Philosophen.  5 

die  erste  Grundlage  zu  einer  Hygieine  und  Diätetik.  Er  hüllte  sich  jedoch 
in  ein  geheimnissvolles  Prophetenthum,  unterschied  die  Lehre  für  die  Ein- 
geweihten seines  geheimen  Bundes  (Esoteriker)  von  der  für  die  Masse 
(Exoteriker),  trieb  ägyptischen  Mysticismus  und  führte  die  Idee  von  der 
wunderbaren  Macht  der  Zahlen  ein,  unter  denen  der  Sieben  mit  ihren 
Multiplen  und  halben  Fractionen  die  einflussreichste  Gewalt  auf  das  Ge- 
schehen in  der  Natur  und  am  Menschen  zugeschrieben  wurde.  Auch  nach 
seinem  Sturze  vom  politischen  und  priesterlichen  Schauplaz  blieben  die 
krotonischen  Aerzte  noch  lange  in  grossem  Ansehen;  pythagoräische 
Mystik  wie  seine  schwerverständlichen  wissenschaftlichen  Ideen  fanden 
anderthalb  Jahrhunderte' später  in  den  griechischen  Schulen  Eingang. 

Empedocles  von  Agrigent  (um  440),  welcher  gleichfalls  ägyptisches 
Wissen  und  Wesen  nach  Grossgriechenland  brachte,  soll  sogar  als  Heil- 
gott verehrt  worden  sein  und  ist  der  Urheber  der  Lehre  von  den  vier 
Elementen. 

Ausser  ihnen  machten  auch  einige  Philosophen  des  engeren  Griechen- 
landes (Anaxagoras,  Demokrit)  medicinische  Fragen  zum  Gegenstand 
ihrer  Speculationen  und  versuchten,  ihre  hypothetischen  Conceptionen 
zur  Erklärung  des  gesunden  und  kranken  Lebens  zu  verwenden.  Manches 
davon  drang  unmerklich  in  die  Doctrinen  der  Practiker  ein  und  gestaltete 
sich  selbst  zur  geläufigen  Volksansicht. 

Alle  Anschauungen,  Kenntnisse  und  practischen  Maximen  der  vor- 
hippocratischen  griechischen  Medicin  kennen  wir  jedoch  nur  aus  secun- 
dären  Quellen.  Die  ohne  Zweifel  nicht  sparsamen  Aufzeichnungen  der  Quellen  der  vor- 
Vorgänger und  Zeitgenossen  des  Hippocrates  sind  sämmtlich  verloren  kp^0"*tt*chen 
gegangen,  und  man  hat  Hippocrates  selbst,  gewiss  mit  Unrecht,  be- 
schuldigt, sie  verbrannt  zu  haben.  Selbst  über  eine  verheerende,  mit 
einem  pustulösen  Exanthem  verlaufende  Seuche,  welche  in  der  Jugendzeit 
des  Hippocrates  Athen  heimsuchte  (430  v.  Chr.),  besizen  wir  nur  eine 
immerhin  vortreffliche  Beschreibung  eines  Laien,  des  Thucydides. 

So  kommt  es,  dass  die  hippocratische  Schriftensammlung  als  das  ein- 
zige Denkmal  des  frühesten  medicinischen  Alterthums  mitten  unter  der 
allgemeinen  Zerstörung  und  neben  kaum  erkennbaren  Trümmern  um  so 
glänzender,  unvermittelter  und  überraschender  uns  erscheint. 

Hippocrates,  genannt  der  Zweite  oder  der  Grosse,  von  Cos,  Sohn  des 
Heraclides,  aus  einer  ärztlichen  Priesterfamilie  stammend,    welche  ihre 
Abkunft  auf  Aesculap  und  Hercules  zurükführte,  wurde  geboren  um  460  Hippocrates. 
und  starb  wahrscheinlich  um  370,  lebte  somit  in  der  Zeit  der  höchsten 
Atheniensischen  Blüthe,     Von  seinem  Leben  ist  wenig  sicheres  bekannt; 


6  Die  Medicin  im  hellenischen  Alterthume. 

die  meisten  Erzählungen  darüber  sind  mythisch  und  in  ihrer  Unmöglich- 
keit oder  Unwahrscheinlichkeit  nachgewiesen.     Nur    so  viel  ist  sicher, 
dass  er  allseitig  verehrt  und  hoch  angesehen  war,  ein  bewegtes  Wander- 
leben führte  und  nicht  nur  als  Arzt,  sondern  auch  als  Lehrer  wirkte. 
Schriften.  Zahlreiche  ihm  zugeschriebene  Schriften    sind    auf  uns   gekommen. 

Als  die  am  wahrscheinlichsten  ächten  sind  zu  bezeichnen: 

Sieben  Sectionen  Aphorismen,  unzusammenhängende  Säze,  welche  die 
Hauptpunkte  der  Hippocratischen  Erfahrung  enthalten; 

das  Buch  tceqI  aQ^airjg  Ir^TQixfjg ,  eine  theils  polemische  theils  doctri- 
näre  Abhandlung  (von  Vielen  nicht  als  acht  anerkannt) ; 

tceqI  äsQMV,  vöcctwv,  TOTtoov.  Hinweisung  auf  die  aus  atmosphärischen 
Verhältnissen,  dem  Wasser  und  der  Lage  der  Wohnorte  entspringenden 
Einflüsse  auf  die  Gesundheit  der  Menschen; 

rtQoyvcoo'Tixov:  mit  zahlreichen  feinen  Bemerkungen; 

ttsqi  diaitrjg  ol-swv :  Polemik  gegen  die  knidischen  Sentenzen  und 
manche  ärztliche  Richtungen  der  Zeit  überhaupt,  mit  genauen  Angaben 
über  das  Verhalten  in  acuten  Krankheiten; 

S7TiSr^fi/,wv  to  7iQÖöTov  und  rb  tqitov:  enthält  eine  Mittheilung 
der  herrschenden  Krankheiten  einzelner  Jahreszeiten,  der  epidemischen 
Modificationen  des  Verlaufes  und  der  Symptome  nebst  Erzählungen  in- 
dividueller Krankheitsfälle  mit  Tag  für  Tag  aufgezeichneter  Beobachtung, 
eine  Form  der  Ueberlieferung  von  klinischen  Thatsachen,  welche,  ab- 
gesehen von  den  nach  hippocratischem  Muster  aufgezeichneten  Mittheil- 
ungen seiner  nächsten  Schüler  und  vielleicht  mit  der  einzigen  Ausnahme 
des  Erasistratus,  fast  zwei  Jahrtausende  lang  nachher  gänzlich  versäumt 
und  vergessen  wurde ,  während  sie  die  heutige  Wissenschaft  als  die  un- 
entbehrliche Grundlage  jeder  soliden  Erfahrung  anerkennt. 

Die  genannten  Schriften  des  Hippocrates  sind  vielfach  verstümmelt 
und  mit  Zusäzen  von  Anderen  verunreinigt.  Ueberdem  laufen  eine  grosse 
Menge  anderer  Werke  irrthümlich  unter  Hippocrates  Namen.  Schon 
seine  Söhne  Thessalus  und  Draco,  sein  Schwiegersohn  Polyb  und  einzelne 
seiner  Schüler  zeichneten  ohne  Zweifel  nach  mündlichen  Bemerkungen 
manches  auf,  was  Hippocrates  selbst  zugeschrieben  wurde.  Einzelne 
suchten  ihren  eigenen  Scripturen  durch  den  Namen  des  grossen  Arztes 
Eingang  zu  verschaffen :  manche  derartige  Erzeugnisse  mögen  durch 
mercantile  Speculation  entstanden  sein.  Endlich  haben  sich  Spätere 
berechtigt  geglaubt,  ihrerseits  durch  willkührliche  Aenderungen  und  durch 
Zusäze  die  Werke  des  grossen  Meisters  zu  verbessern.  Heut  zu  Tage 
ist  es  schwierig,  den  fremden  und  den  hippocratischen  Antheil  nicht  nur 
an  manchen  entschieden  späteren  Aufzeichnungen,  sondern  sogar  an  den 


Hippocrates.  7 

acht  hippocratischen  Schriften  festzustellen.  Manche  bei  der  bewunderns- 
werthen  Beobachtungsgabe  des  Hippocrates  unbegreifliche  Behauptungen 
dürften  der  Fälschung  und  Verstümmelung  seiner  Schriften  zugeschrieben 
werden,  wiewohl  sicher  eine  andere  nicht  geringe  Anzahl  nicht  zu  be- 
gründender Angaben  durchaus  nur  ihm  selbst  zugerechnet  werden  muss. 
Es  ist  nämlich  bei  aller  Vortrefflichkeit  vieler  seiner  Bemerkungen 
nicht  zu  verkennen ,  dass  zahlreiche  Behauptungen  von  ihm  nicht  der 
alltäglichen  Erfahrung  entsprechen,  dass  viele  als  ausgemacht  hingestellte 
Punkte  nur  sehr  theilweise  anerkannt  werden  können  und  dass  viele  seiner 
Angaben  geradezu  widersinnig  oder  unbegreiflich  erscheinen. 

Es  wäre  irrig ,  Hippocrates  als  Schöpfer  einer  neuen  Wissenschaft  AUgemeiner 
oder  auch  nur  einer  neuen  Epoche  einer  solchen  anzusehen.  Er  selbst  arakter. 
sagt:  „wer  die  Vergangenheit  wegwerfend  und  geringschäzend  einen 
„neuen  Weg  und  ein  neues  Schema  sucht  oder  gefunden  zu  haben  glaubt, 
„der  betrügt  oder  ist  betrogen"  (de  veteri  medicina).  Dagegen  bewun- 
dert man  mit  vollem  Recht  den  Reichthum  und  die  Feinheit  seiner  Be- 
merkungen, die  Umsicht  seiner  Untersuchung  der  Kranken  und  aller 
beeinflussenden  Verhältnisse,  die  Schärfe  seiner  practischen  Schlüsse  und 
vor  allem  das  sorgfältige  Festhalten  an  der  Naturbeobachtung. 

Hippocrates  macht  kein  System,  er  weist  die  Hypothesen  mit  Ent- 
schiedenheit zurük,  und  wenn  er  auch  dem  Einflüsse  einiger  theoretischer 
Anschauungen  sich  nicht  zu  entziehen  vermag,  so  muss  man  bedenken, 
dass  dieselben  damals  fast  als  Axiome  galten.  Hierher  gehören  die 
Empedokleischen  Elemente  (Luft,  Feuer,  Erde,  Wasser)  und  Elementar- 
qualitäten (kalt,  warm,  troken  und  feucht),  die  vier  angeblichen  Cardinal- 
säfte  des  Körpers  (Schleim,  Blut,  Galle  und  schwarze  Galle,  statt  lezterer 
an  einzelnen  Stellen  der  hippocratischen  Schriften  das  Wasser),  deren 
richtige  Mischung  (Crasis)  die  Gesundheit  voraussezt  und  deren  Störung 
nur  durch  einen  Process  (Kochung  rcsxpig)  wieder  ausgeglichen  wird; 
ferner  das  t{i(fVTov  &sq{lov  des  Heraklit,  so  wie  der  Träger  dieser 
Wärme :  das  nvetfict.  Doch  sind  alle  diese  Vorstellungen  bei  Hippocrates 
nicht  durchschlagend.  Eingehende  Theorien  und  Erklärungen  über  die- 
selben werden  nirgends  versucht.  Sie  mischen  sich  in  die  Darstellung, 
wie  selbstverständliche  Voraussezungen,  über  die  man  keine  Rechenschaft 
zu  geben  braucht. 

Hippocrates  legt  überhaupt  wenig  Werth  auf  theoretische  Discussionen : 
„Wenn  andere  bessere  Erklärungen  geben  können,  ist  mirs  recht,  bei 
„solchen  Anlässen  zeigt  man  nur  die  Fertigkeit  seiner  Zunge."  Seine 
Lehre  und  sein  Handeln  werden  durch  theoretische  Annahmen  nicht  oder 


8 


Die  Medicin  im  hellenischen  Alterthume. 


Anatomie  and 
Physiologie. 


Krankennnter- 

«uchung. 


Semiotische 
Verwerthung 
nnd  Kranken- 
betchreibung. 


wenig  alterirt  und  bewahren  sich  den  Charakter  des  schlichten,  voraus- 
sezungslosen  Naturalismus. 

Aber  sein  Naturalismus  ist  ein  durchaus  instinctiver  und  unmetho- 
discher. Es  kommt  ihm  nicht  darauf  an,  entgegengesezte  Regeln  fast 
neben  einander  zu  stellen,  und  seinen  Erfahrungssäzen  liegt  nur  der  all- 
gemeine Eindruk  von  Reminiscenzen  zugrunde,  die  fast  nach  augen- 
bliklichen  Stimmungen  zu  wechseln  scheinen.  Principien  für  die 
Naturbeobachtung,  welche  vollständige  Anerkennung  und  selbst 
Bewunderung  verdienen,  stellt  er  zwar  häufig  auf;  aber  es  fehlt  viel, 
dass  er  sie  überall  befolgte. 

Die  anatomischen  Kenntnisse  des  Hippocrates  waren  in  hohem  Grade 
dürftig  und  stüzen  sich  nirgends  auf  die  Beobachtung  einer  geöffneten 
menschlichen  Leiche.  Eben  so  unvollkommen  waren  seine  Vorstellungen 
von  den  Functionen  der  Theile  und  nur  das  Gröbste  davon  war  ihm 
zugänglich. 

Seine  Krankenuntersuchung  berüksichtigt  vorzüglich  den  Stand  der 
Ernährung,  den  Ausdruk  des  Antlizes  und  der  Augen,  die  Coloration, 
die  Lage  und  die  Bewegungen  der  Kranken,  die  Wärme  und  Kälte  der 
Körperoberfläche,  die  Art  des  Athmens,  die  Beschaffenheit  des  Unter- 
leibs, die  Sputa,  das  Erbrechen,  die  Faeces,  den  Urin,  die  Blutaustritte, 
auffallend  wenig,  jedenfalls  nur  in  ganz  untergeordneter  Weise,  den  Puls. 
Die  Untersuchung  ist  eine  durchaus  objective  Exploration,  so  weit  sie 
durch  unbewaffnete  Besichtigung  und  Betastung  zu  erreichen  ist.  Doch 
auch  das  Gehör  wird  benuzt,  und  die  Succussion  der  Brust  ist  eine  von 
Hippocrates  geübte  Methode.  Auch  die  Erkennung  der  mechanischen 
Verhältnisse  verborgener  Organe  ist  ihm  zugänglich :  so  gibt  er  in  mehren 
Fieberfällen,  wahrscheinlich  von  intermittirendem  Typus,  die  eingetretene 
Vergrösserung  der  Milz  und  ihre  Wiederabschwellung  an. 

Ueberall  legt  er  ein  Hauptgewicht  auf  das,  was  der  Arzt  zu  erkennen 
hat,  ohne  dass  es  der  Kranke  ihm  sagt  (de  diäta  acutorum).  Bei  allen 
Zeichen  aber  wird  auf  die  vorangegangenen  und  fortwährenden  äusseren 
und  subjectiven  Einflüsse  die  sorgsamste  Rüksicht  genommen  (Prognosti- 
con  2;  Epidemien  erstes  Buch  10,  und  an  vielen  andern  Stellen). 

Die  Verwerthung  des  Beobachteten  zu  praktischen  Folgerungen  ge- 
schieht bei  Hippocrates  in  mehrfacher  Weise. 

Häufig  werden  einzelne  Zeichen  auf  einen  ganz  speciellen  Zustand 
innerer  Organe  bezogen,  z.  B.  Aphor.  D.  75:  „Wenn  man  Blut  oder 
„Eiter  urinirt,  zeigt  diess  eine  Verschwärung  der  Nieren  oder  der  Blase  an." 

Auch  ist  ihm  die  Symptomatik  einer  nicht  geringen  Anzahl  von  spe- 
ciellen Krankheitsformen  bekannt,  z.  B,  die  Symptomatik  der  Phthisis, 


Hippocrates.  9 

der  Pneumonie,  mancher  Gehirnkrankheiten;  ja  er  kannte  für  einige 
Affectionen  so  bestimmte  Zeichen,  dass  er  dreiste  therapeutische  Eingriffe 
auf  seine  Diagnose  zu  gründen  wagen  durfte,  wie  z.  B.  die  Operation  des 
Empyems  und  des  Leberabscesses.  Aber  freilich  eine  scharfe  Angabe 
der  entscheidenden  Merkmale  bei  Krankheiten,  welche  wegen  grösserer 
Aehnlichkeit  der  Symptome  einer  Verwechslung  sehr  nahe  lagen,  fehlt 
bei  ihm  fast  gänzlich.  Nachdem  er  z.  B.  (Epidemien  drittes  Buch  6) 
angegeben  hat,  dass  die  von  schwerem  Causus  befallenen  fast  die  gleichen 
Symptome  {jtaqavcXiqaLcx)  wie  die  Phrenitischen  darbieten ,  wird  das 
Hauptgewicht  nur  daraufgelegt,  dass  jene  niemals  die  wilde  Raserei  der 
lezteren,  sondern  nur  Prostration  (xavacpog^)  zeigen. 

An  mehren  Stellen  versucht  er  das  Bild  einer  Krankheitsform  im 
Allgemeinen  zu  schildern.  Man  kann  nicht  sagen,  dass  diess  ihm  beson- 
ders gelungen  wäre;  und  es  scheint  bei  ihm  sogar  als  Princip  gegolten 
zu  haben,  alles  das  aus  der  Beschreibung  wegzulassen,  was  auch  ein 
Laie  wissen  und  beobachten  kann.  Dadurch  wird  die  Description  sehr 
unvollständig  und  wir  vermissen  häufig  sehr  wichtige  Zeichen ,  auch 
solche,  welche  ihm  sicher  bereits  zugänglich  waren.  Nicht  nur  wird  die 
Uebersezung  seiner  Diagnose  in  unsere  jezige  Kunstsprache  hierdurch 
zweifelhaft  und  oft  unmöglich;  sondern  wir  erhalten  auch  von  einigen, 
damals,  wie  es  scheint  nicht  seltenen,  heut  zu  Tage  aber  erloschenen 
Krankheitsformen,  die  Hippocrates  zu  beschreiben  unternimmt,  z.  B.  dem 
Causus  (Epid.  III.  6.),  der  scythischen  Krankheit  (de  aere ,  aquis  et  locis) 
lediglich  keine  deutliche  Vorstellung. 

Bei  der  Erzählung  einzelner  Krankheitsfälle  gibt  er  fast  niemals  eine 
Diagnose  an.  Diese  Erzählungen  sind  sehr  unvollkommen.  Die  in  den 
Epidemien  enthaltene  Casuistik,  die  nur  42  Fälle  umfasst,  gibt  uns  kaum 
eine  entfernte  Einsicht  in  sein  praktisches  Verhalten.  Häufig  ist  sogar 
ganz  unmöglich,  die  Form  der  Erkrankung  aus  seiner  Beschreibung  zu 
erkennen,  und  die  Fälle,  die  fast  durchaus  acute  sind,  zeichnen  sich  weder 
durch  prägnanten  Verlauf,  noch  durch  besonders  wichtige  Zufälle  aus, 
noch  stellen  sie  die  hippocratische  Therapie- in  ein  vorteilhaftes  Licht, 
indem  fast  zwei  Drittel  derselben  (25)  tödtlich  verliefen.  Auch  ist  diese 
Casuistik  in  einem  gewissen  Widerspruche  mit  sehr  bestimmt  ausgespro- 
chenen Säzen  an  anderen  Stellen  seiner  Schriften. 

Weit  mehr  als  zur  Bestimmung  der  speciellen  Krankheitsform,  ver-     Prognostische 
wendet  Hippocrates  die  Zeichen  dazu,  ihre  individuelle  Bedeutung  und 
ihren  unmittelbaren  Werth   für   die  Prognose  und  die  Indication  fest- 
zustellen.    Zahlreiche  Säze  in  den  Aphorismen  und  im  Prognosticon  be- 
weisen ,  wie  er  mehr  als  die  Krankheitsform  den  kranken  Menschen  zu 


Verwerthung-  der 
Zeichen. 


10 


Die  Medicin  im  hellenischen  Alterthume. 


Beachtung  der 

Crisis. 


B^aihtnng  der 
Aotiolopie. 


beachten'  sucht  und  wie  er  aus  einzelnen  Wahrnehmungen  dessen  ganze 
Situation  und  dessen  Aussichten  auf  Herstellung,  Verschlimmerung  und 
Tod  rasch  zu  bemessen  verstand;  z.  B.  ..wenn  bei  einem  Fieberkranken 
.,Schweiss  entsteht,  ohne  dass  das  Fieber  fällt,  so  verlängert  sich  die 
„Krankheit"  (Aph.  D.  56.).  „Wenn  in  Fieberkrankheiten  ein  zäher 
„Ueberzug  auf  den  Zähnen  entsteht,  so  wächst  das  Fieber"  (Aph.  D.  53.). 
„Eine  Krankheit,  bei  welcher  der  Schlaf  schlimm  wirkt,  ist  tödtlich;  er- 
leichtert er,  so  ist  sie  nicht  tödtlich"  (Aph.  B.  1.).  „Schlaf  und  Schlaf- 
losigkeit, wenn  sie  das  Maas  überschreiten,  sind  schlecht.  Weder  die 
„Uebersättigung,  noch  der  Heisshunger,  noch  irgend  etwas,  was  die  Natur 
„überschreitet,  ist  gut"  (Aph.  B.  3  und  4.).  „Wenn  ein  Reconvalescent 
„gut  isst  und  nicht  am  Leibe  zunimmt,  so  steht  es  schlecht"  (Aph.  B.  31.). 
„Kälte  des  Kopfes,  der  Hände  und  Füsse  bei  Hize  des  Bauchs  und  der 
„Seiten  ist  schlimm"  (Prognosticon  9.).  „Um  richtig  vorhersagen  zu 
„lernen,  wer  genesen  und  wer  sterben  wird,  bei  wem  die  Krankheit 
„lang,  bei  wem  sie  kurz  dauern  wird,  muss  man  alle  Zeichen  kennen  und 
„ihren  gegenseitigen  Werth  überlegen"  (Prognosticon  25.). 

Ein  grosses  Gewicht  legt  Hippocrates  auf  die  spontane  Entscheidung 
der  Krankheiten ,  zumal  der  fieberhaften ,  auf  die  Erscheinungen ,  welche 
der  Entscheidung  vorangehen  und  welche  sie  begleiten,  und  auf  die  Tage, 
an  welchen  sie  erfolgt.  Die  Krankheiten  durchlaufen  zuerst  eine  Periode 
der  Rohheit  (änsipia.),  sodann  der  Kochung  (nsipic);  endlich  entscheiden 
sie  sich.  Unter  dem  Ausdruke  xpiatg  versteht  er  ebensowohl  die  Ent- 
scheidung selbst,  als  die  sie  begleitenden  und  herbeiführenden  Ausleer- 
ungen. „Wenn  das  Fieber  nicht  am  ungeraden  Tage  aufhört,  so  kehrt 
„es  gern  zurük"  (Aph.  D.  61.).  „Die  günstigsten  Fieber  beendigen  sich 
„in  vier  Tagen  oder  früher,  die  schlimmsten  tödten  in  vier  Tagen  oder 
„früher.  Diess  ist  das  Ende  des  ersten  Angriffs  (e<podog).  Die  weiteren 
„Abschnitte  sind  der  7te,  Ute,  14te,  17te,  20ste  u.  s.  f."  (Prognosticon 
20.).  Nach  Aph.  D.  36.  sind  die  Schweisse  vortheilhaft  am  3.  5.  7.  9. 
11.  14.  17.  21.  27.  31.  und  34.  Tage.  Doch  ist  zu  bemerken,  dass  an 
anderen  Stellen  seiner  Schriften  auch  noch  andere  Tage  als  kritisch  be- 
zeichnet werden,  und  dass  überdem  die  eigenen  hippocratischen  Kranken- 
geschichten mit  jenen  Angaben  nicht  durchaus  übereinstimmen. 

Die  sorgfältigste  Berüksichtigung  finden  bei  Hippocrates  die  äusseren 
Influenzen  und  die  allgemeine  körperliche  Beschaffenheit  der  Kranken. 
„Wer  die  Heilkunde  genau  erforschen  will"  (beginnt  die  Abhandlung  de 
aere,  aquis  et  locis),  „der  muss  folgendermaasen  verfahren:  Zuerst  rauss 
„er  die  Jahreszeiten  erwägen  und  den  Einfluss,  den  jede  derselben  hat. 
„Sodann  hat  er  die  Winde  zu  prüfen  (warme  und  kalte  Winde).     Weiter 


Hippocrates.  1 1 

„ist  es  nöthig,  den  Einfluss  des  Wassers  zu  untersuchen.  Kommt  man 
„also  in  eine  unbekannte  Stadt,  so  wird  man  die  Lage,  die  Beziehung  der 
„Winde,  die  Himmelsrichtung  beachten,  genau  das  Trinkwasser  prüfeu, 
„die  Bodenverhältnisse  untersuchen,  die  Lebensweise  der  Bewohner  in 
„Erfahrung  bringen,  ob  sie  gern  essen,  trinken  und  ruhen,  oder  Leibes- 
„übungen  und  Anstrengungen  lieben  und  nüchtern  leben."  Hippocrates 
verfolgt  alle  diese  Einflüsse  im  genauesten  Detail  (sowohl  in  der  ange- 
führten Abhandlung,  als  in  dem  dritten  Abschnitt  der  Aphorismen),  wo- 
bei jedoch  seine  Angaben  mit  den  in  unsern  Climaten  gemachten  Erfahr- 
ungen vielfach  im  Widersprach  sind. 

Nicht  weniger  als  die  äusseren  Einflüsse  beachtet  er  die  Verhältnisse 
des  Alters,  des  Geschlechts,  der  Schwangerschaft,  der  Temperamente, 
Constitutionen,  die  Gewohnheiten  in  ihrer  Beziehung  zur  Erkrankung  und 
zu  dem  Verlaufe  und  dem  Ausgange  der  Krankheit. 

Sehr  reiche  Kenntnisse  hatte  Hippocrates  ohne  Zweifel  von  trauma-  Chirurgie. 
tischen  Affectionen.  Wenn  es  auch  wahrscheinlich  ist,  dass  die  darüber 
vorhandenen  Aufzeichnungen :  tisqi  twv  §v  xsyaXrj  TQav^idvcov ,  xav 
IrjTQScov ,  neQt  äyfiäjv ,  neqi  ayd-QUiv ,  fioyrXixdq  nicht  von  ihm  selbst 
niedergeschrieben  sind,  so  gehören  sie  wenigstens  zu  den  Schriften  seiner 
nächsten  Schüler,  sind  unter  seinem  unmittelbaren  Einflüsse  entstanden 
und  die  Richtigkeit  vieler  darin  enthaltenen  Säze,  obwohl  zum  Theil 
lange  verkannt,  ist  durch  die  chirurgischen  Beobachter  der  neuesten  Zeit 
bestätigt. 

Die  Therapie  des  Hippocrates  ist  im  Allgemeinen  vorsichtig  und  ver-       Therapie, 
meidet  forcirte  Eingriffe  (Aph.  A.  20.) ,  doch  nach  Umständen  auch  kek 
(Aph.  A.  23.).     Der  Grundsaz  contraria  contrariis  findet  sich  bei  ihm 
(Aph.  B.  22.).     Andererseits  hebt  er  doch  auch  hervor,  dass  Erbrechen 
durch  Brechmittel  curirt  werde. 

Zunächst  sind  die  Bemerkungen  über  das  diätetische  Verhalten  in 
hohem  Grade  fein.  Dasselbe  wird  der  Individualität  angepasst  und  überall 
wird  der  Constitution  und  den  Gewohnheiten  Rechnung  getragen  (Aph. 
A.  3—19.). 

In  acuten  Krankheiten  werden  während  der  Periode  des  Fiebers  und 
der  Entzündung  Nahrungsmittel  gänzlich  ausgeschlossen ,  feste  Speisen 
überhaupt  verworfen.  Dagegen  wird  viel  Getränke  gegeben,  unter  welchem 
die  Tinaävij  (Gerstentrank)  den  Vorzug  erhält,  auch  fxsh'xQ^vov  (Honig- 
wasser) und  dZi'iiisXi  (Gemisch  von  Honig  und  Essig)  häufig  zur  An- 
wendung kommt  (de  diäta  acutorum).  Reines  Wasser  wird  nur  zwischen- 
durch zugelassen ;  dagegen  wird  vom  Wein  selbst  in  acuten  Krankheiten 
unter  Umständen  Gebrauch  gemacht  (ibid.  14.).     Dabei  hebt  er  hervor, 


12  Die  Medicin  im  hellenischen  Alterthume. 

dass  man  überlegen  müsse,  ob  eine  angeordnete  Diät  den  Kranken  bis 
zum  Ende  der  Krankheit  zu  erhalten  vermöge  (Aph.  A.  4.). 

Vielfach  werden  von  Hippocrates  Bäder  benuzt  (de  diäta  acutorum 
18.),  genaue  Vorschriften  dafür  gegeben  und  die  Contraindicationen  der- 
selben sorgfältig  hervorgehoben.  Auch  Clystire  wurden  von  ihm  in 
Gebrauch  gezogen.  Die  Anwendung  der  kalten  und  der  warmen  Um- 
schläge wurde  nicht  versäumt.  Die  Medicamente  wurden  gewöhnlich  in 
flüssiger  Form  gegeben. 

Ueber  die  Anwendung  von  Brech-  und  Laxirmitteln  finden  sich  im 
vierten  Abschnitt  der  Aphorismen  zahlreiche  Regeln  (1 — 20.).  Offenbar 
aber  machte  er  von  diesen  Mitteln  einen  viel  zu  ausgedehnten  Gebrauch 
und  namentlich  das  Laxiren  scheint  fast  in  jedem  schweren  Krankheits- 
fall in  Anwendung  gekommen  zu  sein.  Vielleicht  ist  es  daraus  zu  er- 
klären ,  dass  in  den  meisten  seiner  Krankheitserzählungen  der  diar- 
rhoischen Stühle  Erwähnung  geschieht. 

Zum  Laxiren  bediente  er  sich  einer  grossen  Menge  von  abgekochter 
Eselsmilch,  des  Kohlsafts  mit  Salz  und  Honig,  besonders  aber  auch  der 
unter  dem  Namen  Helleborus  zusammengefassten  Mittel  (wahrscheinlich 
Veratrum  album  und  Helleborus  orientalis) ,  so  wie  der  Euphorbia.  Er 
scheint  dagegen  die  in  der  knidischen  Schule  angewandten  starken  Drastica 
vermieden  zu  haben. 

Ebenso  sind  nicht  alle  Emetica  bekannt,  welche  bei  ihm  in  Gebrauch 
kamen.  Warmes  Wasser,  warmer  Sauerhonig,  Ysop,  Kizeln  des  Schlundes 
waren  die  gewöhnlichen  Mittel;  doch  scheinen  auch  noch  andere  an- 
gewandt worden  zu  sein. 

Als  Diuretica  bediente  er  sich  der  Canthariden,  der  Zwiebeln,  der 
Selleri  und  des  reichlichen  Genusses  von  Honigwasser. 

Opium  scheint  er  nicht  angewandt  zu  haben,  obwohl  die  Bekannt- 
schaft mit  dessen  Wirkung  und  seinem  Gebrauche  zu  seiner  Zeit  schon 
sich  findet. 

Kupfer  diente  als  blutstillendes  Mittel. 

Von  Blutentziehungen  scheint  ein  ziemlich  ergiebiger  Gebrauch  ge- 
macht worden  zu  sein;  doch  finden  sich  die  Angaben  darüber  vorzugs- 
weise in  den  Schriften  von  zweifelhafter  Aechtheit.  Die  Oeffnung  der 
Ader  geschah  wo  möglich  in  der  Nachbarschaft  des  leidenden  Theiles, 
z.  B.  bei  der  Bräune  an  den  Zungenvenen.  Auch  das  Schröpfen  wurde 
vielfach  geübt. 

Auch  eine  Anzahl  chirurgischer  Operationen  wurde  von  Hippocrates 
geübt,  zumal  waren  die  Trepanation  des  Schädels  und  die  Einrichtung  der 
Luxationen  schon  sehr  ausgebildet.     Das  Messer  wurde  vielfach  ange- 


Hippocrates  und  seine  Epigonen. 


13 


wandt;  in  noch  höherem  Ansehen  aber  stand  die  Cauterisation.  Der 
leztere  Aphorismus  lautet :  „Was  Medicamente  nicht  heilen,  heilt  Eisen  ; 
„was  Eisen  nicht  heilt,  heilt  Feuer;  was  Feuer  nicht  heilt,  muss  als  un- 
heilbar bezeichnet  werden." 

Die  Anerkennung  des  Hippocrates  war  nicht  nur  bei  seinen  Zeit-  nie  Anerkennung 
genossen  und  den  nächstfolgenden  Generationen  eine  so  eminente,  dass  bdJ  ^f?t 
er  bereits  von  Plato  als  höchste  medicinische  Autorität  citirt  wird ,  dass  genossen  und 
er  der  Grosse  genannt  wurde,  dass  er  fast  göttliche  Verehrung  fand,  sein  aG*"J&tio7en 
Leben  mit  zahlreichen  Mythen  verherrlicht  wurde;  sondern  in  allen  Zeiten 
galt  der  Ausdruk  hippocratische  Medicin  als  Mittel  der  Empfehlung  und 
als  anzustrebendes  Ziel.  Freilich  ist  darunter  sehr  Mannigfaltiges  ver- 
standen worden,  bald  einfache  Empirie,  bald  humoralpathologische  Grund- 
lage, bald  physiatrische  Teleologie;  bald  war  es  überhaupt  der  Noth- 
schrei  geistig  Abgestorbener  bei  dem  unaufhaltsamen  Vordrängen  der 
Zeiten.  Aber  so  viel  ist  sicher,  dass  Hippocrates  für  alle  Zeiten  ein 
Vorbild  gelassen  hat,  wie  mit  wenig  Mitteln  eine  schlichte,  vorurtheils- 
freie,  von  Hypothesen  sich  freihaltende  Beobachtung  zu  einer  scharfen 
und  vielseitigen  Einsicht  in  die  wesentlichsten  Verhältnisse  der  Kranken 
und  zu  einer  an  Hilfen  reichen  Pflege  derselben  führen  kann.  Dagegen 
ist  der  Versuch  einer  wahrhaften  Rükkehr  zum  Hippocratismus  wenn 
nicht  Heuchelei,  so  doch  gewiss  ein  absurdes,  unmögliches  Unternehmen. 
Sind  einmal  Detailanschauungen  Gemeingut  geworden ,  so  kann  sich  Nie- 
mand mehr  den  aus  ihnen  hervorgehenden  Forderungen  entziehen  und  eine 
vorgeschrittene  und  vielverzweigte  Cultur  kann  niemals  die  naive  Einfach- 
heit ihres  Ursprungs  wiedererlangen. 


Verfall  der  griechischen  Medicin  nach  Hippocrates. 

Nach  Hippocrates'  Tode  trat  eine  grosse  Regsamkeit,  aber  auch  eine  Hippoc 
Umwandlung  in  den  ärztlichen  Beziehungen  ein.  Die  Kasten-  und  Fa-  pie° 
milienmonopole  fingen  an,  rasch  zu  verschwinden;  die  ärztlichen  Ge- 
nossenschaften fielen  aus  einander,  und  in  die  angestammten  Traditionen 
der  Localschulen  drangen  fremdartige  Elemente  ein.  Die  Heilkundigen 
Hessen  den  mönchsartigen  Verband  ihrer  Tempel  im  Stich  und  begannen 
die  Schulen  der  Philosophen  zu  frequentiren.  Sie  entsagten  nicht  weniger 
dem  unsteten  Wanderleben  und  Hessen  sich,  nachdem  Republiken  und 
Demokratien  der  Fürstenherrschaft  und  den  Satrapien  zu  weichen  an- 
fingen, bereitwillig  an  Höfen  und  bei  den  Grossen  fixiren;  oder  sie  ver- 
teilten sich  in  freier  Praxis  in  den  Städten.  Die  Heilkunde  verlor  da- 
durch den  Nimbus  der  priesterlichen  Unnahbarkeit ;  aber  sie  drang  dafür 


rate» 
nen. 


14  Die  Medicin  im  hellenischen  Alterthume. 

als  eine  profane  Wissenschaft  in  die  Volksmassen  ein  und  war  willkommen 
und  unentbehrlich  den  Mächtigen  und  Fürsten.  Hatte  dabei  auch  da 
und  dort  ein  Arzt  für  eine  misslungene  Cur  an  Leib  und  Leben  zu  büssen, 
so  waren  solchen  Gefahren  die  Höchsten  neben  dem  Throne  nicht  weniger 
ausgesezt.  An  den  Höfen  der  orientalischen  Fürsten  so  gut  als  bei 
Alexander  und  seinen  Nachfolgern  wurden  die  Aerzte  einflussreiche  und 
hochangesehene  Persönlichkeiten ,  und  die  Fürsten  wraren  nicht  nur  ihre 
Freunde  und  Gönner,  sondern  Manche  achteten  sich  nicht  zu  hoch,  ihre 
Schüler  zu  werden  und  an  ihren  Untersuchungen  Theil  zu  nehmen. 

Aus  dem  Verkehr  mit  den  Mächtigsten  und  Reichsten  aber  entsprang 
für  die  Aerzte  nicht  nur  die  Gelegenheit,  sondern  auch  der  Geschmak  für 
Luxus  undUeppigkeit;  und  bald  war  an  die  Stelle  der  behaglich  lebenden, 
aber  in  geistiger  und  leiblicher  Beschränktheit  sich  bescheidenden  Prie- 
sterfamilien der  Aesculapstempel  ein  Stand  getreten,  dessen  Glieder 
Ruhm  und  Reichthum  zum  Ziel  ihrer  Laufbahn  sich  sezen  durften ,  die 
aber  auch  als  Mittel  zu  diesem  Ziele  sowohl,  wie  als  Bedürfniss  in  der 
errungenen  glänzenden  socialen  Stellung  die  feinste  und  umfassendste 
Bildung  anzusehen  sich  gewöhnten. 
Theoretische  Die  schlichte  Naturbeobachtung  entsprach  dieser  veränderten  Situation 

nicht  mehr.  Man  bedurfte  Philosophie ,  encyclopädische  Kenntnisse, 
Dialectik,  Rhetorik,  Gewandtheit  in  Sprache  und  Umgang,  um  aus  der 
Masse  sich  emporzuheben.  Man  musste  Neues  bringen,  um  sich  in  An- 
sehen zu  sezen  und  darin  zu  erhalten ,  und  hatte  man  keine  neuen  That- 
sachen,  so  erreichte  man  noch  besser  den  Zwek  mit  neuen  Worten  und 
Wendungen,  mit  blendenden  Ideen  und  Hypothesen.  Solche  werden,  so 
lange  mit  ihnen  der  Zeitgeschmak  harmonirt,  als  geistreich  bewundert; 
wenn  der  Geschmak  sich  verändert,  findet  man  sie  albern  und  ungeniess- 
bar.  Eine  speculative  Haltung  und  der  Anschluss  an  eine  der  philosoph- 
ischen Schulen,  deren  Discussionen  und  Partheiungen  damals  alles,  was 
geistige  Bedürfnisse  empfand,  in  Bewegung  sezte,  Hess  erkennen,  dass 
man  auf  der  Höhe  seiner  Zeit  stehe,  und  vermochte  auch  einer  medicin- 
ischen  Doctrin  Relief  zu  geben. 

So  musste  sich  nach  Hippocrates  Tode  der  Sinn  für  einfache  unbe- 
fangene Naturbeobachtung  rasch  verlieren.  Zwar  die  Weisheit  seiner  Säze 
blieb  noch  geraume  Zeit  ein  Gegenstand  der  Bewunderung  und  von  dem 
Kreise  seiner  nächsten  Angehörigen  ward  seine  Art  und  Anschauung  fort- 
während als  Muster  geachtet.  Aber  wenn  wir  sehen,  wie  trozdem  schon 
bei  seinen  Söhnen  und  nächsten  Schülern  theoretische  Vorstellungen 
maasgebend  wurden,  so  erscheint  die  Verehrung  des  Meisters  und  die 
principielle  Festhaltung  an  seiner  Methode  mehr    als  ein  Ausfluss  der 


Tendenzen. 


Der  Verfall  der  griechischen  Medicin.  15 

Pietät,  oder  bei  Einzelnen  selbst  als  wenn   auch  nicht  völlig  bewusste 
und  vielleicht  nur  instinctive  Berechnung. 

Bei  den  nächsten  Nachfolgern  des  Hippocrates  war  die  Theorie  noch 
schüchtern.  Man  suchte  nur  der  gerechtfertigt  erscheinenden  Forderung 
zu  entsprechen,  die  Thatsachen  zu  erklären,  benuzte  dazu  die  bei  Hippo- 
crates selbst  sich  vorfindenden,  aber  von  ihm  nicht  weiter  accentuirten 
Vorstellungen,  schmükte  sie  etwas  aus  und  vervollständigte  sie,  wo  sie 
nicht  ausreichten ,  nach  eigenem  Gutdünken.  Es  ist  jener  primitiven 
Periode  des  medicinischen  Nachdenkens  um  so  weniger  zu  verargen,  wenn 
sie  an  der  Klippe  scheiterte ,  welche  durch  alle  Jahrhunderte  hindurch 
zahlreiche  Talente  zugrunderichtete,  wenn  sie,  statt  einen  factischen 
Besiz^  nur  als  Ausgangspunkt  für  weitere  factische  Eroberungen  zu  be- 
nuzen, sich  Speculatiouen  über  diesen  Besiz  hingab,  wenn  sie  glaubte,  die 
Thatsachen  durch  willkürliche  Deutung  sichern  und  die  vermeintlich  todte 
Empirie  durch  Hypothesen  begeistigen  zu  können.  Die  Resignation,  das 
Factische  auch  da  anzuerkennen,  wo  es  unermittelt  und  imbegriffen  bleibt, 
wird  überall  erst  nach  theoretischen  Enttäuschungen  gewonnen,  und  die 
Bereitschaft  von  Gründen  und  Erklärungen  für  alles  Geschehen  ist  stets 
das  Merkmal  des  Dilettantismus  und  der  ersten  Denkversuche  in  den 
Wissenschaften  gewesen. 

Aber  die  Bahn  der  Hypothesen  ist  eine  abschüssige.  Sind  die  ersten 
harmlosen  Schritte  gethan,  so  fällt  die  Umkehr  schwer  und  sie  wird  immer 
unmöglicher,  je  weiter  man  vorgerükt  ist.  Die  leichten  Erfolge,  welche 
zu  gewinnen  sind,  überraschen  und  entzüken  zugleich;  denn  man  ver- 
gisst,  wie  geringe  Anforderungen  man  an  sich  gestellt  hat.  Sie  ver- 
führen zur  Selbstüberschäzung  und  zur  Selbstbewunderung.  Bald  fängt 
man  an,  sich  das  Monopol  des  rationellen  Verfahrens  zu  vindiciren  und 
sich  erhaben  über  Diejenigen  zu  dünken ,  welche  darauf  verzichten ,  die 
straffe  Logik  der  Thatsachen  mit  „Gedanken"  zu  befirnissen.  So  haben 
auch  jene  Rationalisten  (Xoyixoi)  des  Alterthums  von  der  Werthlosigkeit 
ihrer  Phantasien ,  die  ihr  Stolz  waren ,  und  von  der  Verderbniss ,  mit  der 
sie  die  kaum  gewonnenen  Wahrheiten  inficirten,  lediglich  keine  Ahnung 
gehabt. 

Der  Sohn  des  Hippocrates,  The  ssalus,  Leibarzt  des  Königs  Archelaus,  Thessaius,  Draco 
gehörte  zu  diesen  philosophischen  Schöngeistern.  Sein  Bruder,  Draco,  und  Polyb' 
Leibarzt  der  Königin  Roxane,  scheint  ein  schlichterer  Practiker  gewesen 
zu  sein.  Der  Schwiegersohn  des  Hippocrates,  Polybus,  welchem  viele 
der  unächten  Schriften  desselben  zugeschrieben  worden,  wirkte  ohne 
Zweifel  vorzugsweise  als  Lehrer.  Mehre  Enkel  des  Hippocrates  scheinen 
derselben  Richtung  gefolgt  zu  sein. 


16  Die  Medicin  im  hellenischen  Alterthume. 

puto  und  die  Die  Philosophie  des  Tages,  die  platonische  Academie,  trug  we- 


Academie. 


sentlich  dazu  bei,  die  idealistische  Richtung  zu  steigern  und  den  Zusam- 
menhang der  immer  sublimer  werdenden  Theorien  mit  dem  Boden  der 
Erfahrung  zu  lokern.  Plato  selbst  hat  (vornemlich  in  Timäus)  physio- 
logische und  medicinische  Objecte  in  einer  mehr  poetischen,  als  philosoph- 
ischen Weise  behandelt. 

Es  findet  sich  bei  ihm  die  erste  Idee  einer  Autonomie  der  Krankheit, 
d.  h.  derjenigen  Anschauungsweise,  welche  die  Krankheit  nicht  als  eine 
Reihe  von  Erscheinungen  und  körperlicher  Zustände,  sondern  als  etwas 
für  sich  Existirendes,  am  Körper  Haftendes  auffasst. 

Zugleich  aber  hat  er  in  einer  maaslosen  Weise  die  Verhältnisse 
im  Körper  aprioristisch  oder  nach  den  dürftigsten  Kenntnissen  •  um- 
ständlich auseinandergesezt  und  den  umfassendsten  Anfang  zu  einer 
imaginären  Naturlehre  gemacht.  Er  gab  eines  der  ersten  Beispiele 
jenes  dilettantenhaften  Raisonirens  über  factische  Gegenstände,  welches 
so  viele  Philosophen  in  Betreff  der  realen  Wissenschaften  nicht  zu  unter- 
drüken  vermögen. 

Die  dogmat-  Die  Aerzte  jener  Zeit  widerstanden  dem  Impulse,  der  von  den  grossen 

ische  schule,  Philosophen  ausging,  nicht,  sondern  folgten  mit  Begierde  der  neuen  glän- 
zenden Bahn  und  überstürzten  sich  auf  ihr.  So  bildete  sich  unter  dem 
Einflüsse  der  Academie  eine  Schule  von  Theoretikern,  welche  man  die 
dogmatische  genannt  hat.  Der  Materie  wurde  allenthalben  etwas  von 
ihr  verschiedenes  und  doch  wieder  ihr  inneres  Wesen  und  ihre  Gestaltung 
bedingendes  Geistiges  (jivevfice)  als  Kern  und  Kraft  untergelegt.  Die 
Physiologie  und  Pathologie  wird  dabei  wesentlich  auf  die  theils  wirklich 
vorhandenen,  theils  supponirten  Säfte  gegründet ,  welche  Praxago ras 
bis  auf  11  (süsse,  homogene,  glasige,  saure,  salpetrige,  salzige,  bittere, 
grüne,  gelbe,  krazende  und  verstokte)  brachte.  Nach  allen  Seiten  über- 
bot man  sich  in  Spizfindigkeiten,  in  welchen  vornemlich  Prodicus  ex- 
cellirte.  Man  legte  grosses  Gewicht  auf  die  pythagoreische  Siebenzahl- 
lehre, welche  auch  auf  die  gesammte  menschliche  Entwiklung  angewandt 
wurde  (Diocles  von  Karystos)  und  versuchte  sich  selbst  schon  in  noso- 
logischer Classification  (Mnesitheos). 

Doch  sind  auch  einige  reelle  Fortschritte  aus  dieser  Periode  zu  be- 
merken. Diocles  zergliederte  Thierleichen  und  stellte  Untersuchungen 
über  das  bebrütete  Ei  an;  Praxagoras,  welcher  das  Gehirn  noch  als  einen 
werthlosen  Anhang  des  Rükenmarks  ansah ,  unterschied  dagegen  zum 
ersten  Male  Venen  und  Arterien,  leztere  als  lufthaltige  Gefässe,  so  wie 
die  Nerven. 


Dogmatiker.     Aristoteles.  17 

In  Betreff  der  Krankheiten  gehören  besonders  dem  Diocles  einige 
gute  Bemerkungen  an;  er  fasste  die  Idee  der  symptomatischen  Natur 
des  Fiebers,  unterschied  den  Ascites  von  der  Hautwassersucht  (Hypo- 
sarca)  und  leitete  jenen  theils  von  der  Leber,  theils  von  der  Milz  ab; 
er  erkannte  die  Gefährlichkeit  des  Fiebers  bei  Gelbsucht ,  die  Wider- 
natürlichkeit  des  Schweisses.  Ueberhaupt  hielt  er  sich  noch  von  allen 
Dogm atikern  am  meisten  an  die  Erfahrung  und  warnte  vor  der  Sucht, 
alles  zu  erklären. 

In  der  Therapie  waren  die  Neuerungen  unter  den  Hippocratischen 
Epigonen  besonders  beliebt  und  wurde  gegen  die  alten  Säze  vielfach 
polemisirt.  Diocles  war  auch  hierin  noch  der  Gemässigtste  und  hielt  viel 
von  einer  sorgfältigen  Diätetik.  Praxagoras  beschränkte  den  Gebrauch 
der  Venäsection  und  verwarf  sie  bei  Pneumonie  nach  dem  5.  Tage  ganz, 
legte  aber  grossen  Werth  auf  Emetica.  Chrysipp  von  Knidos  bekämpft 
am  meisten  die  hippocratische  Therapie ,  verbannt  Venäsection  und  Ab- 
führmittel gänzlich,  lässt  die  Kranken  hungern  und  klystiren,  findet  da- 
gegen grossen  Nuzen  von  dem  Gebrauche  des  Kohls. 

Die  Aufzeichnungen  der  hippocratischen  Epigonen  sind,  so  weit  sie 
nicht  unter  dem  Namen  des  Meisters  erschienen  (wie  die  seiner  Söhne 
und  seines  Schwiegersohns),  verloren  gegangen.  Wir  kennen  ihre  An- 
sichten und  Lehren  nur  aus  secundären  Quellen ,  aus  Plinius ,  Celsus, 
namentlich  aber  aus  Galen,  Caelius  Aurelianus  und  Oribasius.  Es  ist 
jedoch  alle  Wahrscheinlichkeit  dafür,  dass  der  Verlust  ihrer  Schriften 
nicht  hoch  anzuschlagen  ist. 

Neben  der  dogmatischen  Schule  erhob  sich  in  kurzer  Zeit  eine  an 
Ansehen  und  an  Verdiensten  rasch  wachsende  Rivalin,  brachte  jene  nicht 
nur  um  die  Alleinherrschaft,  sondern  wusste  selbst  das  Uebergewicht  über 
sie  zu  erlangen. 

Aristoteles,  geboren  384,  hatte  20  Jahre  lang  der  Academie  angehört,    Aristoteles, 
als  er  343  als  Lehrer  Alexanders  vom  König  Philipp  nach  Macedonien 
berufen   wurde.      Von  da  kehrte  er  335  mit  einer  selbständigen  Lehre 
nach  Athen  zurük,  trug  sie  im  Lykeion  vor  und  wurde  der  Stifter  der 
peripatetischen  Schule,  die  er  bis  zu  seinem  Tode  (322)  leitete. 

Die  Aristotelische  Philosophie  hat  nicht  nur  die  nachfolgenden  griech- 
ischen Medicinschulen  geleitet,  sondern  ihre  Grundsäze,  wenn  auch  viel- 
fach carrikirt,  behielten  die  Herrschaft  durch  das  ganze  Alterthum  und 
Mittelalter  fast  2000  Jahre  lang;  denn  erst  mitBaco  hat  die  entschiedene 
Zurükweisung  der  aristotelischen  Lehre  als  Grundlage  der  Empirie 
begonnen. 

Wunderlich,  Geschichte  d.  Median.  2 


]8  Die  Medicin  im  hellenischen  Alterthmne. 

Vor  allem  contrastirt  Aristoteles  gegen  Plato  durch  die  Nüchternheit 
seines  Denkens  und  seiner  Sprache.  Nirgends  findet  sich  bei  ihm  seines 
Lehrers  und  Vorgängers  poetischer  Schwung  und  dessen  erhabener,  aber 
ungezügelter  Gedankenflug.  Er  selbst  tritt  polemisch  der  platonischen 
Idealistik  entgegen  und  zeigt,  dass  Plato's  Ideale  nichts  als  potenzirte 
Naturdinge  seien,  daher  eine  überflüssige  Tautologie,  die  falsche 
Vorstellungen  hervorruft  und  für  die  Erklärung  des  Existirenden 
unfruchtbar  sei. 

Aristoteles  richtet  den  Blik  mit  Vorliebe  auf  die  Mannigfaltigkeit  der 
Erscheinung  und  will  durch  allseitiges  Beachten  des  Existirenden  und 
Realen  eine  allgemeine,  alles  Wissen  umfassende  Wissenschaft  gründen. 
Er  ist  Encyclopädist  im  weitesten  Sinne  und  es  hat  niemals ,  so  lange 
Wissenschaft  getrieben  wird,  einen  so  vielseitigen  Forscher,  einen  in  allen 
Gebieten  des  Wissens  so  selbständigen  Denker  gegeben  wie  ihn. 

Dessenungeachtet  aber  hat  er  den  Verband  der  einzelnen  Wissens- 
gebiete nicht  herzustellen  vermocht.  Diese  fallen  bei  ihm  gegen  seine 
Absicht  aus  einander.  Er  hat  überhaupt  nichts  näher  ausgeführt,  mehr 
nur  Entwürfe  gegeben;  es  fehlte  ihm  an  Consequenz  der  Anschauung, 
an  einem  wirklich  leitenden  Principe.  Seine  Wissenschaft  besteht  mehr 
nur  in  einem  Raisoniren  über  die  verschiedensten  Gegenstände,  und  die 
Zusammenhanglosigkeit  erschwert  oft  die  Einsicht,  wie  dasselbe  gemeint 
sei.  Daher  waren  allenthalben  Missverständnisse  nahe  gelegt  und  be- 
liebige Deutungen  seiner  Lehren  ermöglicht. 

Er  geht  zwar  überall  von  dem  Empirischen,  Thatsächlichen  aus  und 
knüpft  seine  Speculation  an  dasselbe  an.  Es  ist  von  grosser  Wichtigkeit 
und  bedeutendem  Verdienst,  dass  er  der  logischen  Operationen  bei  seinem 
Nachdenken  sich  bewusst  zu  werden  sucht,  dass  seine  Schlüsse  häufig 
auf  die  Form  eines  zweifelnden  Ueberlegens  sich  beschränken  und  dass 
er  sich  mit  der  Erreichung  von  Wahrscheinlichkeitserkenntnissen  begnügt. 
Die  Methode  seines  Nachdenkens  ist  principiell  die  Induction,  d.  h.  die 
Ableitung  allgemeiner  Säze  von  gegebenen  Thatsachen. 

Aber  seine  Erfahrung  ist  eine  dürftige,  seine  Logik  eine  formelle 
Sophistik,  seine  Wahrscheinlichkeitslehre  eine  Aufforderung  zu  frucht- 
losen Wortgefechten  und  seine  Induction  eine  Täuschung. 

Wohl  hat  er  zahlreiche  Naturgegenstände  betrachtet ;  wohl  hat  er 
viele  vor  ihm  nicht  beachtete  Dinge  bemerkt.  Er  hatte  in  der  Botanik 
und  Zoologie  nicht  unbedeutende  Kenntnisse.  Er  hat  Thiere  in  grosser 
Zahl  zergliedert,  dadurch  manche  Anschauungen  in  der  Anatomie  ge- 
wonnen ,  auch  hat  er  einige  Monstrositäten  beschrieben.     Allein  seine 


Aristoteles.  J9 

Erfahrung  besteht  nur  in  Aufzählung  von  Einzelheiten ,  er  hat  für  das 
Wesentliche  und  Zufällige  noch  keinen  Sinn.  Er  beschreibt  ohne  Ein- 
sicht das  Gesehene ,  oder  aber  er  abstrahirt  aus  einer  oder  wenigen 
Erfahrungen  die  allgemeinsten  Geseze. 

Seine  Logik  hat  in  formaler  Hinsicht  eine  fast  vollendete  Ausbildung: 
so  dass  selbst  Kant  erklärte,  die  Logik  habe  seit  Aristoteles  keinen 
Schritt  vorwärts  und  keinen  rükwärts  gethan.  Die  Denkoperationen  sind 
auf's  genaueste  analysirt;  aber  der  Inhalt  sind  leere,  nicht  weiter  unter- 
suchte Begriffe.  Er  führt  diese  auf  10  Ca^egorien,  d.  h.  Grundbegriffe 
des  menschlichen  Vertandes,  zurük,  an  denen  das  Denken  ende:  Einzel- 
substanz (ovafu) ,  Grösse  (noaov) ,  Beschaffenheit  (noiov),  Verhältniss 
(nqoa  vi),  Ort  {nov),  Zeit  (nove),  Lage  (xeTaSui),  Haben  (e/e«v),  Thun 
(noieiv)  und  Leiden  (naoyuv).  Er  glaubt  mit  einer  wörtlichen  De- 
finition das  Wesen  der  Dinge  zu  erklären  und  täuscht,  indem  er  mit 
leeren  Formeln  den  Mangel  an  Inhalt  dekt. 

Er  hat  dadurch  der  Sophistik ,  der  Logomachie ,  gegen  die  er  fort- 
während ankämpfte,  nur  neue  Nahrung  gegeben  und  hat  selbst  dazu  bei- 
getragen, dass  das  Spiel  mit  Worten,  welches  die  Sachen  vergessen  lässt, 
auf  die  Spize  getrieben  wurde.  So  ordnend  die  strenge  Form  seiner 
Logik  hätte  wirken  können  und  so  verlokend  die  Klarheit  und  Bündigkeit 
derselben  erscheinen  musste,  so  konnte,  wenn  die  Form  ohne  Inhalt  blieb 
oder  über  diesen  gesezt  wurde ,  die  Erstarrung  in  den  todten  Begriffen 
nicht  ausbleiben. 

An  zwei  gegensäzlichen  Begriffen,  die  von  Aristoteles  stammen,  zeigte 
sich  am  anschaulichsten  die  Gefahr  des  Begriffunwesens. 

Der  eine  Gegensaz  ist  Stoff  und  Form  (vkrj  und  siSog),  von  ihm  selbst 
schon  zu  spizfindigen  Speculationen  ausgebeutet,  aber  noch  mehr  für  die 
ganze  Folgezeit  von  tödtendem  Einfluss. 

Der  andere  Gegensaz  ist  dvva[iig  (Potenzialität)  und  ive^ysia  (Actu- 
alität),  jenes  die  Möglichkeit  der  Form,  lezteres- die  Wirklichkeit  der- 
selben: das  Samenkorn  ist  potentiell  der  Baum,  actuell  wird  es  erst  der 
ausgewachsene  Baum.  Die  spätere  Folgezeit  hat  mit  diesem  an  sich 
unverfänglich  scheinenden  Begriffen  den  sinnlosesten  und  unnüzesten 
Unfug  getrieben. 

Nicht  wenig  wird  der  Werth  seiner  Logik  geschmälert  durch  das  Ver- 
trauen, welches  er  auf  formell  richtig  scheinende  Schlüsse  sezt.  So  baut 
er  Syllogismen  auf  Syllogismen ,  ohne  die  Gegenprobe  ihrer  Richtigkeit 
in  der  realen  Beobachtung  zu  suchen  und  gelangt  auf  rein  theoretischem 
Wege    mit   einem  Schein    von  Recht   zu  jeder   beliebigen  Behauptung. 

2* 


20  Die  Medicin  im  hellenischen  Alterthume. 

Dieselben  Vorwürfe,  welche  er  den  Sophisten  machte,  treffen  seine  eigene 
Methode,  und  seine  Logik  dient  weniger  dazu,  die  Wahrheit  zu  suchen, 
als  vielmehr  zur  Befestigung  des  Irrthumes:  sie  war  nicht  bloss  nuzlos, 
sondern  sie  wirkte  schädlich. 

Seine  Lehre  von  der  Erkenntniss  der  Wahrscheinlichkeiten  (Dialectik), 
die  er  bei  allen  wissenschaftlichen  Untersuchungen  mit  einzigem  Aus- 
schluss der  mathematischen  Gegenstände,  welche  die  apodictische  Me- 
thode zulassen ,  angewandt  wissen  will ,  war  ein  wohlthätiger  Gegensaz 
gegen  die  absprechende  Kühnheit,  wie  sie  in  der  Academie  und  den  frü- 
heren philosophischen  Schulen  herrschte.  Aber  indem  er  in  der  Abwägung 
der  Gründe  und  Gegengründe  ihre  Behandlung  feststellte,  wurde  ein  end- 
loses und  pedantisches  Disputirsystem  eingeführt,  welches  bei  seinen 
Nachfolgern  in  das  abgeschmakteste ,  spizfindigste  Spiel  mit  Einwürfen 
und  Syllogismen,  mit  Thesen  und  Antithesen,  ausartete. 

Aber  auch  seine  Induction  ist  keine  wahre ,  sondern  eine  Täuschung. 
Er  schreitet  nicht  stufenweise  von  Beweis  zu  Beweis ,  sondern  er  über- 
springt die  Mittelglieder  und  greift,  ohne  die  Kette  des  ursächlichen  Zu- 
sammenhangs untersucht  zu  haben,  sofort  nach  der  obersten  und  lezten 
Ursache.  Metaphysische  Vorstellungen  leiten  und  beherrschen  überall 
seine  Naturerklärungen ;  vorgefasste ,  halbwahre  Säze  nöthigen  ihn  zu 
den  unrichtigsten  Deutungen  des  Empirischen  und  in  seinen  Schlussfol- 
gerungen gelangt  er  selbst  zu  den  grössten  Ungereimtheiten.  Da  z.  B. 
für  ihn  der  Mensch  und  zwar  der  ausgewachsene  männliche  Mensch  die 
vollendete  Form  ist,  so  sind  alle  übrigen  Naturdinge  nur  missglükte  Ver- 
suche, einen  männlichen  Menschen  hervorzubringen.  Jedes  weibliche 
Wesen  ist  ihm  gleich  einer  Missgeburt,  daher  stammend,  dass  der  er- 
zeugende Mann  als  das  formende  Princip  nicht  Kraft  genug  besass ,  ein 
männliches  hervorzubringen;  so  sind  alleThiere  und  Pflanzen  zwergartige, 
entartete  und  misslungene  Creaturen  der  ohne  rechtes  Bewusstsein  und 
ohne  klare  Einsicht  arbeitenden  Natur. 

Ganz  besonders  wird  seine  Induction  verdorben  durch  seine  durchaus 
teleologischen  Voraussezungen.  Die  Gefahr  und  der  Schaden  der  Teleo- 
logie  liegt  nicht  darin,  dass  man  über  das  Ziel  der  Thätigkeiten  der 
Naturkörper  Untersuchungen  anstellt  und  dass  man  das  organische  In- 
einandergreifen dieser  Ziele  bewundert,  sondern  darin,  dass  man  sich  von 
irgend  einer  Seite  her,  nur  nicht  von  der  strengen  und  methodischen 
Erfahrung,  das  Vorhandensein  eines  bestimmten  Zwekes  bei  einem  natür- 
lichen Geschehen  aufnöthigen  lässt,  und  von  dem  Gesichtspunkte  dieser 
Annahme  aus  das  Geschehene  und  seine  Beziehungen  betrachtet. 


Peripatetiker.     Alexandriner. 


21 


Aristoteles' 

Einfluss  auf  die 

Medicin. 


Aristotelische 
Schule. 


Obwohl  von  Aristoteles  die  eigentliche  Pathologie  nicht  bearbeitet 
wurde,  so  finden  sich  doch  manche  Hinweisungen  auf  dieselbe. 

Die  Elementarqualitäten  und  dasPneuma  verschwanden  in  der«aristo- 
telischen  Anschauung  und  ein  logischer  Formalismus,  nach  welchem  die 
Krankheit  durch  das  einfache  Verhältniss  vom  Plus  und  Minus,  von 
Uebermaass  und  Mangel  zustandekoramt,  griff  Plaz.  Das  Blut  und  die 
Säfte ,  in  der  dogmatischen  Schule  identificirt  mit  den  Krankheiten ,  er- 
scheinen in  der  aristotelischen  Lehre  nur  als  Ursachen,  Veranlassungen 
für  Krankheiten. 

Mehr  noch  als  durch  solche  Einzelheiten  hat  A.  durch  seine  realistische 
Richtung,  durch  seine  Grundsäze  über  Skepsis,  durch  sein  Hinweisen  auf 
die  Erfahrung  als  einzig  sichere  Grundlage  für  die  Erkenntniss  auf  die 
Aerzte  einen  nüzlichen  Einfluss  geübt,  während  andererseits  sein  strenger 
Formalismus  in  der  Dialectik  zwar  die  Ausgelassenheit  der  Gedanken 
bändigte ,  aber  dem  Wortmachen  und  den  leeren  Streitigkeiten  den 
grössten  Vorschub  gethan  hat. 

Seine  Schüler  waren  grösstentheils  tüchtige  Männer,  berühmte  Prakt- 
iker und  mit  reellen  Kenntnissen  wohl  ausgerüstet  (Kallisthenes,  Deka- 
karchos,  Aristoxenos,  Primigenes).  Der  bedeutendste  unter  ihnen  war 
aber  Theophrastus,  einer  der  grössten  Gelehrten  des  Alterthums,  der 
nach  Aristoteles  das  Haupt  der  peripatetischen  Philosophenschule  wurde 
und  bis  288  lebte.  Er  war  nicht  nur  als  Mathematiker  ausgezeichnet 
und  begründete  die  descriptive  Botanik;  sondern  seine  medicinischen  Un- 
tersuchungen über  den  Schweiss ,  die  Gerüche  und  das  Eindringen  der 
Riechstoffe  in  den  Körper,  über  Ohnmacht  und  Schwindel,  über  Lähm- 
ungen hatten  eine  hohe  Geltung.  Jedoch  sind  von  ihnen  nur  verstümmelte 
Fragmente  auf  uns  gekommen.  Auch  sein  Schüler  und  Nachfolger  in  der 
Leitung  der  peripatetischen  Schule,  Strato,  der  Physiker,  war  der  Ver- 
fasser von  zahlreichen  Arbeiten ,  von  denen  aber  nur  die  Titel  über- 
geblieben sind. 

In  Aegypten  herrschte  seit  Alexander  des  Grossen  Tod  (323)  Pto-  Aiexandrin-. 
lemaeusl.,  welcher  wie  sein  Sohn  und  Enkel  den  Wissenschaften  den  um-  ische  Schnle- 
fassendsten  Schuz  und  die  reichsten  Mittel  zukommen  Hess,  und  dadurch 
Gelehrte  und  Forscher  aller  Art  nach  seiner  Hauptstadt  Alexandria  und 
an  deren  bald  hochberühmte  Universität  (Museum)  lokte.  Hierdurch 
entstand  eine  zweite  unter  dem  Namen  der  alexandrinischen  Wissen- 
schaft bekannte  Blüthenperiode  der  hellenischen  Cultur. 

Auch  die  Medicin  nahm  daran  Theil.  Hippocrates'  Schriften  wurden 
eifrigst  gesammelt,  aber  auch  unächte  untergeschoben  und  die  ächten 


22  Die  Medicin  im  hellenischen  Alterthume. 

verfälscht.  Zwei  am  Schluss  des  vierten  Jahrhunderts  v.  Chr.  lebende 
Aerzte  aber  brachten  die  alexandrinische  Schule  durch  ihre  selbständigen 
Lehren  zu  hohem  Ansehen. 

Herophiius.  Herophilus,  Schüler  des  Praxagoras  und  dadurch  der  dogmatischen 

Schule ,  zeichnete  sich  durch  anatomische  Untersuchungen  an  mensch- 
lichen Leichen  aus ,  förderte  die  Anatomie  des  Auges ,  des  Gehirns, 
entdekte  die  Nebenhoden,  die  Lungenarterie,  benannte  den  Zwölffinger- 
darm. Auch  hat  er  noch  in  zwei  Beziehungen  eine  hohe  Bedeutung.  Er  ist 
nämlich  der  Gründer  der  Pulslehre  {tteqI  rd^scog,  dza^Cag  6[ioioTi]T6g  re 
xul  avoofiakCag) ,  während  vor  ihm  der  Arterienpuls  gar  nicht  oder  kaum 
beachtet  worden  war.  Zweitens  hat  er  der  medicamentösen  Therapie 
wesentlich  Vorschub  gethan.  Er  glaubte,  alle  Krankheiten  werden  durch 
bestimmte  Arzneimittel  geheilt  und  wo  man  eine  Krankheit  nicht  heilen 
könne,  sei  nur  das  rechte  Kraut  nicht  gefunden :  es  ist  diess  der  Anfang 
der  Lehre  von  der  specifischen  Wirkung  der  Medicamente. 
Herophiieer.  Seine  Schule  kam  erst  nach  seinem  Tode  zu  Ansehen.     Jedoch  nur 

Eudemus  (290)  zeichnete  sich  als  Anatom  aus.  Dann  gab  die  Schule 
die  anatomische  Richtung  ganz  auf,  war  sehr  doctrinenreich  und  wendete 
sich  mit  Vorliebe  derPharmacologie  zu,  welche  durch  sie  zu  einer  grossen 
Entwiklung  gelangte  und  wobei  bereits  zahlreiche  und  verwikelte  Com- 
posita  in  Gebrauch  kamen;  ausserdem  commentirte  und  critisirte  man 
den  Hippocrates.  Später  (gegen  den  Anfang  unserer  Zeitrechnung)  siedelte 
die  Schule  nach  Laodikea  über  und  verlor  sich  in  der  Neronischen  Zeit. 

Erasistratus.  Noch  grössere  Berühmtheit  erlangte  der  andere  Zeitgenosse:  Erasi- 

stratus  aus  Chrysipp's  und  Aristoteles'  Schule.  Auch  er  machte  zahlreiche 
Sectionen  an  menschlichen  Leichnamen,  denen  selbst  der  König  und  Hof 
assistirt  haben  soll ;  auch  Vivisectionen  an  Verbrechern  sollen  ihm  gestattet 
worden  sein.  Dadurch  förderte  er  nicht  nur  seine  anatomischen  An- 
schauungen überhaupt,  verbesserte  die  Kenntnisse  vom  Gehirn,  Herzen, 
entdekte  die  Milchgefässe  des  Gekröses,  sondern  er  machte  sogar  schon 
einen  Anfang  von  pathologischer  Anatomie.  Das  Vorurtheil ,  dass  die 
Arterien  lufthaltig  seien,  war  die  Grundlage  seiner  Pathologie.  Er  wollte 
nichts  von  den  Säften  der  Dogmatiker  wissen,  sondern  die  Krankheiten 
entstanden  für  ihn  nur  aus  einem  Missverhältniss  von  Blut  und  Pneuma 
oder  von  einer  Verirrung  derselben  an  unrechte  Orte  {naQs/nntcoaig,  error 
loci).  Als  die  wichtigste  Krankheitsursache  bezeichnete  er  die  Plethora 
(tQocfifjg  nXfjO-og),  durch  welche  die  verschiedensten  Krankheitszustäude 
erregt  werden.  Beim  Fieber  dringt  nach  ihm  das  Blut  in  die  Arterien ; 
bei  der  Entzündung,  der  gemeinsten  Krankheitsform,  ist  eine  heftige  Auf- 


Alexandriner. 


23 


regung  des  Pneuma  in  den  Arterienenden.  Er  hält  auf  eine  strenge 
Diätetik  und  auf  eine  sorgsame  Bereitung  der  Speisen;  aber  auch  von 
der  Wirkung  der  Arzneimittel  hat  er  eine  äusserst  hohe  Meinung,  wandte 
gleichfalls  höchst  zusammengesezte  Recepte  an  und  wurde  dadurch  nebst 
Herophilus  gewissermaassen  Gründer  der  Apothekerkunst.  Doch  glaubte 
er  auch  an  die  Wirkung  von  Minimaldosen  und  schreibt  einem  Zusaz  von 
drei  Tropfen  Wein  zum  Getränke  einen  grossen  Nuzen  in  der  Gallenruhr 
zu.  Dagegen  verwirft  er  jede  Aderlässe  und  wendet  statt  derselben 
Hungern  und  Binden  der  Glieder  an.  Noch  mehr  polemisirten  seine  Schüler 
gegen  die  Venäsection ,  erklärten  sie  für  einen  Mord  und  brachten  die 
seltsamsten  Gründe  (z.  B.  man  könne  aus  Furcht  davor  schon  vorher 
sterben)  dagegen  zu  Tage,  aber  auch  manche,  die  man  in  neuester  Zeit 
wiederholt  hat. 

Die  Schule  des  Erasistratus  blieb  seiner  Lehre  ziemlich  blindlings 
getreu  und  erhielt  sich  als  streng  abgeschlossener  Doctrinarismus  über 
mehre  Jahrhunderte,  ohne  dass  nur  ein  Einziger  unter  den  Erasistrateern 
durch  eigene  Entdekungen  und  Vervollkommnungen  der  Lehre  oder  auch 
nur  durch  selbständige  Bearbeitung  derselben  sich  bemerklich  gemacht 
hätte.  Noch  zu  Galen's  Zeiten  (Ende  des  zweiten  Jahrhunderts  n.  Chr.) 
fanden  sich  strenge  Erasistrateer. 

Unter  den  Alexandrinischen  Aerzten  nahm  auch  die  Chirurgie  einen 
lebhaften  Aufschwung  und  die  Erfindungen  in  den  Maschinen  zur  Ein- 
richtung von  Luxationen  und  Fracturen  waren  sehr  zahlreich ,  complicirt, 
aber  auch  sehr  grausam,  der  Verband  mannigfaltig  und  gekünstelt,  die 
Operationen  wurden  keker  und  dabei  sorgfältiger  formulirt.  Auch  die 
Lithotomie  ging  aus  den  Händen  der  gewerbmässigen  Steinschneider  in 
die  der  wissenschaftlich  gebildeten  Aerzte  über. 

Während  die  Aerzte  des  ganzen  cultivirten  Theiles  der  Erde  sich  in 
wenige  Secten  theilten,  die  bei  aller  Differenz  in  den  einzelnen  Annahmen 
die  Neigung  zum  Theoretisiren  gemein  hatten  und  darin  sich  zu  überbieten 
suchten,  zweigte  sich  aus  der  Schule  des  Herophilus  eine  neue  Richtung 
ab ,  welche  die  Rükkehr  zur  reinen  Erfahrung  und  die  Verwerfung  aller 
Theorie  als  Princip  aufstellt. 

Philinus  von  Kos,  280,  gebildet  durch  das  Studium  von  Hippocrates, 
erhob  sich  gegen  die  geläufigen  Dogmen  und  machte  sich  zur  Aufgabe, 
die  gesammte  praktische  Medicin  mit  Ausschliessung  aller  Hypothesen 
auf  das  Thatsächliche  zurükzuführen.  Ausser  dass  er  diese  Tendenz  ver- 
folgt hat  und  dadurch  Stifter  einer  eigenen  Schule  wurde,  ist  nichts  von 
ihm  auf  uns  gelangt. 


Erasistrateer. 


Chirurgie  der 
Alexandriner. 


Empiriker. 


24 


Die  Medicin  im  hellenischen  Alterthume. 


Serapion. 


Anhänger  der 

empirischen 

Schule. 


Verfall 
der  Schule. 


Mit  mehr  Lärm  und  mit  mehr  Success  verfolgte  Serapion  aus 
Alexandrien  (270)  dasselbe  Ziel  und  dehnte  seine  Polemik,  mit  der  er 
gegen  alle  bestehenden  Schulen  eiferte ,  auch  auf  Hippocrates  aus.  Er 
gab  gute  Vorschriften  für  die  Methodik  der  Erfahrung.  Was  er  aber 
damit  Positives  gefunden ,  ist  unbekannt.  Nur  weiss  man ,  dass  er  mit 
Arzneimitteln  grossen  Luxus  trieb,  und  dass  er  Dinge,  wie  das  Hirn  des 
Kameeis,  das  Herz  des  Hasens,  die  Hoden  des  Boks  und  den  Koth  des 
Krokodills  den  Kranken  verordnete. 

Aber  es  gelang  ihm  wenigstens,  Bahn  zu  brechen  und  neben  den 
doctrinären  Richtungen  der  voraussezungslosen  Erfahrung  wieder  Ansehen 
zu  verschaffen.  Alle  Autorität  gering  achtend  wollten  die  Aerzte  dieser 
Richtung  auch  nicht  nach  dem  Stifter  bezeichnet  sein,  sondern  nannten 
sich  Empiriker- 

Freilich  war  diese  Empirie  eigentümlicher  Art.  Man  verlangte 
nicht  nur  die  Ausschliessung  jeder  Philosophie,  sondern  erklärte  auch 
die  anatomischen  Kenntnisse,  die  Physiologie,  die  Aetiologie  für  nuzlos 
und  verderblich. 

Nur  die  Semiotik  einerseits  und  die  Arzneimittellehre  andererseits 
fanden  Pflege  in  dieser  Schule,  als  deren  vornehmste  Anhänger  zu  be- 
zeichnen sind:  Glaukias  (ein  gemässigter  Empiriker,  der  Hippocrates 
gelten  Hess,  260);  Heraklides  von  Tarent  (240)  schrieb  über  diätet- 
ische Mittel  und  zahlreiche  medicinische  und  chirurgische  Werke ,  die  in 
hohem  Ansehen  standen,  aber  sämmtlich  verloren  gegangen  sind;  Ni- 
cander  von  Kolophon  (138),  der  die  Blutegel  einführte  und  die  Giftlehre 
bearbeitete ,  ein  Zweig  der  Pharmacologie ,  mit  welchem ,  wie  auch  mit 
anderen  pharmacologischen  Gegenständen,  die  Könige  Attalus  III.  von 
Pergamus,  Mithridates  der  Grosse  von  Pontus  und  die  Königin  Kleopatra 
sich  eifrig  und  selbständig  beschäftigten ;  ferner  Kratevas  (Botaniker  und 
Pharmacolog,  80  v.  Chr.),  Zopyrus  (70)  und  manche  andere. 

Die  empirische  Schule .  erhielt  sich  bis  in  das  zweite  Jahrhundert 
n.  Chr. ,  verfiel  aber  immer  mehr  in  Plattheit  und  Geistlosigkeit ,  be- 
wegte sich  in  dürren  Definitionen  und  suchte  ihren  Hauptruhm  darin, 
gegen  jede  Krankheit  eine  grosse  Menge  von  Mitteln  zu  wissen.  So 
verlor  sie  sich  in  ein  gedanken-  und  kritikloses  Suchen  nach  Arznei- 
mitteln, deren  sie  allerdings  eine  grosse  Anzahl  und  darunter  manche 
von  bleibendem  Werthe  (Hyoscyamus,  Colchicum,  Aconit)  in  der  Heil- 
kunde einbürgerte. 


streit  der  schulen        Diese  verschiedenen  Schulen  bekämpften  sich  aufs  lebhafteste.     Die 
wider  einander,   Empiriker  warfen  den  Theoretikern  ihre  grundlosen  Hypothesen  vor  und 


Empiriker.  25 

diese  den  ersteren  die  Gedankenlosigkeit  ihres  nach  Symptomen  sich 
richtenden  Curirens.  Die  Zänkereien  unter  den  Schulen  können  in  ihrer 
Ausdehnung  und  Lebhaftigkeit  begriffen  werden,  wenn  man  der  unermüd- 
lichen und  angeborenen  Mundfertigkeit  der  späteren  Hellenen  und  der 
sophistischen  Ausbildung  ihrer  Dialectik  eingedenk  ist. 

Bedeutendere  Köpfe  traten  erst  wieder  auf,  nachdem  die  römische 
Herrschaft  über  Griechenland  und  den  Orient  sich  ausgedehnt  hatte. 

Doch  ist  in  der  ganzen  griechischen  Periode  troz  aller  Verirrungen 
ein  gewisser  uneigennüziger  Sinn  für  die  "Wissenschaft,  für  die  Erforsch- 
ung der  Wahrheit  nicht  zu  verkennen. 


ZWEITER  ABSCHNITT. 

Die  Medicin  unter  der  römischen  Herrschaft. 


Primitive  Ueber  die  medicinischen  Zustände  in  Roms  früherer  Periode  ist  wenig 

us  an  e    er  ^g^ajjQ^.  man  weiss  nur    dass  ft\e  Svbillinischen  Bücher  auch  ärztliche 

M  e  d i c i n  in  '  '  * 

Rom.  Vorschriften  enthielten  und  dass  die  Römer  467  v.  Chr.  dem  Apollo 
medicus  und  bald  darauf  zahlreichen  Sanitäts-  und  Krankheitsgöttern 
Tempel  errichteten  :  der  Febris  ,  Mephitis  ,  Cloacina ,  Salus  ,  Lucina, 
Fluonia ,  Uterina  etc. ,  wodurch  sie  am  sichersten  hofften ,  deren  Zorn 
abzuwenden  und  vor  und  in  Krankheiten  und  Leibesnöthen  beschüzt 
zu  werden. 
Archayathus.  219  v.  Chr.  kam  ein  griechischer  Arzt,  Archagathus  nach  Rom,  der 

Anfangs  mit  Freude  aufgenommen  wurde,  eine  öffentliche  Bude  und  das 
Bürgerrecht  erhielt,    sofort  aber  wegen  seines  gewaltsamen  Verfahrens 
mit  dem  Schimpfnamen  Carnifex  belegt  und  schliesslich  fortgejagt  wurde, 
cato.  Auch  die  Zeit  nach  ihm  war  den  Trägern  griechischer  Bildung  und 

Wissenschaft  und  daher  auch  den  Aerzten  wenig  günstig.  Selbst  weitere 
Ausweisungen  scheinen  stattgefunden  zu  haben  ,  -  vornemlich  eiferte  der 
alte  Cato  gegen  sie ,  der  schreibselig  über  alles,  was  er  verstand  und 
nicht  verstand,  seine  Landsleute  mit  einem  eigenen  Elaborate  beschenkte, 
das  medicinische  Dinge  populär  traktirte.  •  Dessenungeachtet  mehrten 
sich  die  griechischen  Aerzte  in  Rom,  von  denen  jedoch  bis  zum  Anfange 
des  lezten  Jahrhunderts  der  vorchristlichen  Zeitrechnung  nicht  Einer  eine 
historische  Bedeutung  erlangte. 

Asciepiade».  Um's  Jahr  90  v.  Chr.  trat  in  Rom  Asclepiades  auf.  Seine  frühere 
Lebensgeschichte  ist  unbekannt.  Rasch  erlangte  er  das  uneingeschränkteste 
Ansehen,  welches  er  durch  sein  kluges,  sicheres,  von  wohlberechneter 
Charlatanerie  nicht  freies  Benehmen  zu  gewinnen  wusste;  die  Erwekung 
eines  scheintodten  Mädchens,  die  man  im  Begriffe  war,  auf  den  Scheiter- 
haufen zu  legen ,  verschaffte  ihm  ein  blindes  Vertrauen  bei  der  Masse. 
Seine  philosophische  und  weltmännische  Bildung  erwarb  ihm  Hochachtung 


Asclepiades. 


27 


und  Freundschaft  bei  der  Aristokratie  der  Intelligenz  und  des  Reichthums 
(Cicero,  Crassus). 

Asclepiades  ging  in  seinen  philosophischen  Anschauungen  von  De- 
mokrit  und  Epicur  und  ihrer  Atomenlehre  aus  und  bildete  sich  danach 
ein  System  von  mechanischen  Phantasien.  Die  Welt  und  alle  Dinge  in 
ihr  dachte  er  sich  aus  groben  und  feinen  Atomen  zusammengesezt. 
Zwischen  sich  lassen  die  Atome  freie  Räume  und  Kanäle  (Poren) ,  in 
denen  sich  selbst  wieder  feine  Atome  bewegen.  Die  Gesundheit  besteht 
in  der  ungehinderten  und  gleichmässigen  Bewegung  der  leztern.  Die 
Krankheiten  sind  entweder  bedingt  durch  eine  Erweiterung  oder  Ver- 
engerung der  Poren ,  oder  durch  eine  Stokung  der  Atome.  Die  Säfte 
traten  in  diesem  Systeme  ganz  in  den  Hintergrund.  Asclepiades  ist 
entschiedener  Feind  der  Humoralpathologie ,  auch  die  Crisen  erkennt  er 
nicht  an. 

In  anatomischen  Dingen  war  er  völliger  Ignorant. 

Troz  der  Abenteuerlichkeit  seines  Systems  scheint  er  in  einigen 
Krankheiten  ungewöhnliche  Erfahrungen  gehabt  zu  haben  (z.  B.  in  den 
bösartigen  Fiebern,  in  der  Wassersucht,  den  Geschwüren).  Noch  mehr 
sind  ihm  Verdienste  in  der  Therapie  zuzuerkennen ,  indem  er  den 
üblichen  Missbrauch  der  Medicamente  bekämpfte ,  namentlich  die 
Anwendung  der  Emetica  einschränkte  und  die  bunten  Compositionen 
verwarf,  dabei  nicht  nach  dem  Namen  der  Krankheit,  sondern  nach  dem 
individuellen  Zustande  des  Kranken  die  Indicationen  stellte  und  mehr 
milde  Mittel  gebrauchte.  In  acuten  Krankheiten  verfuhr  er  fast  nur  ex- 
spectativ,  in  der  Behandlung  chronischer  soll  er  sehr  glüklich  gewesen 
sein.  Sein  Grundsaz  war:  tuto,  celeriter  und  jucunde  zu  heilen.  Seine 
Hauptmittel  waren  Fasten,  Frictionen  des  Körpers,  Klystire,  Bäder 
(auch  Sturzbäder),  passive  und  active  Bewegung  (Schaukeln).  Venä- 
sectionen  wurden  vielfältig  angewandt  und  vom  Wein  machte  er  einen 
ausgedehnten  Gebrauch. 

Seine  Schriften  sind  fast  sämmtlich  verloren  gegangen;  nur  wenige 
Bruchstüke  sind  erhalten. 


Asclepiades" 
Doctrin. 


Seine  Praxis. 


Themison  von  Laodicea,  Schüler  des  Asclepiades,  50  v.  Chr.,  wurde  Tiiemisonund 
der  Stifter  der  sogenannten  methodischen  Schule.  Die  Lehre  von  den  islche  Schuie. 
Poren  wurde  hier  auf  die  Spize  getrieben.  Alle  Krankheiten  kommen  zu 
Stande,  je  nachdem  die  Poren  contrahirt  oder  erschlafft,  die  Secretionen 
also  angehalten  oder  profus  seien :  Strictum  oder  Laxum ,  woneben  aber 
auch  noch  ein  dritter  Zustand  vorkommen  könne,  das  Mixtum.  Die  The- 
rapie war  demnach  eine  ganz  roh  symptomatische  und  äusserst  einfache. 


28 


Die  Medicin  im  römischen  Staate. 


Besserung 

der  socialen 

Verhältnisse  der 

Aerzte. 


Musa. 


Beim  Laxum  mussten  zusammenziehende,    beim  Strictum    erschlaffende 
und  ausleerende  Mittel  gegeben  werden. 

Diese  bequeme  Lehre  drang  rasch  in  die  allgemeine  Praxis  ein.  Die 
Theorie  hatte  nichts  Sublimes  und  war  daher  der  schwächsten  Intelligenz 
zugänglich;  sie  lokte  aber  auch  nicht  zu  weiteren  Speculationen  und  Hess 
ein  empirisches  Verfahren  neben  sich  Plaz  greifen.  So  erhielt  sich  die 
Lehre  bis  in  die  Zeit  des  Unterganges  der  Cultur. 

Immerhin  aber  war  durch  Asclepiades  und  Themison  die  wissenschaft- 
liche Berechtigung  der  Medicin  zur  Anerkennung  gekommen.  Damit  ging 
Hand  in  Hand  eine  wesentliche  Aenderung  der  socialen  Lage  der  Aerzte. 
Zuvor  waren  die  Reichen  allein  mit  Aerzten  versehen  gewesen ,  indem 
dieselben  sich  ihre  Medicinsklaven  hielten,  die,  wenn  auch  in  etwas  be- 
vorzugter Stellung,  doch  immer  dem  Gesinde  angehörten;  die  übrige 
Praxis  wurde  fast  durchaus  von  Freigelassenen  oder  im  besten  Falle  von 
nur  geduldeten  Fremden  geübt. 

Erst  durch  Julius  Cäsar  wurde  den  Aerzten  eine  bessere  Stellung 
gewährt.  Dieser  vermittelte  nicht  nur  eine  gründlichere  Bildung,  indem 
er  auf  seinen  Kriegszügen  Bibliotheken  und  Kunstwerke  nach  Rom 
schleppte  und  dort  concentrirte ;  sondern  er  begünstigte  auch  speciell  die 
Aerzte,  indem  er  ihnen  das  römische  Bürgerrecht  ertheilte  und  ihre 
Beschäftigung,  die  bis  dahin  eines  freien  Römers  kaum  würdig  erachtet 
wurde ,  hiedurch  adelte.  Freilich  drängten  sich  bei  diesen  bessern  Aus- 
sichten auch  in  massenhafter  Zahl  rohe  Empiriker  und  Abenteurer  von 
mehr  als  zweifelhaftem  Charakter  heran ;  doch  auch  für  Männer  von  an- 
ständiger Gesinnung  und  Gesittung,  von  guter  Herkunft  und  Erziehung 
fing  der  ärztliche  Stand  an  als  eine  würdigere  Laufbahn  zu  erscheinen. 

Wir  sehen  bereits  zehn  Jahre  n.  Chr.  einen  gebornen  Römer,  Aulus 
Cornelius  Celsus,  wenn  auch  nur  literarisch,  aber  immerhin  mit  grossem 
Interesse  sich  der  Medicin  zuwenden,  die  er  in  einer  überlegten,  eklek- 
tischen ,  der  Hauptsache  nach  freilich  an  Asclepiades  und  Themison  sich 
anlehnenden  Weise  behandelte.  Das  Werk  dieses  wohlunterrichteten  und 
vielseitig  gebildeten  Literaten:  de  medicina,  ist  ein  werthvolles  Denkmal 
der  damaligen  Heilkunst  und  überdem  von  klassischer  Latinität.  Auch 
Plinius  Secundus,  50  Jahre  später,  der* encyklopädische  Bearbeiter  der 
Naturwissenschaften,  schloss  die  Medicin  in  seine  Studien  ein,  ohne  sie 
jedoch  praktisch  auszuüben. 

Noch  mehr  wuchs  das  Ansehen  der  Aerzte,  nachdem  Antonius  Musa, 
ein  Freigelassener  und  Arzt  aus  der  Schule  der  Methodiker ,  den  Kaiser 
Augustus  aus  einer  lebensgefährlichen  Krankheit  durch  kalte  Ueberschläge 


Situation  der  Aerzte. 


29 


und  Bäder  gerettet  hatte.  Hiefür  wurde  ihm  selbst  die  Ritterwürde  ver- 
liehen, eine  Bildsäule  gesezt,  zugleich  aber  sämmtlichen  Aerzten  Befreiung 
von  Abgaben  und  Lasten  für  alle  Zeiten  gewährt.  Zwar  sank  Musa's 
Kredit ,  als  der  Neffe  August's ,  Marcellus ,  bei  derselben  Kaltwasser- 
behandlung zugrundeging;  aber  die  Privilegien  der  Aerzte  blieben 
erhalten  und  stiegen  unter  den  folgenden  Kaisern  durch  den  Einfluss  der 
Leibärzte ,  welche  zum  Theil  eine  sehr  intime  Stellung  am  Hofe  ein- 
nahmen, noch  mehr. 

Die  Situation  der  Aerzte  wurde  in  Kurzem  eine  sehr  glänzende.  Der 
gewöhnliche  Jahresgehalt  des  kaiserlichen  Leibarztes  belief  sich  auf 
14,000  Thaler.  Stertinius  aber  verlangte  unter  Kaiser  Claudius  30,000, 
da  ihm  seine  Privatpraxis  nicht  weniger  eintrage.  Die  Aerzte  nahmen 
an  Zahl  ungemein  zu,  und  bereits  zweigen  sich  die  Augenärzte,  Ohren- 
ärzte und  Zahnärzte  als  Specialitäten  ab.  Während  die  Aerzte  früher 
die  Medicamente  selbst  bereitet  hatten  ,  fingen  sie  jezt  an ,  die  fertigen 
Salben  und  sonstigen  Präparate  aus  den  Buden  der  Septasiarii  zu  ent- 
nehmen. Freilich  wurden  dabei  häufig  betrügerische  Präparate  verab- 
reicht, und  der  Medicamentenverkäufer  oder  Medicamentarius  kam  so  in 
Verruf,  dass  dieses  Wort  wegen  der  häufigen  Fälschungen  mit  giftigen 
Substanzen  gleichbedeutend  mit  Giftmischer  geworden  ist. 

Nero  ernannte  seinen  Leibarzt  zum  Archiater,  wodurch  er  eine  die 
übrigen  Aerzte  überragende  Stellung  erhielt.  Ebenso  erhielten  die  Städte 
Oberärzte,  welche  den  Titel  Archiater  popularis  führten,  feste  Besold- 
ungen hatten  und  „die  übrigen  Aerzte  beaufsichtigten,  arme  Kranke  un- 
entgeltlich zu  behandeln  und  überdem  den  Unterricht  der  Medicin  Stud- 
irenden  zu  besorgen  hatten.  Dessgleichen  wurde  jeder  Legion ,  selbst 
jeder  Cohorte  ein  Arzt  zugetheilt  und  in  den  Heeren  den  Kranken  und 
Verwundeten  grosse  Sorgfalt  zugewendet,  ohne  dass  jedoch  vor  dem 
zweiten  Jahrhundert  wirkliche  Hospitäler  (Valetudinaria)  eingerichtet 
worden  wären. 

Die  persönlichen  Vortheile,  welche  die  Aerzte  in  der  ersten  Kaiserzeit 
allmälig  errangen ,  waren  nicht  unbeträchtlich.  Sie  bestanden  in  dem 
unbedingten  Bürgerrecht,  in  der  Befreiung  von  Abgaben  und  Stadtämtern, 
von  Kriegsdienst  und  Einquartirung,  in  exemter  Gerichtsbarkeit,  in  dem 
Recht,  nicht  gefänglich  eingezogen  zu  werden,  und  in  der  höhern  Grav- 
irung  der  ihnen  zugefügten  Beleidigungen.  Einzelne  ausgezeichnete  oder 
begünstigte  Aerzte  wurden  auch  mit  Titeln  geehrt.  So  erhielten  die  Leib- 
ärzte und  einzelne  berühmte  Privatärzte  die  Würde  des  Perfectissimats 
oder  den  Titel  eines  Comes  zweiter  oder  selbst  erster  Ordnung,  in  welch' 
lezterem  Falle  sie  den  Rang  kaiserlicher  Vicarien  hatten. 


Glänzende 
Stellung  der 

Aerzte  im 
Kaiserreiche. 


30  Die  Medicin  im  römischen  Staate. 

Athenäus  Die  methodische  Schule  blieb  jedoch  nicht  lange  im  Alleinbesiz  der 

und  die        römischen  Arzneikunde ;  vielmehr  machte  in  der  Mitte  des  ersten  Jahr- 

Pneumatiker. 

hunderts  ein  der  Stoa  ergebener,  in  Rom  berühmter  Praktiker  Athenäus 
aus  Cilicien  Fronte  gegen  den  oberflächlichen  und  gedankenarmen  Schema- 
tismus der  Methodiker.  Als  Grund  alles  Seins  wurde  von  ihm  dasPneuma 
angenommen.  Dieses  sei  im  Menschen  als  psychisches,  physisches  und 
thierisches  Pneuma  vorhanden  und  in  Krankheiten  eines  davon  verändert. 
Diese  Lehre ,  welche  man  als  die  zweite  dogmatische  oder  die  pneumat- 
ische Schule  bezeichnet,  wurde  von  Agathinus,  besonders  aber  von  Archi- 
genes  aus  Apamea,  einem  gelehrten  und  streitsüchtigen  Doctrinär,  der  die 
Semiotik  der  Schmerzen  und  des  Pulses  mit  vieler  Spizfindigkeit  ausbildete 
und  die  Säftelehre  der  griechischen  Dogmatiker,  wenn  auch  modificirt  durch 
den  Begriff  der  Fäulniss,  in  die  Pathologie  zurükführte,  weiter  entwikelt. 

Eklektiker.  Die  Lehren    der  Methodiker  und  Pneumatiker  hielten  sich  nicht  so 

getrennt,  wie  es  die  Schulen  der  griechischen  Zeit  gewesen  waren.  Der 
eklektische  Charakter  der  römischen  Bildung  brachte  auch  eine  Mischung 
der  ärztlichen  Doctrinen  zuwege,  so  dass  meist  nur  eine  mehr  oder  weniger 
grosse  Hinneigung  nach  der  einen  oder  andern  Seite  bei  namhaften 
Aerzten  zu  erkennen  ist.  Mancher  zählt  überdem  sich  zu  einer  be- 
stimmten Schule ,  ohne  irgend  etwas  mit  ihr  gemein  zu  haben;  Andere 
nannten  sich  Empiriker  und  Eklektiker ,  um  ihre  Selbständigkeit  in's 
Licht  zu  sezen ,  während  sie  oft  sehr  entschieden  von  den  Vorurtheilen 
einer  Schule  befangen  waren. 

Charakter  der  Ein  acht  wissenschaftlicher  Sinn  war  überhaupt  wenig  zu  bemerken. 

Das  Interesse  für  theoretische  Probleme  zumal  trat  in  den  Hintergrund, 
und  wenn  auch  noch  genug  gestritten  wurde,  so  war  es  meist  um  einzelne 
werthlose  Hypothesen  und  untergeordnete  Behauptungen.  Die  Richtung 
der  Zeit  ging  weit  mehr  auf's  Praktische ,  aber  in  der  rohesten  Form. 
Anpreisung  von  Mitteln  und  von  Kurverfahren,  Verdammung  und  Schmäh- 
ung der  gegnerischen  Therapie  waren  die  Zielpunkte  der  Polemik.  Die 
culinarische  Raffinirtheit  der  Zeit  spiegelte  sich  dabei  auch  in  den  Heil- 
mitteln ab.  Neue,  möglichst  complicirte  und  zugleich  angenehme  Recept- 
compositionen  galten  für  die  werthvollste  Erfindung  und  machten  schnell 
berühmt.  Die  Charlatanerie  in  der  Ausposaunung  unfehlbarer  Mittel  ent- 
wikelte  sich  rasch  zu  einem  fabelhaften  Umfang.  Eine  feile  Claque  hatte 
die  Aufgabe,  den  Ruf  von  Mitteln  und  Aerzten  zu  verbreiten,  und  fand 
immer  wieder  ein  gläubiges  Publikum.  Die  Ruchlosigkeit  ging  so  weit, 
dass  man  selbst  durch  öffentliches  Anpreisen  von  sichern  Recepten  zum 
Giftmord  sich  zu  empfehlen  wagte. 


römischen  Aerzto 
im  Allgemeinen. 


Römische  Aerzte  aus  dem  ersten  Jahrhundert. 


31 


Die  Besseren  suchten  in  den  Schriften  der  alten  Zeit  nach  Rath  und 
Belehrung,  wobei  sie  sich  freilich  meist  vergriffen,  indem  sie  mit  Begierde 
von  allen  sich  dort  findenden  Hypothesen  und  Theorien  hingezogen  wurden, 
die  sie  meditirten  und  commentirten ;  dagegen  war  für  die  reichen  Ver- 
mächtnisse reicher  Naturbeobachtung  der  Mehrzahl  der  Sinn  und  das 
Verständniss  bereits  abhanden  gekommen. 


Einzelne 

Aerzte  der 

vorgalen- 

ischen  Zeit. 

Menekrates. 


Servilius 
Damokrates. 


Die  wichtigeren  Aerzte  aus  dieser  Periode  sind  : 

Menekrates,  Leibarzt  des  Tiberius,  verfasste  eine  geschäzte  Dar- 
stellung der  Arzneimittellehre. 

Philo,  Verfasser  eines  Gedichts  über  Materia  medica  und  des  viel 
und  lange  beliebten  narcotischen  Compositums  Philonium  (weisser  Pfeffer, 
Hyoscyamus,  Petersilie,  Fenchel,  Daucus,  Cassiaholz,  Zimmt,  Castoreum, 
Myrrhe,  Crocus,  Spica  indica,  Zedoaria,  Pyrethrum,  Opium,  Honig,  Wein; 
jede  Drachme  enthält  gr.  \lj2  Opium). 

Servilius  Damokrates,  von  Galen  agiavog  IcstQog  genannt,  ist  der 
Erfinder  eines  noch  berühmtem  Compositums,  das  bis  ins  17.  Jahrhundert 
als  Universalmittel  und  Gegengift  angesehen  wurde,  des  Mithridat  (der- 
selbe enthält:  Aristolochia,  Calamus,  Gentiana,  Bärenfenchel,  Zingiber, 
Dictamnus,  Herba  Polii  montani,  Herba  Scordii  cretici,  Hypericum,  rothe 
Rosen,  Narden,  Juniperus,  Pfeffer,  Crocus,  Agaricus ,  Styrax,  Myrrhe, 
Olibanum,  Bdellium,  Castoreum,  Meereidechsen,  Wein,  Honig,  Opium  etc., 
ungefähr  50  verschiedene  Ingredienzen). 

Andromachus  von  Kreta,  kaiserlicher  Leibarzt  bei  Nero,  erwarb    Andromachns. 
sich  ebenfalls  durch  die  Erfindung  eines  bis  in  die  neuere  Zeit  ungemein 
viel  gebrauchten  narcotisch-aromatischen  Compositums,  des  Therjak,  mit 
70  bis  80  Ingredienzen  einen  grossen  Ruf. 

Wichtiger  als  diese  ist  Pedacius  Dioskorides,  wahrscheinlich  ein  Dioskonde». 
Militärarzt,  der  um  dieselbe  Zeit  lebte  und  der  Hauptschriftsteller  über 
Materia  medica  für  die  römische  Zeit,  so  wie  die  erste  Autorität  in 
Botanik  und  Arzneimittellehre  durch  das  ganze  Mittelalter  gewesen  ist. 
Er  beschreibt  alle  Arzneistoffe  aus  den  drei  Reichen  einfach  und  klar  und 
gewissermaassen  in  populärer  Weise ;  doch  erschwert  die  in  der  Folgezeit 
gänzlich  veränderte  und  vielfach  verwirrte  Terminologie  die  Einsicht  in 
seine  Benennungen. 

Vectius  Valens,  Leibarzt  des  Kaisers  Claudius  und  mehr  bekannt    veetius  Valens 
durch  sein  adulterisches  Verhältniss  mit  der  Kaiserin  Messaline,  als  durch 
seine  ärztlichen  Leistungen ,  von  denen  nur  eine  Eintheilung  der  Hals- 
entzündungen durch  ein  Citat  des  Cölius  Aurelianus  sich  erhalten  hat. 


32 


Die  Medicin  im  römischen  Staate. 


Scribonius 
Largus. 


Tbessalus. 


philumenos. 


Soranus. 


Ruf as. 


Marinas  und 
Quintus. 


Aretäus. 


Scribonius  Largus,  aus  gleicher  Zeit,  hinterliess  absurde  pharma- 
ceutische  Vorschriften,  scheint  aber  der  Erste  gewesen  zu  sein ,  welcher 
mittels  Auflegens  eines  Zitterrochens  die  Elektricität  bei  Kopfschmerzen 
verwendete. 

Eine  mindestens  ephemere  Berühmtheit  erlangte  Thessalus  von 
Tralles  (60  n.  Chr.),  ein  roher,  ungebildeter  Mensch,  der  aber  durch 
Brutalität  gegen  Collegen,  durch  Nachgiebigkeit  gegen  die  Launen  der 
Kranken  und  durch  serviles  "Wesen  gegen  Grosse  und  Mächtige  sich  eine 
immense  Praxis  verschaffte.  Er  gab  sich  für  einen  grossen  Reformator 
aus ,  nannte  sich  Jatronikes ,  coquettirte  mit  Verachtung  aller  früheren 
und  gleichzeitigen  Aerzte ,  verwarf  alle  Vorstudien  und  versprach ,  durch 
seinen  Unterricht  in  einem  halben  Jahre  jeden  Ignoranten  zum  tüchtigen 
Arzt  zu  machen.  Ein  Haufe  gemeiner  Gesellen  war  seine  Claque,  welche 
überall  seinen  Ruf  auszuposaunen  hatte,  und  der  Erfolg  beim  Publikum 
Hess  nichts  zu  wünschen  übrig.  Begreiflich  fehlte  es  ihm  nicht  an  prakt- 
ischem Geschik  und  einzelne  brauchbare  Erfahrungen  mag  er  gemacht 
haben;  seine  theoretischen  Anschauungen  aber  waren  wesentlich  die  der 
Methodiker,  denen  er  nur  einige  unklare  Redensarten  zuzufügen  wusste. 
Von  ihm  rührt  die  Idee  her,  dass  in  chronischen  Krankheiten  der  Körper 
umgeändert  werden  müsse,  was  er  Metasyncrisis  (Recorporatio)  nannte 
und  durch  Nahrungsentziehung  und  darauf  folgende  Bäder,  Salben,  Haut- 
reize, Brechmittel  und  scharfe  Substanzen  zu  erreichen  suchte.  Endlich 
wird  ihm  die  Einrichtung  einer  Art  ambulatorischer  Klinik  zugeschrieben. 

Gewissenhaftere  Männer  waren : 

der  zur  Eklektik  sich  hinneigende  Methodiker  Philumenos  (80  n. 
Chr.), .der  als  Beobachter  gerühmt  wird  und  sich  vorzüglich  mit  Augen- 
heilkunde und  Geburtshilfe  beschäftigte,  welche  leztere  zuvor  nur  in  den 
Händen  der  Hebammen  gewesen  war. 

Soranus  der  Aeltere  vonEphesus  (100  n.Chr.),  einer  der  tüchtigsten 
Methodiker,  ein  sorgfältiger  systematischer  Compilator  in  anatomischem, 
medicinischem,  wie  chemischem  und  geburtshilflichem  Gebiete,  jedoch 
mit  der  Selbständigkeit  eines  erfahrenen  Arztes. 

Rufus,  sein  Landsmann  und  Zeitgenosse,  war  anatomischer  Compi- 
lator, aber  zugleich  auch  selbständiger  Forscher.  Er  verlegte  in  die 
Nerven  sämmtliche  Körperfunctionen;  auch  bearbeitete  er  die  Arznei- 
mittellehre. 

Noch  umfassender  und  selbständiger  waren  die  Arbeiten  des  Marinus 
(ebenfalls  100  v.  Chr.)  und  seines  Schülers  Quintus  in  der  Anatomie. 

In  der  Krankenbeschreibung  lieferte  ungefähr  zur  selben  Zeit  Aretäus 
von  Kappadocien,  der  pneumatischen  Schule  angehörig,  eine  Darstellung 


Römische  Aerzte  aus  dem  zweiten  Jahrhundert. 


33 


von  bis  dahin  nicht  dagewesener  und  auch  später  lange  Zeit  nicht  erreichter 
Vollständigkeit  und  Klarheit  (de  causis  et  signis  acutorum  et  diuturnorum 
niorborum  libri  IV.),  und  ein  zweites,  ebenfalls  sehr  werthvolles  thera- 
peutisches Lehrbuch  (de  curatione  acutorum  et  diuturnorum  morborum). 
Beide  sind  zum  grossen  Theil  erhalten  und  gehören  zu  den  schäzens- 
werthesten  Denkmälern  des  medicinischen  Alterthums. 

Im  Gegensaz  zu  Aretäus'  schlichter  und  naturgetreuer  Darstellung 
verlor  sich  Cassius  (mit  dem  Beinamen  der  latrosophist)  in  meist  sehr 
spizfindige  theoretische  Deductionen  und  Expirationen ,  ganz  in  jener  so 
häufig  für  Rationalität  ausgegebenen  Art,  welche  für  alle  Fragen  schlag- 
fertig zu  antworten  weiss  und  für  alle  verborgenen  Dinge  Gründe  aus  der 
Analogie  oder  aus  einem  elastisch  sich  anpassenden  Hypothesengewebe 
bereit  hält.  Seine  Schrift  naturales  et  medicinales  quaestiones  LXXXIV 
circa  hominis  naturam  et  morbos  aliquot  ist  uns  erhalten  und  zeugt  von 
seinem  Scharfsinn,  nuzlose  und  müssige  Fragen  aufzuwerfen. 

Ums  Jahr  120  beobachtete  der  Pneumatiker  Herodot  eine  anstekende 
variolartige  Krankheit  und  Posidonius  aus  derselben  Schule  legte  eine 
von  Späteren  viel  ausgebrütete  Grundlage  zu  einer  Nervenpathologie. 

Magnus  von  Ephesus  (165),  Palastarzt  beim  Kaiser  Marcus 
Aurelius ,  versuchte  die  Entdekungen  in  der  Medicin  seit  Themison  zu 
sammeln. 


Cassius 


Herodot 
und  Posidonius. 


Magnus. 


Keiner  von  allen  Aerzten  der  römischen  Zeit  aber  erlangte  eine  so 
welthistorische  Berühmtheit  und  eine  so  dauernde  Autorität  als  der  Per- 
gamese  Claudius  Galenus. 

Geboren  131,  erhielt  er  eine  sorgfältige  Erziehung,  studirte  Philo- 
sophie und  Medicin  in  seiner  Vaterstadt,  in  Smyrna,  Corinth  und  Alexan- 
drien  und  verwendete  namentlich  grossen  Fleiss  auf  die  Anatomie.  Mit 
28  Jahren  wurde  er  in  Pergamus  als  Gladiatorenarzt  angestellt  und  blieb 
es  bis  164.  Nachdem  er  sodann  nach  Rom  übergesiedelt  hatte,  scheint 
er  die  Praxis  nur  nebenher  betrieben  und  mit  seinen  römischen  Collegen 
nicht  im  besten  Einvernehmen  gestanden  zuhaben.  Dagegen  verkehrte  er 
viel  mit  Philosophen  und  vornehmen  Römern  und  hielt  öffentliche  physiolo- 
gische Vorträge,  die  eine  Zeit  lang  bei  der  Aristokratie  sehr  beliebt  waren, 
später  wegen  Misshelligkeiten  mit  den  Aerzten  aufgegeben  werden  mussten. 
Erverliess  daher  wieder  Rom,  bereiste  Italien  und  zog  sich  nach  Pergamus 
zurük  (169),  wurde  jedoch  schon  im  folgenden  Jahre  zu  den  Kaisern 
Marcus  Aurelius  und  Lucius  Verus  zurükberufen  und  blieb,  als  Lezterer 
an  der  herrschenden  Pest  (Antoninischer  Pest)  gestorben  und  Ersterer 

Wunderlich,  Geschichte  d.  Medicin.  3 


Cl.  Galenna. 


34 


Die  Medicin  im  römischen  Staate. 


Literarische 

Thätig-keit. 


Allgemeiner 
Character. 


Anatomie 
dos  Galen. 


zum  Heere  nach  Deutschland  abgegangen  war,  als  Leibarzt  des  Thron- 
folgers (Commodus)  in  Rom.  Hier  hielt  er  aufs  Neue  Vorlesungen, 
beschäftigte  sich  mit  seinen  ungemein  umfassenden  literarischen  Arbeiten 
und  starb  um  das  Jahr  200. 

Galen  war  der  schreibseligste  unter  allen  Aerzten,  welche  je  gelebt 
haben  und  er  scheint  schon  als  Knabe  angefangen  zu  haben,  literarisch 
thätig  zu  sein.  Man  berechnet  die  Zahl  seiner  Abhandlungen  und  Werke 
auf  nahezu  400,  zum  Theil  von  grossem  Umfang.  Ueber  100  davon  waren 
philosophischen,  mathematischen,  grammatischen  und  juridischen  Inhalts  : 
sie  sind  sämmtlich  verloren  gegangen.  Ebenso  wissen  wir  von  vielen 
seiner  verlorenen  medicinischen  Werke  nur  den  Titel,  andere  sind  noch 
ungedrukt  und  steken  als  Manuscripte  in  den  Bibliotheken;  manche  sind 
nur  Fragmente.  Aber  immer  bleiben  noch  über  100  Schriften  übrig, 
welche  sich  über  alle  Theile  der  Anatomie ,  Physiologie  und  der  übrigen 
damals  bekannten  medicinischen  Disciplinen  verbreiten.  Daneben  existirt 
noch  ein  halbes  Hundert  in  ihrer  Autorschaft  zweifelhafter  oder  ent- 
schieden irrthümlich  ihm  zugeschriebener  W7erke. 

Seine  Darstellung  ist  weitschweifig,  incorrect  und  überall  erkennt  man 
die  Raschheit  der  Ausarbeitung  und  das  Sichgehenlassen  des  Autors. 
Auch  finden  sich  viele  Widersprüche  in  seinen  Schriften  und  eine  nicht 
geringe  Selbstgefälligkeit  macht  sich  breit.  Doch  ist  ein  wesentlicher 
Unterschied  zwischen  den  Elaboraten  seiner  frühern  und  seiner  reiferen 
Periode. 

Galen  war  ein  Polyhistor  von  staunenerregender  Gelehrsamkeit,  ein 
unermüdlicher  C'ompilator,  kundig  in  allen  Wissenschaften  und  in  allen 
Schulen.  Viele  der  Ansichten  seiner  Vorgänger  kennen  wir  lediglich  nur 
aus  seinen  Relationen.  Allein  er  war  zugleich  ein  Mann  von  grossem 
analytischem  Scharfsinn  und  von  gesunder  Kritik.  Er  hatte  viel  selbst 
gesehen,  selbst  untersucht  und  vor  allem  hatte  er  ein  ungewöhnliches 
Talent  für  Dialektik  und  für  formale  Systematisirung  (Dreitheilung)  und 
die  unverkennbare  Tendenz,  den  classischen  Gräcismus  mit  Bereicherung 
aller  seitherigen  Entdekungen  zu  restituiren.  In  der  That  glükte  es  ihm, 
an  die  Stelle  der  medicinischen  Anarchie  eine  Richtschnur  zu  sezen,  die 
zu  einer  unerhörten  und  unumschränkten  Herrschaft  gelangte,  an  der  man 
nach  fast  anderthalb  Jahrtausenden  erst  einige  Zweifel  sich  erlaubte  und 
die  auch  heute  noch  ihren ,  wenn  auch  meist  nicht  anerkannten  Ein- 
fluss  ausübt. 

Die  anatomischen  Kenntnisse  Galen's  waren  theils  den  Schriften  des 
Herophilus  und  des  Erasistratus  entlehnt,  theils  durch  eigene  Dissectionen, 
welche  er  in  grosser  Anzahl  an  Affen  vornahm,  erworben.     Sectionen 


Galen. 


35 


menschlicher  Leichen  zu  machen,  war  längst  nicht  mehr  möglich  und  jenes 
Zeitalter,  welches  Tausende  von  Leben  den  Launen  und  einem  brutalen 
Vergnügen  opferte,  wagte  nicht,  einen  Todten  für  die  Wissenschaft  zu 
benuzen.  Ein  einziges  Mal  in  Marc  Aurel's  deutschem  Kriege  secirteu 
die  Aerzte  den  Leichnam  eines  Menschen,  kamen  aber  nicht  über  die  Lage 
der  Eingeweide  hinaus.  Galen  weiss  von  den  meisten  Organen  des 
Körpers  (Nerven,  Herz,  Gefässe) ;  doch  sind  seine  Vorstellungen  von 
denselben  in  hohem  Grade  unvollkommen  und  häufig  ganz  irrig.  Nichts- 
destoweniger blieben  seine  Schriften  ein  Jahrtausend  lang  die  einzige  Quelle 
für  den  Bau  des  menschlichen  Körpers  und  nur  mit  Mühe  und  Widerstand 
wurde  seine  Autorität  durch  die  directe  Forschung  überwunden. 

Galen's  Physiologie  beschäftigt  sich  mit  den  Grundkräften  und  Ele- 
menten des  Organismus  und  mit  den  Functionen  der  einzelnen  Theile. 
In  ersterer  Beziehung  ist  alles  Vorgebrachte  reinste  Hypothese  oder  viel- 
mehr eine  Sammlung  der  verschiedenen  Schulansichten.  Das  Pneuma,  als 
innerster  Grund  und  als  Vermittler  der  Einheit  des  Organismus ,  aber  in 
dreitheiliger  Spaltung  (nvev^ia  tpv%ixov  mit  dem  Siz  im  Gehirn,  nvsvfia 
£coTix6v  mit  dem  Siz  im  Herzen,  und  nvevftcc  (pvaixov  mit  dem  Siz  in  der 
Leber,  von  welchen  Nerven,  Arterien  und  Venen  ihre  Spvafiig  erhalten 
und  neben  welchen  noch  allen  Vorgängen:  Zeugung,  Wachsthum,  Er- 
nährung, Absonderung,  Retention  und  Expulsion  besondere  Kräfte  zuge- 
dacht werden),  die  4  Cardinalsäfte  (Blut,  Galle,  schwarze  Galle  und 
Schleim)  und  die  Elementarqualitäten  (warm,  kalt,  feucht  und  troken) 
vertragen  sich  in  diesem  eclectischen  System,  von  dem  nur  die  atomist- 
ische  Lehre  der  Methodiker  ausgeschlossen  bleibt.  In  der  speciellen 
Physiologie  der  Functionen  der  einzelnen  Organe  dagegen  finden  sich  viele 
factische  Angaben ,  und  Experimente  an  lebenden  Thieren  mit  sorgsamer 
Meditation  haben  ihm  umfassende  Einsichten  in  den  thierischen  Haushalt 
verschafft;  freilich  sind  auch  viele  teleologische  Hypothesen  mit  unter- 
gelaufen. 

In  der  Pathologie  herrschen  bei  Galen  Definitionen  und  Eintheil- 
ungen  vor.  Die  Gesundheit  besteht  nach  ihm  in  der  Harmonie  und 
Sympathie  der  Theile,  der  Säfte  und  der  Kräfte,  die  Krankheit  in  deren 
widernatürlichen  Verhältnissen.  Zwischen  beiden  finde  sich  keine  strenge 
Grenze.  * 

Die  Krankheiten  zerfällt  Galen  sehr  glüklich  in  drei  Klassen : 

in  die  der  gleichartigen  Theile,  Gewebe,  yh'og  öfioiofiegeg ,  theils 
mechanische  Störungen  (Krankheiten  mit  Zusammenziehung  und  Er- 
schlaffung), theils  solche  mit  vorwaltender  Wärme,  Kälte,  Feuchtigkeit 
und  Trokenheit ; 


Galen's 
Physiologie. 


Galen's 
Pathologie. 


36  Die  Medicin  im  römischen  Staate. 

in  die  organischen  Krankheiten,  yevog  oqyavtxbv,  welche  sich  auf  Ver- 
änderung des  Baues,  der  Zahl,  der  Grösse,  der  Lage,  des  Zusammen- 
hangs beziehen  (Localpathologie); 

und  in  die  Krankheiten  des  Ganzen  oder  der  Elementartheile  (Schleim, 
Blut,  gelbe  Galle,  schwarze  Galle) :  Constitutionspathologie,  ysvog  andv- 

T(OV  XOLVOV. 

Er  unterscheidet  dabei  begrifflich  zwischen  SidO-eaic,  widernatürlichem 
Zustand  (theils  Krankheitsursache,  theils  Symptom,  theils  wirkliche 
Krankheit),  Tidd-og  (die  Wirkung  einer  schädlichen  Ursache)  und  voaog 
(die  Krankheit  im  Gegensaz  zur  Gesundheit).  Neben  diesen  unterscheidet 
er  noch  die  Symptome  oder  Epigenemata. 

Das  Fieber  ist  dem  Galen  wesentlich  eine  widernatürliche  Temperatur. 
Die  Verschiedenheit  der  Fieber  hänge  von  dem  Grade  und  dem  Size  der 
abnormen  Wärme  ab,  indem  diese  im  Herzen  und  den  übi  igen  Festtheilen, 
oder  in  den  Säften,  oder  im  Luftgeist  sizen  könne.  Im  erstem  Fall  sei 
es  Ephemera,  in  den  übrigen  Fäulniss ;  eine  Ansicht,  welche  15  Jahr- 
hunderte lang  die  herrschende  geblieben  ist. 

Der  Puls  liefert  die  Zeichen  für  den  Zustand  des  Pneuma  zotikon. 
Er  ist  eine  Bewegung  des  Herzens  und  der  Arterien,  welche  die  Wärme 
unterhält.  Die  Bewegung  zerfällt  in  die  Diastole  und  Systole;  beide 
hält  Galen  für  activ.  Neben  beiden  ist  die  Pause  (die  Ruhe).  Die  ein- 
zelnen Pulsarten  werden  mit  grosser  logischer  Schärfe,  aber  auch  mit 
grosser  Spizfindigkeit  unterschieden  und  die  Procedur  des  Pulsfühlens  wird 
genau  beschrieben. 

Ueberall  spielen  in  Galen's  Pathologie  die  Cardinalsäfte  und  die  krank- 
machenden Stoffe  die  wesentlichste  Rolle.  Der  Typus  der  Krankheiten, 
vornehmlich  der  fieberhaften,  wird  eindringlich  hervorgerufen,  die  Krisen- 
lehre und  die  Lehre  von  den  kritischen  Tagen  bis  ins  Kleinste  ausgedehnt. 
Die  Symptome ,  welche  ihm  zugänglich  waren ,  analysirt  er  in  der  ein- 
gehendsten und  minutiösesten  Weise. 

Arzneimittel  und        Die  Arzneimittel  sind  bei  Galen  sehr  mannigfaltig,  und  auch  auf  sie 
Therapie.       wurde  die  Neigung  zu  überfeinen  Distinctionen  angewandt. 

Die  Therapie  ist  im  Allgemeinen  eine  eklektische  und  verwirft  keine 
der  frühern  Hauptmethoden,  doch  ist  ihr  oberster  Grundsaz  das  Contraria 
contrariis  und  die  Austreibung  der  Materia  peccans.  Auch  bestrebt  sich 
Galen,  strenge  Indicationen  zu  finden. 
EinAuss  Gaien's.  Der  Einfluss  des  Galenismus  war  immens.  Nicht  nur  wurden  seine 
positiven  Angaben  wie  seine  Hypothesen  als  unantastbare  Wahrheiten 
von  den  spätem  Aerzten  angesehen,  und  kein  nachfolgendes  System  war 


Nachgalenische  Zeit. 


37 


im  Stande,  ihn  vollständig  zu  verdrängen ;  sondern  seine  Ansichten  und 
seine  Terminologie  sind  allmälig  vollständig  ins  Volk  übergegangen  und 
haben  sich  grösstenteils  in  demselben  erhalten.  Diesen  grossen  Erfolg 
hat  Galen  zum  Theil  seinem  wirklichen  Scharfsinn,  seinen  umfassenden 
Kenntnissen,  dem  Reichthum  von  vorgebrachten  Thatsachen  und  der  Ein- 
dringlichkeit seines  Vortrags  zu  danken ;  zum  Theil  aber  auch  liegt  der 
Grund  darin,  dass  die  Galen'sche  Lehre  das  lezte  compacte  wissenschaft- 
liche System  vor  dem  Verfall  der  Medicin  gewesen  ist. 


Jahrhunderts. 


Von  den  Aerzten  der  nachgalen'schen  Zeit  bis  zum  Untergang  der        Nach- 
antiken Cultur  ist  wenig  Erfreuliches  zu  berichten.  ea  2eit° 

Die  Besten  unter  ihnen  waren  eklektische  Empiriker  und  Reproductoren 
ihrer  Vorgänger. 

Es  können  genannt  werden 

aus  dem  3.  Jahrhundert  S  e  x  t  u  s  Empiricus,  weniger  durch  seine  wissen-  Aerzte  des  dritten 
schaftlichen  Leistungen,  als  durch  seine  unbedingte  Skepsis  bekannt; 
Cölius  Aurelianus,  ein  Compilator  von  massigem  Verdienst,  der  die  An- 
sichten des  altern  Soranus  reproducirte ;  Soranus  der  Jüngere,  Bearbeiter 
der  Geburtshilfe;  Moschion,  Verfasser  des  ersten  Hebammenbuchs; 
Antyllus,  Erfinder  der  Staaroperation. 

Im  4.  Jahrhundert  lebte  Oribasius,  Leibarzt  des  Kaisers  Julian, 
ein  Sammler  der  Schriften  der  Alten  und  von  glüklichem  practischen 
Instincte.  Seine  2vvayojyal  lax^ixcd  (Medicina  collecta)  sind  als  werth- 
volle  Compilation  anzusehen,  aus  welchen  er  für  seinen  Sohn  Eustachius 
einen  Auszug  als  Grundriss  (avvoipig)  bearbeitete. 

Im  5.  Jahrhundert  machte  sich  bemerklich  Jacobus  mit  dem  Bei- 
namen Soter,  den  man  den  Phidias  der  Heilkunst  nannte,  von  dem  aber 
nichts  bekannt  ist,  als  dass  er  ein  kühlendes  Verfahren  den  damals  be- 
liebten Reizmitteln  vorzog,  daher  er  auch  Psychrestus  genannt  wurde. 

In  den  Kämpfen  des  6.  Jahrhunderts  ging  im  weströmischen  Reiche 
die  bereits  aufs  äusserste  entartete  Wissenschaft  ihrer  völligen  Auflösung 
entgegen.  Selbst  aus  der  Praxis  fingen  die  Aerzte  an  zu  verschwinden 
und  Mönche  und  Zauberer  traten  an  ihre  Stelle.  Nur  ein  bedeutender 
und  durch  Selbständigkeit  hervorragender  Arzt  ist  aus  dieser  spätesten 
römischen  Zeit  zu  nennen:  Alexander  von  Tralles,  welcher  in  seinen 
Blßfact  iccTQixa  övoxai'öexcc  die  Pathologie  topographisch  vom  Kopf  bis 
zu  den  Zehen  (mit  dem  Kopfschmerz  beginnend  und  beim  Podagra  endend) 
und  schliesslich  noch  die  Lehre  vom  Fieber  abhandelte,  sich  ziemlich  frei 
von  dem  Aberglauben  seiner  Zeit  hielt,  manche  treffliche  Bemerkungen 


Jacobus  Soter. 


Alexander 
von  Tralles. 


38  Die  Medicin  im  römischen  Staate. 

vorzüglich  über  topische  Störungen  (z.  B.  des  Darmkanals)  machte.  Er 
ist  im  Anfang  der  Erkrankungen  für  eine  energische  und  abschneidende 
Therapie,  verlangt  aber,  bei  der  Behandlung  überall  den  Gesammtzustand 
des  Kranken  mehr  als  das  einzelne  Symptom  zu  beachten.  Eine  Hel- 
minthologie, welche  ihm  zugeschrieben  wird,  handelt  ziemlich  vollständig 
die  Eingeweidewürmer  ab. 

AetiusvonAmida.  Etwas  mehr  wissenschaftliche  Thätigkeit  erhielt  sich  in  dem  oströmi- 
schen Reiche.  Aetius  von  Amida,  Coraes  obsequii  in  der  Leibgarde 
zu  Constantinopel  (540) ,  machte  eine  Sammlung  von  Excerpten  aus 
medicinischen  Werken,  und  obwohl  durchdrungen  vom  Glauben  an  Wunder 
und  von  der  Wirkung  der  Beschwörungen  und  dem  unmittelbaren  göttlichen 
Einfluss  auf  die  Arzneimittel  (tovto  tb  (paqfictxov  [leycc  iarl  xvqlov  f[(iwv 
fivaziqQiov)  ist  er  immerhin  ein  verhältnissmässig  guter  Beobachter. 

Auch  in  Alexandrien  zeigten  sich  da  und  dort  noch  hervorragendere 
Männer,  wie  z.  B.  Palladius,  welche  jedoch  grösstenteils  in  iatrosophi- 
stischer  Weise  medicinische  Fragen  behandelten,  bis  im  7.  Jahrhundert 
durch  die  Saracenen,  welche  Egypten  eroberten,  die  Universität  Alexan- 
drien vernichtet  und  dadurch  dieser  wichtige  Herd,  an  dem  die  Kultur 
noch  gepflegt  worden  war,  zerstört  wurde. 
Theophüus.  Im  7.  Jahrhundert  zeichnete  sich  Theophil us   von  Constantinopel, 

Protospatharius  des  Kaisers  Heraclius,  aus.  Er  war  nicht  nur  Verehrer 
des  Hippocrates  und  Galen,  sondern  auch  selbständiger  Forscher  in  ana- 
tomischem und  physiologischem  Gebiete.  Er  entdekte  die  Geruchsnerven, 
war  jedoch  einer  phantastischen  Teleologie  ergeben  und  in  der  Semiotik 
der  Krankheiten  unklar  und  dürftig. 

Paul  von  Aegina.  Paul  von  Aegina,  ungefähr  zur  selben  Zeit,  war  ein  geschikter  Chirurg 
und  Geburtshelfer  und  wurde  in  diesen  Gebieten  Autorität  für  das  ganze 
Mittelalter.  Er  erfand  das  Speculum  vaginae  und  war  Herausgeber  eines 
verhältnissmässig  kurzen  Compendiums  über  die  gesammte  Medicin 
{sTtuo^g  ßißXiu  enra.) 
Theophanes  Theophanes  Nonnus  war  ein  Sammler  und  Excerpist  aus  dem  10. 

Michael  Pseiius.  Jahrhundert;  Michael  Psellus  ein  gelehrter  und  denkender  Encyklopäde 
des  11.  Jahrhunderts,  der  aber  bald  durch  seine  eigenen  ausgearteten 
Schüler  und  ihre  Sophistik  beseitigt  wurde. 

character  der  Diese    wenigen  Namen    verdienen  unter    der    zahllosen  Menge  von 

nachp!ܰiSchen  Aerzten,  welche  ein  halbes  Jahrtausend  hindurch  in  dem  unermesslichen 
römischen  Reiche  wirkten,  eine  rühmende  Erwähnung.  Die  unendliche 
Mehrzahl  ging,  ohne  Spuren  zu  hinterlassen,  dem  Gewinn  der  handwerk- 
mässig  betriebeneu  Beschäftigung  nach.    Die  ärztliche  Thätigkeit  bestand 


Praxis. 


Nachgalenische  Zeit. 


39 


in  einer  völlig  gedankenlosen  Anwendung  zahlreicher,  als  Heilmittel  em- 
pfohlener Mittel.  Als  Erfahrung,  Empirie,  galt  die  blinde  Annahme  jeder 
Art  von  Aberglauben  und  Unsinn.  Nicht  nur  aller  denkbare  Koth  und 
Unrath  wurde  als  Arzneimittel  gebraucht,  sondern  die  Beschwörungen 
der  Krankheiten  und  die  Heilungen  durch  Sprüche  und  magische  Namen, 
die  sympathetischen  Curen,  die  Amulete  und  Zauberformeln  wurden  von 
den  Aerzten  theils  selbst  geübt,  theils  ihre  Wirksamkeit  wenigstens  be- 
dingungsweise anerkannt.  Mit  hebräischen  und  chaldäischen  Namen 
wurden  viele  Heilungen  bewirkt;  besonders  waren  die  Worte  Sabaoth  und 
Adonai  wirksam.  Arabische  Sprüche  waren  gleichfalls  sehr  beliebt  bei 
den  Curen,  und  gewöhnliche  Mittel  erhielten  durch  geheimnissvolle  Be- 
sprechung jhre  Kraft.  Oft  waren  die  heilsamen  Worte  gar  keiner  be- 
kannten Sprache  entlehnt,  aber  sie  dienten  nichtsdestoweniger,  fremde 
Körper  aus  dem  Fleische  zu  ziehen  und  Sterbende  zum  Leben  zurükzu- 
führen.  Je  fremdartiger  die  Worte,  um  so  wirksamer  und  erwünschter. 
Schon  Galen  beklagt  sich,  dass  viele  Aerzte  nur  Arzneimitteln  mit  egyp- 
tischen  oder  babylonischen  Namen  Vertrauen  schenken.  Besonders  aber 
galt  es,  die  Dämonen,  die  als  Ursache  aller  Krankheiten  angesehen  wurden, 
zu  beschwören,  und  nicht  nur  Amulete  sollten  vor  ihnen  schüzen,  sondern 
zahllose  Zauberformeln  dienten  zu  ihrer  Austreibung.  Für  jedes  Symptom 
hatte  man  einen  eigenen  Exorcismus,  und  jeder  neu  auftretende  Schwindler 
bedurfte  auch  neuer  Formeln  und  Zeichen. 

Und  doch  hätte  es  den  Aerzten  keineswegs  an  Material  der  Beobachtung 
und  des  Nachdenkens  gefehlt.  Mehrere  pestartige  Krankheiten  wütheten 
in  wiederholten  Umzügen:  die  sogenannte  Pest  des  Cyprian  (255  —  265), 
die  Seuchen  von  312,  455  und  543  (Pest  des  Justinian),  die  Blattern; 
doch  dieser  Krankheiten  geschieht  bei  den  ärztlichen  Schriftstellern  fast 
nicht  die  leiseste  Erwähnung. 

Zu  Erfahrungen  in  der  Chirurgie  war  durch  die  ewigen  Kriege  die 
reichste  Gelegenheit  gegeben;  aber  die  Aerzte  zeigten  keinen  Eifer,  sie  zu 
benüzen.  Kaiser  Mauritius  (am  Ende  des  6.  Jahrhunderts)  ordnete  einen 
wohl  organisirten  Felddienst  für  die  Blessirten  an ;  der  Aerzte  wird  dabei 
gar  nicht  gedacht. 

Die  christliche  Bruderliebe  führte  im  4.  und  5.  Jahrhundert  Kranken- 
häuser ein,  welche  schon  im  6.  zahlreich  wurden  und  eine  sorgfältige  Ein- 
richtung und  Ausstattung  für  die  Pflege  der  Kranken  und  Gebrechlichen 
erhielten.  Aber  die  Aerzte  waren  von  ihnen  ausgeschlossen  und  die 
Heilung  wurde  von  Mönchen  mittelst  Gebet,  Magie  und  rohester  Er- 
fahrung besorgt. 

Zwar  zeigten  viele  unter  den  Aerzten  noch  ein  geistiges  Bedürfnis,    iatrosophistik 


Epidemische 

Krankheiten. 


Chirurgie. 


Krankenhäuser. 


40 


Die  Medicin  im  römischen  Staate. 


aber  es  befriedigte  sich  entweder  in  sophistischen  Spizfindigkeiten  und 
dialectischen  Wortklaubereien,  was  die  Iatrosophisten  Medicina  rationalis 
nannten  und  wobei  sie  die  Brutalität  ihres  scheinbaren  Rationalismus  ver- 
geblich durch  die  Maasslosigkeit  ihrer  Subtilitätensucht  verdekten;  oder 
es  erging  sich  in  mystisch-dogmatischem  Grübeln  nach  der  Weise  der 
neuen  platonischen  und  neupythagoräischen  Philosophenschulen. 

Schon  fing  man  an,  selbst  diese  theoretischen  Phantasien  nicht  mehr 
an  die  eigene  Betrachtung  der  Natur  anzuknüpfen,  sondern  die  über- 
kommenen Aufzeichnungen  des  Hippocrates  und  späterer  Schriftsteller, 
namentlich  Galen's,  als  Forschungsobjecte  anzusehen,  wobei  man  grössten- 
teils nur  mit  den  dort  niedergelegten  Hypothesen  commentirend  sich 
beschäftigte.  An  medicinischer  Literatur  war  Ueberfiuss,  .Mund-  und 
Schreibfertigkeit  ohne  Beispiel;  aber  niemals  ist,  so  lange  in  der  Welt 
geistige  Arbeit  geschieht,  bei  so  viel  Geschäftigkeit  so  wenig  zu  Stande 
gekommen. 


Der 

Process  des 

Ve  rfalls  der 

römischen 

Medicin 
und  seine 
Ursachen. 


Lage  der 

Civüisation 

und  des 

Gemeinwesens. 


Der  Process  eines  so  rapiden  Verfalls,  in  den  schon  vor  Galen  die 
Heilwissenschaft  eingetreten  war  und  in  dem  sie  unaufhaltsame  Fort- 
schritte machte,  bis  sie  in  gänzlicher  Auflösung  durch  die  Barbarei  des 
Mittelalters  endigte,  ist  interessant  genug. 

Er  wikelte  sich  ab,  lange  ehe  die  Repräsentanten  des  Standes 
in  der  allgemeinen  Verwirrung  verschwanden,  ja  während  sie  durch 
Zahl  und  äussern  Glanz  wie  in  keiner  frühern  noch  spätem  Zeit  be- 
günstigt waren. 

Es  liegt  nahe,  diese  Degeneration  der  medicinischen  Wissenschaft  mit 
dem  Verfall  des  römischen  Staates  selbst  in  Verbindung  zu  bringen,  sie 
als  ein  Moment  der  Zersezung  der  gesammten  antiken  Civüisation  zu  be- 
trachten. Indessen  ist  nicht  zu  verkennen,  dass  die  Beziehungen  zwischen 
dem  Ganzen  der  Sitte  und  Cultur  und  zwischen  der  einzelnen  Wissen- 
schaft damals  nicht  so  unmittelbar  gewesen  sind. 

Die  Entartung  in  der  Medicin  trat  ein ,  lange  ehe  die  vernichtenden 
Stürme  über  die  civilisirte  Welt  hereinbrachen.  Man  könnte  geneigt  sein, 
jene  als  Vorboten  dieser  anzusehen  und  zu  behaupten,  dass  ein  Zeitalter, 
dem  der  Sinn  für  Naturforschung  abhanden  gekommen  ist,  für  Untergang 
oder  Umwälzung  reif  sei. 

Auch  die  sittliche  Verworfenheit,  durch  welche  die  römische  Kaiser- 
zeit verrufen  ist,  kann  nicht  als  wesentlicher  Grund  der  wissenschaftlichen 
Corruption  gelten ;  denn  wenn  auch  durch  jene  die  höhern  und  höchsten 
Kreise  verdorben  waren,  und  mit  ihnen  ein  Städtepöbel  von  seltener  Roh- 
heit und  Niederträchtigkeit  wetteiferte,  so  ist  doch  mit  Bestimmtheit  anzu- 


Ursachen  des  Verfalls  der  Medicin. 


41 


nehmen,  dass  die  Moralität  der  mittleren  Schichten  eine  ungleich  bessere 
war,  und  die  Beispiele  von  selbstvergessendem  Heroismus  und  von  Opfer- 
freudigkeit für  Ideen  sind  wohl  niemals  so  zahlreich  gewesen,  als  in  den 
Zeiten  der  Christenverfolgung. 

Ebensowenig  kann  der  politische  Druk  als  directe  Ursache  der  Ver- 
kümmerung angesehen  werden.  Gerade  die  Heilwissenschaft  erfreute  sich 
ohne  Ausnahme  der  offiziellen  Begünstigung  und  fand  nicht  nur  unter  den 
bessern  Kaisera,  sondern  selbst  unter  den  blutigsten  Wütherichen  eifrige 
Protectoren. 

Ueberhaupt  war  wenigstens  in  den  vier  ersten  Jahrhunderten  unserer 
Zeitrechnung  nichts  weniger  vorhanden,  als  eine  Abneigung  gegen  Studien 
und  wissenschaftliche  Beschäftigungen.  Hohe  Schulen  erstanden  an  allen 
Orten ;  sie  und  die  Gelehrten  wurden  von  den  meisten  unter  den  Kaisern 
begünstigt.  Mehrmals  sassen  Philosophen  von  der  strengsten  Farbe  auf 
dem  Throne  (Hadrian,  die  Antonine,  Julian)  und  suchten  ihren  grössten 
Ruhm  in  wissenschaftlichen  Erfolgen.  Schon  desshalb,  aber  überhaupt 
nach  der  ganzen  Stimmung  der  Zeit  war  gelehrte  Bildung  für  Jedermann 
von  einigen  socialen  Ansprüchen  unerlässlich.  Die  Wissenschaft  war 
Mode  geworden  und  blieb  es  Jahrhunderte  hindurch.  Wissenschaftliche 
Discussionen  vermochten  die  Bevölkerung  einer  ganzen  Stadt,  einer  ganzen 
Provinz  zu  alaimiren,  und  alle  politische  Noth  wurde  über  literarischen 
Händeln  vergesen. 

Die  Medicin  aber  war  bereits  in  ihrem  Verfall  zu  hohem  Grade  vor- 
geschritten ,  laige  ehe  die  sonstigen  geistigen  Interessen  sich  ver- 
schwächten, ja  während  ein  erneuertes  Leben  der  Ideen  in  der  jungen 
Kirche  wie  durcli  die  lezten  Anstrengungen  des  alten  Glaubens  und  durch 
den  Eifer  in  de*  Regeneration  philosophischer  Schulen  sich  bethätigte. 
Die  Medicin  warschon  dem  Abgrund  nahe,  als  die  bildende  Kunst  noch 
kaum  ihre  beste  ^eit  überschritten  hatte,  und  als  die  Rechtswissenschaft 
ihre  unübertrofferen  Gesezbücher  schuf.  Die  Medicin  scheint  in  ihrem 
Sturze  allen  anden  Culturseiten  vorangeeilt  zu  sein;  und  doch  haben  wir 
allen  Grund,  anzmehmen,  dass  die  Ursachen  ihrer  Zerrüttung  nicht  in 
ihr  allein  gelegen  eien. 

Allerdings  sirj  die  Ursachen  zum  Theil  in  der  Beschaffenheit  der 
ärztlichen  Wissenchaft  selbst  zu  suchen ,  wie  solche  von  der  Ungunst 
der  Zeiten  vorgefunden  wurde. 

Was  Baco  voij  der  antiken  Wissenschaft  überhaupt  sagt,  gilt  ganz 
vorzugsweise  von  per  Medicin  der  römischen  Zeit:  sie  war  wie  ein  Kind, 
fertig  zum  Schwann,  aber  unreif  zum  Zeugen. 


Ursachen  des 

Verfalls  in  dem 

Zustande   der 

Wissenschaft 

selbst  gelegen. 


42  Die  Medicin  im  römischen  Staate. 

Ihre  ganze  Grundlage  war  eine  glükliche  Naivetät  gewesen.  Als 
diese  eingebüsst  war,  kam  alles  Positive  abhanden,  und  die  Redensarten 
blieben  im  alleinigen  Besiz.  Die  Naivetät  an  sich  aber  ist  fortbildungs- 
unfähig. Wo  sie  verloren  gegangen  ist,  ohne  etwas  Anderes  zu  hinterlassen, 
wird  jeder  Restaurationsversuch  zur  Carricatur.  Die  Naturforschung  des 
Alterthums  hatte  lediglich  keine  oder  eine  durchaus  verkehrte  Methode. 
Jeder  Fortschritt,  jeder  Zuwachs  zum  Wissen  war  Sache  des  Zufalls, 
und  für  den  Werth  des  Hinzukommenden  fehlte  jeder  Maasstab.  Die 
Methode  der  Forschung  aber  ist  es  allein,  welche  die  Thatsachen  sichert 
und  ihren  Werth  bestimmt,  und  welche  in  schlechten  Zeiten  die  Disciplin 
unter  den  Geistern  zu  erhalten  vermag  und  die  Umwendung  aus  Irr- 
gängen erleichtert. 
EinAuss  der  zeit.  Andererseits  aber  war  die  Zeit  selbst  einer  gesunden  Gestaltung  der 
Naturforschung  so  feindlich  wie  möglich.  Es  gibt  Zeiten  ,  welche  der 
Naturforschung  und  damit  der  Medicin  vorzugsweise  günsüg ,  andere 
welche  ihr  in  hohem  Grade  ungünstig  sind.  Weder  die  Einen  noch  die 
Andern  fallen  einfach  und  ohne  weiteres  zusammen  mit  der  Rührigkeit 
auf  andern  Gebieten  des  Geistes,  mit  den  Culminationsperbden  anderer 
Wissenschaften,  weder  mit  den  Epochen  der  höchsten  pditischen  oder 
kirchlichen  Spannung  der  Gemüther,  noch  mit  deren  Erschlaffung  und 
Ermüdung ;  und  doch  ist  der  Sinn  für  Naturforschung  unl  die  Fähigkeit 
zu  derselben  an  gewisse  zeitliche  Stimmungen  gebunden. 

Bedingung  jedes  Erfolgs  in  der  Erforschung  der  Natir  ist  Unbefan- 
genheit des  Geistes,  mag  diese  nun  instinktmässig  oder  dirch  Gewöhnung 
geläufig  geworden  oder  durch  Bildung  erworben  sein.  W)  das  Bedürfniss 
für  rüksichtslose  Ermittlung  der  Wahrheit  mit  richtiger  Methode ,  sie 
zu  finden,  sich  verbindet,  da  ist  ein  guter  Boden  für  die  Naturwissen- 
schaften und  für  die  Medicin.  Aller  Zwang ,  alle  bildende  Autorität, 
mag  sie  von  oben  oder  von  den  Massen  kommen,  mag  se  durch  politische 
Macht  oder  durch  die  Sazungen  der  Kirche,  durch  Herrchaft  einer  Schule 
oder  durch  traditionelle  Vorurtheile  auferlegt  sein,  ma|  sie  den  Einzelnen 
treffen  oder  ganze  Generationen  beherrschen,  fälscht  de  Forschung  nicht 
nur  für  den  Augenblik,  sondern  wirkt  nachhaltig  lähmnd  auf  die  weitere 
Entwiklung. 
Die  Macht  der  Der  Charakter   der  römischen  Kaiserzeit  aber  wir  gerade  der  der 

blinden  Unterwerfung  unter  Autoritäten  jeglicher  Art.  Die  Demüthigung 
unter  die  kaiserliche  Schrekensherrschaft  ist  nicht  er  einzige ,  nicht 
einmal  der  schlagendste  Beweis  dafür.  Die  Macht  der  Kirche  lastete 
nicht  weniger  fesselnd  auf  den  Geistern ,  und  das  tdürmiss ,  sich  zu 
beugen,  zeigte  sich  in  der  eifrigen  Habilitirung  der  Güter  aller  Religionen 


Autoritäten. 


Ursachen  des  Verfalls  der  Medicin. 


43 


durch  die  römischen  Gewalthaber.  Dasselbe  Bedürfniss  der  Autorität 
sprach  sich  in  der  Unterwerfung  unter  jeden  Aberglauben  und  Wunder- 
glauben aus  ,  und  keiner  war  absurd  genug ,  dem  man  nicht  huldigen  zu 
müssen  meinte.  Selbst  den  Gelehrtesten  und  Gebildetsten  war  der  Wun- 
derglaube eine  selbstverständliche  Sache.  Das  Beschwören  von  guten 
und  bösen  Geistern ,  der  Verkehr  mit  Dämonen ,  das  Citiren  von  Ver- 
storbenen, das  Auferweken  der  Todten,  die  Wunderheilung  von  Krank- 
heiten und  andere  Mirakel ,  das  Deuten  aus  den  Sternen  und  die  prophet- 
ische Ekstase  waren  ganz  alltägliche  Erfahrungen,  an  denen  ein  Zweifel 
fast  unerhört  war. 

Nicht  minder  tyrannisch  war  die  Macht  der  Zeitrichtung  für  die  ganze 
Gemüthsstimmung ,  welche  auf  dem  gemeinen  Leben  wie  auf  den  wissen- 
schaftlichen Arbeiten  lastete.  Ein  frömmelnder  Mysticismus,  ein  unge- 
sundes ,  phantastisches  und  schwärmerisches  Wesen ,  eine  krankhafte 
Sehnsucht  nach  der  guten  alten  Zeit,  deren  Bräuche  und  Formen  man 
mit  Gewalt  zurükführen  wollte,  eine  sentimentale  Ueberschwänglichkeit, 
die  freilich  zum  grossen  Theil  nichts  weiter  als  Gefühlsheuchelei  war, 
eine  Hinneigung,  aus  dem  öffentlichen  Leben  in  eine  beschauliche  Ein- 
samkeit sich  zurükzuziehen  oder  in  Geheimbünden  und  ihren  Mysterien 
Ersaz  für  die  Alltäglichkeit  zu  finden,  kurz  all  das,  was  man  mit  dem 
Ausdruk  der  Romantik  zusammenfassen  kann,  durchdrang  die  ganze  Be- 
völkerung. Sinnlose,  phantastische  Moden  hielten  ihre  epidemieartigen 
Umzüge  und  rissen  unwiderstehlich  die  Massen  mit  sich  fort.  Die  Schulen 
der  Neuplatoniker  und  Neupythagoräer  mit  ihrem  schwärmerischen  und 
mysteriösen  Pathos,  die  Ausartungen  der  christlichen  Kirche,  wie  die 
gewaltsamen  Restitutionsversuche  des  Heidenthums  in  sinnlich  symbol- 
ischer Verkleidung  haben  sämmtlich  dieser  Stimmung  des  Zeitalters 
Rechnung  gethan. 

Gegen  die  Engheit  und  Ungesundheit  des  geistigen  Lebens  vermochten 
auch  einzelne  Stimmen  aufgeklärterer  Köpfe  (z.  B.  Lucian)  wenig  oder 
nichts.  Ihr  Hohn  und  ihre  Skepsis  wirkte  als  angenehmer  Kizel  für  die 
durch  die  romantische  Schwärmerei  nur  zugedekte  Frivolität,  und  sie 
selbst  vervollständigen  nur  mit  ihren  Sarkasmen  das  Bild  eines  durch 
und  durch  unwahren,  verkünstelten  und  befangenen  Zeitalters. 

Antiquarische  Studien  ohne  Sinn  für  historische  Auffassung,  ein  Ge- 
rede ohne  Inhalt  in  einer  gezierten  und  weichlichen  Form ,  künstliche 
Phrasen  ohne  Gedanken  bildeten  die  Literatur,  und  die  romantische 
Färbung  verfälschte  alle  natürlichen  Empfindungen  und  Einfälle.  Der 
Geschmak  war  im  äussersten  Grade  verdorben,  und  sehr  allgemein  wurden 
wissenschaftliche  Werke  in  Versen  geschrieben. 


Romantische 
Stimmung. 


Charakter  der 
Gelehrsamkeit. 


44  Die  Medicin  im  römischen  Staate. 

Die  empirischen  Wissenschaften  sah  man  für  abgeschlossen  an.  Auch 
in  diesem  Gebiete  war  das  Vorgefundene  eine  unantastbare  Autorität, 
vor  der  man  sich  beugte.  Mit  pedantischer  Gelehrsamkeit  sammelte  und 
commentirte  man,  und  Streitigkeiten  über  verschiedene  Lesearten  und 
grammatische  Fragen  gelten  für  die  wichtigsten  Forschungen  in  Gebieten, 
auf  denen  nur  die  Beobachtung  das  Wort  haben  sollte. 
Einiiuss  der  Nicht  unwichtig  war  ferner  der  Einfluss  des  jüdischen  Volkes,  das, 

in  allen  Theilen  des  römischen  Reiches  zerstreut,  überallhin  seine  Ge- 
schäftigkeit im  Minutiösen,  seine  Schlauheit  in  der  Ueberredung,  seine 
Anhänglichkeit  an  die  Tradition  und  seine  Neigung  zum  Grübeln  ver- 
breitete. Die  Verachtung,  mit  der  man  den  Hebräer  behandelte,  hinderte 
nicht,  dass  der  Talmud  und  noch  mehr  die  jüdische  Geheimlehre,  die 
Kabbala,  rasch  als  neue  Autoritäten  zu  den  alten  hinzugefügt  und  mit 
ganz  besonderer  Scheu  und  Vorliebe  gepflegt  wurden.  Die  Juden  selbst, 
troz  der  Verfolgungen,  die  sie. erduldeten,  wussten  bald  des  Punktes  sich 
zu  bemächtigen ,  von  welchem  aus  sie  ihre  Dränger  beherrschen  und  aus- 
beuten konnten.  Sie  gelangten  zu  grossem  Ansehen  in  der  Schule  und 
Literatur  und  trugen  wesentlich  dazu  bei,  derselben  den  Stempel  des  ver- 
bissenen Pedantismus  und  der  finstern ,  hartnäkigen  und  streitsüchtigen 
Schulweisheit  aufzudrüken. 
Kirche  und  Staat.  Was  die  neue  Kirche  anbelangt,  so  kann  man  von  dem  Einfluss  des 
Christenthums  eigentlich  nicht  sprechen ;  denn  so  lange  dasselbe  sich  in 
unverfälschter  Weise  befand,  hatte  es  keinen  Einfluss  auf  die  Wissen- 
schaften, und  als  es  diesen  erlangte,  war  es  entartet.  Die  Kirche  der 
spätem  römischen  Zeit  war  mehr  als  hemmende  Autorität. 

Die  officielle  Begünstigung  der  gelehrten  Welt,  die  ihr  gemeinschaft- 
lich mit  Sterndeutern  und  Zauberern  zu  Theil  wurde ,  und  ihre  Aufnahme 
in  die  vornehmen  Kreise  schüzte  nicht  vor  allen  diesen  vergiftenden  Ein- 
flüssen. Ja  es  wurden  dadurch  die  Rüksichten  vor  der  Autorität  jeder 
Gattung  nur  noch  eindringlicher  zur  Pflicht  gemacht  und  damit  die  Cor- 
ruption  der  Wissenschaft  vervollständigt. 

Untergang.  Nachdem  die  Heilkunde  durch  ihre  eigenen  Vertreter  bereits  bis  zur 

äussersten  Herabwürdigung  gesunken  war,  kam  in  der  lezten  Zeit  der 
antiken  Periode  noch  direkter  Druk  von  aussen  hinzu.  Durch  Magie  und 
Zauberformeln  wurden  die  Medicamente ,  und  durch  Gaukler  die  Aerzte 
aus  der  Mode  verdrängt.  Den  Lezteren  war  die  Gestaltung,  welche  all- 
mälig  die  christliche  Kirche  annahm,  besonders  wenig  geneigt,  da  Spuren 
ungläubiger  Denkweise  noch  immer  unter  ihnen  sich  bemerkbar  machten, 
und  schon  die  Berufung  auf  die  Heiden  Hippocrates  und  Galen  als  eine 


Untergang  der  medicinischen  Wissenschaft.  45 

Versündigung  erschien.  Die  christliche  Geistlichkeit  richtete  daher  ihre 
eigenen  ärztlichen  Schulen  ein,  zu  denen  man  sich  durch  die  Psalmen 
David's,  das  neue  Testament  und  durch  das  Studium  theologischer  Streit- 
schriften vorbereitete.  Die  Klosterschule  von  Edessa  erhielt  eine  Zeit 
lang  besondern  Ruf.  Nicht  lange  aber  verblieb  es  bei  der  blossen  Neben- 
buhlerschaft; denn  als  die  christliche  Kirche  zur  Herrschaft  über  den 
Kaiserthron  gelangte,  da  änderte  die  Verfolgung,  die  zuvor  die  neue 
Kirche  misshandelt  hatte,  ihre  Richtung  und  nahm  vielfach  die  früher 
von  den  Gewalthabern  beschüzten  Philosophen  und  Aerzte  zum  Ziel. 

Die  hereinbrechende  Barbarei  des  Mittelalters  vernichtete  schliesslich 
Alles,  was  von  geistigem  Leben  übrig  geblieben  war,  bis  auf  den  Grund. 


DEITTER  ABSCHNITT. 
Die  Medicin  im  Mittelalter. 


Die  Araber. 


Mesue  ,    Serapion 
und  Rhazes. 


Spanische 

Araber : 

Avenzoar, 

Averroös. 


Die  Wiedererwekung  der  ärztlichen  Kunst  und  Wissenschaft  ging  von 
den  Arabern  aus.  Doch  scheint  es,  dass  die  ersten  ärztlichen  Kenntnisse 
von  Juden  und  Christen  zu  ihnen  gebracht  wurden.  Man  nennt  unter 
solchen  den  Priester  Ahron  (im  7.  Jahrhundert),  die  Familie  Baktischuah 
(im  8.  und  9.  Jahrhundert  Leibärzte  der  Kalifen),  Ben  Isaak  und  Isa 
ben  Ali.  Hierdurch  gelangte  ohne  Zweifel  die  Kenntniss  Galen's  unter 
die  Araber,  welche  streng  an  diese  Autorität  sich  anschlössen  und  an  ihr 
festgehalten  haben. 

Sofort  machten  sich  vom  9.  Jahrhunderte  an  eine  Anzahl  Aerzte  aus 
Bagdad,  Persien  und  Syrien  bemerklich,  unter  denen  vornehmlich  Mesue 
und  Serapion  zu  nennen  sind,  Rhazes  aber  (Abu  Bekr  elRari)  der  be- 
rühmteste wurde;  er  handelte  die  gesammte  Medicin  in  seinem  Almansor, 
die  Hauptsäze  in  Aphorismen  und  überdem  monographisch  die  Poken 
und  Masern  ab. 

Im  folgenden  Jahrhundert  wirkten  der  Jude  Isaak  BenSoliman  und 
der  Perser  Ali  ben  Abbas,  der  als  der  Königliche  bezeichnet  wurde.  Im 
11.  Jahrhundert  folgte  Ebn  al  Dschezzar  und  Mesue  der  jüngere,  be- 
sonders aber  der  durch  Gelehrsamkeit  und  Abenteuer  am  meisten  hervor- 
ragende Avicenna  (Ebn  Sinah).  Einer  der  lezten  aus  dem  östlichen 
Reiche  war  Abul  Käsern  (Anfang  des  12.  Jahrhunderts). 

Die  arabische  Medicin  hatte  aber  ihre  Fortsezung  in  Spanien  und 
kam  dort,  vornemlich  in  Cordova,  noch  zu  höherem  Glänze.  Auch  hier 
war  sie  untermischt  mit  jüdischen  Gelehrten  unter  arabischen  Namen. 
Die  berühmtesten  der  spanischen  Schule  waren  Avenzoar  (Ebn  Zohar) 
1070  —  1162;  Averroes  (Abul  Ben  Roschd)  1149  —  1198;  Ma/mo- 
nides  (Musa  BenMaimon,  ein  jüdischer  Rabbiner)  1139 — 1209;  Albei- 
thar  aus  Malaga  (Ebn  Albeithar)  im  13.  Jahrhundert, 


Die  Araber. 


47 


Die  wissenschaftliche  Bedeutung  der  Arabisten  ist  im  Ganzen   nicht  wissenschaftliche 
gross.    Von  Anatomie  und  Physiologie  wussten  sie  nur,  was  in  Aristoteles        edeu«"ns- 
und  Galen  sich  vorfand.     In    der   theoretischen  Pathologie    folgten    sie 
gleichfalls  blindlings  dem  Galen.     Dagegen  zeigten  sie  ihre  praktische 
Begabung  in  zahlreichen  guten  Bemerkungen  und  Beobachtungen ,  vor- 
nehmlich in  Bezug  auf  Semiotik  und  Prognostik. 

Unter  den  Krankheitszeichen  widmeten  sie  dem  Urin  die  grösste 
Aufmerksamkeit.  Für  die  Botanik  und  Pharmacologie  zeigten  sie  über- 
wiegende Vorliebe  und  die  Zahl  ihrer  Mittel  ist  äusserst  gross;  doch 
hielten  sie  sich  auch  in  diesem  Gebiete  an  Galen  und  Dioscorides ; 
einiges  chemische  Geschik  scheint  sie  in  ihren  pharmacologischen  Neig- 
ungen unterstüzt  zu  haben.  Metalle,  Narcotica,  Reizmittel  finden  schon 
umfangreiche  Anwendung  bei  ihnen.  Besonders  aber  schäzten  sie  Cos- 
metica  und  Aphrodisiaca.  Die  Chirurgie  und  die  Geburtshilfe  wurden 
von  den  Arabern  in  hohem  Grade  vernachlässigt. 

Die  Araber  haben  der  Hauptsache  nach  aus  den  Griechen  geschöpft 
und  sie  haben  dadurch  mindestens  das  Ansehen,  zum  Theil  auch  die 
Lehren  der  Lezteren  durch  mehre  Jahrhunderte  conservirt.  Allein  freilich 
haben  sie  dabei  ihre  Originale  vielfach  entstellt,  falsch  verstanden,  durch 
schlechte  Uebersezungen  verdorben  und  mit  ihren  eigenen,  meist  wenig 
glüklichen  Zusäzen  verunreinigt. 

Nach  der  Zerstörung  von  Bagdad  und  der  Eroberung  von  Cordova 
(Mitte  des  13.  Jahrhunderts)  kamen  selbständige  Medicinautoren  nur 
noch  vereinzelt  und  ohne  alle  Bedeutung  vor.  Dagegen  blieben  die 
Schriften  der  arabischen  Aerzte  noch  eine  geraume  Zeit  im  höchsten 
Ansehen,  anfangs  als  Fundgrube  für  Geheimmedicin,  später  als  vollste 
und  öffentlich  anerkannte  Autorität.  Wie  sie  selbst  aber  die  Griechen 
in  ihren  Uebersezungen  verunstaltet  hatten,  so  wurden  auch  ihre  Schriften 
in  der  mangelhaftesten  und  verstandlosesten  Weise  in  die  gemeinste 
Sprache  der  Zeit,  in  ein  barbarisches  Latein,  übersezt. 


Untergang 

des  arabischen 

Reiches. 


Ein  zweites  Asyl  fanden  die  Wissenschaften  überhaupt  und  die  Me- 
dian insbesondere  in  den  Klöstern.  Vornemlich  waren  es  die  Benedictiner, 
welche  die  Heilkunde  pflegten ,  gleichzeitig  aber  auch  Alchymie  damit 
verbanden.  Die  Medicin  scheint  im  sechsten  Jahrhundert  in  den  Klöstern 
Eingang  gefunden  zu  haben,  als  der  Arzt  Cassiodor  in  den  Orden  der 
Benedictiner  eintrat.  Auch  die  Mönche ,  sofern  sie  überhaupt  wirkliche 
Medicin  trieben ,  und  nicht  durch  Gebete  und  Exorcismen  die  Krankheit 
zu  bannen  suchten,  hielten  sich  fast  ausschliesslich  an  Galen.  Erst 
später  zeigten  sich   in    einzelnen  Klöstern    selbständige  Regungen   und 


Mönchs- 
me  di  ein. 
Benedictiner. 


48 


Die  Medicin  im  Mittelalter. 


Schule  von 
Salern. 


man  fing  an ,  solche  Klöster  als  Medicinschulen  einzurichten ,  so  das 
Kloster  am  Monte  Cassino ,  angeblich  auf  den  Trümmern  eines  Aesculap- 
tempels  erbaut  (seit  830);  der  Ruf  dieser  Schule  wurde  vornehmlich  durch 
Constantinus  Africanus  (im  11.  Jahrhundert),  der  ausser  Hippocrates  und 
Galen  auch  noch  die  arabischen  Aerzte  berüksichtigte,  begründet.  Auch 
einige  englischen  Klosterschulen  zeichnete  sich  aus. 

Noch  weit  umfänglicher  und  dauernder  aber  wurde  die  Berühmtheit 
der  Schule  von  Salern,  in  welcher  Stadt  schon  frühzeitig  eine  gewisse 
Vorliebe  für  die  Medicin  geherrscht  zu  haben  scheint.  Die  Hochschule 
von  Salern,  vermuthlich  aus  einer  mönchischen  Medicinschule,  die  schon 
im  8.  oder  9.  Jahrhundert  bestanden  haben  mag,  hervorgegangen,  um- 
fasste  später  sämmtliche  Wissenschaften.  Ihr  Verhältniss  zur  Kirche 
ist  nicht  ganz  klar.  Nicht  zu  bezweifeln  ist,  dass  auch  Laien  und  selbst 
Frauen  am  Unterricht  mitwirkten. 

Die  Hauptblüthe  dieser  Schule  fällt  in's  11.  und  12.  Jahrhundert,  in 
welcher  Zeit  namentlich  Gariopontus ,  Copho ,  Nicolaus  Praepositus, 
Joannes  und  Mattheus  Platearius  daselbst  Lehrer  waren.  Das  berühmte 
Regimen  sanitatis  salernitanum,  eine  ausführliche  Diätetik,  mit  zum  Theil 
nicht  unzwekmässigen ,  oft  aber  burlesken  Vorschriften  und  einem  patho- 
logischen, pharmaceutischen  und  therapeutischen  Anhange,  alles  in  (meist 
leontinischen)  Versen,  ferner  das  neuerdings  aufgefundene  sogenannte 
Compendium  salernitanum  stammen  aus  jener  Zeit. 

Mit  dem  13.  Jahrhundert  fing  die  Schule  bereits  an  zu  sinken  und  im 
14.  war  sie  schon  um  alles  Ansehen  gekommen. 

Die  Salernitanische  Schule  hat  kaum  mehr  als  die  Bedeutung  eines 
Curiosums.  Eine  Leistung  in  der  Wissenschaft  —  abgesehen  von  der 
Conservirung  einiger  medicinischen  Reminiscenzen  —  ist  wohl  kaum  bei 
ihr  aufzufinden.  Dagegen  bietet  sie  ein  anziehendes  Beispiel  des  schlichten 
und  schlauen,  plumpen  und  humoristischen  Charakters  jener  Zeit. 

Es  scheint ,  dass  in  Salern  auch  die  Verleihung  academischer  Würden 
nach  der  Absolvirung  der  Studien  zuerst  eingeführt  worden  sei. 


Situation 
der  Aerzte. 


Troz  der  priesterlichen  Sanction  genossen  die  Aerzte  eines  sehr  ge- 
ringen Ansehens  unter  dem  Volke.  Männer  germanischer  Abkunft  hielten 
es,  wie  einst  die  Römer,  unter  ihrer  Würde,  sich  einer  Beschäftigung 
hinzugeben,  die  in  der  allgemeinen  Achtung  den  untersten  Rang  einnahm. 
Die  fürstlichen  Leibärzte  waren  gewöhnlich  Juden.  Bei  der  Behandlung 
gefährlicher  Kranken  wurde  Caution  verlangt,  und  starb  ein  Edelmann 
nach  einem  Aderlasse,  so  wurde  der  Arzt  der  Familie  preisgegeben. 
Frauen   durfte   nur   unter  Aufsicht   der  Verwandten  zur  Ader  gelassen 


Das  Wiedererwachen  der  Wissenschaft. 


49 


und      Studienvar- 
ordnungen. 


werden.  Nur  diejenigen  Aerzte,  welche  sich  mit  dem  Nimbus  der  Zauberei 
zu  umgeben  wussten ,  wurden  respectirt.  Fahrende  Harnschauer  oder 
Gaukler,  Mönche,  Hirten  und  alte  Weiber  waren  die  ärztlichen  Rathgeber 
der  niederen  Volksclassen;  Wallfahrten  und  Märkte  gaben  die  Gelegen- 
heit zu  der  Consultation. 

Selbst  unter  der  Geistlichkeit  blieben  die  medicinischen  Studien  immer 
anrüchig  und  verdächtig  und  die  Päpste  versuchten  wiederholt,  aber  ver- 
geblich, sie  überhaupt  oder  doch  wenigstens  die  medicinische  Praxis  den' 
Mönchen  zu  verbieten.  Nur  so  viel  sezten  sie  durch,  dass  dieselbe  auf  die 
niedere  Geistlichkeit  beschränkt  blieb,  die  höhere  dagegen  weiter  nicht  sich 
damit  besudelte. 

Erste    Spuren 

Mit  dem  12.  Jahrhundert   fingen   in   einzelnen    christlichen  Ländern  des  wiederer- 

wache  nden 

wieder  an,   auch  ausserhalb  der  Klöster  und  der  Salernitanischen  Schule  wissenschaff 
die  ersten  Spuren  eines  wissenschaftlichen  Sinnes  sich  zu  zeigen.  wehen    Sinm 

r  im  Abend- 

Von  grosser  Bedeutung  war  es,  dass  um  diese  Zeit  die  Gesezgebung  lande, 
sich  mit  der  Medicin  zu  beschäftigen  begann  und  die  ausübende  Praxis  unter 
Controle  stellte.  König  Roger  von  Sicilien,  1 140,  gab  das  erste  Medici-  Medicinai^eseze 
nalgesez  im  Mittelalter  und  machte  die  Ausübung  der  Praxis  von  der 
obrigkeitlichen  Erlaubniss  abhängig.  Noch  genauer  sind  die  Vorschriften 
Kaiser  Friedrich's  II.  (1224),  welcher  selbst  Freund  der  Natur  und  sogar 
naturwissenschaftlicher  Schriftsteller  war.  Durch  dieselben  wird  das  ärzt- 
liche Studium  geordnet  (3  Jahre  Logik  und  5  Jahre  Medicin  und  Chirur- 
gie nach  Hippocrates  und  Galen  mit  besonderer  Anempfehlung  der  Ana- 
tomie), die  Erlangung  der  Magisterwürde  und  eine  Staatsprüfung  verlangt, 
eine  Medicinaltaxe  festgesezt  und  den  Aerzten  das  Halten  von  Apotheken 
verboten.  Zugleich  ging  die  Medicin  mehr  und  mehr  in  profane  Hände  über 
und  wurden  die  Aerzte  sogar  der  Oberaufsicht  der  Geistlichkeit  entzogen. 

Die  zahlreichen  Universitäten,  welche  im  12.  und  13.  Jahrhundert  er- 
richtet wurden,  und  an  denen,  wenn  auch  nicht  im  Beginn,  doch  sehr 
frühzeitig  Facultäten  für  die  Medicin  entstanden,  förderten  das  Keimen 
der  Wissenschaften  mächtig.  Obwohl  sie  unter  geistlicher  Leitung  standen, 
dienten  sie  doch  dazu,  die  Kenntnisse  auch  in  andere  Kreise  zu  verbreiten. 
Vornehmlich  waren  es  die  Hochschulen  von  Bologna  (Gilbert),  Paris  (Al- 
bertus Magnus,  Lanfranchi,  Gilles  von  Corbeil,  Leibarzt  von  Philipp 
August  von  Frankreich),  auch  Montpellier,  an  welchen  mit  Eifer  Medicin 
getrieben  wurde. 

Freilich  war  dieses  Medicinstudium  noch  von  sehr  zweifelhafter  Wis- 
senschaftlichkeit und  der  Facultätsverband  trug  noch  mehr  dazu  bei,  die 
pedantische  Gelehrsamkeit  zu  fixiren.    Es  bildeten  sich  an  den  Facultäten 

Wunderlich,  Geschichte  d.  Medicin.  4 


Universitäten. 


50  Die  Median  im  Mittelalter. 

hochmüthige  Theoretiker  aus,  die,  wie  Arnald  von  Villanova  klagt,  bei 
aller  Gelehrsamkeit  kein  Klystir  appliciren  und  keine  Ephemera  heilen 
können.  Der  beste  Theil  des  Unterrichts  war  die  Exegese  von  Hippocrates, 
Galen,  den  Arabisten,  meist  nach  schlechten  und  verfälschten  Hand- 
schriften. Hierzu  kamen  einige  Bemerkungen  über  den  Werth  der  Zeichen 
und  über  die  Zubereitung  der  Arzneimittel.  Das  Verständniss  von  allem 
dem  und  die  höhere  Weihe  der  Erfahrungssäze  musste  die  sogenannte 
Scholastik  vermitteln. 

Scholastik.  Die  Scholastik,  zu  der  schon  Michael  Psellus  im  11.  Jahrhundert  den 

Grund  gelegt  hatte,  war  ein  Product  der  Combination  des  Christenthums 
und  der  Philosophie,  ein  Versuch,  das  Dogma  zu  rationalisiren.  Man  be- 
diente sich  zu  dieser  Aufgabe  vornehmlich  der  vielfach  verunstalteten  und 
verfälschten  Aristotelischen  Dialektik  und  der  Augustinischen  Theosophie, 
welche  mit  Aufgebot  der  äussersten  Spizfindigkeit  die  Gründe  für  die 
Wahrheit  und  Vernunftmässigkeit  der  von  der  Kirche  aufgestellten  Glau- 
benssätze liefern  mussten. 

Die  Eigeuthümlichkeit  der  Scholastiker  fixirte  sich  in  der  Art  der  Be- 
handlung des  Gegenstands,  in  dem  Festhalten  des  Buchstabens  derUeber- 
lieferung  und  in  der  Kunst,  durch  Häufung  von  Autoritäten  und  durch 
verquälte  Syllogismen  die  Beweise  zu  führen.  Uebrigens  theilten  sich  die 
Scholastiker  in  verschiedene  Secten :  Realisten  und  Nominalisten ,  welche 
sich  aufs  wüthendste  bekämpften. 

Die  Scholastik  war  kein  wissenschaftliches  System,  sie  war  eine  Me- 
thode; ihr  Wesen  war,  an  einem  Nichts  den  Scharfsinn  zu  üben. 

Diese  Methode  fand  in  der  Medicin  vom  12.  Jahrhundert  an,  beson- 
ders aber  im  13.,  die  ausgebreitetste  Anwendung.  In  der  Medicin  waren 
die  Säze  des  Galen ,  auch  w  ohl  des  Hippocrates  und  vieler  älteren  Com- 
mentatoren  die  Dogmen,  auf  welche  die  scholastische  Methode  angewendet 
wurde.  Nicht  nur  mussten  diese,  da  ihre  Wahrheit  eine  vorausgesezte 
war,  unter  einander  in  Einklang  gebracht  werden,  sondern  überdem  auch 
noch  mit  den  Dogmen  der  Kirche  und  mit  den  angenommenen  Anschau- 
ungen von  der  Natur.  Nahrung  zu  Streitigkeiten  und  tiefsinnigen  Forsch- 
ungen über  die  wichtigsten  Fragen  war  hier  in  Menge  gegeben  und  die 
Auflösungen  der  Probleme  gleichen  vielfach  ihrer  Art  nach  der  Expira- 
tion des  Amatus  Lusitanus,  welcher  den  7.  Tag  desshalb  für  critisch  hält, 
weil  die  Seele  aus  drei  Kräften  und  der  Körper  aus  vier  Elementen  be- 
stehe und  3  -\-  4  =  7  sei. 

Die  Scholastik  beherrschte  nicht  nur  grossentheils  die  ganze  Mönchs- 
medicin,  sondern  auch  die  der  Universitäten  im  12.  und  13.  Jahrhundert. 
Auch  im  darauffolgenden  Säculum,  ja  bis  in's  16.  war  sie  mächtig  genug 


Scholastik.  51 

Unter  den  Schriftstellern  der  medicinischen  Scholastik  sind  besonders 
einflussreich  gewesen : 

Thaddäus  von  Florenz  (1215 — 1300),  medicorum  magister,  plus-  Thaddäu*. 
quam  interpres  oder  zweiter  Hippocrates  genannt,  ein  Mann  von  ausser- 
ordentlichem Rufe,  bei  Papst  Honorius  IV.  einige  Zeit  Leibarzt  für  100 
Goldstüke  tägliches  Honorar  und  10,000  Goldstüke  nach  der  Herstell- 
ung. Ihm  und  seinen  Schülern  wurden  viele  Privilegien  ertheilt.  Er 
führte  zuerst  den  disputatorischen  Character  in  der  medicinischen  Lite- 
ratur ein,  indem  er  Hippocrates,  Galen  und  das  salernische  Regimen 
sanitatis  nach  Art  der  juristischen  Autoren  behandelte,  mit  Glossen  ver- 
sah, sodann  die  Quaestiones,  Disputationes,  Recollectiones  und  Quodli- 
betationes  folgen  Hess,  eine  Methode,  die  von  da  an  an  die  Stelle  der 
Aphorismen  oder  des  Knittelverses  trat.  Damit  war  die  scholastische  Form 
in  der  Medicin  eingebürgert. 

Peter  von  Abano   (1250):    sein   Hauptwerk    Conciliator  differen- Peter  von  Abano. 
tiarum  sollte  die  Dicta  der  ärztlichen  Autoritäten  mit  jenen  des  Aristoteles 
in  Einklang  bringen;  Johann  von  St.  Amand  (1277)  Expositio  supra    Johann  TOn  St- 

Amand. 

antidotarium  ISicolai;  Vincenz  von  Beauvais  (1292),'  Verfasser  einer      vincen*  von 
grossen  Encyclopädie.  Beauvais. 

Arnaldus  von  Villanova  (von  der  Mitte  des  13.  bis  in's  14.  Jahr-  Amaidus  vonvu- 
hundert  an),  den  die  Inquisition  als  Häretiker  verfolgte  und  der  gegen  die  lanova. 
Verbindung  der  Dialektik  mit  der  Medicin  eiferte,  war  nichtsdestowe- 
niger ganz  in  der  scholastischen  Weise  befangen,  ausserdem  ein  eifriger 
und  berühmter  Alchymist.  Den  Arzneimitteln  schrieb  er  ausser  der  pro- 
prietas  actualis  noch  ein  complexio  potentialis  zu,  die  man  nur  durch 
Vernunft,  aber  auf  keinem  empirischen  Wege  ermitteln  könne,  die  aber 
dessenungeachtet  die  wichtigste  sei.  Die  Fieber  theilt  er  ein  in  das  kleine 
Fieber,  aus  faulendem  Phlegma  in  den  Gefässen  und  verderbter  Galle 
ausser  denselben  entstehend  und  18stündige  Paroxysmen  machend;  das 
mittlere,  aus  faulender  Galle  in  den  Gefässen  und  verdorbenem  Phlegma 
ausser  ihnen  entstehend,  mit  26stündigen  Paroxysmen;  und  das  grosse 
Fieber,  aus  verdorbener  Galle  in  den  Gefässen  und  faulender  schwarzer 
Galle  ausser  denselben,  mit  40stündigen  Paroxysmen.  —  Eine  Reihe 
practischer  Aphorismen  von  Arnald  enthält  seine  Schrift:  Meditationes 
parabolae  secundum  instinctum  veritatis  aeternae  quae  dicuntur  regulae 
generales  cnrationis  morborum.  —  Auch  lehrte  er  die  graue  Queksilber- 
salbe  kennen  und  verbreitete  die  Destillation  der  ätherischen  Oele  und 
des  Weingeists. 

Torrigiano,  genannt  Plusquam  commentator  (1300),  war  einer  der  Andere  schoi&«- 
spizfindigsten  Scholastiker,  der  grosses  Ansehen  genoss  und  dessen  plus- 

4* 


52  Die  Medicin  im  Mittelalter. 

quam  commentum  in  Galeni  artem  parvam  eines  der  gewöhnlichen  Com- 
pendien  des  15.  Jahrhunderts  war.  —  Dinus  Garbo  (1320)  stellte  Un- 
tersuchungen darüber  an,  ob  der  Geist,  der  mit  dem  Samen  des  Vaters 
in  den  Uterus  gelange,  nur  aus  dem  Herzen  des  Vaters  oder  auch  aus 
dessen  Gliedern  komme,  ob  er  ein  Erkenntnissvermögen  besize  und  dergl. 
mehr.  —  Der  Britte  Bernard  von  Gordon  (um  dieselbe  Zeit)  mittelte 
in  seinem  Liliura  medicinae  aus,  dass  die  Galle  um  3  Uhr,  die  schwarze 
Galle  um  9  Uhr  und  der  Schleim  Abends  sich  bewege,  dass  die  Poken 
und  der  Aussaz  von  der  Conception  während  der  Menses  herrühren.  — 
Sein  gleichzeitiger  Landsmann  Joh.  Gaddesden,  ein  roher  Empiriker, 
aber  mit  scholastischem  Anstrich,  schrieb  eine  Rosa  anglica,  in  der  er 
viel  von  seinen  geheimen  Mitteln  spricht,  wendet  den  Branntwein  als  Uni- 
versalmittel an,  Schweinekoth  als  bestes  Mittel  für  Blutflüsse  und  heilt 
die  Läuse  in  den  Augbrauen  mit  Purganzen.  —  Zahlreiche  andere  Scho- 
lastiker und  Empiriker  aus  jener  Zeit  verdienen  keine  weitere  Erwähnung. 

Praxis  in  der         Es  lässt  sich  nicht  anders  erwarten,  als  dass  bei  solchen  Lehren  die 
«choiastischen  praxis  der  Aerzte  eine  jämmerliche  sein  musste.      Der  Glaube  an  den 

Zeit.  .  J 

Einfluss  der  Gestirne  und  der  bösen  Geister  war  so  allgemein ,  dass  der 
Arzt  zunächst  mit  der  Astrologie  und  mit  Beschwörungsformeln  (ars 
magna)  vertraut  sein  musste.  Die  Bestimmung  der  Constellation  der 
Gestirne  galt  als  die  wesentlichste  Untersuchung  zur  Deutung  der  Symp- 
tome, zur  Prognose  und  zur  Stellung  der  therapeutischen  Indication.  In 
jeder  Stunde  meinte  man ,  könne  die  Wirksamkeit  der  therapeutischen 
Proceduren  eine  andere  sein.  Die  Aderlässe  wurden  am  liebsten  vorge- 
nommen, wenn  der  Mond  im  Zeichen  des  Krebses  stand.  Bei  der  Con- 
stellation desselben  mit  dem  Saturn  waren  dagegen  alle  Wirkungen  der 
Aderlässe  und  der  Arzneimittel  gehemmt  und  besonders  Laxire  schädlich. 
Das  Bedürfniss,  den  Ruf  eines  Geisterbanners  und  Magikers  (Illuminatis- 
simus)  zu  haben,  machte  die  Geheimthuerei  geläufig.  Man  umgab  sich 
mit  seltsamen  Emblemen,  füllte  die  Stube  mit  chemischen  Apparaten  und 
imponirenden  Instrumenten  und  trachtete,  in  der  Masse  Staunen  und 
Scheu  hervorzurufen.  Selbst  die  Aussicht  auf  Gefängniss  und  Todes- 
strafe, welche  dem  Zauberer  drohten,  störte  nicht  in  dem  Bestreben,  die- 
sen verdächtigen  Ruhm  zu  erringen  und  Raimund  Lull  endete  sogar  frei- 
willig auf  dem  Scheiterhaufen  (um  1300).  Die  Tendenz  zum  Betrug  er- 
strekte  sich  bis  in  die  gewöhnlichsten  Verhältnisse  der  Praxis. 

In  der  Charlatanerie  wurde  förmlich  Unterricht  ertheilt.  In  einer 
dem  Arnald  fälschlich  zugeschriebenen  Schrift :  de  cautelis  medicorum 
z.  B.  heisst  es :  Bei  dem  Urtheil  aus  dem  Urin :  Tu  forte  nihil  scies.     Die 


Scholastik.  53 

quod  habet  obstructionem  in  hepate.  Dicet:  non  Domine,  irao  dolet  in 
capite.  Tu  debes  dicere,  quod  hoc  venit  ab  hepate.  Et  specialiter  utere 
hoc  nomine  obstructio,  quia  non  intelligunt  quid  significat  et  multum  ex- 
pedit,  ut  non  intelligatus  ab  illis. 

In  der  Semiotik  wurde  auf  den  Puls,  besonders  aber  auf  den  Urin  Rük- 
sicht  genommen  und  die  Uroscopie  gab  vorzugsweise  Gelegenheit,  den 
Arzt  als  einen  in  die  verborgensten  Geheimnisse  Eingeweihten  erscheinen 
zu  lassen.  Besonders  berühmt  Maren  im  12.  und  13.  Jahrhundert  die 
Regulae  urinarum  magistri  mauri.  Es  werden  darin  19  Farben  des  Urins 
unterschieden:  albus  (klarem  Wasser  gleich),  lacteus,  glaukus,  karopos 
(von  der  Farbe  derKameelhaare),  subpallidus,  pallidus  (dünn  fleischbrüh- 
artig), subcitrinus,  citrinus,  subrufus,  rufus  (goldgelb),  subrubens,  rubens 
(blutroth),  subrubicundus,  rubicundus  (braunroth,  safrangelb),  inopos 
(ähnlich  dem  trüben  umgestandenen  Weine),  kianos  (grau),  viridis,  lividus, 
niger.  Daneben  wurde  die  Menge  und  Consistenz  beobachtet.  Alle  Zeichen 
wurden  bezogen  auf  Wärme  oder  Kälte,  Trokenheit  oder  Feuchtigkeit  des 
Organismus. 

Von  der  Art  der  vorkommenden  Krankheiten  wird  aus  den  Scholastikern      Herrschende 
äusserst  wenig  erfahren.     Poken,  Masern  scheinen  vielfach  geherrscht  zu  Krankheiten  u°d 

_  *  Hospitäler. 

haben.  Des  heiligen  Feuers  und  anderer  Pesten  wird  Erwähnung  gethan, 
ohne  dass  ihre  nähere  Natur  erkannt  werden  konnte.  Von  Erkrankungen 
an  den  Genitalien,  als  deren  Grund  man  schon  vielfach  den  Beischlaf  be- 
schuldigte, wird  da  und  dort  gesprochen  (z.  B.  von  Bernard  von  Gordon, 
Gaddesden,  Peter  de  la  Cerlata  u.  A.  m.).  Chronische  Hautkrankheiten 
(Aussaz)  waren  ungemein  verbreitet  und  gaben  zur  Errichtung  zahlreicher 
Leprosenhäuser  Veranlassung.  In  Deutschland  ist  das  von  Bischoffsheim 
im  Rheingau  1109  eines  der  ersten  gewesen.  In  Leipzig  wurde  ein  solches 
von  dem  Thomas  Kloster  1213  gestiftet.  Die  Begeisterung  errichtete 
nicht  nur  Hospitäler,  sondern  ging  in  dem  Cultus  der  Kranken  bis  ins 
absurde  Extrem.  So  wird  von  der  heil.  Elisabeth  von  Thüringen  erzählt, 
dass  sie  nicht  nur  die  Leprosen  reinigte,  ihnen  die  Füsse  wusch,  sondern 
auch  die  Knollen  ihres  Aussazes  küsste. 

Bei    der  Therapie    waren    bestimmtes  Einhalten  gewisser  Festtage,  Therapie  in  der 
Wallfahrten  an  heilige  Orte,  Hersagen  von   Gebeten,  Messe  hören  und    8ChoIast"cIien 

°  °  Zeit. 

Messe  lesen  lassen,  dem  Stande  angemessene  Opfer  und  Schenkungen  an 
Kirchen  und  Klöster  die  wesentlichsten  und  unerlässlichsten  Elemente, 
ohne  welche  selbst  die  nichtgeistlichen  Aerzte  nicht  leicht  die  Kur  einer 
schweren  Krankheit  einleiteten. 

Daneben    waren    Beschwörungen ,    Zauberformeln ,    sympathetische 
Mittel  in  umfänglichster  Weise  in  Anwendung  gesezt,  theils  um  die  bösen 


54  Die  Medicin  im  Mittelalter. 

Geister  zu  bemeistern,  theils  aber  auch  in  der  Absicht,  die  Hilfe  des 
Schwarzen  selbst  in  Anspruch  zu  nehmen. 

In  der  medicamentösen  Therapie  war  das  Hauptbestreben,  eine  soge- 
nannte Universalmedicin  zu  finden,  welche  nicht  nur  die  Heilung  aller 
Krankheiten  bewirken,  sondern  als  Prophylacticura  und  als  Lebenselixir,  ja 
selbst  zur  gänzlichen  Beseitigung  des  Todes  dienen  sollte.  Von  demselben 
Mittel  erwartete  man  zugleich  die  Kraft,  die  Metalle  umzuwandeln  und 
sie  in  Gold  metamorphosiren  zu  können.  Viele  Aerzte  der  damaligen  Zeit 
wussten  die  Meinung  zu  verbreiten,  dass  sie  im  Besiz  dieser  köstlichen 
Medicin  sich  befinden. 

In  Ermanglung  derselben  begnügte  man  sich  aber  auch ,  alle  mög- 
lichen Mittel,  am  liebsten  die  ekelhaftesten  anzuwenden  und  vervielfältigte 
noch  den  Arzneiunrath  der  lezten  griechischen  Zeit  und  der  Arabisten. 
Die  zunehmende  Beschäftigung  mit  chemischen  Proceduren  führte  übrigens 
auch  manches  nüzliche  Präparat  ein. 

Besonders  häufig  angewandt  wurden  der  Bisam,  das  Ambra  und  ver- 
schiedene Edelsteine ;  sodann  einige  Compositionen  aus  der  römischen 
und  arabischen  Zeit,  in  welchen  zahllose  Mittel  gemischt  waren  und  von 
denen  für  die  wirksamsten  der  grosse  und  der  kleine  Theriak,  der  Mithri- 
dat  und  die  Aurea  Alexandrina  gehalten,  wurden.  Syrupe  waren  unge- 
mein häufig,  auch  Conserven  und  Pillen  waren  sehr  beliebt.  Mit  Salben, 
Oelen  und  Pflastern  wurde  sehr  viel  behandelt. 

Regungen  Regungen  einer  freieren  Anschauung  finden  sich  jedoch  schon  ziem- 

einer  bessern  jj^  zejtjg     Roger  Baco  (Mitte  des  13.  Jahrhunderts,  ein  Franziskaner) 
Roger  Baco.      verlangte,  dass  man  den  ächten  Aristoteles  statt  des  scholastischen  und 
dass  man  die  Natur  studiren  solle,  wofür  er  freilich  ins  Gefängniss  ge- 
worfen wurde  und  dem  Scheiterhaufen  kaum  entging, 
coiiegium  chimr-  '      Von  sehr  günstigem  Einfluss  war  die  Stiftung  des  Collegium  chirur- 
gicum  zu  Paris.  gicum  zu  p^  (zwischen  1260—78)  durch  Ludwig  IX.  und  seinen  Leib- 
chirurg Pitard,  als  eigene,  unabhängige,  namentlich  auch  von  der  Geist- 
lichkeit nicht  beengte  Schule,  welche,   in  beständigem  Kampfe  mit  der 
eifersüchtigen  medicinischen  Facultät,  an  reeller  Tüchtigkeit  ihrer  Leist- 
ungen diese  weit  überflügelte  und  den  wohlthätigen  Einfluss  der  Chirurgie 
auf  die  Medicin ,  der  von  da  an  zu  allen  Zeiten  in  Frankreich  sich  geltend 
machte,  vorbereitete, 
sectionen.  Ein  erster  wesentlicher  Fortschritt  in  der  thatsächlichen  Wissenschaft 

war  die  Wiedereinführung  der  Sectionen  menschlicher  Leichen ,  welche 
Mondini.        zuerst  Mondini  de'  Luzzi,  Professor  in  Bologna,   1306  an  einem  weib- 
lichen Individuum,  sodann  öffentlich  1315  an  einem  zweiten  vornahm.  Er  hat 


Regungen.     Schwarzer  Tod.  55 

hierauf  sein  Compendium  (Anathomia)  gegründet  und  gab  selbst  anatom- 
ische Abbildungen  heraus,  obwohl  er  dabei  allenthalben  von  den  Galenischen 
Vorurtheilen  troz  der  eigenen  Autopsie  sich  nicht  loszusagen  vermochte. 
Indessen  war  doch  wenigstens  ein  Anfang  zu  eigenen  Anschauungen  ge- 
macht, der  auch  so  imponirte,  dass  noch  über  zwei  Jahrhunderte  lang  die 
Mondinische  Anatomie  völlige  Autorität  behielt,  jedes  von  seiner  Be- 
schreibung abweichende  Verhalten  eines  Organs  als  abnorm  angesehen 
wurde  und  in  Padua  noch  am  Ende  des  16.  Jahrhunderts  sein  Compen- 
dium obligat  und  allein  zugelassen  war. 

Ein  ungleich  selbständigerer  Geist  war  Guy  de  Chauliac  in  der  Guy  de  chauiiac. 
Mitte  des  14.  Jahrhunderts.     Auch  er  hatte  Leichen  untersucht  und  sich 
wenigstens  von  einzelnen  Irrthümern  Mondini's  frei  gehalten.   Sein  Haupt- 
verdienst aber  betrifft  die  Chirurgie,  die  Lehre  von  den  Wunden,  Blut- 
ungen, Fracturen,  Geschwüren  und  Operationen. 

Auch  Franz  Petrarcha  (f  1374),  der  das  Studium  der  Medicin  als  Petrarcha. 
Dilettant  betrieb,  hat  die  Verdorbenheit  dieser  Wissenschaft  und  ihrer 
Träger  durchschaut  und  sich  in  den  stärksten  Ausdrüken  hierüber  ge- 
äussert (in  der  Schrift  contra  medicum  quendam  invectivae  und  in  seinen 
Briefen  an  Boccaccio,  de  Dondi,  Guilelmo  von  Ravenna,  Franz  v.  Siena 
und  Philipp  von  Cabassole). 

Dessen   Freund,  Franz  von  Siena  (f  1390),  zeichnete  sich  durch  Franz  von  siena. 
practische  Tüchtigkeit  aus. 

Um  dieselbe  Zeit  (1347 — 52)  wurde  Europa  von  einer  mörderischen  Der  schwarre 
Seuche  heimgesucht,  welche  mit  dem  Namen  des  schwarzen  Todes  be-  Tod" 
zeichnet  wurde.  Sie  kam  aus  China,  durchzog  Asien,  wo  man  ihre  Opfer  auf 
37  Millionen  Todte  schäzte,  erschien  1344  auf  der  Krim,  47  in  Italien, 
48  in  Frankreich,  Spanien  und  England,  49  in  Dänemark  und  Deutsch- 
land. Man  gibt  an,  dass  ein  Viertel,  selbst  nach  Anderen  die  Hälfte  der 
Bewohner  Europas  dieser  Seuche  erlegen  seien.  Die  grösste  Sterblichkeit 
war  in  Italien  und  Frankreich,  mehr  als  zwei  Drittel  der  Menschen.  In 
Deutschland  sollen  allein  200,000  Dörfer  völlig  ausgestorben  sein.  In 
Erfurt  und  Strasburg  starben  je  16,000,  in  Weimar  5000,  in  Basel 
14,000,  in  Lübeck  an  einem  einzigen  Tage  dritthalbtausend,  im  Ganzen 
daselbst  80 — 90,000.  Von  den  Barfüssermönchen  sollen  in  Deutschland 
allein  124,000  gestorben  sein,  im  Hotel  Dieu  in  Paris  hatte  man  täg- 
lich über  500  Todte.  Grosse  Familien,  volkreiche  Klöster  starben  ganz 
aus  und  in  manchen  Gegenden  blieb  nur  der  10.  Mann  übrig.  Island  und 
Grönland,  früher  reich  bevölkert,  sollen  ihre  Verödung  dem  schwarzen 
Tod  verdanken.     Die  grösste  Sterblichkeit  war  von  Ostern  bis  Michaeli 


56  D*e  Medicin  im  Mittelalter. 

1350.  Man  konnte  nur  noch  die  Menschen  in  Masse  in  grossen  Gruben 
begraben.    Aber  die  Krankheit  hielt  drei  Jahre  lang  an. 

Die  Art  dieser  Seuche ,  über  die  wir  von  dem  Dichter  Boccaccio  eine 
sehr  lebendige  Beschreibung ,  überdem  von  Guy  de  Chauliac  die  beste 
ärztliche  Darstellung  besitzen,  ist  nicht  ganz  sicher  zu  stellen.  Doch  ist 
das  Wahrscheinlichste,  dass  sie  als  Bubonenpest  anzusehen  sei  und  dass 
sie  durch  Contagion  sich  verbreitete. 

Es  sollen  der  Krankheit  verschiedene  eigentümliche  Naturerschein- 
ungen vorangegangen  sein  (vulkanische  Ausbrüche,  Nebel,  starker  Wind, 
Gewitter,  feurige  Luftphänomene;  man  will  viele  Schimmelpflanzen,  In- 
sectenschwärme  beobachtet  haben).  Auch  Krankheiten  der  Wiederkäuer 
sollen  vorangegangen  sein.  Doch  lässt  sich  alles  diess  nicht  wohl  sicher 
feststellen. 

Anfangs  war  ihre  Verbreitung  langsam;  sie  war  schon  1344  bei  der 
Belagerung  von  der  den  Genuesern  gehörigen  Caffa  auf  der  Krim  unter 
den  Tartaren  erschienen.  Von  dort  aus  wurde  sie  mit  einem  Schiffe, 
dessen  Mannschaft  von  1000  auf  10  sich  verringert  hatte,  nach  Italien 
gebracht  und  verbreitete  sich  unter  den  Angehörigen  der  Ankömmlinge 
und  von  da  auf  die  übrige  Bevölkerung.  Einmal  in  grosser  Verbreitung, 
war  freilich  die  contagiöse  Uebertragung  nicht  mehr  zu  verfolgen.  Doch 
wurde  sie  nach  Bergen  in  Norwegen  durch  ein  verschlagenes  Schiff  gebracht. 

Der  Verlauf  der  Krankheit  war  nicht  überall  ein  gleicher,  nur  die 
Sterblichkeit  war  die  gleiche,  denn  es  wurde  höchst  selten  ein  Befallener 
gerettet.  Kantakuzenes,  der  die  Krankheit  in  Constantinopel  beobachtete, 
unterschied  drei  Formen: 

1)  Tod  in  der  ersten  Stunde  oder  doch  am  ersten  Tage; 

2)  Stimm-  und  Gefühllosigkeit  und  Tod  am  2 — 3.  Tage; 

3)  heftige  Brustsymptome ,  stinkender  Athem ,  Trokenheit  des 
Rachens,  heftiges  Fieber,  zuweilen  Bubonen. 

De  Mussis  beschreibt  die  Krankheit  als  mit  einem  heftigen  Frost  be- 
ginnend, worauf  heftige  wie  von  Lanzenstichen  herrührende  Schmerzen 
plözlich  am  ganzen  Körper  empfunden  werden.  Darauf  entstehen  in  der 
Achselhöhle,  der  Inguinalgegend  oder  an  den  Hüften  harte  Knoten,  womit 
ein  äusserst  intensives  und  fauliges  Fieber  mit  Kopfschmerz  zusammen- 
fiel, worauf  unerträglicher  Gestank,  bei  anderen  blutiger  Auswurf,  bei 
anderen  jauchige  Blasen  sich  einstellten.    Der  Tod  erfolgte  am  1 — 3.  Tage. 

Guy  de  Chauliac  beobachtete  zu  verschiedenen  Zeiten  der  Epidemie 
einen  verschiedenen  Verlauf.  Bei  den  Einen  (im  Anfang  der  Epidemie) 
waren  continuirliche  Fieber  und  Blutspeien  die  wesentlichsten  Symptome 
nnd  der  Tod  erfolgte  innerhalb  drei  Tagen;  in  späterer  Zeit  der  Epidemie 


Seuchen.  57 

vergesellschaftete  sich  das  continuirliche  Fieber  mit  Carbunkeln  und  Eiter- 
beulen in  den  Achselgruben  und  Inguinalgruben  und  der  Tod  erfolgte  meist. 

Als  nüzliche  Therapie  wird  die  Venaesection,  der  Theriak  und  die 
Localbehandlung  der  Geschwülste  gerühmt. 

Die  Aerzte  hielten  sich  grösstentheils  rühmlich  in  der  allgemeinen 
Calamität;  zwar  hüllten  sie  sich  mit  Haaren  und  Kopf  in  einen  langen 
Talar  von  glatt  gepresster  Leinwand,  bedekten  das  Gesicht  mit  einer 
schnabelartigen  wächsernen  Maske,  in  welche  Gläser  zum  Sehen  einge- 
fügt waren,  während  wohlriechende  Kräuter  und  Oele  den  Schnabel  aus- 
füllten, machten  auch  oft  genug  nur  von  der  Ferne  aus  ihre  Beobacht- 
ungen; aber  sie  blieben  doch  meist  mitten  in  den  inficirten  Orten  und  viele 
von  ihnen  wurden  das  Opfer  ihres  Berufs.  Ihr  Verhalten  während  der 
Epidemie  mag  wesentlich  dazu  beigetragen  haben,  ihr  Ansehen  zu  erhöhen, 
obwohl  ihre  Kunst  nichts  oder  wenig  gegen  die  Krankheit  vermochte. 

Fast  noch  schreklicher  als  die  Seuche  selbst  war  ihre  entsittlichende  foigta  d»> 
Wirkung.  Zwar  wurde  die  allgemeine  Angst  bei  Vielen  die  Ursache  zu 
fanatischen  Bussmaassregeln  und  Schaaren  von  Geisseibrüdern  und 
Kreuzträgern  jeden  Geschlechts  und  Alters  durchzogen  nakt  das  Land; 
bald  aber  verfielen  diese  Schwärmermassen  in  Ausschweifungen  aller  Art, 
an  denen  das  Volk  sich  mit  Begierde  betheiligte.  Frühzeitig  wurden  die 
Juden  verdächtigt,  dass  sie  durch  Zauberei  oder  durch  Vergiftung  der 
Brunnen  die  Krankheit  herbeigeführt  hätten  und  eine  wilde  Verfolgung 
wendete  sich  gegen  sie,  zahlreiche  Juden  fielen  der  Seuche  zum  Opfer. 

Mit  dem  schwarzen  Tode  scheint  die  Sittenverderbniss  des  Mittel- 
alters sich  auf  alle  Schichten  ausgebreitet  zu  haben,  und  die  Rohheit  des 
Zeitalters  machte  ihre  Aeusserungen  nur  um  so  abstossender. 

Es  scheint,  als  ob  die  Seuchen  mit  dem  schwarzen  Tode  einheimisch  Ander«  voiks- 
geworden  seien.  Zwischen  1361  und  82  werden  vier  Pesten  aufgezählt  krankll«it«n- 
und  vom  Jahr  1374  an  geschieht  der  epidemischen  Krankheit,  welche 
man  die  Tanzwuth  genannt  hat,  Erwähnung.  Es  sollen  ihr  Epidemien 
bei  Thieren  vorangegangen  sein;  auch  soll  in  den  Jahren  1354  und 
1373  eine  epidemische  Tollheit  in  England  geherrscht  haben.  Ge- 
nauere ärztliche  Beobachtungen  der  zuerst  1374  in  Aachen  beobachteten, 
sodann  über  das  ganze  Rheinthal  und  die  Niederlande  sich  verbreitenden 
Tanzwuth  liegen  nicht  vor.  Die  wesentlichsten  Punkte  sind:  1)  der  Reiz, 
in  rasenden  Sprüngen  herumzutanzen  bis  zur  tiefsten  Erschöpfung;  2) 
darauf  folgende  Tympanitis,  die  durch  Zusammendmken  des  Unterleibs 
mit  Tüchern  sich  besserte ;  3)  Delirien  und  in  den  heftigsten  Fällen  epi- 
leptische Anfälle  vor  dem  tödtlichen  Ende.  Die  Tanzwuthanfälle  sezten 
sich  bis  in  den  Anfang  des  15.  Jahrhunderts  fort. 


58  Die  Medicin  im  Mittelalter. 

Gleichzeitig  häufen  sich  um  diese  Zeit  die  Mittheilungen  der  Schrift- 
steller über  anstekende  Krankheiten  der  Genitalien,  und  bereits  werden 
auch  secundäre  Uebel  dem  unreinen  Beischlaf  zugeschrieben. 

Einfluss  der  Epi-  Verheerende  Epidemien  und  neue  Krankheiten  gaben  nicht  selten  der 
^eiikuTde  e  Heilkunde  einen  Impuls  und  eine  Wendung.  So  haben  denn  auch  die 
Calamitäten  des  14.  Jahrhunderts  ihre  günstige  Wirkung  gehabt.  Nicht 
nur  wurde  dem  Bedürfniss  nach  besserer  Verpflegung  der  Kranken  durch 
Pestilenzhäuser  entsprochen  und  auf  das  Sanitätswesen  überhaupt  mehr 
Sorgfalt  verwendet,  sondern  auch  das  Studium  der  Wissenschaft  wurde 
mächtig  angeregt.  Die  Aerzte  fanden  gegen  die  unerhörten  Krankheits- 
zufälle, welche  sich  ihnen  in  Masse  darboten,  in  ihren  Scholastikern,  ihren 
Arabern  und  ihrem  Galen  keinen  Rath  und  keine  Hilfe.  Diese  neuen 
Formen  passten  auf  keine  Definitionen  und  fügten  sich  in  keine  Eintheil- 
ung.  Es  blieb  nichts  anderes  übrig,  als  zur  eigenen  Erfahrung  zu  greifen 
und  zu  einem  directen  Studium  der  Natur  sich  wieder  zu  bequemen.  So 
haben  zur  Wiederaufnahme  einer  selbständigen  Cultur  der  Heilkunde  sehr 
wesentlich  die  zahlreichen  acuten  und  chronischen  Krankheiten  von  neuer 
Gestaltung  beigetragen,  welche  das  14.  Jahrhundert  erlebte. 

Fünfzehntes  Es  ist  daher  auch  im  15.  Jahrhundert  ein  bemerkenswerther  Fort- 

jahrhundcrt.   schritt  zur  selbständigen  Forschung  nicht  zu  verkennen. 

Im  Anfang  waren  die  Resultate  freilich  noch  gering.     Zwar  traten  im 
15.  Jahrhundert  zahlreiche  Aerzte  auf,  welche  wenigstens  ihre  Scholastik 
mit  eigener  Beobachtung  ergänzten ;  aber  die  Köpfe  lagen  noch  zu  sehr 
in  den  alten  Fesseln  und  man  wagte  noch  nicht,  die  eigenen  richtigeren 
Anschauungen  der  scholastischen  Doctrin  und  der  Autorität  des  Galen 
und  der  Arabisten  entgegen  zu  sezen. 
Jacob  von  Forii.         Jacob  von  Forli  (f  1415),  berühmter  Professor  zu  Padua,  ist  noch 
vaiescus.        durchaus  abhängig  von  der  Scholastik.   —  Valescus  de  Taranta,  Arzt 
in  Montpellier,    gab    (1418)  in  seinem  Werke  Philonium  bereits   selb- 
ständige Beobachtungen,  vornehmlich  über  Epidemien  und  syphilitische 
Krankheiten  und  verfasste  auch  einen  Tractatus  de  epidemia  et  peste. 
Montagnana.  Bartholomäus  Montagnana,  Professor  zu  Padua  (f  1460),  obwohl 

noch  unter  dem  Einflüsse  des  Galenismus  und  der  Araber,  hat  doch  in 
seinem  Leben  14  Leichen  secirt,  gab  seine  e'igenen  Erfahrungen  als  Con- 
silia  medica  heraus  und  lieferte  eine  genaue  Beschreibung  des  Aussazes. 
Benedetti.  Auch  der  Paduaner  Professor  Benedetti  strebte  in  seinem  Fache, 

der  Chirurgie,  nach  unbefangener  und  nüchterner  Erfahrung, 
savonaroia.  Michael  Savonarola,  Professor  in  Ferrara  und  Leibarzt  des  Fürsten 

Este  (bis  1462),  hat  in  seinen  Werken  (vornehmlich:  Practica  de  aegritu- 


Fünfzehntes  Jahrhundert.  59 

dine  a  capite  usque  ad  pedes)  eine  für  seine  Zeit  ungewöhnliche  Selb- 
ständigkeit. 

Saladin  von  Asculo  (um  1448)  verfasste  eine  lange  sehr  angesehene        saiadin. 
Sammlung  der  Droguen  (Compendium  aromatoriorum  1468). 

Auch  wurden  mehrere  Sammlungen  von  medicinischen  Schriften  an- 
gelegt (die  sogenannte  Articella,  der  Fasciculus  medicinae  von  Ketham). 

Jezt  fing  man  auch   an,    die  Aerzte   und  Wundärzte  Prüfungen    zu  Medicinaipoiizei. 
unterwerfen ,    ohne   welche    niemals   ärztliche  Thätigkeit   gestattet  war, 
ausser  wenn  sie  der  Landesherr  ausnahmsweise  zuliess.    Die  Juden  wurden 
von  der  Heilkunde  ausgeschlossen,  was  wesentlich  zur  Hebung  des  Stan- 
des in  den  Augen  des  Volkes  beitrug. 

Auch  fing  man  an,  den  Einrichtungen  der  Apotheken  Aufmerksamkeit 
zu  schenken.  Apotheken  waren  schon  im  14.  Jahrhundert  aufgekommen. 
Vielleicht  die  erste  wurde  in  der  Reichsstadt  Esslingen  (Schwaben)  um 
das  Jahr  1300  errichtet.  London  und  die  Reichsstadt  Ulm  (1364)  und 
Nürnberg  (1378)  folgten  nach.  1409  entstand  die  Löwenapotheke  zu 
Leipzig.  Im  15.  Jahrhundert  wurden  an  mehreren  Orten  Apothekenord- 
nungen erlassen  (in  Paris  1484,  in  Stuttgart  1486,  in  Berlin  1488  und 
in  Halle  1493). 

Am  Schlüsse  des  15.  Jahrhunderts  und  zu  Anfang  des  16.  begannen  Epidemien  am 
neue  Epidemien  das  höchste  Interesse  in  Anspruch  zu  nehmen  und  mit  ja^hunderts 
Staunen  und  Schreken  die  Völker  zu  erfüllen:  der  englische  Schweiss,  der 
zuerst  1486  in  England  ausbrach,  jedoch  erst  im  folgenden  Jahrhundert 
Deutschland  und  Frankreich  überzog,  die  bösartigen  Anginen  und  die 
Influenza.  Auch  scheint  es,  dass  im  Jahre  1477  zuerst  der  exanthe- 
matische  Typhus  in  epidemischer  Weise  sich  gezeigt  habe;  doch  wurde 
er  anfangs  noch  wenig  beachtet  und  erst  im  Anfang  des  16.  Jahrhunderts 
erregte  er  grössere  Aufmerksamkeit. 

Der  Scorbut  gewann  mit  dem  Jahre  1486  eine  epidemische  Verbreit- 
ung. Gregorius  Fabricius  von  Chemnitz  erzählt  in  den  Annalen  der  Stadt 
Meissen  vom  Jahre  1486:  Grassatus  est  hoc  anno  novus  et  inauditus  in 
bis  terris  morbus,  quem  nautae  Saxoniae  vocant  den  Scharbock,  qui  est 
inflammatio  in  membris  partium  carnosarum,  cui  quo  celerius  adhibetur 
medicina  eo  citius  malum  restinguitur;  sin  mora  accedit  paullo  tardior, 
sequitur  membri  affecti  mortificatio  quam  siderationem  nostri,  Graeci 
sphacelum  dieunt,  ultimum  gangraena  malum.  Nam  caro  ab  ossibus  de- 
fluit  et  continua  quoque  a  lue  corrumpuntur.  Fuit  idem  morbus  conta- 
giosus,  multorum  mortalium  gravi  periculo. 

Endlich  hatte  1493  die  plözlich  eintretende  epideraieartige  Verbreit- 
ung der  Lustseuche  statt. 


VIERTER  ABSCHNITT. 

Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Reformation. 


Ursache  n  de: 
Umschwungs, 


Bliithe 
der  Städte. 


Griechen 
im  Abendland. 


Die  ursächlichen  und  vorbereitenden  Verhältnisse,  welche  im  16. 
Jahrhundert  den  grossartigen,  alle  Cultur-  und  Lebensverhältnisse  durch- 
dringenden und  auch  in  der  medicinischen  Forschung  mächtig  sich  äus- 
sernden Umschwung  in  den  Geistern  bewirkten,  waren  zahlreiche  und 
mannigfache. 

Unter  den  politischen  Verhältnissen  war  von  besonderer  Wichtig- 
keit in  dieser  Hinsicht  das  Aufkommen  der  Städte  mit  ihren  relativ  ge- 
bildeten und  bildsamen  Bewohnern  im  Gegensaz  zu  dem  der  Geistescultur 
wenig  günstigen  Wesen  und  Treiben  der  Ritter;  ferner  die  Entwiklung 
unzähliger  kleiner  selbständiger  Staatskörper,  welche  aus  den  theilweise 
zerfallenden  grossen  Reichen  sich  herstellten :  denn  die  Kleinstaaterei  ist 
in  gewissen  Grenzen  der  Wissenschaftspflege  vortheilhaft.  , 

Ein  Ereigniss  von  unberechenbarer  Tragweite  für  die  Wissenschaften 
überhaupt  und  für  die  Medicin  insbesondere  war  aber  die  Eroberung  Con- 
stantinopels  durch  die  Türken  1453.  In  Folge  davon  siedelten  sich  zahl- 
reiche Griechen  an  der  südfranzösichen  Küste  an  und  drangen  da  und 
dort  in  das  mittlere  Europa  ein.  Diese  Flüchtlinge  zeichneten  sich  im 
Vergleich  zu  der  abendländischen  Rohheit  durch  feine  Bildung  aus  und 
brachten  nicht  nur  ihre  Sitten  und  höhere  Cultur,  sondern  zugleich  ihre 
Sprache  mit  in  die  neue  Heimath.  Das  Griechische  war  bis  dahin  auch 
dem  Gelehrtesten  unzugänglich  gewesen  und  man  hatte  die  griechischen 
Autoren  nur  aus  den  entstellten  Uebersezungen  der  Scholastiker  gekannt. 
Jezt  fing  man  an  griechisch  zu  lernen ,  und  das  Studium  dieser  Sprache 
wurde  in  der  gelehrten  Welt  bald  mit  besonderer  Vorliebe  getrieben. 

Nun  aber  musste  man  erkennen ,  dass  der  Galen ,  der  Aristoteles,  der 
Dioskorides  und  Hippocrates,  wie  sie  bis  dahin  als  unantastbare  Gesez- 


Ursachen  des  Umschwungs. 


61 


bücher  gegolten  hatten,  himmelweit  verschieden  waren  von  den  ursprüng- 
lichen Schriften  jener  Griechen.  Die  Autorität,  welche  man  der  gefälschten 
Uebersezung  niemals  streitig  zu  machen  gewagt  hatte  ,  musste  fallen, 
sobald  man  die  Fälschung  erkannte;  aber  eben  damit  war  sie  auch  für  die 
ächten  Originale  erschüttert.  Man  studirte  sie  zwar  noch  mit  grossem 
Eifer,  lernte  viel  aus  ihnen,  aber  das  blinde  Zutrauen  hatte  ein  Ende, 
und  man  fing  an,  die  Beobachtung  der  Natur  selbst  zur  Prüfung  der  grie- 
chischen Vorbilder  zu  verlangen  und  nur  in  jener  die  wahre  und  einzige 
Autorität  zu  erkennen. 

Freilich  führten  die  vertriebenen  Griechen  auch  die  neuplatonische 
Philosophie  und  Theosophie  in  frischer  Auflage  wieder  ein,  und  sie  haben 
dadurch  manchen  Keim  zu  neuen  Verirrungen  gegeben ;  doch  lag  in  der 
Aufnahme  des  Naturstudiums  ein  kräftiges  Gegenmittel  gegen  diese  Mystik, 
deren  Ansehen  daher  nur  partiell  und  vorübergehend  bleiben  und  schliess- 
lich von  der  wachsenden  Naturforschung  überwunden  werden  musste. 

Wurde  durch  die  Beschäftigung  mit  der  classischen  Literatur  über-  Buchdmk«rkunst. 
haupt  der  Anstoss  zu  einer  wissenschaftlicheren  Cultur  des  Abendlandes 
gegeben,  so  hat  am  Ende  des  15.  Jahrhunderts  die  Erfindung  der  Buch- 
drukerkunst  mächtig  dazu  beigetragen ,  die  Bildung  zu  verbreiten  und 
Allen  zugänglich  zu  machen.  Von  da  an  sind  es  nicht  mehr  einzelne 
Bevorzugte ,  an  deren  Namen  sich  die  Fortschritte  der  Wissenschaft 
knüpfen,  sondern  von  jezt  an  wird  auf  allen  Punkten  der  civilisirten  Welt 
an  der  Cultur  des  Geistes  gearbeitet.  Die  grösste  Thätigkeit  in  Heraus- 
gabe von  Drukschriften  zeigte  sich  zuerst  in  Italien,  vornehmlich  in  Venedig. 
Bis  zum  Jahre  1500  waren  bereits  800  medicinische  und  naturwissen- 
schaftliche Werke  im  Druk  erschienen. 

Die  zahlreiche  Vermehrung  der  Universitäten  und  das  Aufkommen 
von  gelehrten  Gesellschaften  und  Academien,  besonders  in  den  Städten 
Italiens,  belebte  ferner  das  geistige  Bedürfniss  und  förderte  den  geistigen 
Verkehr. 

Ueberhaupt  aber  war  es  der  Charakter  der  Zeit  am  Schlüsse  des  15. 
und  im  Laufe  des  16.  Jahrhunderts,  dass  ein  frischer  Geist  des  eigenen 
Prüfen« ,  Muth  und  Lust  zum  Opponiren  und  Protestiren  gegen  überkom- 
mene Autoritäten  durch  die  Welt  ging.  Der  Druk  der  Kirche  erfuhr  am 
stärksten  den  Rükschlag,  und  wenu  die  Erfolge  auf  andern  Gebieten,  zu- 
mal in  den  Wissenschaften  mit  factischem  Inhalt  geringer  waren ,  so  ist 
nicht  zu  vergessen,  dass  hier  die  Erndten  langsamer  reifen,  als  da,  wo 
der  Gedanke  allein  die  Herrschaft  hat.  Viele  der  eifrigsten  Arbeiter  in 
den  Naturwissenschaften  und  der  Medicin  gehörten  übrigens  der  neuen 
freiem  kirchlichen  Richtung  an. 


Universitäten 

und  gelehrte 

Gesellschaften. 


Stimmung 
der  Zeit. 


62  Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Reformation. 

Das  Zeitalter  der  Reformation  begnügte  sich  jedoch  mit  der  Aufstell- 
ung einer  zweiten  Orthodoxie  gegen  die  herrschende.  Die  Protestanten, 
welche  gegen  die  Fesseln  des  Geistes  sich  auflehnten ,  nahmen  die  un- 
bedingteste Unterwerfung  für  das  in  Anspruch,  was  sie  selbst  als  Recht- 
gläubigkeit erkannt  hatten.  Dieser  Charakter  der  Umwälzung  war  zwar 
für  die  profanen  Wissenschaften  nicht  der  erspriesslichste ;  doch  war  die 
Erschütterung  der  alten  Autoritäten  an  sich  schon  für  sie  ein  Gewinn 
und  in  der  Medicin  zumal  lag  nicht  sofort  ein  fertiges  System  bereit,  das 
an  die  Stelle  der  zusammenbrechenden  Doctrinen  gesezt  werden  konnte. 
Die  medicinische  Reformation  hatte  glüklichervveise  keinen  einzelnen  Re- 
formator. Ein  Versuch  der  Aufdrängung  einer  neuen  naturwissenschaft- 
lichen Dogmatik  wurde  zwar  gemacht,  aber  er  fand  nur  bei  wenigen  un- 
klaren und  verdorbenen  Köpfen  Anklang, 
parteiun^en.  Die  Aufregung  der  Gemüther  in  dem  Kampfe  gegen  lang  und  all- 
gemein Geglaubtes  war  eine  unermessliche.  Es  war  eine  Zeit  der 
heissesten  Parteiungen  und  Parteikämpfe,  und  es  lassen  sich  in  dem  Zeit- 
alter der  Reformation ,  wie  in  allen  sturmbewegten  Perioden ,  drei  Richt- 
ungen unterscheiden,  die,  wie  auf  allen  andern  Gebieten,  so  auch  in  der 
Medicin  sich  bemerklich  machten. 

Die  Richtung  des  gewissenhaften  Fortschritts,  die  durch  sorgfältige 
und  möglichst  unbefangene  Forschung  und  Prüfung  die  Wahrheit  zu  er- 
mitteln und  über  den  Irrthum  aufzuklären  sucht,  gelangt  meist  langsam 
und  still  zu  Resultaten  und  nimmt  nur  ausnahmsweise  durch  besonders 
bevorzugte  Köpfe  einen  beflügelten  Gang. 

Mehr  in  die  Augen  fallend  sind  die  stürmischen  Umwälzungsversuche, 
welche  ohne  klare  Einsicht  in  die  Lage  und  in  die  Bedürfnisse,  wie 
ohne  Aengstlichkeit  in  der  Wahl  der  Mittel  die  Zertrümmerung  des  Be- 
stehenden anstreben,  aber  meist  nur  einen  neuen  Gözen  und  einen  neuen 
Wahn  an  die  Stelle  verfallender  Autoritäten  und  Irrthümer  sezen.  Frei- 
lich haben  sie,  indem  sie  das  Bestehende  aufs  schonungsloseste  angriffen, 
nur  zu  oft  der  Finsterniss  und  dem  Rükschritt  schliesslich  gedient. 

Feindlich  gegen  beide,  aber  an  Fanatismus  nicht  selten  der  Umsturz- 
partei nichts  nachgebend,  haben  auch  im  Refonnationszeitalter  die  hart-* 
näkigen  und  blinden  Bestrebungen  der  Viri  obscuri,  wie  man  sie  nannte, 
der  Dunkelmänner,  gewirkt. 

Neben  diesen  Richtungen  von  entschiedenem  Charakter  fehlte  es  auch 
nicht  an  dem  wohlmeinenden ,  aber  princip-  und  kritiklosen  Haufen  der 
äusserlichen  Conciliatoren ,  die  in  jeder  grossen  Entwiklungsperiode  den 
Schein  der  richtigen  Mitte  für  sich  in  Anspruch  nehmen,  und  die  so  häufig 
das  Unglük  haben,  Verkehrtes  von  allen  Parteien  in  sich  zu  vereinen. 


Philologische  Leistungen. 


63 


Niemals  ist  übrigens  zu  erwarten,  dass  in  solchen  bewegten  Zeiten 
Vernunftmässigkeit  und  Ehrlichkeit  ausschliesslich  auf  der  einen  Seite 
stehe,  und  so  müssen  wir  auch  in  der  sturmvollen  Periode  der  medicin- 
ischen  Bewegung  uns  an  den  Auswüchsen  nicht  stossen,  von  denen  auch 
die  Besten  sich  selten  völlig  rein  erhalten  konnten. 


die   medicinischen  Wissenschaften     uiereeiien 
allenthalben  einen  äusserst  regen  und  vielgestalteten  Eifer.     Erscheinen        ln  ^* 


Jahrhundert. 


Herstellung 

correcter 

Ausgaben  und 

Uebersezungen 

der  antiken 

Autoren. 


Das   16.  Jahrhundert  brachte  in 

Erscheinen 
uns  heutzutage  die  Resultate  der  angestrengtesten  Thätigkeit  und  des  Medicin  im  h 
lebhaftesten  Kampfes  jener  Epoche  noch  nicht  sehr  ergiebig,  so  müssen 
wir  uns  vergegenwärtigen ,  in  welcher  Versunkenheit  das  Wissen  im 
Mittelalter  sich  befand,  und  müssen  anerkennen,  dass  wenigstens  überall 
die  Wege  angebahnt  und  die  Schuttmassen  bei  Seite  geschafft  wurden. 

Zunächst  sind  zu  erwähnen  die  zahlreichen  Bestrebungen,  die  Lehren 
des  Hippocrates  und  der  antiken  Vorbilder  in  ihrer  Reinheit  wieder  her- 
zustellen. Sorgfältigere  Ausgaben  wurden  veranstaltet  und  durch  den 
Druk  verbreitet;  genaue  Uebersezungen  traten  an  die  Stelle  der  durch 
die  Araber  und  die  Mönche  gefälschten  Documeute  des  Alterthums,  und 
man  fing  an,  sich  die  Aufgabe  zu  stellen,  die  ächten  Schriften  von  den 
unächten  zu  scheiden.  Eine  grosse  Zahl  gelehrter  Aerzte  hat  an  dieser 
verdienstlichen  Arbeit  Theil  genommen. 

In  Italien  sind  vornemlich  zu  nennen  : 

Nicolaus  Leonicenus  (1428 — 1524),  Professor  inFerrara,  einer  der 
ersten,  welcher  auf  das  Studium  der  antiken  Originale  zurükging  und 
durch  die  Uebersezungen  der  Aphorismen  des  Hippocrates  und  durch  seine 
Kritik  des  Plinius  den  Anfang  einer  Wiederbelebung  der  Alten  machte. 

Johann  Baptista  Montanus  (1498 — 1551),  Professor  in  Padua,  Her- 
ausgeber des  Galen,  auch  der  zweite  Galen  genannt. 

HieronymusMercurialis  (1530 — 1606),  Professorin  Padua,  Bologna 
und  Pisa,  der  die  ächten  und  unächten  Hippocratischen  Schriften  zu  unter- 
scheiden anfing. 

Marsilius  Cagnati  (f  1610),  Professor  in  Rom,  der  den  Text  der  an- 
tiken Schriftsteller  nach  genauen  Handschriften  säuberte. 

Roderigo  de  Fonseca  (aus  Lissabon,  Professor  in  Pisa  und  Padua, 
um  1600). 

In  Deutschland  machten  sich  bemerklich  : 

Wilhelm  Koch  (Copus)  aus  Basel  (1471  — 1532),  welcher  gute  Ueber- 
sezungen einzelner  Schriften  von  Hippocrates,  Galen  und  Paul  von  Aegina 
aus  dem  Griechischen  und  Lateinischen  lieferte. 


64  Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Reformation. 

"Winther  von  Andernach  (1487 — 15*74),  erst  Professor  der  griech- 
ischen Sprache  in  Löwen  und  Strassburg ,  dann  Professor  der  Anatomie 
in  Paris ,  welcher  mehrere  griechische  Schriftsteller  (Galen ,  Oribasius, 
Alexander  von  Tralles)  herausgab. 

Johann  Hagenbut  (Cornarus)  aus  Zwikau  (1500 — 1558),  einer  der 
ersten  sorgfältigen  Editoren  und  Uebersezer  des  Hippocrates. 

Theodor  Zwinger  (1533 — 1588),  Professor  in  Basel,  Uebersezer  von 
einzelnen  Hippocratischen  und  Galenischen  Schriften. 

In  Frankreich  wirkten : 

Jacob  Houllier  (Hollerius),  Professor  zu  Paris  (1498 — 1562),  Her- 
ausgeber der  Coaca  praesagia  des  Hippocrates  und  Commentator  der 
Aphorismen. 

Ludwig  Duretus,  sein  Schüler  (1527 — 1586),  ebenfalls  Professor  in 
Paris  und  Commentator  der  Hippocratischen  Vorhersagungen. 

Anutius  Foesius  (1528 — 1595),  ein  anderer  Schüler  Houllier's,  Arzt 
in  Metz,  der  erste  gründliche  Herausgeber  und  Uebersezer  der  sämmt- 
lichen  Hippocratischen  Schriften. 

In  England  endlich : 

Thomas  Linacer  von  Canterbury  (1461  — 1524),  nächst  Leonicenus 
einer  der  ersten  Restitutoren  der  antiken  Medicin,  Gründer  des  medicin- 
ischen  Collegiums  zu  London  und  classischer  medicinischer  Lehrstellen 
zu  Oxford  und  Cambridge. 

Johann  Cajus  (Kaye)  aus  Norwich  (1510 — 1563),  kritischer  Bear- 
beiter einiger  Schriften  von  Galen,  Celsus  etc. 

Die  Bedeutung  der  freilich  vorzugsweise  philologischen  Thätigkeit  der 
genannten  Aerzte  ist  nicht  zu  unterschäzen.  Sie  bereitete  die  Einanci- 
pation  aus  der  Herrschaft  der  Scholastik  und  des  Aberglaubens  vor ,  und 
die  Beschäftigung  mit  den  bessern  Schriften  der  Alten  führte  nicht  nur 
zu  einer  freieren,  sondern  auch  schliesslich,  zu  einer  selbständigeren 
Naturanschauung. 

poi.mik  gegen  In  engster  Verbindung  damit  trat  eine  mehr  oder  weniger  entschiedene 

die  Araber.  Polemik  gegen  die  Araber  und  ihre  noch  ungemein  zahlreichen  Anhänger 
hervor.  Mit  besonderem  Eifer  wurden  diese  bekämpft  durch  Leonhard 
Fuchs  in  Tübingen  und  Johannes  Lange  aus  Löwenberg;  auch  Ser- 
veto schrieb  gegen  die  Araber. 

Am  heftigsten  aber  wurde  der  Kampf,  als  Peter  Brissot,  Professor  in 
Paris,  als  Gegner  der  arabischen  Aderlässe,  d.  h.  der  Oeffnung  einer  von 
der  kranken  Stelle  entfernten  Vene  auftrat  und  dafür  die  Hippocratische 
Venaesection  in  möglichster  Nähe  des  afficirten  Theiles  empfahl.     Dieser 


Die  Gegner  Galen's. 


65 


Streit  wurde  zur  Principienfrage  und  theilte  die  Aerzte  in  zwei  Lager,  die 
Arabisten  und  Contra-Arabisten.  Er  dauerte  noch  nach  Brissot's  Tode 
bis  zum  Ende  des  16.  Jahrhunderts  fort.  Es  wurde  die  Brissot'sche 
Neuerung  für  eine  so  gefährliche  Kezerei  als  die  lutherische  erklärt;  doch 
entschied  die  zum  Richter  gewählte  Fakultät  zu  Salamanca  und  selbst 
Karl  V.,  an  den  man  schliesslich  appellirte,  sich  für  die  Hippocratische 
Venaesection. 

Aber  auch  gegen  die  Galen'schen  Lehren  erhoben  sich  bereits  Stimmen. 
Der  bedeutendste  Gegner  Galen's  war  Fernel  (1497 — 1558),  Professor 
in  Paris  um  die  Mitte  des  Jahrhunderts,  der  sich  mit  Energie  zugleich 
gegen  das  ganze  scholastische  Treiben  erhob  und  verlangte,  dass  man  sich 
nicht  auf  Autoritäten,  sondern  nur  auf  die  Natur  und  die  Beobachtung  be- 
rufen müsse. 

Joh.  Argenterius  (1513 — 1572),  obwohl  ein  schlechter  Practiker, 
doch  ein  berühmter  Lehrer,  lebte  theils  in  Lyon,  theils  in  verschiedenen 
italienischen  Städten,  bekämpfte  den  Galen  mit  Philosophie  und  machte 
manche  treffende  Einwendung  gegen  ihn  und  die  Zeitgenossen.  Er  leug- 
nete vornemlich  die  zahlreichen  Spiritus  der  Galenisten  oder  führt  sie 
sämmtlich  auf  einen  zurük :  das  Calidum  innatum.  Auch  weist  er  die 
Elementarqualitäten  als  Ursachen  der  Krankheit  zurük  und  nennt  die  Krank- 
heit eine  Ametria.  Er  gehörte  zu  den  aufgeklärtesten  Denkern  jener  Zeit. 
Seine  wichtigsten  Schriften  sind:  De  erroribus  veterum  medicorum  1553; 
Commentarii  tres  in  artem  medicinalem  Galeni  1553;  de  somno  et  vigilia, 
de  spiritibus  et  calido  innato  libri  II  1566. 

Nicht  geringere  Bedeutung  hatte  sein  Schüler  Laurentius  J  o  u  b  e  r  t 
(1529 — 1583).  Er  war  ein  aufgeklärter  Mann  und  da  er  Professor  und 
später  Kanzler  in  Montpellier  wurde,  so  machte  er  seine  Lehre  daselbst 
heimisch  und  gab  den  Impuls  zu  der  von  da  an  sich  ziemlich  abschliessenden 
Schule  von  Montpellier.  Obwohl  er  als  Bekämpfer  der  Galenisten  grosse 
Selbständigkeit  zeigte,  namentlich  die  Lehre  von  der  Fäulniss  und  den 
faulenden  Säften  sehr  entschieden  angriff  (an  die  Stelle  der  Fäulniss 
sezte  er  das  Aufbrausen),  ferner  die  Richtigkeit  der  Galen'schen  Fieber- 
lehre in  Zweifel  zog,  das  Naturnothwendige  der  Heilungen  einsah,  so  fehlt 
es  doch  bei  ihm  nicht  an  zahlreichen  verunglükten  und  willkürlichen  Ein- 
fällen. Seine  Hauptschriften  sind:  Paradoxa  medica  seu  de  febribus  1566 
und  Medicinae  practicae  libr.  III. ;  ein  populäres  Buch :  Erreurs  populairs 
au  fait  de  la  medecine  et  regime  de  sante  1570  fand  ausserordentlichen  Bei- 
fall, so  dass  binnen  eines  halben  Jahrs  über  6000  Exemplare  verkauft  wurden. 

Wunderlich,  Geschichte  der  Medicin.  5 


Polemik  gegea 
Galen  Fernel. 


Arjenterio. 


Joubert. 


ß(3  Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Reformation. 

Crato  von  \jm  dieselbe  Zeit  zeigten  sich  in  Deutschland  Crato  von  Craftheim 

UndCDudühmvon    (1519—1585)   und  Andr.  Dudith  von  Horekowitz  (1533  —  1589), 
Horekowitz.      beides  helle  Köpfe,  welche  an  der  kirchlichen  Reformation  theilnehmend 
auch  in  medicinischen  Dingen  aufgeklärtere  Anschauungen  hatten. 

Anderntheils  waren  freilich  die  heftigsten  Antigalenisten  auf  der  Seite 
der  blinden  Stürmer,  von  denen  später  erst  die  Rede  sein  wird. 

Positive  Neben  dieser  mehr  principiellen  Tendenzänderung  fehlte  es  nicht  an 

Fortschritte    mannigfachen  werthvollen  Bereicherungen  des  factischen  Details. 

in    den    Natur-  °  ° 

wissen-  Ein  regerer  Sinn  beurkundete  sich  schon  in  der  Neigung  zu  natur- 

wissenschaftlichen, zumal  botanischen  Forschungen.  Auch  hier  fing  man 
an,  die  Angaben  von  Aristoteles,  Theophrast,  Dioscorides  und  Plinius 
zu  bezweifeln  (Barbarus  und  Leonicenus).  Eine  Anzahl  von  Aerzten 
wendete  sich  mit  Vorliebe  der  Untersuchung  von  Pflanzen  zu  und  lie- 
ferte Abbildungen  :  namentlich  Brunfels  in  Mainz,  Fuchs  in  Tübingen, 
Bock  (Tragus)  und  Tabernaemontanus  in  Saarbrük,  Dodonäus,  Lobelius 
und  Clusius  in  Holland,  mehrere  Italiener,  besonders  aber  Conrad  Gessner 
aus  Zürich.  Dessgleichen  fing  man  an,  die  Mineralogie  und  Zoologie 
gründlicher  zu  studiren. 

Anatomie,  Die  Umgestaltung  der  Ansichten  über  den  Menschen  selbst  begann 

mit  der  Anatomie,  in  deren  Gebiet  freilich,  sobald  nur  die  Vorurtheile 
gegen  Leichenöffnungen  überwunden  und  einige  technische  Fertigkeiten 
erworben  waren,  die  Entdekungen  von  selbst  sich  in  die  Hände  lieferten 
und  der  Nachweis  des  früheren  Irrthums  greifbar  war. 

Hier  wie  auf  so  vielen  Punkten  beruht  das  Voraneilen  der  anatomischen 
Wissenschaft  vor  den  eigentlich  praktischen  Doctrinen  weniger  auf  der 
grössern  Begabung  oder  dem  ernsteren  Streben  ihrer  Vertreter  als  viel- 
mehr auf  dem  Vorzug,  dass  dieser  Wissenschaftszweig  auch  dem  schlichten 
Verstände  und  einer  massigen  Ausdauer  seine  Geheimnisse  bereitwillig 
ausliefert. 

Die  Fortschritte  in  der  Anatomie  waren  ungemein  ergiebig  und  man 
kann  geradezu  sagen,  dass  die  Verhältnisse  des  gröberen  Baus  des  mensch- 
lichen Körpers  im  16.  Jahrhundert  entdekt  und  festgestellt  worden  sind. 
Es  erscheinen  diese  Resultate  um  so  immenser,  wenn  man  bedenkt,  dass  zuvor 
nicht  nur  so  ziemlich  gar  keine  factische  Grundlage  vorhanden  war,  sondern 
dass  auch  noch  die  Galen'sche,  nach  Sectionen  von  Affen  und  andern  Thieren 
abstrahirte  oder  auch  überhaupt  nur  imaginäre  Anatomie  mit  ihrer  eingewur- 
zelten Autorität  erst  beseitigt  werden  musste;  wenn  man  ferner  bedenkt, 
welche  Hindernisse  der  anatomischen  Forschung  entgegenstanden  und  wie 


Die  Anatomie. 


67 


gross  und  nahe  die  Gefahr  war,  für  kezerische  Entdekungen  und  freiere 
Ansichten  dem  Kerker  und  Scharfrichter  überantwortet  zu  werden. 

In  Italien,  zumal  in  Bologna,  war  durch  Mondini  eine  Vorliebe  für  die 
Anatomie  einheimisch  geworden  und  wurde  durch  die  damaligen  Fürsten 
Italiens  (die  Medici  in  Florenz,  die  Gonzaga  in  Mantua,  die  Visconti  in 
Mailand,  ja  durch  die  Päpste  selbst)  aufs  lebhafteste  unterstüzt.  Auch 
hatte  die  Blüthe  der  Kunst  in  Italien  einen  fördernden  Einfluss  auf  die 
anatomischen  Studien,  und  mehrere  Künstler  des  ersten  Ranges  haben  sich 
um  die  Anatomie  verdient  gemacht,  so  namentlich  Leonardo  da  Vinci 
(f  1518),  welcher  in  Verbindung  mit  dem  Arzt  Marc  Antonio  dellaTorre 
die  bildlichen  Darstellungen  der  Anatomie  begründete ;  Rafaelo  Santi 
(f  1520);Rosso  de Rossi  (f  1541),  und  Michel  AngeloBuonarotti  (fl563), 
der  mit  dem  Anatomen  Columbo  in  Verbindung  war. 

So  entwikelte  sich  in  Italien  auf  verschiedenen  Punkten  eine  rege 
Thätigkeit  in  anatomischen  Untersuchungen,  und  wenn  man  will,  die  erste 
selbständige  anatomische  Schule. 

Zuerst  ist  zu  nennen:  Achillini  (1463 — 1525),  Professor  in  Bologna, 
der  das  Labyrinth  beschrieb  und  die  Riechnerven  und  den  Patheticus 
kennen  lehrte. 

Auch  Zerbi  in  Padua  (1463 — 1505)  machte  sich  durch  Beobachtungen 
über  den  Uterus  und  Embryo  verdient. 

Weit  umfassender  waren  die  Entdekungen  Berengar's  von  Carpi, 
Professor  in  Bologna  (von  1502  bis  1527),  der  selbst  angibt,  dass  er 
mehrere  Hunderte  Leichen  secirt  habe.  Man  hat  ihn  beschuldigt,  2  lebende 
Spanier  secirt  zu  haben.  Er  schrieb  Jsagogae  breves  perlucidae  et  uberrimae 
in  anatomiam  humani  corporis  und  Commentaria  cum  amplissimis .  addi- 
tionibus  supra  anathomiam  Mundini.  Er  war  zugleich  ein  bedeutender 
Chirurg  und  glüklicher  Praktiker,  namentlich  in  der  Behandlung  der 
Syphilis,  zog  sich  aber  wegen  Anfeindungen  1527  nach  Ferrara  zurük  und 
starb  1550.  Er  verbesserte  die  Kenntnisse  des  innern  Gehörorgans, 
untersuchte  zuerst  das  Os  basilare  näher,  beschrieb  die  Augenmuskeln, 
freilich  noch  ungenau,  die  Thränenpunkte,  mehrere  Muskeln  und  Knorpel 
des  Kehlkopfs,  die  Klappen  am  Herzen  und  in  den  Venen  und  vermuthete 
ihre  Function,  zeigte,  dass  die  Scheidewand  des  Heizens  keine  Oeffnung 
habe  (wie  die  Galeniker  angenommen  hatten),  sondern  das  Blut  in  der  rechten 
Abtheilung  abtrenne  (die  linke  wurde  als  mit  den  spir.  vitafis  angefüllt 
angenommen).  Erzeigte  den  Verlauf  der  Unterleibsvenen;  beschrieb  zuerst 
den  Blinddarm  und  Wurmfortsaz  genau,  untersuchte  ferner  die  Nieren 
und  zeigte,  dass  sie  nicht,  wie  man  glaubte,  ein  Sieb  seien.  Zu  dem  Ende 
injicirte  er  die  Renalvene  mit  einer  Flüssigkeit.     Ueber  das  Gehirn  hatte 

5* 


Berengar. 


68 


Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Reformation. 


Massa. 


Canano. 


Vidus  Vidins   und 
Winther. 


Sylvius. 


Etienne. 


er  noch  sehr  dürftige  Vorstellungen,  doch  kennt  er  4  Hirnhöhlen,  den 
Plexus  choroideus,  den  Zusammenhang  mit  dem  Rükenmarkkanal,  lehrte 
zuerst,  dass  aus  dem  Kleinhirn  keine  Nerven  entspringen,  sondern  alle 
aus  dem  Grosshirn  und  der  Oblongata  oder  dem  Rükenmark.  Er  beschreibt 
zuerst  die  8  Cervicalnerven  genauer  und  richtig,  sowie  er  die  Anatomie 
des  Rükenmarks  begründete. 

Alessandro  Benedetti,  Professor  in  Padua  im  Jahr  1525,  schrieb 
ein  anatomisches  Handbuch,  in  welchem  jedoch  die  beigefügten  prak- 
tischen Bemerkungen  von  grösserm  Werth  sind  als  die  anatomischen 
Beschreibungen. 

Nicolaus  Massa  lebte  in  Venedig  und  starb  1564  oder  1569;  er 
schrieb  ein  Liber  introductorius  anatomiae  und  Epistolae  medicinales. 
Er  hat  sehr  viel  zur  Kenntniss  des  menschlichen  Körpers  beigetragen. 
Er  stellte  die  Osteologie  des  Schädels  fest,  entdekte  den  Ursprung  des 
Olfactorius,  mehrere  Antlizmuskeln,  den  Genioglossus  und  die  muskulöse 
Beschaffenheit  der  Zunge ;  beschrieb  den  Plexus  choroideus  genauer,  glaubte 
aber,  dass  darin  die  Seele  size.  Er  kannte  genau  die  Lage  des  Magens, 
entdekte  die  lymphatischen  Gefässe  der  Nieren,  die  Samenbläschen  und 
beschrieb  die  Accidenzorgane  der  weiblichen  Genitalien. 

Canano  in  Ferrara  (1543)  beschrieb  genauer  die  Muskeln  des  Ober- 
arms und  gab  davon  sehr  gute  Abbildungen. 

Indessen  hatte  (um  1532)  Vidus  Vidius  (Guido)  aus  Florenz  den 
Sinn  für  Anatomie  in  die  Pariser  Schule  verpflanzt.  Winther  von  An- 
dernach, ursprünglich  in  Löwen,  wurde  Professor  der  Anatomie  in  Paris, 
ohne  erhebliches  zu  leisten. 

Sylvius  (Dubois)  dagegen,  ebenfalls  in  Paris,  der  erst  mit  53  Jahren 
Baccalaureus  der  Medicin  wurde,  ein  vielseitig  gebildeter  Mann  und  als 
Lehrer  von  europäischer  Berühmtheit,  zeichnete  sich  durch  ungewöhnliche 
Geschiklichkeit  im  Seciren  aus.  Er  hatte  zuerst  die  Idee,  die  Gefässe 
mit  farbigen  Flüssigkeiten  zu  injiciren,  gab  dieselbe  aber  wieder  auf.  Ob- 
wohl noch  in  Galen'scher  Autorität  befangen,  machte  er  manche  Ent- 
dekungen,  fand  z.  B.  die  Fossä  und  den  Aquäduct  im  Gehirn,  welche 
seinen  Namen  tragen,  und  die  Klappe  an  der  untern  Cava.  Er  beschrieb 
den  Panniculus  adiposus.  Besonders  aber  hat  er  nüzlich  gewirkt,  indem 
er  die  nogh  jezt  gebräuchliche  Terminologie  der  Gefässe  und  Mus- 
keln einführte. 

Ein  Schüler  des  Sylvius  war  Charles  Etienne  (geb.  1503,  zugleich 
Buchdruker  und  vielfach  wegen  Kezerei  verfolgt,  starb  1564  im  Ge- 
fängniss).     Er  gab  nicht  nur  anatomische  Abbildungen  heraus,  sondern 


Die  Anatomie.  69 

hat  vornemlich  die  Anatomie  der  Knochen,  Knorpel  und  Ligamente  der 
Hauptsache  nach  festgestellt,  auch  die  Lehre  von  den  Muskeln  gefördert. 
Er  unterschied  die  weisse  und  graue  Gehirnsubstanz,  beschrieb  den  Phre- 
nicus,  zeigte,  dass  mehrere  der  Venen  mit  dunklem  Blut  gefüllt  sind,  die 
Arterien  aber  ein  helles  und  lufthaltiges  Blut  enthalten. 

S  e  r  v  e  t  o,  ein  anderer  Schüler  des  Sylvius,  gleichfalls  wegen  kirchlicher  serveto. 
Kezerei  verfolgt,  wurde  auf  Calvin' s  Veranlassung  in  Genf  eingekerkert 
und  hingerichtet,  ein  trauriges  Beispiel,  wie  wenig  die  Häupter  der  kirch- 
lichen Reformation  die  Freiheit  des  Geistes,  die  sie  für  sich  in  Anspruch 
nahmen,  andern  zu  gewähren  geneigt  waren.  Er  hat  die  Beschaffenheit 
des  Septums  der  Ventrikel  näher  kennen  gelehrt  und  mochte  eine  dunkle 
Ahnung  von  dem  Mechanismus  des  Kreislaufs  haben. 

Bis  hieher  zeigten  die  Anatomen  immer  noch  eine  grosse  Schüchtern- 
heit im  Abweichen  von  Galen ;  sie  begnügten  sich  ihn  zu  commentiren  und  zu 
vervollständigen.  Selbst  ein  kleiner  Widerspruch  wurde  nur  mit  der 
grössten  Vorsicht  vorgetragen. 

Ein  selbständigerer  Geist  durchbrach  diese  Schranke.  Es  war  ein  ve$ai. 
anderer  Schüler  des  Sylvius:  Andreas  Vesal  (Wesele),  geboren  1514  in 
Brüssel.  Nachdem  er  in  Löwen  studirt  hatte,  begab  er  sich  nach  Paris, 
wo  Vidius,  Winther  und  Sylvius  seine  Lehrer  waren  und  wo  er  mit  grösstem 
Eifer  Anatomie  trieb.  Menschliche  Leichen  waren  noch  so  selten  zur 
Section  zu  erhalten,  dass  sie  nicht  bis  zu  den  Studenten  gelangten ;  er 
secii'te  daher  Thiere,  so  viel  er  finden  konnte;  an  einem  am  Galgen  ge- 
stohlenen Skelett  lernte  er  Osteologie.  Kaum  20  Jahre  alt  wurde  er 
Militärchirurg  und  jezt  erst  machte  er  seine  erste  Section  einer  mensch- 
lichen Leiche.  Mit  23  Jahren  wurde  er  Professor  in  Padua,  trug  dreimal 
noch  die  Anatomie  nach  Galen  vor,  sagte  sich  dann  aber,  als  der  erste, 
der  es  wagte,  mit  Entschiedenheit  von  der  Galen'schen  Anatomie  los.  Er 
las  abwechselnd  in  Padua,  Bologna  und  Pisa,  und  befand  sich  dazwischen 
in  Deutschland  und  Holland.  1542  gab  er  einen  Grundriss  der  Anatomie 
mit  Abbildungen,  welche  Stephan  von  Calcar,  Tizian's  Schüler,  geliefert 
hatte,  1543  sein  grosses  Werk  de  humani  corporis  fabrica  in  7  Büchern 
heraus,  troz  der  Warnung  seiner  Freunde,  welche  ihm  die  grössten  Ver- 
folgungen voraussagten.  Die  heftigsten  Gegner  erhoben  sich  in  derThat 
gegen  ihn,  vor  allen  sein  Lehrer  Sylvius,  der  ihn  für  einen  wahnsinnigen 
Kezer  erklärte,  dessen  Gifthauch  ganz  Europa  verpeste.  Auch  war  der 
Lärm  so  gross,  dass  Kaiser  Karl  V.  das  Werk  der  Inquisitions-Censur 
vorlegen  Hess  und  dass  die  theologische  Facultät  von  Salamanca  darüber 
befragt  wurde,  ob  es  katholischen  Christen  zu  gestatten  sei,  Leichen  zu 


70 


Die  Mediciu  im  Zeitalter  der  Reformation. 


Columbus  und 
Arantius. 


Eustachi  und 
Ingrassias. 


seciren,  worüber  die  Antwort  (1556)  glüklicherweise  bejahend  ausfiel. 
Nicht  wenige  seiner  Gegner  überzeugte  Vesal  und  zahlreiche  Anhänger 
gewann  er  dadurch,  dass  er  auf  Reisen  überall  anatomische  Demonstra- 
tionen an  Leichen  vornahm.  Doch  dauerten  die  Anfeindungen  fort  und 
Vesal  verliess  Italien,  ging  nach  Brüssel,  sodann  als  Professor  nach 
Basel,  wo  er  die  zweite  Auflage  seines  Werks  besorgte,  darauf  nach 
Spanien  als  Leibarzt  Philipps  IL  Dort  verfiel  er  in  Hypochondrie,  viel- 
leicht auch  in  Misshelligkeiten  mit  der  Inquisition,  unternahm  in  Folge 
davon  eine  Reise  nach  Jerusalem,  litt  Schiffbruch,  zog  sich  dabei  eine 
Krankheit  zu  und  starb  1564. 

Vesal's  Arbeiten  haben  über  die  meisten  Theile  des  menschlichen 
Körpers  eine  genauere  Kenntniss  gegeben.  Die  wichtigsten  Punkte,  auf 
welchen  er  die  Anatomie  förderte,  sind :  Im  Gehirn  entdekte  er  den  fornix 
und  das  septum  pellucidum,  sowie  die  Respirationsbewegung  des  Gehirns; 
sodann  wurde  das  dritte  Gehirnnervenpaar  und  der  Hypoglossus  zuerst 
von  ihm  genau  beschrieben.  Es  wurden  die  Dorsalnerven  von  ihm  fest- 
gestellt, die  Thränendrüse  und  die  Thränenkarunkel  beschrieben.  Er  ver- 
vollständigte die  Kenntniss  vom  knöchernen  Gehörorgan,  stellte  den  Bau 
des  Brustbeins  und  Os  sacrum  fest,  widerlegte  das  Vorhandensein  eines 
Herzknochens  und  eines  Hautmuskels,  wies  die  Beschaffenheit  der  Muskel- 
substanz nach,  zeigte  den  Verlauf  der  Art.  subclavia  und  der  Azygos, 
lehrte  das  Mediastinum  kennen ,  beschrieb  zuerst  die  Cardia  und  den 
Pylorus  genau,  sowie  Nez,  Leber  und  Prostata. 

Seine  bedeutendsten  Schüler  waren  Columbus  (sein  Prosektor),  der 
die  Kehlkopfstaschen,  die  Duplicaturen  des  Bauchfells  beschrieb  und  die 
Nerven  bis  zu  den  Muskeln  verfolgte,  und  Arantius,  welcher  das  ovale 
Loch  beschrieb  und  den  fälschlich  nach  Botalli  benannten  Ductus  arteriosus, 
sowie  die  nach  ihm  benannten  Theile  (Noduli  Arantii,  canalis  venosus 
Arantii)  entdekte,  manche  Gehirntheile  genauer  nachwies  und  die  Ana- 
stomosen der  Arterien  verfolgte. 

Gleichzeitig  mit  Vesal  lehrte  Eustachi  in  Rom  und  Ingrassias  in 
Neapel.  Eustachi  beschrieb  zuerst  die  Muskeln  des  Gehörorgans  und  mit 
grosser  Genauigkeit  die  des  Kopfes,  Halses  und  Nakens,  entdekte  den  nach 
ihm  benannten  Gang  und  den  Ductus  thoracicus,  beförderte  die  Kenntniss 
von  den  Arterienanastomosen  und  von  dem  Bau  der  Nieren,  entdekte  die 
Nebennieren,  den  Ursprung  der  Sehnerven  und  des  sechsten  Paars  und 
gab  zuerst  eine  richtige  Abbildung  des  Uterus.  Von  seinen  eigenhändigen 
anatomischen  Tafeln  wurde  nur  ein  Theil  während  seines  Lebens  ausge- 
geben (1552).—  Ingrassias  entdekte  den  Steigbügel  und  beschrieb  zuerst 


Die  Anatomie.  71 

das  zusammengesezte  Skelett  genau,  so  dass  später  wenig  mehr  hinzu- 
gefügt werden  konnte. 

Der  unbefangenste  und  genialste  unter  den  italienischen  Anatomen  Kaioppia. 
war  aber  Gabriel  Faloppia  (geboren  1523,  gestorben  1563),  Professor 
zu  Ferrara,  Pisa  und  Padua,  der  in  einer  kurzen  Laufbahn  ausserordent- 
liches leistete,  die  Zahl  seiner  Sectionen  jährlich  bis  auf  7  brachte,  auch 
einmal  einen  Menschen  mit  Genehmigung  des  Fürsten  durch  Opium  ver- 
giftete, um  ihn  nachher  zu  seciren.  Er  bewies,  dass  die  Nerven  nicht  aus 
der  Dura  entspringen,  entdekte  die  Ganglien,  beschrieb  zuerst  den  Quintus, 
Acusticus  und  Glossopharyngeus  richtig;  er  zeigte  den  innern  Bau  des 
Augs,  entdekte  das  Trommelfell  und  die  Sinus  petrosi,  wies  die  Noth- 
wendigkeit  der  Muskeln  für  die  Bewegung  nach,  beschrieb  zuerst  genau 
die  Zungenmuskeln,  Bauchmuskeln  und  einige  Schenkelmuskeln,  lehrte 
die  lymphatischen  Gefässe  kennen.  Die  fälschlich  nach  Bauhin  genannte 
Darmklappe  wurde  von  ihm  entdekt,  ebenso  das  Röhrensystem  in  den 
Nieren,  obwohl  es  zum  Theil  nach  Bellini  benannt  wird.  Er  beschrieb 
den  Sphincter  vesicae  und  entdekte  die  Samenbläschen.  Die  runden  Mutter- 
bänder, die  Trompeten,  die  Eierstöke,  die  Clitoris  wurden  zuerst  von  ihm 
genau  dargestellt;  ebenso  das  Hymen,  das  kein  einziger  der  Anatomen 
des  Zeitalters  anerkennen  wollte.  Sein  Hauptwerk  sind  die  Observa- 
tiones  anatomicae  1561. 

Faloppia's  bedeutendste  Schüler  waren:  Volcher  Koyter  ausGro-      Koyter  und 
ningen  und  Hieronymus  Fabricius  von  Aquapendente,  welche  beide  vor- 
zugsweise  die  Anatomia  comparata  förderten,  während  Jener  zugleich  in 
der  Lehre  vom  Gehörorgan,  Lezterer  in  der  von  der  Entwiklung  wesent- 
liche Fortschritte  repräsentirte. 

Ausserdem  sind  noch  hervorzuheben  :  Varoli,  Professor  in  Bologna,  varou.cesaipino, 
der  die  Commissuren,  die  Brüke  und  die  Hirnschenkel  genau  beschrieb 
(1573);  Cesalpino  aus  Florenz  (1583),  welcher  den  arteriellen  Charakter 
der  Lungenarterie  nachwies,  auch  eine  völlig  richtige  Vorstellung  von  dem 
Bau,  aber  nicht  von  den  Functionen  des  Herzens  hatte  und  allerdings 
den  Blutlauf  in  den  Venen  für  centrifugal  hielt;  Giulio  Casserio 
(1561  — 1616),  Schüler  des  Fabricius  ab  Aquapendente,  Professor  in 
Padua,  untersuchte  vornemlich  die  Stimme  und  das  Gehörorgan  und  gab 
darüber  Abbildungen. 

Damit  endete  die  glänzende  Periode  der  italienischen  Anatomie,  wie 
auch  ungefähr  um  dieselbe  Zeit  (Mitte  des  16.  Jahrhunderts)  das  politische 
L  eben  in  Italien  erlosch,  und  die  gesammte  Literatur  wie  die  Kunst  ent- 
arteten. Die  krämerische  Natur  des  Herzogs  Cosmo  von  Toscana  war 
wenig  geneigt,  seiner  Vorfahren  Beispiel  in  ünterstüzung  der  Wissen- 


72  Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Reformation. 

schaft  nachzuahmen.  Ferrara  kam  unter  päpstliche  Herrschaft;  in  Rom 
wechselten  die  Päpste  in  rascher  Folge ;  in  Neapel  herrschten  des  spa- 
nischen Philipp's  Vicekönige,  und  die  Handelsherren,  welche  die  vene- 
tianische  Republik  regierten,  fingen  an,  die  Sparsamkeit  für  nothwendig 
zu  erachten,  und  beschränkten  auf  der  Universität  Padua  die  bisherige 
freigebige  Unterstüzung. 
Spanien  Nach  Spanien  wurde  die  Anatomie  von  Valverde  de  Hamusco,  nach 

Deutschland  durch  die  Baseler  Professoren  Felix  Plater  (1550 — 1614) 
und  Caspar  Bauhin  (1550 — 1624),  der  namentlich  die  Terminologie  ver- 
besserte, gebracht.  Alle  drei,  wie  auch  Alberti,  Professor  in  Witten- 
berg und  nachher  Leibarzt  in  Dresden  (1 540 —  1 600),  lieferten  Bilderwerke. 

pathoi  ogischa  Auch  in  der  pathologischen  Anatomie  wurden  im  16.  Jahrhundert  einige 
Anfänge  gemacht  und  die  Wichtigkeit  dieses  Wissenschaftszweiges  als 
Grundlage  für  die  gesammte  Pathologie  wurde  wenigstens  von  Einzelnen 
gewürdigt.  Eustachi  bedauerte  noch  in  seinem  Alter,  die  krankhafte 
Veränderung  der  Organe  zu  wenig  verfolgt  zu  haben  und  gibt  an,  dass 
die  Gicht  ihn  verhindert  habe,  die  angefangenen  Studien  darüber  zu 
vollenden;  und  Fernel  (1497 — 1558)  sagt  „nunquam  ullum  plane  cog- 
nitum  penitusque  perspectum  esse  morbum  putaverim,  nisi  compertum 
habeatur  et  quasi  oculis  cernitur,  quae  in  humano  corpore  sedes  primario 
laboret  et  quis  in  ea  sit  affectus  praeter  naturam".  Derselbe  theilt,  wie 
Galen,  die  Krankheiten  ein  in  similares,  organici  und  communes,  und  es 
finden  sich  bei  ihm  bereits  zahlreiche  pathologisch-anatomische  Thatsachen. 

Doch  wurden  die  pathologischen  Veränderungen  in  den  Leichen  mehr 
gelegentlich  gefunden  und  nur  ausnahmsweise  machte  man  die  Section, 
um  über  den  Krankheitsfall  selbst  Klarheit  zu  gewinnen. 

Darum  wendete  sich  auch  die  Aufmerksamkeit  weit  überwiegend  den 
groben,  auffallenden  und  staunenerregenden  Veränderungen  zu. 

Besonders  waren  es  die  Steine  im  Körper,  welche  viele  Anatomen 
lebhaft  interessirten. 

Kenntmann  in  Dresden  sammelte  Fälle  von  steinigen  Concretionen 
an  verschiedenen  Orten  des  menschlichen  Körpers  und  theilte  sie  G  essner 
mit,  der  sie  (in  der  Schrift  de  omni  rerum  fossilium  genere,  lapi- 
dibus  etc.  1565)  veröffentlichte. 

Vesal  soll  ein  pathologisch-anatomisches  Werk  verfasst  haben;  es 
ist  verloren  gegangen  und  wurde  auf  das  Gerücht  hin,  dass  es  in  Spanien 
irgendwo  verborgen  sei,  1812  durch  den  französischen  Gesandten  daselbst, 
den  Grafen  Laforest,  vergeblich  gesucht. 


Die  pathologische  Anatomie.  "73 

Columbus  machte  mehre  pathologisch-anatomischeBeobachtungen, 
z.  B.  die  der  Abwesenheit  des  Pericardiums. 

Auch  ein  Sepulchretum  von  Peter  Castelli  in  Messina  (nach  100  Sec- 
tionen)  und  ein  pathologisch-anatomisches  Werk  von  Ulmo  gingen  verloren. 

Von  Koyter  (Obs.  variae  novis,  diversis  ac  artificiosissimis  figuris 
iliustratae  1573)  sind  manche  gute  Beobachtungen  gemacht  worden  über 
die  knöcherne  Natur  mancher  Ankylosen,  über  das  Vorkommen  von  Aus- 
schwizungen  im  Gehirn  und  Rükenmark  bei  Delirien,  Convulsionen  und 
Paralysen. 

Dodoneus  in  Holland  machte  Fälle  von  Pneumonie,  von  Magen- 
geschwür, Bauchmuskelentzündung,  von  Aneurysmen  der  Coronariae  des 
Magens  und  von  steinigen  Concretionen  in  den  Lungen  bekannt  (Observ. 
medicinalium  exempla  rara  1581). 

Donatus  (de  medica  historia  mirabili  1586)  machte  eine  Anzahl 
merkwürdiger  Beobachtungen  und  sammelte  gleichfalls  die  Erfahrungen 
über  Steinbildung  im  Körper. 

Auch  Ballonius  in  Paris  gab  eine  Anzahl  von  pathologisch-anato- 
mischen Bemerkungen  (Paradigmata  et  historiae  morborum). 

Von  besonderem  Interesse  ist  der  Versuch  Schenk's  von  Grafen- 
berg, Arztes  in  Freiburg  im  Breisgau,  eine  grosse  Anzahl  von  eigenen 
und  fremden  pathologisch-anatomischen  Beobachtungen  in  seinen  Obser- 
vationum  medicarum  rariorum  novarum,  admirabilium  et  monstrosarum 
libri  7  (1600)  zu  vereinigen.  Er  legte  darin  bereits  einen  reichen  Schaz 
von  wichtigen  Erfahrungen  über  die  krankhaften  Veränderungen  in  allen 
Theilen  des  Körpers  nieder. 

Eine  grosse  Zahl  anatomischer  Beobachtungen  hat  auchFelix  Plater 
aus  Sitten,  Professor  in  Basel  (1536 — 1614)  in  seinen  Observationum 
in  hominis  affectibus  plerisque  libr.  3  (1614)  zusammengebracht:  viele 
darunter  sind  werthvoll;  eine  noch  grössere  Menge  dagegen  ist  kritiklos 
gesammelt. 

Mit  der  Anatomie  war  ferner  die  Chirurgie  im  nächsten  Connex.  In  Chirurgie, 
derselben  hat  die  italienische  Schule  des  16.  Jahrhunderts  nicht  uner-  italienische 
hebliche  Leistungen  gemacht,  welche  mit  der  Förderung  der  Anatomie  im 
engen  Zusammenhang  stehen.  Auch  hier  überragte  die  Bologneser  Fa- 
kultät durch  Angiolo  Bolognini,  Berengar  und  Maggi  das  ganze  übrige 
Italien.  Doch  sind  auch  Vigo,  der  freilich  die  Meinung  von  der  Giftigkeit 
der  Schusswunden  verbreitete,  Ingrassias  (de  tumoribus  praeter  naturam) 
und  Fabricius  ab  Aquapendente  zu  nennen. 


Chirurgie. 


74 


Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Reformation. 


Deutsche 
Chirurgie. 


In  Deutschland  lag  die  Chirurgie  noch  in  tiefster  Rohheit  und  nur 
Felix  Würtz  zu  Basel,  der  auf  eigene  Beobachtung  drang  (Practica  der 
Wundarznei  1563)  machte  eine  rühmliche  Ausnahme. 

Es  war  die  Chirurgie  fast  durchaus  in  den  Händen  der  Bader  und 
Bartscherer,  ein  Gewerbe,  das  immer  noch  wie  das  der  Schinder  unehrlich 
war,  in  dem  Grade,  dass  kein  Handwerker  einen  jungen  Menschen  in  die 
Lehre  nahm,  der  mit  einem  Bader  oder  Bartscherer  verwandt  war.  Die 
Chirurgen  zogen,  begleitet  von  ihrem  Hanswurst,  auf  den  Märkten  herum 
und  priesen  ihre  Kunst  unter  Paukenschlag  und  Possenreissen  dem  ver- 
sammelten Volke  an.  Kaiser  Wenzel  versuchte  die  Bader  1405  seiner 
Concubine  zu  lieb  ehrlich  zu  machen;  doch  gelang  es  ihm  nicht,  die  Vor- 
urtheile  des  Volks  auszurotten. 


Französische 
Chirurgie. 


Pare. 


In  Frankreich  waren  die  Chirurgen  durch  ihre  Gleichstellung  mit  den 
Aerzten  ganz  besonders  begünstigt  Die  Eifersucht  der  Fakultät,  welche 
sogar  die  Bundesgenossenschaft  der  Baderinnung  gegen  das  verhasste 
Collegium  chirurgicorum  nicht  verschmähte,  führte  jedoch  viele  äusserliche 
Streitigkeiten  und  Kämpfe  herbei  und  drängte  die  wissenschaftliche  Arbeit 
zurük.  Mit  dem  Jahr  1545  wurden  durch  den  Leibchirurg  Franz  des 
Ersten,  Vavasseur,  die  Standesverhältnisse  fixirt,  die  Bader,  welche  durch 
den  Einfluss  der.  Fakultät  mit  dem  Titel  der  Barbiers-chirurgien s  ge- 
schmükt  auf  Anstiften  derselben  Fakultät  Antheil  an  dem  Collegium 
chirurgicum  forderten,  wurden  völlig  abgetrennt  und  die  Privilegien  der 
Wundärzte  erweitert. 

Nichtsdestoweniger  ist  gerade  aus  der  Zunft  derBarbiers-chirurgiens 
einer  der  grössten  Chirurgen  hervorgegangen,  welche  Frankreich  gehabt 
hat :  Ambroise  Par6. 

Derselbe  wurde  1517  geboren,  kam  zeitig  zu  einem  pariser  Barbier  in 
die  Lehre  und  erwarb  sich  chirurgische  Kenntnisse  durch  einen  dreijähr- 
igen Besuch  des  Hotel  Dieu.  19  Jahre  alt  machte  er  als  Barbier-chi- 
rurgien  des  Marschall  Mont  Jean  den  Feldzug  gegen  CarlV.  mit,  entdekte 
dabei  die  nichtgiftige  Natur  der  Schusswunden  und  fand,  dass  dieselben 
weit  besser  heilen,  wenn  sie  einfach  behandelt,  als  wenn  sie  wie  gebräuch- 
lich mit  siedendem  Oel  ausgebrannt  werden.  Seine  vortreffliche  Schrift 
über  Schusswunden  erschien  nach  Beendigung  der  Feldzüge  1545,  das 
erste  in  französischer  Sprache  geschriebene  wissenschaftliche  Werk.  Nun 
trat  Pare  als  Prosector  von  Sylvius  ein  und  gab  eine  kurze  Anatomie 
heraus,  welche  lange  als  das  brauchbarste  Handbuch  für  Chirurgen  galt. 
Bereits  hatte  derselbe  eine  grosse  chirurgische  Berühmtheit  erlangt,  vor- 


Die  Chirurgie.  75 

nemlich  durch  seine  schonende  Behandlung  der  Verlezten,  die  er  im  Feld- 
zuge von  1552  erprobte,  und  durch  die  von  ihm  zuerst  statt  der  Caute- 
risation  vorgeschlagene  Ligatur  der  Arterien  bei  der  Amputation.  Er 
wurde  in  Folge  davon  unter  die  Leibchirurgen  des  Königs  und  1554  in 
das  Collegium  von  St.  Cume  aufgenommen,  troz  des  Widerspruchs  der 
Universität,  welche  es  für  unmöglich  hielt,  das  Jemand,  der  kein  Latein 
verstehe,  einem  gelehrten  Körper  angehören  könne.  Aber  auch  ohne  Latein 
stieg  Pare's  Ruhm  immer  höher,  er  wurde  1563  premier  Chirurgien  du  roi 
und  soll  1572  einer  der  wenigen  Hugenotten  gewesen  sein,  dessen  Scho- 
nung in  der  Bartholomäusnacht  der  König  befohlen  habe.  Dagegen 
dauerten  die  Anfeindungen  der  Collegen  und  besonders  der  Aerzte  fort 
und  erreichten  den  höchsten  Grad,  als  Pare  es  wagte,  die  Wirksamkeit 
der  bis  dahin  beliebtesten  Arzneimittel,  des  Einhorns  und  der  Mumie,  in 
Zweifel  zu  ziehen.     Pare  starb  1590. 

Ambr.  Pare  hat  die  Chirurgie  von  der  Herrschaft  der  Scholastik  be- 
freit. Obwohl  er  Hippocrates  sehr  hochhält  und  in  vielen  Punkten  die 
hippocratische  Lehre  herstellte,  und  Galen's  Theorien  gelten  lässt,  obwohl  er 
ferner  sich  nicht  scheute,  ganze  Abschnitte  aus  seinen  Vorgängern  zu  ent- 
nehmen, so  dringt  er  doch  auf  selbständige  Forschung,  denn  mehr  Dinge  seien 
noch  zu  suchen,  als  schon  gefunden.  Er  hat  auf  allen  Punkten  die  Wund- 
arzneikunst durch  einsichtsvolle  Beobachtung  der  Thatsachen  und  durch 
Verbesserung  des  therapeutischen  Verfahrens  gefördert.  Der  richtigen 
Beurtheilung  der  Behandlung  der  Schusswunden ,  der  Einführung  der 
Arterienligatur  ist  schon  Erwähnung  gethan.  Das  Glüheisen,  das  zuvor 
die  hauptsächlichste  Procedur  in  der  Chirurgie  gewesen  war,  wurde  von 
ihm  beschränkt,  die  Castration  bei  der  Radicalheilung  der  Brüche  be- 
seitigt, das  Bruchband  eingeführt,  die  Trepanation  wesentlich  verbessert; 
er  führte  den  Kronentrepan  ein  und  hat  die  Verhärtung  der  Prostata  als  Ur- 
sache hartnäkiger  Strangurie  nachgewiesen.  Ein  nicht  geringeres  Verdienst 
erwarb  er  sich  aber  durch  die  richtige  und  besonnene  Auffassung  von  den  ver- 
schiedensten und  alltäglichen  chirurgischen  Vorkommnissen  und  es  kann 
ihm  bei  so  vielfacher  Bewährung  eines  vorurtheilsfreien  Geistes  sein 
Glaube  an  Hexen  und  Zauberer  wohl  nachgesehen  werden.  Sein  Grund- 
saz :  un  remede  experimente  vaut  mieux  qu'un  nouveau  invente  charak- 
terisirt  seine  richtige  und  solide  Denkungsweise.  Er  selbst  fühlte  den 
Werth  seiner  Leistungen,  indem  er  ausruft:  Mais  arriere  enuieux:  car 
eternellement  on  verra  maugre  vous  ce  mien  ouvrage  vivre. 

Auch  dass  er  sich  der  französischen  Sprache  statt  der  lateinischen 
bediente,  ist  von  Bedeutung. 

Pare  hat  der  französischen  Chirurgie  noch  weiter  dadurch  genüzt,  dass 


französische 
Chirurgen. 


76  Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Reformation. 

er  eine  grosse  Anzahl  tüchtiger  Schüler  zog.     Die  Superiorität  der  fran- 
zösischen Chirurgie  wurde  hiedurch  auch  für  die  Folge  begründet. 
Andere  Der  bedeutendste  Schüler  Pare's  war  Jacques  Guilleraeau  (1550  bis 

1613),  ein  gelehrter  Mann,  der  Pare's  Werk  in's  Lateinische  übersezte, 
viel  zur  Verbreitung  seiner  Lehren  beitrug,  über  die  Krankheiten  des 
Augs,  über  die  Aneurysmen  und  über  die  Trepanation  nicht  Unbedeu- 
tendes leistete.  Severin  Pineau,  der  als  Lithotom  bekannt,  Habicot 
als  Lehrer  sehr  geschäzt,  ausserdem  Pigray,  Jaques  de  Marque  u.  A. 
Ausserhalb  der  Pare'schen  Schule  war  Thierry  de  Hery  als  Syphilidothe- 
rapeut  sehr  gesucht.  Auch  Pierre  Franco  (über  Hernien,  den  Stein- 
schnitt) und  der  Spanier  Franciscus  Arcäus  sind  unter  den  Förderern  der 
Chirurgie  im  16.  Jahrhundert  zu  nennen. 

Geburtshilfe.  Auch  in  der  Geburtshilfe  fing  es  an  sich  zu  regen.     In  den  Anfang 

des  Jahrhunderts  fällt  der  Nufer'sche  Kaiserschnitt;  Eucharius  Roslins 
der  swangern  Frawen  und  Hebammen  Rosengarte  (1512)  war  der  erste 
freilich  dürftige  Versuch  einer  isolirten  Bearbeitung  dieser  Wissenschaft, 
die  bis  dahin  nur  als  Zweig  der  Chirurgie  gegolten  hatte.  Einen  zweiten 
Rosengarten  gab  Walter  Reiff  1545  heraus,  womit  er  jedoch  noch  weniger 
Ehre  eingelegt  hat.  Der  „Burger  und  Steinschnyder  der  loblichen  Stadt 
Zürych"  IacobRuetT  versuchte  sich  1554  gleichfalls  in  der  Schriftstellerei 
über  dieses  Fach. 

Von  grossem  Einfluss  waren  die  durch  die  italienische  Anatomie  be- 
wirkten Aenderungen  der  Ansichten  über  die  weiblichen  Genitalien  und 
Berengar,  Massa,  Vesal,  Columbus,  Faloppia,  Eustachi  haben  die  Ge- 
burtshilfe mehr  gefördert,  als  die  praktischen  Geburtshelfer  selbst. 

In  Frankreich  hatPare  durch  die  Wiedereinführung  der  Wendung  auf 
die  Füsse  einen  epochemachenden  Schritt  gethan,  zugleich  aber  auch  in 
vielen  sonstigen  Punkten  besonnene  und  angemessene  Vorschriften  gegeben. 
Ausser  ihm  haben  Peter  Franco  und  Jacques  Guillemeau  an  der  Erhebung 
der  Geburtshilfe  aus  den  Händen  der  Hebammen  und  Barbiere  Antheil. 
Rousset  (1581)  brachte  den  Kaiserschnitt  wieder  zu  Ehren  und  lehrte 
seine  Anwendung  bei  Lebenden,  der  in  diesem  Jahrhundert  bereits  von 
Empirikern  mehrfach  ausgeübt  worden.  Caspar  Wolf  veranstaltete  (1565) 
eine  Sammlung  von  gynäcologischen  Schriften  (Gynäcia),  der  Waldkirch, 
Bauhin  und  Spach  mit  ähnlichen  folgten. 

Einfiuss-  In  der  eigentlichen  Medicin  oder  innern  Heilkunde  war  gleichfalls  ein 

reiche         wesentlicher  positiver  Fortschritt  zu   bemerken,  doch    liegt    es  in  der 

italienische  r 

Aerzte.       Natur  der  Sache,  dass  derselbe  nicht  so  in  die  Augen  fallend  sein  konnte 
als  in  Anatomie  und  Chirurgie, 


Italienische  und  französische  Aerzte.  77 

Die  bedeutendsten  Männer,  welche  auf  die  vorteilhafte  Gestaltung 
der  Medicin  im  Ganzen  von  Einfluss  waren,  sind  unter  den  Italienern 
Antonio  Beniveni,  am  Ende  des  15.  und  Anfang  des  16.  Jahrhunderts 
(de  abditis  nonnullis  et  mirandis  morborum  et  sanationum  causis  1506). 
Er  war  der  erste,  welcher  durch  Aufzeichnung  einzelner  Krankheitsfälle 
eine  richtige  Grundlage  der  Erfahrung  und  die  sogenannte  pathologische 
Casuistik  begründete. 

Sodann  der  schon  bei  der  Anatomie  genannte  Benedetti. 

Manardo  aus  Ferrara,  Leibarzt  des  Königs  von  Ungarn  (f  1536), 
hielt  sich  vornemlich  von  astrologischen  Vorurtheilen  frei.  Giambattista 
de  Monte  (oder  Montanus)  Mar  ein  sorgfältiger  Beobachter  und  schrieb 
eine  Methodus  docendi  und  Meth.  medicinae  universalis. 

Massa,  der  als  Anatom  und  als  Darsteller  epidemischer  Krankheiten 
und  der  Syphilis  sich  Ruhm  erworben  hatte,  hat  in  seinen  Epistolae  medi- 
cinales  et  physiologicae  (1542)  zahlreiche  werthvolle  Beobachtungen 
niedergelegt. 

Man  de  IIa,  Arzt  in  Brescia,  suchte  in  seinen  Epistolae  medicinales 
(1538)  dem  Aberglauben  entgegenzutreten  und  zum  Hippocratismus  zu- 
rükzuführen. 

Valleriola  (enarrationum  medicinalium  libri  VI.  responsorium  lib.  I. 
1554;  Locorum  communium  libr.  III.  1553  und  Observat.  medicinalium 
libr.  IV.  1573)  konnte  sich  zwar  von  der  Autorität  Galen's  und  der  Araber 
nicht  trennen,  war  aber  nichtsdestoweniger  fleissiger  Beobachter. 

Benedictus  Victorius  und  Helidäus  waren  berühmte  Kliniker 
aus  Bologna. 

In  Frankreich  war  Fernel  (schon  erwähnt)  der  bedeutendste.  Er  Französisch» 
hat  vorzugsweise  auf  die  Veränderungen  der  Festtheile,  Gewebe  und 
Organe  im  Gegensaz  zu  den  Säften  Gewicht  gelegt:  Universa  medicina 
1554.  Therapeutices  universalis  seu  medendi  rationis  libr.  7.  1554.  Fe- 
brium  curandarum  methodus  generalis  1554.  Consiliorum  medicinalium 
libr.  1582. 

Ballonius  (Baillou)  von  1538  — 1616,  den  man  den  französischen 
Hippocrates  genannt  hat ,  zeichnete  sich  durch  Unbefangenheit  von  ein- 
seitigen Theorien  aus,  hinterliess  zahlreiche  gute  Beobachtungen  und  ver- 
dienstliche Untersuchungen  über  epidemische  Verhältnisse  und  Krank- 
heiten. Auch  zeigte  er  die  Eigentümlichkeit  der  rheumatischen  und 
gichtischen  Affectionen  und  hat  die  Epidemien  von  1570 — 79  dargestellt. 

Auch  Guillaume  Rondelet's  in  Montpellier  Methodus  curandorum 
omnium  morborum  corporis  humani  1592  ist  nicht  ohne  Werth. 


Aerzte. 


78  Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Reformation. 

Holländische         In  Holland  war  DodonaeuS   ein   sorgsamer  Beobachter  und  berük- 


Aerz  te. 


sichtigte  dabei  nach  Möglichkeit  die  anatomischen  Verhältnisse  in  Krank- 
heiten. 

Ganz  besonders  zahlreich  und  sorgfältig  aber  sind  die  Beobachtungen 
Peter  For  est's  (de  incerto  et  fallaci  urinarum  judicio  1589;  Observa- 
tionum  et  curationum  medicinalium  libri  32.  1614). 

Deutsche  In  Deutschland  hat  Leonhard  Fuchs  in  Tübingen  (f  1565)  eine  sehr 

practische  und  unbefangene  Darstellung  der  Pathologie  und  Therapie  ge- 
geben: de  curandi  ratione  libri  octo.  1548. 

Crato  von  Craftheim,  geb.  1519,  f  1585,  theilte  seine  Erfahrungen 
mit  in  seinen  Consiliorum  et  epistolarum  libri  VII.  1589. 

Cornarus  (consilior.  medicinalium  habitorum  in  consultationibus  a 
clarissimis  medicis  tractatis  üb.  1595)  gab  seltene  Erfahrungen. 

Felix  Plater  versuchte  zuerst  eine  Classification  der  Krankheiten 
(Praxis  medica  1602). 

Einzelne  In  Betreff  der  einzelnen  Leistungen  in  der  innern  Heilkunde  waren  es 

ungen.  2un^c]is^  ^ie  jn  ^er  2eit  herrschenden  Krankheiten,  welche  die  Aerzte  be- 
schäftigten und  zu  Darstellungen  veranlassten,  die  zum  Theil  von  sorg- 
fältiger Beobachtung  zeugten. 

Die  meisten  Nachrichten  über  epidemische  Krankheiten  beziehen  sich 
auf  die  Pest,  welche  fast  durch  das  ganze  Jahrhundert  in  weitester  Ver- 
breitung herrschte  und  zeitweise  grosse  Verheerungen  veranlasste.  An- 
fangs waren  die  Aerzte  noch  in  Galenischen  Vorurtheilen  über  die  Krank- 
heit befangen  und  namentlich  Mercurialis  suchte  jede  Neuerung  abzu- 
wehren. Mystisch -astrologische  und  auch  theologische  Vorstellungen, 
welche  die  Pest  als  unmittelbare  Strafe  Gottes  erklärten,  hinderten  eine 
sorgfältige  Untersuchung.  Doch  griffen  bald  selbständige  Forschungen 
Plaz  und  besonders  Vochs  (de  pestilentia  anni  praesentis  et  ejus  cura 
1507),  Landus  (de  origine  et  causa  pestis  Patavinae  anni  1555),  Victor 
de  Bonagentibus  (decem  problemata  de  peste  1556),  Forest  und  Pare 
haben  zu  einer  genaueren  Kenntniss  der  Krankheit  beigetragen.  Man  fing 
auch  an,  die  Contagiosität  derselben  und  ihre  Einschleppung  anzuerkennen. 
Auch  den  Beobachtungen  von  Tngrassias  (informazione  del  pestifero  e 
contagioso  morbo  il  quäle  afflige  ed  ha  afflitto  questa  cittä  di  Palermo  nell 
anno  1575)  wird  practische  Bedeutung  zugeschrieben.  Vornehmlich 
wirkten  Massaria  de  peste  libri  duo  1579  undNicol.  Massa  auf  sorgfältigere 
Präventivmaassregeln  gegen  die  Krankheit,  deren  Auftreten  überhaupt 
eine  sehr  grosse  Anzahl  Schriften  hervorgerufen  hat,  In  der  Therapie 
der  Pest  aber  blieb  der  Theriak  das  Hauptmittel. 


Herrschende  Krankheiten. 


79 


Ungarische 
Krankheit. 


Englischer 
Schweiss. 


Grippe. 


Nächstdem  war  es  der  Petechialtyphus  (febris  petechialis) ,  dessen  Petechialtyphus 
noch  vereinzelte  Epidemie  mehrfach  beschrieben  wurde,  von  Fracastoro 
(de  contagione  et  morbis  contagiosis  1546),  Massa  (1535),  Trevisius 
(de  causis,  natura,  moribus  ac  curatione  pestilentium  febrium  dictarum 
cum  signis  sive  petechiis  1588),  Roboretus  (de  peticulari  febre  Indenti 
anno  1591  publice  vagante  1592). 

In  Spanien  wurde  die  Krankheit  Tabardillo  genannt,  in  Frankreich 
zuweilen  Trousse  galante. 

Zweifelhafter  Natur  ist  dagegen  eine  seit  der  Mitte  des  Jahrhunderts 
von  den  untern  Donaugegenden  aus  sich  verbreitende,  mit  dem  Namen 
der  ungarischen  Krankheit  belegte  Seuche,  über  welche  nur  ziemlich  fabel- 
hafte Berichte  vorliegen;  auch  der  beste  darunter  (von  Jordanus  de  lue 
pannonica  1576)  gibt  uns  keine  genügende  Einsicht. 

Eine  andere  weit  verbreitete  Seuche  des  Jahrhunderts  war  der  eng- 
lische Schweiss,  dessen  Verheerungen  von  England  aus  sich  über  den 
ganzen  Continent  verbreiteten.  Unter  den  verschiedenen  Schriftstellern 
der  damaligen  Zeit  ist  besonders  Kaye  (de  ephemera  brittannica  1556) 
hervorzuheben. 

Auch  der  Grippe  wird  Erwähnung  gethan.  Sie  hielt  in  den  Jahren 
1510,  1557  und  1580  ihre  grossen  Umzüge:  Thomasius  (tractatus  de 
peste  1587,  in  Häser's  historisch-pathologischen  Untersuchungen  II.  538 
ausgezogen). 

Ueber  Poken,  Masern  finden  sich  gleichfalls  zahlreiche  Beobacht- 
ungen von  Massa. 

Eine  mehr  local  bleibende  Epidemie  wurde  zuerst  1513  — 18  bei 
Rindvieh  und  Pferden,  später  aber  auch,  besonders  von  1589 — 1613  bei 
Menschen  beobachtet  und  charakterisirt  sich  durch  eine  bösartige  Angina, 
daher  der  Name  Garotillo.  Die  Krankheit  zeigte  sich  in  Holland,  der 
Schweiz,  Spanien. 

Noch  manche  andere  Epidemien  zeigten  sich  um  diese  Zeit.  Der 
Keuchhusten  wurde  1510 — 1593  wiederholt  beobachtet.  Auch  die  Krie- 
belkrankheit  fing  gegen  das  Ende  des  Jahrhunderts  an,  sich  zu  zeigen. 
Ausserdem  kamen  Fälle  einer  epidemischen  schweren  Brusterkrankung 
vor;  ja  selbst  Nervenzufälle  in  der  Form  der  Chorea  und  der  Hysterie 
zeigten  epidemische  Umzüge.  Luther  schalt  die  Aerzte,  welche  dieselben 
von  natürlichen  Ursachen  ableiteten  und  nicht  dem  Teufel  zuschreiben 
wollten.    Der  Scorbut  wurde  in  grösserer  Verbreitung  beobachtet. 

Der  Aussaz  scheint  um  diese  Zeit  eine  Veränderung  erlitten  zu  haben, 
die  jedoch  nicht  genauer  sich  bezeichnen  lässt. 


Weitere 
Epidemien. 


Aussaz. 


80  Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Reformation. 

Syphilis.  Endlich  hat  die  am  Schlüsse  des  15.  Jahrhunderts  und  im  ganzen  fol- 

genden Jahrhundert  zu  grosser  Verbreitung  sich  ausdehnende  Syphilis 
eine  massenhafte  Literatur  hervorgerufen,  so  dass  Girtanner  bis  zum  Jahr 
1600  bereits  263  einzelne  Schriften  über  dieselbe  aufzählt.  Die  Krank- 
heit wurde  damals  ganz  allgemein  als  eine  neue  bezeichnet,  die  im  Jahr 
1493  —  5  bei  dem  französisch-neapolitanischen  Feldzug  entstanden  sei. 
Anfangs  suchte  man  die  Ursache  in  der  Herrschaft  des  bösen  Saturns 
über  den  guten  Jupiter,  dann  in  Ueberschwemmung,  in  grosser  Hize ;  vom 
Jahr  1515  an  wurde  die  Quelle  nach  Spanien  und  sodann  nach  Amerika 
verlegt.  Die  Anstellung  durch  den  Beischlaf  wurde  als  der  gewöhnliche 
Weg  für  die  Erkrankung  angenommen,  doch  wurden  auch  andere  Infections- 
weisen  zugegeben.  Die  secundären  Ausschläge  wurden  schon  in  der  ersten  Zeit 
der  Beobachtungen  bemerkt  und  die  Krankheit  daher  mit  den  Poken  ver- 
glichen. Aber  auch  viele  andere  secundäre  Zufälle  waren  bekannt.  Der 
Verlauf  scheint  in  der  ersten  Zeit  ein  rascherer  gewesen  zu  sein,  so  dass 
secundäre  Symptome  und  allgemeine  Zerrüttung  sehr  frühzeitig  sich  ein- 
stellten. Vom  Jahre  1550  an  wird  auch  der  Tripper  häufiger  erwähnt  und 
scheint  in  dem  Verlaufe  der  Syphilis  selbst  eine  Ermässigung  und  Ver- 
langsamung eingetreten  zu  sein.  Dagegen  wurde  das  latente  Stadium 
jezt  erkannt  und  die  Idee  äussert  sich  bereits  vielfach,  dass  eine  voll- 
kommene Herstellung  nicht,  sondern  nur  ein  zeitweises  Verschwinden  der 
Symptome  zu  erwarten  sei.  Die  Aerzte  flohen  Anfangs  die  Kranken  und 
fürchteten  sich  vor  der  Anstekung.  Die  Behandlung  war  in  den  Händen 
von  Badern  und  Quaksalbern.  Man  nahm  Zuflucht  zu  den  Mitteln,  welche 
bei  der  Kräze  nüzlich  gefunden  worden  waren,  fand  aber  bald,  dass  das 
Queksilber  das  wirksamste  sei.  Es  wurde  in  Einreibungen  im  stark  ge- 
heizten Zimmer  bis  zu  anhaltendem  Speichelfluss  angewandt  (schon  1496). 
Bald  kam  das  Gajakholz  in  die  Mode,  dem  Ulrich  von  Hütten  die  bekannte 
Lobrede  gehalten  hat.  Auch  Chinawurzel,  Sarsaparill  und  Sassafras  wur- 
den zeitig  schon  in  Anwendung  gesezt,  jedoch  kehrte  man  wieder  zum 
Queksilber  zurük  und  fing  an,  es  ausser  in  Einreibungen  auch  in  Furni- 
gationen  und  innerlich  zu  administriren. 

semiotik.  In  der  Zeichenlehre  richtete  sich  die  Opposition  vornehmlich  gegen  die 

zum  äussersten  Missbrauch  und  zur  completesten  Charlatanerie  gewordene 
Uroscopie  (Clementius  Clementinus,  Bruno  Seidl,  Joh.  Lange,  Botalli, 
Forest,  Kölreuter).  In  der  Pulslehre  überbot  sich  zwar  Struthius  in  spiz- 
findigen  Distinctionen  (Ars  sphymica  1540)  und  dieselben  fanden  viel- 
fachen Beifall.  Doch  fingen  Manche  an,  an  der  Nüzlichkeit  solcher  Fein- 
heiten  zu  zweifeln.     Als  Ergebnisse    einer   strengen  Naturbeobachtung 


Semiotik  und  Therapie.  81 

können  dagegen  angesehen  werden  die  noch  jezt  geschäzten  Werke  von 
Jodocus  Lommius  (Medicinal.  observationum  libri  3,  quibus  notae  mor- 
borum  omnium  et  praesagia  judicio  proponuntur  1560)  und  von  Prosper 
Alpinus  (de  praesagienda  vita  et  morte  aegrotantium  1601).  Auch  er- 
schienen bereits  Werke,  welche  die  Semiotik  zum  speciellen  Gegenstande 
hatten,  von  Aubert,  Campolongus  und  Fienus. 

In  der  Therapie  waren  die  alten  Schriftsteller  meist  noch  maassgebend.  Therapie. 
Die  Aderlassfrage' beschäftigte  sehr  die  Gemüther,  und  vornehmlich  hat 
sich  Botalli  durch  sein  grenzenloses  Uebertreiben  der  Blutentziehung  be- 
rüchtigt gemacht.  Doch  gewann  er  damit  trozdem  dass  seine  Lehre  von 
der  Pariser  Facultät  für  kezerisch  erklärt  wurde,  nicht  wenige  Anhänger, 
und  zwar  gerade  die  Meisten  in  Frankreich  selbst. 

Von  den  Arzneimitteln  fanden  Vegetabilien  immer  noch  die  fast  aus- 
schliessliche Anwendung,  meist  in  sehr  componirten  Formen.  Gegen  den 
Gebrauch  der  Metalle  war  immer  noch  das  Vorurtheil  allgemein ;  dagegen 
wurden  Mineralquellen  sehr  viel  benüzt,  und  mehrere  derselben,  die  auch 
jezt  noch  zu  den  ersten  gehören,  hatten  in  jener  Zeit  einen  grossen  Zulauf. 


Bei  allen  bisher  angeführten  Schriftstellern  ist  die  gemeinschaftliche  Charakter  der 
Richtung  bemerklich,  durch  sorgfältige  und  möglichst  naturgemässe  Be-  lorschunß  im 
obachtungen  im  Einzelnen  die  Wissenschaft  factisch  zu  fundiren  und  da-  dert. 
durch  bald  die  Angaben  der  vormittelalterlichen  Aerzte  zu  bestätigen, 
bald  ihrer  Autorität  durch  Thatsachen  entgegen  zu  treten.  Dieser  Weg 
war  ein  durchaus  angemessener;  aber  der  Natur  der  Sache  nach  konnten 
nur  allmälig  gute  Beobachtungen  sich  sammeln  und  konnten  nur  mühsam 
die  allgemeinen  Vorurtheile  gebrochen  werden.  Es  war  selbstverständ- 
lich, dass  bei  allem  guten  Willen,  unbefangen  und  genau  zu  beobachten, 
die  eingewurzelten  Lehren  überall,  selbst  bei  den  entschiedensten 
Gegnern  ihren  Einfluss  noch  geraume  Zeit  sich  bewahren  mussten.  Auch 
waren  die  Mittel,  zu  einer  gründlichen  Beobachtung  zu  gelangen,  noch 
sehr  dürftig  und  unvollkommen,  und  über  die  Methoden  der  wissenschaft- 
lichen Forschung,  über  Fragestellung,  über  die  Cautelen  und  Fehler- 
quellen der  Empirie  hatte  man  noch  nicht  angefangen  nachzudenken.  Es 
war  allenthalben  ein  naiver  Drang  zum  empirischen  Wahrnehmen,  der  um 
so  weniger  an  seiner  Naivetät  Anstoss  nahm,  als  das  Gebiet  des 
noch  Wahrzunehmenden  so  unendlich  und  die  Ausbeute  auch  bei  un- 
methodischem Suchen  so  ergiebig  war.  Für  den  Anfang  der  positiven 
Forschung  erscheint  diess  aber  nicht  bloss  als  der  richtige,  sondern  auch 
als  der  einzige  Weg  und  erst  aus  den  MissgrifFen  der  Empirie  konnte  man 
die  Logik  derselben  kennen  lernen.     Es  darf  wohl  angenommen  werden, 

Wunderlich,  (Schichte  d.  Medicin.  (j 


t  i  on  sz  e  i  t. 


82  Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Reformation. 

dass,  wenn  auf  diesem  Wege  ruhig  fortgefahren  worden  wäre,  die  Heil- 
kunde in  nicht  zu  langer  Ferne  in  denBesiz  eines  gründlichen  Materials 
und  aufgeklärter  Anschauungen  gelangt  wäre. 

Die  schwär-  Es  fehlte  jedoch  viel,  dass  diese  Bestrebungen  erleuchteter  Männer 

mer,  Wühler    t|je  Massen  durchdrungen  hätten. 

der  Reforma-  Ifi  diesen  war  die  Finsterniss  und  Rohheit  noch  gross,  und  selbst  auf 
der  Seite  derer,  welche  sich  der  kirchlichen  Reformation  angeschlossen 
hatten,  war  der  Aberglaube  und  die  Gedankenlosigkeit  nicht  gebrochen 
und  nahm  nur  neue  Formen  an.  Die  Geistlichkeit  der  neuen  Richtung 
entstammte  zum  grossen  Theil  den  niedersten  und  ungebildetsten  Classen, 
und  die  Aufhellung  der  Geister  wurde  von  ihr  nicht  nur  nicht  gefördert, 
sondern  vielfach  niedergehalten. 

Selbst  die  bessern  Aerzte  waren  von  einem  unbefangenen  Verständ- 
niss  noch  weit  entfernt.  Es  war  von  einer  Generation,  welche  eben  der 
Rohheit  des  Mittelalters  zu  entwachsen  sich  anschikte,  eine  kritische 
Prüfung  und  Einsicht  in  der  That  auch  nicht  zu  verlangen.  Das  allge- 
meine Bedürfniss  nach  einer  Aenderung  drang  zwar  in  alle  Kreise,  aber 
bei  der  Art  der  geistigen  Verfassung  wurde  von  den  Meisten  das  Ziel  in 
einer  neuen  Mystik  gesucht.  Der  Aberglaube  war  so  verwachsen  mit  der 
ganzen  Natur  der  Menschen,  dass  nur  durch  einen  neuen  Aberglauben  auf 
sie  gewirkt  werden  konnte.  So  kam  es,  dass  eine  maasslose  Schwärmerei 
sich  Vieler  bemächtigt  hat. 

Einen  mächtigen  Vorschub  erhielt  noch  die  Schwärmerei  dadurch, 
dass  mit  dem  Wankendwerden  der  Aristotelischen  Autorität  und  mit  dem 
Bekanntwerden  der  griechischen  Literatur  auch  die  neuplatonischen  Ueber- 
schwänglichkeiten  wieder  zu  Kenntniss  und  Ansehen  kamen.  Die  Kabbala 
und  die  andern  Geheimlehren  entsprachen  dem  Bedürfniss  nach  Wunder- 
werk und  Gemüthserbauung  mehr,  als  die  schlichte  und  nüchterne  Auf- 
klärung, und  sie  wurden  ein  mächtiges  Parteimittel  in  den  Händen  der 
Fanatiker. 

So  sehen  wir  daher  neben  der  soliden  und  vorsichtigen  Ausbildung  der 
factischen  Grundlagen  bei  der  Reform  der  Naturwissenschaften  frühzeitig 
die  mystischen  Bestrebungen  in  umfangreichster  Weise  betheiligt.  Mag 
durch  diese  auch  da  und  dort  eine  gewisse  Anregung  zuwegegebracht 
worden  sein,  so  warfen  sie  doch  im  Allgemeinen  die  Heilkunde  auf  lange 
von  den  bereits  errungenen  Stufen  zurük.  Denn  sobald  der  schwärmer- 
ische Wahn  sich  der  Bewegung  bemächtigt,  so  artet  das  Durchbrechen 
der  gewohnten  Schranken  in  ein  sich  überstürzendes  Stürmen  und  Zer- 
stören aus,    und  ebenso  unausbleiblich  mischen  sich  den  Schwärmern 


Schwärmer  und  Wühler.  33 

Solche  bei,  welche  die  Umwälzung  und  den  Zug  der  Zeit  zu  ihrem  persön- 
lichen Vortheil  auszubeuten  suchen. 

Namentlich  in  Deutschland  war  in  der  Masse  des  Volks  jedes  selb- 
ständige Denken  so  gelähmt  und  verdorben,  dass  nur  eine  Einwirkung 
auf  das  Gemüth  und  auf  die  Phantasie  Erfolg  hatte.  Gegen  die  Natur- 
wissenschaften verhielt  man  sich  fremd,  so  lange  sie  nicht  den  Charakter 
der  Heimlichkeit  und  Uebernatürlichkeit  hatten;  es  waren  daher  fast  allein 
die  Astrologie  und  neben  ihr  die  mysteriösen  Proceduren  in  den  Labora- 
torien der  Alchymisten,  wofür  die  Empfänglichkeit  sich  vorfand. 

Auch  in  Krankheiten  gab  das  Horoskop  die  wesentlichsten  Indica- 
tionen,  die  Diagnose  und  die  Prognose.  Bei  den  Reichern  wurde  nichts 
unternommen,  ohne  die  Gestirne  zu  befragen;  für  den  gemeinen  Mann, 
der  den  Astrologen  nicht  zu  bezahlen  vermochte,  mussten  die  in  diesem 
Jahrhundert  aufkommenden  astrologischen  Kalender  Ersaz  geben  und  be- 
stimmen, zu  welcher  Zeit  venäsecirt  und  purgirt  werden  müsse. 

Daher  ist  auch  Deutschland  im  16.  Jahrhundert  neben  aller  geisti- 
gen Erhebung  der  Tummelplaz  der  extravagantesten  Tollheiten  gewesen. 

Nicht  Alle  jedoch,  welche  uns  heut  zu  Tage  als  fast  verrükte  Fana- 
tiker oder  als  trügerische  Gaukler  erscheinen,  sind  ohne  weiteres  zu  ver- 
dammen und  gering  zu  achten.  Gerade  in  diesem  Kampfe  der  Finsterniss 
mit  dem  vordringenden  Lichte  gab  es  eigentümlich  organisirte  Köpfe, 
bei  welchen  die  Verwirrung  der  Begriffe  mit  genialen  Conceptionen  ver- 
bunden und  bei  denen  ein  fanatischer  Glaube  an  die  Wahrheit  und  Gött- 
lichkeit ihrer  Inspirationen  nicht  nur  mit  der  Hartnäkigkeit  einer  rük- 
sichtslosen  Energie  gepaart  war,  sondern  auch  mit  der  schlauesten  Aus- 
beutung der  Volksdummheit  sich  vertrug.  Es  ist  in  hohem  Grade  schwierig 
oder  geradezu  unmöglich ,  diesen  Stürmern  allenthalben  Gerechtigkeit 
widerfahren  zu  lassen  und  zu  berechnen,  wie  viel  bei  ihnen  dem  Taumel 
der  Begeisterung  und  der  Unklarheit  des  Umwälzungsinstinkts  angehört 
und  wie  viel  der  Schlauheit  des  gemeinen  Eigennuzes  zukommt. 

Eine  so  unsaubere  Mitwirkung  ist  jedoch  bei  jedem  Umwälzungspro- 
cesse  unvermeidlich  und  für  diesen  selbst  nicht  ohne  Förderung.  Bei  den 
Massen  reichen  Vernunft  und  Einsicht  nicht  aus ,  um  verrottete  Vorur- 
theile  wegzufegen,  und  jene  pflegen  von  einer  eingelebten  Thorheit  nicht 
früher  zu  lassen,  als  bis  sie  einer  neuen  zufallen  können.  Je  abstruser 
und  je  abstossender  ein  Unsinn  ist,  um  so  rascher  pflegt  die  Masse  von 
seiner  höhern  Berechtigung  sich  zu  überzeugen.  Wie  in  allen  Zeiten,  in 
welchen  Revolutionen  sich  entladen,  so  haben  auch  in  jener  bewegten  und 
aufgeregten  Periode,  in  der  das  Mittelalter  unter  den  neuen  und  ver- 
jüngenden Ideen    zusammenbrach,    die  unverständlichsten  Schreier   am 

6* 


84  Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Keformation. 

meisten  den  Zulauf  der  Menge  gehabt.  Aber  auch  ihr  Blödsinn  hat  un- 
willkürlich an  dem  Werke  der  Zeit  mitgearbeitet.  Haben  sie  auch  nicht 
bloss  gegen  das  Antiquirte  gestürmt ,  sondern  das  Neue  und  den  Fort- 
schritt selbst  in  keiner  Weise  zu  schäzen  gewusst  und  leidenschaftlich 
verfolgt,  so  haben  sie  doch  dazu  beigetragen,  die  Masse  aufzurütteln  und 
den  definitiven  Bruch  mit  den  eingewohnten  Vorurtheilen  herbeizuführen. 
Freilich  haben  sie  auch  hemmend  und  widerwärtig  gewirkt,  und  es 
fehlte  wenig,  so  hätten  die  Schwärmer  und  Gaukler  allen  Gewinn  der 
Epoche  vereitelt.  Sie  schadeten  weniger  dadurch,  dass  da  und  dort  ein 
guter  Kopf  in  ihren  Schwindel  sich  verwikelte,  oder  dass  manche  zu  nüz- 
licherer  Arbeit  Fähige  sich  für  gezwungen  hielten,  in  der  Abwehr  des  ein- 
brechenden Unsinns  ihre  besten  Kräfte  zu  vergeuden.  Der  unermessliche 
Nachtheil  lag  vielmehr  darin,  dass  eine  Saat  von  Wirrsinn ,  Unverstand 
und  für  Gemüthstiefe  ausgegebene  Schwärmerei  ausgestreut  wurde,  welche 
eine  Reihe  nachfolgender  Generationen  inficirte  und  die  unbefangene  Ar- 
beit hemmte  und  verdarb.  Auf  allen  Punkten  wurden  Knoten  der  Ver- 
wirrung geschürzt,  von  deren  Gegenwart  die  Meisten  nicht  eine  Ahnung 
hatten  und  an  deren  Lösung  mehr  als  zwei  Jahrhunderte  sich  verzehrten. 

pico  deiia  Miran-         Zu  <jeri  Schwindlern  dieser  Epoche ,  bei  welchen  das  Maass  der  Ge- 

ASiiPpa  von  Net-  nialität ,   der  Selbsttäuschung  und  des  Betrugs  nicht  mehr  zu  finden  ist, 

tesheim.        gehören:  Pico  dellaMirandola,  einer  der  Wiedereinführer  der  Kabbala; 

Franz  Giorgio,  der  dieselbe  auf  die  Physik  anwandte;  der  weitberühmte 

Agrippa  von  Nettesheim,  der  das  Geheimniss,  Gold  zumachen,  zu 

besizen  vorgab  und  behauptete,  Menschen  ohne  Sperma  künstlich  zu- 

sammengesezt  zu  haben. 

cardanus.  Auch  Hieronymus  Cardanus  (1501 — 1576),  aus  Pavia,  neigte 

dieser  Art  zu.     Er  war  ein  leidenschaftlicher  Mensch  mit  schwächlichem 

Körper,  reizbar ,  zum  Phantastischen  geneigt  und  alle  Schwärmereien  und 

jeden  Aberglauben  der  verschiedensten  Lehren  in  sich  vereinigend.     Er 

lehrte  den  Zusammenhang  der  einzelnen  Himmelskörper  mit  den  Theilen 

des  menschlichen  Körpers ,  war  dabei  aber  ein  eifriger  Bekämpfer    des 

Galenismus. 

Fioravami,  Entschiedene  Betrüger ,  die  ihr  Talent  nur  verschwendeten ,  um  den 

unwissenden  Pöbel  zu  blenden  und  zu  berauben,  waren:    der  Cavaliere 

Leonardo  Fioravanti,  welcher  Italien,  und  Thomas  Bovius,  welcher 

den  Norden  ausbeutete.       Zahllose  andere  Abenteurer  dieser  Zeit  sind 

vergessen,  oder  verdienen  wenigstens  nicht  genannt  zu  werden. 

Von  allen  diesen  wurden  die  überkommenen  medicinischen  Doctrinen 
aufs  äusserste  angefeindet,  die  Fortschritte  des  Jahrhunderts  abea  theils 


Bovius. 


Faracelsus.  35 

gänzlich  ignorirt,  theils  als  unfruchtbar  verdächtigt.     Ihre  speciellen  An- 
sichten und  Behauptungen  haben  jedoch  kein  historisches  Interesse. 

In  vielen  Beziehungen  reiht  sich  dieser  verdächtigen  und  unsaubern  Paraceisus. 
Genossenschaft  ein  Mann  an  von  ungleich  höherer  Begabung  und  ohne 
Zweifel  von  lauterer  Gesinnung,  aber  gleich  ihnen  ein  schonungsloser 
Stürmer  der  Reformationsperiode  und  in  den  Mitteln  seiner  Polemik,  wie 
in  der  schwärmerischen  Extravaganz  und  der  mystischen  Färbung  seiner 
Inspirationen  von  den  Fanatikern  des  Zeitalters  sich  nicht  wesentlich 
unterscheidend  :  Paraceisus ,  oder  wie  er  oft  genannt  wird  :  Aureolus  Phi- 
lippus  Theophrastus  Paraceisus  Bombastus  ab  Hohenheim ,  der  heiligen 
Schrift  Professor,  der  freien  Künste  und  beider  Arznei  Doctor,  Medicus 
et  Germaniae  Philosophus,  Monarcha  medicorum  et  Mysteriarcha,  chemi- 
corum  princeps,  Helvetius  Eremita. 

Sein  Herkommen  ist  zweifelhaft.  Er  soll  von  dem  schwäbischen  adel- 
igen Geschlechte  der  Bombaste  von  Hohenheim  abgestammt  haben ,  wäh- 
rend andere  glauben ,  dass  er  sich  nur  deren  Namen  zugelegt  und  eigent- 
lich Höchner  geheissen  habe.  Sein  Vater  soll  Arzt ,  seine  Mutter  Auf- 
seherin im  Krankenhause  des  Klosters  Einsiedeln  in  der  Schweiz  gewesen 
sein.  1493  wurde  Paraceisus  daselbst  oder  wie  andere  wollen,  in  einem 
Haus  an  der  Teufelsbrüke  des  Sihlthales  geboren.  Im  dritten  Jahre  sollen 
ihm ,  als  er  Gänse  hütete ,  von  einem  Schweine  die  Hoden  abgebissen 
worden  sein  und  man  erklärt  daraus  seine  consequente  Abneigung  gegen 
das  weibliche  Geschlecht.  Den  ersten  Unterricht  auch  in  medicinischen 
Dingen  soll  er  von  seinem  Vater  erhalten  haben,  der  im  Jahre  1502  nach 
Villach  zog.  Im  Jahre  1509  fing  er  an,  in  Basel  zu  studiren,  verliess 
es  aber  bald  wieder  und  besuchte  eine  Zeit  lang  die  Laboratorien  einiger 
Alchymisten.  Darauf  machte  er  umfangreiche  Reisen  durch  ganz  Europa 
und  verkehrte  viel  mit  Schäfern,  Scharfrichtern,  Zigeunern,  Badern,  alten 
Weibern,  um  ihre  Heilgeheimnisse  zu  erforschen.  Schon  im  Jahre  1525 
war  sein  ärztlicher  Ruf  weit  verbreitet  und  bedienten  sich  Fürsten  seines 
Rathes.  1527  erhielt  er  eine  Vocation  nach  Basel  als  Professor  der 
Physik  und  Chirurgie,  wurde  Stadtarzt  daselbst  und  Apothekeninspektor. 
In  seinen  Vorlesungen  wich  er  in  zwei  Beziehungen  zum  grossen  Scandal 
vieler  seiner  Zeitgenossen  von  dem  alten  Gebrauche  ab.  Er  legte  nem- 
lich  nicht  den  Galen  und  andere  Autoritäten  zu  Grunde  und  bediente 
sich  bei  seinen  Vorträgen  der  deutschen  Sprache.  Weiter  aber  benüzte 
er  manche  Aufsehen  erregende  Mittel,  schimpfte  nicht  nur  auf  alle  andern 
Aerzte,  sondern  verbrannte  öffentlich  die  Werke  des  Avicenna:  „ich  hab 
die  Summa  der  Bücher  in  St.  Johannis  Feuer  geworfen ,  auf  dass  alles 


86  Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Reformation. 

Unglük  mit  dem  Rauch  in  die  Luft  gang."  Der  Zulauf  von  Schülern 
und  Neugierigen  soll  ein  ausserordentlicher  gewesen  sein.  Auch  seine 
praktische  Thätigkeit  scheint  bedeutend  gewesen  zu  sein  und  hiedusch, 
sowie  durch  Strenge  in  der  Ueberwachung  der  Apotheken  und  durch  eine 
vereinfachte  Receptirung  zog  er  sich  viele  Feindschaft  zu.  Die  Baseler 
Facultät  war  überhaupt  mit  seiner  Ernennung  nicht  einverstanden  gewesen 
und  sein  wachsender  Ruf  erregte  noch  mehr  die  Eifersucht.  Man  fing  an, 
Zweifel  zu  äussern ,  ob  er  auch  wirklich  Doctor  sei  und  ihn  als  gemeinen 
Landstreicher  zu  verunglimpfen.  Ein  Streit  mit  einem  Geistlichen  über 
ein  ärztliches  Honorar,  wobei  der  Magistrat  gegen  ihn  entschied,  führte 
den  Bruch  herbei;  er  schimpfte  öffentlich  auf  den  Rath,  gab  Pamphlete 
gegen  ihn  aus  (Hess  „böse  Zettel"  fliegen)  undniusste  in  Folge  davon  aus 
Basel  flüchten  (1528).  Von  da  an  zog  er  unstät  herum,  gefolgt  von 
einem  wechselnden  Schwärme  von  Schülern,'  aber  auch  mit  Zigeunern  und 
Schäfern.  Diess  Wanderleben  hielt  er  für  nüzlich.  „Der  Arzt  soll  ein 
Landfahrer  sein;  denn  Ursach:  die  Krankheiten  wandern  hin  und  her,  so 
weit  die  Welt  ist  und  bleiben  nicht  an  einem  Ort.  Will  einer  viel  Krank- 
heiten erkennen,  so  wandere  er  auch.  Wandert  er  weit,  so  erfährt  er  viel 
und  lernet  viel  erkennen.  Die  englischen  Humores  sind  nit  ungarisch, 
noch  die  neapolitanischen  preussisch  —  darum  musst  du  dahin  ziehen, 
wo  sie  sind.  Gibt  Wandern  nicht  mehr  Verstand,  denn  hinterm  Ofen 
sizen?  Wer  die  Natur  durchforschen  will,  der  muss  mit  den  Füssen  ihre 
Bücher  treten."  Es  mag  ihm  dabei  vielfach  schlecht  gegangen  sein. 
Wenig  Näheres  und  noch  weniger  Wichtiges  ist  von  diesen  Reisen  be- 
kannt. 1541  kam  er  nach  Salzburg,  erkrankte  und  starb  kurz  darauf. 
Man  behauptete ,  vielleicht  um  den  Tod  troz  seines  angeblichen  Besizes 
eines  Lebensverlängerungsmittels  zu  erklären ,  er  sei  bei  einem  Gelage 
von  seinen  Feinden,  die  ihn  die  Treppe  hinunterwarfen,  tödtlich  verwundet 
worden.  An  dem  Schädel ,  den  man  in  Salzburg  als  den  seinigen  zeigt, 
ist  eine  grosse  Fractur  zu  bemerken ;  aber  es  ist  sehr  wahrscheinlich, 
dass  der  Schädel  unächt  ist. 
Schriften.  Unter  den  zahlreichen  Schriften,  welche  unter  Paracelsus  Namen  auf 

uns  gekommen  sind,  befinden  sich  nicht  wenige  unächte;  und  selbst  die 
ächten  mögen  viele  Verunstaltungen  erlitten  haben,  da  er  sie  grösstenteils 
dictirte.  Als  entschieden  acht  kann  man  (nach  Marx)  annehmen:  die 
kleine  Chirurgie  —  die  grosse  Wundarznei ,  —  sieben  Reihen  von  allen 
offenen  Schäden,  so  aus  der  Natur  geboren  werden  —  von  den  Imposturen 
der  Aerzte  —  die  Verantwortung  über  etliche  Verunglimpfung  —  Irrgang 
und  Labyrinth  der  Aerzte  —  vom  Ursprung  des  Sands  und  Steins  —  von 
des  Bad  Pfeffers  Tugenden,  Kräften  und  Wirkungen,  Ursprung  und  Her- 


Paracelsus.  87 

kommen,  Regiment  und  Ordnung.     Andere  sind  nach  seinen  Dictateu 
gearbeitet. 

Er  schrieb  seine  Bücher  grösstenteils  in  deutscher  Sprache  und  war 
sehr  überzeugt  von  deren  dauernder  Gültigkeit:  „ich  will's  euch  dermassen 
erläutern  und  vorhalten,  dass  bis  an  den  lezten  Tag  der  Welt  meine 
Schriften  müssen  bleiben  und  wahrhaftig  mehr  will  ich  richten  nach 
meinem  Tode  wider  euch,  denn  davor." 

Die  Art  seiner  Darstellung  ist  eine  höchst  ungeordnete.  Er  er- 
geht sich  mit  Vorliebe  in  allgemeinen  Phrasen  und  Behauptungen  und 
hat  keine  Spur  einer  Logik,  keine  Idee  einer  Beweisführung.  Wo  er  einen 
Grund  für  eine  Behauptung  anführt,  ist  es  stets  eine  neue  Behauptung, 
die  oft  genug,  selbst  wenn  sie  richtig  wäre,  die  erstere  nicht  einmal  stüzt. 
Die  Auseinandersezung  eines  Sachverhaltes,  eine  Beschreibung,  eine  Er- 
zählung von  Thatsachen  ist  ihm  unmöglich.  Wo  er  einen  Anlauf  dazu 
nimmt,  springt  er  alsbald  wieder  ab  und  verfällt  in  die  Gemeinpläze  eines 
plebejischen  Pathos.  Seine  allgemeinen  Redensarten  sind  oft  allerdings 
kernig  und  treffend,  aber  sie  wiederholen  und  häufen  sich  zu  sehr  und 
werden  bald  unerträglich.  Es  ist  in  der  That  schwer  begreiflich,  wie 
Jemand  von  gutem  Geschmak  eine  einzige  seiner  Abhandlungen  ohne  Ekel 
und  Widerwillen  zu  Ende  lesen  kann. 

Frühzeitig  fand  er  sich  unbefriedigt  durch  die  herrschende  Schul-  Die  Verwerfung 
gelehrsamkeit,  die  nur  die  Säze  von  Galen  und  den  Arabern  interpretirte  der  Autontaten- 
und  wobei  die  praktischen  Studien  im  Lesen  eines  alten  Schriftstellers 
bestanden.  Auch  ich  bin  in  dem  Garten  erzogen  (klagt  er) ,  wo  man  die 
Bäume  verstümmelt.  Seine  eigene  Lehrthätigkeit  begann  er  damit,  dass 
er  des  Galen  und  Avicenna  Werke  öffentlich  verbrannte:  das  seien  Klap- 
perleute und  seine  Schuhriemen  wissen  mehr  als  sie,  die  Haare  in  seinem 
Genik  seien  gelehrter  als  alle  hohe  Schulen  und  alle  Scribenten.  „Ihr 
müsst  mir  nach  und  ich  nicht  euch.  Mir  nach  Avicenna,  Galenus,  Rhazes, 
Mesue  und  ich  nicht  euch:  ich  werde  Monarcha  und  mein  ist  die 
Monarchey."  — 

Der  Weg,  zu  irgend  einer  Kenntniss  in  der  Natur  zu  gelangen,  ist  für  d;p  Grundlagen 
Paracelsus  die  Philosophie.  „Der  Arzt,  der  nicht  durch  die  Philosophie 
in  die  Arznei  eingeht,  geht  nicht  in  die  rechte  Thür,  sondern  oben  zum 
Dache  herein,  und  werden  aus  ihnen  Diebe  und  Mörder."  Unter  Philo- 
sophie versteht  er  das  vollendete  Wissen  und  Erkennen  eines  Dings  d.  h. 
der  Welt  und  zu  dieser  Gewissheit  gelange  man  nur  durch  Offenbarung, 
durch  den  heiligen  Geist.  „Sapientia  heisst  das  erste  Buch  der  Arznei 
und  diess  Buch  ist  Gott  selbst.  Ohne  Gott  ist  nichts.  Der  Geist  geistet, 
was  er  will,  ist  niemands  eigen;  ohne  ihn  ist  der  Arzt  nichts  als  ein 


88 


Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Reformation. 


Yliaster. 


Salz,  Schwefel 
und  Queksilber. 


Pseudomedicus ,  ein  Errant."  —  Doch  ist  diese  göttliche  Wissenschaft 
nicht  durch  den  Glauben  der  Kirche  allein  zu  erlangen:  „wer  glaubt,  ohne 
Philosoph  zu  sein ,  der  ist  kein  weiser  Mann :  ein  Thor ,  welcher  ohne 
Weiteres  glaubt ,  ist  todt  in  seinem  Glauben :  wer  da  glauben  will ,  der 
muss  auch  wissen;  denn  aus  und  nach  seinem  Wissen  glaubt  er."  An 
einem  solchen  blinden  Glauben  habe  Gott  selbst  keine  Freude.  Noch  viel 
weniger  nüze  als  der  kirchliche  Glaube  sei  aber  das  Glauben  an  profane 
Autoritäten.  Die  Kenntniss  der  Natur  allein  sei  das  rechte  Wissen. 
„Man  lästert  und  schreit  von  mir,  ich  sei  nicht  zur  rechten  Thür  einge- 
gangen: aber  welches  ist  die  rechte:  Galenus,  Avicenna,  Mesue  oder  die 
offene  Natur?  ich  glaube  die  lezte!  Diese  Thür  ging  ich  ein:  das  Licht 
der  Natur  und  kein  Apothekerlämpchen  leuchtet  mir  auf  meinem  Wege." 
„Das  Speculiren  (heisst  es  an  einer  andern  Stelle)  macht  noch  keinen 
Arzt;  was  der  Mensch  schreiben  und  lehren  will,  das  soll  er  aus  der 
Erfahrung  thun.  Der  Grund  ist  nicht  aus  unseren  Köpfen,  noch  aus 
Hörensagen,  sondern  aus  Erfahrenheit ,  aus  der  Naturzerlegung  und  ihrer 
Eigenschaftergründung. " 

Das  Alles  lautet  sehr  schön:  aber  freilich  stehen  als  Grundlagen  der 
Medicin  bei  ihm  neben  Sapientia  und  Experientia  auch  das  Firmament, 
die  Alchymie  und  die  Magie. 

Alle  Dinge  stammen  aus  einem  Anfange,  aus  Einer  Materia.  Diese 
sei  das  Mysterium  magnum,  derYliaster  und  könne  nicht  begriffen  werden, 
habe  keine  Form,  noch  Färb,  noch  elementische  Natur.  In  diesem  grossen 
Mysterium  seien  alle  Dinge  zwar  nicht  actualiter ,  aber  potentialiter  ent- 
halten ,  wie  das  Bild  in  dem  rohen  Holze ,  aus  dem  man  es  schnizeln  will. 
Die  Bildung  der  einzelnen  Naturgegenstände  gehe  nicht  materiell,  sondern 
dynamisch  vor  sich  und  das  Dynamische  sei  auch  das  Erhaltende  und 
heisse  Leben.  „Es  ist  das  Leben  nichts  als  ein  spiritualisch  Wesen,  ein 
unsichtbares  und  unbegreiflich  Ding."  Aber  nicht  nur  was  sich  bewege, 
habe  Leben,  sondern  auch  alle  anderen  Dinge.  „Gott  hat  im  Anfang 
kein  einzig  Ding  ohne  einen  Spiritum  gelassen ,  den  es  verborgen  in  sich 
führt ,  denn  was  wäre  ein  Corpus  ohne  Spiritum  ?  Nichts !  Der  Spiritus 
hat  die  Kraft  und  Tugend."  Beim  Tode  verlasse  der  Geist  den  Körper  und 
gehe  an  den  Ort,  von  dannen  er  gekommen,  in  die  Luft  und  das  Chaos. 

Alle  Dinge  habe  Gott  aus  Nichts  gemacht;  aber  dieses  Nichts  sei 
zur  Substanz  geworden  und  diese  sei  in  drei  Modificationen  getheilt:  Salz, 
Schwefel,  Queksilber.  In  allen  Dingen  seien  diese  drei  Stoffe  vorhanden 
und  das  Salz  gebe  die  Farbe ,  den  Balsam ,  die  Asche ;  der  Schwefel  das 
Brennbare ;  das  Queksilber  das  Flüssige ,  Sublimirbare ,  Rauchende  und 
zugleich  die  Virtutes  und  die  Arcana.    Während  die  Mutter  aller  Materie 


Paracelsus. 


89 


der  Yliaster  sei,  bewirke  der  Arcliäus  die  Scheidung  der  Materie ;  aber       Archäm. 
eine  dritte  Kraft  existire  noch :  die  materielle  und  productive ,  der  Vul-       vuicanus. 
canus,    der    kein  Geist   noch  Person  ist,    sondern  ein   Werkmann  und 
Fabrikator. 

Jedes  bestehende  Ding  enthalte  einen  Ausfluss  der  Gottheit,  jedes  Der  Mensch  ein 
Ding  sei  allen  andern  verwandt.  Aber  der  Mensch  enthalte  sie  alle  Microcosmus- 
zusammen.  „Nichts  ist  im  Himmel  und  auf  Erden,  was  nicht  ist  im 
Menschen,  und  der  Gott,  der  im  Himmel  ist,  der  ist  im  Menschen."  Der 
Mensch  ist  demnach  ein  vollständiger  Microcosmus.  Im  Menschen  sind 
drei  Harmonien ,  die  unabhängig  von  einander  sind:  die  Seele,  die  dem 
Queksilber  entspricht,  der  Geist,  der  dem  Schwefel  entspricht  und  der 
Leib,  der  dem  Salze  entspricht.  Jedes  der  einzelnen  Organe  entspricht 
einzelnen  Gestirnen :  das  Herz  der  Sonne ,  das  Gehirn  dem  Mond  etc. 
Im  Magen  size  der  Archäus ,  der  daselbst  die  Rolle  eines  Chemikers  hat. 
Jedes  Glied  ziehe  aus  dem  Magen  das  ihm  Zuständige  und  verdaue  es 
für  sich.  Die  Erzeugung  neuer  Individuen  geht  vom  männlichen  Samen 
aus.  Das  Weib  wirkt  nur,  indem  es  durch  seine  Gegenwart  den  Mann 
erhizt,  damit  sich  der  Samen  vom  liquor  vitae  absondere.  Unumgänglich 
nöthig  sei  das  Weib  nicht;  denn  auch  durch  chemische  Proceduren  könne 
aus  dem  Samen  ein  neues  Individuum  werden,  wie  Paracelsus  aus  eigener 
Erfahrung  zu  wissen  versichert. 

In  der  Welt  besteht  ein  Kampf  Aller  gegen  Alle  und  aus  diesem  Streite       Krankheit. 
der  äusseren  Dinge  gegen  den  Menschen  resultire  die  Krankheit. 

„Die  Ursprünge,  aus  welchen  ein  Jeglicher  alle  Krankheit  gewärtig  Die  En«a. 
ist  zu  gebären ,  so  viel  Krankheiten  je  gewesen  sind  und  noch  sind  und 
sein  werden,  sind  fünferlei:  fünf  Entia  bedeuten  fünf  Ursprung.  Ein 
jegliches  Ens  hat  alle  Krankheiten  unter  ihm  und  mit  ihrer  Gewalt  über 
unsern  Leib.  Es  sind  fünferlei  Wassersucht,  fünferlei  Gelbsucht,  fünferlei 
Fieber,  fünferlei  Krebs,  dergleichen  von  den  anderen.  Das  erste  Ens, 
dem  wir  unterworfen  sind,  ist  Ens  astrorum,  die  Kraft  des  Gestirns.  Die 
andere  Gewalt,  die  uns  in  Krankheit  bringet,  ist  Ens  veneni.  Das  dritte, 
das  unsern  Leib  schwächet,  heisst  Ens  naturale,  d.  i.  so  uns  unser  eigener 
Leib  krank  macht  durch  seine  Verirrung  und  durch  sein  selbst  Zerbrechen. 
Das  vierte  Ens  sagt  von  den  gewaltigen  Geistern,  die  unsern  Leib  kränken: 
Ens  spirituale.     Das  fünfte  Ens  ist  Ens  Dei." 

Weiter  liegen  die  Ursprünge  aller  Krankheiten  in  den  „drei  Dingen:    Entstehung  der 
Sulphur,  Sal  und  Mercurius,  wo  sie  sich  zertrennen,  zertheilen  und  son-    Krailkhei,en  aus 

den  Elementen. 

dern,  das  eine  fault,  das  andere  brennt,  das  dritte  zeucht  einen  anderen 
Weg:  das  sind  die  Anfänge  der  Krankheiten.  Alle  Krankheiten  haben 
ein  sulphurisch  Corpus,  einen  mercurialischen  Liquorem  und  ihre  Con- 


90 


Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Reformation. 


Krankheit  als 
Microcosmus. 


Kranlthcits- 
verlauf. 


Pult. 


gelationem  von  Salz."  —  „In  was  Weg  nun  der  Mercurius  sich  anzündet, 
deren  sind  drei:  in  einen  feuchten  (Distillatio),  trokenen  (Sublimatio) 
oder  niedergeschlagenen  (Praecipitatio).  Distillatio  mercurii  macht  jähen 
Tod,  Praecipitatio  macht  podagram,  chirargram,  arthreticam,  Sublimatio 
macht  maniam ,  phrenesin.  —  Das  Salz  verändert  sich  in  vier  Weg: 
Resolution,  Calcination ,  Reverberation  und  Alkalisation.  So  es  sich 
resolvirt,  macht  es  fluxus  intestinorum,  ventris,  so  es  zu  fest  coagulirt, 
durities,  oppilationes,  so  es  zu  subtil  wird,  macht  es  ulcera,  scabiem, 
pruritum,  und  so  es  heftig  ist,  wird  ignis  persicus  daraus  und  inflamma- 
tiones.  —  Der  Sulphur  hat  unter  ihm,  was  febrilische  Krankheiten  sind, 
Apostemata  und  Icteritien.  So  sich  das  Salz  vom  Sulphur  wegseparirt, 
purificirt  sich  der  Sulphur  und  macht  Krankheiten,  in  praecordiis  pleuresin, 
in  stomacho  febres,  in  hepate  febres,  in  splene  febres,  in  capite  hemi- 
craniam,  dolores  oculorum,  dentium,  aurium,  gravedinem  et  cephalaeam." 

An  einer  anderen  Stelle  erscheint  die  Krankheit  noch  in  anderem 
Sinne:  „Eine  jede  Krankheit  hat  einen  unsichtbaren  Leib  und  ist  ein  Glied 
des  Macrocosmus  und  Microcosmus  und  ein  ganzer  Mensch.  Die  Krank- 
heiten werden  geschmiedet  und  gemacht ,  wie  der  Mensch  und  darum  so 
ist  jegliche  Krankheit  ein  ganzer  Mensch.  Also  ist  der  Mensch  selbander 
in  solcher  Krankheit  und  hat  zwei  Leiber  zu  gleicher  Zeit  in  einander 
verschlossen  und  ist  Ein  Mensch"  (Anfang  der  Parasitenlehre). 

Den  Krankheitsverlauf  nennt  Paracelsus  die  Crisis :  spatium  principio 
morbi  usque  in  finem  morbi  est  crisis.  Doch  heisst  Crisis  auch  der  Zeit- 
punkt jeder  Krankheitsänderung.  Der  lezte  Tag  heisst  Dies  cretica.  Von 
vielen  Krankheiten  wissen  wir  nicht,  wie  lange  sie  dauern  werden.  Um 
es  zu  wissen,  muss  bekannt  sein:  qua  salia  peccent,  et  quamdiu  maneant, 
qua  minera  ibi  sint  et  quamdiu  operationem  suam  exerceant.  Es  wird 
nun  sehr  willkürlich  hiernach  die  Dauer  einzelner  Formen  bestimmt,  z.  B. 
die  Sulphurcrisis  auf  sechs  Wochen,  in  acuten  auf  drei,  iu  schlimmen 
auf  zwei  Wochen;  die  Dies  cretica  Salium  est  in  anno  decimo  vel  unde- 
cimo;  Crisis  mercurialis  est  in  quarta  die,  subtilioris  in  tertia,  acuti  in 
secunda.  Die  Synocha,  wie  alle  febres  acutae  entscheidet  sich  in  sieben 
Tagen.  Was  über  die  Dies  cretica  hinaus  währt,  ist  nicht  mehr  morbus, 
sondern  imbellicitas  quae  relinquit  oder  eine  neue  Krankheit.  „Wenn 
ich  kein  passend  Heilmittel  habe  und  noch  fünf  Wochen  bis  zum  kritischen 
Tage  sind,  so  gebe  ich  etwas  pro  forma,  bis  derselbe  kommt  und  die 
Krankheit  löst." 

Die  einzelnen  krankhaften  Erscheinungen  werden  von  ihm  wenig  be- 
nuzt, unter  ihnen  namentlich  der  Puls,  der  nichts  anders  ist,  denn  allein 
die  Mensur  der  Temperatur  im  Leibe.     Er  unterscheidet  sieben  Pulse 


Paracelsus. 


91 


nach  den  Gestirnen ,  zwei  an  den  Füssen  ,  Saturni  und  Jovis ,  zwei  am 
Halse,  Veneris  et  Martis,  zwei  an  den  Schläfen,  Lunae  und  Mercurii  und 
den  pulsus  solis  am  Herzen.  Der  Radialpuls  ist  dabei  nicht  aufgeführt. 
An  einer  anderen  Stelle  heisst  es:  Ordo  debilitationis  pulsus  cum  tendit 
ad  mortem:  temporum  fortissimus,  colli  fortior,  laterum  fortis,  tarnen  de- 
bilis,  manuum  debilior,  pedum  debilissimus.  So  dient  der  Puls  mehr  zur 
Prognose  als  zur  diagnostischen  Erkenntniss.  Dasselbe  gilt  in  noch 
höherem  Grade  vom  Urin ,  dessen  drei  Zeichen :  Urina  spissa ,  lucida, 
diaphana  je  nach  dem  befallenen  Theile  eine  besondere  prognostische 
Bedeutung  haben. 

Die  Diagnose  und  Namen  der  Krankheiten  will  er  nach  den  gegen  sie 
heilkräftigen  Mitteln  gewählt  wissen.  „Saget  ihr,  das  ist  morbus  san- 
guinis, das  morbus  hepatis,  wer  macht  euch  so  luchsische  Augen,  dass 
ihr  so  eben  wisset,  dass  Blut  oder  Leber  schuld  sei?  Ein  natürlicher, 
wahrhaftiger  Arzt  spricht,  das  ist  morbus  helleborinus,  das  ist  morbus 
terpentinius,  das  morbus  Sileris  montani  und  nicht,  das  ist  phlegma,  das 
ist  rheurna,  das  corrhyza,  das  catarrhus."  „Nicht  siebenzigerlei  Febres, 
sondern  so  vielerlei  Species  wider  die  Febres,  so  vielerlei  Febres." 

In  den  meisten  Erkrankungen  spielt  der  Tartarus  eine  wichtige  Rolle. 
Der  Tartarus  ist  das  Impurum,  das  Excrementum,  ein  schleimiges  erdiges 
Wesen  voll  erdiger  Salze,  das  in  jedem  Theile  sich  anhäufen  kann  und 
alsdann  stürmische  Operationen  nöthig  macht,  um  sie  wieder  auszutreiben, 
womit  oft  ein  höllischer  Schmerz  (daher  tartarus)  verbunden  ist.  Schon 
der  Zahnstein  ist  ein  Tartarus,  aber  ein  sehr  milder.  Anderemale  aber 
ist  der  Tartarus  sehr  bösartig,  selbst  tödtlich;  der  in  der  Leber ,  Niere 
und  Blase  ist  der  schlimmste.  „Der  Tartarus  hat  Gemeinschaft  mit  dem 
Gestirn,  darum  es  ihn  auch  commoviret  in  paroxismum,  aus  Ursach,  dass 
das  Sidus  das  Feuer  ist,  das  da  kocht  alle  Frucht  und  Wesen  der  Erden." 

Die  Krankheiten  heilen  durch  Vermittelung  der  Naturheilkraft:  „die 
Natur  ist  der  Arzt,  du  nicht!"  Diese  Naturheilkraft  ersoheint  ihm  als 
innerer  Arzt,  Archäus,  dem  er  an  einer  Stelle  sogar  einen  inneren  Apo- 
theker an  die  Seite  stellt.  Besonders  seien  es  die  gesunden  Theile,  die 
gegen  die  Krankheit  kämpfen  :  „So  eine  Krankheit  im  Leibe  ist,  so  müssen 
alle  gesunden  Glieder  gegen  sie  fechten,  nicht  eins  allein,  sondern  Alle". 
Seine  Hauptindication  ist,  den  Archäus  zu  unterstüzen.  Sein  oberster 
Grundsaz  in  der  Wahl  der  Mittel  ist:  Similia  similibus,  d.  h.  durch  ähn- 
liche Qualitäten  die  Krankheit  zu  vernichten.  Die  Masse  des  Arznei- 
körpers hält  er  nur  für  die  äussere  Hülle.  Ein  Inneres  sei  noch  vorhanden, 
das  Geistige,  Astralische,  das  Arcanum,  die  Quinta  essentia.  Von  diesem 
hängt  auch  die  Farbe  ab,  daher  er  es  auch  die  Tinctur  nennt  (v.  tingo). 


Diagnose  und 

Nomenclatur  dar 

Krankheiten. 


Tartarus. 


Nahirheilung. 


92 


Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Reformation. 


Specifica. 


Signatur. 


Einfachheit  der 
Recoptur. 


Einzelne 
Specifica. 


Er  glaubt,  Gott  habe  für  jede  Krankheit  ein  eigenes  Arcanum,  mit  an-, 
derem  Worte  Specificum  geschaffen.  Wie  soll  man  aber  die  Specifica 
erkennen?  „Wie  man  die  Frau  aus  ihrer  Form  erkennt,  so  auch  die 
Arzneimittel."  Wer  diess  leugnen  wolle,  der  mache  Gott  zum  Lügner, 
dessen  Weisheit  durch  solche  äussere  Merkmale  der  menschlichen  Schwach- 
heit zur  Erkenntniss  helfen  wolle.  Die  Wissenschaft,  die  Wirkungen  der 
Mittel  aus  ihren  äusseren  Merkmalen  zu  erkennen,  nennt  er  die  Signatur 
und  legt  auf  sie  das  höchste  Gewicht.  Der  Arzt  muss  verstehen  die  Sig- 
natur, welches  ist  eine  Scientia,  durch  welche  alle  verborgenen  Dinge 
gefunden  werden  und  ohne  die  Kunst  geschieht  nichts  Gründliches.  So 
schliesst  er  aus  der  hodenförmigen  Gestalt  der  Orchiswurzel  auf  ihre  Wirk- 
samkeit gegen  Krankheiten  der  Genitalien,  aus  der  gelben  Farbe  des 
Chelidonsafts  auf  die  Heilsamkeit  gegen  Gelbsucht.  In  Herzkrankheiten 
gibt  er  Gold,  weil  das  Herz  und  das  Gold  in  der  cabbalistischen  Scala 
harmonirten.  Die  Gesammtheit  der  Eigenschaften  der  Medicamente 
nennt  er  ihre  Anatomey. 

Er  dringt  dabei  auf  Einfachheit  der  Receptformeln.  „Welches  sind 
die  besten  Hosen?  die  ganzen;  die  geflikten  sind  die  ärgsten.  Welcher 
weise  Mann  ist  so  einfältig,  dass  er  meinte,  die  Natur  hätt'  eine  Kraft 
getheilt,  in  das  Kraut  so  viel,  in  das  so  viel  und  danach  Euch  Doctoren 
befohlen  zusammen  zu  sezen.  Ach  des  armen  Componirens !  Es  ist  doch 
nicht  anders,  denn  dass  sie  vergessen,  dass  ein  Drek  den  andern  verderbt 
und  ungeschlacht  macht.  Denn  die  Frau  bedarf  doch  nicht  mehr  denn 
eines  Mannes  zu  einem  Vater,  aber  vielerlei  Samen  verderben  das  Kind. 
Aber  schaue  du  zu  und  versuche  das,  vermische  vielerlei  Samen  unter 
einander,  zerknitsche  und  zerstampfe  sie  auf  apothekerisch  und  vergrab 
sie  in  die  Erden:  da  wird  ja  keine  Frucht  aufgehen." 

Einige  Hauptmittel,  so  weit  man  sie  ungefähr  zu  deuten  vermag,  sind : 
für  das  Gehirn:  Liquor  salis,  Liquor  vitrioli,  Liquor  lunariae,  Essentia 
de  antheris,  Manna,  Essentia  argenti,  Sucus  de  amethysta,  de  granatis 
und  Composita  de  gemmis ;  für  das  Herz :  Essentia  melissa,  Quinta  essen- 
tia auri,  Materia  Laudani,  Perlarum,  Saphyrorum;  für  die  Nieren:  Cor- 
rectio  Zibethae,  Essentia  satyrionis,  Materia  stincor.,  Mat.  sein,  lactucae, 
Essentia  vitrioli;  für  die  Leber:  Liquor Brasatellae,Mannae,  Aloes,  Liquor 
Sennae,  Cichoreum,  Quinta  essentia  sanguinis,  Mysterium  Mercurii,  Myst. 
Antimonii,  Essentia  plumbi;  für  die  Milz  :  Helleborus,  Valeriana,  Verbena, 
weisse  Corallen,  Magist.  de  asphalto,  schwarzer  Talk  und  Myster.  Mer- 
curii coagulati;  für  die  Lunge:  Pulmonaria,  Materia  roris,  sulphuris,  olo- 
gani,  Extr.  Stanni ;  für  die  Galle :  Quinta  ess.  chelidonei,  Compos.  agrestae, 
topas  und  ferrugo. 


Paracelsus.  93 

Von  einigen    besonders  häufig  gebrauchten  Medicamenten    sagt  er :         Ein^e 
Von  Antimon :  in  ihm  ist  Essentia,  die  nichts  Unreines  bei  den  Reinen  ..aupt"'"el  mit 

'  ihren  Wirkungen. 

lässt.  Und  so  nichts  Guts  in  dem  Subject  gefunden  wird,  so  transmutirt 
es  den  „unreinen  Leib  in  den  reinen".  Es  wurde  von  demselben  ein  sehr 
ausgedehnter  Gebrauch  gemacht.  —  Argentum:  ejus  virtutes  sunt  in  do- 
loribus  cerebri,  splenis,  hepatis  et  retentione  profluvii.  —  Arsenici  virtutes 
in  ulceribus,  vulneribus,  aliis  aperitionibus.  Alle  Krebs,  Wolf,  cancrosisch 
umfressende  Löcher  werden  von  Arsenico  geheilt.  Doch  warnt  er  vor 
unweislichem  Gebrauche.  —  Auri  virtutes  in  (ulceribus,  vulneribus,  aliis 
aperitionibus)  parlysi,  synthena,  febribus,  tremore  cordis,  doloribus  matri- 
cis,  ethica,  peripneumonia  et  in  acutis.  „Ein  Baum,  der  zwanzig  Jahre 
keine  Früchte  mehr  getragen  hat,  so  primum  ens  auri  ihn  begreift  oder 
seine  Wurzel,  hebt  wieder  an  zu  grünen  und  zu  blühen  wie  im  ersten 
Anfang.  —  Cupri  virtutes  in  ulceribus,  vulneribus,  vermibus.  —  Ferri 
viritus  styptica  constrictiva  exsiccativa.  —  Mercurii  virtus  est  incarna- 
tiva  et  laxativa.  „Er  ist  der  Patron  zu  heilen  alle  Krankheiten,  so  sich 
in  offene  Schäden  ziehn  und  ihren  Ursprung  nehmen  aus  der  Unkeusch- 
heit.  Kautel:  er  macht  geifern."  —  Plumbi  virtutes  sunt  pro  incarna- 
tione.  —  Stanni  virtutes  in  ictericia,  ascite,  vermibus.  —  Sulphur  ist 
das  Hauptstük  aller  Balsame,  proservirt  den  Leib  so  gewaltig,  dass  keine 
Influenz  mag  imprimirt  werden.  Doch  soll  er  roh  nicht  gebraucht  werden.  — 
Gemmae  restauriren  den  Leib  und  nehmen  hin  tartarische  Krankheit: 
Rubin  gegen  Dysenterie,  Granit  gegen  Augenkrankheiten,  Smaragd  gegen 
Haemoptysis,  Saphir  gegen  Herzklopfen,  Hyacinth  gegen  Faulfieber.  — 
Salz  ist  ein  „Mittel  gegen  Fäulniss  und  bewahrt  seine  Operation  in  allen 
Schäbigkeiten,  Räude,  Kräze,  Juken."  —  Die  Tugenden  der  aquae  natu- 
rales sind  so  viel  und  mancherlei,  so  viel  und  mancherlei  Species  der 
Krankheiten  sind.  —  Mumien  und  Präparate  von  Ertrunkenen  und  Er- 
hängten wurden  sehr  gerühmt.  —  Die  hauptsächlichsten  vegetabilischen 
Mittel  waren  Arnica  (gegen  Fieber),  Helleborus  niger  (gegen  Epilepsie, 
Podagra,  Schlag  und  Wassersucht),  Hypericum  perforatum  (gegen  Wunden 
und  Geistesstörungen),  Polygonum  persicaria  (als  blutbildendes  Mittel 
und  Narcoticum)  ,  Opiate ,  Pulmonaria  (gegen  die  Lunge) ,  Chelidonium 
(gegen  Gelbsucht)  etc. 

„Ein  jeglicher  Wundarzt  soll  wissen,  dass  er  nicht  ist,  der  da  heilet,  Chirurgie. 
sondern  der  Balsam  im  Leibe  ist,  der  da  heilet.  So  sollst  du  das  wissen, 
dass  die  Natur  des  Fleisches,  des  Leibs,  des  Geaders,  des  Beins  in  ihr 
hat  ein  angeboren  Balsam,  derselbig  heilet  Wunden,  Stich  und  was  der- 
gleichen ist.  Die  Kunst  ist  also,  dass  du  der  Natur  an  dem  verlezten 
Schaden  Schirm  und  Schüzung  tragest  vor  widerwärtigen  Feinden.    Darum 


94 


Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Reformation. 


der  wohl  beschirmen  mag  und  hüten  kann,  derselbig  ist  ein  guter  Wund- 
arzt." Dem  Balsam  gebricht  aber  auch  Nahrung:  „eine  wird  ihm  geben 
durch  Speis  und  Trank",  daraus  folgt  denn  die  Ordnung  in  der  Diät,  „die 
andere  wird  ihm  geben  durch  die  Arznei".  „Und  merke  da  einen  Unter- 
schied mit  dem  Eiter  in  den  Wunden,  dass  ihrer  zweierlei  sind,  der  eine 
aus  der  Fäulung  der  Wunden,  der  andere  aus  der  Nahrung  der  Arznei. 
Also  ist  das  eine  Eiter  Sanies,  das  andere  (pus)  ist  Excrement,  d.  i.  der 
Balsam  zeucht  aus  der  Arznei  seine  Nahrung  und  das  ihm  überbleibt,  das 
sind  Stercora,  wie  sie  denn  eine  jegliche  Speis  von  ihr  giebt".  „Der 
Schäden  sind  3  Geschlecht :  alle  die  da  hizig,  brennig  sind,  mit  rothen 
verfasset,  mit  aderischen  Zugange,  sie  stehen  im  Leib,  wo  sie  wollen,  so 
ist  es  einerlei  Arznei.  Zu  dem  Geschlecht  nimm  Saniculam.  Welche 
brennen  und  trefflich  weh  thun  und  nicht  aderische  Zugang  haben  und  mit 
rothem  verfasst  sind,  dieselben  gehören  auch  zusammen,  zu  denen  nimm 
Centauream.  Welche  mit  Geschwulst,  Flüssen  und  Rinnen  verfasst  sind, 
dieselben  gehen  zum  dritten  Geschlecht,  zu  dem  nimmPyrolamsilvanam." 
Operationen  scheint  Paracelsus  allenthalben  vermieden  zu  haben. 


Anhänger 
des  Paracelsus 
unter  seinen 
Zeitgenossen. 


Paracelsus  Stellung  in  der  Geschichte  der  Medicin  ist  mindestens  eine 
zweideutige.  Er  gehört  zu  den  Männern,  welche  die  möglichst  weit  aus 
einander  gehenden  Beurtheilungen  gefunden  haben. 

So  gross  und  verbreitet  sein  Ansehen  zu  seinen  Lebzeiten  gewesen 
sein  mag,  so  war  es  jedenfalls  schon  damals  reichlich  mit  Anfeindung  ge- 
mischt. Der  Zulauf  zu  ihm  und  die  Adhäsion  seiner  Schüler  waren 
grossentheils  nur  vorübergehend,  und  es  ist  in  hohem  Grade  wahrschein- 
lich, dass  er  sie  weniger  durch  seinen  wirklichen  Werth,  als  durch  die 
Meinung  an  sich  zog,  er  sei  im  Besiz  geheimer  Universalmittel,  des 
Lebenselixirs  und  des  Steins  der  Weisen.  Der  ihm  folgende  Haufe  suchte 
diese  Geheimnisse  ihm  abzulauschen  und  schlug  sich,  so  bald  er  ent- 
täuscht war,  auf  die  Seite  seiner  Gegner.  Nur  wenige  hielten  an  seiner 
Lehre  und  die  Art  dieser  Wenigen,  welche  mehr  das  Mysteriöse  und  Un- 
verständliche seiner  Lehre  sich  aneigneten,  hat  seinen  Namen  bei  Zeit- 
genossen und  bei  der  nachfolgenden  Generation  noch  weiter  in  Miss- 
kredit gebracht. 

Er  selbst  klagt  über  seine  Schüler:  „dieselben  haben  mir  die  Federn 
vom  Rok  gelesen,  Urin  aufgewärmt,  gedient  und  gelächelt,  wie  ein  Hünd- 
lein  herumgestrichen  und  angehangen.  Diess  konnten  nur  Erzschelme 
sein."  „Was  ich  von  Aerzten  geboren  habe:  aus  den  Hundert  von  Pan- 
nonia  sind  zween  wohlgerathen,  aus  der  Confyn  Poloniae  drei;  aus  den 
Regionen  der  Saxen  zween,  aus  den  Slavonien  einer,  aus  Bohemien  einer, 


Paracelsisten. 


95 


Andere 
Paracelsisten. 


aus  dem  Niederland  einer,  aus  Schwaben  keiner.  Ein  jeglicher  hat  meine 
Lehre  nach  seinem  Kopfe  gesattelt :  einer  fahrt  mirs  in  einen  Missbrauch 
zu  seinem  Sekel,  ein  anderer  zeuchts  ihm  in  sein  Hoffart,  aber  ein  anderer 
glossirts  und  emendirts  und  im  Fürlegen  für  mich  warens  erstunkene  Lügen." 

Zu  diesen  Anhängern  von  wenig  rühmlichem  Charakter  gehörte  Thur-  Thumey»sen. 
neyssen  zum  Thurn  (1530 — 1595),  erst  Goldschmied,  dann  Soldat, 
sofort  Bergmann,  zulezt  ärztlicher  Charlatan,  schrieb  Quinta  essentia, 
das  ist  die  höchste  Subtilität,  Kraft  und  Wirkung  der  Medicina  und  Al- 
chemia  (1570)  und  mehreres  andere,  gab  sich  den  ungereimtesten  Phan- 
tasien hin,  vergötterte  Paracelsus,  erschwindelte  sich  die  Gunst  des  Chur- 
fürsten  Johann  Georg  in  Brandenburg  und  seines  Hofes  und  damit  ein 
grosses  Vermögen,  verlor  aber,  nachdem  Caspar  Hoffmann,  Professor  in 
Frankfurt  an  der  Oder  seinen  Unsinn  entschleiert  hatte  (de  barbarie  im- 
minente),  alles  Ansehen  und  zulezt  auch  nach  manchen  Abenteuern  und 
Wechselfällen  seinen  Reichthum  und  starb  in  Armuth  zu  Köln. 

Adam  von  Bodenstein  (Onomastica  duo  1572)  und  Gerhard  Dornaus 
(Clavis  totius  philosophiae  chemisticae  1567,  Fasciculus  Paracelsiae  me- 
dicinae  1581  undDictionarium  Theophrasticum  1583)  waren  nicht  weniger 
sinnlos  und  fanatisch. 

An  Berühmtheit,  vielleicht  auch  an  überspannter  Mystik  überragte 
sie  noch  Peter  Seveiinus,  dänischer  Leibarzt,  welcher  mit  den  mystischen 
Analogien  des  Macro-  und  Microcosmus  sein  Spiel  trieb  und  die  Einfälle 
des  Paracelsus  bis  in  ihre  phantastischen  Consequenzen  verfolgte. 

Ein  paracelsischer  Charlatan  war  ferner  der  Leibarzt  der  Kaiser 
Maximilian  n.  und  Ferdinand:  Barthol.  Carrichter.  Er  schrieb  „Practica 
aus  den  fürnehmsten  Secretis ,"  ein  völlig  unverständlicher  Galimathias, 
und  beschäftigte  sich  mit  Vorliebe  mit  zauberischen  Krankheiten;  ausser- 
dem verfasste  er  ein  populäres  Buch:  Speisekammer  der  Teutschen. 

Auch  in  Frankreich  fand  unter  den  Freunden  der  Arkanen  die  Para- 
celsische  Lehre  Anklang ,  doch  in  etwas  gemilderter  Form :  Leo  Suavius, 
Rochus  Riverius,  Dariot,  besonders  aber  Quercetanus  (Duchesne),  der 
Leibarzt  Heinrichs  FV. 

Sofort  verfielen  auch  einige  Theologen,  z.  B.  die  Pastoren  Bapst  von 
Rochlitz  und  Johaun  Gramann  und  andere  Nichtärzte ,  z.  B.  der  Jurist 
Amwald,  darauf,  aus  der  paracelsischen  Geheimlehre  Vortheil  zu  ziehen 
und  übertrafen  bald  die  Mediciner  an  Tollheit  und  Dreistigkeit. 

Eine  mystische  Theosophie  vermengte  sich  mit  der  'paracelsischen 
Lehre  und  eine  schwärmerische  Secte,  die  der  Rosenkreuzer,  ging  im  fol- 
genden Jahrhundert  daraus  hervor  und  Hand  in  Hand  mit  der  paracels- 
ischen, oder,  wie  sie  sofort  genannt  wurde,  mit  der  spagirischen  Medicin. 


96 


Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Reformation. 


Gegner  des 
Paracelsus. 


Spätere 

und  neueste 

Lobpreiser  des 

Paracelsus. 


Sehr  frühzeitig  finden  sich  erbitterte  Gegner  des  Paracelsischen  Auf- 
tretens. Gewiss  sind  manche  davon  selbst  von  der  zweifelhaftesten  Acht- 
barkeit: so  zunächst  Johannes  Oporinus,  drei  Jahre  lang  sein  Schüler 
und  Sekretär,  der  aber  mit  ihm  sich  entzweite  und  mit  der  grössten  Härte 
über  ihn  urtheilte  und  erst  nach  seinem  Tode  wieder  Verehrung  ihm  be- 
zeigte; sodann  Thomas  Erastus  in  Basel,  Scholastiker  und  wüthender 
Gegner  des  Paracelsus,  welcher  Disputationes  de  medicina  nova  Philippi 
Paracelsi  schrieb.  Würdigere  Gegner  waren  Smetius ,  Professor  in  Hei- 
delberg (Miscellanea  medica),  und  Libavius  aus  Halle,  Professor  in  Jena 
und  später  Arzt  in  Coburg  (besonders  dessen  Neoparacelsica). 

Man  kann  wohl  sagen ,  dass  im  ganzen  ]  6.  Jahrhundert  kein  einziger 
wirklich  gebildeter,  unterrichteter  und  dabei  wohldenkender  und  ernst- 
hafter Arzt  auf  Seiten  des  Paracelsus  stand;  auch  in  beiden  folgenden 
Jahrhunderten  war  die  allgemeine  Stimme  gegen  ihn  und  Zimmermann, 
im  18.  Jahrhundert,  drükt  nur  die  geläufige  Ansicht  aus,  wenn  er  sagt: 
„er  lebte  wie  ein  Schwein,  sah  aus  wie  ein  Fuhrmann,  fand  sein  grösstes 
Vergnügen  in  dem  Umgang  mit  dem  liederlichsten  und  niedrigsten  Pöbel, 
war  die  meiste  Zeit  seines  ruhmvollen  Lebens  hindurch  besoffen;  auch 
scheinen  alle  seine  Schriften  im  Rausche  geschrieben." 

Gegenüber  so  vollständiger  Verwerfung  erscheinen  die  Versuche ,  Pa- 
racelsus zu  einem  Geiste  erster  Grösse  und  zum  Schöpfer  und  Begründer 
der  neuen  Medicin  zu  machen,  um  so  paradoxer.  Der  Beiname,  der  ihm 
von  gegnerischer  Seite  als  Spott  oder  Vorwurf  gegeben  wurde:  Lutherus 
medicorum,  ist  später  von  seinen  Bewunderern  allen  Ernstes  genommen 
und  Paracelsus  als  der  Reformator  der  Heilkunst  proclamirt  worden. 

Schon  van  Helmont  (im  17.  Jahrhundert)  eröffnete  die  Reihe  der 
Lobpreiser  des  Paracelsus ;  doch  blieb  seine  Apologie  von  geringem  Ein- 
fluss.  Erst  dem  19.  Jahrhundert  war  es  vorbehalten,  hinter  den  Nebeln 
der  Paracelsischen  Mystik  die  Sonne  zu  suchen ,  von  welcher  die  Wieder- 
belebung der  Naturwissenschaften  bewirkt  worden  sein  soll.  Man  hat  ihn 
den  Propheten  der  neuen  Zeit  genannt  und  seine  Aussprüche  als  tief- 
sinnige Vorgefühle  angesehen ,  welche  in  den  folgenden  Generationen 
mehr  und  mehr  ihre  Bestätigung  erhalten  haben  sollen.  Man  hat  selbst 
eine  Rükkehr  zur  paracelsischen  Geheimlehre  in  unsern  Tagen  als  die 
wahre  und  einzige  Erfahrungsheilkunst  verkündet. 

Die  neuerliche  Apotheose  des  Paracelsus  ging  von  der  sogenannten 
naturhistorischen  Schule  Deutschlands  aus.  Jahn  (in  Heckers  Annalen 
1823)  hat  ihn  nicht  nur  als  einen  der  erhabensten  Menschen  aller  Zeiten 
und  Völker  bezeichnet  und  zugleich  dem  deutschen  Geiste  das  zweideutige 
Compliment  gemacht,  dass  dieser  Mystiker  nur  von  Deutschen ,  niemals 


Paracelsus.  97 

von  Ausländern  zu  verstehen  sei.  Eben  so  unbeschränkte  Bewunderung 
haben  ihm  Lessing  (Paracelsus,  sein  Leben  und  Denken  1839)  und  Schulz 
v.  Schulzenstein  gezollt.  Häser  jedoch  (dessen  Archiv  I.  26.)  hat  mit 
vollem  Rechte,  wenn  auch  mit  einer  gewissen  Schüchternheit,  seine 
reformatorische  Bedeutung  abgelehnt;  auch  Marx  (zur  Würdigung  des 
Theophrastus  von  Hohenheim  1842)  ist  kritisch  genug,  um  das  paracelsische 
Prophetenthum  zu  bezweifeln.  Hans  Locher  dagegen  (Th.  Paracelsus 
Bomb,  von  Hohenheim,  der  Luther  derMedicin  und  unser  grösster  Schwei- 
zerarzt 1851)  und  Alb.  Moll  (Württ.  Correspondenzblatt  XXI.  32.  33.  34.) 
fallen  wieder  in  die  panegyrische  Auffassung  zurük  und  streiten  wechsels- 
weise dafür,  ob  die  Schweiz  oder  Schwaben  die  Ehre  haben  solle,  Para- 
celsus den  ihrigen  nennen  zu  dürfen. 

Eine  nicht  zu  übersehende  Erscheinung  ist  es  ferner,  dass  die  ausser- 
halb der  Wissenschaft  stehenden  ärztlichen  Bestrebungen  der  neueren 
Zeit  vielfach  den  Paracelsus  als  ihre  Wurzel  und  Vorahnung  ansehen;  so 
äussern  sich  manche  Anhänger  der  Hahnemann'schen  Lehre,  ebenso 
Rademacher  und  seine  Nachfolger ,  nicht  weniger  einzelne  Stimmen  aus 
den  dunkelsten  Gebieten  der  angeblichen  Naturmedicin  unserer  Tage. 

Es  ist  nicht  zu  bezweifeln,  dass  ein  Mann,  welcher  es  wagte,  nach  Beurtheiiung 
eigenem  spontanem  Nachdenken  mit  einer  geistigen  Gewalt  von  ändert-  des 

halbtausendjährigem  Bestände  und  nach  sehr  allgemeiner  Herrschaft  ent- 
schieden und  unumwunden  zu  brechen ,  ein  Kopf  von  grosser  Selbständ- 
igkeit und  Energie  sein  musste;  es  ist  eben  so  gewiss,  dass  Paracelsus 
Scharfsinn  genug  besass,  die  Verdorbenheit  der  geläufigen  Praxis  und 
Theorie  zu  durchschauen  und  dass  seine  Polemik  gegen  dieselbe  eben  so 
von  seltener  Kraft,  wie  von  unbestreitbarem  Talente  Zeugniss  gibt. 

Aber  es  ist  auch  nicht  zu  läugnen,  dass  er  in  seiner  destructorischen 
Arbeit  von  dem  Geiste  der  damaligen  Zeit  wesentlich  getragen  und  un- 
terstüzt  wurde,  und  dass  zahlreiche  Andere  neben  und  selbst  vo¥-ihm  die 
gleiche  Einsicht  in  die  Notwendigkeit  einer  Wendung  der  Wissenschaft 
hatten  und  die  Forderung  derselben ,  wenn  auch  nicht  mit  der  Heftigkeit 
des  Paracelsus,  stellten. 

Die  falsche  Auffassung  der  Paracelsus'schen  Bedeutung  in  der  Medicin 
rührt  zunächst  wesentlich  davon  her,  dass  man  sich  vorstellt,  er  sei  der 
Erste  oder  gar  der  Einzige  gewesen ,  welcher  die  mittelalterliche  arabist- 
ische  und  galenistische  Medicin  angegriffen,  verworfen  und  das  Studium 
der  Natur  herzustellen  gesucht  habe.  Man  vergisst  dabei  die  grosse  Zahl 
Anderer  vor  und  neben  ihm,  welche  mit  ganz  anderer  Gewissenhaftigkeit 
die  Kritik  des  Bestehenden  und  die  selbständige  Forschung  unternahmen 

Wundeilich,  Geschichte  d.  Medicin.  7 


98  Die  Mediän  im  Zeitalter  der  Reformation. 

und  nicht  eine  neue  Mystik,  sondern  einen,  wenn  auch  sparsamen,  doch 
positiven  Thatsachengewinn  zum  Erfolg  hatten.  Man  vergisst  ganz,  dass 
Paracelsus'  Stürmen  gegen  eine  schon  zusammenbrechende  Macht  ge- 
richtet ist  und  dass  er  keine  Ahnung  davon  hatte,  wie  viel  schon  vor  und 
neben  ihm  umgeschafl'en  worden  war.  Er  scheint  nur  die  Carricatur  der 
Wissenschaft  zu  kennen,  welche  unter  dem  Haufen  allerdings  noch  die 
herrschende  war.  Von  den  gereinigten  antiken  Vorbildern,  wie  von  den 
soliden  Forschungen  seiner  unmittelbaren  Vorgänger  und  Zeitgenossen 
verräth  er  auch  nicht  eine  Spur  von  Kenntniss. 

Allerdings  ist  wohl  anzunehmen ,  dass  Paracelsus  die  Pflichten  der 
redlichen  Ueberzeugung  nicht  geflissentlich  verlezt  hat;  er  war  offenbar 
durchdrungen  von  dem,  was  er  lehrte,  und  wo  er  sich  in  Verwirrungen 
und  Sinnlosigkeiten  überstürzte,  ist  zuzugeben,  dass  vorzugsweise  nur 
sein  unklares  Denken  und  eine  missglükte  Ausdruksweise  seine  Ideen  ver- 
unstaltete. Man  hat  nirgends  das  Recht,  ihm  grobe  absichtliche  Myst- 
ification  Schuld  zu  geben.  Aber  es  fehlte  ihm  durchaus  an  jedem  soliden 
positiven  Wissen,  selbst  an  solchem,  das  zu  seiner  Zeit  zugänglich  war. 
Von  Anatomie  finden  sich  bei  ihm  nur  die  rohesten  Andeutungen.  Mit 
dem  manchen  Brauchbaren,  was  man  den  von  ihm  befeindeten  Aerzten  des 
Alterthums  verdankt,  hat  er  gar  nicht  die  Mühe  sich  genommen ,  bekannt 
zu  werden.  Die  Forderung  einer  logischen  Argumentation  ist  ihm  gänz- 
lich unbekannt.  Niemand  hat  in  willkürlicherer ,  schrankenloserer  Aus- 
dehnung Behauptungen  und  verwegene  Hypothesen  in  der  Form  von-That- 
sachen  vorgetragen.  Die  Personification  unklarer  Abstractionen  wird  von 
ihm  zum  Aeussersten  getrieben  und  die  imaginären  Realitäten  (Archäu.-, 
Yliaster ,  Mysterium  magnum ,  Quinta  Essentia ,  Signatur)  werden  die 
Basis  seiner  ganzen  Anschauung.  Abergläubische  Vorurtheile  beherrschen 
ihn  völlig,  verblenden  und  verfälschen  seine  Wahrnehmungen  und  mischen 
sich  allen  Punkten  derselben  bei.  Kann  er  auch  nicht  der  wissent- 
lichen Lüge  und  des  bewussten  Betrugs  beschuldigt  werden,  so  bezeu^vu 
die  unmöglichen  Erfahrungen,  welche  er  gemacht  haben  will,  dass  er  den 
gröbsten  Selbsttäuschungen  unterworfen  war ,  und  es  ist  nicht  unwahr- 
scheinlich, dass  er  verhezt  durch  Anfeindungen  seiner  Gegner  und  in  dem 
Taumel  der  Selbstüberschäzung  selbst  nicht  mehr  die  Grenzen  der  Wahr- 
heit bemerkte  und  manches  aussagte,  was  er  nicht  zu  verantworten  ver- 
mochte. Das  Vorbringen  schwer  glaublicher  und  unbeweisbarer  Dinge 
pflegt  zu  immer  kekeren  Behauptungen  hinzureissen  und  der  Schwindel, 
welcher  im  besten  Glauben  ausgebrütet  ward,  vernichtet  die  Fähigkeit,  sich 
aus  ihm  loszuwinden  und  wird  schliesslich  als  Werk  einer  höheren  Inspir- 
ation und  Offenbarung  gehegt ,  wird  zu  einem  fanatischen  Cultus.     Es  ist 


Paracelsus.  99 

diess  einSchiksal,  welches  Paracelsus  mit  Vielen  theilt,  die  nicht  nur 
von  ihrer  besonderen  Erleuchtung,  sondern  selbst  von  ihrer  Ehrlichkeit 
und  Redlichkeit  die  festeste  Ueberzeugung  haben;  freilich  hat  aber  bei 
ihm  dieses  Geschik  einen  ungewöhnlich  bedenklichen  Grad  erreicht  und 
seine  Glaubwürdigkeit  auf  allen  Punkten  aufgehoben. 

Dabei  war  jedoch  die  Redlichkeit  des  Paracelsus  immerhin  mit  einer 
natürlichen  Schlauheit  vereinigt,  die  den  der  Zeit  und  dem  Publikum  ent- 
sprechenden Ton  wohl  zu  treffen  vermochte,  rohen  und  ungebildeten  Schü- 
lern die  Nuzlosigkeit  der  Studien  vorwies,  den  Kranken  mit  der  Verkehrt- 
heit seiner  Aerzte  schrekte ,  den  Unzufriedenen  mit  einer  neuen  Weisheit 
lokte ,  dem  Pöbel  mit  Astronomie  und  Mysterien  imponirte ,  durch  die 
Hinweisung  auf  Gott  seine  Frömmigkeit  documentirte  und  doch  dem 
strengen  Kirchenglauben,  wie  es  die  Zeit  wollte,  entgegentrat,  vor  allem 
aber  das  mächtigste  Mittel  der  Ueberredung,  die  Wiederholung  derselben 
Declamationen,  im  unbegrenztesten  Maasse  handhabte  und  dabei  eine  der 
Rohheit  des  Jahrhunderts  entsprechende  Beredtsamkeit  übte,  die  zumal 
gegen  die  Collegen  in  die  gemeinsten  Schimpfreden  sich  verlor. 

Es  ist  zuzugeben,  dass  manche  seiner  Conceptionen  von  grossartiger 
Auffassung  und  seiner  Zeit  vorausgeeilt  sind.  Weniger  dürfte  damit 
gemeint  sein  die  ziemlich  unfruchtbare  Parallelisirung  des  Macrocosmus 
und  Microcosmus,  als  vielmehr  eine  gewisse  Ahnung  des  inneren  Zusam- 
menhanges im  Organismus,  sowie  des  nothwendigen  Zusammenhangs  in 
derKrankheitsentwiklung,  deren  genetische  Natur  vor  ihm  kaum  beachtet 
wurde,  die  Anerkennung  der  Spontaneität  der  Heilung,  die  Vereinfachung 
der  Arzneiverordnungen  und  die  Einführung  mancher  kräftiger  vegetabil- 
ischer uud  besonders  metallischer  Medicamente. 

Allein  ein  Reformator  ist  Paracelsus  darum  noch  nicht.  Es  ist  eine 
gänzliche  Verkennung  der  Leistungen  seiner  Zeitgenossen,  wie  seiner 
eigenen  Bedeutung,  ihm  einen  reformatorischen  Charakter  beizumessen. 
Der  Pabst,  von  dem  Locher  spricht,  dessen  Herrschaft  Paracelsus  gestürzt 
haben  soll,  Galen,  war  durch  weit  eingreifendere  und  einsichtsvollere  An- 
griffe um  seine  Unfehlbarkeit  gebracht  worden  und  es  ist  sehr  zweifelhaft, 
ob  Paracelsus'  stürmisches  Gebahren  der  galenischen  Lehre  auch  nur 
einen  Verständigen  entzogen  hat. 

Zum  Reformator  fehlten  dem  Paracelsus  ebensowohl  die  kritischen 
wie  die  positiven  Leistungen.  Sein  Angriff  auf  die  Arabisten  und  Galen 
war  eine  fortwährende  Declamation ,  nirgends  aber  eine  Widerlegung. 
Kein  einziger  Saz  der  herrschenden  Medicin  ward  von  ihm  als  falsch 
erwiesen ;  alle  standen  nach  ihm  noch  eben  so  berechtigt  wie  zuvor,  wenn 
auch  zuzugeben  ist,  dass  schon  die  Thatsache,  dass  ein  so  heftiger  Anlauf 


100  Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Reformation. 

gegen  sie  gewagt  wurde,  sie  erschüttern  konnte.  Es  ist  nicht  zu  be- 
zweifeln ,  dass  auf  die  Masse  der  Lärm  mehr  Einfluss  hat ,  als  der  argu- 
mentirende  Verstand.  Aber  bei  Paracelsus  blieb  sogar  jener  ohne  son- 
derliche Wirkung,  da  er  selbst  für  jene  Zeiten  übertrieben  und  ungeniess- 
bar  war.  Höchstens  kann  man  zugeben,  dass  seit  Paracelsus  in  den 
untersten  Schichten  der  ärztlichen  Handwerker  und  Pfuscher  eine  neue 
Sorte  von  unverstandenem  Wahn-  und  Schwindelwesen  Plaz  griff  und  mit 
den  alten  und  angeerbten  Vorurtheilen  sich  vermengte.  Aber  selbst  wenn 
Paracelsus  etwas  dazu  beigetragen  haben  sollte,  die  Herrschaft  des  Galen 
und  Avicenna  zu  untergraben,  so  bleibt  er  nur  ein  Revolutionär  und  kein 
Reformator;  denn  er  stürmte  wohl,  aber  er  untersuchte  nicht  und  schuf 
nichts.  Es  fehlt  zwar  bei  ihm  nicht  an  treffenden  Redensarten ,  die  aber 
nur  Forderungen  enthalten,  dass  es  anders  werden  müsse.  Wie  man  die 
Wissenschaft  zu  construiren  habe,  darüber  gibt  er  lediglich  keine  Anleitung 
und  das  Positive ,  was  er  bietet ,  ist  so  verworren  und  macht  die  wenigen 
guten  Ideen ,  die  darunter  verborgen  sind ,  so  unkenntlich ,  dass  die  Fort- 
schrittsmänner seiner  Zeit  nur  mit  Abscheu  oder  Gleichgiltigkeit  seine 
Neuerungsversuche  betrachten  konnten. 

Die  Vergleichung  mit  Luther  und  der  kirchlichen  Reformation  ist 
ohnediess  eine  ganz  unglükliche.  Nirgends  findet  sich  bei  Paracelsus  die 
fleissige  solide  Forschung  Luther's,  dessen  gewissenhafte  Untersuchung 
und  Prüfung  und  die  demüthige  Unterordnung  der  eigenen  Person.  Ausser 
dass  gewisse  Richtungen  und  Vorstellungen  der  Zeit  bei  beiden  zur  lauten 
Aeusserung  kommen ,  hat  Paracelsus  nur  das  mit  ihm  gemein ,  was  allen 
gemein  ist,  welche  Umwälzungen  machen  oder  sie  versuchen.  Auch 
Paracelsus  hatte  alle  Eigenschaften  eines  kühnen  Demagogen  und  den 
Fanatismus,  der  den  falschen  wie  den  wahren  Propheten  eigen  ist.  Aber 
dieses  Kraftgenie  hatte  nirgends  eine  solide  Grundlage  und  seine  Inspir- 
ation zündete  nur  um  zu  zerstören,  nirgends  aber  um  zu  beleben. 

So  ist  denn  auch  der  nächste  Erfolg  seines  Lehrens  weit  entfernt  von 
dem  geblieben ,  was  man  eine  Reformation  zu  nennen  pflegt.  Will  man 
einmal  die  Reformation  in  der  Kirche  zur  Vergleichung  nehmen ,  so  ist 
mindestens  in  den  Früchten  auch  nicht  ein  Moment  der  Uebereinstimmung. 
Luther's,  Zwingli's  und  Calvin's  Ideen  breiteten  sich  im  raschen  Gange 
über  die  ganze  civilisirte  Welt  aus  und  fast  die  Hälfte  derselben  entschied 
sich  offen  für  sie ,  während  in  der  anderen  Hälfte  an  stiller  Zustimmung 
kein  Mangel  war;  das  ganze  Gebiet  der  kirchlichen  Ordnung  und  der 
religiösen  Anschauung  gestaltete  sich  in  Folge  ihres  Auftretens  um  und 
selbst  auf  die  profane  Cultur  hatte  die  Wendung  den  mächtigsten  Einfluss. 

Paracelsus  aber  hat  nur  einen  Haufen  von  Gauklern  und  Wirrköpfen 


Die  Obscuranten.  101 

erzogen ,  nur  Adepten  und  Goldmacher  bemächtigten  sich  seiner  Lehre ; 
seine  Ideen  gingen  im  Uebrigen  spurlos  vorüber ,  wurden  von  allen  Ver- 
ständigen für  Unsinn  erklärt  und  erst  nach  300  Jahren  fängt  man  an, 
diess  als  ungerechte  Misskennung  anzusehen,  durch  die  Unverständlich- 
keit  seiner  Sprache  zu  erklären  und  unter  der  Masse  des  Unsinns  da  und 
dort  einen  tiefen  Sinn  zu  entdeken. 

Wessen  Lehre  ein  solches  Schiksal  —  verdient  oder  unverdient  — 
hat,  der  ist  kein  Reformator!  Will  man  ihn  mit  einem  der  Männer  der 
kirchlichen  Reformation  analogisiren,  so  dürfte  es  eher  Thomas  Münzer 
als  Luther  sein. 

Eine  Reformation  der  Medicin  hat  stattgefunden  im  16.  Jahrhundert; 
aber  sie  wurde  nicht  durch  Paracelsus  bewirkt;  dieser  ist  kaum  an  ihr 
betheiligt. 

Paracelsus  hat  auf  die  nächsten  Fortschritte  der  Medicin  lediglich  gar 
keinen  Einfluss;  er  hat  aber  durch  seine  barbarische  Methode,  welche 
von  Betrügern  ausgebeutet  und  von  verwirrten  Köpfen  schwärmerisch 
erfasst  wurde,  wesentlich  dazu  beigetragen,  den  vor  und  neben  ihm  be- 
gonnenen ruhigen  Fortschritt  zu  hemmen  und  zu  beschränken  und  die 
Verwilderung  der  Medicin  in  der  folgenden  Generation  anzubahnen. 

Im  Gegensaz  nicht  nur  zu  diesen  Wühlern,  sondern  im  Gegensaz  zu  Die 

Allen,  welche  an  der  gewaltigen  Bewegung  Antheil  nahmen,  gab  es  eine  0bscnranfen. 
grosse  und  mächtige  conservative  Partei ,  deren  lautere  Vertreter  und 
Stimmführer  zum  Theil  an  lärmender  und  tobender  Streitsucht,  wie  an 
Obscurantismus  hinter  Niemand  zurükstanden.  Sie  traf  vornemlich  Pa- 
racelsus' Zorn;  über  sie  schüttet  er  seinen  reichen  Vorrath  an  Schimpf- 
wörtern aus ;  das  sind  für  ihn  die  heillosen  Lotterbuben,  Geldpfaffen,  Laus- 
jäger, schelmige  Juden ,  Säue,  Schanddekel,  unwissende  Tölpel,  lausige 
Sophisten,  Polsterdoctoren,  Oelgözen,  Kälberärzte,  Gimpel,  Sudelköpfe 
(==  Apotheker),  Folterhanse  (=  Operateurs)  und  ihre  Medicin  ist  ihm 
die  Diebs-  und  Beschissgrube. 

Die  Obscuranten  fanden  ihren  Halt  und  ihre  Unterstüzung  nicht  nur 
an  der  grossen  conservativen  Partei ,  welcher  die  ganze  reformatorische 
Bewegung  ein  Greuel  war,  sondern  in  der  troz  allen  erwachenden  Fort- 
schritts noch  lange  nicht  getilgten  und  mit  den  Gemüthern  aufs  engste 
verwachsenen  Befangenheit. 

Wie  gross  und  allgemein  die  Herrschaft  der  Finsterniss  in  den  Ge-    Hexenprocesse. 
müthern  war,  erkennt  man  vorzüglich  an  den  am  Ende  des  15.  Jahrhun- 
derts aufgekommenen  und  im  16.  und  17.  wahrhaft  epidemisch  verbrei- 
teten Hexenprocessen  und  Hexenverbrennungen ,  an  denen  auch  der  junge 


102 


Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Reformation. 


Einzelne 
Conservative. 


Conciliatoren. 


Protestantismus  einen  eifrigen  Antheil  nahm.  Der  Malleus  maleficarum, 
welcher  nähere  Nachricht  über  die  Zauberei  überhaupt  und  Anleitung 
zum  gerichtlichen  Verfahren  gegen  Hexen  und  Zauberer  gibt ,  erschien 
schon  1489.  Allein  erst  im  16.  Jahrhundert,  bis  zu  dessen  Ende  er  neun 
Auflagen  erlebte,  wurde  seine  Wirksamkeit  eine  verheerende.  Zwar  hat 
sich  ein  tüchtiger  Arzt,  Wierus  (de  praestigiis  daemonum  et  incantatio- 
nibus  ac  veneficiis  1563),  mit  Entschiedenheit  gegen  dieses  mörderische 
Unwesen  erklärt ,  aber  er  selbst  zählt  eine  ganze  Reihe  von  Teufel  auf 
und  leugnet  nur  die  Bündnisse  mit  Menschen  und  die  daraus  angeblich 
hervorgehenden  Zauberkünste. 

Es  liegt  in  der  Natur  der  Sache,  dass  von  den  als  Hemmschuh  dem 
Fortschritt  sich  Entgegenstellenden  nicht  viel  mehr  als  die  Namen  zu 
erwähnen  sind. 

Alexander  von  Neustain  machte  sich  vornemlich  als  Argenterio's 
Widersacher  bekannt. 

Ebenso  stritt  Remigius  Megliorati  für  die  alte  Lehre  von  der 
Fäulniss.  Giorgio  Bertini  vertheidigte  den  Galen.  Auch  Mercurialis 
war  dem  Fortschritt  wenig  geneigt.  Besonders  aber  stemmte  sich  die 
Pariser  Facultät ,  Riolan  an  der  Spize,  gegen  jede  Neuerung  und  ver- 
urtheilte  namentlich  den  Gebrauch  der  Antimonialien.  Zahlreiche  andere 
verdienen  nicht  einmal  genannt  zu  werden. 

Doch  selbst  die  strengsten  Gegner  des  Fortschritts  mussten  dem 
Sturm  der  Zeit  auf  vielen  Punkten  nachgeben  und  manche  nachgiebige 
Naturen  fanden  es  am  geeignetsten ,  die  Neuerungen  neben  dem  Alten 
gelten  zu  lassen ,  wobei  sie  nur  meist  von  Diesem  und  Jenem  das  Ab- 
surdeste vermischten.  Zu  diesen  sogenannten  Conciliatoren  oder  Syncre- 
tisten ,  welche  namentlich  Paracelsische  Lehren  aufnahmen ,  gehörte  der 
schon  erwähnte  Winter  von  Andernach,  ferner  Andreas  Ellinge r, 
Professor  in  Jena,  Phaedro  von  Rodach,  Benedictus  Aretius  und  die 
beiden  Professoren  Zwinger  in  Basel. 


Situation 

des  ärztlichen 

Standes. 


Die  Situation  der  Aerzte  in  der  Reformationsperiode  war  keine  un- 
günstige; sie  waren  geachtet  und  galten  als  die  Weisen  und  als  Kenner 
der  verborgenen  Geheimnisse  der  Natur.  Obwohl  die  Taxen  für  ärztliche 
Berathung  nieder  gestellt  waren,  so  wurden  sie  doch  meist  nicht  einge- 
halten und  die  Einnahmen  waren  im  Allgemeinen  beträchtlich.  Zahlreiche 
Adeliche,  besonders  aus  heruntergekommenen  Familien,  drängten  sich  in 
den  ärztlichen  Stand,  von  welchem  die  Juden  ausgeschlossen  waren.  Das 
Practiciren  war  an  einen  Gradus  oder  ein  Facultätszeugniss  gebunden ; 
nur  für  einzelne  Gebrechen  war  die  Behandlung  Empirikern  überlassen. 


Nationalitäten. 


Situation  des  ärztlichen  Standes.  103 

Die  Studien  wurden  von  den  Bessern  sehr  gründlich  genommen  und  viele 
Deutsche  und  Franzosen  begaben  sich  an  die  blühenden  Universitäten 
Italiens  zum  Studiren.  Bologna's  Doctorwürde  galt  für  die  erste  in  ganz 
Europa.  Ueberhaupt  finden  wir  eine  grosse  Beweglichkeit  unter  den 
Aerzten  jener  Zeit.  Wenigstens  die  Berühmteren  befinden  sich  bald  in 
Deutschland,  bald  in  Frankreich,  bald  in  Ho  1J and,  Ungarn  oder  Italien 
und  practiciren  und  lehren  daselbst.  Der  allgemeine  Gebrauch  der  latein- 
ischen Sprache  als  Verkehrsmittel  erleichterte  diess.  Im  Uebrigen  sind 
die  Aerzte  theils  Professoren  an  den  Universitäten ,  theils  Leibärzte  der 
zahlreichen  Dynasten,  theils  Physici  der  Städte.  Das  gemeine  Volk  hielt 
sich  noch  grossentheils  an  vagirende  oder  sesshafte  Empiriker. 

Bei  dem  wechselseitigen  Verkehr  der  Aerzte  aller  Länder  war  der  Das 

nationale  Charakter  in  der  Entwiklung  und  Behandlung  der  Wissen- 
schaften nur  theilweise  scharf  ausgeprägt.  Doch  lassen  sich  einige  we- 
sentliche Differenzen  nicht  verkennen. 

Die  bedeutendsten  Leistungen  nach  allen  Seiten,  vorzüglich  aber  in 
der  Anatomie  fielen  Italien  zu. 

In  Frankreich  war  die  Chirurgie  überwiegend.  Die  Pariser  Fakultät 
war  von  geringer  Bedeutung,  die  von  Montpellier  hervorragender. 

Deutschland  schliesst  sich  zum  Theil  an  Italien  an ,  holt  dort  seine 
Bildung;  andern  theils  steht  es  unter  dem  Einfluss  finstern  nordischen 
Aberglaubens ,  eingewurzelter  Vorurtheile  und  eines  Zugs  zu  nebelhafter 
Schwärmerei.  Es  wird  durch  die  Thätigkeit  der  Reformatoren  und  durch 
die  wilden  Kämpfe  der  Parteien  am  heftigsten  durchwühlt. 

In  Spanien  erhielt  sich  die  scholastische  Medicin  noch  am  längsten 
die  Herrschaft.  Doch  findet  man  eine  Anzahl  tüchtiger  Aerzte  daselbst: 
Amatus  Lusitanus  (Scholastiker),  Christobal  de  Vega  (Uebersezer 
des  Hippocrates) ,  Francisco  Valles  (selbständiger Beobachter)  ,  Luis 
Mercado  (der  bedeutendste  und  originellste  Beobachter  Spaniens  aus 
jener  Zeit,  der  vornemlich  mit  der  Garotillo,  dem  Petechialtyphus,  der 
Pest  und  mit  Gynaecologie  sich  beschäftigte),  Juan  Huarte  (ein  ein- 
sichtsvoller Theoretiker),  Roderigo  de  Fonseca  (eigentlich  der  italien- 
ischen Schule  angehörig). 

In  England  zeigte  sich  wenig  Selbständigkeit,  grösstentheils  Anschluss 
an  Italien,  Frankreich,  auch  an  Deutschland. 


FÜNFTER  ABSCHNITT. 

Die  Medicin  im  siebenzehnten  Jahrhundert. 


Der  Mangel  an 
Methode  der 
Forschung. 


So  bedeutend  die  Fortschritte  des  16.  Jahrhunderts  auch  waren,  so 
sind  sie  doch  lediglich  einem  völlig  unmethodischen  Suchen  zu  verdanken. 
Die  Ausbeute  des  planlosesten  Arbeitens  war  zu  reichlich,  als  dass  man 
das  Bedürfniss  einer  überdachten  Forschung  sofort  gefühlt  hätte;  aber 
die  Folge  war,  dass  neben  allen  Bereicherungen  im  Factischen  auch  die 
Besten  über  die  Grenzen  des  Wissens  und  die  Bedingungen  der  Beweis- 
führung in  gänzlicher  Unklarheit  sich  befanden  und  daher  bei  eifrigstem 
Streben  nach  Wahrheit  auf  allen  Punkten  dem  Aberglauben  verfielen. 

Es  fehlte  an  jeder  Methode  der  Untersuchung;  die  Wege  und  die  Cri- 
terien  der  wissenschaftlichen  Forschung  waren  dem  Instinct  überlassen. 
Falsche  Instincte  konnten  bei  solcher  Sachlage  den  ganzen  Gewinn  der 
bisherigen  Arbeit  wieder  in  Frage  bringen. 

Glüklicherweise  hat  am  Ende  des  16.  und  am  Anfange  des  17.  Jahr- 
hunderts ein  Denker  von  seltener  Unbefangenheit  und  Schärfe  des  Geistes 
es  unternommen ,  die  Methode  der  Naturforschung  mit  dem  vollendetsten 
Erfolge  festzustellen. 

Franz  Baco,  geboren  1560,  studirte  die  Rechtswissenschaft  und  ge- 
langte frühzeitig  als  Schriftsteller,  Rechtsgelehrter  und  Redner  zu  grossem 
Ansehen.  Von  elastischer  Natur  und  den  Verführungen  des  grossen 
Lebens  widerstandslos  sich  hingebend,  für  Prunk,  Verschwendung,  Macht, 
und  Hofgunst  höchst  empfänglich ,  hat  er  durch  grosse  Verfehlungen  sein 
moralisches  Leben  verunreinigt.  Zur  Partei  des  Grafen  Essex  gehörig 
und  von  diesem  hochgeschäzt  und  mit  Wohlthaten  überhäuft,  trat  er  bei 
dessen  Sturz  zu  seinen  Gegnern  über ,  suchte  zwar  nach  Mitteln ,  ihn, 
ohne  sich  selbst  zu  compromittiren ,  zu  retten;  als  er  aber  die  Unmög- 
lichkeit erkannte,  unterstüzte  er  die  Anklage  gegen  seinen  Freund,  und 
vertheidigte  auf  Befehl  der  Königin  nach  dessen  Hinrichtung  diesen  Act 


Baco.  105 

öffentlich.  Nach  der  Thronbesteigung  Jakob's  L,  mit  welchem  Essex's 
Partei  wieder  zur  Herrschaft  gelangte ,  wusste  er  rasch  dieser  wieder 
gefällig  zu  werden,  half  dem  Herzog  von  Bukingham,  Günstling  des  Königs, 
den  Staat  und  die  Privaten  plündern ,  für  Geld  Patente  verleihen  und 
Monopole  verkaufen  und  Hess  sich  selbst  seine  richterlichen  Entscheid- 
ungen abkaufen.  Man  behauptet,  dass  er  damit  100,000  Pfund  gewonnen 
habe,  welche  er  aber  eben  so  schnell  wieder  vergeudete.  1604  wurde  er 
Rechtsgelehrter  des  Königs,  1607  Generalprocurator,  1612  Attorney- 
general,  1616  Staatsrath,  1617  Grosssiegelbewahrer  und  Stellvertreter 
des  Königs  während  einer  Abwesenheit  desselben,  1618  Lordkanzler  von 
England,  1620  Peer  von  England  ,  Baron  von  Verulam  und  Viscount  von 
St.  Alban.  •  * 

Aber  ein  neues  Parlament  trat  zusammen,  welches  die  Klagen  über 
Monopol-  und  Patentverkäufe  und  richterliche  Bestechungen  untersuchte, 
den  Grosskanzler  als  den  Mittelpunkt  derselben  entdekte  und  23  einzelne 
grosse  Bestechungsfälle  nachwies.  Als  ihm  die  Anklagepunkte  vorgelegt 
wurden ,  erklärte  er  sich  tief  zerknirscht  für  schuldig  und  verzichtete  auf 
alle  Vertheidigung  (1621).  Er  wurde  zu  lebenslänglichem  Gefängniss, 
bürgerlichem  Tode  und  40,000  Pfund  Geldstrafe  verurtheilt,  obwohl  dabei 
die  Richter  seiner  geistigen  Grösse  ihre  volle  Bewunderung  zollten.  Doch 
wurde  er  schon  nach  zwei  Tagen  von  dem  Könige  amnestirt,  erschien 
jedoch  nicht  mehr  öffentlich,  sondern  lebte  bis  zu  seinem  Tode  (1626)  in 
stiller  Zurükgezogenheit. 

Die  Schatten ,  welche  Baco's  schwere  Verfehlungen  auf  seinen  moral- 
ischen Charakter  werfen ,  haben  Einzelne  mit  besonderer  Begierde  auf- 
gegriffen und  dazu  benüzt,  auch  seine  wissenschaftliche  Bedeutung  herab- 
zuziehen und  zu  verdächtigen.  Es  ist  nicht  möglich,  jene  zu  tilgen  oder 
zu  beschönigen;  aber  ebenso  wenig  ist  es  erlaubt,  aus  ihnen  Motive  für 
die  Beurtheilung  von  Baco's  Leistungen  als  Denker  zu  entnehmen.  Die 
Indignation,  mit  der  man  diese  Vergehen  bei  dem  Manne  der  Wissenschaft 
hervorzuheben  pflegt,  ist  übrigens  ein  gutes  Zeugniss  für  die  allgemeine 
Ehrenhaftigkeit  der  Gelehrtenwelt;  denn  man  ist  nicht  gewohnt,  auf  ähn- 
liche Züge  aus  dem  Leben  der  Helden  und  Grossen  des  politischen  Schau- 
plazes  einen  gleichen  Nachdruk  gelegt  zu  sehen. 

Die  Hauptwerke  Baco's  waren:  de  dignitate  et  augmento  scientiarum       Schriften. 
(zuerst  1605)  und  Novum  Organum  scientiarum  (1620),  sodann  die  Silva 
silvarum. 

Baco  hatte  die  scholastische  Philosophie  studirt,  aber  auf  die  Frage,      Aligemeine 

Aufgabe  und 

was  er  dann  gefunden,  antwortete  er :  Worte ,  Worte ,  Worte !    Ander       Tendenz. 


106  Die  Medicin  im  siebenzehnten  Jahrhundert. 

Stelle  dieser  todten  Gelehrsamkeit  unternahm  er  es,  eine  frische  und 
fruchtbare  Wissenschaft  zu  sezen.  „Kann  ich.  aus  dem  Reiche  der  Wis- 
senschaft zweierlei  Räuber  vertreiben,  die  einen,  welche  durch  Wortge- 
zänk, die  anderen,  welche  durch  blinde  Erfahrung,  Tradition  und  Betrügerei 
Schaden  anrichten,  so  hoffe  ich  an  ihre  Stellen  fleissige  Beobachtungen, 
wohlbegründete  Schlüsse,  nüzliche  Erfindungen  undEntdekungen  zu  sezen." 

Der  Charakter  seines  Denkens  ist  die  Nüchternheit;  das  Ziel  der 
praktische  Nuzen,  die  Erfindung  und  Entdekung;  das  Mittel  zur  Erfindung 
die  Erfahrung,  und  die  Methode  der  Erfahrung  die  Induction. 

Er  will  eben  desshalb  nicht  ein  abgeschlossenes  System  bilden,  er 
weiss,  dass  seine  Aufgabe  nicht  im  Laufeines  Menschenalters  sich  voll- 
enden lässt;  er  übergibt  darum  sein  Wet'k.der  Zukunft.  Er  sucht  nicht 
die  Wissenschaft  in  den  engen  Fachwerken  eines  menschlichen  Geistes, 
sondern  in  dem  weiten  Reiche  der  Welt.  „Es  gehört  nothwendig  zu 
meiner  Denkweise ,  dass  sie  den  Abschluss  nicht  sucht  und  nicht  will. 
Genug,  dass  ich  die  nothwendigen  Ziele  bezeichne,  den  richtigen  Weg 
angebe,  selbst  einen  Theil  dieses  Wegs  zurüklege,  Schwierigkeiten  fort- 
räume und  Hilfsmittel  ersinne.  Das  Uebrige  überlasse  ich  den  kommenden 
Generationen  und  Jahrhunderten.  Auf  dieser  Bahn  gewährt  jeder  Punkt 
einen  Sieg,  bildet  jeder  Punkt  ein  Ziel  und  nach  dem  lezten  Ziele  als 
dem  Abschluss  aller  Arbeit  können  nur  die  suchen  und  fragen,  die  in 
dem  grossen  Wettlauf  menschlicher  Kräfte  nicht  mitstreben." 

Die  Aufgabe,  welche  sich  Baco  stellt,  ist,  den  menschlichen  Geist  zum 
planmässigen  Erfinden  geschikt  zu  machen,  an  die  Stelle  des  zufälligen 
Findens  ein  kunstmässiges  und  geregeltes  Erfinden  zu  sezen.  Er  sezte 
zu  dem  Ende  sein  Novum  organon  dem  Aristotelischen  entgegen,  als  das 
logische  Instrument  für  das  Erfinden,  als  ratio  inveniendi.  Das  Ziel  des 
Erfiudens  aber  ist  nichts  anderes  als  die  Herrschaft  des  Menschen  über 
die  Dinge,  in  welcher  der  höchste  Zwek  aller  Wissenschaft  liegt.  „Der 
gemeine  und  schlechte  Ehrgeiz  ist,  die  eigene  Macht  im  Vaterland  zu  ver- 
mehren; ein  grosser  würdiger  aber  eigennüziger  ist,  die  Macht  und  Herr- 
schaft des  Vaterlandes  auszubreiten;  der  erhabenste  und  gesundeste 
Ehrgeiz  aber  ist,  die  Herrschaft  und  Gewalt  der  Menschheit  über  das 
Universum  der  Dinge  herzustellen"  (Nov.  Org.  lib.  1.  Aph.  129).  Eine 
solche  Herrschaft  ist  nicht  möglich,  wenn  man  die  Dinge  nicht  kennt : 
im  Wissen  liegt  die  Macht!  Kenntniss  ist  aber  nicht  anders  als  durch 
fortwährenden  Verkehr  mit  den  Dingen  zu  erlangen.  „Man  muss  die 
Menschen  mitten  in  das  Detail  der  Dinge  führen,  damit  sie  sich  vorläufig 
aller  Begriffe  entschlagen  und  anfangen  mit  den  Dingen  selbst  zu  ver- 
kehren".    Das  richtige  Verständniss  der  Natur  ist  daher  die  Grundlage 


Baco.  107 

alles  Wissens:  die  Naturwissenschaft  muss  für  die  Mutter  aller  Wissen- 
schaften gelten.  Alle  Künste  und  Wissenschaften,  sobald  sie  von  dieser 
Wurzel  losgerissen  werden,  können  sich  wohl  formell  ausbilden,  aber  nicht 
sich  weiter  entwikeln.  „Niemand  möge  erwarten,  dass  die  Wissenschaften 
Fortschritte  machen,  bevor  die  Naturlehre  in  sie  eingedrungen  ist  und  sie 
selbst  auf  Naturlehre  zurükgeführt  sind.  Darum  haben  Astronomie,  Optik, 
Musik,  sogar  die  Medicin  und  die  Moral,  Politik  und  Logik  so  wenig  Tiefe 
und  leiden  so  sehr  an  Oberflächlichkeit  und  Wechsel,  weil  sie  zu  isolirten 
und  particulären  Wissenschaften  geschaffen  wurden  und  nicht  mehr  von 
der  Naturlehre  ernährt  werden"  (Nov.  Org.  I.  Aph.  80). 

Bei  der  Erfahrung  genügt  aber  nach  Baco  nicht  die  einfache  Auf-  Die  wahre  Er- 
zählung wahrgenommener  Dinge.  Die  Descriptio  naturae  muss  zur  Inter-  fahrune- 
pretatio  naturae,  die  Naturgeschichte  zur  Naturwissenschaft  werden.  Der 
menschliche  Verstand  darf  dabei  nichts  hinzufügen,  nichts  vergessen  oder 
übersehen;  er  soll  sich  nicht  selbständig  ein  Bild  der  Natur  entwerfen, 
denn  diess  ist  eine  Anticipatio  naturae  und  liefert  ein  wesenloses  Hirnge- 
spinnst ,  ein  Idol.  Die  Interpretatio  naturae  dagegen  besteht  in  der  Ver- 
nunft ,  die  in  der  Weise  der  Notwendigkeit  aus  den  Dingen  selbst  her- 
vorgeht (Nov.  Org.  lib.  I.  Aph.  26 — 33).  Vorgefasste  Begriffe  und  zu 
geringe  Erfahrung  sind  der  Grundmangel  alles  dessen  gewesen,  was  bis 
dahin  für  Wissenschaft  ausgegeben  wurde.  Die  Idole  und  falschen  Be- 
griffe nehmen  den  menschlichen  Geist  so  gefangen,  dass  sie  ihm  nicht  nur 
den  Eingang  zur  Wahrheit  erschweren,  sondern  ihn  in  seinem  Streben  zur 
Wahrheit  immer  aufs  neue  hemmen.  Ihnen  entgegen  muss  die  Wissen- 
schaft mit  dem  Zweifel  beginnen;  aber  der  Zweifel  darf  nur  ihr  Ausgangs- 
punkt, nicht  ihr  Ziel  sein.  Das  Ziel  ist  nicht  der  Zweifel  (acatalepsia), 
sondern  die  richtige  Erkenntniss  (eucatalepsia).  Von  dem  ersten  Aus- 
gangspunkte an  darf  der  Verstand  niemals  sich  selbst  überlassen  bleiben, 
sondern  muss  überall  geleitet  werden.  Vornemlich  aber  müssen  ferne 
gehalten  werden  alle  aus  der  individuellen  Eigenthümlichkeit,  aus  socialen 
Verhältnissen  und  aus  aufgedrungener  Autorität  entsprossenen  Vorur- 
theile  und  Idole. 

Die  Naturwissenschaft  wurde  angestekt  und  verdorben  in  der  Aristo- 
telischen Schule  durch  Dialektik ,  in  der  Platonischen  durch  Naturtheo- 
logie, in  der  neuplatonischen  durch  Mathematik  (Nov.  Org.  I.  Aph.  96). 

Das  grösste  Ilinderniss  einer  reinen  Erfahrung  (mera  experientia)  ist, 
wenn  der  Verstand  über  die  Grenze  der  Erkennungsmöglichkeit  hinaus 
will,  wenn  er  die  Natur  nach  Zweken,  nach  ihren  Finalursachen  unter- 
suchen will.  Mit  diesen  hat  die  Physik  nichts  zu  schaffen;  sie  hat  nichts 
durch  Zwcke,  sondern  durch  wirkende  Ursachen  zu  erklären.    Die  Unter- 


|08  Die  Medicin  im  siebenzehnten  Jahrhundert. 

suchung  der  Zweke  ist  unfruchtbar  wie  eine  gottgeweihte  Jungfrau.  (De 
augment.  scient.  lib.  III.  cap.  4  und  5.) 

Das  Schlimmste  aber  ist  die  Apotheose  des  Irrthums  und  es  ist  für 
eine  Pest  der  Intelligenz  zu  halten ,  wenn  zum  Wahn  die  Verehrung  sich 
gesellt.  So  hat  man  in  dem  ersten  Capitel  der  Genesis,  im  Buch  Hiob 
und  in  andern  heiligen  Schriften  die  Grundlage  der  Naturwissenschaft 
finden  wollen  und  um  so  mehr  ist  solche  Verkehrtheit  zu  zügeln ,  weil  aus 
der  unverständigen  Vermischung  des  Göttlichen  und  Menschlichen  nicht  nur 
eine  phantastische  Philosophie,  sondern  eine  kezerische  Religion  entsteht. 
Daher  ist  es  durchaus  zuträglich ,  mit  nüchternem  Sinn  dem  Glauben  nur 
zu  geben,  was  des  Glaubens  ist  (Nov.  Org.  I.  Aph.  65). 

Statt  dessen  aber  darf  man  sich  nur  durch  Selbstuntersuchung,  durch 
Autopsie  leiten  lassen.  Diese  aber  muss  eine  methodische  sein.  Die  Er- 
fahrung ist,  wenn  sie  zu  uns  kommt,  Zufall,  wenn  sie  gesucht  wird,  Ex- 
periment. Jene  Erfahrung  ist  liederlich  und  nur  ein  Tappen,  wie  wenn 
Menschen  bei  Nacht  Alles  betasten,  ob  sie  zufällig  auf  dem  rechten  "Wege 
sind.  Viel  richtiger  und  überlegter  wäre  es,  zuerst  Licht  anzuzünden  und 
damit  den  Weg  zu  betreten.  Diess  thut  die  wahre  Erfahrung  (Nov.  Org. 
lib.  I.  82).  Denn  man  muss  sich  vor  dem  Irrthum  hüten,  die  Dinge  zu 
kennen,  ohne  sie  kennen  gelernt,  erforscht  zu  haben.  Jener  Irrthum 
stammt  aus  dem  Besize  von  Worten  und  Namen  für  die  Dinge,  die  wir 
eher  erfahren  als  die  Natur  der  Dinge,  die  uns  von  Kindheit  geläufig  sind 
und  deren  Gebrauch  uns  in  die  Einbildung  versezt,  als  kennen  wir  die 
Dinge  selbst  (Nov.  Org.  lib.  I.  Aph.  59.  60). 

Wir  müssen  uns  ferner  hüten,  die  sinnliche  Wahrnehmung  der  Dinge 
ohne  weiteres  für  eine  wahre  zu  nehmen.  Es  ist  falsch,  den  menschlichen 
Sinn  für  das  Maass  der  Dinge  zu  nehmen.  Alle  unsere  Wahrnehmungen 
sind  nur  ex  analogia  hominis  und  nicht  ex  analogia  universi.  Dermenseh- 
liche  Verstand  verhält  sich  zu  den  Strahlen  der  Dinge  wie  ein  unebener 
Spiegel,  der  seine  Natur  der  der  Dinge  einmischt  und  so  diese  verdreht 
und  verdirbt  (Nov.  Org.  lib.  I.  Aph.  41).  Der  Verstand  ist  überdem  auch 
durch  den  Willen  und  durch  die  Affecte  verdunkelt  und  er  hält  für  wahr, 
wovon  er  wünscht,  dass  es  wahr  sei  (Aph.  49). 

Man  muss  daher  Sinne  und  Verstand  bearbeiten,  corrigiren  und  unter- 
stüzen  mit  den  Instrumenten.  „Weder  die  blosse  Hand,  noch  der  sich 
selbst  überlassene  Verstand  vermögen  viel  auszurichten.  Sie  bedürfen 
beider  der  Instrumente  und  Hilfsmittel.  Alle  richtige  Interpretation  der 
Natur  geschieht  durch  correcte  Experimente,  wobei  der  Sinn  nur  über  das 
Experiment,  dieses  aber  über  das  Object  selbst  urtheilt." 

Als  Grundlage  aller  Erfahrung  verlangt  Baco  die  Analyse,  die  Dissectio 


Baco.  109 

naturae,  die  Anatomia  corporum  (Nov.  Org.  I.  Aph.  124).  „Es  ist  besser 
die  Natur  zu  seciren,  als  zu  abstrahiren"  (Nov.  Org.  I.  51).  Aber  man 
soll  nicht ,  wie  in  der  atomistischen  Schule ,  die  Dinge  auf  Atome  zurük- 
führen ,  die  einen  leeren  Raum  und  eine  beharrliche  Materie  fälschlich 
voraussezen,  sondern  ad  particulas  veras,  quales  inveniuntur  (Nov.  Org. 
I.  51  und  57;  II.  8). 

Es  ist  sodann  nicht  zu  gestatten,  dass  der  Verstand  von  dem  Parti- 
culären  zu  den  entferntesten  und  gleichsam  allgemeinen  Axiomen  springe 
oder  fliege  und  dann  mit  der  so  aufgefundenen  Wahrheit  die  mittlem 
Axiome  entwikle.  „Von  den  Wissenschaften  ist  erst  dann  etwas  zu  hoffen, 
wenn  auf  einer  wahren  Leiter  von  Schritt  zu  Schritt,  ohne  Zwischenraum 
oder  Luken  emporgestiegen  wird,  von  dem  Particulären  zu  den  untersten 
Axiomen ,  dann  zu  den  mittleren ,  sofort  zu  den  hohen  und  zulezt  zu  den 
allgemeinsten.  Wir  müssen  dem  menschlichen  Verstände  nicht  Fittige, 
sondern  Blei  und  Gewichte  anfügen,  um  seinen  Sprung  und  Flug  zu  hem- 
men" (Nov.  Org.  I.  Aph.  104.).  Die  Empiriker  sind  wie  die  Ameisen,  die 
vieles  zusammentragen  und  nie  gebrauchen,  die  Rationalisten  wie  die 
Spinnen ,  die  aus  sich  ein  Gewebe  bereiten ,  die  Vernunft  aber  gleicht  der 
Biene,  die  ihr  Material  von  überall  her  zusammenträgt  und  es  mit  eigener 
Kraft  verarbeitet  und  ordnet"  (Nov.  Org.  lib.  I.  Aph.  95). 

Die  Erfahrung  lehrt  die  Thatsachen  kennen,  zur  Wissenschaft  wird  Die  induction. 
sie  erst,  wenn  die  Ursachen  der  Thatsachen  erkannt  werden:  vere  scire 
est  per  causas  scire  (Nov.  Org.  lib.  II.  Aph.  2).  Die  einzig  richtige,  exaete 
Methode  ist  die  Induction,  d.  h.  die  unmittelbare  und  ohne  Sprünge  fort- 
schreitende Ableitung  der  allgemeinen  Thatsachen  von  den  concreten,  der 
Geseze  von  dem  einzelnen  Geschehen. 

Hiezu  dient  zunächst  die  Vergleichung  vieler  ähnlichen  Einzelfälle : 
hiedurch  kann  das  Wesentliche  von  dem  Zufälligen  geschieden  werden. 
Einerseits  ist  eine  Vielheit  von  Fällen  zu  vergleichen ,  in  denen  dieselbe 
Erscheinung  unter  verschiedenen  Bedingungen  sich  zeigt  (positive  In- 
stanzen) ;  andererseits  sind  die  Fälle ,  wo  unter  ähnlichen  Bedingungen 
dieselbe  Erscheinung  nicht  stattfindet  (negative  Instanzen) ,  und  leztere 
sind  sodann  wiederum  mit  den  ersteren  zu  vergleichen.  So  werden  die 
unwesentlichen  Bedingungen  erkannt  und  durch  ihreRejection  die  wesent- 
lichen festgesezt.  Schliesslich  werden  aus  diesen  die  allgemein  wirkenden 
Geseze  der  Natur,  die  Axiome  gewonnen.  Der  Unterschied  von  den 
Schlüssen  der  gewöhnlichen  Erfahrung  liegt  bei  diesem  Gang  vornem- 
lich  in  der  von  Baco  besonders  nachdrüklich  geforderten  Prüfung  durch 
die  negativen  Instanzen.  Erst  dann  ist  nach  ihm  ein  Schluss  vollendet, 
wenn  kein  widersprechendes  Zeugniss,  keine  negative  Instanz  mehr  gegen 


HO  Die  Medicin  im  siebenzehnten  Jahrhundert. 

ihn  aufgeführt  werden  kann.  (Cogitata  et  Visa  p.  597.)  Homini  tantum 
conceditur ,  procedere  primo  per  negativas  et  postremo  loco  desinere  in 
affirmativas  post  omnimodam  exclusionem  (Nov.  Org.  II.  15).  Wie  der 
Zweifel  der  Ausgangspunkt  jeder  Forschung  ist,  so  hat  er  diese  auch  auf 
•  jedem  Schritt  zu  begleiten;  dadurch  macht  er  die  Erfahrung  critisch  und 

schüzt  sie  vor  Leichtgläubigkeit  und  Aberglauben.  Der  Zweifel  hat  auf 
jedem  Punkte  nach  den  negativen  Instanzen  zu  suchen  und  dadurch  die 
Gefangennehmung  des  Verstandes  durch  die  affirmativen  Einzelfälle  zu 
verhindern. 

Da  jedoch  bei  der  Methode  der  Induction  eine  wesentliche  Schwierig- 
keit darin  liegt,  dass  man  sehr  vieler  Einzelfälle  bedarf,  so  versucht  Baco, 
die  Forschung  dadurch  zu  erleichtern,  dass  er  gestattet,  aus  der  Erfahrung 
solche  Fälle  auszusuchen,  welche  entscheidender  sind  als  die  andern,  in- 
dem ein  einziger,  möglichst  reiner,  prägnanter  Fall  den  Werth  von  einer 
ganzen  Reihe  gemischter  haben  und  übersteigen  kann.  Er  nennt  diese 
Fälle  prärogative  Instanzen;  sie  dienen  dazu,  die  Vergleichung  abzu- 
kürzen und  dadurch  zu  erleichtern  und  somit  die  Induction  zu  beschleu- 
nigen (vergl.  über  die  verschiedenen  (27)  prärogativen  Instanzen  Nov. 
Org.  II.  22 — 51).  Darunter  benüzt  er  auch  die  Aehnlichkeit  der  Dinge 
unter  einander,  die  Analogien  (die  conformen  Instanzen),  nicht  zur  Fest- 
stellung der  Geseze,  wohl  aber  als  Wegweiser,  welche  die  Forschung  auf- 
merksam machen.  In  allen  solchen  Analogien  ist  aber  eine  ernste  und 
strenge  Vorsicht  (cautela  gravis  et  severa)  anzuwenden.  Es  sind  nur 
solche  giltig,  welche  physische  Aehnlichkeiten,  reelle  und  substantielle 
im  Wesen  der  Natur  liegende,  nicht  zufällige  oder  gar  abergläubische  und 
eingebildete,  bezeichnen  (Nov.  Org.  II.  27). 
Erfind^.  Zur  Erfindung,  dem  lezten  Ziel  der  Baconischen  Forschung,  führt  die 

gewonnene  Kenntniss  einfach  durch  Anwendung  der  gefundenen  Geseze. 
Die  Erfindung  ist  ein  neues  Experiment,  abgeleitet  von  den  Axiomen 
(Baco's  Deduction). 
Baco-s  Desiderien  Die  Medicin  hat  nach  Baco  drei  Aufgaben :  das  Leben  zu  verlängern, 
für  die  Medicin.  jje  Gesundheit  zu  erhalten  und  die  Krankheiten  zu  heilen.  Er  bedauert, 
dass  die  beiden  ersten  Aufgaben  von  den  Aerzten  so  wenig  beachtet  wer- 
den. Auch  in  Bezug  auf  die  Pathologie  und  Therapie  im  engern  Sinn 
bringt  er' eine  Reihe  von  beachtenswerthen  Desiderien  vor. 

1)  Genaue  Krankengeschichten  concreter  Fälle  (Casuistik); 

2)  Vergleichung  des  Zustandes  der  Organe  nach  Consistenz,  Form, 
Lage  und  Beschaffenheit  bei  verschiedenen  Krankheiten  (pathologische 
Anatomie); 

3)  Zuhilfenahme  der  Vivisectionen  von  Thieren; 


Baco.  Hl 

4)  Beseitigung  der  Voraussezung  der  Unheilbarkeit  von  Krankheiten; 

5)  grössere  Rüksichtnahme  auf  Linderung  der  Schmerzen  und  Be- 
schwerden der  Kranken  (plane  censeo  ad  officium  medici  pertinere  non 
tantum  ut  sanitatem  restituant,  verum  etiam  ut  dolores  et  cruciatus  mor- 
borum  mitigent),  wobei  er  auch  die  Euthanasie  als  eine  nicht  geringfügige 
Aufgabe  der  Therapie  hervorhebt; 

6)  genauere  Erforschung  der  für  specielle  Krankheiten  erforderlichen 
therapeutischen  Maassregeln; 

7)  Versuch,  die  natürlichen  Mineralwasser  und  Thermen  durch  che- 
mische Zusammensezung  künstlich  zu  ersezen; 

8)  genauere  Formulirung  des  Curverfahrens  nach  Zusammensezung, 
Aufeinanderfolge  etc. 

Sonach  hat  Baco  durch  sein  Nachdenken  die  gesammte  Naturforsch- 
ung mit  einer  Methode  der  logischen  Operationen  beschenkt,  zu  welcher 
die  folgenden  Zeiten  bis  heute  kaum  etwas  hinzuzufügen  wussten.  Auch 
ist  ihm  von  Seiten  der  Naturwissenschaften  dafür  die  umfassendste  An- 
erkennung zu  Theil  geworden  und  seine  Bedeutung,  schon  von  seinen  Zeit- 
genossen geahnt  und  gewürdigt,  hat  sich  in  den  Kreisen  der  objectiven 
Wissenschaften  ungeschmälert  erhalten  oder  ist  noch  gewachsen.  In  der 
That  beginnt  mit  ihm  die  entschiedene  Klärung  des  beobachtenden  Geistes 
und  die  Einsicht  in  dessen  Aufgabe  und  Vermögen.  Er  hat  zuerst  mit 
vollem  Bewusstsein  den  Schritt  gewagt,  den  Autoritätsglauben  abzuwerfen 
und  die  Voraussezungslosigkeit  als  Princip  zu  proclamiren.  Doch  hat  es 
auch  nicht  an  entgegengesezten  Stimmen  gefehlt.  Zumal  in  der  specu- 
lativen  Schule  wurde  Baco's  Verdienst  vielfach  in  verdächtige  Zweifel 
gezogen;  ja  es  kam  selbst  bis  zur  völligen  Verwerfung,,  wenn  nicht  gar 
zur  Schmähung  seines  Gedächtnisses.  Indessen  hat  in  neuester  Zeit  auch 
die^speculative  Wissenschaft  angefangen,  das  an  Baco  begangene  Unrecht 
einzusehen  und  seine  hohe  Bedeutung  in  der  Entwiklungsgeschichte  des 
menschlichen  Geistes  anzuerkennen  (Schaller,  noch  mehr  Feuerbach  und 
Cuno  Fischer). 

Wie  sehr  jedoch  eine  Meditation  wie  die  Baco's  im  Zuge  der  Zeit  lag,  sanchez  und 
geht  daraus  hervor,  dass  gleichzeitig  mit  ihm  in  Portugal  der  Arzt  Fran-  Joachim  Juns- 
cisco  Sanchez  (geb.  1562)  einen  ähnlichen  Versuch  machte,  die  Regeln 
der  Naturerkenntniss  festzustellen,  welche  er  in  die  Beobachtung,  in  das 
Experiment  und  in  die  rationelle  Verwerthung  des  Gefundenen  sezt. 
(Opera  medica.  His  juncti  tractatus  quidam  philosophici  1636).  Das 
gleiche  Bestreben,  die  Grundsäze  der  Forschung  festzustellen  und  der  ver- 
derblichen Teleologie   entgegenzutreten,    hatte  in  Deutschland  Joachim 


112 


Die  Medicin  im  siebenzehnten  Jahrhundert. 


Gasaeadi. 


Jung  (geb.  1587,  von  1624  an  Professor  der  Mathematik  in  Rostock, 
1625  Professor  der  Medicin  in  Helmstädt,  dann  Arzt  in  Braunschweig, 
von  1629  — 1657  Rector  des  Gymnasiums  in  Hamburg).  Er  gründete 
1622  die  ereunetische  oder  zetetische  Societät  in  Rostock,  die  erste  ge- 
lehrte Gesellschaft  in  Deutschland,  welche  sich  folgende  Aufgabe  stellte  : 
Scopus  Collegii  nostri  unicus  esto  veritatem  e  ratione  et  experientia  tum 
inquirere  tum  inventam  common strare ;  sive  artes  et  scientias  omnes 
ratione  et  experientia  subnixas  a  sophistica  vindicare,  ad  demonstrativam 
certitudinem  reducere,  dextra  institutione  propagare  denique  felici  inven- 
tione  augere. 

An  Baco  schloss  sich  eine  Reihe  von  Denkern  an ,  welche  die  Conse- 
quenzen  seiner  Methode  zu  ziehen  versuchten. 

Hobbes  (1588  —  1679)  ist  der  entschiedenste  Mathematiker  unter 
den  Philosophen.  Alles  Denken  ist  ihm  eine  mathematische  Operation, 
eine  formale  Verarbeitung  eines  von  aussen  her  gegebenen  Inhalts.  Alle 
nicht  empirischen  Objecte  des  Denkens,  also  z.  B.  alle  religiösen  Ange- 
legenheiten sind  ihm  nichts  als  blinder  Autoritätsglaube.  Er  zweifelt 
nicht  nur  an  der  Richtigkeit  der  Offenbarung,  sondern  selbst  überhaupt 
an  der  psychologischen  Möglichkeit,  an  sie  zu  glauben.  Seine  Natur- 
philosophie beschäftigt  sich  vorzugsweise  mit  Raum,  Grösse  und  Beweg- 
ung, also  mit  rein  physikalischen  Verhältnissen.  Die  Qualitäten  der  Kör- 
per sind  nichts  anderes,  als  verschiedene  Bewegungen  derselben,  wodurch 
das  Object  auf  die  Sinnesorgane  verschieden  einwirkt. 

Eine  idealere,  jedoch  gleichfalls  mechanische  Naturanschauung  finden 
wir  bei  einem  andern  Gegner  der  Scholastik,  Descartes  (1596 — 1650). 
Sein  Princip  ist  der  Zweifel  an  Allem.  Nur  an  dem  Ich  ist  nicht  zu 
zweifeln;  denn  wenn  es  über  sich  selbst  denkt,  so  muss  es  auch  existiren. 
Ego  cogito,  ergo  sum.  Von  hier  aus  gelangt  er  sofort  dialectisch  durch 
Schlüsse  zu  der  Erkenntniss  der  Aussenwelt.  Das  Wesentliche  eines 
Körpers  besteht  nach  Descartes  nicht  in  seiner  Farbe,  Schwere  oder 
andern  Qualitäten,  sondern  darin,  dass  er  einen  Raum  einnimmt,  dass  er 
Ausdehnung  hat.  Alle  Eigenschaften  der  Körper  reduciren  sich  darauf, 
dass  sie  in's  Unendliche  theilbar  und  ihre  Theile  noch  beweglich  sind.  In 
der  Bewegung  bestehen  die  Processe  der  Bildung,  alle  Thätigkeiten,  alle 
Beziehungen  der  Körper  zu  einander,  alles  Leben.  Sofort  versucht  er  die 
Ursachen  oder  Geseze  der  Bewegung  festzustellen. 

Gassendi  (1592  — 1655)  erklärte  die  Physik  als  den  wichtigsten 
Theil  der  Philosophie.  Seine  Reflexionen  haben  nur  empirische  Gegen- 
stände.    Er  sieht  die  Materie  nur  bis  zu  einem  gewissen  Punkt  als  theil- 


Physik.  113 

bar  an.  Zulezt  stösst  man  auf  die  nicht  weiter  theilbaren  Atome.  Die 
Atome  sind  durch  das  Leere  auseinandergehalten.  Neben  diesen  Epicurä- 
ischen  Grundprincipien  sucht  aber  Gassendi  alle  bedeutenden  Beobacht- 
ungen in  der  Physik  zu  benüzen  und  lässt  gewisserniaassen  die  Philosophie 
von  der  Physik  absorbiren. 

John  Locke  (1632 —  1704)  ist  am  klarsten  und  präcisesten  in  den 
Folgerungen  des  Sazes,  dass  alle  unsere  Erkenntniss  aus  der  Erfahrung 
komme.  Doch  beginnt  sein  Einfluss  erst  am  Schluss  unserer  Periode  und 
in  den  Entwiklungen  des  18.  Jahrhunderts. 

In  allen  diesen  philosophischen  Bestrebungen  erkennen  wir  eine  ausser- 
ordentliche Umwälzung  in  den  Tendenzen.  Die  Philosophie  tritt  heraus 
aus  der  Teleologie  und  in  die  Phänomenologie  ein;  sie  fragt  nicht  mehr, 
zu  welchem  Zwek  und  zu  welcher  Bestimmung  Etwas  ist,  sondern  was 
geschieht  und  wie  es  geschieht.  Die  empirische  Methode  kommt  dadurch 
zur  Geltung  und  Entwiklung.  Sie  nimmt  ihre  erste  Richtung  auf  die 
mechanischen  Verhältnisse  der  Körper  und  auf  ihre  mathematische  Seite. 

Ganz  dieselbe  Bestrebung  zeigt  sich  in  der  eigentlichen  Physik. 
Auch  hier  drang  die  mathematische  Tendenz  gegen  die  frühere  suprana- 
turalistische, die  phänomenologische  gegen  die  frühere  teleologische  ein. 
Galilei  (1564 — 1642)  war  es,  welcher  der  Physik  diese  Richtung  gab. 
Statt  warum  und  zu  was  Ende  ein  Körper  falle?  fragte  er,  welches  sind 
die  Umstände,  unter  denen  er  fällt,  die  Erscheinungen  beim  Fallen,  mit 
andern  Worten  die  Geseze  des  Falls.  Es  war  diess  der  Anfang  einer 
völlig  neuen  Physik.  Erst  auf  diesem  Wege  konnten  verwikelte  Erschein- 
ungen analysirt  und  auf  wenige  Grundgeseze  zurükgeführt  werden. 

Johann  Keppler  (1571 — 1630)  aus  Schwaben,  obwohl  selbst  Arzt, 
hat  zwar  auf  die  Medicin  keinen  directen  Einfluss  geübt;  *um  so  grösser 
aber  war  die  mittelbare  Wirkung  seiner  Begründung  derBewegungsgeseze 
der  Himmelskörper.  Auch  die  Physik  des  Auges  verdankt  ihm  wesent- 
liche Fortschritte. 

In  der  Chemie  bereitete  sich  im  17.  Jahrhundert  eine  ganz  wesent- 
liche Umwandlung  vor. 

Es  hatte  zwar  das  Mittelalter  und  die  Reformationsperiode  bereits 
zahlreiche  chemische  Erfahrungen  gemacht.  Viele  Stoffe  und  Verbind- 
ungen waren  entdekt.  Auch  einzelne  chemische  Manipulationen  wurden 
sorgfältiger  festgestellt.  In  dieser  Hinsicht  sind  die  Verdienste  der 
Alchemisten  nicht  ganz  gering  zu  achten.  Auch  Paracelsus  hatte  einzelne 
gute  Wahrnehmungen  gemacht.     Noch  mehr  hat  sein  Zeitgenosse  Georg 

Wunderlich,  Geschichte  d.  Medicia.  g 


]]4  Die  Medicin  im  siebenzehnten  Jahrhundert. 

Agricola  von  Chemnitz  durch  Verbesserung  der  chemischen  Proceduren 
besonders  die  Kenntniss  von  den  Metallen  gefördert. 

Im  17.  Jahrhundert  wurde  die  Thätigkeit  in  chemischen  Dingen  noch 
lebhafter  und  umfassender.  Libavius  und  Sala,  Gegner  der  paracelsi- 
schen  Lehre,  haben  einzelne  wichtige  Entdekungen  gemacht.  Weit  mehr 
verdankt  die  Chemie  van  Helmont,  der  den  Gasen  die  Namen  gab,  sie 
von  den  Dämpfen  unterscheiden  und  einige  derselben  künstlich  darstellen 
lehrte,  der  ferner  die  Abnahme  der  Luft,  in  der  ein  Körper  verbrennt, 
kannte ,  auch  den  Grundsaz  aufstellte ,  dass  die  Stoffe  in  verschiedener 
Verbindung  ihre  eigenthümliche  Natur  beibehalten  und  anderes  Mehreres. 
Nicht  weniger  that  sich  Glaub  er,  sein  Zeitgenosse,  hervor,  der  beson- 
ders die  Darstellung  der  Mineralsäuren,  der  Salze  und  Chlorverbindungen 
vervollkommnete  und  dadurch  reinere  Präparate  zu  liefern  verstand. 

Aber  die  Chemie  war  immer  noch  ein  blosses  Mittel  für  technische 
Aufgaben,  Goldbereitung  und  pharmaceutische  und  medicinische  Zweke. 
An  eine  wissenschaftliche  Beschäftigung  mit  ihr  in  der  Art,  dass  man  die 
Feststellung  der  chemischen  Thatsachen  als  Selbstzwek  angestrebt  hätte, 
war  noch  nicht  gedacht  worden.  Der  praktische  Nuzen  eines  Wissensge- 
biets bleibt  aber  immer  gering,  solange  es  nur  um  des  praktischen  Nuzens 
willen  gepflegt  wird.  Erst  die  reine  wissenschaftliche  Bearbeitung,  d.  h. 
die  Erforschung  der  Wahrheit  um  der  Wahrheit  willen ,  bringt  auch  den 
praktischen  Bedürfnissen  den  reichsten  Gewinn. 

Je  mehr  sich  die  chemischen  Erfahrungen  ausdehnten ,  um  so  näher 
rükte  man  der  Erhebung  der  Chemie  zur  selbständigen  Wissenschaft. 
Allein  der  entscheidende  Schritt  zu  dieser  geschah  erst  in  der  Mitte  des 
17.  Jahrhunderts,  um  welche  Zeit  der  Anfang  gemacht  wurde,  die  chemi- 
schen Forschungen  als  rüksichtslosen  Selbstzwek  zur  Ermittlung  der 
Wahrheit  zu  verfolgen  und  damit  die  Emancipation  der  Chemie  aus  der 
Goldbereitung  und  Medicin  vorzubereiten. 
Boyie.  Robert  Boyle,  Graf  von  Cork,  geb.  1627,  f  1691,  hat  unter  baconi- 

schem  Einfluss,  in  seinem  Sinne  und  nach  seiner  Methode  in  der  Chemie 
gearbeitet,  das  Experiment  als  die  Grundlage  aller  Erfahrung  und  als  die 
Probe  jeder  Anschauung  festgehalten.  Er  zeigte,  dass  weder  die  Ele- 
mente der  Griechen  (Feuer,  Wasser,  Luft  und  Erde),  noch  die  paracel- 
sischen  (Salz,  Schwefel  und  Queksilber)  chemisch  sich  als  solche  aus- 
weisen. Er  stellte  zahlreiche  und  erfolgreiche  Untersuchungen  an  über 
Luft,  Wasser,  Verbrennung,  bestimmte  den  Begriff  der  Säuren  und  Al- 
kalien nach  der  Reaction  auf  Pflanzenfarben,  entdekte  viele  wichtige  Ver- 
bindungen und  ist  der  Gründer  der  analytischen  Chemie,  indem  er  zuerst 
die  Prüfung  auf  nassem  Wege  und  die  Reagentien  überhaupt  einführte. 


Chemie. 


115 


Auch  Johann  Kunkel  (1630 — 1702),  den  ein  ungünstiges  Geschik  in  Kunkci. 
vieler  Herren  Ländern  herumtrieb,  der  in  Dresden  Verleumdungen  weichen 
musste  und  auch  aus  Berlin,  wohin  er  als  des  Kurfürsten  geheimer  Kam- 
merdiener berufen  worden  war,  verdrängt  wurde,  bis  er  in  Schweden  eine 
Heimath  fand  und  als  Baron  von  Löwenstern  nobilisirt  wurde,  hat  viel  zur 
Vervollkommnung  der  Chemie  beigetragen.  Obwohl  noch  in  alchemisti- 
schen  Vorurtheilen  befangen,  zeigte  er  die  Unrichtigkeit  der  Annahme 
eines  allgemeinen  Lösemittels  (des  Alkahest's),  dekte  den  Betrug  der 
Goldtinktur  auf  und  bewies,  dass  weder  in  den  organischen  Substanzen 
Queksilber,  noch  in  den  reinen  Metallen  Schwefel  enthalten  sei.  Den 
Phosphor  und  zahlreiche  andere  Substanzen  lehrte  er  darstellen. 

Ferner  ist  Johann  Joachim  Becher  aus  Speyer  (1635,  —  82)  zu  er-       Becher. 
wähnen,  der  ebenfalls  einige  gute  Beobachtungen  machte,  zuerst  aber  in 
den  entzündbaren  Körpern  einen  eigenen  Stoff,  eine  brennbare  Erde  an- 
nahm, in  deren  Vertreibung  die  Verbrennung  bestehen  soll. 

Wilhelm  Homberg,  aus  einer  sächsischen  Familie  geb.  1652,  seit  Homberg  und  Le- 
1688  in  Paris  lebend,  und  Tsicolaus  Lemery  (geb.  1645)  haben  Vorzugs-         mer>' 
weise  den  Sinn  für  chemische  Forschungen  in  Frankreich  verbreitet. 


Unter  den  der  Medicin  selbst  näher  liegenden  Doctrinen  kam  der 
nächste  Einfluss  der  geänderten  Forschungsmethode  der  Anatomie 
zu  Gute. 

Die  italienische  Schule  im  Anfang  des  17.  Jahrhunderts  zehrte  noch 
an  ihrem  alten  Ruhme  und  vornemlich  Fabricius  ab  Aquapendente  in 
Padua,  woselbst  er  ein  Prachtgebäude  für  die  Anatomie  hergestellt  hatte, 
erhielt  sich,  obwohl  von  bereits  vorgeschrittenem  Alter,  noch  einen  welt- 
berühmten Ruf,  bis  er  1619  im  82.  Lebensjahre  starb.  Schon  1604  hatte 
er  die  Professur  mit  seinem  Famulus  Guilio  Casserio  getheilt,  der  aber 
noch  vor  ihm  starb.  Darauf  folgte  ein  Ausländer  auf  dem  in  dieser  Zeit 
als  ersten  Italiens  und  der  Welt  angesehenen  Lehrstuhl  der  Anatomie  zu 
Padua:  Adrianus  van  den  Spieghel  aus  Brüssel  und  1632  ein  anderer 
Ausländer,  Johann  Vesling  aus  Minden.  So  war  die  italienische  Ana- 
tomie an  ihrem  damaligen  Hauptsize  in  fremde  Hände  übergegangen.  Der 
einzige,  Asselli  in  Pavia,  der  die  Chylusgefässe  entdekte,  blieb  noch 
von  der  alten  Schule  Italiens  übrig.  Erst  in  der  zweiten  Hälfte  des  Jahr- 
hunderts traten  die  Italiener  aufs  Neue  in  rühmlicher  Weise  hervor. 

Indessen  wurde  von  anderer  Seite  her  die  grösste  und  einflussreichste 
anatomisch-physiologische  Entdekung  gemacht. 

In  England  waren  bisher  anatomische  Studien  kaum  betrieben  worden. 
Daher  begab  sich  William  Harvey,  aus  edler  Familie  stammend  (geb. 

8* 


Anatomie. 


Italienische 
Schule. 


England. 


Harvey. 


116  Die  Medicin  im  siebenzehnten  Jahrhundert. 

1578),  nachdem  er  seine  ersten  Studien  in  Cambridge  gemacht  hatte, 
nach  Padua  zum  alten  Fabricio  und  blieb  dort  bis  1604.  Nach  London 
zurükgekehrt,  wurde  er  Arzt  am  Bartholomäusspital,  1615  Professor  der 
Anatomie  und  Chirurgie  und  später  Leibarzt  der  Könige  Jacob  I.  und 
Carl  I.  In  Folge  der  englischen  Revolution  zog  er  sich  zurük  und  lebte 
abwechselnd  bei  seinen  Brüdern.  1652  zum  Präsidenten  des  Collegiums 
der  Aerzte  ernannt,  lehnte  er  die  Wahl  ab.  Er  starb  1658.  Allgemein 
wurde  die  Rechtlichkeit  seines  Charakters  und  die  liebenswürdige  Be- 
scheidenheit seines  Wesens  gerühmt. 

Schon  1619  trug  Harvey  seine  Lehre  vom  Kreislauf  vor;  aber  erst 
1628  erschien  seine  Schrift:  Exercitatio  medica  de  motu  cordis  et  san- 
guinis in  animalibus,  ein  Schriftchen  von  nur  72  Seiten. 

Dieses  Buch  hat  nicht  nur  in  der  Hinsicht  historisches  Interesse,  dass 
damit  eine  wichtige  Entdekung  kundgemacht  wurde,  welche  alle  folgenden 
Arbeiten  in  der  thierischen  Oeconomie  vorbereitete  und  erst  möglich 
machte  —  ein  Verdienst,  das  an  sich  schon  Harvey  den  bedeutendsten 
Förderern  der  Naturwissenschaften  anreihen  musste;  —  sondern  diese 
Schrift  ist  nach  andern  Seiten  epochemachend,  ja  sogar  die  grösste  Leist- 
ung, die  in  der  Kenntniss  des  Menschen  jemals  einem  Einzelnen  gelungen  ist. 

Diese  Entdekung  eröffnete  nämlich  eine  neue  Wissenschaft;  sie  erhob 
die  descriptive  Anatomie  und  die  Lehre  vom  Nuzen  der  Organe  zur  Phy- 
siologie ,  zur  Physik  des  lebenden  Individuums.  Sie  war  die  erste ,  die 
einen  Hergang  im  Körper  nachwies,  in  allen  seinen  Bedingungen  und  in 
der  Succession  des  einzelnen  Geschehens  verfolgte;  sie  stellte  den  Anfang 
dar  von  der  Wissenschaft  dessen ,  was  im  Menschen  geschieht ,  wie  und 
aus  welchen  nächsten  Gründen  es  geschieht :  den  Anfang  der  explicativen 
Physiologie. 

Zweitens  aber  wagte  es  Harvey  mit  Erfolg,  eine  Mechanik  in  den 
thierischen  Functionen  aufzuzeigen ,  an  diesen  ohne  Rüksicht  auf  voraus- 
gesezte  Zweke  die  aus  dem  Bau  resultirende  physicalische  Nothwendigkeit 
zu  erweisen. 

Drittens  endlich  ist  seine  Auseinandersezung  ein  Muster  der  voll- 
endetsten Methode.  Aufs  sorgfältigste,  ohne  Declamation,  durch  schlichte 
und  positive  Gründe  widerlegt  er  zuerst  Punkt  für  Punkt  alle  Ansichten, 
welche  bis  dahin  in  Bezug  auf  das  Herz,  die  Gefässe  und  die  Respiration 
geläufig  oder  vorgebracht  waren.  Daraufstellte  er  durch  zahlreiche  Unter- 
suchungen an  Thieren  verschiedener  Classen  die  einzelnen  Acte  und  Mo- 
mente: den  systolischen  Stoss,  die  gleichzeitige  Zusammenziehung  der 
Ventrikel,  das  Hartwerden  des  Herzens  bei  der  Systole,  das  gleichzeitige 
Ausgestossenwerden  des  Bluts  aus  den  Arterienmündungen ,  sodann  die 


Anatomie. 


117 


Gegner. 


Bewegungen  der  Arterienhäute  und  die  Congruenz  ihrer  Dilatation  mit  der 
Systole  des  Herzens  und  die  das  Blut  in  die  Ventrikel  treibenden  Beweg- 
ungen fest.  Erst  aus  diesen  Thatsachen  und  aus  dem  Bau  des  Herzens, 
der  Klappen  und  der  Gefässe  beweist  er  in  vollkommen  logischem  Gang 
die  nothwendige  Richtung  des  Blutstromes,  den  Kreislauf  des  Blutes,  und 
endlich  hält  er  mit  der  gewonnenen  Theorie  die  Erfahrungen  über  krank- 
hafte Phänomene,  über  die  Unmacht,  über  Blutungen,  Resorption  zu- 
sammen und  prüft  die  Richtigkeit  jener  an  ihrer  Fähigkeit,  die  einzelnen 
Erscheinungen  ungezwungen  und  gewissermaassen  von  selbst  zu  erklären. 
In  seiner  Schrift  de  generatione  animalium  hat  er  manche  Punkte  weiter 
erörtert  und  überdem  an  einem  pathologischen  Fall  (einem  in  Folge  von 
Caries  des  Brustbeins  blossgelegten  Herzen)  die  Richtigkeit  der  haupt- 
sächlichsten Thatsachen  in  Betreff  der  Herzbewegung  auch  am  Menschen 
nachgewiesen. 

Die  grosse  Entdekung  rief  einen  Sturm  von  polemischen  Schriften 
hervor.  Jacob  Primerose  in  Hüll  eröffnete  die  Reihe  der  Gegenschriften 
mit  zahlreichen  Subtili täten ;  Aemilius  Paris anus  in  Rom  gab  durch 
seine  Entgegnung  seine  Unwissenheit  und  sein  völliges  Missverstehen 
kund;  Caspar  Hofmann  in  Altdorf  hob  die  ungenügende  Berüksichtig- 
ung  des  Blutdurchgangs  durch  die  Capillarien  hervor;  Vesling  wandte 
die  Verschiedenheit  des  arteriösen  und  venösen  Bluts  ein;  Folli  in  Ve- 
nedig und  Gassendi  das  Vorkommen  eines  offenen  Foramen  ovale  bei  Er- 
wachsenen ohne  Störung  des  Kreislaufs.  Besonders  aber  griff  der  jüngere 
Riolan,  Professor  in  Paris,  die  Lehre  mit  allem  Aufwand  spizfindiger 
Gelehrsamkeit  an.  Selbst  die  ärztliche  Stellung  Harvey's  wurde  ungünstig 
durch  diese  Feindseligkeiten  berührt  und  seine  Praxis  soll  sich  nach  dem 
Erscheinen  der  Schrift  über  den  Kreislauf  wesentlich  vermindert  haben. 

Aber  endlich  siegte  die  Wahrheit.  Zuerst  trat  der  Professor  Rol-  Verteidiger, 
fink  in  Jena  auf  Harvey's  Seite;  besonders  aber  waren  es  zahlreiche 
holländische  Aerzte,  Sylvius  der  Chemiatriker ,  Diake  und  de  Wale 
inLeyden,  Regius  in  Utrecht,  de  Bak  in  Rotterdam,  welche  die  Richtig- 
keit der  Thatsachen  und  Folgerungen  erkannten.  Auch  Descartes  und 
Pecquet  in. Frankreich  schlössen  sich  an  und  noch  vor  Harvey's  Tod  war 
seine  Lehre  von  der  Mehrzahl  der  Intelligenten  acceptirt. 

Gegen  das  Ende  seines  Lebens  (1657)  gab  Harvey  die  schon  1633 
vollendete ,  aber  aus  Verdruss  über  die  Aufnahme  seines  Kreislaufbuchs 
zurükgehaltene  Schrift:  Exercitationes  de  generatione  animalium,  quibus 
accedunt  quaedam  de  partu,  de  membranis  ac  humoribus  heraus.  Auch 
diese  Untersuchungen  waren  mit  grosser  Sorgfalt  angestellt;  es  wurde  die 
Entwiklung  des  Hühnchens  im  Ei  verfolgt  und  der  Beweis  geliefert,  dass 


Harvey  über 
Entwiklung. 


118  Die  Medicin  im  siebenzehnten  Jahrhundert. 

der  Ausgangspunkt  aller  Entwiklung  von  Organismen  im  Ei  der  Mutter 
liege:  omne  vivum  ex  ovo. 
woitere  Arbeiter  Die  Harvey'sche  Entdekung  des  Kreislaufs  hatte  einen  belebenden 
e[ehrreeis  au  "  Einfluss  auf  das  Studium  der  Anatomie  und  Physiologie.  Die  Untersuch- 
ungen über  die  Lymphgefässe  von  Pecquet  und  Olaus  Rudbeck  und  die 
Auffindung  der  Strömung  der  Lymphe  schlössen  sich  zunächst  an  die 
Kreislauflehre  an. 

Unter  den  Landsleuten  Harvey's  selbst  traten  mehrere  ausgezeichnete 
und  ideenreiche  Forscher  auf. 
Glisson.  Franz  Glisson,  geb.  1597,  studirte  erst  im  30.  Jahre  Medicin  und 

war  Harvey's  Schüler.  1634  wurde  er  Professor  der  Medicin  und  Ana- 
tomie in  Cambridge.  Später  liess  er  sich  als  Arzt  in  London  nieder  und 
starb  daselbst  1677.  Er  schrieb  mehrere  anatomische  und  physiologische 
Werke,  unter  denen  die  wichtigsten  sind:  tractatus  de  natura  substantiae 
energetica  seu  de  vita  naturae  (1672)  und  de  ventriculo  et  intestinis 
(1677).  Jede  Substanz  hat  nach  Glisson  eine  energetische  Natur,  d.  h. 
eine  Natur,  welche  die  innerste  Ursache  ihrer  Thätigkeit  ist.  Die  Ursache 
aller  Thätigkeit  liegt  also  in  der  Substanz,  in  der  Materie  und  ihren  Ver- 
schiedenheiten selbst.  Es  ist  nicht  eine  äusserlich  dazutretende  super- 
naturale Kraft,  ein  Archäus,  ein  Nervenäther  oder  eine  Seele,  welche  die 
Materie  handhabt  und  regiert,  sondern  jedes  Theilchen  der  Materie  hat 
sein  Leben,  den  Grund  seines  Verhaltens  in  ihm  selbst.  Es  war  dieser 
Gedanke  ein  grosser  Schritt  und  die  erste  Ahnung  eines  richtigen  Vitalis- 
mus. Das  ganze  Leben  erkennt  Glisson  als  eine  Reihe  von  verbundenen 
Phänomenen,  als  einen  beständigen  Wechsel  in  der  Wirksamkeit  der  ver 
schiedenen  Energien,  namentlich  als  einen  Wechsel  zwischen  Reizung 
(Irritatio),  Perceptio,  Begehren  (appetitus)  und  Action. 

Das  oberste  ordnende  Princip  im  thierischen  Haushalt  (publica  regi- 
minis  animalis  ministra)  ist  die  Phantasie.  Jede  Faser  des  belebten 
Körpers  ist  mit  der  Fähigkeit  begabt,  bewegt  zu  werden  (Irritabilitas), 
eine  Eigenschaft ,  die  mit  keiner  andern  bisher  bekannten  Kraft  zu  ver- 
gleichen ist.  Aber  die  Faser  bewegt  sich  nicht,  als  wenn  sie  gereizt  wird. 
Der  Reiz,  welcher  auf  sie  wirkt,  bleibt  entweder  in  ihr,  oder  er  geht  auf 
die  Nerven  über,  welche  der  Siz  des  Sensus  sind;  hiedurch  wird  die  per- 
ceptio bedingt,  welche  entweder  unbewusst  bleibt:  perceptio  naturalis, 
oder  zum  Bewusstsein  gelangt:  perceptio  sensitiva.  Auf  jede  Empfindung 
folgt  ein  entsprechendes  Begehren  (appetitus)  und  auf  jedes  Begehren 
eine  entsprechende  Bewegung  (motus  naturalis).  Andererseits  sind  die 
Reize  aber  auch  innere  und  gehen  von  der  Phantasie  aus  oder  entstehen 


Anatomie.  1\Q 

dadurch,  dass  der  Sensus  externus  von  aussen  angeregt  einen  innern  Reiz 
hervorbringt  (motus  sensitivus  internus  und  externus).  Diese  gehaltreichen 
Ansichten  fanden  zunächst  nur  eine  geringe  Beachtung :  sie  sind  aber  die 
Wurzel  der  so  einflussreich  gewordenen  Haller'schen  Irritabilitätslehre. 

Einzelne  Punkte  der  Anatomie  und  Physiologie  wurden  gefördert  durch      Anatomen. 
Thomas  Wharton,  Nathanael  Highmore,  Richard  Lower,  John  Ma- 
yow  und  William  Cowper. 

Bedeutender  als  sie  war  Willis  (1622 — 1675),  welcher  jedoch  bei         wilUs- 
manchen  werthvollen  anatomischen  Forschungen  der  Hypothese  grossen 
Spielraum  gab.   Er  unterschied  bei  der  Bewegung  den  Impuls,  die  Erreg- 
ung der  Lebensgeister  und  endlich  die  Fähigkeit  des  Muskelgewebes,  sich 
zusammenzuziehen  (copula  elastica). 

Auch  in  Italien  regten  sich  wieder  tüchtige  Kräfte ;  Giovanni  Borelli  Erneuerte  anato- 
(1608 — 1670)  wandte  die  Geseze  der  Mechanik  auf  die  thierischen  Be-  ^^uaiiea 
wegungen  an;  Marcello  Malpighi  (1628 — 1694)  machte  die  ersten  Ver- 
suche microscopischer  Beobachtung,  entdekte  die  Blutkörperchen  und 
zeigte  den  capillaren  Blutlauf  an  der  Lunge  der  Frösche ;  Dominico  de 
Marchettis  (1626 — 1688)  verfolgte  die  Gefässe  in  injicirten  Präpar- 
aten; Francesco  Redi  (1626 — 1697)  untersuchte  die  Fortpflanzung  nie- 
derer Thiere  und  leugnete  zuerst  die  generatio  aequivoca;  Bellini  stellte 
den  Bau  der  Nieren  fest. 

Nächst  den  Engländern  und  Italienern  waren  es  vornemlich  die  Holl-  Die  holländischen 
ander ,  welche  au  den  raschen  Fortschritten  der  Anatomie  und  Physiologie 
theilnahmen.  Anton  van  Leuwenhoeck,  Arzt  in  Delft  (1632  — 1723) 
hat  bereits  die  microscopischen  Untersuchungen  zu  einem  hohen  Grad  von 
Schärfe  gebracht  und  zahlreiche  Entdekungen  gemacht  (vgl.  Halbertsma, 
de  Leuwenhoeckii  meritis  in  quasdam  partes  anatomiae  microscopicae 
1843).  Dieselbe  Methode  der  Forschung  verfolgte  Joh.  Swammerdam 
(1637—1680)  anThieren.  Ruysch  (1638—1731)  vervollkommnete  die 
Gefässinjection.  Bidloo  (1649 — 1713)  gab  eine  schäzenswerthe  illustrirte 
Anatomie  heraus  und  Nuck  in  Leyden  ein  umfangreiches  Werk  über  die 
Drüsen.  Regner  de  Graaf  in  Delft  (1641  — 1673)  lieferte  eine  sorg- 
fältige Untersuchung  über  Hoden  und  Samenbläschen,  über  Ovarien  und 
faloppische  Röhren  und  stellte  deren  Functionen  fest.  Nicol.  Hoboken 
in  Utrecht  folgte  1669  mit  Untersuchung  über  Uterus  und  Eihäute,  und 
Ludwig  v.  Hammen,  Leuwenhoeck's  Schüler,  entdekte  1677  die  Samen- 
thierchen. 

Auch  Deutschland  besass   einige    tüchtige  Anatomen,    wiewohl    die    Deutsche  Ana- 
Wirren  des  dreissigjährigen  Kriegs  und  seine  Folgen  wissenschaftliche 


120  Die  Medicin  im  siebenzehnten  Jahrhundert. 

Arbeiten  selten  machten.  Schneider,  Professor  in  "Wittenberg  (1614 — 
1680),  lehrte  den  Bau  und  die  Functionen  der  Schleimhäute  kennen, 
Wepfer  in»Schaffhausen  (1620 — 1695)  gab  Untersuchungen  über  den 
Bau  des  Gehirns,  und  Peyer  in  Schaffhausen  (1653 — 1712),  Brunn  er 
in  Heidelberg  (1653  —  1727)  und  Rivinus  in  Leipzig  (1652  —  1723) 
untersuchten  die  Drüsen  des  Darms  und  der  Mundhöhle. 

vieussens.  In  Frankreich  zeichnete  sich  nur  Vieussens  in  Montpellier  (1641 — 

1716)  durch  seine  Untersuchungen  über  die  Anatomie  des  Herzens  und 
des  Nervensystems  aus. 

Die  socie-  .  Das  gesteigerte  Interesse  an  der  Naturforschung  war  die  Veranlass- 
ung zu  erneuerter  Stiftung  von  gelehrten  Gesellschaften,  welche  in 
grösserem  Maasstabe  als  die  mehr  localen  Vereinigungen  des  16.  Jahr- 
hunderts der  Herd  gemeinschaftlicher  Arbeiten  werden  sollten.  1605 
wurde  in  Rom  der  Anfang  gemacht  durch  die  Stiftung  der  Academia  de' 
Lincei.  Derselben  folgten  nach  die  Academia  del  cimento  und  die  Ro- 
stocker Societät,  sodann  die  Academia  naturae  curiosorum  in  Deutschland 
1657  (zuerst  in  Schweinfurt),  die  königl.  Societät  in  London  1662,  die 
Academie  der  Wissenschaften  in  Paris  1666.  Da  die  Zahl  der  Mitglieder 
eine  beschränkte  war  und  die  Aufnahme  in  die  Gesellschaft  Ehre  und 
Titel  gab,  so  führten  diese  Academien  ein  gewisses  exclusives  und  aristo- 
kratisches Element  in  die  Naturwissenschaften  ein,  das  gegen  das  Ende 
des  17.  und  im  Laufe  des  18.  Jahrhunderts,  der  Zeit  der  eigentlichen 
Blüthe  der  Academien,  sich  noch  weiter  steigerte.  Die  Präponderanz 
dieser  Gesellschaften  war  zwar  vielfach  eine  anregende  und  belebende, 
aber  auch  zum  Theil  eine  drükende  und  ausschliessende. 


Charlatanerie 

in  der  Praxis. 

Adepten. 


Während  dieser  erfolgreichen  Thätigkeiten  in  den  wissenschaftlichen 
Sphären  ging  es  in  den  tieferen  Regionen  des  ärztlichen  Treibens  und 
Practicirens  sehr  bunt  und  wild  her.  Die  Charlatanerie  hat  sich  noch  nie- 
mals von  den  grossartigsten  Erfolgen  der  Wissenschaft  zurükschreken 
lassen,  das  ihr  offenstehende  Gebiet  nach  Möglichkeit  auszubeuten.  Im 
17.  Jahrhundert  war  dieses  Gebiet  ganz  ungemein  umfangreich.  Die 
kirchlichen  Zänkereien,  wie  die  fortwährenden  Kriege  stumpften  die  er- 
wachende Aufklärung  der  Völker  wieder  ab;  an  den  Höfen  der  Dynasten 
aber  war  durch  die  Kriegsnoth,  wie  durch  die  Ansprüche  des  gesteigerten 
Luxus  ein  dringendes  Bedürfniss  nach  Gold  eingetreten,  dessen  Befriedig- 
ung von  den  Naturwissenschaften  gefordert  und  von  den  Schwindlern 
bereitwillig  zugesagt  wurde.  Sogenannte  Goldmacher  oder  Adepten 
wucherten  in  der  Mitte  des  Jahrhunderts  allenthalben  auf.     Sie  benüzten 


Charlatanerie. 


121 


Fortdauer  des 
Galenismus. 


einige  chemische  Kunstgriffe ,  um  das  blinde  Zutrauen  bethörter  Fürsten 
zu  gewinnen  und  diese,  indem  sie  dieselben  mit  Hoffnungen  auf  unermess- 
liche  Schäze  hinhielten,  zu  plündern. 

Die  geheimnissvolle  Substanz,  von  welcher  man  die  Transmutation 
der  Metalle  erwartete ,  sollte  auch  als  Universalmedicin  vor  Krankheiten 
schüzen  und  solche  heilen ,  und  als  Lebenselixir  die  Dauer  des  mensch- 
lichen Lebens  auf  mehre  Jahrhunderte  ausdehnen. 

Zwar  ereilte  die  Adepten  meist  ein  klägliches  Schiksal.  Je  mehr  sie 
von  den  Fürsten  gepflegt  und  gehätschelt  worden  waren,  um  so  mehr 
wurde  ihnen  die  Nichterfüllung  ihrer  Versprechungen  mit  erbitterter  Grau- 
samkeit vergolten.  Nichtsdestoweniger  fanden  sich  immer  neue  Individuen, 
welche  den  kurzen  Ruhm  geheimnissvoller  Wissenschaft  um  den  Preis  der 
Folter  und  des  Henkertodes  erstrebten. 

Diese  Adepten  waren  grösstentheils  zugleich  Aerzte  und  es  lässt  sich 
erwarten,  dass  die  Charlatanerie,  welche  nach  einer  Seite  mit  aller  Schlau- 
heit und  Beharrlichkeit  verfolgt  wurde,  auch  nach  der  andern  Seite  thätig 
war  und  die  Medicin  konnte  in  dieser  Gemeinschaft  nur  düstere  Wege  gehen. 

Die  galenischen  Doctrinen  waren  im  grossen  Haufen  noch  in  ansehn- 
licher Macht.  Von  der  Anatomie  war  nur  wenig  in  denselben  eingedrungen. 
Noch  in  der  Mitte  des  17.  Jahrhunderts  stritten  sich  zwei  Heidelberger 
Professoren  mit  dem  Leibarzte  des  Markgrafen  von  Baden,  ob  das  Herz 
in  der  Mitte  des  Thorax  oder  links  vom  Sternum  liege  und  schlachteten 
ein  Schwein,  um  zu  erfahren,  auf  welche  Stelle  sie  dem  Fürsten  die  Herz- 
umschläge zu  machen  hatten. 

Die  reineren  hippocratischen  Tendenzen  waren  der  Menge  verschlossen       Fortdauer 
und  die  scholastische  Methode  blieb  in  dem  ganzen  17.  Jahrhundert  noch  der  scholastischen 

Manier. 

in  voller  Herrschaft.  Ein  Haufen  von  Citaten  und  gespreizte,  hohle  Phrasen 
waren  die  Waffen  der  gelehrten  Discussionen  und  es  hat  die  Lächerlich- 
keit und  Sinnlosigkeit  jener  ärztlichen  Pedanten  die  Geisel  geistreicher 
Laien  in  vollem  Maasse  verdient,  aber  auch  gefunden  (Moliere). 

Dem  alten  Autoritätsglauben  ab  ;•  hatte  sich  meist  der  alchymist- 
ische  Wahn  mit  ziemlich  paracelsischer  Färbung  beigemischt.  Man  be- 
zeichnete die  mehr  oder  weniger  das  alchimistische  Laboratorium  be- 
nüzende  Richtung  gewöhnlich  als  spagirische  Medicin  und  die  Aerzte 
selbst,  welche  dieser  Richtung  anhingen,  nannten  sich  gerne  Chymiatri. 

Zwar  gab  es  immer  noch  genug  solche,  welchen  die  Einmischung  der 
Alchymie  ein  Greuel  war,  und  welche  mit  allen  Waffen  der  Scholastik  sie 
verfolgten.  Diese  Gegner,  welche  wohl  auch  die  Misochymici  genannt 
wurden,  waren  jedoch  selbst  von  so  geringer  Bildung  und  Einsicht,  dass 


Beimischung 

einer  paracels- 

ischen  Färbung. 


122 


Die  Medicin  im  siebenzehnten  Jahrhundert. 


Paracelsisch- 
theosophische 
Schwärmer. 


Rosenkrenzer. 


ihr  Haupteinwurf  gegen  die  Chymiatriker  immer  nur  darin  bestand,  dass 
von  diesen  den  Kranken  Gifte  gereicht  werden. 

In  der  Vermehrung  des  Arzneimittelschazes  und  in  der  Handhabung 
kräftiger  Substanzen  lag  überdem  ein  Lokmittel  der  Chymiatriker  und 
dadurch  zogen  sie  auch  viele  solche  an,  welche  für  die  mystischen  Schwär- 
mereien gleichgiltig  waren  und  solche ,  welche  in  keiner  Weise  selbst  an 
den  chemischen  Arbeiten  sich  betheiligten. 

Dabei  theilte  sich  die  chemiatrische  Richtung  in  zwei  jedoch  nicht 
scharf  geschiedene  Strömungen. 

Die  eine  war  ein  roher  Empirismus,  welcher  zunächst  aus  Paracelsus, 
den  Arabern  und  aus  abergläubischen  Volksvorurtheilen  eine  Anzahl  von 
Mitteln  zusammenraffte,  die  zum  Theil  von  entschiedenerWirksamkeit  waren, 
denen  aber  noch  mit  mehr  oder  weniger  Grundlosigkeit  die  fabelhaftesten 
Wirkungen  beigeschrieben  wurden.  Auf  jede  theoretische  Anschauung 
wurde  dabei  verzichtet  und  nur  Dämonen  und  Wunderkräfte  spielten  in 
die  Vorstellungen  herein. 

Die  andere  Strömung  verband  sich  mit  einer  schwärmerischen  Theo- 
sophie, nahm  alles  Ueberschwängliche  und  Unverständliche  aus  Paracelsus 
und  den  anderen  Schwindlern  der  Zeit  auf,  vermengte  es  mit  den  durch 
die  kirchliche  Reformation  gewekten  transcendentalen  Phantasien,  ver- 
band es  mit  dunklen  und  nach  Willkür  ausgelegten  Stellen  der  Bibel  und 
brachte  durch  all  diesen  Mischmasch  einer  Ausartung  des  menschlichen 
Verstandes  zuwege,  welche  selbst  die  in  den  trübsten  Zeiten  des  späteren 
römischen  Kaiserreichs  und  des  Mittelalters  an  Ausschweifung  und  Ver- 
worrenheit hinter  sich  Hess. 

Vornemlich  war  wiederum  Deutschland,  dessen  geistige  und  materielle 
Kräfte  durch  die  kirchlichen  Streitigkeiten,  später  durch  den  dreissigjähr- 
igen  Krieg  und  die  Kämpfe  mit  Schweden  und  Frankreich  aufs  tiefste 
zerrüttet  waren,  der  günstige  Boden  für  diese  an  Albernheit  alles  hinter 
sich  lassenden  Verirrungen. 

Der  unsichtbare  Mittelpunkt  dieser  Verrüktheiten  war  die  im  Dunkel 
sich  haltende,  aber,  wie  es  scheint,  weit  verbreitete  Gesellschaft  der 
Rosenkreuzer. 

Der  Geheimbund  der  Rosenkreuzer  leitete  seinen  Ursprung  aus  dem 
Anfang  des  14.  Jahrhunderts  ab,  wo  ein  Christian  Rosenkreuzer,  der  in 
Aegypten  und  Fez  die  orientalische  Weisheit  erlernt  habe,  den  Orden 
gestiftet  haben  soll.  Dagegen  ist  es  wahrscheinlicher,  dass  der  Name 
einer  Satyre  entsprungen  ist.  Ein  Pastor  Valentin  Andrea  aus  Schwaben, 
ein  aufgeklärter  Mann,  glaubte  die  Verrüktheit  seines  Zeitalters  am  besten 
dadurch  heilen  zu  können,  dass  er  (1603)  eine  Schrift  voll  beissenden 


Rosenkreuzer.  123 

Hohns:  „die  chymische  Hochzeit  Christians  Rosenkreuz"  schrieb.  Er 
selbst,  der  ein  Kreuz  und  vier  Rosen  im  Wappen  führte,  nannte  sich  Ritter 
vom  Rosenkreuze.  Allein  es  ging  anders  als  er  dachte.  Die  Schwärmer 
der  Zeit  nahmen  seine  Satyre  für  baare  Münze  und  traten  zu  einem  Ge- 
heimbund zusammen,  der  die  absichtlichen  Tollheiten  des  Buches  als  höchste 
Weisheit  erklärte.  Eine  Kapelle  des  heiligen  Geistes  war  ihr  Versamm- 
lungsort. Sie  legten  sich  die  Pflicht  auf,  keine  andere  Profession  als  die  • 
medicinische  öffentlich  zu  treiben,  die  Chiffer  RfC  zum  Kennzeichen  zu 
nehmen,  Proselyten  zu  machen,  aber  100  Jahre  lang  den  Bund  geheim 
zu  halten. 

Die  Rosenkreuzer  vereinigten  paracelsische  Lehren  mit  den  ausschwei- 
fendsten Ideen  über  Besserung  des  Menschengeschlechts,  die  Bereitung 
des  Steins  der  Weisen  mit  frömmelnder  Schwärmerei.  Dabei  ist  es  cha- 
rakteristisch ,  dass  sie  allen  Unterricht  für  überflüssig  erklärten  und  alles 
Wissen  und  Können  von  dem  unmittelbaren  Einfluss  Gottes  auf  den  Be- 
vorzugten ableiteten. 

Die  Rosenkreuzer  behaupteten  im  Besize  einer  Wundersalbe  zu  sein, 
mit  welcher  sie  Wunden  und  äussere  Schäden,  wie  überhaupt  alle  Krank- 
heiten augenbliklich  zu  heilen  vermöchten.  Viele  höchst  mühsame  Er- 
klärungsversuche der  Wirkungen  dieses  geheimnisvollen  Präparats  von 
zweifelhafter  Existenz  wurden  von  den  Rationalisten  jener  Zeit  unter- 
nommen, während  die  kirchliche  Orthodoxie  einfach  die  Wirkung  dem 
Teufel  zuschrieb  und  die  Rosenkreuzer  für  Zauberer  und  Hexenmeister 
erklärte,  eine  Anerkennung,  welche  sie  zwar  nicht  geringen  Gefahren 
aussezte,  beim  gemeinen  Volke  ihnen  aber  um  so  mehr  Vorschub  leistete. 

Die  Schriften  der  Rosenkreuzer  sind  völlig  unverständlich.  Oswald 
Croll  in  Anhalt,  Valentin  Weigel  in  Chemniz,  Heinrich  Scheune- 
mann  in  Bamberg,  Johann  Gramman  und  Heinrich  Kunrath  in 
Leipzig  waren  die  Bekanntesten  unter  ihnen.  Beim  gemeinen  Volk  standen 
sie  in  grossem  Ansehen,  und  selbst  von  Fürsten  wurden  sie  herbeigezogen, 
bald  als  Leibärzte,  bald  als  Goldmacher.  Viele  Adepten  des  17.  Jahrhun- 
derts gingen  aus  ihnen  hervor.  Irgend  eine  wissenschaftliche  Bedeutung 
haben  die  Rosenkreuzer  als  Gemeinschaft  lediglich  nicht;  sie  sind  nichts 
als  eine  der  vielen  Degenerationen  in  der  ärztlichen  Geschichte,  wie 
alle  Zeiten  sie  aufzuweisen  haben ,  wie  sie  aber  in  der  Verwilderung  des 
17.  Jahrhunderts  besonders  florirten. 

Eine  den  Rosenkreuzern  ähnliche  Geheimsecte  bildete  sich  in  Frank-       coiiegium 
reich,   von  dem  Stifter  Rose  das  Collegium  Rosianum  genannt.      Ihre 
Lehre  wurde  gleichfalls  möglichst  geheim  gehalten  und  nur  drei  Ober- 
adepten der  Gesellschaft  waren  in  dem  Besize  der  drei  Hauptmysterien : 


124 


Die  Medicin  im  siebenzehnten  Jahrhundert. 


Robert  Fludd 
und  andere 
Schwindler. 


Die  medicin- 

ischen  Sy- 
steme des  17. 
Jahrhun  derts. 


Vau  Helmont. 


des  Perpetuum  mobile ,  der  Universalmedicin  und  des  Mittels,  die  Metalle 
zu  verwandeln. 

Ein  theosophisch-medicinischer  Schwärmer  von  mehr  privater  Art 
war  der  Engländer  Robert  Fludd  (1574 — 1637),  welcher  die  Krankheit 
einzig  als  Folge  der  Sünde  und  als  Werke  zahlreicher  Dämonen  ansieht, 
die  er  in  romantischer  "Weise  sich  ausmalt;  das  Gebet  erklärt  er  für  das 
allein  wirkende  Mittel  zur  Heilung  und  gibt  verschiedene  Gebetformeln 
für  die  einzelnen  Krankheiten  an. 

Die  Engländer  Digby,  königlicher  Kamraerherr ,  der  durch  ein  sym- 
pathetisches Mittel  heilte ,  Greatrake,  der  mit  Auflegen  seiner  Hände 
Schmerzen  vertrieb,  und  William  Maxwell,  ein  Magnetiseur,  der  die 
Krankheiten  in  Pflanzen  und  Thiere  überzauberte,  folgten  auf  dieser 
finsteren  Bahn. 

Zu  den  Phantasten  dieser  Periode  gehörten  auch  Thomas  Campa- 
nella, ein  Märtyrer  der  Schwärmerei  (1568 — 1639),  der  um  seiner  He- 
terodoxie  willen  siebenmal  auf  der  Folter  gemartert  wurde  und  während 
30  Jahre  im  Gefängniss  lebte.  So  haben  stets  die  unklaren  Enthusiasten 
mindestens  so  viel  für  ihre  Einbildungen  geduldet,  als  die  unbefangenen 
Denker.  Von  den  UrstofFen  Kälte  und  Wärme  ausgehend  construirt  er 
die  Pathologie  und  sieht  die  Krankheiten  als  Aeusserungen  des  beleidigten 
Lebensgeistes  an. 

Es  ist  vollkommen  ^erklärlich ,  dass  dieser  Wirrwarr  des  ärztlichen 
Treibens,  die  Principlosigkeit  der  Praxis  einzelner  denkender  und  selb- 
ständiger Männer  zu  dem  Versuche  treiben  musste,  durch  Feststellung 
schärferer  Grundsäze  und  durch  strenge  Ausführung  ihrer  Consequenzen 
Ordnung  in  die  Zerfahrenheit  zu  bringen. 

Aber  freilich  wurde,  was  man  sich  als  Heilmittel  gegen  die  Verderb- 
niss  der  Medicin  dachte ,  nur  ein  neues  und  mächtiges  Hemmniss  für  ihre 
Entwiklung. 

Mitten  aus  der  Verwilderung  der  Medicin  erhoben  sich  nemlich  die 
scharf  formulirten  Doctrinen  und  aprioristischen  Schulsysteme,  welche  von 
da  an  die  Centren  der  weiteren  Geschichte  der  Heilkunst  werden ,  und  es 
bis  zu  den  lezten  Systemen,  den  sogenannten  naturhistorischen  einerseits 
und  dem  Wiener  Crasensysteme  andererseits  geblieben  sind. 

Dieser  Unsegen  des  Doctrinarismus  brach  in  die  Wissenschaft  im  17. 
Jahrhundert  herein. 

Den  Anfang  damit  aber  machte  van  Helmont. 

Johann  Baptist  van  Helmont  aus  adelichem  Geschlechte ,  Herr  von 
Merode,  Royenborch  etc.,  geboren  1578,  war  ein  eigenthümlich  gemischter 


Van  Helmont.  125 

Charakter:  fromm  und  abergläubisch,  der  Magie  eifrig  ergeben,  aber  doch 
auf  allen  anderen  Punkten  geneigt  zum  Zweifeln;  eitel  und  von  selbst- 
gefälliger Demuth,  aber  gewissenhaft,  weder  von  sich  noch  von  Anderen 
befriedigt;  sanguinisch  und  mit  Begeisterung  alle  Wissenschaften  ergrei- 
fend, aber  ohne  Ausdauer  und  von  Zufälligkeiten  bestimmbar;  ein  unklarer 
Denker,  aber  von  den  besten  Intentionen,  ein  wohlwollender  ehrlicher 
Schwärmer  mit  dem  Triebe  nach  Gründlichkeit ,  aber  diese  dilettanten- 
haft  in  möglichst  umfassendem  Verschlingen  suchend;  schwankend  in 
seinen  Stimmungen,  aber  consequent  in  den  Verirrungen  seiner  Phantasie, 
die  er  für  volle  Existenzen  hielt. 

Er  beschäftigte  sich  schon  frühzeitig  mit  Mathematik  und  Astrologie, 
aber  durch  Copernicus'  Reform  an  ihr  irre  geworden  warf  er  sie  weg.  Mit 
Eifer  studirte  er  nun  bei  den  Jesuiten  Philosophie  und  Geographie ,  aber 
als  er  sah,  dass  er  „dabei  statt  Getreide  zu  ernten,  nur  leeres  Stroh 
erhielt,"  wandte  er  sich  mit  Widerwillen  ab.  Als  die  Universität  ihm  die 
Magisterwürde  der  freien  Künste  anbot,  verliess  er  die  hohe  Schule,  weil 
er  es  nicht  zu  ertragen  vermochte ,  dass  man  ihn ,  der  doch  kaum  ein 
Schüler  sei,  für  einen  Meister  erklären  wolle.  Als  ihm  für  den  Fall, 
dass  er  Theologie  studiren  wolle,  ein  reiches  Canonicat  angetragen  wurde, 
schrekte  ihn  der  Ausspruch  des  heiligen  Bernhard  ab ,  dass  er  von  den 
Sünden  des  Volks  leben  würde.  Nun  warf  er  sich  auf  die  Moral ,  enthu- 
siasmirte  sich  für  die  stoische  Schule  und  wollte  Capuciner  werden ,  weil 
er  diese  für  die  christlichen  Stoiker  hielt.  Da  hatte  er  einen  Traum,  in 
welchem  er  sich  selbst  als  grosse  leere  Blase  erschien,  über  der  ein  Sarg 
schwebte  und  die  in  einen  Abgrund  von  Finsterniss  reichte.  In  Folge 
davon  sagte  er  sich  von  der  stoischen  Philosophie  los  und  wandte  sich  der 
Jurisprudenz  zu ;  allein  er  fand,  dass  das  Recht  nur  in  Menschensazungen 
bestehe;  und  ebenso  verliess  er  das  Studium  der  Regierungswissenschaft, 
weil  es  ihm  schwer  genug  werde,  sich  selbst  zu  regieren. 

Da  wandte  er  sich  der  Botanik  zu  und  studirte  den  Dioscorides;  aber 
er  wurde  auch  hier  nicht  befriedigt  und  die  Kräuterbücher,  in  denen  er 
so  viel  Unrichtiges  fand,  zogen  seine  Verachtung  auf  sich. 

Nun  dachte  er,  die  Medicin  sei  doch  eine  Gabe  Gottes  und  müsse  ihre 
festen  Regeln  haben,  auch  sei  es  Gottes  Wille,  dass  der  Mensch  sich 
schüze  und  erhalte.  Er  studirte  Fernel  und  L.  Fuchs ,  fing  aber  bald  an, 
zu  fühlen ,  dass  dort  der  Schlüssel  für  die  Räthsel  der  Natur  nicht  zu 
finden  sei.  Er  las  nun  Galen  und  Hippocrates,  den  Avicenna  und  allmälig 
gegen  600  Autoren  und  machte  Auszüge  daraus.  Als  er  diese  Collecta 
wieder  durchging,  fand  er,  dass  er  durch  die  jahrelange  Arbeit  um  nichts 
gefördert  war  und  schloss,  dass  auch  der  Inhalt  dieser  Bücher  werthlos  sei. 


126  Die  Mediciu  im  siebenzehnten  Jahrhundert. 

Sofort  gesellte  er  sich  zu  einem  praktischen  Arzte  und  begleitete  ihn 
zu  den  Kranken,  aber  die  Unsicherheit  der  Praxis  enttäuschte  ihn  aber- 
mals und  er  wollte  gefunden  haben,  dass  alle  Krankheiten,  die  nicht  von 
selbst  aufhören,  für  unheilbar  erklärt  zu  werden  pflegen. 

Trozdem  fing  er  selbst  an ,  medicinische  Vorlesungen  zu  halten ;  aber 
er  wurde  dadurch  noch  mehr  irre  an  dieser  Wissenschaft  und  hörte  daher 
bald  wieder  auf,  sich  selbst  vorwerfend,  dass  er  ohne  Erfahrung  und 
nur  nach  Bücherstudium  Dinge  lehren  wolle,  die  man  nur  nach  langer 
Uebung  erlernen  könne. 

Ueberhaupt  kamen  ihm  Gedanken,  dass  der  ärztliche  Stand  sich  nicht 
für  ihn  schike ,  und  er  machte  sich  Vorwürfe ,  dass  er  aus  anderer  Men- 
schen Unglük  Geld  sich  erwerben  solle,  dass  eine  Kunst,  die  von  Gott 
verliehen  sei,  um  des  Gewinnes  wegen  betrieben  werde,  und  dass  er  selbst 
gegen  den  Willen  seiner  Mutter  sich  auf  ein  Geschäft  geworfen  habe, 
welchem  sich  noch  Niemand  aus  seinem  alten  adeligen  Geschlechte  ge- 
widmet habe.  Er  kam  sich  wie  ein  ungerathener,  ungehorsamer  Sohn 
vor,  entschloss  sich,  die  Medicin  zu  verlassen,  verschenkte  seine  Bücher, 
überliess  sein  Vermögen  seiner  Schwester  und  unternahm  eine  Wanderung 
in  fremde  Länder,  mit  dem  Plan,  niemals  wieder  zurükzukehren,  aber  mit 
der  Zuversicht ,  dass  Gott  der  Herr  seinen  Lauf  gnädig  leiten  werde. 

Aber  auf  dieser  Wanderschaft  gesellte  sich  ihm  bald  ein  roher  Em- 
piriker bei ,  der  ihn  chemische  Handgriffe  lehrte.  Mit  Begeisterung  warf 
er  sich  nun  auf  die  Alchemie ,  voll  Hoffnung ,  einstens  durch  die  Gnade 
Gottes  diese  Wissenschaft  zu  erreichen,  konnte  dabei  aber  nicht  unter- 
lassen, wo  sich  Gelegenheit  bot,  zu  mediciniren,  und  scheint  da  und  dort 
mit  Curen  Aufsehen  erregt  zu  haben.  Nun  fing  er  auch  an  den  Paracelsus 
zu  lesen ,  wurde  bald  von  Bewunderung  hingerissen ,  um  später  abermals 
mit  Zweifeln  gegen  denselben  erfüllt  zu  werden.  Doch  behielt  er  von 
dem  Phantastischen  seiner  Lehre  Vieles  fest. 

Zehn  Jahre  lang  zog  er  herum,  kam  dann  ungefähr  in  seinem  36. 
Lebensjahre  wieder  nach  Holland,  promovirte  in  Löwen,  heirathete  und  zog 
sich  nach  Vilvorden  bei  Brüssel  zurük,  lebte  bei  grösstem  Fleisse  und  in 
gänzlicher  Abgeschiedenheit  den  Studien,  grübelte  über  seine  und  Anderer 
Irrthümer ,  suchte  sich  durch  Beten  aufs  neue  zu  stärken  und  nachdem  er 
seinen  Geist  umsonst  gequält  und  gefunden  hatte,  dass  die  Wissenschaft 
aller  Dinge,  wie  schon  Salomo  sage,  eitel  und  vergeblich  sei,  wurde  er  im 
Traum  durch  den  Erzengel  Raphael  selbst  belehrt,  dass  alles,  was  der 
Mensch  sieht,  nichts  ist,  und  dass  nur  der,  den  der  Herr  Jesus  zur  Weis- 
heit rufe,  dazu  komme.  Von  da  an  scheint  er  sich  allmälig  für  einen 
solchen  Auserkorenen  gehalten  zu  haben  und  hat  nicht  nur  vielfach  ärzt- 


System. 


Van  Helmont's  System.  127 

liehen  Rath  ertheilt,  sondern  ein  umfassendes  System  der  Natur  und  der 
Medicin  nebst  einer  ausführlichen  Autobiographie  hinterlassen.  Seine 
Werke  wurden  von  seinem  Sohne,  nachdem  er  selbst  1644  gestorben  war, 
herausgegeben:  Ortus  medicinaeid  est  initiaphysicaeinaudita.  Progressus 
medicinae  novns  in  morborum  ultionem  ad  vitam  longam  1648. 

Die  Chemie  verdankt  zwar,  wie  schon  oben  angeführt,  dem  van  Hel- 
mont  nicht  unbedeutende  Bereicherungen.  Die  schwierigeren  Verhält- 
nisse des  gesunden  und  kranken  menschlichen  Körpers  auseinander  zu 
wikeln  und  richtig  anzuschauen,  dazu  reichte  seine  geistige  Kraft  nicht 
aus.  Hierin  kam  er  nicht  über  unklare  Anschauungen  hinaus ,  deren  Zu- 
sammenhanglosigkeit  er  vergebens  mit  phantastischen  Gebilden  zu  ver- 
deken  suchte. 

Das  van  Helmont'sche  System  ist  das  Product  eines  dilettantenhaften    van  Heimonf: 
Nachsinnens,  dem  es   ebensowohl  an  der  stdiden  Grundlage  sorgfältiger 
Eigenbeobachtung,  als  an  einer  gesunden  Logik  fehlt. 

Es  kann  nicht  fehlen,  dass  auf  fast  2000  enggedrukten  Columnen ,  die 
das  Werk  des  vieljährigen  angestrengten  Fleisses  eines  strebsamen  Mannes 
sind,  da  und  dort  gute  Bemerkungen  sich  vorfinden.  Aber  sie  sind  spär- 
lich genug  und  überdem  ungeniessbar  durch  ein  Gewirre  von  phantast- 
ischen Conceptionen,  in  welche  sie  verflochten  sind. 

Dieses  System  stellt  das  extremste  Beispiel  der  Verkörperung  unklarer 
Begriffe  und  unverstandener  Vorgänge  und  Erscheinungen  dar. 

Die  erste  Begriffsverkörperung  ist  sein  Archäus,  der  bei  ihm  noch 
viel  sinnlicher  und  handlicher  ist  als  bei  Paracelsus.  Es  ist  die  anima 
bruta,  zwar  beherrscht  von  dem  von  Gott  stammenden  Archäus  influus, 
aber  seit  dem  Sündenfall  der  Eva  sterblich  geworden  und  mit  dem  Tode 
endend,  oder  vielmehr  in  die  Gesammtnatur  zurükkehrend.  Der  Arckäus 
sizt  im  Magen,  hat  Leidenschaften  wie  ein  Mensch,  ärgert  sich,  erzürnt 
sich,  ist  oft  ungerecht,  mürrisch,  zerstreut  und  unbesonnen  und  hat  auch 
Langeweile.  Er  hat  sich  den  ganzen  Körper  aufgebaut,  aus  einer  chaot- 
ischen Materie  mittelst  eines  von  Anfang'an  vorhandenen  Ferments,  einer 
zweiten  träumerischen  und  unverständlichen  Verkörperung.  Der  Archäus 
erhält  den  Körper  und  bedient  sich  zu  seinen  Zweken  einer  Menge  von 
Unterlebensgeistern,  die  er  vom  Magen  aus  nach  rechts  und  links,  nach 
oben  und  unten  mit  seinen  Befehlen  aussendet.  Bei  den  Krankheiten  ist 
alles  der  Archäus.  In  der  Brustentzündung  sendet  der  toll  gewordene 
Archäus  den  sauren  Magensaft  in  die  Lunge ;  die  Wassersucht  erregt  er 
aus  Aerger  über  die  Trägheit  der  Nieren;  die  Epilepsie  und  Manie  sind 
nichts,  als  saure  Fermente,  von  dem  zerstreuten  Archäus  in  falsche  Theile 
gesandt.     Beim  Fieber  haben  die  Ursachen  den  Archäus  beleidigt,  dieser 


|28  Die  Medicin  im  siebenzehnten  Jahrhundert. 

ist  darüber  erschroken,  kleinmüthig  und  verzagt,  und  diess  ist  der  Fieber- 
frost. Nun  aber  rafft  er  sich  zusammen ,  bricht  in  Wuth  aus  und  begeht 
die  tollsten  und  ausschweifendsten  Handlungen :  diess  die  Fieberhize. 

Eine  andere  Verkörperung  ist  das  Blas,  ein  selbstgeschaffenes  Wort 
van  Helmont's ,  womit  er  den  unklaren  Begriff  des  Movens  in  der  Natur 
bezeichnen  will.  Stellae  passunt  teraporum  mutationes,  tempestates  at- 
que  vicissitudines.  Quorsum  opus  habent  duplici  motu,  locali  scilicet  et 
alterativo.  Utrumque  autem  novo  nomine  Blas  significo.  Diess  ist  das 
Blas  der  Sterne.  Im  Menschen  gibt  es  zunächst  ein  doppeltes  Blas  (Blas 
humanum),  ein  naturale  und  ein  voluntarium  und  ausserdem  noch  ein  Blas 
in  jedem  Organ  und  selbst  im  Archäus.  Auf  diese  Entdekung  der  Blase 
ist  van  Helmont  sehr  stolz;  aber  einen  genauen  Begriff  für  diese  Abstraction 
weiss  er  nirgends  zu  geben;  an  einigen  Stellen  werden  auch  die  Flatus 
Blase  genannt. 

Aehnliche  zweifelhafte  Begriffe  und  Begriffsverkörperungen  sind  das 
Magnum  oportet,  der  Custos  errans,  das  Duumvirat  (d.  h.  Magen  und 
Milz),  die  Deliramenta,  der  Latex  oder  Alkahest  und  viele  andere. 

Die  Krankheit,  der  ignotus  hospes  morbus  ist  ein  ens  reale  subsistens 
in  corpore.  Die  Ursache  der  Krankheit  ist  die  Idea  morbosa.  Die  ein- 
zelnen Krankheiten  sind  theils  solche  des  obersten  Archäus :  morbi  ar- 
cheales,  welche  spontan  entstehen,  theils  Störungen  der  untergeordneten 
Archei  insiti,  welche  durch  schädliche  Einflüsse  hervorgerufen  wurden,  die 
er  in  zwei  Klassen  theilt:  die  Recepta,  die  entweder  sind:  recepta  aSagis 
(Verzauberungen)  oder  concepta ,  deren  lezter  Grund  die  Sündhaftigkeit 
des  Menschen  ist,  oder  inspirata,  d.  h.  in  die  Athmungsorgane  aufge- 
nommen ,  oder  suscepta ,  d.  h.  mechanische  Schädlichkeiten.  Die  zweite 
Klasse  sind  die  Retenta  und  zwar  assumta,  unvollständig  assimilirte  Stoffe 
oder  innata,  im  Körper  selbst  entstanden. 

In  Betreff  der  Therapie  ist  der  Grund  jeder  Arzneiwirkung  das  gnädige 
Erbarmen  Gottes.  Das  Wesen  der  Arzneikräfte,  welche  der  Mensch 
durch  Pyrotechnik  und  Spagirik" aufsuchen  muss,  nennt  er  die  Sapores. 
Die  Arzneien  wirken  theils  durch  ihren  Stoff  d.  h.  die  Salia ,  theils  durch 
geheimnissvolle  und  unergründliche  Kräfte :  Arcana,  Specifica,  welche  der 
Idea  morbosa  direct  entgegentreten.  Er  verwirft  sowohl  das  Contraria 
contrariis  des  Galen  als  das  Similia  similibus  des  Paracelsus;  denn  die 
Arzneien  wirken  bloss  propter  merum  bonitatis  donum,  restaurans,  na- 
turam  adjuvando,  quae  alioqui  sui  ipsius  medicatrix.  Die  Veröffentlichung 
seiner  Arcana  aber  unterlässt  van  Helmont,  um  nicht  die  Perleu  vor  die 
Säue  zu  werfen:  „ne  margaritas  ante  sues  sererem." 


Sylvias. 


129 


Als  Medicamente  scheint  er  vorzugsweise  Stimulantia  angewandt 
zu  haben. 

Van  Helmont  war  für  die  nüchternen  Naturen  in  seinem  Zeitalter  zu 
mystisch  und  überschwänglich ,  für  die  Mystiker  zu  sublim ,  zu  fein  und 
zu  ehrlich;  und  sein  unmittelbarer  Einfluss  blieb  daher  sehr  gering. 

Es  ist  in  der  That  vollkommen  begreiflich ,  dass  ein  solches  System 
selbst  die  Zeitgenossen  abschreken  musste.  Die  totale  Unverständlich- 
keit  war  die  einzige  werthvolle  Eigenschaft,  die  es  hatte  und  sie  war  so 
gross,  dass  selbst  ein  Missbrauch  der  Lehre  dadurch  verhindert  wurde. 
Der  alleinige  günstige  Effect,  den  van  Helmont's  System  hätte  hervor- 
bringen können  und  sollen,  wäre  der  gewesen,  abzuschicken  von  der  Con- 
struction  phantastischer  Lehrgebäude.  Aber  selbst  dieser  Erfolg  blieb 
aus  und  es  ging  dieses  System  so  gut  wie  spurlos  vorüber.  Erst  in 
späterer  Zeit  fing  man  an  einigen  Sinn  in  demselben  zu  entdeken,  einzelne 
Aussprüche  oder  die  ganze  Haltung  als  tiefgedacht  zu  bewundern;  doch 
erst  der  neuesten  Zeit  war  es  vorbehalten,  in  van  Helmont  den  eigent- 
lichen Reformator  der  Medicin  zu  entdeken  und  seine  Phantasien  in 
erhabene  Weisheit  umzustempeln  (Spiess,  van  Helmont's  System  der 
Medicin  1840). 


Van  Helmont's 
Einfluss  und 
Bedeutung. 


Ein  anderer  Systematiker  und  Landsmann  van  Helmont's  traf  glük- 
licher  den  Geschmak  seiner  Zeitgenossen. 

Franz  Deleboe  Sylvius,  geboren  1614  aus  einer  adelichen  nieder- 
ländischen Familie,  practicirte,  nachdem  er  1637  zu  Basel  doctorirt  hatte, 
in  Hanau,  Leyden  und  Amsterdam.  1660  wurde  er  Professor  in  Leyden 
und  hatte  dort  einen  ausserordentlichen  Zulauf.     Er  starb  1672. 

Obwohl  er  Vieles  von  seinen  Vorgängern ,  selbst  von  van  Helmont 
entlehnte,  erwähnt  er  doch  ihres  Namens  niemals;  er  beruft  sich  allein 
auf  die  directe  und  eigene  Erfahrung.  Nihil  in  medicina  vel  naturalium 
cognitione  admittendum  pro  vero ,  nisi  quod  verum  ostenderit  aut  confir- 
marit  per  sensus  externos  experientia.  Damit  erlangte  er  für  sich  den 
Schein  der  Originalität,  zugleich  aber  nüzte  er  dadurch,  dass  er  dazu 
beitrug ,  die  Berufung  auf  Autoritäten  aus  der  Mode  zu  bringen.  Auch 
hat  er  das  Krankenbett,  also  die  klinische  Unterweisung,  zuerst  mit  Nach- 
druk  in  seinem  Werthe  als  Unterrichtsmittel  hervorgehoben. 

Sylvius  war  nicht  ohne  anatomische  und  physiologische  Kenntnisse.  Er 
will  sogar,  dass  die  Medicin  auf  Anatomie  und  Physiologie  gegründet  werde 
und  bedauert  nur  die  Lükenhaftigkeit  dieser  Fundamentalwissenschaften. 

Er  ist  namentlich  der  erste  Arzt,  der  die  Kenntniss  vom  Kreisslauf  für 
die  Pathologie  verwendet;  auch  über  die  Anatomie  und  Physiologie  der 

Wunderlich,  Geschichte  d.  Medicin.  Q 


S  ylviuä. 


Anatomische 
Kenntnisse. 


130 


Die  Medicin  im  siebenzelmten  Jahrhundert. 


Chemiatrische 
Theorie. 


Therapie. 


Lunge,  die  Verdauung  und  ihre  Organe,  die  Aufnahme  des  Chylus  und 
seine  Zuführung  zum  Blute  hat  er  grösstentheils  richtige  Vorstellungen. 
Das  Gehirn  gilt  ihm  als  die  Bildungsstätte  des  Spiritus  animalis,  die 
Lymphdrüsen  sieht  er  als  Orte  an,  an  welchen  ein  Spiritus  acidus  ab- 
gesondert werde. 

Die  Luken  seiner  Physiologie  füllt  er  aber  mit  einem  hypothetischen 
chemischen  Processe.aus,  der  bei  ihm  die  Hauptrolle  in  der  menschlichen 
Oeconomie  spielt.  Es  ist  die  Gährung,  welche  nach  ihm  dem  Leben  und 
allen  Functionen  zu  Grunde  liegt.  Bei  der  Gährung  entsteht  ein  Auf- 
brausen (EfFervescenz),  was  die  Bewegung  veranlasst  und  wobei  ein  Dunst, 
Halitus,  sich  absondert,  der  die  Lebensgeister  darstellt.  Die  zwei  Haupt- 
qualitäten, die  in  diesem  chemischen  Process  erscheinen,  sind  Säure  und 
Alkali.  Ueberwiegt  die  eine  oder  das  andere,  so  entsteht  die  saure  oder 
die  alkalische  Schärfe  (acrimonia  acida  et  lixiviosa),  welche  in  jeder  thier- 
ischen  Flüssigkeit  sich  bilden  kann  und  die  Ursache  der  Krankheit  aus- 
macht. Da  aber  alle  thierischen  Flüssigkeiten  im  Blute  enthalten  sind, 
so  ist  das  Blut  der  beständige  Träger  jeglicher  krankhaften  Säure  oder 
Alkalinität  (Anfang  der  entschiedenen  Humoralpathologie).  Die  meisten 
Krankheiten  beruhen  auf  saurer  Entartung  vornemlich  der  Galle,  des 
Pancreassaftes  und  der  Lymphe;  nur  wenige,  besonders  die  bösartigen 
Fieber  auf  Vorwiegen  der  Alkalinität. 

Die  Abweichungen  der  Qualitäten  sind  übrigens  sehr  zahlreich  und 
sie  dienen  ihm  zur  Eintheilung  der  Krankheitsformen.  Er  theilt  die  Ab- 
weichungen in  solche,  welche  nur  durch  einen  einzelnen  Sinn  erkannt 
werden  können,  Qualitates  sensiles  propriae  (Farbe,  Licht,  Geschmak, 
Geruch,  Glanz,  Härte  etc.),  und  solche,  welche  durch  mehrere  Sinne  wahr- 
genommen werden,  Qualitates  sensiles  communes  (Zahl,  Grösse,  Gestalt, 
Getrenntsein,  Bewegung,  Ort  etc.). 

Die  dadurch  gewonnenen  Anomaliecategorien  geht  er  nun  an  dem  Blute, 
der  Galle,  dem  pancreatischen  Saft,  den  Chylus,  der  Lymphe,  den 
Lebensgeistern  und  endlich  den  partes  continentes  (Festtheile)  durch, 
natürlich  überall  gezwungen  zu  den  grössten  Willkürlichkeiten ,  wenn  er 
überhaupt  darüber  etwas  sagen  wollte. 

Die  Diagnose  des  Fiebers  knüpfte  Sylvius,  statt  wie  die  meisten  bis- 
herigen Pathologen  an  die  erhöhte  Wärme,  vielmehr  an  den  beschleun- 
igten Puls. 

In  der  Therapie  wurde  die  Aderlässe  verdächtigt.  Seine  Indicationen 
sind:  virium  conservatio,  morbi  sublatio,  causae  correctio,  symptomatum 
mitigatio.  Seine  Mittel  sind  solche,  welche  den  Verlust  ersezen,  aus- 
leerende (darunter  besonders    auch  schweisstreibende)    und  Alterantia. 


Ausbreitung  der  Chemiatrie. 


131 


Vornemlich  wurden  Antimonpräparate ,  Calorael,  Ammoniak,  aber  auch 
eine  Anzahl  stark  wirkende  Vegetabilien  in  Gebrauch  gezogen;  auch  das 
Opium  fand  vielfältige  Anwendung. 

Die  Sylvius'sche  Lehre ,    welche  man  das   chemiatrische  System  zu  Ausbreitung  der 
nennen  pflegt ,  fand  durch  die  bequeme  Zurükführuug  aller  Verhältnisse     Ckemiatne  in 

r       b    '  ^  °  Deutschland. 

auflden  einfachen  Gegensaz  von  Sauer  und  Laugig  sehr  grossen  Beifall. 
Seine  Ansichten  waren  bald  in  aller  Munde.  In  Deutschland  wurden  sie 
fast  ohne  allen  Widerstand  angenommen.  Wolfg.  Waldschmidt,  Prof. 
in  Marburg  (1644—89),  Doläus,  hessischer  Leibarzt  (1638—1707), 
besonders  aber  die  Professoren  Georg  Wolfg.  Wedel  in  Jena,  Michael 
Ettmüller  in  Leipzig  und  Günther  Schellhammer  in  Jena,  Helmstädt 
und  Kiel  (sämmtlich  zwischen  1644  und  1721)  waren  die  bedeutendsten 
Vertheidiger.  Nur  Conring,  Prof.  in  Helmstädt,  der  die  Lehre  für 
heillos  erklärte  und  Bohn,  Prof.  in  Leipzig,  welcher  durch  directe  Ver- 
suche die  Nichtigkeit  der  Grundlage  der  Sylvius'schen  Lehre  nachwies, 
wagten  ihr  entgegenzutreten. 

Otto  Tachenius,  ein  nicht  unbedeutender  Chemiker  aus  Deutschland, 
jedoch  meist  in  Venedig  lebend,  hat  nicht  nur  mit  grossem  Eifer  sich  auf 
Seite  des  Sylvius  geschlagen,  sondern  auch  versucht,  dessen  chemiatri- 
sches  System  in  Galen  und  Hippocrates  wiederzufinden,  indem  er  den 
Ausdruk  Feuer  bei  denselben  als  identisch  mit  Säure ,  und  den  Ausdruk 
Wasser  als  identisch  mit  Alkali  annahm. 

In  Holland  war  die  Anerkennung  der  Chemiatrie  ebenso  allgemein, 
und  wurde  sogar  den  mercantilen  Interessen  förderlich.  DerThee,  um 
jene  Zeit  von  Holländern  eingeführt,  fand  in  der  chemiatrischen  Schule 
grosse  Lobredner,  weil  er  die  Säfte  verdünne  und,  wie  man  sich  ausdrükte, 
den  Morast  aus  dem  Pancreas  wegflöze.  Bontekoe  und  Overkamp 
Hessen  im  Fieber  die  Tassen  Thee  nach  Duzenden  trinken. 

In  Frankreich  fand  die  Chemiatrie  an  den  Decanen  der  Pariser 
Fakultät  Riolan  und  Guy  Patin  grossen  Widerstand.  Aber  die  Masse 
der  Aerzte  war  für  sie.  Auf  Parlamentsbefehl  traten  sämmtliche  Aerzte 
von  Paris  zusammen ,  erklärten  sich  mit  grosser  Majorität  für  die 
Chemiatrie  und  für  die  Einführung  des  Antimons ,  von  dem  Guy  Patin 
behauptete,  dass  er  mehr  Menschen  getödtet  habe,  als  der  dreissigj ährige 
Krieg.  Diese  Niederlage  der  Fakultät  war  ihr  lezter  Stoss.  Sie  ver- 
sank danach  und  mit  ihr  die  ganze  innere  Heilkunde  in  Frankreich  in 
eine  ununterbrochene  Unbedeutendheit,  aus  der  sie  erst  seit  wenig  mehr 
als  einem  halben  Jahrhundert  sich  wieder  aufgeschwungen  hat.  —  Italien 
nahm  an  der  Chemiatrie  so  gut  wie  keinen  Antheil. 


In  Holland. 


In  Frankreich 
und  Italien. 


132 


Die  Medicin  im   siebenzehnten  Jahrhundert. 


in  England.  In  England  dagegen  trat  der  bedeutendste  und  selbständigste  unter 

allen  Anhängern  der  Sylvius'schen  Lehre  auf:  Thoraas  Willis  (geb. 
1622,  von  1666  an  practischer  Arzt  in  London,  gest.  1676).  Ein  aus- 
gezeichneter Anatom  und  Physiolog  und  ein  gewandter  Darsteller  hat 
Willis  den  chemiatrischen  Hypothesen,  während  er  sie  modificirte  und 
beschränkte,  wesentlichen  Vorschub  gethan.  Er  nahm  als  Elemente  den 
Spiritus,  das  Salz,  den  Schwefel ,  das  Wasser  und  die  Erde  an  und  fäSste 
die  Gährung  als  Bezeichnung  für  jede  innere  Bewegung  der  Körper  auf. 
Die  Säuren  und  Alkalien  traten  bei  ihm  mehr  zurük.  Auch  erkannte  er 
die  Wichtigkeit  des  Nervensystems  in  Krankheiten ,  verlegte  in  dasselbe 
die  Hysterie  und  die  Hypochondrie,  sowie  die  bösartigen  Fieber,  denen  er 
zuerst  den  Namen  Nervenfieber  gab.  Die  Hize  und  vermehrte  Blut- 
bewegung im  Fieber  leitete  er  einerseits  von  der  Beschaffenheit  des 
Blutes  ab,  welches  einem  gährenden  Weine  gleich  turgescire,  andererseits 
von  dem  im  Herzen  gelegenen  Fermente.  Durch  die  turgentia  spumosa 
wird  das  Blut  rarefacirt,  die  Gefässe  werden  ausgedehnt,  der  Puls  wird 
schneller  und  brennende  Hize  nach  allen  Seiten  ergossen. 

Die  beiden  betrachteten  Systeme  hatten  eine  völlig  unhaltbare  Grund- 
lage. Das  Eine  suchte  die  lediglich  unfruchtbaren  spiritualistischen  Idole 
auszubeuten;  das  Andere  unternahm  es  die  dürftigen  noch  ganz  rohen 
chemischen  Erfahrungen  der  Zeit  zu  verwerthen.  Ein  Gewinn  konnte 
daher  weder  bei  dem  Einen  noch  bei  dem  Andern  für  die  Fortbildung  der 
Wissenschaft  erwachsen  und  nur  das  nachtheilige  Beispiel  geschlossener 
Doctrinen,  das  sie  gegeben,  sichert  ihnen  eine  historische  Bedeutung. 

Ein  besseres  Fundament  wählte  eine  um  die  Mitte  des  Jahrhunderts 
in  Italien  sich  erhebende  Schule,  welche  sich  auf  die  Fortschritte  der 
Physik  und  Mechanik,  sowie  auf  Mathematik  stüzte  und  daher  den 
Namen  der  Iatromechaniker,  Iatr,omatheraatiker  oder  Iatrophysiker 
erhielt. 
Santoro.  Ihr  Vorläufer  war  Santorio  Santoro  (geb.  1561,  gest.  1636),  Prof. 

zu  Padua  und  Venedig,  der  in  seiner  Medicina  statica  (1614)  zuerst 
durch  mathematische  Berechnung  Fragen  der  Medicin  zu  lösen  suchte. 
Er  fand  durch  Wägungen ,  dass  in  24  Stunden  das  Körpergewicht  sich 
nicht  verändert,  ungeachtet  bei  5  Pfund  Getränke  und  Speise  nur 
2  l/j  Pfund  Excremente  und  Harn  abgesondert  werde  und  schloss  daraus, 
dass  die  fehlenden  2  lj2  Pfund  durch  die  Haut  als  perspiratio  insensibilis 
abgehen.  Diese  sieht  er  dann  als  höchst  wichtig  in  Krankheiten  an, 
eine  Vorstellung,  die  bei  seinen  Nachfolgern  für  die  Empfehlung  der 
schweisstreibenden  Methode  benüzt  wurde.    Von  den  Krankheiten  selbst 


Iatro- 
mechaniker. 


Iatromechaniker.  133 

hat  er  durchaus  humoralpathologische  Vorstellungen  und  bestimmte  die 
Zahl  der  möglichen  Arten  krankhafter  Säftemischung  auf  80,000. 

Von  ungleich  grösserer  Bedeutung  und  der  eigentliche  Stifter  der  Boreiu. 
iatromechanischen  Schule  war  Borelli  (1608 — 1679).  Er  lehrte  anfangs 
Mathematik  und  wurde  1656  als  Professor  für  einen  mathematischen 
Lehrstuhl  nach  Pisa  berufen.  Ein  Jahr  nach  seiner  Ankunft  daselbst 
wurde  eine  Academie  von  Anhängern  und  Schülern  Galilei's  gegründet, 
welche  sich  zur  Aufgabe  machte,  dessen  Grundsäze  und  die  Experimental- 
physik weiter  zu  cultiviren  und  auf  die  gesammten  Naturwissenschaften 
angewandt.  Borelli  war  einer  der  eifrigsten  Theilnehmer  und  machte  bei 
diesen  Arbeiten  seine  ersten  Versuche,  den  Mechanismus  im  Körper  auf- 
zudeken.  Sein  Hauptwerk  de  motu  animalium  erschien  jedoch  erst  1670, 
nachdem  jene  Academie  längst  wieder  sich  zerstreut  hatte. 

Borelli  suchte  vor  allem  die  Muskelbewegung  auf  mechanische  Geseze 
zurükzuführen.  Er  erkennt  die  Knochen  als  Hebel,  die  Muskeln  sind  an 
ihnen  befestigt  und  wirken  als  Stüke,  die,  wenn  der  eine  Punkt  ihrer  An- 
heftung fixirt  ist,  den  Knochenhebel,  an  dem  der  andere  Anheftungspunkt 
sich  befindet,  bewegen.  Die  wirkende  Kraft  ist  die  Anschwellung  des 
Muskels  und  ihre  Ursache  verlegt  B.  bereits  in  die  Nerven,  weil  nach 
ihrer  Durchschneidung  die  Muskeln  gelähmt  werden.  Diesen  Mechanismus 
verfolgte  Borelli  bis  ins  einzelnste  Detail,  untersuchte,  wie  viel  jeder  Muskel 
Kraft  braucht,  um  seinen  Knochen  zu  bewegen,  zeigte,  wie  viel  Kraft  ver- 
loren gehe  in  Folge  ungünstiger  mechanischer  Verhältnisse  der  Muskeln 
(des  nahen  Ansazpunkts  an  dem  Ruhepunkt  des  Hebels,  der  schiefen  An- 
heftung und  des  schiefen  Verlaufs  der  Fasern).  Von  hohem  Interesse  und 
bis  zu  den  Weber'schen  Untersuchungen  unübertroffen  ist  die  durch- 
geführte Erklärung  des  Mechanismus  zusammengesezter  Bewegungen,  wie 
des  Gehens,  Laufens,  Schwimmens,  des  Sprungs  und  Flugs.  Auch  die 
Mechanik  des  Athmens  hat  er  trefflich  auseinandergesezt  und  die  Pas- 
sivität der  Lunge  dabei  bewiesen. 

Dagegen  musste  die  Anwendung  der  mechanischen  Erklärung  auf  den 
Verdauungsprocess ,  den  er  als  Zermalmung  der  Speisen  ansieht,  miss- 
lingen.  Ebenso  sind  seine  Untersuchungen  über  die  Absonderung  ganz 
ungenügend. 

Die  Wirkung  der  Nerven  auf  die  Festtheile  erklärt  er  durch  das  Ein- 
dringen des  Nervensafts,  hält  diess  jedoch  nur  für  eine  Hypothese,  eine 
causa  probabilis. 

Das  Fieber  vergleicht  er  dem  heftigen  Orgasmus  beim  Zorne  und  hält 
es  für  unstatthaft  und  directen  Untersuchungen  conträr,  eine  Blutverän- 


134  Die  Median  im  siebenzehnten  Jahrhundert. 

derung  dabei  zu  statuiren.  Freilich  meint  er  sofort,  dass  die  scharf 
gewordenen  Spiritus  oder  Nervensäfte,  indem  sie  Nerven  und  Herz  reizen, 
die  nächste  und  unmittelbare  Ursache  des  Fiebers  werden. 

Die  Ursache  des  Scharfwerdens  des  Nervensafts  sucht  er  in  einer 
Verstopfung  der  Nervenmündungen  in  den  Drüsen  und  der  Haut  durch 
Gluten.  Die  stokenden  Säfte  verfallen  in  Gährung  und  werden  scharf. 
Die  Haupttherapie  besteht  daher  in  schweisstreibenden  Mitteln  und  in 
Stärkung  der  Festtheile  durch  Chinarinde. 

Maipigiü.  Marceil  Malpighi,  Borelli's  Freund  und  Prof.  in  Pisa  (geb.  1628,  gest. 

1694),  unterstüzte  Borelli  durch  zahlreiche  anatomische  Untersuchungen 
und  physiologische  Experimente.  Er  zeigte  zuerst  den  wahren  Bau  der 
Lunge,  die  man  früher  für  ein  drüsenartiges  Organ  gehalten,  und  trug  so 
zur  wirklichen  Erklärung  der  Athmungsprocesse  die  anatomischen  Mo- 
mente bei ;  durch  seine  Entdekung  der  Blutkörperchen  und  des  capillären 
Blutlaufs  vervollständigte  er  nicht  nur  die  Harvey'sche  Lehre ,  sondern 
machte  auch  die  Theorie  von  den  Blutstokungen  möglich ,  welche  von  da 
an  die  Iatromechanik  festhielt. 

Beuini.  Lorenzo    Bellini,    geb.    1643,    ein    Schüler   Borelli's,    schrieb    im 

19.  Jahre  sein  Werk  über  die  Structur  der  Niere  und  war  im  20.  öffent- 
licher Lehrer  der  theoretischen  Medicin  zu  Pisa;  er  starb  1704.  Obgleich 
Iatromathematiker  behielt  er  doch  manche  chemiatrische  Hypothesen  bei 
und  erfand  neue.  Namentlich  bediente  er  sich  der  Fermente  zur  Erklär- 
ung der  Absonderung  und  nahm  in  jedem  Secretionsorgan  ein  eigenthüm- 
liches  Ferment  an,  das  sich  dem  strömenden  Blute  beimische  und  die 
Trennung  der  Secretionsstoffe  bewirke.  In  Stokung  des  Bluts  in  den 
kleinsten  vielfach  verflochtenen  Gefässen  suchte  er  den  Grund  der  Fieber 
und  der  Entzündungen. 

Von  da  an  wird  die  Stokung  des  Bluts,  die  Verstopfung  der  Blutge- 
fässe und  der  Drüsen  und  die  gehemmte  Ausleerung  der  Mittelpunkt  der 
gesammten  iatromechanischen  Lehre.  Die  Entdekung  der  Blutkörperchen 
kam  derselben  sehr  zu  statten ,  man  leitete  von  ihrem  Anstossen  an  ein- 
ander und  an  die  Wandungen  der  Gefässe  die  gehemmten  Bewegungen 
ab  und  glaubte  die  Hindernisse  berechnen  und  in  Zahlen  ausdrüken  zu 
können.  Solche  Berechnungen  und  scharfsinnige  mathematische  Con- 
jecturen  wurden  die  Lieblingsbeschäftigung  der  Iatromechaniker;  allein 
derartige  Beschäftigung  wollte  sich  mit  einer  bewegten  Praxis  nicht  ver- 
tragen und  daher  traten  in  dieser  Schule  zuerst  die  Theorie  und  Praxis 
in  scharfen  Gegensaz  zu  einander. 


Donzellini  und  andere   Iatromechaniker.  135 

Die  Idee  dieser  vielfach  in  ihren  Consequenzen  unglüklichen  Trennung  Bagiivi. 
stammt  von  Georg  Baglivi  her,  geb.  1669,  einem  Schüler  Malpighi's, 
Professor  der  theoretischen  Medicin,  Anatomie  und  Chirurgie  zu  Rom, 
gest.  1707.  Er  ist  in  der  Theorie  exclusiver  Iatromechaniker.  Die  Cir- 
culation  des  Bluts  vergleicht  er  mit  einer  hydraulischen  Maschine,  die 
Respiration  mit  einem  Blasebalg,  die  Eingeweide  mit  Sieben,  und  selbst 
die  chemischen  Processe  erklärt  er  aus  der  Figur  der  kleinsten  Theile 
und  ihrer  Wirkungen  als  Keile  und  Hebel.  Die  Absonderung  erklärt  er 
aus  den  verschiedenen  Durchmessern  der  absondernden  Gefässe;  die  lezte 
Ursache  aller  Bewegung  sucht  er  in  den  Nerven  und  der  Dura  mater,  in 
welcher  lezteren  das  eingeborene,  nicht  aber  erklärbare  Bewegungsprincip 
seinen  Siz  habe;  alle  Krankheitsphänomene  bestehen  nach  ihm  in  der  Ver- 
mehrung oder  Verminderung  des  Tonus  der  festen  Theile. 

So  sehr  aber  Baglivi  in  seinen  einseitigen  mechanischen  Hypothesen 
sich  festrannte,  so  verlangt  er  ausdrüklich,  dass  die  Praxis  sich  um  die 
Theorie  nicht  bekümmern  solle,  dringt  auf  genaue  und  umsichtige  Beob- 
achtungen und  will,  dass  die  Behandlung  nirgends  nach  der  Theorie  sich 
richte,  sondern  rein  empirisch  verfahre. 

Dieselbe  Idee  der  Trennung  von  Theorie  und  Praxis  sprach  Donzel-    Donzeuini  und 
lini,  Arzt  in  Venedig,  aus:  de  usu  mathematum  in  arte  medica.  Ein  jeder         andere 

Iatromechaniker. 

Arzt  hat  nach  ihm  vor  allem  mathematische  und  physikalische  Kenntnisse 
zu  besizen  und  auf  die  Physiologie  anzuwenden;  aber  er  soll  sich  nicht 
beifallen  lassen ,  diese  Anwendung  im  praktischen  Theile  der  Medicin  zu 
machen;  denn  hier  sei  keine  mathematische  Gewissheit,  sondern  man 
müsse  sich  mit  Wahrscheinlichkeit  begnügen. 

Weiter  beschäftigten  sich  mit  mechanischen  Hypothesen  und  mathe- 
matischen Berechnungen  Guglielmini,  der  aus  der  imaginirten  Form 
der  Aether-  und  Salztheile  therapeutische  und  pathologische  Processe  er- 
klären will;  Buzzicaluve  und  Jacob  de  Sandri,  die  sich  mit  endlosen 
Berechnungen  beschäftigten;  Mazzini,  der  sich  in  fantastischen  Hypo- 
thesen über  die  Moleküle  und  die  Arzneimittel  verlor. 

Dabei  hat  die  Schule  aber  immerhin  sehr  wesentliche  positive  Unter- 
suchungen gemacht  und  zumal  die  Schüler  Malpighi's  wandten  sich  der  pa- 
thologischen Anatomie  zu.  Namentlich  hat  Fantoni  (1652 — 1692)  den 
Zusammenhang  der  Herzvergrösserung,  der  Klappenfehler  und  des  Aorta- 
aneurysmas  mit  den  Symptomen  im  Leben  gezeigt. 

Die  Iatromechanik  fand  ihre  Fortsezung  und  vielfache  Umgestaltung 
im  18.  Jahrhundert  zumal  in  England  und  Holland. 


136 


Die  Medicin  im  siebenzehnten  Jahrhundert. 


Naturbeob-  Neben  diesen  mehr  oder  weniger  abgeschlossenen  Schulen  bewahrten 

achtung  und    nur  wemve  bedeutendere  Aerzte  des  17.  Jahrhunderts  ihre  Selbständig- 

pathologische 

Anatomie,  keit  und  suchten  durch  die  unbefangene  Naturbeobachtung  die  That- 
sachen  festzustellen.  Mehrere  von  ihnen  haben  zugleich  die  Wichtigkeit 
pathologisch-anatomischer  Untersuchungen  begriffen  und  einen  ansehn- 
lichen Zuwachs  von  factischem  Material  verdankt  man  ihren  Bemühungen. 

Hervorzuheben  sind  namentlich  einige  Holländer,  Nicol.  Tulpius  in 
Amsterdam  (observ.  clinicarum  lib.  IV.  1641),  Stalpaart  van  der 
Wyl  im  Haag  (observationes  rariones  medicae,  anatomicae  et  chirurgicae 
1687)  und  Isbrand  van  Diemerbroek  (gest.  1674)  in  Utrecht,  welcher 
durch  Beschreibung  der  Pest,  Morbillen  und  Poken  sich  auszeichnete  und 
zuerst  gegen  die  Anwendung  der  kostbaren  Steine ,  welche  damals  allge- 
mein für  die  wirksamsten  Medicamente  gehalten  wurden,  sich  auszu- 
sprechen wagte. 
Bartholin.  Pathologisch  -  anatomische     Untersuchungen     von     unvergänglichem 

Werthe  verdankt  mau  ferner  dem  Dänen  Thomas  Bartholin,  dessen 
Historiarum  anatomicarum  Centuriae  VI  (1654 — 1665),  Cista  medica 
Hafniensis  (1662)  und  Epistolarum  medicinalium  Centuriae  IV  (1663 
bis  1667)  noch  für  unsere  Zeit  eine  zum  Theil  wichtige  Casuistik 
enthalten. 

Auch  die  Casus  medicinales  des  preussischen  Leibarztes  Timaeus 
von  Güldenklee  (1662)  sind  nicht  ohne  Verdienst. 

Vor  allem  aber  war  des  Schweizer  Theophil  Bonnet  Sepulchretum 
anatomicum  (1679)  ein  Schaz  der  wichtigsten  Beobachtungen  und  ein 
erster  und  glänzender  Anfang,  die  Pathologie  anatomisch  zu  begründen. 

In  Italien  war  der  der  Chemiatrie  etwas  sich  zuneigende  Bernardin 
Ramazzini  in  Padua  ein  trefflicher  Beobachter,  beschrieb  die  epidem- 
ischen Verhältnisse  der  Jahre  1690 — 1694  und  war  der  Erste,  der  den 
Krankheitsverhältnissen  der  verschiedenen  Gewerbe  Aufmerksamkeit 
schenkte. 

In  Frankreich  hat  vorzüglich  Vieussens  gute  Beobachtungen  über 
einige  Krankheiten  des  Herzens  gemacht. 


Tiniäus. 


Bonnet. 


Ramazzini. 


Vieussens. 


sydenham.  Die  grösste  und  nachhaltigste  Berühmtheit  aber  erlangte  der  Eng- 

länder Thomas  Sydenham(  1624 — 1689).  Von  seinen  Lebensverhältnissen 
ist  wenig  bekannt,  als  dass  er,  aus  begüterter  Familie  stammend,  ziem- 
lich spät  anfing,  der  Medicin  sich  zuzuwenden,  ausser  Oxford  auch  in 
Montpellier  studirte,  in  London  grosses  Vertrauen  genoss,  und  nachdem 
er  vom  30.  Jahre  an  an  der  Gicht  gelitten  hatte,  im  65.  daran  starb. 
Sydenham,   schon  während  seines  Lebens  in  weiten  Kreisen  hoch- 


Sydenham.  137 

angesehen,  wurde  im  folgenden  Jahrhundert  vornehmlich  durch  Boerhaave 
und  van  Swieten  als  ein  Geist  von  ungewöhnlicher  Grösse  gepriesen,  der 
englische  Hippocrates  genannt,  von  manchen  selbst  geradezu  als  der 
grösste  jemals  existirende  Arzt  bezeichnet.  Auch  bis  in  die  neueste  Zeit 
wurde  er  vielfach  bald  als  Muster  eines  vorurteilsfreien  und  feinen 
Beobachters,  bald  als  Vorgänger  der  sogenannten  naturhistorischen 
Schule  (Jahn),  bald  als  Restaurator  der  altclassischen  Medicin,  bald  als 
Vorläufer  des  Rademacher  (Kissel),  bald  als  Begründer  der  modernen 
Heilkunst  überhaupt  bezeichnet. 

Man   darf  bei  Sydenham  keine   geschlossene  Lehre,    kein   System      Allgemeiner 
der  Medicin    erwarten.     Er  ist  durchaus    ein   beobachtender  Practiker      Charakter. 
und   es  ist  nur  der  Geist   seiner  Grundsäze,    die  Berechtigung   seiner 
Methode  und  der  Inhalt  seiner  Erfahrungen  und  Schlüsse ,  was  man  zu 
prüfen  hat. 

Man  darf  bei  dieser  Prüfung  nicht  die  Zeit  vergessen,  in  welcher 
Sydenham  lebte.  Die  Bacon'schen  Grundsäze,  für  welche  Sydenham  im 
vollsten  Maasse  Anerkennung  ausspricht,  hatten  auf  die  practische 
Medicin  noch  nirgends  Anwendung  gefunden,  und  eine  theils  geistlose  und 
platte,  theils  phantastische  und  überschwängliche  Behandlung  des  an  sich 
so  schwierigen  Objects  war  alles ,  was  Sydenham  vorfand ,  wenn  er  über 
die  ordinärste  Erfahrung  hinausgehen  wollte. 

Es  ist  ferner  zu  beachten,  dass  Sydenham  in  der  Zeit  lebte,  in 
welcher  unter  den  Aerzten  eine  sehr  lebhafte  Parteinahme  für  und 
gegen  die  Chemiatrie  statt  hatte.  Obwohl  er  den  Streitigkeiten  der 
Schulen  fremd  blieb  und  das  Theoretisiren  denen  überlässt,  welche,  wie 
er  sagt,  mehr  Zeit  dazu  finden  und  mehr  Gefallen  daran  haben  als  er,  so 
entgeht  er  doch  dem  Einfluss  der  geläufigen  Theorien  nicht,  die  man  sich 
gewöhnt  hatte,  als  ausgemachte  Wahrheiten  hinzunehmen.  Die  Humores, 
ihr  Aufbrausen,  ihre  Kochung  und  Gährung,  die  Fäulniss  waren  auch  für 
Sydenham  Thatsachen ,  die  sich  von  selbst  verstanden. 

Nichtsdestoweniger  ist  es  offenbar,  dass  er  auch  unter  der  Herrschaft 
solcher  Vorurtheile  eine  bemerkenswerthe  Nüchternheit  und  Unbefangen- 
heit sich  bewahrte. 

In  den  Schriften  Sydenham's  finden  sich  zahlreiche  Hinweisungen 
zerstreut,  welche  zeigen,  dass  er  die  reine  und  sorgfältige  Erfahrung  für 
die  einzige  Grundlage  der  Medicin  nimmt,  dass  er  sich  aber  mit  blosser 
Empirie  nicht  begnügen ,  sondern  die  allgemeinen  Geseze  aus  den  That- 
sachen gewinnen  will.  Er  verwirft  die  Schlussfolgerungen  aus  ver- 
einzelten Beobachtungen;  er  verlangt,  dass  zur  Erlangung  umfassender 
Thatsachen  die  Aerzte  sich  specielle  Untersuchungsobjecte  zum  Vorwurf 


138  Die  Medicia  im  siebenzehnten  Jahrhundert. 

machen  sollen ;  er  fordert  langjährige  Ausdauer.  Er  verwirft  die  blosse 
Büchergelehrsamkeit  und  weist  jede  Autorität  zuriik,  von  wem  sie  auch 
stammen  mag.  Als  man  ihn  fragte ,  welche  Bücher  einem  jungen  Arzte 
zur  Vorbereitung  für  die  Praxis  zu  empfehlen  seien ,  so  nannte  er  allein 
den  Don  Quijote.  Vor  Hippocrates  nur  bezeugt  er  stets  die  grösste 
Achtung  und  nennt  ihn  den  göttlichen  Greis. 

Er  verwirft  alle  aprioristischen  Speculationen  und  will,  dass  man  nur 
solche  Hypothesen  zulasse,  welche  aus  den  Thatsachen  selbst  entnommen 
seien  und  der  Praxis  ihren  Ursprung  verdanken.  Er  weist  darauf  hin, 
wie  gefährlich  die  Hypothesen  sind,  weil,  wenn  zufällig  bei  einer  Krank- 
heit sich  etwas  ereigne,  was  mit  ihnen  übereinstimme,  solches  über 
Gebühr  hervorgehoben  werde ,  während  dagegen  die  mit  der  Hypothese 
im  Widerspruch  stehenden  Thatsachen  mit  Stillschweigen  übergangen  zu 
werden  pflegen. 

Freilich  greift  er  selbst  ohne  Zaudern  und  gewissermaassen  unbewusst 
zu  manchen  willkührlichen  Erklärungen  und  hat  keine  volle  Einsicht  in 
die  Bedürfnisse  und  Postulate  des  wissenschaftlichen  Beweises,  über  den 
doch  Baco  bereits  so  treffliche  Grundsäze  festgestellt  hatte. 

So  legt  er  namentlich  kein  Gewicht  darauf,  zum  Belege  seiner  An- 
gaben Einzelnbeobachtungen  aufzuführen:  Frustra  enim  et  cum  taedio 
lectoris  repeterentur  ista  singulatim,  quae  in  summa  contraxi. 

Ebenso  ist  seine  Logik  meist  eine  sehr  lokere.  Er  begnügt  sich  oft 
genug,  zur  Bürgschaft  seiner  Säze  eine  allgemeine  Behauptung  hinzu- 
stellen, die  selbst  in  keiner  Weise  gerechtfertigt  ist. 

Als  wesentlichste  Aufgaben  der  Medicin  bezeichnet  er  die  practiscnen 
Forderungen:  genaue  Krankheitsbeschreibung  und  Aufstellung  einer 
sicheren  Therapie.  Sentio  nostrae  artis  incrementum  in  his  consistere 
ut  habeatur  1)  historia  sive  morborum  omnium  descriptio,  quo  fieri  potest 
graphica  et  naturalis;  2)  praxis  seu  methodus  circa  eosdem  stabiiis  et 
consummata.     (Praefatio  pag.  6.) 

Bei  der  Beobachtung  der  Krankheiten  verlangt  er  nicht  nur  die 
grösste  Genauigkeit  und  die  Entfernthaltung  aller  Phantasie  und  aller 
vorgefassten  Meinungen,  sodern  eine  strenge  Prüfung,  welche  Erschein- 
ungen den  einzelnen  Krankheiten  wesentlich  und  beständig  zukommen, 
und  welche  durch  Zufälligkeiten  bedingt  sind.  Er  will ,  dass  man  nicht 
auf  Raritäten,  sondern  auf  die  gewöhnlichen  Vorkommnisse  die  Pathologie 
aufbauen  solle  und  dass  man  suchen  müsse,  aus  unregelmässigen  Er- 
scheinungen die  Regel  herauszufinden. 

Diese  grössere  Sorgfalt  und  die  Symptomatik  der  Krankheiten  war 
ein  wesentlicher  Fortschritt;  freilich  erscheinen  uns  heutzutage  die  Be- 


Sydenham.  139 

Schreibungen  Sydenham's  selbst  dürftig  und  oberflächlich;  allein  es  ist 
auch  hierbei  nicht  zu  übersehen,  um  wie  viel  ärmlicher  noch  die 
Descriptionen  seiner  Vorgänger  gewesen  sind :  die  relativ  besten  unter 
seinen  Darstellungen  sind  die  des  Rheumatismus,  Rothlaufs,  der  Pleuritis, 
der  Peripneumonia  notha,  der  Bräune,  der  Hysterie,  Gicht,  Wassersucht, 
des  Ileus,  der  Syphilis,  des  Veitstanzes,  der  englischen  Krankheit  und 
des  Scorbuts. 

Allerdings  hat  er  hierbei  der  künstlichen  Abgrenzung  der  Krankheiten 
in  zu  unbedingter  Weise  das  Wort  gesprochen  und  er  ist  der  eigentliche 
Urheber  der  künstlichen  Krankheitsspecies ,  die  zu  eben  so  vielen 
Ontologien  wurden.  Primo  expedit,  ut  morbi  omnes  ad  definitas  ac  certas 
species  revocentur,  eadem  prorsus  diligentia  ac  axqißsCa,  qua  id  factum 
videmus  a  botanicis  scriptoribus  in  suis  phytologiis  (Praefatio).  Es  ist 
nicht  zu  verbergen,  dass  durch  einen  solchen  Grundsaz  die  im  Stillen 
eingedrungene  Personification  der  Processe  und  Ereignisse ,  mit  anderen 
Worten  die  Ontologie,  zum  Princip  gemacht  wurde. 

Es  war  jedoch  immerhin  ein  Verdienst,  dass  er  dadurch  Ordnung 
in  der  Krankheitsbeschreibung  herzustellen  strebte;  es  ist  ihm  auch 
bei  der  damaligen  Verwirrung  aller  Kunstausdrüke  nicht  zu  verdenken, 
dass  er  einen  hohen  Werth  auf  die  Nomenclatur  legte.  Allein  er  übersah 
die  Eigenthümlichkeit  des  Objectes  der  Medicin ,  wenn  er  die  Methode 
der  Botanik  mit  ihrem  ganz  anderen  Inhalt  auf  die  descriptive  Pa- 
thologie übertragen  wissen  wollte. 

Sydenham  hat  ferner  das  Gesezmässige  und  Typische  in  dem  Krank- 
heitsverlauf vollständig  erkannt,  wiewohl  freilich  übertrieben.  Et  quidem 
existimo,  nos,  ob  eam  potissimum  caussam,  adcuratiori  morborum  historia 
ad  hunc  usque  diem  destitui,  quia  scilicet  plerique  eos  pro  confusis  incon- 
ditisque  naturae  male  se  tuentis  et  de  statu  suo  dejectae  eflfectis  tantum 
habuere.  Et  profecto  haud  minus  se  natura  methodo  adstringit  in  morbis 
tum  producendis  tum  maturandis  quam  in  plantis  sive  etiam  animalibus. 

Auch  weist  er  darauf  hin ,  dass  manche  Symptome  nicht  sowohl  der 
Krankheit,  als  vielmehr  den  ärztlichen  Eingriffen  zuzuschreiben  seien  und 
ihre  Aufnahme  in  der  Beschreibung  daher  ein  falsches  Bild  gebe. 

Dessgleichen  hebt  er  hervor,  dass  die  Grundprocesse,  das  Wesen  der 
verschiedenen  Fälle  identisch  sein  können ,  trozdem  dass  die  Manifesta- 
tionen, die  Symptome,  mit  andern  Worten  die  äussere  Form  differiren, 
und  dass  ebenso  die  Uebereinstimmung  der  Erscheinungen  '  eine  Ver- 
schiedenheit der  innern  Natur  nicht  ausschliesse :  eine  an  sich  glükliche, 
aber  viel  zu  ausgedehnt  angewandte  Idee.  So  zeigt  er  die  Möglichkeit, 
dass  Pokenfälle  ohne  Eruption  vorkommen  können.     Reperiuntur  morbi 


140  Die  Medicin  im  siebenzehnten  Jahrhundert. 

qui  sub  eodem  genere  ac  nomenclatura  redacti  ac  quoad  nonnulla  sympt- 
omata  sibi  invicem  consimiles  tarnen  et  natura  inter  se  discreti  diversum 
etiam  medicandi  modum  postulant  (Praefatio).  Aber  er  hat  hiebei  eben 
vielfach  in  willkürlicher  Weise  hypothetische  Grundstörungen  vorausgesezt 
und  namentlich  die  Entzündung  des  Blutes  war  es,  welche  er  bei 
zahlreichen  Erkrankungen  als  das  Wesentliche  annahm. 

Er  leitet  die  Krankheiten  überall  von  den  humores  ab :  Observandum 
est,  quod  si  humores  vel  diutius  quam  par  est  in  corpore  fuerint  retenti, 
vel  ab  hac  aut  illa  aeris  constitutione  labem  morbificam  contraxerint;  vel 
denique  contagio  aliquo  venenato  infecti  in  ejusdem  castra  transierint;  his 
inquam  modis  et  his  similibus  dicti  humores  in  formam  substantialem  seu 
speciem  exaltantur,  quae  his  aliisve  adfectibus  cum  propria  essentia  con- 
venientibus  se  prodit. 

Die  Ursachen  der  Krankheiten  sucht  er  theils  in  den  Einflüssen  der 
Atmosphäre  und  von  gewissen  verborgenen  Verhältnissen  der  lezteren, 
theils  werden  die  Krankheiten  von  verschiedenen  Gährungen  und  Fäul- 
nissarten der  Säfte  bedingt. 

Auf  die  Beobachtung  der  Einflüsse  der  Jahreszeiten  legt  er  ein  grosses 
Gewicht.  Er  stellt  nicht  in  Abrede,  dass  einige  Krankheiten  zu  jeder  Zeit 
entstehen  können,  die  sporadischen  oder  intercurrenten  Krankheiten, 
welche  von  dieser  oder  jener  particulären  Anomalie  des  einzelnen  Körpers 
bedingt  sind.  Alii  tarnen  nee  pauciores,  oeculto  quodam  naturae  instinetu 
annorum  tempora  non  secus  quam  quaedam  aves  aut  plantae  sequuntur 
(Praefatio). 
Epidemielehre.  Er  hat  zuerst  dem  Gange  der  Epidemien  grosse  Aufmerksamkeit  zu- 

gewendet und  das  Gemeinschaftliche  des  Charakters  vieler  Krankheiten 
in  gleicher  Zeit  und  ihre  Differenz  in  verschiedenen  Zeiten  erkannt.  Nihil 
quiequam,  opinor,  animum  universae  qua  patet  medicinae  pomoeria  per- 
lustrantem  tanta  admiratione  percellet,  quam  discolor  illa  et  sui  plane 
dissimilis  morborum  epidemiorum  facies  (de  morbis  epidemiis  cap.  2). 

Die  Eigentümlichkeiten  und  Differenzen  der  epidemischen  Krank- 
heiten hängen  aber  durchaus  nicht  zusammen  mit  manifesten  Verhält- 
nissen der  Luftbeschaffenheit,  welche  völlig  gleich  sein  kann  bei  verschied- 
enen epidemischen  Constitutionen  und  umgekehrt.  Variae  sunt  nempe 
annorum  constitutiones  quae  neque  calori,  neque  frigori,  non  sicco  humi- 
dove  ortum  suum  debent,  sed  ab  oeculta  potius  et  inexplicabili  quadam 
alteratione  in  ipsis  terrae  visceribus  pendent,  unde  aer  contaminatur.  So 
lange  diese  geheime  Luftverderbniss  oder  Luftconstitution  anhält,  dauern 
auch  die  epidemischen  Krankheiten  unter  den  Menschen  fort,  kommen 
aber  ohne  jene  Bedingung  niemals  vor. 


Sydenham.  141 

Die  unbekannten  Einflüsse  der  Atmosphäre  bringen  eine  bestimmte 
Krankheitsconstitution  zustande,  welche  auf  alle  übrigen  zufälligen 
Krankheiten  influirt  und  welche  sich  unterscheidet  durch  die  Natur  des 
krankhaften  Stoffs ,  der  bald  durch  dieses ,  bald  durch  jenes  Ausscheid- 
ungsorgan entfernt  war. 

Jede  eigenthümliche  allgemeine  oder  epidemische  Constitution  bedingt 
eine  besondere  Species  von  Fieber,  welche  ausserdem  nirgends  erscheint 
und  desshalb  von  Sydenham  als  stationaria  bezeichnet  wird. 

Manche  epidemische  Krankheiten  wiederholen  sich  mit  grosser  Regel- 
mässigkeit. Nach  dieser  ist  der  Typus  festzustellen;  andere  dagegen 
zeigen  einen  so  abnormen  Verlauf,  dass  sie  unter  keinen  Typus  unterge- 
bracht werden  können,  sind  bösartiger  Natur  und  stammen  daher,  quod 
quaelibet  constitutio  morbos  parit  a  morbis  ejusdem  generis  qui  alio  tem- 
pore grassabantur,  multum  abducentes. 

Ausserdem  zeigen  die  Krankheiten  sich  in  derselben  Jahresconstitution 
verschieden,  je  nachdem  man  sie  im  Anfang  derselben,  in  ihrer  Mitte  oder 
gegen  ihr  Ende  beobachtet. 

Ferner  hebt  Sydenham  hervor,* dass  die  epidemischen  Krankheiten 
überall  in  zwei  Klassen  zu  trennen  sind,  nämlich  die  Frühlingskrankheiten 
und  die  Herbstkrankheiten ,  welche  übrigens  bald  früher ,  bald  später  in 
der  Jahreszeit  beginnen  und  enden  können. 

Endlich  bemerkt  noch  Sydenham ,  dass  so  oft  eine  Constitution  ver- 
schiedene Species  epidemischer  Krankheiten  hervorbringt,  diese  ihrem 
Genus  nach  von  jenen  sich  unterscheiden,  die,  obwohl  sie  denselben  Namen 
tragen,  von  einer  andern  Constitution  erzeugt  worden  sind.  So  viele 
Krankheitsspecies  andererseits  ein  und  dieselbe  Constitution  auch  her- 
vorruft, so  haben  sie  doch  stets  etwas  gemeinschaftliches  und  differiren 
von  denen  anderer  Constitutionen. 

Sydenham  geht  im  Speciellen  5  von  ihm  beobachtete  Constitutionen 
durch. 

Die  erste  dauerte  von  1661  —  1664  und  war  characterisirt  durch 
Wechselfieber  und  ein  demselben  verwandtes  anhaltendes  Fieber  und 
Poken. 

Die  zweite  von  1665 — 6  war  die  Constitutio  loimodes,  beginnend  mit 
Pneumonien,  Pleuriten,  Anginen,  auf  welche  ein  pestilentiales  Fieber  und 
endlich  die  Pest  selbst  folgte. 

Die  dritte  betraf  die  Jahre  1667 — 9  und  wird  als  Constitutio  variolosa 
bezeichnet.  Neben  den  wirklichen  Blattern  kam  ein  blatternartiges  Fieber 
ohne  Ausschlag  vor  und  diesem  glich  wieder  eine  Diarrhoe ,  wodurch  der 
Uebergang  zur  folgenden  Constitution  gebildet  wurde. 


142  Die  Medicin  im  siebenzehnten  Jahrhundert. 

Schon  im  August  1669  begann  die  vierte  Constitution:  die  dysenter- 
ische, indem  zunächst  die  Cholera  höchst  verbreitet  vorkam,  dann  Coliken 
eintraten  und  auf  einmal  Dysenterien  ausbrachen.  Neben  diesen  kam  ein 
dysenterisches  Fieber  mit  allen  Characteren  der  Dysenterie  nur  ohne 
Ausleerung,  Masern,  Blattern,  sodann  Wechselfieber  mit  erneuerten 
Fällen  von  Dysenterie  und  dysenterischen  Fiebern  vor.  Die  Constitution 
hielt  bis  1672  an. 

Die  fünfte  Constitution  von  1673—5  nennt  Sydenham  die  anomale. 
Es  erschien  im  Sommer  1673  ein  eigentümliches  Fieber,  darauf  Dysen- 
terien, Blattern  und  Masern;  durch  das  ganze  Jahr  1674  und  bis  zum 
Juli  1675  herrschte  das  besondere  Fieber,  das  er  als  febris  comatosa  be- 
zeichnet.   Alle  Krankheiten  dieser  Periode  waren  anomal  und  irregulär. 

Später  beschreibt  er,  jedoch  unvollkommen,  die  Krankheiten  von 
1675—1680. 

Es  ist  nicht  zu  verkennen ,  dass  alle  diese  Anschauungen  einen  sehr 
weiten  Gesichtspunkt  bekunden ,  dass  aber  die  Mittel  völlig  fehlten ,  von 
demselben  aus  die  Objecte  gründlich  und  scharf  zu  beherrschen  und  dass 
das  Hinüberschreiten  über  die  möglichen  Beobachtungsgrenzen  Unge- 
nauigkeit  und  Fehlerhaftigkeit  der  Methode  nothwendig  zur  Folge  hatte. 
Naturheiiun?.  Sydenham  hat  ferner  auf  die  Spontanheilungen  der  Krankheiten  einen 

grossen  Werth  gelegt;  aber  indem  er  dieselben  nicht  in  ihren  Processen 
zu  verfolgen  verstand ,  legte  er  zu  den  unklaren  Vorstellungen  über  die 
vis  medicatrix  vorzugsweise  den  Grund.  Ja  die  ganze  Krankheit  war  für 
ihn  wesentlich  ein  Bestreben  der  Natur,  zum  Vortheil  des  Kranken  das 
krankmachende  Princip  auszustossen.  Je  nachdem  die  Kochung  der  Ma- 
teria peccaus  rasch  oder  langsam  gelingt,  ist  die  Krankheit  eine  acute 
oder  chronische.  Ipsa  pestis  quid,  obsecro,  aliud  est,  quam  symptomatum 
complicatio,  quibus  utitur  natura,  ad  inspiratas  una  cum  aere  particulas 
miasmodes  per  emunctoria,  apostematum  specie  vel  aliarum  eruptionum 
opera,  excutiendas  ?  Quid  arthritis  nisi  naturae  Providentia  ad  depuran- 
dum  senum  sanguinem  atque  expurgandum  corporis  profundum?  Das 
Fieber  gilt  ihm  vorzugsweise  als  das  Mittel  der  Natur,  durch  welches 
diese  die  verdorbenen  Theile  (particulas  inquinatas)  von  dem  Blute  trennt. 
Haec  omnia  peragit  natura  paucissimis  simplicissimisque  adjuta  reme- 
diorum  formulis,  alicubi  etiam  prorsus  nullis. 
Therapie.  In  Betreff  der  Therapie  verlangt  Sydenham,    dass   man  nach  einer 

certa  et  confirmata  medendi  methodus  jeder  einzelnen  Krankheitsspecies 
suche,  ein  Postulat,  welches  von  einem  Missverständniss  der  krankhaften 
Verhältnisse  ausgehend  bei  den  Nachfolgenden  viele  nuzlose  Bestreb- 
ungen und  viele  factische  Irrthümer  producirt  hat. 


Sydenham.  143 

Dabei  stellt  er  die  Berüksichtigung  der  Naturheilkraft  voran :  diess 
hindert  ihn  jedoch  nicht,  zum  Theil  starke  Eingriffe  zu  machen. 

Zwar  hält  er  es  für  wichtiger,  die  therapeutische  Indication  zu  stellen, 
als  Mittel  anzugeben.  Nichtsdestoweniger  strebt  er  eifrigst  nach  Auf- 
findung von  Specificis,  lässt  jedoch  nur  die  Chinarinde  als  ein  solches 
gelten.  Si  quis  objecerit  satis  magnum  remediorum  specificorum  numerum 
jamdius  nobis  innotescere,  hunc  ipsum,  si  examen  paulo  diligentius  insti- 
tuerit,  in  oppositas  partes  facile  transiturum  confido,  cum  unicus  cortex 
peruvianus  a  suis  militet.  Doch  hofft  er,  dass  durch  die  Güte  des  höchsten 
Schöpfers  in  jedem  Lande  specifische  Heilmittel  noch  gefunden  würden 
für  jene  Krankheiten,  die  den  Menschen  am  meisten  quälen. 

In  der  Art  seiner  Behandlung  verwarf  er  die  geläufige  reizende  und 
schweisstreibende  Methode  und  hat  ein  kühleres  Verhalten  und  Diät  vor- 
nemlich  bei  den  acuten  Affectionen  zum  grossen  Vortheil  der  Kranken 
eingeführt. 

Dagegen  macht  er  von  der  Venaesection  einen  höchst  umfassenden 
Gebrauch  und  wandte  vielfach  Abführmittel  an.  Ausserdem  hielt  er  die 
Chinarinde  hoch  und  hat  viel  zu  ihrer  allgemeinen  Einführung  beigetragen. 
Auch  Eisen  und  Opium  wandte  er  mit  Vorliebe  an. 

Er  zieht  unter  den  Arzneimitteln  überhaupt  die  vegetabilischen  vor, 
weil  ihre  Theile  mit  dem  menschlichen  Körper  mehr  übereinstimmen,  ob- 
wohl er  zugibt,  dass  die  Mineralien  den  Indicationen  kräftiger  entsprechen. 

Seine  Ordinationen  sind  zum  Theil  noch  ungemein  complicirt. 

Von  Leibesübungen  empfiehlt  er  besonders  das  Reiten  und  zwar  nam- 
entlich den  Schwindsüchtigen. 

Es  ist  vollkommen  anzuerkennen,  dass  Sydenham  ein  nüchterner  und    scMussurtueü. 
verhältnissmässig  vorurteilsfreier  Beobachter  war,  dass  er  den  besten 
Willen  und  sittlichen  Ernst  mit  zur  Arbeit  brachte,  dass  seine  Ahnungen 
über  den  Gesichtskreis  seiner  Zeitgenossen  weit  hinausgingen,  ja  zum 
Theil  noch  heute  Vielen  als  etwas  völlig  Fremdartiges  erscheinen  mögen. 

Aber  Sydenham  war  kein  scharfer  Denker.  Zur  Durchführung  der 
Baconischen  Grundsäze  auf  seinem  Gebiete  fehlte  es  ihm  an  aller  Correct- 
heit  des  Geistes  und  seine  wissenschaftlichen  Resultate  sind  daher  dürftig, 
schief  und  zum  Theil  unwahr  geblieben.  Er  hat  es  auch  nicht  zu  einem 
einzigen  wohlbewiesenen  Saze  gebracht  und  nicht  eine  allgemeine  That- 
sache  ist  von  ihm  bleibend  festgestellt  worden.  Vielmehr  hat  sein  un- 
klares Denken  ihn  verführt,  Bedürfnisse  aufzustellen,  welche  der  Wissen- 
schaft fremd  sind,  und  Ideen  anzuregen,  von  welchen  die  Nachkommen 
in  falsche  Bahnen  gelenkt  wurden.  Es  gehören  hieher  die  Postulate  der 
scharfen  Nomenclatur  und  Specification  der  Krankheitsformen,  welche 


144  Die  Medicin  im  siebenzehnten  Jahrhundert. 

dem  Personificiren  der  Processe  wesentlich  Vorschub  thaten,  ferner  die 
Einführung  von  neuen  Ontologien,  wie  die  der  Jahresconstitutionen,  wo- 
durch das  Wahre  und  Wesentliche  dieser  Verhältnisse  von  Anfang  an  in 
einen  falschen  Gesichtspunkt  kam ,  die  abermals  persönliche  Auffassung 
der  Naturheilkraft  und  die  Vorstellung ,  dass  die  Krankheiten  nichts 
anderes  seien ,  als  Heilbestrebungen ,  wodurch  eine  halbe  Wahrheit  in 
einen  ganzen  Irrthum  umgewandelt  wurde ,  die  Forderung,  den  Curplan 
nach  dem  Namen  der  Krankheit,  statt  nach  der  Individualität  zu  formuliren 
und  für  jede  Krankheitsspecies  eine  strenge  Curmethode  aufzusuchen,  die 
Illusion  des  Vorhandenseins  specifischer  Mittel  für  alle  oder  die  meisten 
Krankheiten  und  die  Stellung  und  Aufgabe,  jene  nach  allen  Kräften  zu 
suchen  und  so  noch  manche  andere  Ideen  von  untergeordnetem  Einfluss. 

Morton.  Von  nicht  geringerer  practischer  Begabung  und  Unbefangenheit  war  ein 

anderer  Engländer,  Richard  Morton,  ein  sehr  renommirter  Arzt  in  London 
ums  Jahr  1670 — 80,  in  therapeutischer  Hinsicht  Sydenham's  Gegner.  Er 
beschrieb  dieselben  Epidemien  wie  Sydenham,  kommt  aber  dabei  zum 
Theil  auf  andere  Resultate  und  befolgt  entgegengesezte  Curverfahren.  Er 
war  in  der  Praxis  so  glüklich  wie  Sydenham,  fand  aber  keinen  Boerhaave 
und  van  Swieten,  die  ihn  hochpriesen.  Er  verwarf  die  antiphlogistische 
Methode,  wie  sie  Sydenham  liebte  und  empfahl,  sobald  das  Fieber  bös- 
artig wurde,  die  reizende  Methode.  Er  lehrte  zuerst  die  verlangten 
Wechselfieber  kennen  und  behandeln.  Ueber  die  Phtlnsis  schrieb  er  das 
beste  Werk,  das  im  17.  und  18.  Jahrhundert  existirte.  Seine  Kranken- 
geschichten sind  ausführlicher  und  genauer  als  die  Sydenham's. 

Situation  der         So  hat  sich  troz  aller  Verwilderung  in  der  ersten  Hälfte  des  Jahr- 
l  1C  in  in     hunderts  der  Geist  der  erwachenden  Wissenschaft  selbst  in  der  practischen 

verscnie-  r 

denen  Lau-  Medicin  Eingang  erzwungen  und  wenn  auch  am  Schlüsse  des  Jahrhunderts 
noch  dike  Finsterniss  über  den  Massen  lag,  so  war  doch  auf  einigen 
wichtigen  Punkten  der  Tag  angebrochen.  Italien ,  Holland  und  England 
waren  den  übrigen  Völkern  dabei  weit  voraus  und  zumal  in  Holland  war 
es,  wo  von  allen  Seiten  her  die  Wissbegierigen  Kenntnisse  suchten. 

In  diesen  Ländern  nahmen  auch  gesellschaftlich  die  Aerzte  einen 
ehrenwertheren  Rang  ein ,  während  sie  in  Frankreich  als  abgeschmakte 
Pedanten  sich  dem  allgemeinen  Gelächter  preisgaben,  in  Deutschland 
aber  durch  Rohheit  der  Sitten,  pöbelhafte  Zänkereien  sich  überboten  und 
daher  auch  im  Allgemeinen  von  Niemand  geachtet  waren. 

Herrschende         Die   verbreitetsten   Krankheiten   des    siebenzehnten  Jahrhunderts 
Krankheiten.  waren  zunächst  die  Pest,  welche  zu  wiederholten  Malen  schwere  Epidemien 


Herrschende  Krankheiten.  145 

in  allen  Theilen  Europa's  bedingte,  besonders  in  den  Jahren  1624 — 40, 
1654—7,  1663 — 8  und  1675 — 84.  Nächst  ihr  waren  Variolepidemien 
häufig  und  mörderisch.  Auch  der  Typhus,  als  Lagerfieber,  Petechialfieber, 
bösartiges  Fieber  etc.  bezeichnet,  machte  vornemlich  im  Verlaufe  des 
dreissigjährigen  Kriegs,  sodann  zwischen  1670 — 80  grosse  Verheerungen. 
Daneben  und  zwischendurch  kamen  Dysenterien ,  Masern,  epidemische 
Pneumonien,  bösartige  Anginen  in  beschränkten  Seuchen  vor.  An  vielen 
Orten  endlich  herrschten  mit  mehr  oder  weniger  Ausdehnung,  Gefähr- 
lichkeit oder  Hartnäkigkeit  die  eigentlichen  Malariakrankheiten  (Wechsel- 
fieber  und  ihre  verschiedenen  Formen). 

Die  Praxis  wurde  überdem  in  dem  17.  Jahrhundert  durch  einige  Einführung 
wichtige  aus  den  neu  erforschten  Ländern  eingeführte  Medicamente  '°nnen_eu 
bereichert  und  dadurch  sehr  gehoben.  Unter  andern  weniger  wichtigen  mitte  in. 
sind  hervorzuheben:  der  Kirschlorbeer,  das  Gummiguttae,  die  Aristo- 
lochia,  die  Radix  Columbo,  das  isländische  Moos,  die  Rad.  Ipecacuanae, 
vor  allen  aber  die  peruvianische  Rinde,  welche  auf  die  Therapie  und  ihre 
Sicherheit  einen  ungemeinen  Einfluss  übte  und  wesentlich  dazu  beitrug, 
eine  grosse  Zahl  der  früher  gebrauchten  nuzlosen  Substanzen  zu  anti- 
quiren.  Die  Chinarinde  ist  wahrscheinlich  1639  zuerst  durch  die  Vice- 
königin  von  Peru,  Gräfin  Chinchon,  nach  Europa  gekommen,  wesshalb  sie 
Anfangs  als  Pulvis  comitissae  bezeichnet  wurde.  Besonders  haben  die 
Jesuiten  sie  vielfach  benüzt,  daher  auch  Pulvis  patrum,  Pulvis  jesuiticus. 
In  Frankreich  wurde  sie  von  einem  Engländer  Talbor  als  Geheimniittel 
eingeführt  und  durch  Louis  XIV.  demselben  abgekauft.  In  Italien  haben 
Borelii,  Ramazzini  und  Sebastian  Bado,  in  England  Sydenham  und  Morton 
ihren  Werth  am  vollkommensten  erkannt. 

Man  muss  sich  die  Leiden  der  Kranken  durch  Monate  lang  sich  wieder- 
holende Wechselfieberanfälle  und  durch  die  Entartungen  der  Milz  ver- 
gegenwärtigen, Leiden,  welche  grösstenteils  der  Kunst  gänzlich  unzu- 
gänglich waren,  wenn  man  den  Segen  dieser  grossen  Entdeknng  voll- 
kommen würdigen  will. 

Chirurgie  und  Geburtshilfe  haben  im  17.  Jahrhundert  auffallend      Chirurgie 
geringe  Fortschritte  gemacht.  un    hilefe^ 

In  Italien  waren  Magati  in  Ferrara  (f  1647),  Severino  in  Neapel         Italien. 
(f  1656),  Pietro  dt-  Marchettis  (f  1673)  Chirurgen  von  Ruf,  und  San- 
torio  Santoro  erfand  ein  lithontriptisches  Instrument. 

In  Frankreich  war  Pierre  Dionis  am  Ende  des  Jahrhunderts  als      Frankreich. 

Chirurg  und   Geburtshelfer  rühmlich  bekannt  und  1697  trat  der  Stein- 
Wunderlich,  Geschichte  d.  Medicin.  JQ 


146 


Die  Medicin  im  siebenzehnten  Jahrhundert. 


England. 


Holland. 


Schneider  Frere  Jacques  (auch  Baulot  oder  Beaulieu  genannt)  in  Paris 
auf.  Geburtshelfer  von  bedeutender  Berühmtheit  und  nicht  ohne  Ver- 
dienst waren  Francnis  Mauriceau  (f  1709)  und  Paul  Portal  (f  1703). 
Ein  tüchtiger  Augenarzt  war  Antoine  Maitre  Jean  (gegen  das  Ende  des 
Jahrhunderts). 

Die  französische  Chirurgie  befand  sich  aber  im  Allgemeinen  in  einer 
sehr  gedrükten  Lage.  Es  war  der  stets  mit  dem  Collegium  der  Chirurgen 
im  Hader  liegenden  medicinischen  Facultät  gelungen ,  das  Uebergewicht 
wieder  zu  erlangen.  Das  Collegium  wurde  von  1656  an  bis  1699  wieder 
der  Facultät  subordinirt  und  es  wurden  die  Chirurgen  den  Badern  beige- 
rechnet und  gleichgestellt. 

Unter  den  Engländern  ist  vornemlich  William  Cowper,  zugleich 
guter  Anatom,  als  Chirurg  zu  nennen. 

In  Holland  hat  Cornelis  van  Solingen  in  der  Chirurgie  sich  her- 
vorgethan  und  ein  Deutscher,  Joh.  Jac.  Ran  aus  Baden,  Professor  in 
Leyden,  die  Methode  der  Steinoperation  von  Frere  Jacques  verbessert. 
Der  bedeutendste  Geburtshelfer  Hollands  war  Hendrik  van  D eventer, 
dessen  Hauptwerk  erst  im  Anfang  des  18.  Jahrhunderts  erschien. 

In  Deutschland  und  der  Schweiz  lebten  zwar  da  und  dort  einige 
tüchtige  Chirurgen,  Fabricius  Hildanus,  Professor  in  Bern  (f  1634), 
Johann  Scultetus,  Arzt  in  Ulm  (f  1645),  Mathias  Purmann,  Wund- 
arzt in  Halberstadt  und  Breslau  (um  1674 — 1685),  Werner  Rolfin k  in 
Jena,  welcher  den  Siz  des  Staares  in  der  Linse  nachwies.  Der  gemeine 
Haufe  der  Chirurgen  aber  war  von  der  äussersten  Rohheit  und  zog  markt- 
schreierisch in  den  Städten  umher.  Im  Jahre  1685  verordnete  der  Kur- 
fürst von  Preussen,  dass  die  Operatores,  Okulisten ,  Stein-  und  Bruch- 
schneider, Zahnbrecher  u.  s.  w.  nicht  ohne  vorhergegangene  Examination 
des  Collegii  medici  und  nicht  über  4  Tage  lang  auf  den  Jahrmärkten  Zeit 
haben  sollen. 

In  der  Geburtshilfe  sind  aus  Deutschland  in  diesem  Jahrhundert  nur 
einige  Hebammen  nennenswerth:  die  Margarethe  Schieftelbein,  Leib- 
hebamme der  Herzogin  von  Liegnitz  und  Brieg,  die  Justine  Siegmund 
(Churbrandenburgische  Hofwehemutter)  und  die  Braunschweigische  Anna 
Elisabeth  Horenburg. 

Auch  in  Schweden  machte  sich  ein  tüchtiger  Geburtshelfer,  van 
Hoorn  aus  Belgien  bekannt. 


SECHSTER  ABSCHNITT.  "        '*>*■ 

Die   Medicin  im  Zeitalter  der  Aufklärung. 


Mit  dem  Beginn  des  18.  Jahrhunderts  tritt  eine  merkliche  Aenderung    Bewegungen 
der  Verhältnisse  in  der  naturwissenschaftlichen  Forschung,  in  der  Me-    allgemeinen 
dicin,  wie  in  der  allgemeinen  Cultur  ein.     Die  im  vorhergehenden  Jahr-  cultur  mit  Be- 
hundert  noch  sparsamen  und  isolirten  Anfänge  der  Aufklärung  gewinnen  Jahrhunderts. 
rasch  an  Boden  und  bringen  in  Kurzem  einen  Aufschwung  in  der  geistigen 
Thätigkeit  zuwege,  welcher  mit  einer  völligen  Wendung  in  allen  Anschau- 
ungen um  die  Mitte  des  Jahrhunderts  den  Culminationspunkt  erreichte, 
von  da  an  aber  immer  neue  Gebiete  erfassend  und  nene  Formen  annehm- 
end in  ungeschwächter  Lebendigkeit  bis  in  die  neueste  Zeit  sich  fortspinnt. 

Es  ist  zur  richtigen  Anschauung  und  Beurtheilung  der  Weiterentwik- 
lung  der  Medicin  unerlässlich,  die  Situation  der  Cultur  am  Anfang  des 
18.  Jahrhunderts  sich  zu  vergegenwärtigen  ,  theils  um  die  mächtigen,  wie 
die  stillen  Impulse  derselben  zu  erkennen,  theils  um  zu  würdigen,  wie 
weit  die  Medicin  der  Bewegung  des  Zeitgeistes  gefolgt,  wo  sie  hinter  ihm 
zurückgeblieben  ist  und  wo  sie  ihn  überflügelt  hat. 

In  Italien  hatte  das  geistige  Leben  längst  seinen  Gipfelpunkt  über-  Italien. 
schritten.  Schon  mit  dem  Untergang  der  Selbständigkeit  der  einzelnen 
Staaten  hatte  die  Blüthe  der  Cultur  rasch  ein  Ende  erreicht.  Der  Druk 
der  Kirche  und  ihrer  Inquisition ,  wie  andererseits  die  Ausdehnung  der 
formell  vollendeten,  aber  innerlich  unwahren  Bildung  der  Jesuiten  hatte 
die  freie  Geistesentwiklung  unwiderstehlich  gebannt  und  der  Nation  nur 
ein  Zerrbild  der  früheren  Grösse  in  abgeschmakten,  süsslichen  und  affect- 
irten  Typen  hinterlassen. 

In  England  drängten  die  unruhigen  Zeiten  während  der  Regierung  der       England. 
Könige  Carl  II.  und  Jacob  II.  und  die  politischen  Kämpfe  um  den  Wechsel 
der  Dynastie  jedes  Allgemeinerwerden  einer  geistigen  Entwiklung  zurük, 
der  ohnediess   die   mächtige  Partei    der  Puritaner  wenig   günstig  war. 

10* 


148  D>e  Medicin  im  Zeitalter  der  Aufklärung. 

König  Carl  II.  selbst ,  obwohl  er  freieren  Lebensanschauungen  zugänglich 
war  und  französische  Sitten  und  Grundsäze  von  Frankreich  mitgebracht 
hatte,  war  zu  einflusslos;  Jakob  II.  aber  mit  seinem  finstern  Charakter 
und  seinem  katholischen  Eifer  war  geradezu  der  Wissenschaft  feindlich. 

Diese  wurde  daher  gewissermaassen  nur  im  Stillen  und  von  Solchen 
gepflegt,  welche  müde  von  den  politischen  Aufregungen  sich  in  die  Ein- 
samkeit zurükzogen.  Die  Wissenschaft  war  so  zu  sagen  eine  Privat- 
unterhaltung vornehmer  Leute  während  freiwilliger  oder  gezwungener 
Ferien  und  hatte  dadurch  einen  durchaus  aristokratisch  reservirten 
Charakter  angenommen. 

Es  war  vornemlich  Locke,  dessen  skeptische  Ideen  maassgebend 
waren  und  in  der  Verarbeitung  durch  vornehme  Dilettanten  eine  mehr 
oder  weniger  frivole  Färbung  erhielten.  Der  Graf  Shaftesbury  und  der 
Viscount  von  Bolingbroke  waren  die  hervorragenden  Typen  der  hoch- 
adelichen  englischen  Philosophen ,  von  welchen  die  Vernichtung  aller 
Autoritäten  der  Kirche  und  Schule  mehr  mit  Wiz  und  Satyre,  als  mit 
wissenschaftlichen  Gründen  angestrebt  wurde.  Und  wenn  auch  einige 
Gelehrte  vom  Fach  und  später  mehre  hochbegabte  Dichter  sich  ihnen 
anschlössen ,  >o  war  doch  ihr  Einfluss  in  England  ein  geringer  und  hat 
niemals  die  Massen  durchdrungen;  auch  auf  die  Gestaltung  der  Katur- 
wissenschaften  und  der  Medicin  in  England  sind  jene  Tendenzen  ohne 
wesentliche  Einwirkung  geblieben. 

rrankreich.  Dagegen  hatte  zunächst  Frankreich,  das  einigste  von  allen  damaligen 

Reichen,  das  Monopol  des  Culturvorbildes  in  Anspruch  genommen. 

Aber  die  dortige  Civilisation ,  die  von  despotischen  Händen  geleitet 
und  dictirt  wurde,  zuerst  von  Richelieu,  später  von  Louis  XIV.,  konnte 
keine  gesunde  sein.  Das  Gekenhafte  und  innerlich  Verdorbene  der  italien- 
ischen Bildung  fand  vielmehr  dort  einen  fruchtbaren  Boden.  Zwar  ist 
die  damalige  Verfeinerung,  die  von  dem  französischen  Hof  aus  nach  allen 
Seiten  hin  wirkte  und  eifrige  Nachahmer  auch  ausserhalb  Frankreichs 
fand,  bei  allem  Verderben,  das  sie  im  Gefolge  hatte,  nicht  ohne  wohl- 
thätigen  Einfluss  geblieben ;  zwar  hatten  ferner  höchst  bedeutende  Köpfe 
die  französische  Literatur  des  17.  Jahrhunderts  zu  einer  hervorragenden 
Macht  erhoben;  aber  nichtsdestoweniger  blieb  die  Unnatur,  das  Gezierte 
und  die  Beengung  jeder  freien  Bewegung  Charakter  jener  Epoche,  ver- 
unstaltete auch  ihre  genialsten  Producte  und  schränkte  die  Cultur  auf  die 
exclusiven  Kreise  der  höchsten  Gesellschaft  und  ihre  Appertinenzen  ein. 
Einige  philosophische  Autoren  am  Ende  des  17.  und  Anfang  des  18. 
Jahrhunderts,  Pierre  Bayle  (f  1706)  u.  Nicol  Malbranche  (f  1715), 


Bewegungen  der  allgemeinen  Cultur.  149 

der  Erstere  mehr  Skeptiker,  der  Leztere  mehr  Idealist,  waren  eher  Pro- 
ducte  als  Motive  der  Zeitrichtung. 

Die  Ausartung  stieg  noch,  als  Louis  XIV.  zu  altern  anfing,  und  der 
früher  bezaubernde  Schwung  seines  Wesens  mehr  und  mehr  in  der  Eitel- 
keit und  Selbstgefälligkeit  unterging  und  zulezt  in  Frömmelei  und  Hypo- 
crisie  endete. 

Es  war  vielleicht  ein  Glük  für  die  Cultur,  dass  es  so  kam;  denn  die 
hervorragenden  Geister,  die  bis  dahin  in  den  hemmenden  Banden  des 
Hofes  gestanden  und  höfische  Rüksichten  zu  nehmen  hatten,  wurden  jezt 
diesem  Einfluss  entzogen.  Eine  selbständige,  fast  den  oppositionellen 
Charakter  annehmende  geistige  Bewegung  bildete  sich  in  der  Hauptstadt. 
Die  Unbefangenheit  gegenüber  den  kirchlichen  Sazungen  war  durch  die 
frühere  Periode  zu  sehr  Gewohnheit  geworden  ,  als  dass  die  Frömmigkeit 
der  Maintenon  sie  hätte  wieder  vernichten  können ,  und  der  Widerwille 
gegen  die  religiösen  Reactionsbestrebungen  der  Leztern  haben  vielleicht 
noch  das  Ihrige  dazu  beigetragen,  die  allgemeine  Stimmung  der  Gebildeten 
dem  Hofe  und  der  Kirche  nachhaltig  zu  entfremden  und  kräftigere ,  un- 
abhängigere Naturen  der  Bewegung  zu  gewinnen. 

Auf  den  Inhalt  der  Ansichten  der  französischen  Denker  hatten 
die  Ideen  des  Engländers  Locke  und  seiner  adeligen  Anhänger  den  ent- 
schiedensten Einfluss.  Die  Gestaltung  aber  war  eine  durch  und  durch 
französische  und  bekundete  die  ganze  Eleganz,  Leichtigkeit  und  Fasslich- 
keit,  zu  welcher  dieses  Volk  ein  so  eigentümliches  Geschik  hat ;  anderer- 
seits aber  auch  die  Dilettautenhaftigkeit  des  Denkens,  welche  den  Ursprung 
der  neuen  Philosophie  aus  der  sogenannten  guten  und  feinen  Gesellschalt 
verrieth. 

So  entwikelte  sich  aus  den  eleganten  Kreisen  der  französischen  Haupt- 
stadt jene  Richtung,  welche,  getragen  und  gehoben  durch  Talente  des 
ersten  Ranges,  Rousseau,  Voltaire,  Montesquieu,  in  der  sogenannten 
französischen  Aufklärungsperiode  den  Ton  angegeben  hat,  jedoch  erst  in 
der  Mitte  des  18.  Jahrhunderts  ihren  Höhepunkt  erreichte  und  nach  und 
nach  durch  Diderot,  d'Alembert,  Condorcet,  Helvetius,  Con- 
dillac,  la  Mettrie  und  Andere  in  die  einzelnen  Wissenschaften  einge- 
drungen ist.  Die  Encyclopädie ,  das  umfangreiche  und  grossartige  Werk 
dieser  Richtung,  dessen  erster  Band  1751  erschien,  ist  das  Resultat  des 
Zusammenwirkens  grösstenteils  gleichgesinnter  Männer  und  konnte  die 
innere  Uebereinstimmung  nur  durch  den  gemeinschaftlichen  Zug  des 
ganzen  Zeitgeistes  erlangen.  Leztere  literarische  Manifestation  der 
französischen  Aufklärungsrichtung  fällt  zwar  in  eine  spätere  Zeit  und 
konnte  daher  auf  die  Gestaltung  der  naturwissenschaftlichen  Doctrinen 


150 


Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Aufklärung. 


Deutschland. 


im  Anfang  des  Jahrhunderts  keinen  Einfluss  mehr  haben  ;  dagegen  ist  die 
Encyclopädie  als  die  beredte  Aeusserung  einer  Geistesrichtung  der  Epoche 
anzuerkennen,  die  auch  mannigfachen  Bewegungen  auf  dem  medicinisclieu 
Gebiete  den  Boden  geliefert  hat. 

In  Holland,  dem  es  nicht  an  den  tüchtigsten  geistigen  Kräften  in  jener 
Zeit  fehlte,  hatten  die  überwiegenden  mercantilen  Neigungen  mit  ihren 
Sonderinteressen  eine  schwunghaftere  Erhebung  zurükgehalteu.  Eine 
gewisse  Toleranz ,  oder  vielmehr  ein  gleichgiltiges  Gewährenlassen  hat 
den  vereinzelten  Arbeiten  die  Möglichkeit  verschafft,  aber  nicht  den 
Stachel  der  Emulation  gegeben.  Der  Einfluss  der  überragendsten  Köpfe 
(Spinoza,  Geulinx)  war  gerade  auf  die  holländische  Cultur  am  we- 
nigsten bemerklich.  Die  Holländer  hatten  den  Vortheil  einer  gesunden 
Schulbildung  und  ruhmvoller  wissenschaftlicher  Reminiscenzen  und  die 
Forschungen  der  Einzelnen  suchte  deren  würdig  zu  bleiben;  aber  eine 
angewöhnte  Indolenz  verhinderte  eine  lebhaftere  allgemeine  Betheiligung. 

Deutschland  dagegen  hatte  fast  zu  gleicher  Zeit  mit  Frankreich  seine 
Aufklärungsepoche.  Aber  wenn  bei  derselben  auch  die  Fäden,  welche 
sie  an  die  französische  Cultur  knüpften,  nicht  zu  verkennen  sind,  so  ging 
sie  doch  aus  grossentheils  andern  Elementen  hervor. 

Alle  civilisirten  Nationen  hatten  im  Anfang  des  18.  Jahrhunderts 
einen  Vortheil  vor  den  Deutschen  voraus,  aber  einen  Vortheil  von  der 
unberechenbarsten  Wirkung.  Jene  hatten  eine  eultivirte  Sprache  und 
eine  gebildete  Literatur;  die  Deutschen  dagegen  besassen  nichts  als  eine 
rohe,  ungelenke  Volkssprache,  die  zu  keiner  wissenschaftlichen  Verständ- 
igung geeignet  schien.  Sie  waren  daher  angewiesen  auf  fremde  Sprachen, 
zumal  auf  das  todte  Latein.  Mit  dem  todten  und  fortbildungsunfähigen 
Verständigungsmittel  der  Gedanken  haben  auch  die  Gedanken  selbst 
etwas  Lebensunfähiges ,  Geschraubtes ,  Pedantisches  erhalten  ,  und  der 
deutsche  Geist  kam  zu  keiner  rechten  Entwiklung,  als  bis  das  hemmende 
Latein  abgeworfen  war. 

Die  Abschüttelung  des  Latinismus  und  zugleich  die  freiere  Bewegung 
des  Gedankens  begann  mit  Leibnitz  und  Wolf,  welche  beide  nur  theil- 
weise  der  lateinischen  Sprache  sich  bedienten,  während  zum  andern  Theile 
der  Erstere  französisch,  der  Zweite  deutsch  schrieb. 

Leibnitz  aus  Leipzig  (1646 — 1716)  war  der  erste  grosse  und  selb- 
ständige Philosoph,  welchen  Deutschland  hervorgebracht  hat,  und  der 
erste  Deutsche,  welcher  neben  der  Gelehrsamkeit  weltmännische  Ge- 
wandtheit und  gute  Manieren  besass.  Er  verband  eine  wahrhaft  aristo- 
telische Vielseitigkeit  der  Kenntnisse  mit  der  Schärfe  des  mathematischen 


Bewegungen  der  allgemeinen  Cultur.  151 

Denkers.  Seine  Weltanschauung  knüpft  sich  an  die  Substanz  und  die 
unendliche  Vielheit  der  Einzelnwesen,  von  ihm  Monaden  genannt.  Dabei 
hat  er  die  Geseze  der  Erkenntniss  weiter,  als  seine  Vorgänger  verfolgt; 
er  hat  zumal  dis  Angeborensein  gewisser  Ideen  vertheidigt,  unter  welchen 
dasPrincip  des  Widerspruchs  (principium  contradictionis)  und  dasPrincip 
des  zureichende]  Grundes  (principium  rationis  sufficientis)  den  ersten 
Rang  einnehmen.  Leibnitz  hat  den  deutschen  Geist  aus  seiner  Rohheit 
aufgerüttelt  und  hm  den  Impuls  zum  selbständigen  Denken  gegeben. 

Noch  eindring'icher,  weil  populärer  hat  Christian  Wolff  (geboren 
1679,  Professor  ii  Halle,  von  den  Orthodoxen  verfolgt  und  verjagt,  von 
Friedrich  dem  Groisen  aber  wieder  eingesezt  und  sogar  baronisirt,  gest. 
1754)  auf  den  deuttchen  Geist  gewirkt.  In  der  Hauptsache  mit  Leibnitz 
übereinstimmend,  hit  er  die  Gedanken  in  ein  geordnetes  System  gefasst 
und  dadurch  nicht  mr  die  Gedanken  selbst,  sondern  auch  die  systemat- 
isch philosophische  Methode  den  Massen  empfohlen.  Die  Dilettantik, 
welche  vielfach  aus  cieser  Popularisirung  der  Wissenschaft  entsprang, 
war  gegenüber  der  vorgegangenen  Brutalität  des  Aberglaubens  und  der 
Gedankenlosigkeit  immvr  noch  ein  unermesslicher  Gewinn. 

Noch  wurde  aber  ron  einer  andern  Seite  an  dem  Aufwachen  des 
deutschen  Geistes  gearbe'tet.  Die  Abgeschmaktheit,  Rohheit  und  Plattheit, 
in  welche  der  Protestantismus  versunken  war,  brachte  endlich  doch  eine 
Reaction  zuwege.  Sie  gng  zuerst  aus  dem  Bedürfniss  einer  wirklichen 
Herzensfrömmigkeit  gegenüber  der  herrschenden  absurden  Buchstaben- 
dogmatik  hervor,  und  es  waen  die  Pietisten  Spener  in  Dresden,  Franke 
in  Halle  und  Arnold  in  Thiringen ,  welche  nicht  nur  Gemüth,  sondern 
auch  Geschmak  in  die  Relirionsübungen  einführten.  Auch  sie  waren 
Kämpfer  für  die  persönlicheGeistesfreiheit  und  es  ist  auf  manche  me- 
dicinische  Richtungen  der  Zei,  ihr  Einfluss  unverkennbar.  Freilich  ver- 
fielen sie  selbst  bald  in  Unkla-heit  und  Intoleranz  und  haben  daher  nur 
einen  rasch  vorübergehenden  A.theil  an  der  Aufklärung  gehabt. 

Aus  ihrer  Gemeinschaft  gin^  auch  Christian  Thomasius  hervor 
(geboren  1655),  zwar  ein  juristscher  Professor,  aber  in  dem  Kampfe 
der  Intelligenz  gegen  die  alten  Vjrurtheile  einen  hervorragenden  Rang 
einnehmend.  Gegen  die  deutsche  Tollheit,  gegen  den  Pedantismus  und 
die  Barbarei  der  Schule  war  er  unrmüdlich,  und  obwohl  er  Franzosen 
und  Engländer  als  Muster  seiner  Naion  vorhielt,  schrieb  er  doch  deutsch 
und  wagte  es  sogar,  eine  deutsche  Voiesung  anzukündigen,  was  in  Leipzig 
damals  (1688)  geradezu  als  ein  wissnschaftliches  Majestätsverbrechen 
angesehen  wurde.  Auch  hatte  es  una genehme  Folgen  für  ihn,  welche 
mit  ein  Grund  waren ,  dass  er  Leipzig  erliess  und  nach  der  Gründung 


152  Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Aufklärung. 

der  Universität  zu  Halle  seinen  Aufenthalt  nahm.  Er  war  Anfangs  den 
Pietisten  zugethan,  sagte  sich  aber  später  von  ihnen  los  md  ging  zu  der 
freieren  Anschauungsweise  Locke's  über.  Er  war  es  überdiess ,  dessen 
mächtige  Polemik  die  Hexenprocesse  gebrochen  hat. 

So  war  die  Lage  der  allgemeinen  Cultur.  Das  Bevegungscentrum 
derselben  lag  entschieden  in  Paris  und  zwar  in  den  von  d«m  Hofe  und  der 
Kirche  abgewendeten  Kreisen.  Aber  auch  in  Deutschlaid  begannen  sich 
Herde  zu  bilden,  welche  für  die  streng  Conservativen  in  hohem  Grade 
bedenklich  erscheinen  mussten.  Ein  solcher  Herd  wf)f  vor  allem  Halle 
mit  seiner  1694  neu  gegründeten  Universität,  an  weldier  Wolff,  Franke, 
Thomasius  wirkten,  aber  auch  zwei  Aerzte  als  Lehrer  thätig  waren,  von 
welchen  ein  kräftiger  Impuls  für  die  Umgestaltung  der  Naturwissen- 
schaft und  Medicin  ausging :  Friedr.  Hoffmann  und  Georg  Ernst  Stahl. 

Naturwissen-         Unter  den  Naturwissenschaften  ist  zunächst  «ne  die  Chemie  be- 
schaffen,     treffende  einflussreiche  Umwandlung  zu  erwähnen/  welche  im  17.  Jahr- 

Chemie.  m  ° 

hundert  sich  vorbereitend  in  der  ersten  Zeit  des  M.  zu  Stande  kam. 
stahrs  pMogist-  Einen  höchst  bedeutenden  Schritt  hat  nämliih  am  Wendepunkt  des 

ische  Theorie.  ]  f#  Jahrhunderts  Georg  Ernst  Stahl  gethan  (Zyiotechnia  fundamentalis 
1697),  woran  sich  sofort  eine  Reihe  weiterer  V/röffentlichungen  bis  zum 
Jahre  1 732  anschloss.  Er  folgte  zunächst  de/  Becher'schen  Ansichten 
„Becheriana  sunt  quae  profero".  Allein  er  vervollkommnete  und  bildete 
sie  so  aus,  dass  die  Lehre  bei  ihm  einen  völ/g  selbständigen  Character 
annimmt. 

Der  Hauptpunkt  seiner  Lehre  bezieht  sich/auf  die  Verbrennung.  Jeder 
brennbare  Körper  ist  eine  Zusammensezun/  des  Grundstoffs  mit  einer 
hypothetischen  Substanz:  dem  Phlogiston/  Die  Verbrennung,  bei  den 
Metallen  die  Verkalkung  ist  eine  Abscheidrng  des  Phlogistons :  Schwefel 
ist  also  Schwefelsäure  und  Phlogiston;  di/ Metalle  sind  Metalloxyde  mit 
Phlogiston.  Das  Phlogiston  und  sein  Ge/alt  bedingt  die  Farbe  und  viele 
chemische  Eigenschaften  des  Körpers,  piese  falsche  Hypothese  hat  die 
ganze  nachfolgende  Chemie  bis  Lavoisi/'  beherrscht  und  hat  den  Namen 
der  phlogistischen  Theorie  erhalten. 

Troz  dieser  falschen  Anschauung  Aat  die  Chemie  der  phlogistischen 
Theorie,  welche  allgemein  adoptirt  nirde,  zahlreiche  Entdekungen  von 
grosser  Tragweite  zu  verdanken.  SÄhl  selbst  hat  über  die  Affinität  der 
Stoffe  schon  viele  Thatsachen  beiffbracht.  Er  zeigte  ferner,  dass  mit 
Metallen  nur  wiederum  Metalle  i/d  keine  Metallsalze  oder  Oxyde  sich 
verbinden.  Er  stellte  aus  schwef/saurem  Salze  durch  Glühen  mit  Kohle 
(in  der  Absicht,  dem  SalzPhlogi/ton  zuzuführen)  Schwefel  dar  und  vieles 


Naturwissenschaften. 


153 


andere.  Indem  er  zugleich  die  Unmöglichkeit  zeigte,  die  damalige  Chemie 
für  die  Medicin  zu  verwerthen,  hat  er  die  Selbständigkeit  der  ersteren  für 
alle  Zeiten  festgestellt. 

Fr.  Hoffmann  und  Boerhaave,  zwei  andere  grosse  Aerzte,  haben 
gleichfalls  die  Chemie  wesentlich  gefördert,  obwohl  sie  noch  auf  vielen 
Punkten  mit  Stahl  im  Widerspruch  waren.  Von  da  an  aber  nahm  die 
Chemie  ihren  eigenen  Gang  und  fing  erst,  nachdem  sie  wesentlich  erstarkt 
war,  an,  auf  die  Medicin  wieder  rükzuwirken. 

Einen  unbedingteren  Fortschritt,  als  die  Chemie  hat  gleichfalls  Phyȟ. 
am  Wendepunkt  des  Jahrhunderts  die  Physik  gemacht,  indem  neben 
mehreren  andern  vornemlich  Newton  (1642  — 1727)  derselben  eine 
streng  mathematische  Grundlage  verlieh  und  auf  diesem  Wege  die  Geseze 
der  Bewegung  feststellte ,  auch  durch  die  hypothetische  Annahme  einer 
den  Raum  ausfüllenden  feinsten  Materie  (des  Aethers)  den  Anstoss  zu 
zahlreichen  neuen  Vorstellungen  gab. 

Newton's  Lehre  war  auf  die  englische  Medicin  von  beträchtlichem 
Einflüsse,  der  ohne  Zweifel  wesentlich  dazu  beitrug,  die  mechanische  Auf- 
fassung in  England  einzubürgern  und  länger  als  anderwärts  zu  erhalten. 

Auf  dem  Contiuente  dagegen  wurde  Newton  nur  von  Einzelnen  be- 
achtet, häufig  aber  missverstanden  und  angefeindet.  Erst  van  Muschen- 
broek  aus  Utrecht  (1700—1761),  der  Encyclopädist  d'Alembert(l7l7— 
1783)  und  der  Deutsche  Euler  (1707 — 1787)  haben  der  wissenschaft- 
lichen Physik  allgemeinen  Eingang  verschafft. 

Die  descriptive  Anatomie  hatte  es  im  17.  Jahrhundert  bereits  bis  zu  Anatomie  und 
einem  gewissen  Grade  von  Vollkommenheit  gebracht  und  es  trat  daher 
auf  diesem  Gebiete  für  längere  Zeit  ein  Stillstand  ein.  Nur  Valsalva 
in  Bologna  (1666  —  1723),  Santorini  in  Venedig  (1681  —  1737), 
Win  slow  in  Frankreich  (1669  — 1760),  sodann  Albin  in  Holland 
(1697- — 1770),  dessen  Abbildungen  des  Skeletts  und  dessen  anatomische 
Beschreibung  derselben  von  vollendeter  Vollkommenheit  waren,  Peter 
Camper  in  Leyden  (1722  —  1789),  endlich  Lieberkühn  in  Berlin 
(1711  — 1765),  ein  Meister  im  Tnjiciren  und  Präpariren,  waren  es,  welche 
die  descriptive  Anatomie  im  18.  Jahrhundert  noch  gefördert  haben. 

Auch  in  den  microscopischen  Forschungen  wurde  um  diese  Zeit  wenig 
geleistet  und  selbst  die  Arbeiten  des  1 7.  Jahrhunderts  fanden  nicht  mehr 
die  volle  Würdigung. 

Dessgleichen  war  im  Anfang  des  18.  Jahrhunderts  die  physiologische 
Forschung  in  den  Hintergrund  getreten  und  erst  in  der  Mitte  des  Jahr- 
hunderts mit  Haller  nahm  sie  einen  neuen  Aufschwung. 


154 


Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Aufklärung. 


Um  so  mehr  wendete  sich  das  Interesse  den  pathologischen  Veränder- 
ungen der  Theile  zu  und  die  pathologische  Anatomie  wurde,  wie  noch 
später  zu  besprechen  ist,  mit  grossem  Eifer  betrieben  und  mit  wichtigen 
Erfahrungen  bereichert. 


Das     Sc  hiksal 
der     frühe  reu 

Syst  eme. 

Iatrochemie. 


Iatromechanik. 


Was  nun  die  medicinische  Wissenschaft  selbst  betrifft,  so  liatte 
von  den  herrschenden  Lehren  des  17.  Jahrhunderts  die  Sylvius'sche  Iatro- 
chemie am  Anfang  des  18.  sich  bereits  überlebt  und  wucherte  nur  noch 
in  den  Schichten  des  Volks  und  in  der  ordinären  Praxis  fort.  Freilich 
einzelne  Anklänge  an  die  Anschauungen  des  Sylvius,  wie  z.  B.  die  Lehre 
von  den  Schärfen,  blieben  auch  in  den  Systemen  der  nachfolgenden  Zeit 
noch  mehr  oder  weniger  erhalten. 

Die  italienische  Iatromechanik  fand  im  18.  Jahrhundert  in  Deutsch- 
land zwar  nirgends  unbedingte  Aufnahme,  behielt  aber  in  dem  System  Hoff- 
mann's  und  bei  Boerhave's  Nachfolgern  wenigstens  theilweise  Verwendung. 
Auch  in  Frankreich  fand  die  iatromechanische  Schule  wenig  Anklang,  ob- 
gleich der  Professor  Chirac  eine  eigene  Lehranstalt  für  iatromechanische 
Medicin  zu  Montpellier  zu  gründen  suchte  und  dotirte.  Claude  Perrault 
Architect  und  Anatom,  und  Denis  Dodart  waren  die  Einzigen,  welche  in 
iatromechanischer  Weise  arbeiteten  und  namentlich  den  Mechanismus  der 
Stimme  theilweise  kennen  lehrten. 

Um  so  eifrigere  Anhänger  fand  die  Iatromechanik  in  England.  Ausser 
Cole,  Sydenham's  Freund,  welcher  die  Lehre  zum  Theil  nach  Newton's 
Entdekungen  modificirte  (1694)  sind  vornemlich  zu  nennen: 

James  Keil  1(1 673 — 1719),  der  die  höhere  Analysis  für  das  medicin- 
ische System  benüzte,  zur  Erklärung  der  Absonderung  aber  eine  Anzieh- 
ung der  Drüsenkanäle  zu  den  Secretionsstoffen  annimmt,  eine  Idee,  welche 
ihre  äussere  Anregung  in  Newton's  Attractionsgesez  hatte. 

Alexander  Thomson  fing  an,  an  der  Möglichkeit  einer  bloss  mechan- 
ischen Erklärung  der  Bedingungen  des  Blutlaufs  zu  verzweifeln  und  ob- 
wohl eifriger  Iatromechaniker,  Hess  er  sich  zur  Annahme  einer  Anziehung 
des  Blutes  durch  Capillarreizungen,  also  zu  einer  vom  Herzen  unabhäng- 
gigen  Bewegung  verleiten,  eine  Vorstellung,  die  mehr  und  mehr  in  den 
verschiedenen  theoretischen  Anschauungen  Eingang  gewann. 

Archibald  Pitcairn,  ein  Schotte,  eine  Zeit  lang  Professor  in  Leyden 
(1652 — 1713)  und  Boerhave's  Lehrer,  lehrte  zuerst  das  richtige  Verhält- 
niss  der  Gefässe  zum  Herzen  kennen  und  zeigte,  dass  die  Summe  der 
Durchmesser  der  kleinen  Gefässe  die  der  grössern  weit  überrage,  dass  das 
Gefässsystem  einem  Conus  gleiche,  dessen  Spize  im  Herzen  sei  und 
dass  mithin  das  Blut,  je  entfernter  vom  Herzen ,  um  so  langsamer  fliessen 


Selbständige  Theorien.  155 

müsse.  Er  leugnete  zugleich  das  Vorhandensein  eines  Ferments  in  den  ab- 
sondernden Drüsen. 

Georges  Cheyne,  ein  Schotte  (1671  — 1743),  Schüler  des  Vorigen, 
vereinigte  jatromathematische  Ansichten  mit  chemiatrischen.  Die  Krank- 
heiten entstehen  nach  ihm  aus  geschwächtem  oder  abnormen  Tonus  der 
Fasern  und  der  Grund  davon  liegt  entweder  in  dem  verminderten 
Attractionsverniögen  und  der  Zähigkeit  der  Säfte,  oder  in  der  Schärte 
eines  heterogenen  Salzes,  welches  die  Kraft  der  Fasern  zu  abnormen 
Attractionen  reizt.  Die  entfernte  Ursache  der  meisten  Krankheiten  ist 
nach  ihm  Unmässigkeit  und  das  Mittel  dagegen  eine  vegetabilische  Diät. 
Cheyne  selbst,  der  bis  in  das  30.  Jahr  ein  üppiges  und  lokeres  Leben 
geführt  hatte,  curirte  sich  durch  eine  solche  Diät  von  einem  enormen 
Fettreichthum. 

Nicolaus  Robinson  (1725)  Hess  sich  durch  Newton'sche  Ansichten  zur 
Annahme  einer  Attractionskraft  und  Repulsionskraft  der  festen  Theile,  des 
Blutes  und  der  übrigen  Säfte  verleiten,  iäugnete  übrigens  die  allgemein 
gewordene  Lehre  vom  Nervensaft,  sieht  vielmehr  die  Nerven  als  feste 
Stränge  an,  deren  Eindrüke  durch  Oscillation  ins  Centrum  sich  verbreiten, 
und  sezt  Newtons  Aether  an  die  Stelle  der  Lebensgeister. 

John  Tabor  (1724)  näherte  sich  bereits  der  Stahl'schen Schule,  ohne 
dabei  die  Jatromechanik  ganz  aufzugeben.  Er  nahm  die  Seele  als  be- 
wegende Kraft  in  den  mechanischen  Organismus  auf. 

Richard  Mead  (1673 — 1754)  ist  der  lezte  bedeutende  Jatromechan- 
iker  Englands,  und  folgte  vorzugsweise  Newton'schen  Grundsäzen. 

Selbständige  Theorien. 

Das  rege  Leben,   das   mit  dem   Anfang  des   18.  Jahrhunderts   sich    Dietheoret- 

überall  entwikelte,  konnte  jedoch  nicht  seine  Befriedigung  in  der  blosen    lsche  Richt~ 

J  feto  ung  des  18ten 

Verpflanzung  und  weitern  Ausführung  überkommener  Lehren  finden.  Auch  Jahrhunderts. 
die  einfache  ruhige  Fortarbeit  genügte  zunächst  nur  Wenigen,  vielmehr 
zeigte  das  erste  Symptom  des  erwachten  wissenschaftlichen  Eifers  sich  in 
dem  Bestreben ,  mit  originellen  Lehrsystemen  hervorzutreten.  Das 
18.  Jahrhundert,  besonders  in  seinen  ersten  zwei  Dritteln,  ist  das  Zeit- 
alter der  Systeme  gewesen.  Von  allen  Seiten  drängen  sich  diese  an 
die  Oeft'entlichkeit.  Manche  hatten  nur  ein  ephemeres  Dasein  und  ge- 
wannen weder  Beachtung  noch  historische  Bedeutung;  anderen,  die  viel- 
leicht nicht  einmal  durch  die  Präcision  der  Ideen  hervorragten,  aber 
durch  die  Stellung  und  die  Gewandtheit  ihrer  Urheber  oder  durch 
Zufälligkeiten  begünstigt  waren,  gelang  es,  einen  Kreis  von  Anhängern 
zu  sammeln,  welche  in  dem  neuen  System  das  lezte  Wort  der  Wissen- 


156  Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Aufklärung. 

schaft  erblikten,  oder  auch  welche,  selbst  sie  modificirend,  wenigstens 
Fragmente  davon  nach  allen  Seiten  trugen.  Nicht  selten  geschah  es, 
dass  Ideen,  die  in  dem  Munde  des  Urhebers  wenig  beachtet  wurden,  erst 
unter  andern  Händen  und  oft  in  ganz  anderer  Gestalt  einen  mehr  oder 
weniger  umfassenden  Einfluss  gewannen. 

Obwohl  die  Systeme  es  nicht  sind ,  auf  welchen  der  Schwerpunkt  des 
Fortschrittes  liegt,  so  sind  sie  doch  in  dem  Gang  der  Wissenschaft  von 
grösstem  Einfluss  gewesen  und  sind  mindestens  desshalb  genau  zu  ver- 
folgen ,  weil  sie  vorzugsweise  von  sich  reden  machten.  Allenthalben  und 
heute  noch,  begreiflich  aber  in  einer  unklaren  Zeit  noch  in  höherem 
Grade,  sieht  man  die  schwerfällig  denkende  Masse  um  die  Systematiker 
und  Doctrinäre  sich  sammeln,  von  denen  man  im  Stillen  hofft,  dass  sie 
das  unbequeme  Geschäft  des  Denkens  übernehmen  oder  doch  erleichtern, 
und  jederzeit,  auch  heute  noch  ist  die  Meinung  gewöhnlich,  dass  zur 
Ueberwindung  eines  Irrthums  und  eines  ausgelebten  Princips  nicht  Ein- 
sicht und  Kritik  allein  ausreiche,  sondern  die  Aufstellung  eines  neuen 
Princips  von  noch  so  prekärer  Wahrheit  nothwendig  sei. 

In  der  ersten  Hälfte  des  18.  Jahrhunderts  stand  die  Theorie  ent- 
schieden überall  im  Vordergrund,  und  die  wenigen  vorurtheilsfreien  un- 
systematischen Beobachter  in  der  Medicin  wurden  kaum  beachtet  und 
scheinen  selbst  zu  schüchtern  gewesen  zu  sein,  ihre  Stimme  laut  werden 
zu  lassen.  Statt  zu  untersuchen,  was  in  Wirklichkeit  existirt  und 
geschieht,  beschäftigten  sich  die  Meisten  mit  der  Sammlung  von  An- 
sichten ;  statt  mit  den  Thatsachen  genau  sich  vertraut  zu  machen ,  fragte 
man,  was  dieser  und  jener  Autor  angenommen  habe.  Zumal  in  Deutsch- 
land wurde  auf  die  möglichst  erschöpfende  Kenntniss  aller  Conjecturen 
der  grösste  Werth  gelegt  und  eine  Citatengelehrsamkeit  von  der  pein- 
lichsten Pedanterie  dadurch  eingeführt. 

Die  Theorien  stiessen  und  verdrängten  sich,  schoben  sich  in  einander 
und  führten  zu  lebhaften  Discussionen ,  und  fast  könnte  man  über  dieser 
Ueberschwemmung  mit  Doctrinen  den  reellen  Fortschritt  der  Periode 
übersehen, 

Indessen  war  schon  ein  Gewinn ,  dass  Leben  und  Interesse  in  die 
Wissenschaft  gekommen  war,  und  da  man  beim  Zusammenstellen  der 
Hypothesen  doch  auch  ihre  Berechtigung  verglich ,  so  war  damit  Veran- 
lassung gegeben,  die  wirklichen  Thatsachen  aufzusuchen  und  jene  damit 
zu  prüfen.  Die  Aufstellung  der  Theorien  hat  den  wissenschaftlichen 
Scharfsinn  geübt,  die  Bekämpfung  und  Verdrängung  derselben  hat  noch 
überdem  die  Thatsachen  ans  Licht  gebracht. 


Fr.  Hoffmann.  157 

Zunächst  war  Halle  die  Ursprungsstätte  der  zwei  ersten  selbständigen 
theoretisch-medicinischen  Systeme  des  Jahrhunderts. 

Friedrich  Hoffmann,  geb.  1660  zu  Halle,  studirte  Mathematik,  dann  Fr.  Hoffmann. 
unter  Wedel,  dem  Iatromechaniker,  Medicin.  Im  21.  Jahre  begann  er  in 
Jena  Vorlesungen  zu  halten,  die  so  beliebt  waren,  dass  sie  ihm  die  Eifer- 
sucht der  dortigen  Professoren  zuzogen.  Er  verlebte  darauf  einige  Jahre 
als  Practiker  in  Minden  und  Halberstadt,  bis  er  nach  Gründung  der 
Hallenser  Universität  vom  Kurfürst  von  Brandenburg  als  erster  Lehrer 
der  Medicin  1694  dahin  berufen  wurde,  und  nicht  nur  Vorlesungen  von 
grosser  Beliebtheit  hielt,  an  denen  Grafen  und  Herren,  sowie  die 
Professoren  anderer  Facultäten  und  die  Aerzte  der  Stadt  Theil  nahmen, 
sondern  auch  durch  freundliches  und  würdevolles  Benehmen  des  höchsten 
Ansehens  genoss  und  von  weit  und  breit  um  ärztlichen  Rath  angegangen 
wurde.  Drei  Jahre  lang  war  er  Leibarzt  des  König  Friedrich  I. ,  musste 
aber  wegen  Verläumdungen  sich  zurükziehen ,  wurde  jedoch  später  von 
Friedrich  Wilhelm  I.  entschädigt.     Er  starb  1742. 

Seine  Vorträge  wie  seine  zahlreichen  Schriften  zeichneten  sich 
durch  Klarheit  und  fast  populäre  Verständlichkeit,  durch  eine  system- 
atische Consequenz  und  durch  eine  nüchterne  und  schlichte  Form  aus. 

Seine  Methode  war  die  iatromathematische,  d.  h.  er  pflegte  Lehrsäze 
vorauszuschiken  und  zog  aus  ihnen  Consequenzen.  Indessen  waren  die 
Lehrsäze,  von  denen  er  ausging,  nicht  immer  bewiesen  oder  unanfechtbare 
Wahrheiten.  Dagegen  wirkte  seine  klare  Verständlichkeit  auf  viele  der 
damaligen  verworrenen  Begriffe  wohlthätig  ordnend  ein. 

Die  phaenomenologische  Anschauungsweise  der  Iatromechaniker  er- 
scheint bei  ihm  nicht  mehr  in  der  Schärfe  wie  bei  Galiläi's  Schülern; 
doch  ist  sie  noch  die  vorherrschende,  wenn  auch  nicht  mit  Bewusstsein 
durchgeführte. 

Hoffmann  sezte   die  rationelle  Erfahrung  zum  Prinzip  der  Medicin :       Allgemeine 
Experlentia  und    Ratio.      Die  Erfahrung    allein    könne  keine  Basis  der  »■*■*■■*«••» 

und  Physiologie. 

Medicin  abgeben,  sie  liefere  nur  den  Stoff  und  dieser  sei  mit  Vernunft- 
gründen und  mit  Anwendung  der  Mathematik  zu  verarbeiten.  Alle  Be- 
weise in  der  Medicin  müssen  entweder  anatomisch  oder  physikalisch  sein. 
Nnr  so  werde  die  Medicin  zur  Wissenschaft. 

Die  ganze  Katar  beruht  nach  Hoffmann  auf  den  mechanischen 
Principien  Materie  und  Bewegung.  Aber  schon  bei  der  Materie  nimmt 
er  neben  den  sinnlich  erkennbaren  Stoffen:  Luft,  Erde  und  Wasser  noch 
einen  hypothetischen,  den  Aether,  an.  Er  ist  der  feinste,  flüssigste  und 
beweglichste  von  allen  Stoffen,  in  der  ganzen  Natur  verbreitet,  also  auch 


158  Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Aufklärung, 

im  menschlichen  Körper:  er  ist  der  beweglichste  Theil  in  dem  Blut 
und  der  Lymphe.  Die  Bewegung  der  Materie  hat  niemals  eine  innere 
Ursache,  sie  folgt  stets  nur  einem  äussern  Impulse. 

Der  menschliche  Körper  ist  eine  Maschine  und  seine  Structur  ist 
vorzugsweise  hydraulisch,  da  fast  das  ganze  Gefüge  aus  Gefässen 
besteht. 

Der  Grund  des  Lebens  liegt  nach  Fr.  Hoffinann  in  der  Herzbewegung  : 
Vita  nihil  aliud  est  quam  motus  sanguinis  et  humorum  in  circulum  abiens 
a  Systole  ac  diastole  cordis  et  arteriarum  omnisque  generis  canalium  ac 
fibrarum,  sanguinis  et  fluidi  nervei  influxu  sustentata  proficiscens ,  qui 
secretionibus  et  excretionibus  corpus  ab  omni  vindicat  corruptione  et 
omnes  ejus  functiones  gubernat.  Der  Kreislauf  ist  die  Ursache  der 
Wärme,  der  Ernährung,  des  Wachsthums.  Alle  Actionen,  auch  die 
Mischung  der  Säfte  hängt  vom  Kreislauf  ab.  Die  Aussendinge  wirken 
weniger  auf  die  Säfte,  als  vielmehr  auf  die  Festtheile  und  ihren  Nerven- 
äther. Doch  bleibt  er  bei  dieser  Ansicht  nicht  consequent,  sondern 
macht  der  Humoralpathologie  viele  Concessionen. 

Der  wichtigste  Stoff  ist  auch  im  menschlichen  Körper  der  Aether. 
Ausser  mit  dem  Blute  gelangt  er  auf  eigenen  Bahnen,  den  Nerven,  in  alle 
Theile  des  Körpers.  Er  wird  aus  seiner  Bereitungsstätte  im  Gehirn 
mittelst  der  Diastole  und  Systole  der  Hirnhäute  und  Rükenmarkshäute 
in  die  Körpertheile  getrieben.  Das  Centrum  dieses  Nervenfluidums  wird 
auch  die  Anima  genannt.  Sie  regiert  die  Bewegungen  des  Aethers 
gleichfalls  nach  mechanischen  Gesezen;  aber  nach  Gesezen  einer  höhern 
Mechanik,  die  noch  aufzufinden  sind.  Im  Uebrigen  verwirft  er  alle  jene 
Ausdrüke  Natur,  Spiritus,  Dämon,  Archäus,  Principium  vitale,  weil  mit 
diesen  dunkeln  Namen  nichts  erklärlicher  werde. 
Pathologie.  Die  Krankheit  im  Allgemeinen  besteht  nach  Hoffmann  in  einer  ent- 

weder entarteten  oder  verminderten  Ausübung  der  Actionen.  Alle  Krank- 
heiten lassen  sich  zurükführen  auf  Krampf  und  Atonie,  ersterer  ist  ent- 
weder allgemein  oder  örtlich.  Zu  dem  allgemeinen  Krampf  gehört 
namentlich  das  Fieber;  es  besteht  in  einer  krampfhaften  Bewegung  des 
Herzens  mit  zu  grosser  Resistenz  in  den  Capilargefässen.  Jene  tuinult- 
uarischen  Bewegungen  des  Herzens  hängen  in  lezter  Instanz  von  den 
Nerven,  namentlich  vom  Rükenmarke  ab.  Assero,  formalem  febris 
rationem,  sive  ut  ita  loquar,  fundamentalem  causam  consistere  in  spas- 
modica  universi  generis  nervosi  et  fibrosi  affectione,  quae  maxime  ex 
spinali  medulla  procedit  et  successive  ab  exterioribus  ad  interiores  partes 
vergit  (de  veru  motuum  febrilium  indole  ac  sede  §.  4.).  Zum  erstenmal 
kommt  hiedurch  bei  Fr.  Hoffmann  die  Frage  zum  Vorwurf,  in  welchem 


Fr.  Hoffmanü.  159 

Organe  das  Motiv  für  die  Fiebererscheinungen  liege,  die  Frage  über  den 
wesentlichen  Siz  des  Fiebers. 

Doch  erkennt  er  dabei  ausdrüklich  den  Charakter  des  Fiebers  als 
Allgemeinkrankheit  an:  Sie  ullus  morbus  recte  meretur  appellari  univer- 
salis certe  est  ipsa  febris  (§.  ].). 

Weiter  untersucht  er  aber  auch,  von  welchen  Theilen  das  Fieber  vor- 
zugsweise angeregt  werde  (Localisation  des  Fiebers  in  dem  später  patho- 
logisch-anatomischen Sinne).  Er  beantwortet  diess  dahin,  dass  zwar 
verschiedene  Organe  Fieber  hervorrufen  können,  besonders  aber  der 
Magen  und  Darmkanal,  Quum  vero  nulla  in  universo  corpore  pars 
praeter  ventriculum  et  intestinorum  canalem  tauta  gaudeat  sympathia  et 
consensione  cum  cerebro,  spinali  medulla  eorumque  membranis,  immo 
cum  toto  nervosarum  partium  genere  non  sane  mirandum  est,  a  graviter 
laesa  et  afflicta  ventriculi  et  intestinorum  substantia  totam  oeconomiam 
motuum  et  functionum  naturalium  subverti  (§.  17.). 

Bei  der  Entzündung  hemmt  ein  Krampf  die  Circulation  in  dem  be- 
fallenen Theile  und  treibt  das  Blut  in  andere  Gefässe.  Als  eine  der 
häufigsten  Entzündungen  bezeichnet  er  diejenige  des  Magens,  die  nur  oft, 
weil  sie  maskirt  sei,  verkannt  werde. 

Dabei  legt  Hoffmann  auf  die  anatomische  Untersuchung  der  Leiche 
grosses  Gewicht  und  erkennt  sie  für  unentbehrlich,  indem  man  dadurch 
erfahre,  wie  oft  im  Leben  bei  dem  Patienten  ganz  andere  Krankheiten 
verstekt  seien,  als  man  nach  den  Symptomen  vermuthen  möchte. 

Mit  den  Krankheitsursachen  beschäftigte  sich  II offmann  viel  und  die 
abnorme  Mischung  der  Atmosphäre  war  für  ihn  eine  der  wichtigsten 
Quellen  der  Krankheiten,  daher  er  auf  meteorologische  Beobachtung 
grossen  Werth  legte. 

Andererseits  glaubte  er  in  der  Plethora  eine  der  gewöhnlichsten 
inneren  Ursachen  der  Erkrankung  zu  finden. 

Hoffmann's  therapeutische  Indurationen  sind  Hebung  des  Krampfes 
und  Beseitigung  der  Atonie. 

Bei  der  Therapie  acuter  Krankheiten  verfuhr  Hoffmann  kühlend  und 
exspectiv;  in  chronischen  Fällen  bediente  er  sich  besonders  gern  des 
Weins  und  anderer  reizender  Mittel,  wie  Aether,  Campher,  China,  Eisen. 
Er  beschränkt  übrigens  den  Kreis  seiner  Mittel  sehr  und  behauptete,  dass 
man  für  alle  Krankheiten  mit  10 — 12  Medicamenten  ausreiche.  Der 
Liquor  anodynus,  das  Balsamum  vitae  und  das  Elixir  viscerale  sind  von 
ihm.  Natürliche  Mineralwasser  hielt  er  hoch  und  brachte  sie  in  Deutsch- 
land wieder  in  Aufnahme.     Auf  Diät  le<jte  er  ein  grosses  Gewicht. 


160  fr'e  Medicia  im  Zeitalter  der  Aufklärung. 

Hoffmaan's  Friedrich   Hoffmann    hatte    zahlreiche    Schüler,    jedoch   waren    nur 

schüier.        Wenige  von  Belang  unter  ihnen.     Die  Masse    der  Aerzte   theilte   sich 

zwischen  ihm  und  Boerhaave  und  Viele  vermischten  diese  Beiden  ohne- 

diess  schon  eclectischen  Systeme  und  nahmen  auch  noch  fremde  Elemente 

darin  auf.     Am  consequentesten  blieb  die  Hallenser  Facultät  und  zwar 

bis   ans  Ende   des  18.  Jahrhunderts    der  Hoffmann'schen  Lehre    getreu 

(Schulze,  Nicolai,  Büchner,  Nietzky,  Eberhardt). 

Reg&.  Der  talentvollste  Anhänger  der  Schule  aber  war  Rega,  Professor  in 

Löwen,  gest.   1754.     Er  bildete   die  Lehre  von    den   Sympathien  aus, 

unterschied  zwischen  physiologischen  und  pathologischen  Sympathien  und 

machte  verdienstliche  Untersuchungen  über  die  Sympathien  des  Magens, 

von  denen  er  die  Hirnaffectionen  ableitete.     Er  ist  entschiedener  Solidar- 

pathologe  und  durchaus  gegen  die  Annahme  einer  Säure  im  Blute.     Auch 

die  Fieber  sind  nach  ihm  nur  Krankheiten   der  festen  Theile  und  nur 

secundär  könne  das  Blut  dabei  fehlerhaft  werden.     Als  die  gewöhnliche 

Ursache  der  sogenannten  essentiellen  Fieber  nimmt  er  die  Entzündung 

der  Magenschleimhaut  an.     Diese  sei  der  Siz  der  anhaltenden  und  fast 

aller  intermittirenden  Fieber. 

Hoftmawi's  Ein-  Ausserdem  war  Hoffmann's  Einfluss  gross  genug,  um  partiell  auf  die 

Aus»  auf  seine    Anschauungen  vieler  Anderer  einzuwirken  und  auch  selbständige  Theoret- 

Zeit.  °  ° 

iker  haben  manches  von  ihm  aufgenommen. 

Noch  mehr  aber  hat  seine  Methode  Eingang  gefunden :  eine  bis  zu 
einem  gewissen  Grad  nüchterne  und  schlichte  Auffassung,  in  der  aber 
doch  überall  theoretische  Voraussezungen  sich  geltend  machen ,  eine 
zwar  principielle,  aber  mit  der  Oberfläche  sich  begnügende  Untersuchung 
des  thatsächlichen  Verhalts,  dabei  aber  mit  dem  steten  Trieb  zum  Erklären 
der  Facta,  eine  grosse  Bereitschaft  zum  Theil  trivialer  und  durch  Hypo- 
thesen ad  hoc  herbeigeschaffter  Deutungen  des  Einzelnen  und  eine  still- 
schweigende Formulirung  der  Thatsachen  im  Interesse  dieser  Erklärungen, 
endlich  die  Zurükführung  der  Therapie  auf  die  theoretische  Anschauung 
von  den  Krankheiten,  mit  einem  Worte:  die  rationalistische  Richtung 
nahm  in  Deutschland  mit  Fr.  Hoffmann  ihren  Anfang. 

stahi.  Georg  Ernst  Stahl   (geb.   1660)    studirte   in   Jena   unter  Wedel, 

docirte  ebendaselbst  von  1685  an,  bis  er  1687  Leibmedicus  in  Weimar 
wurde.  In  dieser  Zeit  hing  er  iatromechanischen  Ansichten  an.  Auf  den 
Antrag  Friedrich  Hoffmann's  wurde  er  als  zweiter  Professor  der  Medicin 
1694  nach  Halle  berufen.  Eine  Zeit  lang  waren  diese  beiden  die  einzigen 
Lehrer  der  Medicin  an  der  Hochschule.  Hoffmann  las  Anatomie,  Physik, 
Chemie,  Chirurgie  und  praktische  Medicin;  Stahl  Botanik,  Physiologie, 


Charakter. 


Stahl.  161 

Pathologie,  Diätetik,  Arzneimittellehre  und  raedicinische  Institutionen. 
22  Jahre  lang  waren  sie  Collegen,  anfangs  in  freundschaftlichen  Bezieh- 
ungen, später  in  gespannten  Verhältnissen.  Stahl  erfreute  sich  jedoch 
nicht  des  gleichen  Beifalls  wie  Hoffmann,  er  folgte  daher  1716  einem 
Rufe  als  Leibarzt  nach  Berlin  und  starb  daselbst  1734. 

Stahl  gehörte  der  pietistischen  Richtung  an;  er  war  von  Natur  in  Allgemeiner 
sich  gekehrt  und  in  gewissen  Voraussezungen  befangen,  ein  homo  acris 
et  metaphysicus,  wie  ihn  Haller  nennt,  stolz  auf  seine  eigenen  Ueberzeug- 
ungen,  die  er  mühsam  sich  errungen  hatte  und  die  er,  nachdem  sie  in 
seinem  Innern  gesiegt,  der  Offenbarung  gleichhielt:  ich  weiss  von  Gottes 
Gnaden ,  sagte  er ,  was  ich  schreibe.  Darum  verbitterte  es  ihn ,  wenn  er 
auf  Widersprüche  stiess.  Die  Erfolge  seiner  Gegner  machten  ihn  finster 
und  versezten  ihn  in  eine  melancholische  Laune.  Er  zeigte  die  Intoleranz 
der  Sectirer,  er  verachtete  und  hasste  Andere  um  ihrer  Ansichten  willen. 
Er  hielt  die  Welt  für  verloren,  die  nicht  an  seine  Inspirationen  glauben 
wollte,  und  vielfach  beklagt  er  sich  in  seinen  Schriften  über  die  Unge- 
rechtigkeit Anderer  gegen  ihn.  • 

Er  hatte  nicht  die  eindringliche  Eloquenz  seines  Collegen  Hoffmann. 
Er  war  ein  tiefer  in  sich  gekehrter  Geist.  Während  Boerhave  und  Hoff- 
niann  ihre  ziemlich  flachen  Raisonnements  und  Einfälle  ohne  Mühe  hin- 
warfen, ringt  Stahl  allenthalben  mit  dem  Ausdruk.  Seine  Gedanken  sind 
nicht  augenblikliche  Eingebungen,  es  ist  sein  ganzes  tiefes  Gemüth,  seine 
innerste  Ueberzeugung,  sein  ganzes  geistiges  Leben  und  Wesen,  was  er 
der  Welt  bietet;  darum  wird  es  ihm  schwer  es  in  Worte  aufzuschliessen. 
Seine  Ausdruks weise  ist  schwerfällig,  weitschweifig,  in  endlosen  Säzen 
sich  ergehend  und  macht  auf  manchen  Punkten  das  Verständniss  geradezu 
unmöglich.  Aber  nicht  nur  die  Form,  sondern  auch  der  Inhalt  ist  oft 
dunkel,  verworren  und  für  Jeden  unverständlich,  dessen  Ideen  nicht  zuvor 
schon  mit  ihm  harmoniren.  Er  hatte  das  Schiksal  vieler  tiefsinnigen  und 
zugleich  grossartigen  Individualitäten.  Von  der  Mehrzahl  nicht  ver- 
standen, ward  er  von  der  Menge  für  ungeniessbar  und  abgeschmakt 
erklärt,  von  Andern  mit  Sinn  fürs  Ueberschwängliche  enthusiastisch  als 
Prophet  verehrt  und  Gegegenstand  ihres  blinden  Glaubens.  Von  den 
Eklektikern  ist  Einzelnes  aus  seiner  Lehre  aufgenommen  worden,  mochte 
es  erwiesen  sein  oder  nicht.  Der  wahrhaft  werthvolle  Inhalt  seiner 
Meditationen  aber,  obwohl  von  seinen  Zeitgenossen  nicht  gewürdigt  oder 
nicht  verstanden,  hat  sich  dessenungeachtet  unmerklich  der  wissenschaft- 
lichen Anschauungen  bemächtigt. 

Stahl  Mar  vielleicht  der  selbständigste  und  tiefste  Kopf  unter  den 
ärztlichen  Theoretikern  des  Jahrhunderts.     Niemand  hat  so  zahlreiche 

Wunderlich,  Geschichte  der  Medicin.  XI 


162 


Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Aufklärung. 


Werthschäzung 
der  Facta. 


Organismus  und 
Seele. 


wekende  Ideen  gehabt,  wie  er;  Niemand  mit  solcher  Consequenz  von  den 
obersten  Principien  bis  zum  Einzelnen  ein  System  durchgeführt. 

Seine  Lehre  ist  in  seiner  Schrift  Theoria  medica  vera  und  in  zahl- 
reichen Dissertationen  niedergelegt. 

Er  erzählt,  wie  oft  er  gefunden,  dass  Aerzte,  die  für  gute  Theoretiker 
galten ,  schlechte  Praktiker  waren ;  aber  er  leitet  daraus  nicht  einen 
Unwerth  der  Theoretik  überhaupt,  sondern  nur  die  Schiefheit  und  Grund- 
losigkeit der  geläufigen  Theorien  ab. 

Er  verlangt,  dass  überall  die  theoretischen  Ansichten  auf  Thatsachen 
sich  stüzen  sollen,  und  sagt,  es  sei  besser,  statt  überflüssiger  Citate  das 
Thatsächliche  selbst  anzuführen  und  für  sich  sprechen  zu  lassen,  da  es 
ausser  demselben  keine  Autorität  gebe.  Aber  er  will  nicht,  dass  die 
ungewöhnlichen  Facta  die  Grundlage  der  Doctrinen  werden  sollen, 
sondern  verlangt,  dass  diese  sich  auf  das  alltäglich  Vorkommende  stüzen. 
„Fürwahr,"  sagte  er,  „es  ist  eine  seltsame  Weise,  nicht  aus  dem  Be- 
kannten ,  Beständigen  und  Wahren ,  sondern  aus  dem  Vereinzelten  und 
Seltenen,  welches  noch  obenein  falsch  aufgefasst  sein  kann,  den  Genius 
der  Krankheiten  abzuleiten,  und  daraus  ein  System  zu  formen." 

Er  bekämpft  mit  der  grössten  Schärfe  die  in  leeren  Schematismus  und 
in  eine  imaginäre  Mechanik  ausgeartete  iatromathematische  Richtung. 
Nicht  weniger  ist  ihm  die  eben  so  hohl  fundirte  Iatrochemie  zuwider. 
Obwohl  selbst  ein  ausgezeichneter  Chemiker  und  der  Begründer  der 
chemischen  Ansichten  des  Jahrhunderts,  wies  er  die  Chemie  von  aller 
Mitwirkung  aus  der  Pathologie  weg.  Adhuc  alienior  est  ab  ulla  spe  boni 
atque  solidi  usus  ad  medicam  theoriam  chymia.  Ebenso  sind  ihm  aber 
auch  Anatomie  und  Physiologie  nur  ein  unnüzer  Ballast. 

Stahl  ist  der  Erste,  der  das  allgemeinste  Wesen  des  Organismus  sich 
zu  erschliessen  suchte,  indem  er  ihn  einen  Körper  nennt,  dessen  Theile 
alle  zu  einem  gemeinschaftlichen  Zweke  construirt  seien.  Es  kommt  ihm 
vor  Allem  darauf  an ,  zu  wissen ,  inwiefern  der  Körper  als  ein  lebendiger 
bezeichnet  werden  müsse,  und  was  das  Leben  in  ihm  sei.  Er  erkennt 
mehr  als  irgend  Jemand  vor  und  neben  ihm  die  wunderbare  Harmonie  des 
Organismus  und  sucht  seinen  Unterschied  von  dem  Mechanismus  festzu- 
stellen. Aber  er  übersieht  die  reelle  Bedeutung  der  Materie;  er  ist  blind 
für  alle  Thatsachen,  die  auf  sie  weisen. 

Die  Einheit  des  Organismus  sucht  er  in  der  Seele;  für  diese  dient  der 
Körper  nur  als  Organ,  um  ihre  Wirksamkeit  unter  den  irdischen  Verhält- 
nissen zu  ermöglichen.  Der  Grund  aller  Thätigkeit  des  Organismus  liegt 
daher  nicht  im  Körper,  sondern  in  der  Seele,  deren  Werkzeug  er  nur  ist. 
Sie  hat  sich  den  Körper  aufgebaut,  sie  herrscht  über  ihn,  sie  thut  und 


Stahl.  163 

besorgt  Alles,  alle  unwillkürlichen  Bewegungen,  alle  Processe  im  Körper; 
sie  führt  sie  zwar  nicht  mit  Ueberlegung  und  Bewusstsein,   aber  doch  mit 
Vernunft  (nicht  ratiocinio,  aber  ratione)  aus;  sie  schüzt  ihn  gegen  die  . 
Zerstörung,  in  die  er  alsbald  verfällt,  sobald  die  Seele  im  Tode  ihn  ver- 
lassen hat. 

Die  Seele  ist  zwar  nach  ihm  als  Einheit  anzusehen  und  Stahl  bekämpft 
die  Versuche  der  Frühern,  mehrere  verschiedene  seelenartige  Kräfte  anzu- 
nehmen, oder  neben  ihr  Geister  und  dergleichen,  welche  ihre  Befehle  aus- 
führen, zu  erdichten.  Aber  die  Seele  stellt  sich  in  dreifacher  Beziehung 
dar,  soweit  sich  ihre  Handlungen  auf  materielle  Gegenstände  beurtheilen 
lassen.  Sie  ist  erstens  im  allgemeinsten  Sinn  ein  thätiges  Wesen  in  eben 
dem  Maasse,  als  die  Materie  passiv  ist;  sie  ist  zweitens  der  allgemeineil 
Bedeutung  nach  ein  bewegendes  Wesen,  da  alle  ihre  Handlungen,  sowohl 
an  und  für  sich,  als  in  Beziehung  auf  den  Körper  in  Bewegungen  bestehen, 
in  einem  Fortschreiten  von  einem  Gegenstand  zum  andern;  drittens  aber 
ist  sie  und  im  engsten  Sinn  ein  intelligentes  Wesen  und  bedarf  der  Zeit 
nicht  nur  wegen  der  Mannigfaltigkeit  ihrer  Verrichtungen,  sondern  auch 
wegen  der  Menge  der  Körper,  welche  Gegenstände  ihres  Eikennens  sind, 
da  eine  Vergleichung  nur  unter  mehreren  Dingen  und  eine  vervielfältigte 
Vergleichung  nur  unter  sehr  vielen  stattfinden  kann. 

Durch  die  Einheit  der  Seele  wird  die  Einheit  des  Organismus  bedingt- 
Die  Seele  steht  selbst  ihren  Angelegenheiten  vor  (suis  rebus  ipsa  con.su- 
lit).  Sie  bedient  sich  dazu  der  Bewegungen,  theils  der  grobem,  theils  des 
Tonus  der  Weichtheile  (motus  tonicovitalis).  Mittelst  der  Bewegungen 
schafft  sie  namentlich  das  überflüssige  Blut  weg  und  bringt  in  eigen- 
thümlichen  Organen  Molimina  haemorrhagica  zustande. 

Die  Temperamente  bestehen  darin,  dass  in  dem  Verhältniss  der  Be- 
wegungen des  Organismus  ein  Vorbild  für  das  Verhältniss  der  Gemüths- 
bewegungen  abgegeben  ist,  das  heisst  dass  die  Seele  den  Typus  und  das 
Verhältniss  der  Bewegungen,  an  welche  sie  gebunden  ist,  hinterdrein  auf 
die  Ordnung  und  das  Maass  ihrer  moralischen  Kräfte  überträgt. 

Die  Herrschaft  der  Seele  über  den  Körper  gibt  sich  [aufs  Deutlichste 
zu  erkennen,  wenn  man  die  Mischungsverhältnisse  des  lezteren  betrachtet. 
Die  Mischung  des  Körpers  ist  nämlich  eine  solche,  dass  er  die  grösste 
Neigung  hat,  in  Fäulniss  überzugehen,  und  doch  erliegt  er  ihr  in  unglaub- 
lich seltenen  Fällen.  Troz  der  zahlreichen  Ursachen,  welche  Krankheiten 
hervorbringen  können ,  werden  daher  die  Menschen  nur  selten  und  von 
einer  geringen  Anzahl  von  Krankheiten  befallen.  Die  Mischung  des 
Körpers  ist  darum  überhaupt  nur  von  einer  untergeordneten  Bedeutung 
und  wird  durch  die  Seele  wieder  überwunden.  Die  Abweichung  der  Be- 
ll* 


](34  Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Aufklärung. 

wegungen  von  ihrer  natürlichen  Ordnung  ist  dagegen  ungleich  wichtiger, 
als  eine  verhältnissmässige  Verderbniss  der  Materie. 
Pathologie.  Die  Krankheiten    sind    nach    Stahl   Reactionen,    d.  h.  Bewegungen, 

welche  die  Seele  zur  Bekämpfung  der  Krankheitsursachen  ausübt,  sie  will 
die  Ursache  damit  austreiben. 

Die  allgemeine  Anlage  zu  Krankheiten  sucht  Stahl  in  der  Neigung  der 
Körper  zur  fauligen  Zersezung,  die  nächste  Ursache  der  Krankheiten 
darin,  dass  ein  Hinderniss  entgegentritt  gegen  die  Thätigkeiten  der  Seele. 
Ueberfluss  des  Blutes  (Plethora)  und  Verdikung  desselben  sollen  die  all- 
gemeinsten Verhältnisse  sein,  welche  zur  Krankheit  führen.  Die  Beweg- 
ungen, welche  die  Seele  zur  Entfernung  der  Ursache  mache,  seien  aber 
nicht  immer  zwekmässig,  oft  seien  sie  unverhältnissmässig  stark,  oft 
schwankend  und  unordentlich,  aber  oft  auch  zu  schwach. 

Da  Plethora  der  Hauptfeind  der  Gesundheit  ist,  so  ist  für  Stahl  auch 
nichts  zwekmässiger,  als  wenn  durch  Blutergüsse  die  Plethora  gehoben 
wird.  Am  deutlichsten  sei  diess  bei  der  Menstruation;  aber  auch  beim 
männlichen  Geschlecht  finde  ein  ähnliches  Verhältniss  statt:  die  Hämorr- 
hoiden. Im  Kindesalter  gehe  die  Plethora  mehr  zum  Kopf,  beim  Jüngling 
zu  der  Brust,  im  männlichen  Alter  aber  zum  Unterleib  und  dieses  sei  das 
günstigste,  vorausgesezt,  dass  der  Hämorrhoidalabfluss  zustandekomme. 
Dieser  sei  daher  den  meisten  Constitutionen  heilsam  und  ihn  herbeizu- 
führen und  zu  erhalten,  gilt  für  Stahl  als  die  Aufgabe  des  Arztes.  Die 
Plethora  abdominalis  sieht  er  übrigens  als  die  Quelle  der  meisten  chron- 
ischen Krankheiten  an. 

Die  Hypochondrie  namentlich  ist  durch  diese  Plethora  bedingt,  und 
schon  die  zu  geringe  Flüssigkeit  des  Blutes  vermag  die  hypochondrischen 
Zufälle  auf  rein  materielle  Weise  hervorzurufen.  Soll  der  Körper  nicht 
gestört,  sondern  erhalten  werden,  so  steht  das  sicherste  und  anwendbarste 
Heilmittel  allein  der  Natur  zu  Gebot:  durch  angemessene  Vermehrung 
der  Bewegungen  das  ungünstige  Verhältniss  des  zu  bewegenden  Stoffes 
nicht  nur  zu  compensiren,  sondern  auch  zu  verbessern. 

Das  Fieber  ist  für  Stahl  nichts  anderes,  als  eine  Bewegung,  ein  motor- 
ischer, secretorischer  und  excretorischer  Act,  von  der  Seele  gegen  die 
vorhandene  Schädlichkeit  vorgenommen.  Alle  Erscheinungen,  welche  man 
einmüthig  für  bloss  krankhafte  gehalten  habe,  seien  nur  als  unmittelbare 
und  positive  Wirkungen  der  Natur  zu  einem  heilbringenden  Zweke  zu  er- 
klären, deren  Bestimmung  sich  auf  die  Austreibung  der  schädlichen  Materie 
beziehe,  welcher  sie  in  einem  angemessenen  mechanisch  organischen  Ver- 
hältniss entsprechen.  Schon  beim  Froste  sehe  man  diese  Tendenz.  Die 
Vermehrung  der  Ab-  und  Aussonderungen  im  Fieber  können  nur  durch 


Stahl.  165 

eine  Beschleunigung  des  Blutumlaufs  und  durch  die  Richtung  desselben 
nach  den  eigentümlich  entsprechenden  Organen  der  Secretion  und  Ex- 
cretion  bewerkstelligt  werden.  Das  Fieber  sei  also  heilsam,  so  namentlich 
auch  das  Wechselfieber,  und  dürfe  darum  nicht  unterdrükt  werden,  wie 
man  durch  China  in  schädlicher  Weise  versuche.  Stahl  hält  die  Seele  für 
so  nothwendig  beim  Fieber,  dass  er  behauptet,  lezteres  komme  bei  den 
Thieren  gar  nicht  vor,  wreil  ihnen  die  Seele  fehle ,  die  energia  aestimatoria 
tarn  rerum,  quam  actionum.  Die  Hauptaufgabe  der  ärztlichen  Ueberlegung 
ist  nach  ihm  im  concreten  Falle ,  quid  in  motibus  febrilibus  activum  insit, 
quid  vero  passivum. 

Das  Zurükdrängen  des  Blutes  von  der  Körperoberfläche  zu  den  innern 
Organen,  das  in  den  gelindesten  Graden  als  Gänsehaut,  in  den  höheren 
als  Schüttelfrost  erscheint,  bewirkt  auch  die  Convulsionen;  da  sie  gewöhn- 
lich am  Ende  gefährlicher  Krankheiten  eintreten ,  so  seien  sie  als  die 
lezte  Anstrengung  anzusehen  ne  quid  usquara  inausum  et  intentatum 
relinquatur. 

Die  Stokung  des  Blutes  erkennt  Stahl  als  blosse  verlangsamte  Be- 
wegung, er  will  von  ihr  die  Congestion  unterschieden  wissen,  weil  diese 
activerArt  sei  und  von  einem  durch  die  tonischen  Lebensbewegungen  be- 
wirkten verstärkten  Antriebe  der  Säfte  gegen  den  Theil  herrühre.  Die 
Entzündung  sieht  er  als  die  Folge  von  Congestion  und  Stokung  an  und 
unterscheidet  Rothlauf,  Phlegmone  und  Apostema  als  Formen  der  Ent- 
zündung. 

Die  wahrhaft  methodische  Therapie  muss  nach  ihm  Anweisung  geben,  Therapie, 
aufweiche  Art  der  Lebensthätigkeit  und  ihrer  Richtung,  dem  stets  bereiten 
Mitwirken  der  Natur  hülfreiche  Hand  geboten  werden  kann  und  soll. 
Ueber  die  Mischung  des  Körpers  und  über  alle  Bedingungen  derselben 
habe  die  Kunst  fast  keine  Macht,  und  das  ganze  Geschäft  des  Arztes 
müsse  vielmehr  darauf  gerichtet  sein,  das  Leben  selbst  in  ungestörter 
Thätigkeit  zu  erhalten.  Die  Aufgabe  sei,  die  natürlichen  und  günstigen 
Bestrebungen  der  Seele,  welches  die  Symptome  sind,  zu  leiten  und  zu 
verstärken,  namentlich  die  Ausleerungen  gehörig  zu  unterstüzen.  Beim 
Fieber  namentlich  sind  die  Ausleerungen  non  solum  tolerandae  sed  etiam 
observandae,  gubernandae  et  quoque  modo  juvandae  atque  promovendae. 

Stahl  war  ein  Feind  vieler  kräftiger  Arzneimittel,  der  China,  des 
Opiums,  des  Eisens  und  der  Reizmittel.  Seine  Hauptmedicamente  waren 
Laxantien:  Aloe,  Rhabarber,  Jalappe,  die  er  namentlich  in  chronischen 
Krankheiten  gab;  in  acuten  Krankheiten  gab  er  kühlende  Salze,  und  all- 
gemeine wie  örtliche  Blutentziehungen  wurden  von  ihm  sehr  gerühmt: 
namentlich  sah  er  die  Aderlässe  als  Mittel  zur  Herbeiführung  von  Krisen  an. 


.166  Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Aufklärung. 

Uebrigens  trieb  er  auch  einen  lucrativen  Handel  mit  sogenannten  er- 
öffnend balsamischen  Pillen,  welche  aus  Antimon,  Aloe  und  Helleborus 
bestanden  haben  sollen. 

stahi's  Schüler  Stahl's  Schüler  waren  wenig  zahlreich  und  meist  keine  grossen  Geister, 

fast  durchaus  frömmelnde,  mystische  Schwäzer  ohne  alle  neuen  Ideen  und 
voll  von  selbstgefälligen  Phrasen. 

Johann  Samuel  Karl  1645 — 1737,  dänischer  Leibarzt,  den  Stahl 
selbst  als  seinen  ächten  würdigsten  Schüler  bezeichnete,  ist  ohne  alle 
Originalität,  aber  unbedingter  Verehrer  von  Stahl. 

Georg  Coschwitz,  1679 — 1729,  Professor  in  Halle ,  schrieb  Organ- 
ismus et  Mechanismus  in  nomine  vivo  1728. 

Georg  Neu t er,  um  1714  Professor  in  Strassburg. 

Johann  Junker,  von  1729  Professor  in  Halle,  der  zuerst  in  Halle 
klinische  Uebungen  anstellte  (mit  Hilfe  des  Waisenhauses). 

Michael  Alb  er  ti,  1682 — 1757,  der  bekannteste  unter  den  Anhän- 
gern Stahls,  war  vollendeter  und  unverträglicher  Pietist,  wie  überhaupt 
der  Pietismus  eine  wesentliche  Stüze  des  stahlischen  Systems  war  und 
ihm  Anhänger  verschaffte,  aber  nicht  einen  einzigen,  auf  den  er  stolz 
sein  durfte. 

Im  Allgemeinen  wurde  Stahl  in  Deutschland  wenig  berüksichtigt  und 
erst  in  neuerer  Zeit  hat  er  Vertheidiger  gefunden,  welche  aber  bei  der 
Würdigung  seiner  Verdienste  allerdings  dieselben  vielfach  übertrieben. 

In  England  wurde  die  Stahlische  Lehre  von  Einzelnen  mit  der  Iatro- 
mechanik  vermischt. 

Am  meisten  aber  drang  die  Lehre  in  der  Schule  von  Montpellier  ein 
und  kam  dort  zu  einer  eigenthümlichen  weiteren  Ausbildung. 

h.  Boerhaave.  H e r m ann  Boerhaave,  Sohn  eines  Kaufmanns  in  Voorhout ,  geboren 
1668,  war  anfangs  zur  Theologie  bestimmt.  Er  erkrankte  im  elften  Jahre 
an  einem  Geschwür  am  Schenkel,  woran  er  sieben  Jahre  lang  vergebens 
behandelt  wurde.  Hiedurch  wurde  schon  damals  sein  Nachdenken  auf 
die  Medicin  gelenkt,  und  es  gelang  ihm  endlich,  durch  Waschungen  mit 
Urin  und  Salzen  die  Vernarbung  herbeizuführen.  Indessen  sezte  er  theo- 
logische und  philosophische  Studien  fort  und  beschäftigte  sich  namentlich 
mit  Mathematik,  welche  damals  als  Schlüssel  für  alle  Wissenschaften  galt. 
Nachdem  er  1690  Doctor  der  Philosophie  geworden  war,  gab  er  eine  Zeit 
lang  Unterricht  in  der  Mathematik.  Bei  der  Anfertigung  eines  Catalogs 
für  die  Bibliothek  von  Leyden  erwarb  er  sich  van  de  Berg's  Gunst,  der 
ihm  rieth,  zum  Studium  der  Medicin  überzugehen.  Er  trieb  nun  Botanik, 
Anatomie.  Chemie  und  hörte  theoretische  Medicin  bei  dem  Iatrochemiker 


Boerhaave.  \Q*J 

Drelincourt,  sowie  bei  dem  Iatromathematiker  Pitcairn.  Daneben 
las  er  aufs  eifrigste  Spinoza's  Schriften,  und  der  Verdacht  über  seine 
Rechtgläubigkeit,  den  er  sich  dadurch  zuzog,  veranlasste  ihn,  die  Theologie 
vollends  aufzugeben  und  sich  ganz  der  Medicin  zu  widmen.  Bei  seiner 
Promotion  disputirte  er  über  die  Notwendigkeit,  die  Excremente  der 
Kranken  zu  untersuchen.  Anfangs  war  sein  Erfolg  gering,  bis  nach  Dre- 
lincourts  Tode  die  Curatoren  der  Universität  Leyden  auf  ihn  aufmerksam 
wurden  und  er  1701  auf  den  Lehrstuhl  der  theoretischen  Medicin  berufen 
wurde.  Bei  seiner  Antrittsrede  hob  er  die  Nothwendigkeit  des  Studiums 
von  Hippocrates  so  dringend  hervor,  dass  er  schon  dadurch  eine  gewisse 
Berühmtheit  erlangte  und  bald  darauf  einen  Ruf  nach  Groningen  erhielt; 
doch  lehnte  er  diesen  ab,  blieb  in  Leyden,  und  der  Erfolg  seiner  Vorträge 
war  so  gross,  dass  in  wenigen  Jahren  von  allen  Gegenden  Europa's 
Schüler  ihm  zuströmten.  1709  erhielt  er  auch  die  Professur  der  Botanik 
und  eröffnete  sie  mit  einer  Rede  über  die  Einfachheit  der  gereinigten 
Medicin ,  in  der  er  namentlich  die  Lehrsäze  der  Chemiatriker  und  Carte- 
sianer  zurükwies  und  die  Verfolgung  der  einfachen  Geseze  der  Natur  ver- 
langte. Er  erkannte  zwar  die  Wichtigkeit  der  mathematischen  Methode 
an ;  allein  er  erklärte  sie  nur  für  einen  unvollkommenen  Versuch  und  be- 
zeichnete als  Hauptaufgabe  des  Arztes  die  einfache  Beobachtung  der  Natur 
in  Krankheiten.  Seinem  neuen  Fach  wendete  er  sich  daneben  mit  grossem 
Eifer  zu.  1714  jedoch  erhielt  er  die  Direction  des  Krankenhauses  und 
war  der  Erste,  der  einen  geordneten  klinischen  Unterricht  gründete.  1718 
erhielt  er  überdiess  die  Professur  der  Chemie.  In  allen  diesen  Aemtern 
zeigte  er  eine  bewundernswürdige  Thätigkeit.  Sein  Lehrtalent  muss  ein 
immenses  gewesen  sein.  Ausser  der  Chemie  trug  er,  was  damals  eine  Selten- 
heit war,  alle  seine  Vorlesungen  vollkommen  frei  vor.  .  Aber  er  war  auch 
der  berühmteste  Lehrer  seiner  Zeit.  Kein  Hörsaal  der  Universität  reichte 
aus,  seine  Zuhörer  zu  fassen,  und  in  allen  Ländern  galt  es  als  Empfehlung, 
Boerhaave's  Schüler  gewesen  zu  sein.  Magnus  Boerhaavius  ist  sein  ste- 
hender Titel.  Mit  seinem  Ruhm  verband  sich  der  der  Universität  Leyden. 
Seine  Landsleute  vergötterten  ihn  und  illuminirten  die  Stadt  zu  seinem 
Genesungsfeste.  Consultationen  aus  allen  Theilen  der  Welt  kamen  ihm 
zu,  und  selbst  bis  China  soll  sich  sein  Ruf  erstrekt  haben.  Dabei  behielt 
er  bis  zu  seinem  Ende  eine  liebenswürdige  Bescheidenheit.  Als  Rector 
der  Universität  hielt  er  1730  eine  Rede  de  honore  medici  Servitute,  und 
nach  Berlin  zur  Consultation  in  Friedrich  Wilhelm  I  Krankheit  berufen, 
lehnte  er  es  ab  mit  der  Bemerkung,  der  König  habe  an  Fr.  Hoffmann 
einen  so  grossen  Arzt  im  Lande,  dass  er,  Boerhaave,  überflüssig  sei.  Auf 
die  Herausgabe  fremder  Werke  verwendete  er  grosse  Summen,  so  auf 


168 


Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Aufklärung. 


Charakter 
seiner  Lehre. 


Pathologie. 


Swammerdam's  Bybel  der  naturen,  auf  Vesal's,  Bellini's,  Piso's 
und  anderer  Werke  und  liess  sie  auf  seine  Kosten  zum  Theil  mit  theuren 
Kupferstichen  druken.  Haller  sagt  von  ihm:  seine  Gelehrsamkeit  werden 
wohl  Einige,  wenn  auch  Wenige  erreichen,  seinen  göttlichen,  Alles  lie- 
benden Geist,  der  seinen  Neidern  und  Feinden  wohlwollte,  und  auch  den 
nicht,  der  ihm  täglich  widersprach,  verkleinerte,  Keiner! 

Er  starb  1738,  nachdem  er,  wie  einer  seiner  Biographen  sagt,  dreissig 
Jahre  lang  das  medicinische  Orakel  der  europäischen  Höfe,  der  Abgott 
seiner  Zuhörer  und  der  Gegenstand  der  Verehrung  der  ganzen  literarischen 
Welt  gewesen  war  und  hinterliess  seiner  einzigen  Tochter  mehr  als  zwei 
Millionen  Gulden. 

Boerhaave's  Lehre  zeichnet  sich  weniger  durch  Scharfsinn,  als  durch 
eine  formelle  Klarheit  des  Vortrags  und  durch  die  unmittelbare  klinische 
Anwendung  aus.  Er  schrieb  nicht  ein  System ;  nur  in  Aphorismen  und 
Institutionen  legte  er  seine  Grundsäze  nieder.  P'r  war  dabei  nichts  we- 
niger als  consequent  und  vereinigte  als  entschiedener  Eklektiker  ziemlich 
heterogene  Ansichten  in  sich  bis  zu  einem  Grade,  dass  die  Theorie  bei 
ihm  wie  eine  Nebensache  erscheint.  Die  Titelvignette  von  van  Swieten's 
Coramentarien  zu  Boerhaave  trägt  das  charakteristische  Motto:  Varietas 
delectat.  So  mischte  er  mechanische  Grundsäze  manchen  chemiatrischen 
bei;  immer  aber  weist  er  auf  die  Naturbeobachtung  hin  und  als  Muster 
für  sie  auf  Hippocrates  und  Sydenham.  Dadurch  erhielt  seine  Lehre  die 
praktische  Brauchbarkeit,  und  gerade  seine  geringere  Originalität  hat  ver- 
mittelnd gewirkt,  indem  die  geläufigen  Ansichten  der  damaligen  Zeit  sich 
bei  ihm  vereinigt  und  in  einer  ungezwungenen  Weise  mit  der  Naturbeob- 
achtung verbunden  fanden. 

Das  Leben  ist  nach  Boerhaave  ein  Zustand ,  der  zur  Wechselwirkung 
von  Seele  und  Leib  nothwendig  ist.  Gesundheit  besteht,  wenn  jener  Zu- 
stand so  beschaffen  ist,  dass  die  Functionen  mit  Leichtigkeit  und  Beständ- 
igkeit ausgeübt  werden.  Krankheit  ist  jeder  körperliche  Zustand,  welcher 
die  natürlichen  Actionen  beeinträchtigt.  An  einer  andern  Stelle  nennt 
er  die  Krankheit  einen  Mangel  an  Leben  und  Gesundheit  und  noch  an 
einer  andern  gibt  er  an,  sie  inhärire  dem  Körper. 

Die  Bewegung  ist  das  Princip  alles  Geschehens ;  aber  als  Grund  der 
Bewegung  bezeichnet  er  eine  übersinnliche  Ursache,  ein  unbekanntes 
Wesen,  das  zwischen  Geist  und  Materie  stehe,  das  Enormon. 

Die  Krankheiten  betreffen  entweder  die  festen  Theile  oder  die  Säfte. 
Die  Krankheiten  der  ersteren  entstehen  aus  dem  Zustand  der  Fasern,  der 
Gefässe  oder  der  Eingeweide,  die  entweder  straff  (rigid),  oder  schlaff  (lax) 
und  schwach  sein  können.     Die  Säftefehler  sind  entweder  spontan  und 


Boerhaave.  169 

bestehen  in  Säure  oder  in  Alkalität  oder  in  Zähigkeit  der  Säfte;  oder  die 
Säftekrankheit  ist  begründet  in  einer  ungeordneten  Bewegung  der  Säfte 
entweder  in  einer  beschleunigten,  was  man  an  dem  frequenten  Puls  erkennt 
(Fieber),  oder  in  einer  verlangsamten,  wohin  besonders  die  Plethora  gehört. 

Die  einfachste  Krankheit  unter  den  zusammengesezten  ist  die  Ob- 
struetion,  die  Verstopfung  der  Kanäle,  welche  Flüssigkeiten  führen.  Sie 
kommt  äusserst  häufig  vor,  begleitet  die  meisten  Krankheiten  und  ent- 
springt aus  zahlreichen  verschiedenen  Ursachen.  In  den  Blutkanälen  kann 
Verstopfung  eintreten  ausser  anderem  auch  durch  die  Form  und  Grösse 
der  Blutkügelchen,  die  bald  zu  gross,  bald  zu  klein,  bald  ekig,  spizig  oder 
scharf  sein  können. 

Die  Entzündung  ist  die  Reibimg  des  rothen  in  den  kleinsten  Arterien 
stokenden  Blutes,  welche  unterhalten  wird  durch  den  Andrang  des  nach- 
folgenden Blutes :  Inflammatio  est  sanguinis  rubri  arteriosi  in  minimis 
canalibus  stagnantis  attritus  a  motu  reliqui  sanguinis  moti.  Eine  solche 
Stagnation  des  Blutes  wird  hervorgebracht: 

1)  durch  mechanische  Verlezungen; 

2)  durch  Verstopfung  der  Gefässe,  von  innen  oder  aussen; 

3)  durch  eine  zu  starke  Bewegung ; 

4)  durch  Coagulantia. 

Auch  in  den  weissen  Gefässen,  wo  nur  Lymphe  ist,  kann  derselbe  Process 
stattfinden  und  gibt  dann  Zustände ,  welche  man  die  weisse  Entzünd- 
ung nennt. 

Das  Wesen  des  Fiebers  besteht  in  einer  schnellen  Herzcontraction 
mit  vermehrter  Resistenz  der  Capillargefässe.  Von  hier  an  hört  die 
Temperaturerhöhung  als  Begriffsbestimmung  des  Fiebers  auf  (obwohl 
Boerhaave  selbst  Temperaturmessungen  vorgenommen  hat),  und  vermehrte 
Pulsfrequenz  tritt  an  ihre  Stelle.  Zugleich  aber  bezeichnet  Boerhaave 
auch  in  teleologischer  Weise  das  Fieber  als  den  Kampf  der  Natur,  um 
den  Tod  abzuhaken.  Die  aus  acutem  Fieber  hervorgehenden  Symptome 
sind  nach  Boerhaave  frigus,  tremor,  auxietas,  sitis,  nausea,  ruetus,  vo- 
mitus,  debilitas,  calor,  aestus,  siccitas,  delirium,  coma,  pervigilium,  con- 
vulsio,  sudor,  diarrhoea,  pustulae  inflammatoriae. 

Die  chronischen  Krankheiten  entstehen  entweder  aus  Säftefehlern: 
Dyscrasien,  oder  aus  Residuen  ungeheilter  acuten  Krankheiten. 

Die  chronischen  Dyscrasien  rühren  ausser  von  den  schon  angeführten 
spontanen  Säftefehlern  namentlich  von  Einführung  schlechter  Nahrungs- 
mittel her.     Er  stellt  sieben  Arten  von  Dyscrasien  auf. 

1)  Die  saure  Schärfe.  Aus  ihr  entstehen  Magenkrankheiten,  saures 
Aufstossen,  saure  Faeces,  saurer  Sehweiss  und  Speichel,  saure  Milch, 


170  l>ie  Mediciu  im  Zeitalter  der  Aufklärung. 

träge.  Galle,  blasse  Gesichtsfarbe,  Stuhlverstopfung,  Beissen  auf  der  Haut, 
Pusteln  und  Geschwüre,  Reizungen  des  Gehirns  und  der  Nerven,  daher 
Convulsionen  und  Tod.  Die  Behandlung  besteht  in  vegetabilischer 
Nahrung,  Bewegung,  Kräftigung,  absorbirenden ,  diluirenden  und  ab- 
stumpfenden Medicamenten. 

2)  Die  herbe  Schwäche  von  herben  Früchten  und  ähnlichen  Dingen: 
dadurch  coaguliren  die  Säfte,  die  Gefässe  ziehen  sich  zusammen,  es  ent- 
stehen harte  Obstructionen.  Die  Mittel  sind  diluirende ,  fixe  Alkalien 
und  Seife. 

3)  Die  aromatische  Fettschärfe  entsteht  von  reizenden  gewürzhaften 
Speisen  und  Getränken.  Es  entwikeln  sich  daraus  Hize,  Schmerzen, 
Verdünnung  der  Säfte,  Fäulniss,  Extravasate.  Die  Behandlung  besteht 
in  Wassertrinken,  Mehlspeisen,  schleimigen  und  sauren  Mitteln. 

4)  Die  träge,  fettige  oder  ölige  Schärfe  von  Fettnahrung,  Fischnahr- 
ung, Oelen;  daraus  entsteht  Obstruction  ,  ranzige  Galle,  Entzündungen 
und  die  schlimmste  Fäulniss.  Die  Behandlung  besteht  in  Diluentien, 
Seife  und  sauren  Mitteln. 

5)  Die  salzige  Schärfe  von  gesalzenen  Nahrungsmitteln,  zerstört  die 
Gefässe,  löst  die  Flüssigkeiten  auf  und  macht  sie  scharf;  daraus  entstehen 
Atrophie ,  Extravasate ,  langsame  Fäulniss ,  Petechien  und  Scorbut.  Die 
Behandlung  erfordert  Wasser,  Säuren  und  Laugen. 

6)  Alkalinische  Beschaffenheit  hängt  ab  von  thierischen  Nahrungs- 
mitteln, namentlich  von  nicht  frischen  Substanzen,  und  es  entsteht  daraus 
Durst,  Appetitlosigkeit,  übelriechendes  Aufstossen,  hässliche  Belege  an 
Zunge  und  Mund,  Widerwille  gegen  Alles ,  Diarrhoe  ,  Bauchschmerzen, 
unleidliche  Hize,  sofort  hiziges  Fieber,  Entzündungen,  Gangrän.  Die 
Therapie  verlangt  Säuren,  Salze,  Wasser,  abstumpfende  Mittel,  Ruhe 
und  Schlaf. 

7)  Die  glutinöse  Beschaffenheit  hängt  ab  von  rohen  Mehlspeisen, 
schlechter  Nahrung,  unvollkommener  Bewegung  und  erregt  Verstopfung, 
Wassersucht,  träge  Galle,  Viscidität  und  langsame  Bewegung  des  Blutes, 
Obstructionen,  Concretionen,  gehemmte  Secretionen,  Suffocation  und  Tod. 
Die  Behandlung  besteht  in  gut  gegohrenen  Nahrungsmitteln  mit  Salz  und 
Gewürz,  kräftigen  Suppen,  Stärkung,  Bewegung,  Kälte  und  Wärme,  in 
diluirenden,  resolvirenden,  stimulirenden,  seifenartigen  Mitteln. 

So  roh  diese  Crasenlehre  war,  so  wurde  sie  mit  Begierde  aufgenommen 
und  ein  maassloser  Schlendrian  in  der  Praxis  dadurch  eingeführt. 

Keine  unter  allen  chronischen  Krankheiten  hat  Boerhaave  mit  mehr 
Vorliebe  behandelt  als  den  Scorbut,  welcher  nach  ihm  in  einem  compli- 
cirten  Säftefehler  besteht:  Tenuitas  zugleich  mit  Crassities  und  mit  saurer, 


Boerhaave. 


171 


alkalinischer  oder  salziger  Beschaffenheit.  Fast  allen  chronischen  Krank- 
heiten waren  damals  nach  Boerhaave's  Schule  etwas  scorbutisches  beige- 
mischt und  namentlich  wurde  jeder  trübe  Urin,  jeder  üble  Geruch  der 
Ausleerungen  als  Beweis  dieser  Complication  angesehen. 

Ueberall  stösst  man  bei  Boerhaave  auf  Eintheilungen  der  Ursachen, 
der  Affectionen  und  ebenso  der  Indicationen,  aber  meist  erscheinen  sie  nur 
als  äussere  Anordnung  ohne  logische  Schärfe.  Eine  gewisse  oberfläch- 
liche Klarheit  und  Verständigkeit  tritt  allenthalben  hervor ,  und  es  hat 
sich  diese  Weise  lange  Zeit  in  der  allgemeinen  Pathologie  und  in  der 
allgemeinen  Materia  medica  erhalten.  Auch  stammen  die  Collectivbenenn- 
ungen  für  gewisse  Reihen  von  Arzneimitteln  von  ihm  her. 

Die  Receptur  Boerhaave's,  wenngleich  sie  noch  vielfach  sehr  complicirt 
ist,  hat  doch  auch  schon  einfache  Formeln  und  zeigt  denselben  eklekt- 
ischen Charakter  wie  seine  pathologischen  Ansichten.  Van  Swieten  hat 
seinen  Commentarien  den  Libellus  de  materiae  medica  et  remediorum  for- 
mulis  Boerhaave's  beigefügt. 


Boerhaave's 
Schüler. 


Boerhaave  hatte  das  Glük,  ausgezeichnete  Schüler 'zu  finden,  und  er 
hat  mit  einem  wahren  Zauber  sie  dauernd  an  sich  zu  fesseln  gewusst. 
Mehrere  wraren  unter  denselben ,  die  ihn  weit  überragten  und  die  dennoch 
die  höchste  Pietät  gegen  ihn  zeigten ,  die  eine  Ehre  darein  sezten ,  seine 
Werke  zu  ediren ,  zu  commentiren  und  durch  Zusäze  brauchbarer  zu 
machen,  die  seinen  Ruhm  verbreiteten,  während  sie  oft  seiner  Lehre  nur 
theihveise  treu  blieben. 

Boerhaave's  Lehre  war  eine  zu  wenig  fundirte  und  consequente,  als 
dass  sie  sich  hätte  rein  erhalten  können ;  aber  sie  enthielt  Keime,  welche 
sich  weiter  zu  entwikeln  vermochten.  Dabei  wurden  von  seinen  Schülern 
bald  mehr  seine  dynamistischen  Anschauungen ,  bald  mehr  die  humoral- 
pathologischen  ausgeführt.  Die  erstere  Richtung  repräsentirte  zugleich 
die  mehr  theoretische  Behandlung  der  Pathologie;  es  gehörten  ihr  an: 
Abraham  Kaauw  Boerhaave,  Gorter,  Haller  und  Gaub.  Die  humoral- 
pathologische  Richtung  dagegen  wurde  von  van  Swieten ,  de  Haen  und 
der  übrigen  AViener  Schule  verfolgt  und  hatte  überwiegend  practische 
Tendenzen. 

Abraham  Kaauw  Boerhaave,  Hermann's  Neffe  (1715 — 1758),  hatte    At>r.  Boerhaa 
nur  untergeordnete  Bedeutung.      Er  schrieb  über  das  Impetum   faciens 
des  Hippocrates  und  seine  Identität  mit  dem  Kervenfluidum. 

Johann  von  Gorter,  Professor  zu  Haderwyk  ,   wro  er  von  1725  an  in         Gorter. 
sich  allein  die  ganze  medicinische  Facultät  vereinigte,  indem  er  Anatomie, 
Physiologie,  Chemie,  Botanik,  allgemeine  Pathologie,  practische  Medicin, 


172  Die  Mediciu  im  Zeitalter  der  Aufklärung. 

Klinik  und  Chirurgie  vortrug.  Er  machte  jene  Universität  in  Kurzem 
berühmt;  allein  der  Ruhm  verschwand  wieder,  als  er  1754  nach  Peters- 
burg als  Leibarzt  abging.  Er  starb  1762.  Gorter  schrieb  einen  der 
besten  Commentarien  über  die  Aphorismen  des  Hippocrates,  einMedicinae 
Compendium  in  usum  exercitationis  domesticae,  vier  Exercitationes  me- 
dicae  nebst  vielem  Anderem.  Anfangs  folgte  er  genau  der  Lehre  Boer- 
haave's ;  später  verwarf  er  vieles  davon ,  erklärte  die  Mechanik  für  unzu- 
reichend ziir  Erklärung  der  physiologischen  Vorgänge ,  und  nahm  nun  in 
allen  Theilen  des  Körpers  ein  von  dem  Nervenfluidum  verschiedenes  Princip 
an,  welches  er  vitale  Bewegung  nannte  und  welches  auch  den  Pflanzen 
zukommen  solle.  Die  vitale  Bewegung  sei  unabhängig  von  den  Nerven, 
aber  auch  von  der  todten  Elasticität  zu  unterscheiden.  Die  äusseren 
Dinge  können  als  Reize  auf  die  vitalen  Bewegungen  wirken.  In  der  Ent- 
zündung sieht  er  keine  Stokungen,  sondern  eine  von  der  Einwirkung  des 
Reizes  veranlasste  vitale  Bewegung  der  Gefässe. 

Somit  hat  er  die  mechanische  Auffassung  zu  Gunsten  der  vitalist- 
ischen  noch  weiter  als  Fr.  Hoflfmann  beschränkt  und  zu  dem  Nerven- 
dynanismus  noch  eine  vitale  Eigenschaft  der  lebenden  Materie  selbst  hin- 
zugefügt, die  bei  dem  zunächst  folgenden  Physiologen  die  umfangsreichste 
Berüksichtigung  fand. 

Uebrigens  hält  Gorter  alle  Theile  der  medicinischen  Theorie  für  so 
ausgebildet,  ut  vix  aliquid  videatur  restare  und  nur  die  Praxis  ist  nach 
ihm  noch  zu  sehr  zurükgeblieben. 

Gorter  war  ein  systematischer  Kopf,  wie  aus  seiner  Eintheilung  der 
Störungen  hervorgeht  (siehe  Belege). 

Haiier.  Albert  von  Haller,  geboren  1708  zu  Bern,  zeigte  von  frühester  Jugend 

auf  einen  systematischen  Geist  und  eine  scientife  Tendenz.  Sobald  er 
schreiben  konnte,  legte  er  sich  ein  Wörterbuch  an,  in  das  er  alle  Worte 
eintrug  mit  der  Bedeutung,  die  er  erfuhr.  Als  er  fremde  Sprachen  lernte, 
machte  er  auch  von  diesen  Wörterbücher  und  als  er  mit  Geschichte  sich 
beschäftigte,  schrieb  er  historische  Wörterbücher.  Er  versichert,  noch 
oft  später  in  diesen  Arbeiten  seines  kindlichen  Geistes  sich  Raths  erholt 
zu  haben.  Dabei  war  er  nichts  weniger  als  pedantisch,  vielmehr  von  sehr 
munterem  Temperament.  Im  10.  Jahre  schon  verfertigte  er  lateinische  und 
deutsche  Spottgedichte  auf  seine  Lehrer  und  sein  poetisches  Talent  hatte 
besonders  in  seiner  Jugend  durchaus  die  Tendenz  zur  Satyre ,  welcher  er 
jedoch  später  gänzlich  entsagte.  1723,  also  im  fünfzehnten  Jähre  bezog 
er  die  Universität  Tübingen,  um  unter  Duvernoi  und  Camerarius  Medicin 
zu  studiren.     Schon  im  folgenden  Jahre  schrieb  er  einen  polemischen 


Hall  er.  173 

Artikel  gegen  eine  anatomische  Behauptung  des  Professor  Coschwitz  in 
Halle.  Indessen  blieb  er  nicht  lange  in  Tübingen ;  er  soll  dort  relegirt 
worden  sein,  weil  er  mit  andern  Studenten  einen  Hirten  mit  Branntwein 
so  besoffen  machte,  dass  dieser  dabei  ums  Leben  kam.  1725  zog  er  nach 
Leyden  zuBoerhaave.  Sowohl  dieser,  als  der  dortige  Professor  der  Ana- 
tomie, der  damals  noch  sehr  junge  Albinus  leiteten  seine  Studien  und 
Beide  schenkten  ihm  ihre  Freundschaft.  Im  achtzehnten  Jahre  wurde  er 
Doctor,  reiste  dann  in  England  und  Frankreich;  aus  Paris  musste  er 
fliehen,  weil  er  in  seiner  Wohnung  Leichen  secirt  hatte.  Von  da  ging  er 
nach  Basel,  studirte  Mathematik  beiBernoulli  und  begab  sich  1729 
nach  seiner  Vaterstadt  Bern  zurük ,  um  zu  practiciren,  woneben  er  mit 
Vorliebe  Botanik  trieb.  1734  erhielt  er  die  Direction  des  dortigen  Hospi- 
tales  und  im  selben  Jahre  Hess  er  ein  anatomisches  Amphitheater  bauen 
und  wurde  als  Lehrer  der  Anatomie  angestellt.  Von  dieser  Zeit  stammen 
die  meisten  seiner  Gedichte  und  mehrere  kleinere  Aufsäze  nicht  medicin- 
ischen  Inhalts,  wie  vom  Nuzen  der  Demuth  und  vom  Nachtheile  des  Wizes. 
1735  wurde  ihm  die  Aufsicht  über  die  Berner  Stadtbibliothek  anvertraut 
und  er  benuzte  sie  im  reichsten  Maasse  zu  historischen  und  bibliograph- 
ischen Arbeiten.  1736  wurde  er  als  Professor  der  Anatomie,  Chemie  und 
Botanik  nach  Göttingen  berufen  und  erklärte  dort  die  Institutionen  Boer- 
haave's ,  die  er  mit  einem  Commentar  1739  herausgab.  Dabei  sezte  er 
seine  botanischen  Studien  fort;  mehrere  grosse  klassische  botanische  Werke 
und  eine  bedeutende  Anzahl  anatomischer  Schriften,  nebst  seinem  anatom- 
ischen Atlas  stammen  aus  dieser  Zeit. 

Sein  erstes  physiologisches  Auftreten  war  eine  polemische  Arbeit  über 
die  Respiration  (1727).  Er  zeigte  die  Nichtigkeit  der  Annahme  von  Luft 
zwischen  Pleura  und  Lunge  gegen  Professor  Hamberger.  Ein  lebhafter 
Streit  erhob  sich  von  da  an  zwischen  Beiden,  in  welchem  Haller  zulezt 
Sieger  blieb.  1747  gab  er  seine  primae  lineae  physiologiae  heraus  und 
zehn  Jahre  später  sein  grosses  physiologisches  Werk  elementa  physiologiae 
corporis  humani,  mit  welchem  eine  neue  Epoche  der  positiven  Physiologie 
begann.  Mehrere  polemische  Schriften,  worin  er  seine  Ansicht  über  die 
Irritabilität  vertheidigte,  folgten.  Haller's  Ruhm  und  damit  der  Ruf  der 
Universität  Göttingen  wuchs  mit  jedem  Jahre;  er  wurde  der  Gründer  der 
Göttinger  Gesellschaft  der  Wissenschaft  und  der  noch  jezt  bestehenden 
gelehrten  Anzeigen.  Nach  siebzehnjährigem  Aufenthalt  daselbst  nöthigte 
seine  Gesundheit  ihn,  es  zu  verlassen;  er  kehrte  1753  nach  Bern  zurük 
und  widmete  sich  dem  Gouvernement  und  der  Herausgabe  grosser  krit- 
ischer Literargeschichten  über  Botanik  ,  Anatomie ,  Chirurgie  und  pract- 
ische  Medicin,  Werke,  die  ihresgleichen  nicht  haben.    In  den  lezten  Jahren 


174  Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Aufklärung. 

lebte  Haller  fast  einzig  seiner  Bibliothek,  er  schlief  dort  und  brachte 
Monate  lang  in  ihr  zu.  Seine  Gattin,  seine  Kinder,  seine  Schüler,  seine 
Freunde ,  Alle  mussten  mithelfen  bei  seiner  ausgebreiteten  literarischen 
Thätigkeit  und  nur  so  wurde  es  möglich,  wie  er  in  wenig  Jahren  nicht  nur 
eine  Masse  kleiner  Abhandlungen,  z.  B.  allein  über  12,000  Recensionen, 
sondern  auch  eine  Reihe  von  grossen  werthvollen  Werken  zu  Tage  fördern 
konnte,  zu  deren  manchem  man  ein  Menschenleben  kaum  für  genügend 
lang  schäzen  möchte.  Er  starb  am  12.  Dezember  1777. 
Irritabilitätslehre.  Schon  längst,  nemlich  seit  der  iatromechanischen  Schule  hatte  man 
die  Bewegungen  als  das  wesentlichste  Lebensphänomen  erkannt.  Haller 
analysirte  dieses  Phänomen  und  bestimmte  den  Antheil  der  Muskeln  daran. 
Damit  hat  er  die  schon  von  Glisson,  aber  ohne  Erfolg  vorgetragene 
Lehre  von  der  Reizbarkeit  in  die  Medicin  eingeführt.  Bereits  1739  hatte 
Haller  in  den  Commentarien  zu  Boerhaave  auf  die  thierische  Reizbarkeit 
hingedeutet. 

In  seiner  Physiologie  1747  unterschied  er  dreierlei  Kräfte  in  den  Mus- 
keln, die  todte,  das  ist  die  Elasticität,  sodann  die  eingepflanzte,  d.  h.  die 
der  organischen  Substanz  eingeborene  und  von  ihr,  so  lange  die  Substanz 
lebend  ist,  unzertrennliche,  welche  er  die  Irritabilität  nennt,  und  endlich 
die  Nervenkraft.  Die  eingepflanzte  Kraft,  oder  die  Irritabilität  dauert 
auch  nach  dem  Tode  einige  Zeit  fort  und  äussert  sich  durch  abwechselnde 
Zusammenziehung  und  Erschlaffung.  Die  Nervenkraft  kommt  den  Mus- 
keln nur  von  aussen  her  zu  und  erhält  die  eingepflanzte  Kraft,  welche 
leztere,  ohne  mit  ihr  einerlei  zu  sein,  doch  erlischt,  sobald  jene  einige  Zeit 
lang  aufgehört  hat  zu  wirken. 

Im  Jahre  1752  theilte  er  der  Göttinger  Academie  gegen  200  Experi- 
mente über  diesen  Gegenstand  mit,  in  welchem  er  eine  Anzahl  Gewebe 
und  Organe  auf  ihre  Empfindlichkeit  untersucht  hatte,  d.  h.  einerseits  auf 
die  Fähigkeit,  äussere  Eindrüke,  Schmerzen  zum  Bewusstsein  zu  bringen, 
andererseits  auf  Reizbarkeit  oder  Irritabilität,  d.  h.  auf  die  Fähigkeit, 
nach  äusseren  Eindrüken  sich  zu  bewegen  und  sich  zu  contrahiren.  Er 
zeigte,  dass  die  Empfindlichkeit  vorzüglich  in  den  Nerven  stattfinde;  ganz 
unempfindlich  seien  die  Pleura,  das  Peritoneum,  die  Bronchien,  die  Ein- 
geweide, die  Hirnhäute,  ferner  fehle  die  Empfindlichkeit  durchaus  jedem 
vom  Leben  abgetrennten  Theile.  Reizbar  dagegen  seien  nur  diejenigen 
Theile,  die  Muskelfasern  enthalten  und  der  Uterus;  das  Zellengewebe  sei 
nicht  irritabel,  sondern  nur  contractu  (durch  Kälte  u.  dergl.),  was  keine 
lebendige  Bewegung  sei.  Die  Nerven  selbst  seien  nicht  reizbar ,  denn  sie 
bewegen  sich  nicht;  die  Reizbarkeit  könne  daher  auch  nicht  identisch  sein 
mit  der  Nervenkraft  und  von  den  Nerven  den  Muskeln  nicht  mitgetheilt 


Haller.  175 

werden ;  denn  jene  können  nicht  austheilen ,  was  ihnen  selbst  abgeht 
Die  Reizbarkeit  erhalte  sich  auch  im  abgetrennten  Muskel  eine  Zeitlang 
und  diejenigen  Muskeln  erklärt  Haller  für  die  reizbarsten ,  welche  diese 
Eigenschaft  am  längsten  nach  dem  Tode  behalten,  daher  unter  allen  das 
Herz,  dann  die  Därme,  sofort  das  Zwerchfell,  zulezt  die  willkürlichen 
Muskeln;  bei  der  lozteren  könne  nur  der  starke  Reiz  des  Willens,  der 
durch  die  Nerven  auf  sie  wirke,  Contractionen  veranlassen,  während  im 
Herzen  solche  schon  durch  die  Anwesenheit  des  Blutes  erfolgen. 

Haller  untersuchte  nun  weiter  die  Differenzen  der  Reizbarkeit  und  die 
Nervenkraft.  Jene  wirken  fortwährend,  Leztere  nur  durch  den  Willen; 
das  Resultat  beider  sei  freilich  das  gleiche ,  nemlich  Contraction  der 
Muskelfasern. 

Die  Entdekung  der  Irritabilität  hat  Bahn  gebrochen  in  der  vitalen 
und  organischen  Physiologie,  indem  durch  sie  das  Vorhandensein  gewisser 
nicht  physicalischer  oder  chemischer  und  doch  auch  nicht  von  den  Nerven 
direct  abhängiger,  aber  an  eine  bestimmte  Organisation  gebundener  Vor- 
gänge aufgedekt  wurde.  Früher  hatte  man  entweder  nur  Analoga  der 
chemischen  Processe  und  mechanischen  Verhältnisse  im  Körper  geduldet, 
oder  supernaturalistische  Kräfte,  Ausflüsse  eines  Archäus,  einer  Seele 
auf  imaginären  Bahnen  durch  den  Körper  ziehen  und  in  den  einzelnen 
Organen  die  Functionen  vernichten  lassen;  oder  endlich  man  hatte  die 
Bewegung  als  une.xplicable  Function  des  Körpers  gelten  lassen.  Haller 
zerlegte  die  tbierische  Bewegung  und  fand  dabei  ein  Elementarpbänomen, 
das  von  einer  bestimmten  Organisation,  von  der  Muskelfaser  abhängt, 
das  in  jedem  Augenblike  durch  das  einfachste  Experiment  hervorgebracht 
werden  kann  und  das  nirgends  ein  Analogon  in  der  unorganischen 
Natur  hat. 

Haller  hielt  seine  Entdekung  im  Ganzen  in  den  gehörigen  Grenzen, 
d.  h.  er  sah  die  Irritabilität  als  Eigenschaft,  als  inwohnende  Kraft  der 
Muskelfaser  an.  In  seiner  Theorie  der  Temperamente  thut  er  freilich  den 
Missgriff,  diese  Eigenschaft  auf  die  Gesammtverhältnisse  des  Körpers 
auszudehnen;  das  phlegmatische  Temperament,  sagte  er,  beruhe  auf  ge- 
ringerer Reizbarkeit  mit  Schwäche  der  Faser,  das  sanguinische  auf  grosser 
Reizbarkeit  mit  Schwäche  der  Faser,  das  cholerische  auf  grosser  Reiz- 
barkeit mit  Stärke  der  Faser.  An  einer  anderen  Stelle  spricht  er  von 
einer  specifischen  Irritabilität,  von  Reizempfänglichkeit  gewisser  Organe 
gegen  bestimmte  Reize  und  sucht  daraus  manche  Medicamentenwirkungen 
zu  erklären.  Diese  ungebührliche  und  dem  Begriff  selbst  widersprechende 
Ausdehnung  der  Reizbarkeit  stellt  bereits  den  ersten  Anfang  einer  höchst 


176  Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Aufklärung. 

verwirrten  Handhabung  dieses  Begriffes  dar,  welche  bei  den  Späteren  jedes 
Maass  überschritten  hat. 
Begründung  der  Haller's  Verdienste  beschränkten  sich  jedoch  nicht  auf  jene  einzige 

specio  en       Entdekung.     Er  war  der  erste,  der  den  Versuch  und  mit  glänzendem  Er- 

Physiologie.  °  ö 

folge  machte,  eine  organische  Physiologie  aufzustellen.  Was  die  Iatro- 
mechaniker  für  die  Bewegungen  gethan  hatten,  das  versuchte  Haller  für 
die  gesammte  Physiologie;  Organ  um  Organ  geht  er  durch,  schliesst  aus 
dem  anatomischen  Verhalten,  aus  Experimenten  und  anderen  Thatsachen 
auf  die  Functionen  und  erklärt  die  Aeusserungen  und  Symptome  dieser 
Functionen.  Er  hat  dadurch  das  gesammte  Leben  zerlegt  in  eine  Menge 
einzelner  Erscheinungen.  Dieser  Weg  der  Untersuchung  war  für  die  da- 
malige Zeit  ein  unendlicher  Fortschritt;  denn  man  forschte  bis  dahin 
nicht,  was  thut  die  Leber,  der  Darm,  die  Harnblase;  sondern  man  fragte, 
was  thut  die  Seele  oder  der  Nervengeist,  was  geschieht,  wenn  das  Blut 
auFbrausst,  wenn  es  sich  in  falsche  Wege  verläuft,  spizig  oder  scharf  wird  ? 

Haller  hat  zuerst  die  ganze  Physiologie  als  empirische  Wissenschaft 
dargestellt  mit  aller  Bestimmtheit,  welche  Beobachtungen,  Experimente 
und  ein  vorsichtiges  Raisonnement  verleihen  können.  Er  hat  dieser  Wis- 
senschaft den  Geist  der  Exactheit  eingepflanzt,  dessen  sie  nur  vorüber- 
gehend später  sich  wieder  entäussert  hat. 

Haller  ging  an  allen  Orten  kritisch  zuwerke.  Seine  Physiologie  ent- 
hält daher  alle  wichtigen  Ansichten  vor  ihm ;  er  prüft  sie  und  bringt  die 
Gründe  gegen  sie  an.  Diese  Discussionen  erscheinen  uns  freilich  jezt  der 
vielen  Mühe  oft  nicht  werth;  allein  man  muss  sich  erinnern ,  dass  ent- 
gegengesezte  Ansichten  zu  Haller's  Zeit  eine  unbeschränkte  Autorität 
genossen.  Eine  Menge  einzelner  Entdekungen  knüpfen  sich  an  diese 
Erörterungen,  so  z.  B.  dass  die  dura  mater  sich  nicht  bewege,  die  Nerven 
nicht  oscilliren,  die  Sehnen  sich  passiv  verhalten,  dass  der  Muskel  bei  der 
Contraction  nicht  bleich  werde  und  sofort. 

Gegner  der  Haller's  Irritabilitätslehre  fand  rasch  zahlreiche  Gegner  und  Bewun- 

derer; die  Sache  der  Irritabilität  verdrängte  in  Kurzem  alle  andern  phy- 
siologischen und  pathologischen  Fragen.  Schon  1763  nahm  die  Berliner 
Academie  Veranlassung ,  Untersuchungen  über  das  Princip  der  Muskel- 
action  zum  Gegenstand  einer  Preisaufgabe  zu  machen.  Alle  Beantwort- 
ungen fielen  gegen  Haller  aus,  und  namentlich  Lecat,  der  den  Preis  er- 
hielt, suchte  zu  beweisen,  dass  die  Muskelaction  wirklich  von  demNerven- 
fluidum  abhängig  sei.  Noch  entschiedenere  Gegner  Haller's  waren  De- 
lius,  Whytt  und  de  Haen.  Delius  und  Whytt  suchten  die  Zulässigkeit 
von  Untersuchungen  an  Thieren  zu  bekämpfen,   Whytt  namentlich  be- 


Haller'schen 
Irritabüitätslehre. 


Irritabilitätslehre. 


177 


HallerV  An- 
hänger. 


Fontana. 


hauptet,  an  gemarterten  Thieren  lasse  sich  Nichts  erweisen,  alle  Theile 
seien  empfindlich,  ob  sie  Nerven  enthalten  oder  nicht  und  die  angebliche 
Irritabilität  sei  nichts  als  eine  Aeusserung  der  überall  im  Körper  ver- 
breiteten Seelen  thätigkeit.  Krause  in  Leipzig  fürchtete  eine  Zurük- 
führung  der  verborgenen  Qualitäten  durch  die  Irritabilitätslehre.  Die 
Practiker  beriefen  sich  auf  die  Reizbarkeit  der  Schleimhäute  und  fibrösen 
Häute  im  Zustand  der  Entzündung. 

Der  Streit  drehte  sich  überhaupt  theils  um  das  Princip ,  nämlich  ob 
die  Irritabilität  der  organischen  Faser,  in  specie  der  Muskelfaser  inwohne 
oder  nur  von  den  Nerven  her  zugeleitet  werde,  also  identisch  mit 
Nervenkraft  sei,  theils  aber  um  einzelne  Thatsachen,  ob  dieser  oder  jener 
Theil  empfindlich  sei  oder  nicht  (wie  die  Sehne,  die  harte  Hirnhaut),  oder 
reizbar  (wie  z.  B.  die  Gefässe). 

Auf  Haller's  Seite  standen  Zimmermann,  Leibarzt  in  Hannover, 
der  übrigens  die  Thätigkeit  der  Irritabilität  weiter  als  auf  die  Muskelfaser 
ausdehnte,  Zinn,  Heuermann,  Tissot,  Battie. 

Von  ganz  besonderem  Gewicht  waren  für  Haller's  Lehre  die  classischen 
Untersuchungen  von  Fontana  (1730 — 1805),  welcher  theils  mit  den- 
selben Organen  auf  Empfindlichkeit  und  Irritabiltät  experimentirte,  wie 
Haller,  und  dessen  Resultate  meist  bestätigte,  theils  aber  die  Geseze  der 
Reizbarkeit  untersuchte  und  ihren  Unterschied  von  todter  Elasticität 
einerseits  und  der  Vis  nervosa  andererseits  auseinandersezte.  Er  kam 
auf  das  Resultat,  dass  das  Nervenagens  die  erregende  Ursache  in  Be- 
ziehung auf  die  Irritabilität  sei  und  gerade  wie  der  äussere  Reiz  wirke, 
der  auch  in  dem  ausgeschnittenen  Muskel  noch  Contractionen  ver- 
anlasse. 

Ziemlich  zu  gleicher  Zeit  mit  Haller  (1746)  trat  Winter,  Professor 
in  Franecker  in  der  holländischen  Provinz  Friesland  auf  und  machte  auf 
die  Glisson'sche  Irritabilität  wieder  aufmerksam,  die  er  auf  jede  Faser  des 
thierischen  Körpers  ausdehnte ,  also  nicht  als  eine  Eigenschaft  einer  be- 
stimmten Organisation,  der  Muskelfaser,  sondern  als  Eigenschaft  belebter 
Theile  überhaupt  ansah.  Den  Nerven  schrieb  er  nur  die  Fähigkeit  zu, 
diese  vitale  Moleculareigenschaft  anzuregen  und  in  Thätigkeit  zu  sezen. 
Es  war  offenbar  kein  Vortheil ,  dass  gleichzeitig  dasselbe  "Wort  mit  ver- 
schiedenen und  doch  ähnlichen  Bedeutungen  in  die  Terminologie  eintrat, 
um  so  mehr  in  einer  Zeit,  der  es  noch  so  sehr  an  Schärfe  der  Beobachtung 
und  des  Urtheils  gebrach. 

Winter's  Ansichten  wurden  von  mehreren  seiner  Schüler  weiter  be-  weitere  schiksai« 
handelt.    Lups  schrieb  sogar  1748  den  Pflanzen  Irritabilität  zu,  van  der  der  i«itabmt»ti- 

-r»  i  i  lehre. 

Bosch  trat  polemisch  gegen  Haller  auf,  behauptet  die  allgemeine  Ver- 
wunderlich, Geschichte  d.  Medicin.  12 


Win  I  er. 


178  D'e  Medicin  im  Zeitalter  der  Aufklärung. 

breitung  der  Reizbarkeit  und  hält  sie  bereits  identisch  mit  jeder  organ- 
ischen vitalen  Thätigkeit,  die  nicht  von  der  Nervenkraft  selbst  abhängt. 

Guillaume  deMagni  (1*752)  ist  bereits  geneigt,  alle  Krankheiten  aus 
der  Irritabilität  abzuleiten  und  erörtert  die  Quaestio  medica:  an  a  vasorum 
aucta  aut  imminuta  irritabilitate  omnis  morbus? 

Nicht  lange  währte  es,  so  drang  in  vielfacher  Entstellung  die  Irri- 
tabilitätslehre überall  in  die  pathologischen  Anschauungen  ein  und  hat 
hier  eine  alles  Maass  überschreitende  Verwirrung  hervorgebracht,  die  in 
der  zweiten  Hälfte  des  18.  Jahrhunderts  aufs  verderblichste  wirkte  und 
noch  bis  ins  19.  sich  fortsezte. 

Während  aber  so  die  Irritabilitätslehre  zum  Kern  zahlreicher  Theorien 
gemacht  wurde,  so  zeigte  sich  andererseits  die  Tendenz,  die  von  Haller 
gespaltenen  Lebensthätigkeiten  wieder  zu  vereinigen  und  ein  gemein- 
schaftliches Princip  zu  finden,  dem  man  sie  unterordnen  könne.  Es 
schlössen  sich  hieran  die  Theorien  von  der  Lebenskraft,  vom  Cullen'schen 
Nervenprincip,  vom  principe  de  la  vie  der  Montpellienser  Schule  u.  s.  w. 

Gaub.  Unter  den  dynamistischen  Schülern  Boerhaave's  zeichnete  sich  noch 

weiter  Gaubius  aus.  Er  hat  grossen  Einfluss  auf  die  Masse  der  Aerzte 
geübt  und  noch  vor  Kurzem  galt  er  für  Viele  als  ein  Muster  in  der  allge- 
meinen Pathologie. 

Hieronymus  David  Gaub,  1705  geboren,  wurde  zuerst  bei  den  Jesu- 
iten, später  bei  dem  berühmten  Pietisten  Franke  in  Halle  erzogen;  doch 
blieb  beides  ohne  nachtheiligen  Einfluss  auf  seine  Geistesbildung.  Er  ge- 
noss  später  Boerhaave's  Umgang  und  Unterricht  in  Leyden,  und  dieser 
nannte  ihn  seinen  liebsten  Schüler.  Als  Boerhaave  sich  einiger  seiner 
vielen  lästigen  Professuren  entledigen  wollte,  verschaffte  er  dem  jungen 
Gaub  1731  die  Lehrkanzel  der  Chemie.  1734  ward  er  auch  Professor 
der  Medicin  und  blieb  es  bis  in  das  70.  Jahr.  Er  sah  zulezt  sämmtliche 
Lehrstellen  Leydens  mit  seinen  Schülern  besezt  und  genoss  bis  an  sein 
Lebensende  der  höchsten  Achtung.    Er  starb  1780. 

Er  selbst  hatte  in  seinen  Vorlesungen  während  20  Jahren  nur 
Boerhaave's  Institutionen  commentirt  und  erst  dann  hielt  er  es  für 
geeignet,  an  ihre  Stelle  ein  eignes  den  Bedürfnissen  und  Fortschritten 
der  Zeit  mehr  entsprechendes  Werk  zu  sezen.  So  entstanden  seine  be- 
rühmten Institutiones  pathologiae  medicinalis,  welche  bis  zum  Umschwünge 
der  Pathologie  in  der  neuesten  Zeit  die  Grundlage  der  meisten  deutschen 
Pathologien  gebildet  haben.  Dieses  Werk  ist  mit  einer  gewissen  äussern 
Ordnung  und  mit  jener  classischen  Klarheit  geschrieben ,  die  nahe  an 
Breite  und  Oberflächlichkeit  grenzt.  Es  huldigt  dem  vollendeten  Eclecti- 
cismus  und  nimmt  auch  bereits  Haller's  Lehre  in  sich  auf. 


Gaub.  .  ]  79 

Die  Institutionespathologiaemedicinalis  haben  folgenden  leitenden  Inhalt. 

Sie  beginnen  ganz  rationell.  Gaub  tadelt  es,  die  Krankheit  als  einen 
widernatürlichen  Zustand  anzusehen;  sie  sei  ebenso  natürlich,  als  Ge- 
sundheit und  Tod. 

Der  Körper  habe  vermöge  seines  Baues  und  seiner  Mischung  gewisse 
Eigenschaften,  wie  Trägheit,  Beweglichkeit,  Veränderlichkeit,  Tncitation, 
Consens.    Diese  Eigenschaften  seien  unabhängig  von  der  Seele. 

Allein  schon  bei  der  positiven  Begriffsbestimmung  der  Krankheit  ver- 
irrt sich  Gaub.  Die  Krankheit  ist  nach  ihm  ein  Zustand,  vermöge  dessen 
die  Functionen  nicht  nach  den  Regeln  der  Gesundheit  vor  sich  gehen 
können.  Neben  der  Krankheit  sei  noch  ein  A-nderes  im  Körper  vorhanden, 
nämlich  das  Leben,  und  die  Krankheit  sei  zugleich  der  Kampf  der  Natur 
zu  ihrem  eigenen  Heile.  Es  sei  noch  unentschieden,  ob  die  Heilkraft  dem 
Körper  oder  der  Seele  zukomme.  Nichtsdestoweniger  sagt  er  an  einer 
andern  Stelle,  die  Seele  sei  nichts  Anderes,  als  ein  anderes  Wort  für  Natur, 
und  alle  Streitigkeiten  über  den  Einfluss  der  Seele  seien  desshalb  unnöthig. 

Der  Körper  besteht  aus  einem  flüssigen  Theile,  dem  Wasser,  und  aus 
dem  Trokenen,  welches  aus  brennbaren,  salinischen  und  erdigen  Substanzen 
zusammengesezt  ist.  Im  gesunden  Zustand  sind  diese  alle  aufs  innigste 
gemischt,  so  dass  kein  Theil  ganz  troken  oder  flüssig  ist. 

Während  er  zuerst  die  Festtheile  als  die  Materie  angesehen  wissen 
will,  an  der  sich  die  Lebenserscheinungen  äussern,  so  nimmt  er  doch  die 
Lebenserscheinungen  selbst  wieder  als  einen  Ausdruk  einer  eigenen  im- 
ponderablen  Kraft,  der  Vis  vitalis,  an  und  lässt  die  festen  Theile  nur  den 
Schauplaz  der  Thätigkeit  dieser  Kraft  sein. 

Dabei  kommt  Gaub  nicht  aus  einem  Kreise  in  den  Begriffsbestimm- 
ungen heraus.  Die  Lebenskraft  nennt  er  das,  wodurch  die  lebendige 
Materie  bei  Einwirkung  eines  Reizes  zur  Zusammenziehung  veranlasst 
werde,  lebendige  Materie  eine  solche,  welche  bei  Reizeinwirkung  sich  con- 
trahire  und  empfinde,  und  Reiz  das,  was  durch  Contact  die  Lebenskraft 
zum  Wirken  veranlasse. 

Das  lebendige  Solidum  hat  nach  ihm  zwei  Eigenschaften,  Empfindung 
und  Bewegung.  Es  gibt  drei  Zustände  desselben:  1)  die  Reizung;  2)  die 
Perception  des  Reizes  und  3)  die  Reaction  darauf,  die  Zusammenziehung 
und  Bewegung. 

Die  einfachsten  Fehler  der  Festtheile  sind  nach  ihm  Rigidität  und 
Schwäche.  Boerhaave  hatte  noch  neben  der  Schwäche  (Debilitas)  den 
mechanischen  Begriff  der  Laxitas.  Gaub  dagegen  lässt  die  mechanische 
Anschauung  fallen  und  hält  die  dynamische  fest. 

Aber  nicht  nur  die  Faser,  die  Materie  kann  diesen  krankhaften  Dualis- 

12* 


130  Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Aufklärung. 

mus  zeigen,  sondern  auch  die  Lebenskraft  für  sich.  Sie  kann  erhöht  und 
vermindert  sein.  Ersteres  nennt  Gaub  Irritabilität  und  legt  dadurch 
diesem  Worte  auf  einmal  einen  ganz  andern  Sinn  bei.  Die  Verminderung 
der  Lebenskraft  nennt  er  Torpor. 

Gaub  führt  jedoch  nicht  alle  Krankheiten  auf  diesen  Dualismus  von 
Plus  und  Minus  zurük;  vielmehr  berüksichtigt  er  auch  die  krankhafte 
Qualität,  besonders  in  den  Säften.  Wiederum  geht  er  hier  anfangs  von 
einem  ganz  richtigen  Gruadsaz  aus  und  sagt,  es  wäre  passender,  die  Säfte- 
fehler  nur  als  Ursache  und  Folge  der  Krankheiten  der  Festtheile  zu  be- 
trachten; aber  er  wird  demselben  bald  wieder  ungetreu  und  spricht  den 
Säften  selbst  Lebenskraft  zu,  die  ihnen  verborgen  inwohnen  soll. 

So  verhält  sich  Gaub  wie  alle  Eklektiker  äusserlich  methodisch,  inner- 
lich inconsequent  und  voll  Widersprüche.  Gaub  ist  der  Apostel  des  Ek- 
lekticisraus  geworden  und  galt  lange  Zeit  für  ein  Muster  der  Besonnenheit 
und  Umsicht. 

wiener  Der  andere  Theil  von  Boerhaave's  Schülern  fasste  die  humoral-patho- 

schuie.       logische  Seite  seiner  Lehre  auf. 
V4a  swieten.  Gerhard  van  Swieten  (geboren  1700)  war  der  intimste  Schüler 

Boerhaave's.  Von  Anfang  seiner  Studien  an  zeichnete  ihn  ein  unermüd- 
licher Fleiss  aus ,  in  einem  Grade ,  dass  sein  Körper  darunter  litt  und  er 
in  Schwermuth  verfiel.  Doch  erholte  er  sich  unter  Boerhaave's  eigener 
Pflege  wieder  und  verliess  seinen  Freund  und  Lehrer  bis  zu  dessen  Tode 
nicht.  Ungeachtet  er  als  Katholik  in  Holland  keinen  öffentlichen  Wirk- 
ungskreis erhalten  konnte  und  ihm  glänzende  Anerbietungen  von  London 
gemacht  worden  waren ,  zog  er  es  vor ,  bis  zum  38.  Jahre  Boerhaave's 
erster  Schüler  zu  heissen.  Daneben  hielt  er  unter  Boerhaave's  Leitung 
Privatvorlesungen,  welche  er  aber  nach  des  Lehrers  Tode  aufgeben  musste 
und  damit  jeder  academischen  Function  verlustig  ging.  Er  beschäftigte 
sjch  nun  damit,  über  Boerhaave's  Aphorismen  einen  Commentar  herauszu- 
geben. 1745  jedoch  wurde  er  von  Maria  Theresia  nach  Wien  berufen. 
Die  Facultät  war  damals  in  einem  höchst  gesunkenen  Zustande  und  van 
Swieten's  Ankunft  machte  daselbst  Epoche.  Maria  Theresia  hatte  richtig 
in  ihm  den  Mann  erkannt,  das  dortige  Unwesen  umzugestalten;  sie  er- 
nannte ihn  in  Kurzem  zum  perpetuellen  Präses  der  Wiener  Facultät,  zum 
ersten  Protomedicus  und  Chef  des  gesammten  Medicinalwesens  und  Hess 
ihn  den  ganzen  medicinischen,  naturwissenschaftlichen  und  mathematischen 
Unterricht  organisiren.  Damit  geschah  die  Uebersiedlung  der  Boerhaav'- 
schen  Schule  nach  Wien  und  es  entstand  als  Tochter  des  Boerhaav'schen 
Humoralmechanismus  die  Wiener  Schule.    Swieten  starb  1772. 


Die  Wiener  Schule.  181 

Van  Swieten's  wichtigstes  Werk  sind  die  Commentarien  zn  den 
Aphorismen  seines  Lehrers  Boerhaave,  von  dem  er  sagt,  er  sei  sein  Orakel 
gewesen.  Er  erklärte  darin  fast  jedes  Wort  theils  nach  Boerhaave's  Vor- 
lesungen, theils  nach  Studien  älterer  Schriftsteller,  theils  auch  nach 
eigenen  Erfahrungen.  Im  Anfange  des  Werkes  ist  seine  Pietät  gegen  den 
Lehrer  fast  kleinlich  und  erlaubt  ihm  auch  nicht  die  geringsten  abweich- 
enden Ansichten.  Erst  in  den  späteren  Bänden  (sie  umfassen  30  Jahre 
seines  Lebens)  wurde  er  selbständiger,  hielt  sich  weniger  an  den  Lehrer 
und  arbeitete  die  einzelnen  Abschnitte  unabhängig  und  monographisch 
aus.  Aber  auch  hiebei  waren  es  nicht  grosse  oder  folgenreiche  Ideen  oder 
neue  organisirende  Gesichtspunkte,  sondern  einfache  empirische  Be- 
schreibungen und  Wahrnehmungen,  wras  der  bescheidene,  mehr  fleissige 
und  beharrliche,  als  geistvolle  Mann  lieferte. 

Die  Commentarien  sind  ein  sehr  werthvolles  Resume  der  damaligen 
Kenntnisse,  voll  umfassender  aber  höchst  anspruchsloser  Gelehrsamkeit, 
mit  einem  gewissen  Instinct  für  Naturbeobachtung  und  mit  gesundem 
Sinne,  aber  ohne  Schärfe  des  Gedankens  und  selbst  ohne  critische  Ein- 
sicht ausgearbeitet.  Besonders  sorgfältig  sind  abgehandelt:  die  Symptome 
des  Fiebers,  die  Angine,  die  Apoplexie,  die  Variolen,  der  Stein,  die 
Syphilis,  die  Rhachitis  und  der  Rheumatismus.  Bei  der  Behandlung  der 
Syphilis  hat  van  Swieten  zuerst  in  ausgedehnter  Weise  den  Sublimat  an- 
gewandt und  zwar  in  gelöster  Form  und  so,  dass  kein  oder  nur  geringer 
Speichelfluss  erfolgt.  In  der  übrigen  Therapie  hielt  er  sich  grossentheils 
an  Boerhaave. 

Seine  übrigen  Schriften  sind  von  geringer  Bedeutung. 

Dagegen  hat  er  das  grosse  Verdienst,  in  Wien  und  den  gesammten 
österreichischen  Staaten  den  practischen  medicinisch-klinischen  Unter- 
richt angeordnet  zu  haben  (1754). 

Ein  Mann  von  ganz  entgegengeseztem  Character  war  van  Swieten's  De  Haen. 
Mitschüler  und  College,  Anton  de  Haen,  1704  geboren.  Auch  er  war 
Boerhaave's  Schüler  und  hing  ihm  mit  aller  Leidenschaftlichkeit  seines 
Gemüths  an.  Während  van  Swieten  tlie  bescheidene  Anspruchslosigkeit 
und  Demuth  und  den  unermüdlichen  Fleiss  zum  Studium  mitbrachte,  er- 
griff de  Haen  seine  Wissenschaft  mit  Enthusiasmus  und  mit  dem  Feuer 
des  Ehrgeizes.  Van  Swieten  verschaffte  ihm  1754  die  neu  gegründete 
Professur  der  medicinischen  Klinik  in  Wien  und  bald  wusste  de  Haen 
seinen  Collegen  und  Protector  zu  verdunkeln.  Er  hatte  eine  hinreissende, 
siegende,  fast  fanatische  Beredtsamkeit.  Aber  nicht  nur  in  den  Vorles- 
ungen glänzte  er  dadurch.     Seine  zahlreichen  Gegner  waren  es,  die  sie 


182  Die  Medicin  im  Zeitalter  der  AufkläruDg. 

am  meisten  fühleu  mussten.  In  hohem  Grade  reizbar,  suchte  er  zu  ver- 
nichten, was  ihm  entgegentrat  und  wenn  ihn  auch  selten  dabei  Scharfsinn 
und  Sophistik  verliessen,  verliess  ihn  oftmals  die  Besonnenheit.  Er  hat 
sich  namentlich  durch  seinen  Streit  mit  Haller,  dem  er  dennoch  zulezt 
Recht  gab,  durch  seine  Polemik  gegen  die  Pokenimpfung ,  sowie  durch 
seine  Vertheidigung  von  Zauberei  und  Beschwörung  fast  berüchtigt  ge- 
macht. Jedes  Lob  eines  Anderen  verlezte  ihn ,  jeder  fremde  Ruhm  war 
ihm  anstössig.  Selbst  van  Swieten,  den  er  weit  überragte,  war  ihm  ein 
Aerger.  Nur  einen  Mann  verehrte  er  bis  zum  Tode ,  seinen  Lehrer 
Boerhaave. 

Dabei  hatte  er  eine  seltene  Kraft  und  Ausdauer;  keine  Arbeit  wurde 
ihm  zu  viel.  Zahlreiche  Aemter  besorgte  er  zumal ;  seine  klinische  Thätig- 
keit,  seine  ausgebreitete  Praxis  verhinderten  ihn  nicht,  ein  umfangreiches 
Werk,  Ratio  medendi  in  15  Theilen  und  3  Supplementen  und  zahlreiche 
Dissertationen  und  polemische  Artikel  zu  schreiben.  Nach  van  Swieten's 
Tode  übernahm  er  auch  dessen  Aemter,  starb  aber  schon  1776. 

De  Haen  war  vorzugsweise  empirischer  Beobachter.  Er  weist  neben 
Boerhaave  stets  auf  Ilippocrates  und  Sydenham  hin.  Für  die  Theorie  im 
Allgemeinen  hat  er  nichts  gethan,  er  hat  sich  ihr  vielmehr  entgegengesezt, 
hat  nicht  nur  selbst  nirgends  ein  eigentliches  System  befolgt,  sondern 
allen  seinen  Scharfsinn  und  das  Feuer  seiner  Beredtsamkeit  darauf  ver- 
wendet, neu  aufkeimende  theoretische  Ansichten  durch  empirische  Gründe 
wie  durch  alte  Autoritäten  zu  schlagen.  De  Haen  ist  dadurch  vielfach 
der  Vertheidiger  der  Stabilität  geworden  und  es  kann  nicht  verschwiegen 
werden,  dass  er  im  Missmuth  über  Neuerungen  nicht  selten  überlebte 
Vorurtheile  festzuhalten  suchte  und  den  Geist  des  Fortschritts  und  der 
Entwiklung  zu  hemmen  wusste. 

Nichtsdestoweniger  war  er  selbst  ein  eifriger  und  glüklicher  Forscher. 
Zahlreiche  wichtige  Beobachtungen  sind  von  ihm  vorhanden ,  obwohl  er 
deren  Tragweite  nicht  immer  vollständig  zu  würdigen  verstand.  Voll  Um- 
sicht und  Scharfsinn ,  practische  Fragen  nach  verschiedenen  Richtungen 
zu  verfolgen,  kommt  er  doch  gewöhnlich  zu  keinem  correcten  Schluss- 
resultate. MitUeberraschung  findet  man  daher  bei  ihm  wichtige  Bemerk- 
ungen nnd  Thatsachen,  welche  fast  ein  Jahrhundert  lang  nach  ihm  völlig 
ignorirt  wurden.  Sie  hätten  bei  seinem  Einfluss  auf  die  Aerzte  seiner 
Zeit  nicht  vergessen  werden  können,  wenn  er  über  ihren  Werth  sich  völlig 
klar  gewesen  wäre.  Seine  einzelnen  Beobachtungen  sind  sorgfältig  und 
werden  gewissenhaft  und  nach  allen  Seiten  von  ihm  überlegt.  Auf  Sec- 
tionen  legt  er  grossen  Werth,  erzählt  sie  genau,  und  gesteht,  wenn  sie 
nicht  in  Uebereinstimmung  mit  seinen  Erwartungen  ausfallen. 


Die  Wiener  Schule. 


183 


Die  wichtigsten  pathologischen  Abschnitte  in  seiner  Ratio  raedendi 
sind :  über  das  Blut,  Tom.  I.  Cap.  6,  III.  3,  IV.  6,  mit  sehr  mannigfaltigen 
und  werthvollen  Untersuchungen  zumal  über  Gerinnung  und  Crusta  phlog- 
istica ;  über  die  Eigenwärme  in  Krankheiten,  welche  er  mittelst  des  Ther- 
mometers mit  vieler  Ausdauer  vei-folgte  und  über  die  er  zahlreiche  wichtige 
und  interessante  Beobachtungen  beibringt,  Tom.  II.  10,  III.  3,  IV.  6  und 
an  vielen  Stellen  seiner  Einzelnbeobachtungen ;  über  critische  Tage  und 
Krisen,  I.  4;  über  den  Puls,  XII.  1 — 4;  über  die  Bildung  des  Eiters,  II.  2; 
über  die  Dauer  der  Entzündung,  XIV.  5;  de  morbis  malignis  III.  1;  de 
febribus  malignis  IV.  1 ;  über  Poken  und  Variolimpfung  IL  3,  IX.  7,  XII.  8; 
über  Petechien  und  Miliarien  V.  1,  VIII.  3,  X.  5;  über  Pest  XIV.;  über 
Intermittens  XI.  1 ;  über  Melancholie  III.  2,  X.  1 ;  über  Scorbut  VIII.  4; 
über  Epilepsie  V.  4;  über  Tetanus  X.  3;  über  Aneurysma  V.  6,  VII.  1 
und  2;  über  Pleuritis  und  Pneumonie  XI.  2;  über  Hydrops  pectoris  V.  3, 
VI.  3 ;  über  Ileus  LX.  5,  XI.  3 ;  über  Perforation  der  Dünndärme  VII.  4 ; 
über  Ascites  XL  4;  über  den  breiten  Eingeweidewurm  XII.  5;  über 
Wurmfieber  XIV.  5 ;  über  verschiedene  Sectionen  IX.  1 ;  über  medicin- 
ische  Unglüksfälle  IL  6. 

In  der  Therapie  machte  er  ausgedehnte  Anwendung  von  Blutentziehung 
und  der  kühlenden  Methode ,  machte  aber  auch  von  der  Electricität  einen 
häufigen  Gebrauch. 

Die  übrigen  bedeutenderen  Aerzte  Wiens  in  der  damaligen  Zeit  ge- 
hörten, obwohl  sie  fast  alle  des  unverträglichen  de  Haen  persönliche 
Feinde  waren,  doch  seiner  practischen  Richtung  an. 

Hervorzuheben  sind:  Johann  Georg  Hasenöhrl  (1720 — 1796), 
welcher  Beobachtungen  über  das  entzündliche  und  catarrhalische  Fieber 
veröffentlichte ;  Eyerell,  der  de  Haen's -Nachlass  herausgab ;  Lautter, 
der  ein  epidemisches  Wechselfieber  beschrieb;  A.  Plenciz,  der  gute  Be- 
obachtungen über  Scharlachfieber  mittheilte;  Ferro,  der  die  Pest  und 
andere  Seuchen  abhandelte;  Chenot,  einer  der  besten  Beobachter  der 
Pest;  Plenck  über  Hautkrankheiten  und  Behandlung  der  Syphilis; 
Sagar,  der  sich  in  der  systematischen  Classification  versuchte  (1776); 
Co  Hin,  der  über  Camphor  und  Arnica  Beobachtungen  machte;  Werni- 
schek,  welcher  einige  theoretische  Bestrebungen  bei  massiger  Begabung 
zeigte;  Krzowitz,  welcher  nicht  ohne  compilatorisches  Talent  war. 

Fast  sämmtlich  zeigten  diese  Aerzte  einen  achtungswerthen  Sinn  für 
Beobachtung ,  am  meisten  jedoch  mit  der  Richtung  auf  die  epidemischen 
Modifikationen  der  Krankheiten,  auch  wohl  auf  die  Medicamente. 

Nicht  an  wissenschaftlicher  Bedeutung,  wohl  aber  an  Einfluss  auf  das 
ganze  österreichische  Medicinalwesen  überragte  sie  der  Leibarzt  Anton 


Verschiedene 

Aerzte  der 

Wiener  Schule. 


Störck. 


1 84  Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Aufklärung. 

Störck  (1749 — 1803).  Seine  Veröffentlichungen  sind  nicht  sparsam  und 
besonders  seine  pharmocologischen  Untersuchungen  (über  Cicuta  vornem- 
lich,  sodann  über  Strammonium,  Hyoscyamus,  Aconit,  Colchicum,  Pulsa- 
tilia)  sind  nicht  werthlos. 

Er  verwarf  die  Aderlässe  und  zog  das  Brechmittel  vor.  Auch  er  war 
gegen  die  Theorie  eingenommen  und  hielt  sich  an  einige  Hippocratisch- 
Boerhaave'sche  humorale  Säze.  Wichtiger  aber  als  durch  seine  directen 
Leistungen  ist  er  dadurch  geworden,  dass  er  als  Chef  des  medicinischen 
Unterrichtswesens  (1775)  dieses  auf  den  österreichischen  Universitäten 
für  längere  Zeit  ordnete.  Die  Hauptprincipien  dieser  Ordnung  waren 
Studienzwang  für  die  Studirenden  und  Lehrzwang,  d.  h.  strenges  Halten 
an  von  oben  vorgeschriebene  Vorlesebücher  für  den  Lehrer.  Nur  aus- 
nahmsweise durfte  der  Leztere  von  seinen  Vorlesebüchern  sich  entfernen 
und  etwas  sagen,  was  nicht  darin  stand,  und  selbst  hiebei  mussten  seine 
Worte  einer  höhern  Censur  vorgelegt  werden.  Nur  der  klinische  Lehrer 
durfte  sich  mit  etwas  mehr  Freiheit  bewegen.  Unter  solchen  Gesezen 
war  das  Schiksal  der  Wiener  Schule  unvermeidlich.  Kaum  zur  Blüthe 
gekommen  ging  sie  dem  Verderben  wieder  entgegen.  Geist  und  Selb- 
ständigkeit wurden  methodisch  unterdrükt  und  troz  der  beispiellosen 
Gelegenheit  zur  Beobachtung  erhoben  sich  nur  Wenige  über  die  Mittel- 
mässigkeit;  die  Masse  versank  in  dem  Sumpfe  eines  angelernten  und  ge- 
dankenlosen practischen  Schlendrians. 
stoii.  Stoll  war  die  lezte  Grösse  der  Schule. 

Er  war  1742  in  Württemberg  geboren,  lernte  in  der  Jesuitenschule 
zu  Rottweil  und  trat  in  den  dortigen  Orden  ein.  1767  trat  er  wieder 
aus,  ging  nach  Wien  und  wurde  da  Haen's  Schüler  und  anfangs  dessen 
unbedingter  Anhänger.  Hierauf  practicirte  er  in  Ungarn  und  wurde  bei 
den  dort  herrschenden  epidemischen  Krankheiten  zuerst  gewahr,  dass  die 
ausnahmslose  Empfehlung  der  Aderlässe,  wie  er  sie  bei  Haen  gelernt 
hatte,  auf  seine  Kranken  sehr  nachtheilig  wirkte.  Um  diese  Zeit  las  er 
Tissot's  Schrift  über  die  Gallenfieber  und  lernte  daraus,  sich  mit  Glük 
der  Emetica  zu  bedienen.  1774  begab  er  sich  nach  Wien  und  erhielt 
dort  durch  Heirath  die  Stelle  des  Klinikers.  In  kurzer  Zeit  waren  seine 
klinischen  Vorträge  durch  die  ganze  Welt  berühmt,  von  allen  Seiten 
strömten  alte  und  junge  Schüler  herbei.  Dies  dauerte  bis  1784.  Da 
wurden  Veränderungen  in  den  Hospitalräumlichkeiteu  vorgenommen,  ein 
neues  grosses  Krankenhaus  gebaut,  aber  zu  dessen  Vorsteher  nicht  Stoll, 
sondern  sein  persönlicher  Feind  Quarin  ernannt.  Er  selbst  bekam  ein 
elendes  Lokal  mit  zwölf  Betten.  Dessenungeachtet  sezte  er  den  Unter- 
richt mit  Erfolg  fort  und  ermüdete  auch  da  nicht,  als  er  gezwungen 


Die  Wiener  Schule.  185 

wurde,  seinen  medicinischen  Unterricht  für  Wundärzte  zu  berechnen.  Er 
starb  schon  1787.  Seine  Werke  sind  die  Ratio  medendi,  7  partes  1779 
bis  1790,  Aphorismi  de  cognoscendis  et  curandis  febribus  1786  und 
Praelectiones  in  diversos  morbos  chronicus  1788. 

Stoll  sagt  ausdrüklich,  er  wolle  nichts  Neues  geben,  sondern  nur 
längst  Beobachtetes  revidiren  und  verbessern.  Ein  eigentliches  System 
ist  daher  bei  ihm  nicht  zu  erwarten.  Boerhaave'sche  humoralmechanische 
Vorstellungen  beherrschten  ihn.  Dabei  hielt  er  eine  sorgfältige  Beob- 
achtung hoch  und  war  einer  von  denen,  welche  am  eifrigsten  durch 
Nekroskopie  die  Beobachtung  zu  ergänzen  suchten.  Grossen  Werth  legte 
er  auf  die  temporär  eintretenden  Aenderungen  in  dem  Character  der 
Krankheiten  und  hat  in  dieser  Beziehung  sich  vornemlich  Sydenham 
zum  Muster  genommen.  Die  wichtigste  und  einflussreichste  seiner  An- 
sichten aber  war,  dass  die  häufigste  Ursache  der  Schärfe  die  nicht 
entfernte  Galle  sei,  dass  ferner  durch  diese  Galle,  indem  sie  dem  Blute 
sich  beimische  und  an  verschiedenen  Stellen  des  Kreislaufs  hängen  bleibe, 
Fieber,  Apoplexie,  Ophthalmie,  Angine,  Cholera,  Pneumonie,  Arthritis, 
Petechien,  Tuberkeln,  Asthma  und  alle  möglichen  localen  Krankheiten 
entstehen  können.  Besonders  aber  legte  er  auf  die  gallige  Pleuresie  ein 
grosses  Gewicht.  In  allen  acuten  Krankheiten  suchte  er  daher  durch 
Emetica,  und  zwar  durch  den  Brechweinstein,  vor  allem  die  Galle  zu  ent- 
fernen. In  chronischen  waren  es  die  auflösenden  Mittel,  welche  er  zu 
demselben  Zweke  reichte.  Diese  Lehre  verbreiteten  Stoll's  Schüler  in 
allen  Theilen  der  Welt,  vornemlich  Deutschlands,  und  das  Vomiren, 
Purgiren  und  Resolviren  galt  eine  Zeit  lang  als  allgemeine  Indication. 
Wenn  sofort  Stoll  bei  der  Section  der  verstorbenen  Kranken  gemeiniglich 
Entzündung  der  Brust,  der  Därme  und  dergleichen  fand,  was  er  in  der 
aufrichtigsten  Weise  bekannte,  so  pflegte  er  diese  Affectionen  als  In- 
flammationes  occultae  zu  bezeichnen. 

Durch  sein  therapeutisches  Regulativ  erlangte  Stoll  den  grossen 
Einfluss  auf  die  Aerzte  seiner  Zeit,  während  dagegen  die  von  ihm  so  hoch 
gehaltene  pathologische  Anatomie  nur  geringe  Nachahmung  fand. 

In  den  spätem  Jahren  verliess  übrigens  Stoll  selbst  seine  Lehre 
wieder.  Da  er  von  seiner  Therapie  nicht  mehr  den  günstigen  Erfolg  er- 
blikte,  so  schrieb  er  diess  der  Umgestaltung  des  Genius  epidemicus  zu, 
der  von  1780  an  phlogistisch  geworden  sei,  so  dass  alle  Krankheiten 
etwas  Pleuritisches  oder  Subpleuritisches  beigemischt  gehabt  haben. 

Die  Wiener  Schule  verblieb  von  da  an  vorzugsweise  praktisch  thätig, 
gegen  Ideen  gleichgültig,  gegen  Neuerungen  und  Entdekungen  abgeneigt 
sichverschliessend,  selbst  wenn  sie  aus  ihrem  eigenen  Schoose  hervorgingen. 


]8Q  Die  Medicin  Jim  Zeitalter  der  Aufklärung. 

Schnie  von  Ziemlich   gleichzeitig   mit   der  Wiener  Schule    kam  im  Süden  von 

Montpellier.   Frankreich    eine    ziemlich    abgeschlossene   Facultät,    die   Schule    von 
Montpellier,  zu  einem  nicht  geringen  Rufe. 

Keine  Schule  hatte  sich  so  lange  frei  von  fremden  Elementen  erhalten, 
als  diese  Facultät.  Schon  vom  Mittelalter  her  hielt  sie  an  hippocrat- 
ischen  Maximen  fest  und  erst  spät  mischten  sich  iatromechanische  Ideen 
bei  ihr  ein. 

Um  die  Mitte  des  18.  Jahrhunderts  aber  nahm  die  Montpellienser 
Facultät  einen  eigenthümlichen  Character  an,  wobei  allerdings  sowohl 
Stahl  als  Hailer  einigen  Einfluss  geübt  hatten;  aber  sie  entwikelte  ihre 
Doctriuen  in  einer  selbständigen  und  gewissermaassen  isolirten  Weise. 

SauTages.  Der    eigentliche  Gründer    der   neueren  Schule  von  Montpellier  war 

Franz  Sauvages,  geb.  1706.  Er  wurde  1734  Professor  in  Montpellier 
und  sezte  sich  zur  Aufgabe,  die  dort  herrschende  schlendrianmässig 
betriebene  Iatromechauik  zu  stürzen.  Anfangs  trat  er  ziemlich  gemässigt 
auf;  aber  allmälig  wurde  seine  Polemik  gegen  seine  Collegen  heftiger 
und  entschiedener  und  es  gelang  ihm  zulezt,  ihren  Widerstand  zu 
besiegen  und  an  die  Stelle  der  Iatromechanik  vitalistische  und  animist- 
ische  Anschauungen  in  Montpellier  einzubürgern. 

Der  Mensch  besteht  nach  Sauvages  aus  Körper  und  Seele.  Die  Be- 
wegung, sowohl  die  locomotorische  als  respiratorische  kann  nicht  von 
dem  Körper  herkommen,  denn  der  Körper  ist  Materie  und  die  Eigenschaft 
dieser  ist  Trägheit,  Widerstand  gegen  die  Bewegung.  Eine  todte,  eine 
bloss  materielle  Bewegung  müsste  beständig  abnehmen,  müsste  sich  auf- 
reiben. Der  Ausdruk  Kraft  bezeichne  die  hinreichende  Ursache  für  eine 
Action.    Die  Kraft  könne  sowohl  in  der  Seele  als  im  Körper  liegen. 

Die  einzelnen  Krankheiten  jedoch,  meint  Sauvages,  können  nicht  aus 
solchen  Principien  begriffen  werden.  Es  gäbe  eine  descriptive  Nosologie 
und  eine  philosophische.  Jene  zeige  die  einzelnen  Krankheiten;  die 
zweite  gebe  nur  allgemeine  Gesichtspunkte. 

Borden.  Viel  bedeutender  noch  als  Sauvages  war  Theophile  Bordeu,  geb. 

1722.  Er  studirte  in  Montpellier,  wandte  sich  1752  nach  Paris  und 
beschäftigte  sich  aufs  Emsigste  mit  Krankheitsbeobachtungen.  Bald  fand 
sein  Talent  dort  Neider  und  Feinde,  die  ihn  auf  jede  Weise  verleumdeten, 
ihn  unter  andern  eines  Diebstahls  bezüchtigten  und  es  dahin  brachten, 
dass  sein  Name  aus  der  Liste  der  Fakultät  gestrichen  wurde.  Indess 
vermochte  dies  nicht  seinen  Ruhm  zu  verdunkeln,  er  züchtigte  seine 
Feinde  durch  eine  caustische  Polemik  und  übergab  sie  der  allgemeinen 
Verachtung.     Er  starb  1776. 


Schule  von  Montpellier.  187 

Bordeu  war  der  bei  weitem  bedeutendste  unter  den  französischen 
Aerzten  in  der  Mitte  des  18.  Jahrhunderts.  Seine  Schriften  sind  voll  der 
trefflichsten  Beobachtungen  und  enthalten  nicht  nur  glükliche  Ideen  über 
einzelne  Fälle,  sondern  auch  ordnende  Gesichtspunkte. 

Er  verlangte  vor  Allem,  man  dürfe  nicht  mit  Voraussezungen  aus  der 
Physik  und  Chemie  die  Vorgänge  im  thierischen  Leben  betrachten;  er 
zeigte,  dass  in  dem  Organismus  wesentlich  die  Ordnung  und  die  Harmonie 
als  Character  herrsche  und  dass  dfes  nicht  von  einem  zufälligen  Zu- 
sammenwirken mechanischer  und  chemischer  Verhältnisse  abgeleitet 
werden  dürfe. 

Er  wies  ferner  klarer  und  bündiger  als  irgend  Jemand  vor  ihm  nach, 
dass  der  Organismus  einen  gewissen  Grad  von  Widerstandsfähigkeit 
gegen  die  Aussenwelt  besizt,  wodurch  er  schädliche  Einflüsse  abwenden 
oder  unschädlich  machen  kann.  Freilich  Hess  sich  Bordeu  durch  diese 
Betrachtungen  hinreissen,  ein  unbekanntes  oberstes  Princip  dem  Leben 
vorzusezen,  das  er  Natur  nennt  und  das  ihm  ziemlich  dasselbe  ist  mit  der 
Seele  Stahl's.  Indess  machte  Bordeu  diesen  Fehler  einigermaassen  wieder 
gut,  indem  er  nicht  blos  in  allgemeine  Betrachtungen  über  dieses 
abstracte  Princip  Natur  sich  verlor,  wie  Helmont,  Stahl  und  Andere; 
sondern  er  versuchte  die  Funktionen  und  Phänomene  des  Organismus  zu 
analysiren.  Dabei  kam  er  auf  zwei  Elementarphänomene:  die  Sensation 
und  die  freiwillige  Bewegung.  Aus  ihnen  glaubte  er  alle  Vorgänge  im 
Körper  zusammengesezt.  Diese  Elementarphänomene  seien  der  unorgan- 
ischen Natur  völlig  fremd,  sie  bilden  den  Hauptunterschied  zwischen  ihr 
und  der  organischen.  Sensation  und  Bewegung  hängen  ab  von  den 
beiden  Grundeigenschaften ,  die  der  thierischen  Materie  inhäriren ,  Sen- 
sibilität und  Motilität.  Wenn  die  Functionen  aller  Theile  nicht  die 
gleichen  seien,  so  komme  dies  daher,  dass  die  Sensibilität  und  Motilität 
ungleich  in  ihnen  vertheilt  sei,  wofür  die  anatomische  Analyse  den  Beweis 
liefere.  Selbst  die,  Absonderung  erklärte  er  aus  jenen  Grundeigen- 
schaften; sie  rühre  von  demEindruk  her,  den  das  Blut  auf  die  Sensibilität 
der  Drüsen  mache  und  wonach  die  Drüsengänge  sich  bald  erweitern,  bald 
sich  verschliessen.  Die  Secretion  sei  überhaupt  keine  einfache  Trennung 
durch  Filtration,  sondern  eine  wahre  Elaboration  und  hänge  von  der 
Nervenactiou  ab  (sur  les  glandes  1752). 

Die  Fähigkeit  zu  empfinden  und  sich  zu  bewegen  ist  das  Band 
zwischen  Seele  und  Leib,  das  Nervensystem  ist  das  wesentlichste  im 
Menschen  und  seine  Undulationen  geben  das  Leben. 

Auch  findet  sich  eine  Ahnung  der  histologischen  Uebereinstimmuug 
topisch  getrennter  Theile  bei  ihm. 


188 


Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Aufklärung. 


Tonquet. 


Krankheit  entstehe  aus  einer  Störung  in  der  Ordnung  der  Beweg- 
ungen; das  wesentliche  Mittel  sie  zu  heilen  sei,  dass  man  aus  complicirten 
Krankheiten  einfache,  aus  chronischen  acute  mache. 

Die  Veränderungen  des  Blutes,  die  Cachexien,  sieht  er  nicht  als 
chemische,  sondern  als  vitale  an.  Er  bezieht  sie  auf  die  Secretionen,  ihr 
Vorherrschen ,  die  Resorption  eines  Secretionsstoffs  oder  die  gehinderte 
Ausscheidung  desselben. 

Bordeu's  Ansichten  waren  von  wesentlichem  Impuls  für  spätere 
Untersuchungen,  namentlich  in  Frankreich.  Mit  ihm  beginnt  in  der 
französischen  Medicin,  welcher  bis  dahin  alle  Originalität  abging,  eine 
lebendigere  Forschung.  Zwar  erscheinen  Bordeu's  Ansichten  einer  ge- 
läuterten Physiologie  fast  durchaus  irrthümlich,  allein  sie  enthalten  den  t 
Kern  zu  vielen  Wahrheiten,  deren  Enthüllung  wir  eben  der  französischen 
Pathologie  verdanken. 

Zugleich  hatte  Bordeu  mehr  als  die  deutsche  und  italienische  Medicin 
die  Richtung  auf  dasPractische;  Analyse  der  einzelnen  Fälle  zeigt  sich  zum 
erstenmale  bei  ihm  und  so  hat  er  auch  in  dieser  Hinsicht  die  Bahn  zu  der 
exacten  positiven  Richtung,  zur  objectiven  Beobachtung  gebrochen,  eine 
Richtung,  welche  gerade  die  französische  Pathologie  so  vortheilhaft 
characterisirte  und  auszeichnete.  Freilich  hat  er  auch  hier  im  Einzelnen 
viele  Missgriffe  gethan;  in  der  Pulslehre  ist  er  in  grosse  Subtilitäten  ver- 
fallen und  zu  dem  Irrthum  gelangt,  dass  der  Affection  jedes  einzelnen 
Organs  und  Theils  des  Körpers  eine  besondere  Pulsart  entspreche.  Die 
speciellen  Cachexien  bezieht  er  auf  die  einzelnen  Secreta  und  deren  nicht 
genügende  Absonderung  und  erhält  so  eine  Gallen-,  Milch-,  Harn-, 
Samencachexie  etc. 

Bordeu's  Werke  erschienen  in  einer  Gesammtausgabe  von  Richerand 
(Oeuvres  completes  1818). 

Sein  nächster  Freund  de  Lacaze,  geb.  1703,  gest.  1765,  führte  be- 
sonders den  spirituellen  Theil  der  Bordeu'schen  Lehre'in  einer  mystischen 
Weise  aus. 

Fouquet,  geb.  1727,  fixirte  sich  nach  Sauvage's  Tode  in  Montpellier, 
wurde  jedoch  vielfach  zurükgesezt.  Erst  im  60.  Jahre  erhielt  er  eine 
Professur  und  starb  1806.  Er  beschäftigte  sich  vorzugsweise  damit,  den 
Antheil  der  Sensibilität  au  den  Erscheinungen  des  Lebens  aufzufinden 
und  dehnte  ihn  viel  weiter  aus  als  Bordeu,  so  sehr,  dass  er  am  Ende 
sämmtliche  Phänomene  auf  sie  zurükführen  durfte. 


Bar  t  hex. 


Der  berühmteste  unter  den  Montpellienser  Professoren  war  Barthez, 
geb.  1734.     Von  frühester  Jugend  auf  zeichnete  ihn  eine  ungewöhnliche 


Barthez.  ]89 

Begabung  und  ein  begeisterter  Trieb  zu  ernsten  Studien  aus.  Aus  der 
Schule  musste  er  entfernt  werden,  weil  er  schon  im  10.  Jahre  seine 
Lehrer  überragte.  Anfangs  Theolog  trat  er  1750  zur  Heilkunde  über 
und  machte  seine  Studien  in  Montpellier.  Bibliotheken  waren  sein 
Lieblingsaufenthalt,  Bücher  verschlingen  seine  einzige  Freude.  1754 
begab  er  sich  nach  Paris,  wo  er  anfing,  sich  mit  Eifer  an  das  Studium 
der  Natur  und  der  Kranken  selbst  zu  wenden.  Ein  kurzer  Feldzug  gab 
ihm  Gelegenheit  zu  vielen  Beobachtungen;  aber  bald  kehrte  er  zu  den 
Büchern  zurük  und  wurde  Redacteur  des  Journal  des  savants.  1761 
erhielt  er  eine  Professur  in  Montpellier  und  bald  entzükte  er  seine 
Schüler  und  erhob  die  Facultät  von  Montpellier  zu  einer  der  berühmtesten 
der  damaligen  Zeit.  Jezt  erschienen  von  ihm :  Qnaestiones  medicae  duo- 
decim  1761;  oratio  de  principio  vitali  1773;  nova  doctrina  de  function- 
ibus  corporis  humani  1774,  und  sein  Hauptwerk  nouveaux  elements  de  la 
science  de  l'homme  1778.  Bald  genügte  ihm  jedoch  die  medicinische 
Wissenschaft  nicht  mehr  und  er  begann  Jurisprudenz  zu  studiren ,  wurde 
1778  Licentiat  der  Rechte  und  1780  Rath  im  Gerichtshofe.  Aber  schon 
1781  war  er  auch  hievon  nicht  völlig  befriedigt;  er  begab  sich  nach  Paris 
und  pflegte  dort  philosophischer  Studien  mit  d'Alembert  und  Andern. 
1785  kehrte  er  als  Kanzler  der  Universität  nach  Montpellier  zurük. 
Beim  Ausbruch  der  Revolution  schlug  er  sich  zur  aristokratischen  Partei 
und  trat  als  Schriftsteller  für  die  Prärogative  des  Adels  auf.  Als  daher 
von  der  republikanischen  Regierung  die  Universitäten  aufgehoben  wurden 
und  medicinische  Schulen  an  ihre  Stelle  traten,  blieb  Barthez  anfangs 
ohne  Anstellung.  Erst  später  (1796),  nachdem  er  6  Jahre  lang  alsPrivat- 
practikus  in  Narbonne  und  Toulouse  sich  aufgehalten  hatte,  wurde  er  der 
medicinischen  Schule  wieder  einverleibt.  Er  schrieb  jezt:  nouvelle 
mecanique  des  mouvemens  de  l'homme  et  des  animaux  1798;  Discours 
sur  le  genie  d'Hippocrate  1801;  Traite  des  maladies  goutteuses  1802. 
1802  wurde  er  von  Napoleon  als  erstem  Consul  nebst  Corvisart  zum  Arzt 
des  Gouvernements,  der  höchsten  medicinischen  Civilstelle  der  Republik 
ernannt.  1805  verliess  Barthez  Montpellier  für  immer  und  begab  sich 
nach  Paris ,  wo  er  seine  Elements  in  einer  erneuerten  Gestalt  und  mit 
zahlreichen  Noten  vermehrt  edirte. 

Dieses  war  seine  lezte  Arbeit.  Er  starb  1806,  weil  er  sich  an  einem 
Blasensteine  nicht  operiren  lassen  wollte. 

Barthez  war  ein  leidenschaftlicher,  reizbarer  Character.  Wie  er  mit 
Enthusiasmus  dem  Studium  sich  hingab  und  alle  Fächer  des  Wissens 
eines  um  das  andere  ergriff,  so  sind  auch  seine  Schriften  voll  von  be- 
geistertem Feuer,  oft  muss  die  Ruhe  der  Untersuchung  einer  hinreissenden, 


]  90  Di0  Medicin  im  Zeitalter  der  Aufklärung. 

inspirirten  Beredtsamkeit  weichen.  Von  seinen  Collegen  und  anderen 
Schriftstellern,  denen  er  geistig  weit  überlegen  war,  duldete  er  keinen 
Widerspruch  und  wies  ihre  Angriffe  mit  der  ganzen  Heftigkeit  seines 
Characters  und  der  Energie  seines  Geistes  zurük.  Als  er  an  Jahren 
zunahm,  artete  diese  Entschiedenheit  in  Unduldsamkeit  und  seine  Kraft 
in  Eigensinn  aus.  Er  schmähte  nicht  nur  Solche,  die  es  verdienten, 
sondern  wurde  auch  ungerecht  gegen  Männer,  denen  er  nichts  als  ihren 
Ruhm  und  ihr  Talent  vorwerfen  konnte,  z.  B.  gegen  Bichat.  Körperliche 
Leiden  und  Unzufriedenheit  mit  seinen  häuslichen  Verhältnissen  steig- 
erten seine  Grämlichkeit  und  Unzufriedenheit. 

Barthez  suchte  Consequenz  und  Zusammenhang  in  die  Thatsachen  zu 
bringen.  Sein  Hauptwerk :  die  elements  de  lasciencede  lTiomme  kann  man 
in  formeller  Beziehung  als  ein  Muster  einer  allgemeinen  Physiologie  und 
Pathologie  bezeichnen.  Es  enthält  eine  Menge  der  trefflichsten  Ideen. 
Während  dieses  Werk  jedoch  gesezgebend  in  der  Schule  von  Montpellier 
wirkte,  so  fand  es  anderwärts  nur  wenig  Anerkennung.  Die  Pariser 
Schule,  noch  mehr  die  deutsche  Physiologie  ignorirten  es  fast  vollständig. 
Nichtsdestoweniger  gelangten  manche  von  seinen  Anschauungen  auf  Um- 
wegen in  die  Wissenschaft.  Barthez  selbst  freilich  wurde  dabei  vergessen 
und  so  rächte  sich  die  Ungerechtigkeit,  die  er  gegen  andere  Verdienste 
übte,  an  ihm  selbst. 

Sein  grösstes  Verdienst  liegt  in  dem  geordneten,  logischen  Geiste, 
mit  welchem  er  die  Thatsachen  zu  durchdringen  wusste.  Neue  Beobacht- 
ungen und  neue  Thatsachen  finden  sich  wenige  bei  ihm;  aber  er  weiss  aus 
bekannten  neue  Gesichtspunkte  zu  eröffnen.  Die  nakten  dogmatischen 
Aussprüche  der  früheren  Physiologen  haben  bei  Barthez  aufgehört  und 
überall  suchte  er  seine  Ansichten  nach  allen  Seiten  zu  beleuchten  und  die 
Gründe  für  seine  Annahmen  beizubringen.  Er  sucht  aus  der  Masse  der 
Thatsachen  die  Naturgeseze  abzuleiten,  die  ihnen  zugrundeliegen. 

Seine  wesentlichste  Idee  ist  die  Aufstellung  eines  Lebensprincips  neben 
der  denkenden  Seele.  Die  Bewegungen ,  sagteer,  müssen  auf  zwei  Ur- 
sachen zurükgeführt  werden,  die  von  unbekannter  Natur,  jedenfalls  aber 
nicht  von  mechanischer  Wirksamkeit  sind:  diese  beiden  Ursachen  sind  die 
Seele  und  das  principe  de  lavie.  Er  widersezt  sich  ausdrüklich  jedem  Ver- 
suche ,  das  leztere  zu  personificiren ,  es  als  eine  selbständige  Existenz  zu 
betrachten  und  sagt,  es  sei  nur  ein  abstracter  Begriff ,  der  Ausdruk  für 
eine  vitale  Fähigkeit,  deren  Wesen  unbekannt  sei.  Doch  bemerkt  er  an 
einer  anderen  Stelle ,  das  Lebensprincip  könne  zerstört  werden  ohne  be- 
merkbare Veränderung  in  dem  Körper,   daher  sei  es  wahrscheinlich,  dass 


Barthez.  191 

es  eine  vom  Körper  distincte  Existenz  habe,  es  sei  daher  vielleicht  etwas 
von  ihm  Getrenntes,  wahrscheinlich  etwas  schon  zuvor  Vorhandenes.  Alle 
thierischen  Kräfte  hängen  von  diesem  einen  Lebensprincipe  ab,  die  Ein- 
heit zeige  sich  in  der  Correspondenz  aller  Theile,  in  dem  eigentümlichen 
Charakter,  den  die  jeweilige  Individualität  allen  Theilen  aufdrüke. 

Die  Verhältnisse  der  Bewegung  hat  Barthez  seit  Borelli  am  voll- 
ständigsten auseinandergesezt,  jedoch  auch  hier  mehrere  unbegründete 
Annahmen  beigemischt.  So  nimmt  er  z.  B.  eine  active  Dilatationskraft 
der  Muskeln  an;  da  nicht  nur  die  Bewegung,  sondern  auch  die  Ruhe 
activer  Art  sei ,  so  lässt  er  sich  zur  Annahme  einer  force  de  Situation 
fixe  verleiten. 

Ausser  den  motorischen  Kräften  nimmt  er  ferner  noch  tonische 
Kräfte  an,  durch  welche  unmerkliche  Bewegungen  in  den  Weichtheilen 
des  Körpers  bewerkstelligt  werden  z.B.  in  den  Gefässen,  dem  Zellgewebe 
der  Haut,  in  den  Drüsenkanälen.  Sie  sind  unmerklich,  weil  sie  zu  lang- 
sam erfolgen. 

Der  bewegenden  Kraft  gegenüber  steht  die  Sensibilität.  Sie  sei  nichts 
Passives ,  nicht  das  bloss  Geschehen  eines  Eindruks  auf  die  Nerven, 
sondern  eine  thätige  Kraft  des  Lebensprincips;  sie  sei  nicht  den  Nerven 
ausschliesslich  eigen,  ja  sie  stehe  nicht  einmal  in  Proportion  zur  Menge 
derselben. 

Auch  das  Blut  enthält  nach  Barthez  Lebensprincip  und  namentlich 
Sensibilität. 

Ausführlich  behandelt  Barthez  die  Sympathien  und  bringt  eine  Menge 
von  Bemerkungen  bei,  die  von  grossem  practischen  Interesse  sind. 

Besonders  anerkennend  hervorzuheben  ist  aber,  dass  Barthez  bei  der 
Aufstellung  des  Lebensprincipes  die  Unbekanntschaft  mit  der  Natur  des- 
selben eingesteht ,  dass  er  es  gewissermaassen  als  offene  Frage  behandelt 
und  er  ist  der  Erste,  der  diess  thut. 

Grimaud,  Barthez' Schüler,  1750 — 1799,  zeigt  dieselbe  Tendenz,  die  Grimand. 
Geseze  der  vitalen  Phänomene  aufzufinden,  neigt  sich  jedoch  wieder  mehr 
zu  Stahl  hin ,  indem  er  eine  unbewusste  Seelenthätigkeit  annimmt  und 
durch  sie  die  inneren  Bewegungen,  die  thierischen  Triebe  vermitteln  lässt, 
welche  Barthez  von  der  Seele  abgetrennt  und  dem  Lebensprincip  zuge- 
theilt  hatte. 

Dumas  1765,  von  1791  an  Professor  in  Montpellier,  später  Präsident        Dnmai. 
der  Schule  daselbst,  gestorben  1813,  arbeitete  in  Barthez'  Sinne,  verliess 
jedoch  die  abstracte  physiologische  Methode  desselben,   Hess  die  Einheit 
des  Lebensprincips  fallen  und  studirte  mehr  und  mit  Erfolg  das  Detail 
der  Lebenserscheinungen.     Er  nimmt  vier  Kräfte  im  Organismus  an :  die 


192  D>e  Medicin  im  Zeitalter  der  Aufklärung. 

Sensibilität,  die  motorische,  die  assimilirende  Kraft  und  die  Kraft  des 
vitalen  Widerstands.  Die  Krankheiten  sucht  er  in  ihre  Elemente  zu  zer- 
legen und  hat  in  der  allgemeinen  Anatomie  Bichat  vorgearbeitet.  Seine 
Hauptwerke  sind  die  sehr  geschäzten  Principes  de  physiologie  in  4  Bänden 
und  die  Doctrine  generale  des  maladies  chroniques. 

Die  Physiologie  Im  übrigen  Frankreich  geschah  in  der  Aufhellung  der  Fundamental- 

er  .        Ursachen  und  Erscheinungen   wenig.     Lamettrie,    der  physiologische 

Encyclopadisten.  °  °  '  r    J  b 

Theoretiker  aus  der  Schule  der  Encyclopädisten  und  Freund  Haller's,  hat 
in  seinem  l'homme  machine,  einer  phrasenreichen  Diatribe  ohne  Logik 
und  positive  Grundlage,  den  Versuch  gemacht,  die  psychischen  Functionen 
auf  einen  Mechanismus,  der  im  Gehirn  realisirt  sei ,  zurükzuführen. 

Um  nichts  gründlicher  hat  der  Verfasser  des  Systeme  de  la  nature 
verfahren,  in  welchem  übrigens  der  physiologische  Theil  nur  einen  unter- 
geordneten Abschnitt  darstellt. 

Der  ästhetisirende  Ton,  in  welchen  das  französische  Philosophiren 
sich  verirrte,  und  das  geniesüchtige  Absprechen  über  unbekannte  Ver- 
hältnisse, womit  man  zu  glänzen  strebte,  war  ernsten  und  sorgfältigen 
Studien  über  die  Natur  des  Menschen  nicht  günstig. 

England.  In  England  war  man  bis  zur  Mitte  des  18.  Jahrhunderts  fast  aus- 

schliesslich den  iatromechanischen,  zum  Theil  mit  Stahl'schen  und  Hoff- 
mann'schen  Ideen  gemischten,  oder  auch  Boerhaave'schen  Anschauungen 
zugethan  gewesen,  bis  es  einem  Manne  von  ungewöhnlichem  Scharfsinn 
und  strenger  Consequeuz  gelang,  die  Mehrzahl  der  englischen  Aerzte  zu 
einer  geschlossenen  Schule  zu  vereinigen, 
cuiien.  Wilhelm  Cullen,  geboren  1712,  aus  einer  armen  Familie,  trat  als 

Lehrling  bei  einem  Barbier,  später  bei  einem  Apotheker  ein,  erhielt  darauf 
die  Stelle  eines  Schiffschirurgen  auf  einem  kleinen  Schiff,  das  er  bald 
wieder  verliess,  um  sich  als  Wundarzt  in  einem  kleineu  Dorfe  nieder- 
zulassen. Später  sezte  er  sich  in  Hamilton ,  wo  er  mit  Wilhelm  Hunter 
bekanntwurde.  Beide  waren  junge  Leute,  arm  und  voll  Wissbegierde. 
Sie  konnten  es  nicht  ertragen,  auf  halbem  Wege  stehen  geblieben  zu  sein, 
und  entschlossen  sich,  Alles  daran  zu  sezen,  um  ihre  Studien  weiter  aus- 
dehnen zu  können.  So  verabredeten  sie,  wechselsweise  auf  gemeinschaft- 
liche Rechnung  zu  practiciren ;  Einer  durfte  auf  der  Universität  während 
eines  halben  Jahres  den  Studien  leben,  während  der  Andere  in  Hamilton 
blieb  und  die  Kosten  bestritt. 

So  gelangte  endlich  Cullen  zum  Doctoriren  (1740)  und  wurde  1746 


Cullen. 


193 


Professor  der  Chemie  in  Glasgow,  1751  lehrte  er  ebendaselbst  Median. 
1756  wurde  er  nach  Edinburgh  versezt,  anfangs  für  Chemie,  dann  für 
Materia  medica,  zulezt  für  theoretische  und  practische  Medicin.  Er  wurde 
der  beliebteste  Lehrer  der  Hochschule,  die  durch  ihn  und  seine  Collegen 
Gregory  und  Monro  bald  zu  grosser  Berühmtheit  gelangte.  Erst  gegen 
das  Ende  seines  Lebens  wankte  seine  früher  unbestrittene  Autorität,  in- 
dem gerade  der  unter  seinen  Schülern ,  der  ihm  der  liebste  war  und  den 
er  zum  Erben  und  Vertheidiger  seiner  Ideen  auserlesen  hatte ,  als  leiden- 
schaftlicher Gegner  gegen  ihn  auftrat.  Dieser  Schüler  war  John  Brown. 
Cullen  starb  1790. 

Als  Cullen  in  Edinburgh  auftrat,  herrschte  dort  fast  unbeschränkt  die 
Boerhaave'sche  Lehre,  der* sich  jedoch  einige  Friedr.  Hoffmann'sche  Ideen 
über  den  Nervenäther  beigemischt  hatten.  Cullen  selbst  war  unter  Boer- 
haave'schen  Lehrsäzen  aufgewachsen;  er  sah  aber  bald  den  Mangel  an 
Zusammenhang,  die  Inconsequenz  und  die  Unrichtigkeit  der  Boerhaave'- 
schen  Hypothesen  ein.  Seine  eigene  Lehre  ist  am  vollständigsten  in  seinen 
1777  erschienenen  „Anfangsgründen  der  medicinischen  Praxis"  (first  lines 
of  practice  of  physic)  auseinandergesezt. 

Sein  oberster  Grundsaz  ist:  Das  Nervensystem  ist  die  Quelle  des  Le-  Die  Nerven  die 
bens;  von  ihm  gehen  alle  Krankheiten  aus,  alle  Heilmittel  wirken  durch  Le™°  **°  a**r 
dasselbe.  Mit  geringen  Ausnahmen  verwarf  er  alle  mechanischen  und 
humoralen  Ursachen.  Er  adoptirte  Friedr.  HofFmann's  Eintheilung  der 
krankhaften  Zustände  in  Spasmus  und  Atonie ;  aber  der  Spasmus  ist  ihm 
nicht  bloss  Uebermaass  von  Kraft  und  Tonus,  sondern  nur  das  Phänomen 
einer  irritativen  Zusammenziehung,  deren  Ursache  häufig  ein  Zustand  von 
Schwäche  ist,  besonders  von  Schwäche  im  Gehirn.  Hierdurch  kam  er 
dem  wahren  Yerhältniss  bereits  viel  näher. 

Im  Fieber  glaubt  Cullen  annehmen  zu  dürfen,  dass,  da  der  Frost  stets 
*der  Vorläufer  sei,  er  auch  die  Ursache  des  Fiebers  enthalte.  Die  wesent- 
lichste Erscheinung  des  Fieberfrostes  sei  aber  Schwäche  des  Gehirns, 
während  nur  die  äussersten  Enden  der  Gefässe  in  krampfhafter  Contraction 
sich  befinden;  der  Krampf  der  Gefässendigungen  reize  sofort  Arterien  und 
Herz,  und  so  entstehe  die  Pulsfrequenz,  die  so  lange  anhalte,  bis  der  Reiz 
aufhöre ,  bis  die  Gefässendigungen  wieder  erschlafft  seien  und  das  Gehirn 
seine  volle  Energie  wieder  erhalten  habe.  Cullen  will  hier  offenbar  sich 
eine  Vorstellung  machen  von  dem,  was  beim  Fieber  vorgeht,  im  Gegensaz 
zu  den  meisten  seiner  Vorgänger ,  die  nur  untersuchen ,  was  es  soll  und 
will.  Doch  musste  auch  Cullen's  Versuch  misslingcn,  da  die  physiolog- 
ischen Prämissen  noch  völlig  unzureichend  waren. 

Bei    der  Diagnose   und  Therapie    der  Fieber  habe  man  vornemlich 

Wunderlich,  Geschichte  d.  Medicin,  J3 


Krankheiten. 


[Fieberlfihre. 


194 


Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Aufklärung. 


Entxnndung. 


Neurosen, 
Cachexien  und 
topische  üebel. 


Charakter 
der  Cullen'schen 
Anschauungen. 


1)  auf  die  Schwäche  selbst,  und  2)  auf  die  Reaction  des  Körpers  zu  sehen 
und  je  nach  dem  Ueberwiegen  des  einen  oder  des  andern  Verhältnisses 
zu  verfahren.  Wo  die  Reaction  vorherrscht,  nennt  er  das  Fieber  eine 
Synocha;  wo  die  Schwäche,  einen  Typhus;  doch  nimmt  er  noch  eine  dritte 
Classe  an,  den  Synochus,  der  aus  Synocha  und  Typhus  zusammengesezt 
sei,  anfangs  inflammatorisch  verlaufe,  später  typhös  werde,  aber  unmöglich 
genau  vom  Typhus  unterschieden  werden  könne. 

Bei  der  Behandlung  des  Fiebers  sind  nach  Cullen  folgende  drei  Indi- 
cationen  zu  beobachten :  1)  Mässigung  der  heftigen  Reaction,  2)  Hebung 
der  Ursache  der  Schwäche,  und  3)  Verbesserung  der  Säfte. 

Bei  der  Entzündung  ist  nach  Cullen  die  wesentlichste  Erscheinung 
vermehrter  Blutandrang  in  die  Gefässe  des  entzündeten  Theiles.  Blosse 
Stokung  nach  Boerhaave's  Theorie  erkläre  die  Phänomene  nicht,  vielmehr 
bewirken  gewisse  Ursachen  ein  Anströmen  des  Blutes  nach  einzelnen  Ge- 
fässpartien.  Das  Blut  mache  dort  einen  Reiz  und  bewirke  einen  Krampf 
in  den  kleinsten  Arterien. 

Ist  Congestion  und  Krampf  nur  massig  stark,  so  kann  die  vermehrte 
Bewegung  des  Blutes  den  Krampf  wieder  überwältigen,  und  die  Entzündung 
heilt  durch  Zertheilung. 

Dasselbe  geschieht,  wenn  künstlich  eine  Blutentleerung  in  benachbarten 
Theilen  eingeleitet  wird  oder  spontan  eine  Hämorrhagie  eintritt. 

Eiterung  dagegen  tritt  dadurch  ein,  dass  die  vermehrte  Blutbewegung 
die  vasa  exhalantia  in  dem  entzündeten  Theile  erweitere ,  es  ergiesse  sich 
Serum,  welches  stoke  und  sich  in  Eiter  verwandle. 

Die  Indicationen  bei  der  Entzündung  sind :  Entfernung  der  Ursache, 
Tilgung  der  diathesis  phlogistica  und  Hebung  des  Krampfes. 

Ausser  Pyrexien  (Fieber)  und  Entzündungen  nimmt  Cullen  weiter  an 
die  Neurosen  im  engern  Sinne,  d.  h.  comatöse  Krankheiten,  Adynamien, 
Krämpfe  und  Geisteskrankheiten ,  ferner  die  Cachexien  und  die  top- 
ischen Uebel. 

Nur  bei  Scropheln  und  Scorbut  lässt  er  eine  Säfteveränderung  zu ; 
bei  jenen  sei  Schärfe  der  Lymphe,  beim  Scorbut  eine  Neigung  zum  Faul- 
werden, aber  keine  wirkliche  Fäulniss,  denn  solche  komme  im  lebenden 
Körper  nicht  vor. 

Cullen  ist  somit  ein  ganz  entschiedener  Nervenpatholog,  aber  er  ergeht 
sich  nicht  in  allgemeinen  Säzen  über  abstracte  Begriffe,  sondern  er  strebte 
aus  seiner  Lehre  practische  Consequenzen  zu  ziehen,  sie  aufs  Concrete 
anzuwenden.  Er  hat  noch  das  weitere  Verdienst ,  dass  er  sich  bemühte, 
sich  eine  plastische  Vorstellung  von  den  krankhaften  Processen  zu  machen, 
die  innern  organischen  Vorgänge  zu  begreifen.     Er  fehlte  dabei  oft,  aber 


Cullen.    Gregory. 


195 


auch  diese  Fehler  waren  von  Nuzen ,  indem  sie  anregten,  den  Gegenstand 
immer  weiter  vom  neuem  zu  betrachten. 

Die  Darstellung  der  Krankheiten  ist  bei  Culleu  systematisch  und  bündig. 

Cullen's  Therapie  ist  um  ein  Gutes  einfacher,  als  die  seiner  Vorgänger,  cuiieo's  Therapi». 
Sie  bezieht  sich  auf  durchdachte  Tndicationen  und  auf  die  Erfahrung,  und 
bedient  sich  eines  kleinen,  gewählten  Arzneivorrathes. 

Damit  stellt  er  den  in  seiner  Allgemeinheit  allerdings  unrichtigen 
Grundsaz  auf,  dass  die  Medicamente  auf  die  Nerven,  namentlich  die  des 
Magens  wirken,  und  zwar  sei  diese  Wirkung  entweder  eine  schwächende 
oder  eine  stärkende.  Grossen  Werth  legte  er  auf  diätetische  Maassregeln 
und  in  chronischen  Krankheiten  besonders  auf  körperliche  Uebung  und 
Vermeidung  der  Fleischspeisen. 


Eine  grosse  Anzahl  der  englischen  Pathologen  schlössen  sich  Cullen 
an.     Die  Selbständigsten  darunter  sind  Musgrave  und  Gregory. 

Samuel  Musgrave  schrieb  1776  Speculationen  und  Conjecturen  über 
die  Qualitäten  der  Nerven.  Er  nimmt  die  Suprematie  des  Nervensystems 
noch  in  grösserem  Umfange  an ,  als  Cullen.  Auch  er  lässt  alle  Krank- 
heiten vermittelst  des  Nervensystems  entstehen  und  alle  Medicamente 
auf  dieses  wirken. 

Jacob  Gregory,  geboren  1758,  Sohn  des  John  Gregory,  des  Collegen 
von  Cullen,  war  Beider  Schüler  und  erhielt  schon  sehr  früh,  noch  nicht 
18  Jahre  alt,  die  Professur  der  theoretischen  Medicin  in  Edinburgh.  Nach 
Cullen's  Tode  wurde  er  dessen  Nachfolger  in  der  Professur  der  praktischen 
Medicin.  Er  starb  1822,  gehört  jedoch  vollständig  der  Cullen'schen  Zeit 
an,  indem  sein  Hauptwerk  „Conspectus  medicae  theoreticae",  das  sechs 
Auflagen  erlebte,  schon  1776  erschien.  Auch  hat  er  eine  Ausgabe  von 
Cullen's  Werk  mit  Noten  versehen  besorgt. 

Gregory  begreift  Muskeln  und  Nerven  unter  einem  Gesichtspunkte  als 
Genus  nervosum.  Die  Irritabilität  ist  zwar  eine  den  Muskeln  eigene,  von 
den  Nerven  unabhängige  Kraft;  sie  ist  jedoch  von  der  Nervenkraft  nur 
durch  den  Siz,  durch  das  materielle  Substrat  unterschieden.  Er  weist 
die  Schwingungen  in  den  Nerven  ,  die  Bewegungen  des  Nervenfluidums 
zurük,  weil  diess  unerwiesene  Hypothesen  seien.  Ausser  der  lebendigen 
Irritabilität  nimmt  er  in  den  Muskeln  noch  eine  todte  elastische  Kraft  an 
und  eine  tonische  Kraft.  Diese  leztere  soll  der  Ausdehnung  des  Muskels 
widerstehen. 

Der  Nuzen  des  Blutes  sei ,  dass  es  das  genus  nervosum  errege ,  die 
thierische  Wärme  erzeuge  und  eine  Vorrathsmasse  für  die  Absonderung 
sei.     Die   pathologischen  Veränderungen    des  Blutes    seien  milchartige 

13* 


Seine  Schüler. 


Musgrave. 


Gregory. 


196  Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Aufklärung. 

Beschaffenheit  des  Serum,  phlogistische  Beschaffenheit,  Plethora,  Anämie 
und  Serosität.  Die  Spissitudo  erkennt  er  nicht  an;  dagegen  glaubt  er 
an  eine  Fäulniss  im  Scorbut,  Typhus,  kalten  Brand  und  in  der  Pest.  Die 
Fäulniss  rühre  von  Ammoniak  her,  das  im  Uebermaass  gebildet  werde. 
Er  nennt  diess  Hyperanimalisation. 

Gregory  erklärt  sich  gegen  saure  und  alkalinische  Schärfe  im  Blut. 
Zwar  gibt  er  das  Entstehen  verschiedener  Schärfen  im  Blut  (durch  Ge- 
würze und  starke  Getränke)  zu,  aber  es  sei  nichts  Näheres  von  denselben 
bekannt. 

Im  Allgemeinen  hat  Gregory  nichts  wesentlich  Neues  geliefert,  allein 
die  Nüchternheit  seiner  Kritik  war  etwas  Neues.  Es  war  ein  hohes  Ver- 
dienst, dass  er  die  Gehaltlosigkeit  der  herrschenden  Hypothesen  ins  Licht 
sezte.     Er  gesteht  überall  gern  die  Luken  des  Wissens  ein. 

Gregory  war  vom  grössten  Einfluss  auf  die  englische  Medicin  und  hat 
ihr  den  Sinn  für  die  Nüchternheit ,  eine  gewisse  Scheu  vor  Theorien  ein- 
gepflanzt. In  Deutschland  und  Frankreich  wurde  Gregory  wenig  beachtet. 
cuUen's Anhänger  Ausserhalb  England  schlössen  sich  an  Cullen  mehr  oder  weniger  an: 
auf  dem  delaRoche  in  Genf  und  Paris,  1743 — 1813,  entschiedener  Nerven- 
patholog,  Vacca  Berlinghieri,  Professor  in  Pisa,  der  jedoch  einzelne 
Punkte  der  Cullen'schen  Lehre  bekämpfte.  Sodann  aber  fand  seine  fast 
ausschliessliche  Berüksichtigung  derFesttheile  in  Krankheiten  vornemlich 
in  Deutschland  Eingang. 

Die  Pathologie  in  Deutschland. 
Deutsche  Aus  der  Irritabilitätslehre  Haller's  und  Winter's,   aus  dem  Nerven- 

soiidarpatho-  fluidum  Hoffmann's  und  zum  Theil  unter  Mitwirkung  der  Cullen'schen 

logen. 

Lehre  bildete  sich,  zumal  in  Deutschland,  eine  theoretische  Anschauungs- 
weise heraus ,  die  bald  unter  allen  Verhältnissen  im  Organismus  nur  die 
der  Festtheile  berüksichtigte ,  und  bei  diesen  selbst  weniger  auf  Bau, 
Structur  und  functionelle  Bedeutung  Rüksicht  nahm ,  als  auf  die  zwei 
supponirten  Grundkräfte,  die  in  ihnen  wirken  sollten,  nemlich  die  Irritab- 
ilität und  Sensibilität.  Haller's  Irritabilitätslehre  war  fast  durchaus  irrig 
aufgefasst  worden.  Man  vermochte  sich  in  jener  Zeit  noch  nicht  auf  den 
phänomenologischen  Standpunkt  zu  stellen,  von  welchem  aus  das  Phänomen, 
sich  auf  Reize  zu  contrahiren,  d.  h.  Haller's  Irritabilität,  als  eine  be- 
stimmte Eigenschaft  einer  bestimmten  Organisation,  nemlich  der  Muskel- 
faser, als  deren  immanentes  Phänomen  erschien. 

Die  Meisten  sahen  vielmehr  die  Irritabilität  als  eine  virtuelle  Existenz, 
als  ein  gesondertes,  selbständiges  Princip  an,  welches  die  Muskeln  bewege; 
Andere  blieben  an  dem  Worte  Irritabilität,  Reizbarkeit  hängen,  sagten: 
Alles  was  reizbar  ist,    was    auf  eine  äussere  Einwirkung  selbstthätige 


ünzer.  197 

Aeusserungen  zeigt,  ist  irritabel,  und  dehnten  so  den  Begriff  auf  den 
ganzen  Organismus  aus;  noch  Andere  verwechselten  die  Irritabilität  mit 
der  Energie,  zu  reagiren,  mit  der  Kraft,  äussere  Eingriffe  zurükzuweisen, 
und  nahmen  sofort  im  Gegensaz  dazu  die  Sensibilität  als  jene  Constitut- 
ionseigenthümlichkeit,  bei  welcher  die  äusseren  Einwirkungen  wohl  be- 
trächtliche subjective  Symptome  (Schmerz,  Unruhe)  hervorrufen,  ohne 
aber  mit  Energie  zurükgewiesen  zu  werden. 

So  führten  diese  Ausdrüke  ein  Chaos  sich  confundirender  Vorstell- 
ungen ein;  von  jedem  Autor  wurden  die  Begriffe  verschieden  und  immer 
schwankender  aufgefasst,  in  jedem  xA.ugenblik  wurden  sie  verwechselt.  So 
kam  es,  dass  man  die  Entzündung,  das  Fieber  eine  Krankheit  oder  eine 
Erhöhung  der  Irritabilität  nannte,  den  Typhus,  das  Nervenfieber  dadurch 
erklärte,  dass  die  Sensibilität  mitleide,  im  Faulfieber  die  Irritabilität  als 
gesunken  und  verloren  gegangen  ansah.  Man  sprach  von  vermehrter 
Irritabilität,  von  specifischen  Irritabilitäten  und  von  Einwirkungen  gewisser 
Arzneimittel  auf  die  Irritabilität. 

Damit  vermischten  sich  noch  mehr  oder  weniger  dunkle  Ideen  von 
einem  allgemeinen  Lebensprincip ,  einer  Lebenskraft.  Irritabilität  und 
Sensibilität  sollten  nur  die  dualistischen  Gegensäze  sein,  die  Pole,  in 
welche  die  eine  Lebenskraft  auseinander  gehe.  Die  Lebenskraft  selbst 
wurde  bald  als  identisch  mit  Nervenkraft,  bald  als  etwas  Höheres,  über 
ihr  Stehendes  gedacht. 

Die  wenigen  bedeutenden  Schriftsteller  aus  dieser  autorenreichen, 
aber  leistungsarmen  Richtung  sind: 

Johann  August  Unzer,  der  bedeutendste,  orginellste  und  klarste  tn«r. 
unter  ihnen  (f  1799).  1771  schrieb  er  sein  berühmtes  Werk:  Erste 
Gründe  einer  Physiologie  der  eigentlichen  thierischen  Natur  thierischer 
Körper.  Ausserdem  übte  er  einen  ungemeinen  Einfluss  durch  die  Her- 
ausgabe eines  populär-medicinischen  Journals:  „der  Arzt",  und  ihm  ist 
hauptsächlich  der  entschiedene  Sieg  der  dynamistischeu  Nervenpathologie 
in  Deutschland  zuzuschreiben. 

Die  thierische  Maschine  wird,  sagt  er,  nach  andern  Gesezen  bewegt, 
als  die  unorganisch  mechanische.  Die  eigentliche  thierische  Maschine 
seien  die  Nerven  und  das  Gehirn ,  welches  der  Siz  der  Seele  sei.  Ihre 
Structur  mache  sie  zu  den  organischen  Wirkungen  fähig,  bringe  diese  aber 
nicht  hervor;  die  übrigen  Theile  des  Körpers  seien  nur  eine  physikalischen 
Gesezen  folgende  Maschine. 

Unzer  sezt  bereits  ganz  bestimmt  den  Unterschied  der  centripetalen 
Leitung  in  einzelnen  Nervenfäden  von  der  Peripherie  zum  Gehirn  und 
der  centrifugalen  in  andern  Nervenfäden  von  dem  Gehirn  zu  den  Theilen, 


1 98  Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Aufklärung. 

in  welchen  sich,  wie  er  sagt,  die  Seelenwirkungen  äussern.  Die  äussern 
Eindrüke  sind  durch  die  Empfindungen  die  Triebfeder  für  die  Vorstellung; 
aber  auch  wenn  sie  Bewegung  veranlassen,  wirken  durch  sie  die  sensitiven 
Nerven  auf  das  Gehirn ,  und  erst  durch  Vermittlung  von  diesem  wieder 
auf  die  centrifugalen  Nerven  und  die  zu  bewegenden  Theile. 

Alle  thierischen  Wirkungen  stehen  unter  der  Subordination  der 
äussern  Eindrüke.  Durch  diese  werden  die  thierischen  Lebenskräfte 
unterhalten,  und  von  leztern  hänge  es  ab,  dass  die  Wirkungen  hervor- 
gebracht werden. 

Ausserdem  seien  aber  auch  die  Wirkungen  noch  der  Seelenthätigkeit 
subordinirt,  denn  der  Wille  wirke  gleichsam  als  Reiz  auf  die  Bewegungen; 
allein  die  äussern  Nerveneindrüke  können  auch  auf  die  Bewegungen  re- 
flectirt  werden  ohne  das  Mittelglied  der  Seele;  daher  sei  die  Nervenkraft 
von  der  Seele  verschieden. 

Ueberreizung  trete  ein,  wenn  durch  öftern  und  längern  Gebrauch  die 
Lebensgeister  verzehrt  werden. 

Unzer  war  wirklich  ein  hervorragender  Mann  und  ein  guter  Denker. 
Er  hat  am  klarsten  die  Luke,  welche  die  Iatromechanik  gelassen  hat, 
angegeben  und  das  Verhältniss  der  Mechanik  im  Körper  und  der  Nerven- 
wirkung am  schärfsten  geschieden.  Er  kann  als  einer  der  ersten  Be- 
gründer der  Nervenphysik  angesehen  werden.  Er  hat  zwar  keine  erheb- 
lichen neuen  Thatsachen  aufgefunden,  aber  er  hat  alles  Vorhandene 
resumirt.  Sein  Verdienst  ist  namentlich  das  Streben,  eine  ähnliche 
Gesezmässigkeit  für  das  organische  Leben  aufzufinden,  wie  sie  für  die 
mechanischen  Vorgänge  bereits  gefunden  war.  Indessen  waren  seine 
Begriffe  allerdings  vielfach  unklar,  und  indem  er  den  reinen  Mechanismus 
im  Leben  ganz  vernachlässigte,  wurde  er  der  einseitige  Nervosist.  Die 
sogenannten  vegetativen  Thätigkeiten  finden  bei  ihm  keine  Berüksichtig- 
ung,  nicht  einmal  Erwähnung. 
Medien».  Medicus,  „über  die  Lebenskraft"  1774,  hatte  ähnliche  Ideen.     Der 

Körper  sei  eine  Maschine ,  deren  Bau  die  Lebenserscheinungen  nicht  er- 
klären könne.  Die  Seele  erkläre  sie  aber  auch  nicht;  es  müsse  also  ein 
Drittes  geben.  Dieses  sei  die  Lebenskraft,  sie  wohne  im  Gehirn  und  in 
den  Nerven.  Von  den  Ganglien  rühre  die  Unwillkührlichkeit  und  Un- 
bewusstheit  vieler  Lebensbewegungen  her. 
Schäfer.  Gottlieb  Schäfer  ist  in   seinen   „Versuchen  aus  der  theoretischen 

Arzneiwissenschaft"  (1782-1784)  der  Ansicht,  dass  alle  Krankheiten 
nur  von  dem  abnorm  gereizten  Nervensystem  herkommen.  Wenn  Theile 
angegriffen  werden,  welche  mehr  Empfindlichkeit  als  andere  haben,  so 
entstehe  Fieber.     Was  man  Rohheit   des  Fiebers    nannte,   bezeichnet 


Deutsche  Solidarpathologen. 


199 


Schäfer  als  Periode  der  Reizung,  das  Stadium  der  Kochung  dagegen  als 
Periode  der  Erschlaffung.  Die  Krisen  entscheiden  nach  ihm  nicht  die 
fieberhafte  Krankheit,  sondern  sie  sind  oft  nur  die  Folgen  und  die 
Zeichen ,  dass  sie  entschieden  ist.  Die  Irritabilität  ist  nach  Schäfer  ab- 
hängig von  der  Sensibilität.  Die  Sensibilität  ist  ihm  dagegen  ziemlich 
gleichbedeutend  mit  Lebensprincip  überhaupt.  Es  gibt  zwei  krankhafte 
Verhältnisse  der  Sensibilität:  die  erhöhte  und  die  angehäufte.  Erstere 
entsteht  durch  ungewöhnliche  Reize  und  hat  Erschöpfung  zur  Folge,  die 
angehäufte  entsteht  aus  Mangel  an  Reizen.  Auch  von  Schäfer  wird  dem- 
nach die  Sensibilität  durchaus  als  etwas  Selbständiges,  Existentielles 
behandelt  und  von  der  materiellen  Basis  gänzlich  abstrahirt. 

Blumenbach,  der  berühmte  Physiolog  von  Göttingen,  gab  seine  Biumenbaeh. 
„Institutiones  physiologicae"  1786  heraus.  Er  hat  das  Verdienst,  die 
Lebenskraft  vielseitiger  betrachtet  und  nicht  auf  die  Nerven  eingeschränkt 
zu  haben.  Jedem  Organe  vindicirt  er  sein  eigenes  Leben,  während  er 
dagegen  dem  Blut  Vitalität  abspricht  (de  vi  vitali  sanguini  neganda). 
Neben  Irritabilität  und  Sensibilität  nimmt  er  noch  eine  dritte,  plastische, 
bildende  Kraft  an ,  die  Bildungskraft  oder  Reproductionskraft.  Damit 
waren  die  materiellen  Phänomene  der  Ernährung  und  Umsczung,  nach- 
dem sie  in  der  gesammten  Periode  fast  ausgeschlossen  aus  den  Anschau- 
ungen waren,  wieder  eingeführt,  und  es  war  dies  ein  grosses  Verdienst 
Blumenbach's.  Freilich  war  die  Aufstellung  einer  besondern  Kraft  zu 
ihrer  Erklärung  nicht  der  richtige  Weg,  sie  selbst  kennen  zu  lernen  und 
zu  verstehen. 

Ein  Compendium  der  nervosistischen  Solidarpathologie  verfasste  spreng. 
1795 — 1797  Kurt  Sprengel.  Ohne  neue  Ideen  zu  bringen,  resumirte 
er  die  Ansichten  seiner  Schule,  allerdings  mit  einer  gewissen  Klarheit, 
zugleich  aber  in  dürrer  und  trokener  Weise.  Doch  ist  sein  „Handbuch 
der  Pathologie"  in  drei  Theilen  für  das  Studium  dieser  Richtung,  welche 
darin  ohne  Discussion  rein  dogmatisch  dargelegt  wird,  nicht  ohne  Werth. 

Neben  diesen  hervorragenden  Verfechtern  der  nervosistischen  Theorie  Unfruchtbarkeit 
tauchten  eine  grosse  Anzahl  untergeordneter  Köpfe  in  der  Literatur  auf.  d< 
Bei  ihnen  wird  die  Verwiklung  in  abstracte  Begriffe,  das  Hin-  und  Her- 
werfen und  Spielen  mit  Worten  geradezu  unerträglich.  Sie  entfernten 
sich  von  dem  Felde  der  Beobachtung,  und  mit  einer  unglüklichen  Sucht 
zur  Dialektik  stritten  sie  sich  wie  die  Iatrosophisten  des  Alterthums  über 
substanzlose  Begriffe  und  inhaltsleere  Worte.  Jede  noch  so  absurde 
Idee  rief  eine  Masse  von  Streitschriften  hervor,  und  es  ist  in  dieser 
Periode  ebensowohl  die  Abundanz  als  die  Unfruchtbarkeit  der  Literatur 
fast  ohne  Gleichen. 


Discussionen. 


200  JDie  Medicin  im  Zeitalter  der  Aufklärung. 

Das  Schlimmste  aber  war,  dass  durch  diese  oft  geistreichen,  oft 
geistlosen,  aber  immer  substanzlosen  Streitereien  bei  den  deutschen 
Aerzten  der  Sinn  für  exacte,  objective  Beobachtung  auf  lange  zerrüttet 
und  vernichtet  wurde,  dass  eine  Masse  von  bildlichen  Ausdrüken  und  er- 
fahrungswidrigen Ansichten  in  die  ganze  Denkweise  und  in  den  Sprach- 
gebrauch der  deutschen  Medicin  eingeführt  worden  ist.  Und  es  hat  mehr 
als  zwei  Generationen  gedauert,  bis  die  deutsche  Medicin ,  nachdem  sie 
beim  Auslande  in  die  Lehre  gegangen ,  von  dieser  Verwirrung  sich  zu 
erholen  anfing. 

Humorai-  Bei  den  Theoretikern  war  die  Solidarpathologie  geradezu  fast  allein- 

pathoiogie.  herrsch.encL  Je  weniger  streng  und  speculativ  die  Haltung  war,  um  so 
mehr  mischten  sich  humoralpathologische  Reminiscenzen  ein  und 
für  die  gewöhnliche  Praxis  blieben  die  Säfte  und  Schärfen  fortwährend 
das  unvermeidliche  und  unentbehrliche  Verkehrsmittel. 
Chr.  l .  Hofmann.  Selbst  ein  Versuch ,  theoretisch  die  Humoralpathologie  zu  rehabilit- 
iren,  wurde  gemacht  von  Christoph  Ludwig  Hofmann  (1721  — 1807). 
Zwar  erkennt  er  Sensibilität  und  Irritabilität  der  Festtheile  als  die  Ur- 
sache der  Lebensbewegungen;  aber  die  pathologischen  Zustände  leitet  er 
von  der  Entartung  der  Säfte,  ihrer  Säure  und  Fäulniss  ab.  Besonders 
dem  leztern  Begriff  verschaffte  er  aufs  neue  Anerkennung.  Ohne  gerade 
entschiedene  Schüler  zu  haben ,  ja  selbst  ohne  von  den  Gelehrten  be- 
achtet zu  werden,  hatte  er  doch  ziemlichen  Einfluss  auf  die  Massen. 
Kämpf.  Noch  weit  beträchtlicher  aber  hat  Kämpf  nicht  nur  auf  die  Vorstell- 

ungen der  Aerzte,  sondern  namentlich  auch  auf  die  der  Laien  bestimmend 
eingewirkt. 

Er  hat  die  Lehre  von  den  Infarcten ,  d.  h.  von  der  Verstopfung  der 
Eingeweide  und  der  Gefässe  des  Unterleibs  ausgebildet  und  sieht  sie 
als  die  wesentlichsten  Grundstörungen  zahlreicher  Unterleibskrankheiten 
und  vieler  sonstiger  Beschwerden  am  Gegen  diese  Infarcte,  sowie  gegen 
die  Schärfe  der  Säfte  wandte  er  seine  weltberühmten  Klystire  an.  Seine 
Ansichten  und  seine  Methode  sind  dargestellt  in  der  Schrift  seines 
Sohnes:  Für  Aerzte  und  Kranke  bestimmte  Abhandlung  von  einer  neuen 
Methode,  die  hartnäkigsten  Krankheiten,  die  ihren  Siz  im  Unterleibe 
haben,  besonders  die  Hypochondrie,  sicher  und  gründlich  zu  heilen.  1784. 
Derselbe  schrieb  ausserdem  ein  beliebtes  Enchiridium  medicum  1778. 


Krankheit».  Die  Zeit   der   bewegten  Theorien  hat   noch  ein  anderes  beachtens- 

werthes  Product  hervorgebracht,  welches  von  Manchen  als  die  Spize  der 


classifica' 

tionen. 


Krankheitsclassificationen.  201 

wissenschaftlichen   Medicin  angesehen  wurde:   die  Classification   der 
Krankheiten. 

Der  Gebrauch,  die  Krankheiten  unter  Ordnungen  und  Classen  zu 
rubriciren,  stammt  aus  der  Mitte  des  18.  Jahrhunderts.  Zuvor  hatte  man 
einzelne  Krankheiten  oder  Krankheitserscheinungen,  von  denen  man 
etwas  zu  sagen  wusste,  monographisch  beschrieben  oder  ungezwungen 
aneinandergereiht,  höchstens  einzelne  Hauptformen,  acute  und  chronische 
Krankheiten,  Fieber,  Entzündungen  etc.  abgetheilt  oder  die  Affectionen 
nach  ihrem  Siz  in  verschiedenen  Organen  geordnet. 

Indessen  machten  die  Versuche  der  Botaniker,  ihre  Pflanzen  zu 
systematisiren,  auch  bei  einzelnen  Aerzten  den  Wunsch  rege,  eine  ähn- 
liche Ordnung  zu  haben;  und  schon  Sydenham  hatte  dieses  Ziel  als  ein 
sehr  werthvolles  bezeichnet. 

Zuerst  ergriff  Sau  vages  diese  Idee.  Während  eines  15monatlichen  saures. 
Aufenthalts  in  Paris  an  einem  Augenübel  leidend  (1730),  fasste  er  den 
Gedanken,  die  Krankheiten,  genau  geschieden  nach  Species  und  Genera, 
in  Classen  zu  ordnen,  wie  die  Botaniker  die  Pflanzen.  Er  theilte  seinen 
Plan  ßoerhaave  mit,  der  ihn  lobte,  aber  die  Schwierigkeiten  nicht  ver- 
schwieg. Troz  dessen  verfolgte  Sauvages  seine  Idee  mit  dem  grössten 
Eifer,  studirte  alle  Bücher,  deren  er  habhaft  werden  konnte,  consultirte 
die  erfahrensten  Aerzte,  sammelte  von  allen  Seiten  Materialien  und  Hess 
nach  angestrengter  Arbeit  schon  1731  sein  Traite  des  classes  des 
maladies  erscheinen.  Nachdem  er  hierauf  über  30  Jahre  lang  in  anderen 
Richtungen  in  Montpellier  thätig  gewesen  war,  verbesserte  er  seinen 
ersten  Versuch  und  gab  1763  seine  ausführliche  Nosologia  methodica 
sistens  morborum  classes,  genera  et  species  juxta  Sydenhami  mentem  et 
botanicorum  ordinem  heraus.  So  war  das  erste  Classifikationssystem  die 
Frucht  sehr  ernster  Studien  und  Meditationen. 

Sauvages  stellt  als  Begriff  der  Species  fest,  es  gebe  so  viele  Species, 
als  individuelle  Aehnlichkeiten  der  Krankheiten;  doch  sagt  er  ausdrük- 
lich,  Genera  und  Species  seien  nur  abstracte  Begriffe. 

Neben  der  symptomatischen  Specification  lässt  er  ausdrüklich  auch 
eine  ätiologische  und  anatomisch-organische  zu  und  macht  selbst  in 
beiden  einen  kurzen  Versuch.  Er  zieht  aber  die  symptomatische  vor, 
weil  die  beiden  andern  nicht  durchzuführen  seien. 

In  diesem  symptomatisch  angeordneten  Systeme  stellt  er  295  Genera 
morborum  auf  mit  etwa  2400  Species  und  theilt  sie  in  10  Classen,  jede 
mit  mehreren  Ordnungen. 

Indessen  hatte  Linne  durch  sein  schärferes  System  der  Pflanzen  das         L»nnö. 


202  Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Aufklärung. 

grösste  Aufsehen  erregt  und  stimmte  dadurch  die  ganze  Naturforsehung 
und  namentlich  die  Aerzte  günstig  für  die  Classification. 

Er  selbst  versuchte  sich  auch,  wiewohl  ohne  Glük,  im  Classificiren 
der  Krankheiten  und  Hess  1763  die  Genera  morborum  erscheinen,  deren 
er  325  aufstellt.  Er  sagt  bereits,  die  exanthemathischen  Krankheiten 
seien  Wucherungen  auf  dem  Körper,  parasitische  Gebilde.  Sein  System 
erhielt  nirgends  Beifall., 
weitere  ciassi-  Nim  folgten  von  allen  Seiten  neue  Systeme :  von  Vogel,  Sagar,  Cullen, 

ficatiomversuche.    _,        _.    .  ,        _.        .    ,     „, 

Mac  Bride,  Daniel,  Plouquet. 

In  Kurzem  war  die  ganze  Krankheitslehre  botanisch  eingetheilt.  Erst 
kamen  die  Classen-Charactere,  dann  die  Ordnungs-Charactere,  sofort 
die  Zeichen  des  Genus.  Jede  Krankheit  musste  neben  dem  Genus-Namen 
noch  einen  Species-Namen  führen.  Schon  fing  man  an,  bei  jeder  Species 
auch  sämmtliche  Synonyma  mit  beigefügten  Autoren  nachzuschleppen. 
Die  Beschreibung  der  Krankheit  selbst  wurde  ganz  im  botanischen  Styl 
gehalten,  und  man  fing  an,  sich  dem  Wahne  hinzugeben,  dass  man  damit 
den  lezten  Grad  der  Wissenschaftlichkeit  erreicht  habe. 

Beurtheiinng  der  Es  ist  zuzugeben ,  dass  diese  Einführung  der  Classification  in  die 
Bestrebungen,  descriptive  Pathologie  in  der  damaligen  Zeit  nicht  ohne  Nuzen  war.  Bei 
der  grossen  Sprachverwirrung,  welche  eingerissen  war  und  bei  der  Will- 
kür, mit  der  man  mit  den  elastischen  Worten  und  Begriffen  verfuhr,  war 
die  Herstellung  einer  noch  so  künstlichen  Ordnung  und  namentlich  die 
Fixirung  der  Terminologie  und  der  Nachweis  der  synonymen  Bedeutung 
verschiedener  Ausdrüke  ein  nicht  unbedeutendes  Verdienst.  Es  war  die 
Classensystematik  der  erste  Versuch,  eine  wissenschaftliche  Form  dem 
factischen  Material  zu  geben  und  dadurch  hat  sie  wirklich  einem  Bedürf- 
niss  entsprochen. 

Die  Krankheitsspecification  hat  ferner  dazu  beigetragen,  manche  Vor- 
gänge, die  man  früher  viel  zu  allgemein  und  obenhin  betrachtet  hatte, 
näher  in  ihrem  Detail  zu  verfolgen,  und  indem  sie  die  Luken  des  Systems 
und  damit  des  Wissens  aufdekte,  trieb  sie  dazu,  sie  auszufüllen. 

Hierin  liegt  die  gewichtige  historische  Bedeutung  des  classificator- 
ischen  Nosologismus. 

Aber  die  Nachtheile  des  Verfahrens  waren  noch  überwiegend: 

1)  Zunächst  bedarf  die  Classificirung  als  Grundlage  vor  allem  die 
Specification.  Diese  hat  allerdings  auch  ihren  Nuzen:  sie  dient  zur 
Orientirung,  sie  gibt  dem  Geist  einen  Ruhepunkt  und  macht  es  ihm  mög- 
lich, Abstractionen  in  concreten  Ausdrüken  darzustellen.  Aber  gerade 
dadurch  täuscht  sie  und  führt  irre,   dass   sie  etwas  Abstractes  für  ein 


Beurtheilung  der  classificatorischen  Bestrebungen.  203 

Concretes  gibt,  dass  sie  den  psychologischen  Process  vergessen  lässt, 
durch  welchen  ihre  Species  aus  den  einzelnen  concreten  Fällen  abstrahirt 
wurden  und  dass  sie  der  Natur  Grenzen  anlegt,  die  ihr  fremd  sind,  sie  in 
Felder  theilt,  in  deren  künstlich  regulärem  Ebenmaass  ihr  Character, 
die  Mannigfaltigkeit,  verloren  geht. 

2)  Ebenso  ist  die  Aufstellung  der  abstrahirten  Genera  verderblich 
und  leitet  irre.  Ihre  Charactere  müssen  entweder  dürftig  oder  ungenau 
und  unwahr  sein ;  und  da  sie  im  ersten  Fall  sich  selbst  aufheben ,  so  ist 
es  nahe  liegend,  in  den  zweiten  Fehler  zu  verfallen.  Man  überträgt  nun 
die  imaginären  Genuscharactere  auf  die  einzelnen  Species  und  eine  mehr 
oder  weniger  unwahre  Vorstellung  von  Lezteren  fixirt  sich  dadurch. 
Dasselbe  gilt  von  den  Ordnungs-  und  Classen-Characten. 

3)  Spricht  der  Classificant  von  Dingen,  von  denen  er  nichts  weiss, 
von  Krankheiten,  die  er  nicht  kennt.  Da  kein  Classificant  unvollständig 
sein  und  eine  Species  übergehen  will,  die  sein  Vorgänger  bemerkt  hatte^ 
so  erben  sich  von  System  zu  System  eingebildete  Krankheiten,  die  zulezt 
60  viel  Credit  erlangen,  als  die  wirklich  existirenden. 

4)  Sehr  häufig  geschieht  es,  dass  eine  und  dieselbe  Krankheit  in  zwei 
verschiedenen  Systemen  etwas  diflerent  beschrieben  wird;  das  dritte 
System  hält  sie  nun  für  zweierlei  Krankheiten  und  stellt  sie  neben 
einander. 

5)  Oft  geschieht  es,  dass  die  Erfahrung  Luken  in  dem  System  lässt, 
die  unangenehm  empfunden  werden.  Man  ergänzt  sie  nun ,  wie  man  sie 
ungefähr  sich  möglich  denkt;  man  macht  aphoristische  imaginäre  Krank- 
heiten, wie  sie  etwa  sein  könnten,  oder  man  hält  sich  im  besten  Falle  an 
irgend  einen  zweifelhaften  Fall.  So  haben  sich  viele  Species  in  den 
älteren  Systemen  auf  eine  einzige  Beobachtung,  überdem  oft  von  wenig  zu- 
verlässigen Gewährsmännern,  gestüzt. 

6)  Man  schliesst  aus  dem  systematischen  Namen  der  Krankheiten, 
aus  ihrer  Stellung  im  Systeme  auf  ihre  Symptome ,  auf  ihr  Wesen ,  ihre 
Bedeutung.  So  hat  man  aus  dem  Namen  der  Krankheiten  aphoristisch 
die  Zeichen  nicht  selten  festgesezt.  Erst  die  spätere  Untersuchung  hat 
häufig  gezeigt,  dass  solche  Erscheinungen,  z.  B.  Schmerz  bei  einzelnen 
Entzündungen,  durchaus  nicht  wesentlich  sind. 

7)  Man  pflegt  nur  gewisse  sogenannte  normale  Vorgänge  in  Krank- 
heiten zu  beschreiben  und  übersieht  dabei  die  Zwischenglieder.  Man 
findet  dann ,  dass  die  Beobachtung  am  Krankenbett  dem  vorausgesezten 
Bilde  nirgends  entspricht. 

8)  Es  fixirt  sich  die  verkehrte  Aufgabe,  für  die  Diagnose  den  Krank- 
heitsuamen  zu  finden,  aus  gewissen  leitenden  Symptomen  das  Systembild 


204  Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Aufklärung. 

zu  erkennen ,  mit  dem  der  vorliegende  Fall  die  meiste  Aehnlichkeit  hat, 
und  doch  ist  die  richtige  Aufgabe  der  Diagnose,  den  Zustand  des  Kranken 
in  seiner  Gesammtheit  zu  erkennen,  eine  Aufgabe,  die  von  den  Class- 
ificanten  systematisch  hintangesezt  wird. 

9)  Die  schlimmste  Wirkung  aber  ist,  dass  schon  durch  die  Specifi- 
cation  und  noch  mehr  durch  die  Classification  das  Missverständniss,  die 
Krankheiten  für  Dinge  und  selbständige  Existenzen  zu  halten ,  genährt 
und  befestigt  wird.  Die  populären  Ontologien  werden  dadurch  wissen- 
schaftlich sanctionirt;  man  stellt  die  Krankheiten  den  Pflanzen  undThier- 
species  gleich  und  es  ist  damit  nur  ein  kleiner  Schritt,  sie  geradezu  für 
schmarozende  Organismen  am  Organismus  zu  halten. 

10)  Ein  grenzenloser  Schlendrian  endlich  wird  in  der  Therapie  durch 
die  Systematik  eingeführt.  An  den  Krankheitsnamen  knüpfen  sich  nicht 
nur  Indicationen,  sondern  einzelne  Medicamente.  So  wird  methodisch  die 
Gedankenlosigkeit  im  Beobachten  und  im  therapeutischen  Verfahren  durch 
die  Systeme  gepflegt. 

Es  war  die  Classensystematik  die  erste  Unternehmung,  eine  wissen- 
schaftliche Ordnung  in  die  Pathologie  einzuführen.  Auf  einer  rohen  Stufe 
des  Wissens  war  die  Classification  als  Mittel,  das  Material  äusserlich 
übersichtlich  zu  machen,  zulässig.  Bei  vorgeschrittener  Einsicht  jedoch 
muss  auf  diesen  Nothbehelf  als  einen  unnatürlichen  verzichtet  werden.  Es 
ist  dann  aber  auch  möglich,  das  provisorische  Gerüste  wieder  zusammen- 
zuschlagen, ohne  die  indess  gewonnene  innere  Ordnung  zu  stören. 

Resnme  der  Diess  ist  die  Geschichte  der  theoretischen  Medicin  in  den  ersten 

theoretischen  vier  Fünfteln  des  18.  Jahrhunderts,  einer  Periode,  ausgezeichnet  wie  keine 

Bestrebungen  ° 

der  zeit  und  andere  durch  die  Betheiligung  zahlreicher  hervorragender  Talente  an  den 
Begründungsversuchen  einer  medicinischen  Theorie.  Es  ist  von  Inter- 
esse, den  allgemeinen  Character  und  die  Enderfolge  dieser  lebhaften  Be- 
strebungen und  vielgestalteten,  oft  sich  widersprechenden,  aber  auch  viel- 
fach verflochtenen  Vorstellungen  sich  zu  vergegenwärtigen. 

Es  wäre  ebenso  ungerecht  als  irrig,  diese  offenbar  wohlgemeinten  An- 
strengungen, die  Geheimnisse  der  Natur  durch  Nachdenken  zu  ergründen, 
für  schlechtweg  unberechtigte  Spielereien  einer  in  Conjecturen  sich  ge- 
fallenden Phantasie,  ohne  Weiteres  also  für  Producte  einer  Wahnmedicin 
zu  erklären. 

Es  dürfte  vielmehr  unbedingt  gestattet  sein,  in  diesen  zum  Theil  ver- 
quälten Bemühungen  eine  unvermeidliche  Durchgangsperiode  der  Entwik- 
lung  zu  erkennen,  welche  nicht  nur  unerlässlich  war,  um  aus  der  früheren 
Rohheit,  Befangenheit  und  Schwerfälligkeit  des  Denkens  zu  freieren,  um- 


i  hr  es 
Werth  es. 


Theoretische  Bestrebungen.  205 

sichtigeren,  aber  auch  schärferen  Anschauungen  sich  zu  erheben,  sondern 
welche  überhaupt  durchgemacht  werden  musste,  damit  die  Aufgaben,  die 
Methode  und  die  Grenzen  der  Meditation  sich  feststellen  konnten.  Es 
waren  diese  theoretischen  Uebungen  eine  geistige  Gymnastik,  bei  der 
viele  an  sich  werthlos  scheinende  Kraftanstrengungen  aufgewendet  wurden, 
die  aber  doch  sämmtlich  dazu  beitrugen,  nach  allen  Seiten  die  Fertigkeit 
des  Nachdenkens  auszubilden  und  auf  zahlreichen  Punkten  die  Zuläng- 
lichkeit der  Speculation  auf  die  Probe  zu  stellen. 

Die  Theoretiker  des  18.  Jahrhunderts  haben  sich  an  die  höchsten 
Fragen  gewagt,  aber  allerdings  dabei  dem  Baconischen  Grundsaz  des  An- 
steigens auf  einer  Leiter,  an  der  keine  Sprosse  fehlen  darf,  nicht  ent- 
sprochen. Nichtsdestoweniger  sind  ihre  Meditationen  in  dieser  Hinsicht 
nicht  ganz  fruchtlos  gewesen,  und  wenn  auch  die  Theorie  am  Schlüsse  der 
Periode  in  eine  allgemeine  Confusion  der  Worte  und  Begriffe  sich  ver- 
wikelt  hat,  so  blieb  doch  für  immer  der  Gewinn,  dass  einige  Hauptprob- 
leme der  Wissenschaft  aufgeworfen,  andere  selbst  nicht  unbedeutend  ge- 
fördert worden  sind. 

Vor  allem  hatte  man  die  Besonderheit  und  innere  Einheit  des  Organ- 
ismus erkannt.  Man  begriff  sehr  gut,  dass  die  "Vorstellungen,  die  man  sich 
von  dem  Organismus  überhaupt  machte,  die  Anschauungen  und  Ideen 
über  einzelne  Vorgänge  an  demselben  beherrschen. 

Die  einfache  Uebertragung  mechanischer  und  chemischer  Verhältnisse 
auf  das  Geschehen  im  Organismus  wurde  ziemlich  allgemein  als  unzu- 
länglich erkannt  und  zurükgewiesen ;  doch  kamen  nur  Einzelne  schon  auf 
das  Extrem,  den  mechanischen  und  chemischen  Gesezen  im  lebenden 
Körper  überhaupt  alle  Giltigkeit  abzusprechen.  Die  Meisten  erkannten 
noch  an,  dass  Vorgänge  jener  Art  auch  im  Organismus  realisirt  seien  und 
nur  über  den  Umfang  derselben  war  man  vielfach  verschiedener  Meinung. 

Dabei  ist  das  allgemeine  Streben  nicht  zu  verkennen,  auch  für  die 
nicht  als  mechanisch  oder  chemisch  angesehenen  Vorgänge  im  lebenden 
Körper  in  ähnlicher  Weise,  wie  die  Physik  die  Geseze  der  Mechanik  fest- 
gestellt hatte,  die  leitenden  Geseze  aufzufinden. 

Man  analogisirte  diese  Vorgänge  mit  ziemlichem  Rechte  den  Beweg- 
ungen und  hoffte  und  trachtete ,  das  Geheimniss  dieser  organischen  Be- 
wegung ebenso  zu  enthüllen,  wie  es  der  Physik  in  jener  Zeit  mit  den  Be- 
wegungen der  todten  Natur  gelungen  war. 

Anstatt  aber  zunächst  die  einzelnen  Vorgänge  selbst  zu  untersuchen, 
wendete  man  sich  mit  ungestümer  Begierde  der  Frage  nach  dem  lezten 
Motive  dieser  organischen  Bewegungen  zu.  Die  Zurükführung  sowohl  der 
Einheit  im  Organismus  als  der  Quelle  aller  Vorgänge  in  ihm  auf  ein 


206  Di0  Medicin  im  Zeitalter  der  Aufklärung. 

Princip  beschäftigte  aufs  Lebhafteste  alle  Theoretiker  der  Zeit.  In  dieser 
Hinsicht  kann  die  ganze  Periode  als  ein  Kampf  zwischen  der  Stahl'schen 
Annahme  einer  selbständigen  Seele  als  Princip  des  Organismus  und  der 
Hoffmann'schen  Zurükführung  der  Lebensthätigkeiten  auf  ein  den  ausser- 
organischen  Substanzen  mehr  analoges  Nervenfluidum  (Aether)  angesehen 
weiden.  Im  Laufe  der  Discussion  verloren  jedoch  beide  Systeme  ihre 
obersten  Säze.  Die  animistische  Spize  des  Stahl'schen  Systems  musste 
ebenso  fallen,  als  die  hypothetische  fluide  Natur  des  Nervenprincips,  wie 
sie  Hofl'mann  angenommen  hatte.  Vom  ersteren  Systeme  blieb  dagegen 
das  Postulat  eines  einheitlichen,  den  ganzen  lebenden  Körper  beherrsch- 
enden Princips,  vom  andern  Systeme  die  Verlegung  seiner  Wirkungen  in 
die  Nerven,  als  die  beherrschenden  Organe. 

Hatte  man  die  Abhängigkeit  der  Functionen  und  des  Verhaltens  des 
Körpers  von  dem  unmittelbaren  seelischen  Eingreifen  auch  nicht  anerkannt, 
so  hielt  man  doch  im  Allgemeinen  an  einem  Einflüsse  der  psychischen 
Individualität  auf  leibliche  Vorgänge  fest.  Man  hatte  %as  Bedürfniss  eines 
Mittelglieds  zwischen  Körper  und  Geist;  aber  man  fühlte  auch,  dass  man 
hier  vor  Geheimnissen  angekommen  sei,  die  keine  Ergründung  zulassen. 

Immerhin  dachte  man  sich,  dass  dieses  Mittelglied  zwischen  der  seel- 
ischen und  körperlichen  Natur  die  Thätigkeiten  der  lezteren  beherrsche 
und  da  das  Nervenfluidum  Hoffmann's  als  nicht  nachweisbar  zurükgewiesen 
war,  so  versuchte  man  die  Quelle  der  Lebenserscheinungen  in  ähnlicher 
Weise  sich  begreiflich  zu  machen,  wie  die  Mechanik  die  Ursache  der  Be- 
wegungen von  einer  supponirten  Kraft,  der  Schwerkraft  ableitet.  Man 
dachte  sich  als  den  lezten  Grund  des  organischen  Geschehens  eine  ähn- 
liche, dem  Organismus  inhärente  und  ihn  characterisirende,  von  der  Seele 
geschiedene  Kraft  und  nannte  sie  schlechthin  die  Lebenskraft. 

Aber  bereits  machten  sich  von  zwei  Seiten  her  Einwendungen  gegen 
den  Werth  und  die  Giltigkeit  dieser  zur  Erklärung  der  Lebenserschein- 
ungen supponirten  Kraft  bemerklich.  Barthez  wies  daraufhin,  dass  der 
lezte  Grund  des  Lebens  überhaupt  etwas  Unerforschliches  sei  und  mehrere 
Andere  sprachen  aus,  dass  die  Annahme  einer  einzigen  Kraft  zur  Deutung 
der  Phänomene  nicht  ausreiche. 

Der  Versuch,  durch  Theilung  der  Lebenskraft  in  mehrere  einzelne 
Kräfte  die  Verhältnisse  einsichtlicher  zu  machen,  wurde  wiederholt  unter- 
nommen. Aber  wenn  schon  die  Lebenskraft  ein  jeder  klaren  Vorstellung 
entrüktes  Abstractum  war,  so  musste  man  die  abstracte  Natur  solcher 
Detailkräfte  nur  um  so  schroffer  empfinden,  je  mehr  an  sie  mit  dem  Her- 
eingezogenwerden in  specielle  Lebensactionen  auch  der  Anspruch  einer 
exacten  Bestimmung  wuchs  und  unabweisbar  wurde. 


Theoretische  Bestrebungen.  207 

Die  Verwirrung,  in  welcher  man  sich  mit  den  Ausdrüken  Sensibilität 
und  Irritabilität  verlor,  schien  jede  Aussicht  auf  eine  Verständigung  der 
Verhältnisse  immer  ferner  zu  rüken. 

Man  sah  vollkommen  ein,  dass  die  Lebensthätigkeiten  in  einem  anderen 
Modus  von  statten  gehen,  als  die  gemeine  Bewegung  und  dass  auch  die 
Aussenwelt  sie  durch  andere  Mittel  in  Gang  bringt,  und  mau  suchte  nach 
einer  Formel,  durch  welche  diess  anschaulich  gemacht  werden  konnte. 
Doch  gelang  es  noch  nicht,  eine  solche  zu  finden.  Es  fehlte  an  einem  die 
Losung  gebenden  Gedanken  oder  auch  nur  Worte! 

Die  Rolle  der  einzelnen  Theile  bei  den  Lebenserscheinungen  festzu- 
stellen, wurden  mehrfache  wichtige  Anfänge  gemacht.  Vornemlich  hat 
Haller  nicht  nur  die  Functionen  der  verschiedenen  Organe  sorgfältig  aus- 
zumitteln  versucht,  sondern  er  hat  durch  die  Auffindung  einer  besondern 
an  die  Structur  der  Muskeln  gebundenen  Eigenschaft  einen  grossen  Schritt 
zur  Aufklärung  über  die  Eigenthümlichkeit  der  Leistungen  specieller  Ge- 
webe gethan.  Ebenso  wurde  mit  grösserer  Genauigkeit  die  Fähigkeit  der 
Nerven,  Empfindung  zu  vermitteln,  nachgewiesen  und  selbst  die  Thatsache 
einer  Leitung  in  verschiedener  Richtung  nach  dem  Laufe  der  Nerven 
aufgefunden. 

Dass  ausser  den  groben  Verhältnissen  der  Theile  auch  noch  eine  Ver- 
schiedenheit in  ihrem  feineren  Bau  bestehe  und  dass  die  Charactere  des- 
selben in  verschiedenen  Organen  des  Körpers  sich  wiederholen  können, 
mit  andern  Worten  die  histologischen  Eigenthümlichkeiten  und  Differ- 
enzen hat  zuerst  Bordeu  anerkannt. 

Die  Anomalien  der  Festtheile,  aufweiche  überall  in  Krankheiten  das 
Hauptgewicht  gelegt  wurde,  finden  sich  meist  in  der  Weise  aufgefasst,  das 
bei  ihnen  einfache  Steigerung  oder  Verminderung  stattfinde;  doch  trifft 
man  bereits  Ideen,  dass  in  solchen  qualitativen  Abweichungen  die  Krank- 
heit allein  nicht  bestehen  könne. 

Die  Vorstellungen  über  die  Säfte  des  Körpers  läuterten  sich,  wenn 
auch  nicht  vollständig,  doch  grösstentheils.  Die  Cardinalsäfte  der  früheren 
Perioden  verloren  mehr  und  mehr  ihren  Character  als  Grundlagen  der 
Crasis  im  gesunden  und  kranken  Zustande.  Namentlich  wurden  die 
schwarze  Galle  und  der  Schleim  grösstentheils  mit  Stillschweigen  über- 
gangen. Die  Anomalien  der  Galle  wurden  eher  gewürdigt,  doch  nur  in 
derselben  Weise,  wie  Störungen  der  Ausscheidung  des  Schweisses,  des 
Harnes  und  selbst  anderer  Secrete.  Das  Blut  allein  und  allenfalls  die 
Lymphe  galten  als  Flüssigkeiten ,  welche  der  Siz  einflussreicherer  Stör- 
ungen werden  können  und  man  trachtete  bereits  in  objectiver  Weise,  so- 
weit es  die  dürftigen  Hilfsmittel  zuliessen,  die  Veränderungen  des  Bluts 


208  Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Aufklärung. 

in  Krankheiten  festzustellen.  Die  Schärfen  wurden  in  der  Theorie  nur 
noch  als  eine  Art  Concession  geduldet  und  gelegentlich  angeführt;  die 
Plethora  dagegen  fand  allgemeinere  Anerkennung.  Ueberall  wurden  aber 
die  Anomalien  der  flüssigen  Theile  des  Körpers  mehr  als  Ursache  der 
krankhaften  Erscheinungen,  oder  als  Folgen  der  Störungen,  denn  als 
wirkliche  Krankheiten  angesehen  und  höchstens  nur  bei  einzelnen  Constit- 
utionsaffectionen  ausdrüklich  der  Hauptaccent  auf  die  Beschaffenheit  des 
Blutes  gelegt. 

Ueber  die  Hergänge  in  den  Krankheiten  fing  man  an  sich  Vorstell- 
ungen zu  machen,  die  zwar  an  einzelne  Thatsachen  anknüpften,  aber  doch 
vielfach  nur  aus  Phantasien  bestanden.  Indessen  begann  man  doch,  dem 
Gesezmässigen  in  dem  krankhaften  Verhalten  ernstlich  nachzuforschen. 
Die  Processe,  welche  in  dieser  Hinsicht  mit  besonderer  Vorliebe  verfolgt 
wurden ,  waren  die  Entzündung  und  das  Fieber.  Bei  beiden  fing  man 
wenigstens  an ,  einzelne  Theile  des  Processes  für  sich  der  Meditation  zu 
unterwerfen. 

Das  Bedürfniss  einer  Ordnung  des  bereits  sehr  angeschwollenen  Ma- 
terials trat  allgemein  hervor,  und  wenn  es  bei  Vielen  durch  die  Aufstellung 
strenger  Systeme  sich  äusserte ,  so  ist  dabei  der  Richtung  der  Zeit  und 
der  Naturwissenschaften  Rechnung  zu  tragen. 

Noch  ist  hervorzuheben,  dassim  18.  Jahrhundert,  wenigstens  in  dessen 
erster  Hälfte  die  theoretische  Discussion  eine  gewisse  maasshaltende 
Würde  zeigte,  dass  die  Einzelnen  eine  früher  oder  später  häufig  zu  ver- 
missende Bescheidenheit  und  Anständigkeit  an  den  Tag  legten ,  dass  es 
ihnen  offenbar  um  die  Sache  und  nicht  um  egoistische  Vortheile  zu  thun 
war  und  dass  somit  diese  Zeit  bei  allen  Missgriffen  einen  wohlthuenden 
Eindruk  macht.  Unter  den  Missgriffen  war  vielleicht  der  schlimmste,  dass 
die  Berechtigung  der  schlichten  Kritik  nicht  verstanden  wurde ,  dass  es 
vielmehr  allgemeines  Vorurtheil  war,  es  müsse  Jeder,  der  die  Ansichten 
eines  Andern  verwerfe  oder  als  ungegründet  nachweise,  seinerseits  eine 
Theorie  an  die  Stelle  der  bekämpften  sezen.  Dieser  durchgreifende  Irr- 
thum  hat  wohl  wesentlich  dazu  beigetragen ,  dass  die  tüchtigsten  Kräfte 
im  Ersinnen  von  Hypothesen  vergeudet  wurden. 

Die  Versuche  und  Erfolge  der  reellen  Forschung  und  die 
Forichun*»n.  ärztliche  Praxis  im  Zeitalter  der  Aufklärung. 

Das  18.  Jahrhundert  war  nicht  nur  hervorragend  durch  seine  theoret- 
ischen Bemühungen.  Ebenso,  selbst  noch  in  höherem  Grade  ausgezeichnet 
ist  der  Eifer  und  der  Erfolg,  mit  welchem  man  die  sachlichen  Verhältnisse  in 
Krankheiten  durchforscht  und  die  Masse  des  positiven  Wissens  vermehrt 


Reelle 


Reelle  Forschungen.  209 

hat.  Es  gibt  keine  Periode  in  der  Medicin,  in  welcher  in  solcher  Zahl 
begabte  Männer  der  angestrengtesten  Forschung  sich  zuwandten,  keine 
aber  auch,  welche  an  bedeutenden  Erfolgen  und  Entdekungen  dem  18. 
Jahrhundert  gleichkäme. 

Auf  allen  Punkten  des  Stoffs  wurden  Untersuchungen  angeknüpft  und 
zum  Theil  bis  zu  höchst  werthvollen  Resultaten  fortgeführt.  Im  Anfang 
des  Jahrhunderts  sind  diese  Forschungen  noch  vereinzelt.  Die  thatsäch- 
lichen  Untersuchungen  wagen  noch  kaum,  unter  den  Theorien  sich  zu  er- 
heben ;  aber  schon  in  der  Mitte  des  Jahrhunderts  ist  der  Werth  der 
positiven  Forschung  allgemein  anerkannt,  ist  man  fast  auf  allen  Punkten 
Europa' s  mit  derselben  eifrigst  beschäftigt,  und  mit  dem  Ende  des  zweiten 
Drittels  des  Jahrhunderts  ist  geradezu  der  positive  Inhalt  der  Wissen- 
schaft nach  allen  Richtungen  regenerirt. 

Man  erhielt  sich  hiebei  eine  bemerkenswerthe  Unbefangenheit  und 
Unabhängigkeit  von  den  herrschenden  Theorien.  Die  Stimmen  aus  dem 
vorhergehenden  Jahrhundert,  welche  die  Unvereinbarkeit  und  Unverträg- 
lichkeit von  Theorie  und  Praxis  ausgesprochen  hatten,  scheinen  zur  Wirk- 
ung gekommen  zu  sein.  Bei  aller  Achtung,  die  man  den  theoretischen  Be- 
strebungen zollte,  liess  man  sie  bei  den  reellen  Untersuchungen  völlig  bei 
Seite  liegen  und  der  unwillkürliche  Einfluss,  dem  man  sich  begreiflich 
ganz  nicht  entziehen  konnte,  blieb  doch  ein  sehr  geringer. 

Dabei  wurden  die  Aerzte  jener  Zeit  von  einem  bewundernswürdigen 
Tacte  geleitet,  der  sie  nicht  nur  überall  auf  die  zunächst  werthvollen 
Punkte  hinführte,  sondern  ihre  Anschauungen  troz  der  mangelnden  Klar- 
heit der  Principien  grösstenteils  in  einer  richtigen  Bahn  erhielt. 

Eine  Anzahl  von  Männern  wandte  sich  mit  grossem  Eifer  der  sorg- 
samen Detailforschung  zu  und  monographische  Arbeiten  von  überrasch- 
ender Vollständigkeit  waren  die  Resultate  ihrer  Bemühungen;  andere 
hatten  mehr  umfassende  Tendenzen  und  wussten  den  verschiedensten  Ge- 
bieten wichtige  Entdekungen  abzugewinnen ;  noch  andere  suchten ,  frei 
von  Theorien ,  eine  geläuterte  Erfahrung  am  Krankenbett  oft  mit  Hin- 
weisung auf  Hippocrates  und  Sydenham  zu  cultiviren. 

Mehrere  von  denjenigen,  welche  in  der  Theorie  der  Wissenschaften 
sich  einen  Namen  machten,  erscheinen  auch  auf  dem  practischen  Gebiete 
in  emsiger  Arbeit.  Hier  sind  sie  nüchterne,  sorgfältige  Beobachter,  und 
die  Gewandtheit  des  Geistes,  welche  sie  bei  ihren  Speculationen  bewiesen 
hatten,  kommt  ihnen  auch  bei  der  Behandlung  des  empirischen  Materials 
zu  gute.  Fr.  II offmann  steht  hier  oben  an.  Ausserdem  zeichneten  sich 
auch  einige  Anhänger  Boerhaave's  und  der  Wiener  Schule  durch  die  Förd- 
erung des  reellen  Inhalts  der  Wissenschaft  aus. 

Wunderlich.  Geschichte  d.  Modicin.  ]4 


210 


Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Aufklärung. 


Pathologische 
Anatomie. 


Es  liegt  in  der  Natur  der  Sache,  dass  die  Detailleistungen,  wo  sie  so 
massenhaft  auftreten,  wie  im  18.  Jahrhundert,  sich  nur  andeuten  lassen. 
Eine  genaue  Darlegung  der  einzelnen  Fortschritte  und  Bereicherung  könnte 
nur  durch  ein  monographisches  Eingehen  in  das  Detail  selbst  erreicht 
werden.  Doch  ist  wenigstens  eine  übersichtliche  Darlegung  der  reellen 
Forschungen  für  das  Verständniss  der  Zeit  unumgänglich. 

Vor  allem  war  es  die  Vorliebe  für  die  Feststellung  der  Veränderungen 
der  Organe,  für  die  pathologische  Anatomie,  welche  das  Jahrhundert  aus- 
zeichnete. Doch  ging  man  allenthalben  dabei  mehr  auf  Einzelfälle ,  ver- 
glich die  Störungen  der  Organe ,  welche  die  Leiche  aufwies ,  mit  den 
Symptomen  während  des  Lebens  im  einzelnen  Fall.  Generelle  Resultate 
daraus  zu  ziehen,  wagte  man  noch  nicht.  Daher  blieben  auch  die  path- 
ologisch-anatomischen Kenntnisse  noch  von  geringem  Einfluss  auf  die 
Krankheitsbeschreibung,  die  durch  jene  nicht  geleitet,  sondern  nur  er- 
läutert wurde. 

Eine  reiche  pathologisch  anatomische  Casuistik  findet  sich  in  den  Ver- 
öffentlichungen der  zahlreichen  Academien,  in  dem  um  die  Mitte  des  Jahr- 
hunderts sich  entwikelnden  wissenschaftlichen  Journalismus,  und  zerstreut 
in  den  Mittheilungen  der  ärztlichen  Practiker  und  der  Chirurgen. 

Einige  hervorragende  Männer,  theils  Anatomen,  theils  Aerzte,  theils 
Chirurgen  haben  jedoch  die  pathologische  Anatomie  zum  Hauptgegenstand 
ihrer  Forschungen  gemacht. 

Lancisi,  im  Anfange  des  Jahrhunderts,  hat  zuerst  durch  sorgsame 
anatomische  Untersuchungen  eine  einzelne  Frage,  die  Ursache  des  plöz- 
lichen  Todes  zu  beantworten  gesucht:  de  subitaneis  mortibus  libri  duo 
1707,  und  dabei  eine  grosse  Menge  von  Thatsachen  über  Veränderungen 
des  Gehirns  und  anderer  Theile  beigebracht.  Er  zeigte ,  dass  Gefäss- 
und  Herzzerreissungen,  sowie  Krankheiten  der  Nervencentra  die  häufigsten 
Ursachen  des  schnell  eintretenden  Todes  seien. 

Albinus  (de  anatomeerroresdetegente  inmedicina  1723)  und  Vater 
(de  anatomes  utilitate  in  eruendis  causis  occultis  morborum  vel  mortis 
subitaneae  1723)  haben  der  pathologisch  anatomischen  Forschung  einen 
weiteren  Impuls  gegeben.  Vater  gab  ausserdem  1750  ein  pathologisch 
anatomisches  Museum  heraus. 

Von  noch  grösserer  Bedeutung  war  Senac'sFasciculus  observationum 
medicochirurgicarum,  in  welchem  er  auf  die  Wichtigkeit  der  Kenntniss 
auch  unheilbarer  Krankheiten  hinweisst  und  zeigt,  wie  dieselbe  für  den 
Arzt  und  für  das  Wohl  seiner  Kranken  ebenso  unerlässlich  sei  als  die 
Kenntniss  der  heilbaren. 


Morgagni.  211 

Alle  Andern  überragte  aber  Job..  Bapt.  Morgagni,  geboren  1682.  Morgagni, 
Er  studirte  unter  Alber tini  und  Valsalva  und  wurde  von  1701  an  des 
Lezteren  Assistent  und  Stellvertreter.  In  dieser  Zeit  erschienen  seine  Ad- 
versaria  anatomica,  welche  noch  die  Normalanatomie  zum  Gegenstand 
haben,  aber  auch  1712  eine  nova  institutionum  medicarum  idea.  1715 
wurde  er  Professor  der  Anatomie  zu  Padua,  wo  er  zahlreiche  anatomische, 
pathologisch  anatomische,  legalmedicinische,  practische  Schriften,  aber 
auch  Abhandlungen  über  Gegenstände  anderer  Wissensgebiete  <  (z.  B. 
Archäologie)  herausgab.  In  seinem  79.  Lebensjahr  erschien  sein  be- 
rühmtestes Werk :  de  sedibus  et  causis  morborum  per  anatomen  indagatis 
1761.  Es  ist  das  Hauptwerk  über  pathologische  Anatomie  aus  dieser  ganzen 
Periode.     Morgagni  starb  1772. 

Er  hat  in  genannten  Werken  eine  sehr  grosse  Anzahl  interessanter 
Thatsachen  der  anatomischen  Pathologie  niedergelegt  und  mit  grossem 
Scharfsinn  und  feinem  Urtheil  besprochen^  Manche  der  Fälle  sind  freilich 
nicht  von  ihm  selbst,  die  Krankheitsgeschichten  überdem  meist  ihm  von 
den  Aerzten  mitgetheilt  und  diess  mindert  allerdings  den  thatsächlichen 
Werth  des  Materials  und  macht  erklärlich ,  dass  manche  ohne  Zweifel 
unrichtige  Angaben  mit  unterlaufen. 

Die  Fälle  selbst  sind  mit  grosser  Sorgfalt  erläutert;  seine  umfassende 
Gelehrsamkeit  gestattete  Morgagni,  die  gesammte  vor  ihm  voVhandene 
Casuistik  mit  seinen  Beobachtungen  zu  vergleichen.  Ueberall  will  er 
ausdrüklich  nur  auf  die  Facta  Gewicht  gelegt  wissen.  Die  Theorien  freilich 
drängten  da  und  dort  unmerklich  auch  bei  ihm  sich  ein. 

Ein  erstes  grosses  Verdienst  von  Morgagni  ist ,  dass  er  überall  sucht, 
die  Differenzen  zwischen  normalen  und  abnormen  Zuständen  der  Organe 
festzustellen,  ein  Unternehmen,  was  für  die  damalige  Zeit,  in  welcher  noch 
allenthalben  Zweifel  über  die  Grenzen  des  pathologischenVerhaltens  bestehen 
mussten,  von  grösstem  Werth  war.  Schon  darum  allein  ist  Morgagni  als 
derjenige  anzusehen,  der  die  Basis  der  pathologischen  Anatomie  gelegt  hat. 

Weiter  aber  stellt  er  zuerst  in  entschiedener  Weise  sich  die  Aufgabe, 
auf  anatomischem  Wege  nach  Ursachen  und  Siz  der  Krankheiten  zu  suchen. 
Er  erkennt  dabei  recht  wohl  die  natürliche  Grenze  dieser  Untersuchungs- 
weise und  ist  in  hohem  Grade  vorsichtig  in  seinem  Vorgehen. 

Er  hat  die  anatomischen  Veränderungen  vieler  Organe  in  einer  sorgfält- 
igen und  alle  seine  Zeitgenossen  wesentlich  an  Schärfe  überragenden  Weise 
dargestellt  und  dabei  nicht  bloss  wie  die  meisten  vor  ihm  auf  Seltenheiten 
seine  Aufmerksamkeit  gerichtet,  sondern  gerade  auch  die  gewöhnlichen 
Vorkommnisse  mit  Genauigkeit  beschrieben. 

Sodann  suchte  er  aber  auch  die  Symptome  der  Krankheiten  mit  den 

14* 


212  Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Aufklärung. 

organischen  Veränderungen  in  Einklang  zu  bringen ,  indem  er  an  die  ge- 
wöhnlich vorkommenden  symptomatischen  Verhältnisse  die  anatomischen 
Befunde  anknüpft,  um  jene  aus  diesen  zu  erklären.  Selbst  therapeutische 
Excurse  rinden  sich  vielfach  bei  ihm. 

Kurz  Morgagnis  Werk  enthält  mit  Ausnahme  der  Verfolgung  der 
Processe  alle  Aufgaben  der  pathologischen  Anatomie  und  entspricht  ihnen 
in  einer  für  den  ersten  Versuch  bewundernswerthen  Weise. 

Die  Zugänglichkeit  seiner  gehaltvollen  Erfahrungen  ist  nur  durch  die 
unglükliche,  wenig  handliche  Form  der  Briefe  bedeutend  erschwert.  Diese 
Form  sezt  eine  grosse  Vertrautheit  mit  dem  Werke  voraus,  wenn  es  zur 
raschen  und  augenbliklichen  Belehrung  benüzt  werden  soll,  und  lässt  auch 
in  dem  Studium  desselben  leicht  ermüden;  denn  obgleich  viele  der  in  den 
Briefen  umständlich  erörterten  Punkte  für  eine  vorgeschrittene  Periode 
der  Wissenschaft  wenig  Interesse  mehr  haben,  zum  Theil  nur  eine  Polemik 
gegen  längst  gefallene  Ansichten  geben,  so  nöthigt  doch  die  Form  der 
Darstellung,  dieselben  nicht  zu  übergehen. 

Ohne  Zweifel  hat  diese  Form  des  wichtigsten  pathologisch-anatom- 
ischen Werkes  des  vorigen  Jahrhunderts  dessen  Einfluss  auf  die  Entwik- 
lung  der  Wissenschaft  selbst  beträchtlich  gemindert. 

Es  lässt  sich  kaum  denken,  dass  wenn  die  lichtvollen  Auseinander- 
sezungen 'Morgagni's  überall  leicht  zugänglich  gewesen  wären,  sie  über 
ein  halbes  Jahrhundert  lang  hätten  fast  in  Vergessenheit  begraben  bleiben 
können. 

In  den  ersten  vierzehn  Briefen  geht  Morgagni  die  Krankheiten  des 
Kopfes  durch,  beginnend  mit  Störungen,  welche  am  sichersten  auf  den 
Kopf  zu  beziehen  seien,  also  mit  "den  Kopfschmerzen;  sodann  folgen  die 
Apoplexien,  die  soporösen  Zustände,  die  Phrenesie  und  das  Delirium,  die 
Manie ,  Melancholie  und  Hypochondrie ;  weiter  die  Epilepsie ,  eines  der 
interessantesten  Capitel,  die  Convulsionen ,  die  Paralysen,  Hydrocephalus 
und  Hydrorrhachis ,  wobei  er  überall  für  die  Krankheitserscheinungen  die 
anatomischen  Veränderungen  aufsucht.  Die  Krankheiten  der  Augen, 
Ohren  und  Nase  beschliessen  das  Buch  von  den  Kopfaffectionen. 

Vom  15. — 27.  Brief  bespricht  er  die  Krankheiten  der  Brust  und  unter- 
sucht zuerst  die  Ursachen  gestörter  Respiration;  er  findet  sie  bald  im 
Thorax,  bald  ausserhalb  desselben,  in  lezterem  Fall  bald  im  Kopf,  bald 
im  Hals,  bald  im  Unterleib  und  geht  diese  verschiedenen  Verhältnisse  an 
der  Hand  von  Fällen  durch.  Einen  besondern  Brief  widmet  er  der  Dyspnoe 
durch  Wassersucht  des  Thorax  und  des  Herzbeutels ,  einen  andern  (den 
17.)  derjenigen,  welche  durch  Aneurysmen  des  Herzens  und  der  Aorta 
bedingt  werde  und  bringt  dabei  zahlreiche  interessante  Thatsachen  über 


Morgagni.  213 

Arterienkrankheiten  bei.  Weiter  untersucht  er  die  Ursachen  der  Suffocation 
und  des  Hustens.  Auch  beim  Husten  scheidet  er  die  Fälle ,  wo  derselbe 
durch  die  Lungen  oder  von  andern  Stellen  her  erregt  werde.  Die  Schmerzen 
der  Brust  und  des  Rükens  geben  sofort  Veranlassung  zu  sehr  ausführlichen 
Untersuchungen,  wobei  verschiedene  anatomische  Störungen  der  Respir- 
ationsorgane zur  Sprache  kommen.  Er  zeigt  das  Vorkommen  isolirter 
Entzündungen  sowohl  der  Pleura  als  der  Lunge.  Der  Bluthusten,  der 
eitrige  Auswurf,  das  Empyem  und  die  Phthisis  sind  Gegenstand  des  22. 
Briefes.  Die  Herzkrankheiten  handelt  er  im  23. — 27.  Briefe  ab,  ausgehend 
von  den  Symptomen  der  Palpitation,  von  den  abnormen  Pulsationen  und 
dem  Ereigniss  des  plözlichen  Todes. 

Die  Krankheiten  des  Unterleibs  beginnt  er  mit  Untersuchung  über  den 
anatomischen  Grund  des  widernatürlichen  Hungers  Ep.  28.  Sofort  be- 
spricht er  die  anatomische  Ursache  des  Singultus,  derRumination  und  der 
Magenschmerzen;  sodann  die  des  Erbrechens  und  der  blutigen  und  nicht 
blutigen  Dejectionen  (Ep.  29 — 31)  und  bringt  dabei  viele  wichtige  Beob- 
achtungen bei.  Von  der  Verstopfung  und  den  Hämorrhoiden  handelt 
Ep.  32,  von  dem  Prolapsus  des  Mastdarms  Ep.  33.  Die  Ursachen  der 
Bauchschmerzen,  des  Ileus  und  Volvulus  werden  im  34.  und  35.  Brief 
erforscht;  und  im  36.  die  der  Geschwülste  und  Schmerzen  in  der  hypoch- 
ondrischen Gegend ,  wobei  die  Anschwellungen  der  Milz  und  Leber  be- 
sprochen werden.  Weiter  finden  sich  (Ep.  37)  Untersuchungen  über  den 
Icterus  und  die  Gallensteine,  und  im  38.  Brief  wird  der  Ascites,  die  Tym- 
panitis,  der  Hydrops  saccatus  und  einzelnes  anderes  zumTheil  vortrefflich 
abgehandelt.  Die  übrigen  Bauchgeschwülste  werden  im  39.  Brief  durch- 
gegangen. 

In  dem  40.  Brief  werden  die  Lumbarschmerzen  besprochen  und  wird 
besonders  auf  die  Häufigkeit  der  Nierenkrankheiten  als  Ursache  derselben, 
ferner  auf  Abdominalaortaaneurysma  Caries  der  Wirbel  und  Lumbarabscesse 
aufmerksam  gemacht. 

In  den  Briefen  41 — 48  handelt  Morgagni  von  den  Hernien,  Nieren- 
und  Genitalienkrankheiten. 

Epistola  49.  ist  den  Fiebern  gewidmet,  wobei  er  hervorhebt,  dass  bei 
jedem  tödtlich  werdenden  Fieber  irgend  ein  einzelnes  Organ  schwer  afficirt 
sei  und  dass  man  suchen  müsse,  die  Organstörungen  kennen  zu  lernen. 
Er  betrachtet  sofort  die  gutartigen  Fieber  als  häufig  abhängig  von  den 
Localaffectionen.  Die  malignen  Fieber  dagegen,  bei  welchen  ebenfalls  Lo- 
calstörungen  eintreten ,  sind  Folge  einer  Infection  und  die  Localaffection 
ist  nur  secundär.     Doch  hat  er  die  Sectionen  bei  solchen  der  Contagion 


214 


Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Aufklärung. 


Lieutaud. 


de  Haen,  Stoll. 


wegen  vermieden.  Auch  bespricht  er  noch  die  brennenden  Fieber  und  die 
febris  lenta. 

Epistel  50  ist  den  G-eschwülsten,  die  Briefe  51 — 57  sind  chirurgischen 
Zufällen  gewidmet.  Im  58.  Briefe  wird  die  Lues  venerea  besprochen ,  im 
59.  werden  Vergiftungen  abgehandelt  u.  Ep.  60 — 70  enthalten  Nachträge. 

Man  ersieht  aus  dem  Dargestellten ,  dass  Morgagnis  pathologische 
Anatomie  nicht  eine  auf  die  anatomischen  Störungen  gegründete  Pathologie, 
nicht  eine  anatomische  Pathologie  war,  sondern  eine  symptomatische  Pa- 
thologie blieb,  die  nur  durch  Anatomie  illustrirt  wurde. 

Auch  Lieutaud  hat  die  pathologische  Anatomie  zum  Gegenstand 
eines  Werkes  gemacht.  Seine  Historia  anatomico-medica  1764  ist  jedoch 
fast  nur  ein  Excerpt  aus  Bonnet  und  zum  Theil  aus  Morgagni,  mit  wenigen 
und  belanglosen  eigenen  Erfahrungen  vermehrt. 

Dessgleichen  hat  die  Wiener  Schule,  de  Haen,  besonders  aber  Stoll 
viel  für  pathologische  Anatomie  gethan,  ohne  sich  jedoch  über  die  descript- 
iven  Relationen  zu  erheben. 

Nicht  weniger  bedeutend  und  vielleicht  noch  einflussreicher  als  Mor- 
gagni war  John  Hunter,  geboren  1728,  Bruder  des  William,  Sohn  armer 
Eltern  und  ursprünglich  zum  Zimmermann  bestimmt.  Im  20.  Jahre  konnte 
er  kaum  lesen  und  schreiben;  da  nahm  ihn  sein  Bruder  William  zum  Hand- 
langer bei  anatomischen  und  chirurgischen  Arbeiten.  Er  studirte  nun 
fleissig  und  wurde  1756  Chirurg  am  St.  Georghospital  und  1760  im  eng- 
lischen Heere ,  mit  welchem  er  am  siebenjährigen  Kriege  Theil  nahm. 
Nach  seiner  Rükkehr  gab  er  sich  aufs  eifrigste  anatomischen  Untersuch- 
ungen hin  und  besorgte  zugleich  mit  äusserster  Anstrengung  seine  um- 
fängliche Praxis,  sowie  seine  Vorlesungen,  indem  er  den  Tag  seiner  öffent- 
lichen Thätigkeit  widmete ,  Abends  aber  auf  ein  Landhaus  sich  zurükzog 
und  den  grössten  Theil  der  Nacht  mit  Studien  und  Experimenten  zubrachte. 
1768  wurde  er  erster  dirigirender  Wundarzt  am  Georghospital,  1770 
consultirender  Chirurg  des  Königs  und  Generalchirurg  der  Armeen.  Einer 
der  ersten  Practiker  Londons  hatte  er  ein  sehr  beträchtliches  Einkommen, 
das  er  zum  grossen  Theil  auf  Herstellung  eines  Museums  von  zootom- 
ischen ,  anatomischen  und  pathologischen  Präparaten  verwandte ,  welches 
nach  seinem  Tode  (1793)  von  der  Regierung  angekauft  wurde. 

Bei  Hunter  nimmt  die  pathologische  Anatomie  die  unmittelbar  pract- 
ische  Richtung,  allerdings  vorzugsweise  auf  die  den  Wundarzt  interess- 
irenden  Gebiete.  Man  erkennt  an  ihm  den  wohlthätigen  Einfluss  des 
anatomischen  Denkens  auf  jeden  Schritt  in  der  Praxis.  Bekannte  That- 
sachen  wusste  er  von  dem  pathologisch  anatomischen  Gesichtspunkte  aus 


Chirurgie.  215 

anschaulich  und  begreiflich  zu  machen.  Und  ohne  gerade  grosse  neue 
Entdekungen  in  pathologischer  Anatomie  gemacht  zu  haben ,  erscheinen 
alle  Beobachtungen  bei  ihm  präciser  und  naturgetreuer.  Höchst  werthvolle 
Beiträge  zur  pathologischen  Anatomie  sind  seine  Untersuchungen  über  die 
Entzündung  und  das  Blut.  Sein  Einfluss  auf  die  englischen  Aerzte  war 
gross  und  von  der  glüklichsten  Wirkung. 

Der  dritte  grosse  pathologische  Anatom  der  Zeit  ist  der  Holländer  sandifort. 
Eduard  S  and i fort  (geboren  1740,  gestorben  1819),  der  Nachfolger 
Albin's  in  der  anatomischen  Professur  zu  Leyden.  Er  gab  sehr  werth- 
volle Observationes  anatomico-pathologicae  1779 — 1781,  besonders  aber 
sein  classisches  Museum  anatomicum  Äcademiae  Lugdunae  1793  mit  vor- 
trefflichen Abbildungen  heraus. 

Nennenswerth  ist  auch  noch  Antoine  Portal,  geboren  1742,  gestorben         Portal- 
1832,   dessen  einzelne  anatomisch  pathologische  und  practische  Arbeiten 
aus  dem  vorigen  Jahrhundert  gesammelt  als  Memoires  sur  la  nature  et  le 
traitement  de  plusieurs  maladies  (1800 — 1824)  erschienen. 

Auch  dem  Blute  wurde  zuerst  im  18.  Jahrhundert  eine  pathologisch     Biutunter- 
anatomische  Betrachtung  zu  Theil.    Nachdem  Stephan  Haies  in  England     *u,c  V8^"' 

°  r  o  Haies,  de  Haen, 

1733  über  die  Statik  der  Blutbewegung  die  ersten  scharfen  Beobacht-  Hunter,  Hewson. 
ungen  gemacht  hat,  wurde  dem  krankhaft  veränderten  Blute  durch  de 
Haen  und  Hunter  (wie  schon  angeführt),  besonders  aber  durch  Hewson 
(1772),  der  zugleich  das  Experiment  in  ausgedehntester  Weise  benüzte, 
eine  sorgfältige  und  objective  Beachtung  zu  Theil. 

In    der   nächsten  Beziehung   zur   pathologischen  Anatomie  war  die     chirurg-ie. 
Chirurgie  des  18.  Jahrhunderts. 

Die  Reihe  ganz  ausgezeichneter  Leistungen  auf  diesem  Gebiete  beginnt 
und  schliesst  mit  den  beiden  hervorragendsten  Chirurgen  des  Jahrhunderts, 
Jean  Louis  Petit  und  Desault,  mit  und  zwischen  welchen  eine  grosse 
Anzahl  höchst  tüchtiger  Männer  nicht  nur  die  Chirurgie  selbst  zu  grosser 
Vollkommenheit  brachten,  sondern  zugleich  die  pathologische  Anatomie 
wesentlich  förderten  und  selbst  der  inneren  Medicin  einen  energischen 
Impuls  gaben. 

Jean  Louis  Petit,  geboren  1674  zu  Paris  ,  wurde  schon  als  Knabe  j.  l.  Petit, 
unter  der  Leitung  des  Anatomen  Littre  in  anatomische  Arbeiten  einge- 
führt und  machte  bereits  in  seinem  zwölften  Jahre  die  Präparate  zu  den 
Vorlesungen  des  Leztern,  repetirte  auch  zuweilen  diese  mit  den  Zuhörern. 
Nachdem  er  seine  Studien  schon  im  achtzehnten  Jahre  vollendet  hatte, 
wurde  er  1692  Feldwundarzt  und  machte  den  flandrischen  Feldzug  mit. 


216  Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Aufklärung. 

1697  wurde  er  Chirurg  im  Militärhospital  zu  Tournay.  1700  aber  fixirte 
er  sich  in  Paris ,  hielt  Vorlesungen  und  erlangte  rasch  einen  grossen  Ruf. 
1715  wurde  er  Mitglied  der  Academie  des  sciences,  damals  für  einen 
Chirurgen  eine  grosse  Ehre ,  sodann  Chef  der  Ecole  de  Chirurgie  und  bei 
Errichtung  der  Academie  de  Chirurgie  1731  deren  Director.  Er  starb 
1750.  Er  hatte  einen  ausserordentlichen  Einfluss  auf  Hebung  und  Ge- 
staltung der  französischen  Chirurgie.  Sein  Hauptwerk  waren  die  Knochen- 
krankheiten 1705,  in  verbesserter  Auflage  1723.  Mehrere  wichtige  Ab- 
handlungen von  ihm  finden  sich  in  den  Mein,  de  l'academie  des  sciences 
und  in  den  Mem.  de  l'academie  de  Chirurgie.  Seine  Ideen  waren  überall 
kek  und  genial  und  seine  Beobachtungen  scharf  und  anatomisch. 

Besonders  sind  hervorzuheben:  die  Trepanation  des  Brustbeins,  die 
Behandlung  der  Thränenfistel ,  der  Zahnfistel  und  Speichelfistel,  die  Tre- 
panation des  processus  mastoideus,  die  Erfindung  des  Pharyngotoms ,  die 
Mitexstirpation  benachbarter  scirrhöser  Lymphdrüsen  bei  Brustkrebs, 
die  Thoracentese,  Modificationen  in  der  Behandlung  eingeklemmter  Brüche, 
die  Operativbehandlung  des  Anus  imperforatus,  die  Darmnath,  Verbesser- 
ungen der  Castration,  die  Einführung  des  Schraubentourniquets,  richtiger 
und  ausgedehnter  Indicationen  und  werthvoller  Modificationen  der  Am- 
putation ,  die  Differentialdiagnose  der  wahren  und  falschen  Pulsader- 
geschwülste und  endlich  die  vollständige  Durcharbeitung  der  Knochen- 
krankheiten. 

Im  engsten  Zusammenhang  mit  J.  L.  Petit  steht  die  Academie  der 
Chirurgie. 
Academio  der  jm  Anfang  des  18.  Jahrhunderts  hatte  die  gedrükte  Stellung  der 
französischen  Chirurgie  noch  grösstentheils  fortgedauert,  bis  es  dem  Hof- 
chirurgen Francis  la  Peyronie,  der  schon  1724  die  Anstellung  von  fünf 
Demonstratoren  der  Anatomie  und  Chirurgie  herbeigeführt  und  auf  eigene 
Kosten  noch  einen  sechsten  für  die  Geburtshilfe  hinzugefügt  hatte,  gelang, 
eine  eigene  Academie  der  Chirurgie  herzustellen  (1731),  zu  welcher 
im  Jahre  1750  noch  die  Ecole  pratique  de  Chirurgie  hinzukam.  Die 
Arbeiten  der  Mitglieder  der  Academie,  welche  in  den  Memoiren  der  Aca- 
demie niedergelegt  sind,  und  die  Preisantworten,  welche  durch  die  chirurg- 
ische Anatomie  veranlasst  wurden,  gehören  zu  dem  Gediegensten,  was  je 
über  Chirurgie  geschrieben  wurde.  Selbst  für  die  innere  Medicin  trifft 
man  in  ihnen  eine  klare  Auffassung  und  rationelle  Ansichten:  wie  sie 
kaum  in  der  übrigen  medicinischen  Literatur  der  Zeit  im  gleichen  Maasse 
sich  vorfinden.  Die  Leistungen  der  französischen  Chirurgen  überragten 
in  kurzer  Zeit  so  sehr  die  aller  andern  Länder,  dass  die  Academie 
der    Chirurgie   die   anerkannte  Autorität   in   allen   chirurgischen  Ange- 


Academie  der  Chirurgie.  217 

legenheiten  wurde,  und  dass  Friedrich  der  Grosse,  Joseph  von  Oestreich 
und  andere  Potentaten  ihre  Chirurgen  von  der  Academie  ernennen 
Hessen. 

Die  bedeutendsten  Männer,  welche  in  dieser  Zeit  in  der  französischen 
Chirurgie  sich  hervorthaten ,  fast  sämmtlich  Mitglieder  der  Academie, 
waren,  ausser  dem  Gründer  der  Leztern,  la  Peyronie  (geb.  1678,  gest. 
1747),  der  vornemlich  über  Hernien  und  einige  operative  Fragen  sich 
vernehmen  Hess,  ausser  Jean  L.  Petit,  dem  schon  erwähnten  Präsidenten 
der  Academie: 

De  la  Motte,  gest.  1740,  Herausgeber  eines  Traite  complet  de 
Chirurgie,  welches  viele  werthvolle  Beobachtungen  über  alle  Theile  der 
Chirurgie  bietet. 

Franz  Quesnay,  geb.  1694,  wurde  bei  der  Errichtung  der  Academie 
Secretaire  perpetuel,  später  Leibarzt  des  Königs,  starb  1774.  Er  schrieb 
Monographien  über  die  Suppuration  1749,  die  Gangrän  1749,  über  die 
Fieber  1753;  ausserdem  in  den  Memoiren  der  Academie  sur  le  vice  des 
humeurs,  über  Wunden  des  Gehirns,  Exfoliation  der  Schädelknochen  und 
anderes  Mehreres. 

Rene  de  Garengeot,  geb.  1688,  eines  der  ersten  Mitglieder  der 
Academie,  Militärarzt,  starb  1759.  Seine  zahlreichen  Veröffentlichungen 
sind  nicht  ohne  Talent,  aber  etwas  flüchtig  gearbeitet.  Seine  Operativ- 
chirurgie hielt  sich  nicht  lange. 

Bell  ocq  veröffentlichte  eine  Description  d'une  machine  pour  arreter 
le  sang  de  l'artere  intercostale  und  eine  Abhandlung  sur  quelques  hem- 
orrhagies  particulieres  et  sur  les  moyens  d'y  remedier. 

Le  Dran,  ein  sehr  geschikter  Chirurg,  schrieb:  sur  le  Cancer,  über 
Bauch-  und  Darmwunden  und  verbesserte  viele  Operationsmethoden. 

George  de  la  Faye  (f  1781)  hochangesehener  Operateur,  schrieb: 
sur  le  bec-de-lievre  und  sur  la  methode  d'operer  la  cataracte,  sowie  über 
die  Exarticulation  des  Oberarms. 

Peter  Foubert  hat  vornemlich  geschrieben:  nouv.  meth.  de  tirer  la 
pierre  de  la  vessie,  obs.  sur  un  abces  au  poumon,  sur  les  differentes  especes 
d'anevrisme  faux,  sur  les  grands  abces  du  fondement. 

Franz  Salvator  Morand,  geb.  1697,  gest.  1773,  war  eines  der  aus- 
gezeichnetsten Mitglieder  der  Academie  und  eine  Zeitlang  ihr  Secretaire 
perpetuel.  Wichtige  Arbeiten  von  ihm  sind  über  Leberabscesse,  über 
Tumoren  der  Gallenblase,  über  fremde  Körper,  über  Hydrops  ovarii  und 
zahlreiche  Verbesserungen  der  Operativmethode.  Seine  hauptsächlichsten 
Erfahrungen  finden  sich  in  den  Memoiren  der  Academie  und  in  den 
Opuscules  de  Chirurgie  1 768 — 72. 


218  Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Aufklärung. 

Prudent  Hevin  (1715 — 1789),  Professor  der  Chirurgie,  Therapie 
und  Inspecteur  der  Militärhospitäler,  schrieb  sur  la  nephrotomie,  sur  les 
corps  etrangers  arretes  dans  l'oesophage,  sur  le  volvulus  und  einen  Cours 
de  pathologie  et  de  therapeutique  chirurgicale  1780. 

Antoine  Louis,  geb.  1723,  ward  in  Folge  einer  Preislösung  1746 
Mitglied  der  Academie  der  Chirurgie.  Er  war  der  erste  Chirurg,  der 
wieder  eine  lateinische  Disputation  hielt.  1764  wurde  er  nach  Morand's 
Abgang  Secretaire  perpetuel  der  Academie.  Er  starb  1792.  Zahlreiche 
wichtige  Abhandlungen  von  ihm  finden  sich  in  den  Memoiren  der 
Academie:  Ueber  Speichel-  und  Thränenfistel,  Bronchotomie ,  Fungus 
durae  matris,  Zunge,  Harnsteine,  Hernien,  Uterussteine,  Verlezungen 
und  Amputationen  etc. 

Antoine  Petit,  1718 — 1794,  von  grossem  Ansehen,  Mitglied  der 
Academie  des  sciences  (1760),  Inspecteur  general  der  französischen 
Militärhospitäler  (1768),  Professor  der  Anatomie  und  Chirurgie  (1769). 
Seine  nicht  unwichtigen  Schriften  haben  jedoch  weniger  allgemeines 
Interesse. 

Sabatier,  der  Vater,  und  der  noch  berühmtere  Sabatier,  der 
Sohn.  Lezterer,  geb.  1732,  wurde  1757  Professor  der  Anatomie  am 
königlich  chirurgischen  Collegium,  später  Professor  der  operativen 
Chirurgie  an  der  Ecole  de  sante.  Napoleon  ernannte  ihn  zu  seinem 
consultirenden  Wundarzt.  Er  starb  1811.  Er  hat  einige  nicht  unwichtige 
anatomische  und  physiologische  Beobachtungen  (über  Herz,  Lunge, 
Gehirn  etc.)  gemacht,  bei  Tetanus  das  Opium  in  grosser  Dosis  empfohlen, 
überdem  besonders  die  Operativchirurgie  gefördert.  Sein  traite  complet 
d'anatomie  1764  war  sehr  geschäzt  und  berüksichtigte  zugleich  die 
Physiologie.  Sein  Werk  de  la  medecine  operatoire  (3  Bände)  verdrängte 
alle  anderen  Operationslehren. 

Franz  Chopart,  gegen  das  Ende  des  Jahrhunderts  Professor  in 
Paris,  gab  1779  ein  traite  des  maladies  chirurgicales  et  des  Operations 
qui  leur  conviennent  heraus  und  ist  am  meisten  bekannt  durch  seine 
Methode  der  Fussamputation. 

Indessen  wurden  alle  überstrahlt  von  Desault  (1744 — 1795),  Ant. 
Petit's  Schüler,  Lehrer  an  der  Ecole  pratique,  bei  dem  eine  wohlüber- 
dachte Methode  hervortritt  und  der  die  chirurgischen  Krankheiten  der 
Organe  aus  ihrem  Bau  und  den  Gesezen  ihrer  Functionen,  also  aus 
Anatomie  und  Physiologie  zu  begreifen  suchte,  zugleich  aus  diesen 
Grundwissenschaften  die  leitenden  Ideen  für  die  chirurgischen  Indicat- 
ionen  entlehnte.  Er  gründete  eine  neue  Wissenschaft,  die  chirurgische 
Anatomie,  und  mit  ihrer  Hilfe  bewirkte    er  zahllose  Reformen  in  der 


Chirurgie  in  Deutschland. 


219 


Therapie  aller  Theile  der  Chirurgie.  Er  förderte  die  pathologische 
Anatomie  und  somit  selbst  die  innere  Medicin,  die  er  übrigens  verachtete, 
-weil  er  sie  als  ein  dunkles  Labyrinth  ansah,  in  dem  man  nur  vom  Zufall 
geleitet  herumirre.  Mit  Desault  begann  eine  neue  Zeit  für  die  Chirurgie, 
die  Periode  der  durch  Anatomie  geleiteten  Wissenschaft. 

Die  Geschichte  der  damaligen  Chirurgie  ist  in  der  Geschichte  der 
französischen  Schule  enthalten ,  und  die  andern  Nationen  haben  verhält- 
nissmässig  Weniges  zur  gleichen  Zeit  geleistet.  In  Holland  und  Deutsch- 
land waren  die  Chirurgen  zwar  zum  Theil  gelehrter  als  die  französischen, 
sie  stritten  sich  mehr  um  die  Fragen  des  Tages,  waren  aber  arm  an 
Ideen,  machten  keine  oder  unbedeutende  Entdekungen  und  klebten  an  den 
Yorurtheilen  der  Schule. 

Doch  sind  davon  einige  ehrenvolle  Ausnahmen  zu  nennen: 

Heister  (1683 — 1758),  ein  Schüler Boerhaave's,  dann  holländischer 
Militärarzt,  später  Professor  in  Helmstedt.  Mit  ihm  beginnt  erst  die 
deutsche  Chirurgie  einigermaassen  zu  Ehren  zu  kommen. 

Platnerin  Leipzig  (1694 — 1747)  war  ein  Apostel  der  französischen 
Chirurgie. 

Mauchart  (1696 — 1751),  Professor  in  Tübingen,  vornemlich  um  die 
Augenheilkunde  verdient. 

Friedrich  der  Grosse  sah  recht  wohl  den  traurigen  Zustand  der 
deutschen  Chirurgie  ein  und  die  Notwendigkeit ,  gebildete  Wundärzte 
statt  der  Feldscheerer  bei  seinen  Armeen  zu  haben.  Er  errichtete  daher 
die  Charite  in  Berlin  für  Bildung  von  Militärchirurgen ,  und  bald  hatte 
auch  die  preussische  Armee  ihre  ausgezeichneten  Chirurgen,  namentlich 
Schaarschmidt,  Henkel,  Bilguer,  Schmuker,  Theden  und  Mursinna.  Doch 
hat  Friedrich  der  Grosse  für  weitere  Hebung  der  Chirurgie  nicht  soviel 
gethan ,  als  man  hätte  erwarten  können. 

Nächst  Preussen  that  vornemlich  Joseph  von  Oestreich  etwas  für 
Verbesserung  der  chirurgischen  Ausbildung  durch  Gründung  seines  Joseph- 
inums  für  Militärärzte.  Die  bedeutendsten  dortigen  Chirurgen,  die  jedoch 
weit  unter  den  französischen  standen,  waren  Mohrenheim,  Brambilla, 
Hunczovsky  und  Plenk.  Jedoch  fing  Wien  an,  wenigstens  auf  einem 
Gebiete  sich  hervorzuthun  und  eine  eigene  Schule  zu  bilden,  auf  dem  der 
Ophthalmiatrik.  Joseph  Barth,  Professor  der  Anatomie  und  Augenheil- 
kunde, gab  dazu  die  Veranlassung.  Viel  berühmter  aber  noch  waren 
seine  Schüler  Adam  Schmidt,  Prochaska  und  Beer. 

Ein  selbständiger  Geist  auf  chirurgischem  Gebiete  war  ferner  August 
Gottlob  Richter,  Professor  in  Göttingen,  der  seine  chirurgische  Bildung 


C  h  iru  rgi ein 
Deutschland. 


Oesterreich. 


220  Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Aufklärung. 

in  England  erhalten  hatte  und  auch  als  Arzt  berühmt  war  (1742 — 1812). 
Erst  im  Alter  beschäftigte  er  sich  jedoch  mit  innerer  Medicin.  Richter 
hat,  ohne  grosse  specielle  Entdekungen  zu  machen,  vornemlich  dazu  bei- 
getragen, die  Chirurgie  in  Deutschland  der  Medicin  ebenbürtig  zu 
machen.  Ueberdem  hat  er  durch  seine  „Chirurgische  Bibliothek" 
(15  Bände,  1771 — 1797)  die  Bekanntschaft  der  Deutschen  mit  der 
•  chirurgischen  Literatur  des  Auslandes  vermittelt  und  in  seinen  „Anfangs- 
gründen der  Wundarzneikunst"  (1782 — 1804)  das  erste  umfassende 
Handbuch  der  Chirurgie  geliefert. 

Chirurgie  in  jn  England  hing  die  Chirurgie  noch  im  ganzen  18.  Jahrhundert  mit 
der  Barbierstube  zusammen.  Dessenungeachtet  haben  einige  tüchtige 
Männer  schon  frühzeitig  sich  hervorgethan,  besonders  Cheselden  (f  1788), 
Alex.  Monro  (f  .1767),  Pott  (f  1788),  Bromfield  (f  1792),  Benjamin 
Bell  (f  1804),  vor  allen  aber  die  beiden  Hunter,  William,  der  1718  bis 
1783  lebte,  und  John,  der  bereits  bei  der  pathologischen  Anatomie  ange- 
führt wurde. 

Die  ärztlichen  jn  (jer  innern  Medicin  hat  sich  eine  Reihe  tüchtiger  Aerzte  den  Ruhm 
der  practischen  Unbefangenheit  und  der  umsichtigen  und  allseitigen 
Beobachtung  erworben.  Sie  waren  fast  sämmtlich  Practiker  von  weit- 
verbreitetem Rufe ,  Einzelne  zugleich  Universitätslehrer.  Ihre  Schriften 
betreffen  grossentheils  Aufzeichnungen  über  verschiedene  Punkte  der 
alltäglichen  Erfahrung.  Den  herrschenden  Schulen  hielten  sie  sich  mehr 
oder  weniger  fern  und  werden  häufig  im  Gegensaz  zu  denselben  als  die 
Practiker  des  18.  Jahrhunderts  bezeichnet. 

Vornemlich  war  England  reich  an  tüchtigen  unbefangenen  Beob- 
achtern.    Unter  ihnen  sind  zu  nennen: 

Richard  Mead,  f  1754,  königlicher  Leibarzt,  auf  dessen  Antrieb  von 
dem  Buchhändler  Guy  das  Guys-Hospital  errichtet  wurde.  Seine  Opera 
erschienen  zuerst  1744. 

John  Huxham,  f  1768,  Arzt  in  Plymouth,  der  vornemlich  über 
epidemische  Krankheiten  geschrieben  hat  (observationes  de  aere  et 
morbis  epidemicis  1744  und  essay  on  fevers  1750). 

John  Fbthergill,  f  1780,  Arzt  in  London ,  beschrieb  die  epidem- 
ischen Verhältnisse  von  London  in  den  Jahren  1751 — 54  und  verfasste 
mehrere  Monographien.     Seine  sämmtlichen  Werke  erschienen  1783. 

John  Pringle,  f  1782,  Oberarzt  des  brittischen  Heeres,  später 
königl.  Leibarzt,  vornemlich  berühmt  durch  seine  Observations  on  diseases 
of  an  army  1 752. 


In  England. 


Chirurgie. 


221 


William  Heberden,  f  1801,  einPractiker  von  feinster  Beobachtung, 
Arzt  in  London.  Seine  schäzenswerthen  Commentarii  de  raorborum 
historia  et  curatione  erschienen  nach  seinem  Tode  (1802). 

Ferner  Alex.  Monro  der  Jüngere,  Franz  Home,  Cleghorn  etc. 

Ihnen  schliesst  sich  der  Amerikaner  Benj.   Rush    an,    geb.    1745,      # 
gest.  1813.     Er  schrieb  Medical  inquiries  and  observations  1789,  ferner 
über  Gelbfieber  und  Seelenkrankheiten. 

In  Italien  war  Giov.  Batt.  Borsieri  de  Kanilfeld  (1725 — 1785),       '»  I*au«»- 
Professor    in   Pavia,    der    bedeutendste    Practiker.     Seine  Institutiones 
medicinae  practicae  stellen  die  erste  genaue  specielle  Pathologie  dar. 

Sarcone,  Arzt  in  Neapel  und  Darsteller  der  daselbst  herrschenden 
Krankheiten,  1761,  zählt  gleichfalls  zu  den  hervorragenden  practischen 
Schriftstellern. 

In  der  Schweiz  zeichnete  sich  der  tüchtige  Practiker  Tissot,  Arzt  in  in  der  Schweiz. 
Lausanne,  vorübergehend  Professor  in  Pavia  (geb.   1728,  gest.  1797), 
aus,  theils  durch  einige  monographische  Arbeiten,  theils  durch  mehrere 
halb  und  ganz  populäre  Schriften. 

In  Frankreich  sucht  man  vergeblich  nach  hervorragenden  practischen    in  Frankreich. 
Schriftstellern  der  innern  Medicin.     Alle  Talente  hatten  sich  entweder 
der  Schule  von  Montpellier  oder  der  Chirurgie  angeschlossen. 

In  Deutschland  war  die  Zahl  der  tüchtigen  Practiker  im  18.  Jahr-    in  Deutschland. 
hundert  ganz  besonders  gross.     Ausser  Fr.  Hoffmann  und  der  Wiener 
Schule,  welche  gleichfalls  die  practische  Seite  glänzend  vertreten  hat, 
sind  als  von  der  Schule  mehr  oder  weniger  unabhängige  Männer  hervor- 
zuheben : 

Paul  Gottl.  Werlhof  (1699—1767),  Leibarzt  in  Hannover,  der 
erste  unter  der  Reihe  ausgezeichneter  Practiker,  welche  die  Hannoverschen 
Leibärzte  bilden.     Seine  Opera  medica  erschienen  1757. 

Rudolph  Augustin  Vogel  (1724 — 1774),  Professor  der  Medicin  in 
Göttingen,  später  gleichfalls  Hannover'scher  Leibarzt,  schrieb  ausser 
chemischen  und  mineralogischen  Schriften,  besonders  de  cognoscendis 
praecipuis  corporis  humani  affectibus  1772,  Observ.  med.  chirurgicae 
1773  und  Opuscula  medica  1786. 

Joh.  Georg  Zimmermann  (1728 — 1795),  Arzt  in  der  Schweiz, 
später  Hannover'scher  Leibarzt ,  berühmt  durch  seine  Schriften  über  die 
Erfahrung. 

Jos.  von  Quarin  (1734  — 1814),  kais.  österreichischer  Leibarzt, 
1797  in  den  Grafenstand  erhoben,  schrieb  über  die  Behandlung  der 
Fieber  und  Entzündungen  und  Animadversiones  in  diversos  morbos. 


222  Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Aufklärung. 

Joh.  Ernst  Wichmann  (1739 — 1802),  Leibarzt  in  Hannover, 
berühmt  vornemlich  durch  seine  Ideen  zur  Diagnostik. 

Benjamin  Lentin  (1736 — 1804),  erst  Arzt  in  Clausthal,  sodann 
Hannoverscher  Leibarzt,  verfasste  mehrfache  Beiträge  und  Beobachtungen. 

Joh.  Peter  Frank  (1745 — 1825),  dessen  hauptsächliche  Thätigkeit 
und  Wirkung  jedoch  erst  in  die  folgende  Periode  fällt. 

Christian  Gottlieb  Seile,  geb.  1748,  Leibarzt  in  Berlin  und  Director 
des  Collegium  medico  -  chirurgicum  daselbst,  starb  1800,  schrieb 
Rudimenta  pyretologiae  methodicae,  eine  Medicina  clinica ,  neue  Beiträge 
zur  Natur-  und  Arzneiwissenschaft  und  vieles  Andere  (auch  philosoph- 
ische Schriften). 

Samuel  Gottl.  Vogel,  geb.  1750,  zuerst  Arzt  in  Göttingen,  später 
meklenburg'scher  Leibarzt,  gest.  1837,  schrieb  ausser  zahlreichen  kleinen 
Schriften  ein  schäzbares  Handbuch  der  practischen  Arzneiwissenschaft 
(1781  begonnen). 

An  die  Deutschen  reiht  sich  noch  Friedr.  Ludw.  Bang  in  Kopen- 
hagen (1747 — 1820)  an,  ein  gleichfalls  umsichtiger  und  trefflicher 
Practiker.  Er  schrieb  neben  anderem  Praxis  medica  1789  und  Selecta 
diarii  nosocomii  frideric.  1789. 

Diese  Practiker  haben  einen  eigenthümlich  glüklichen  Ton  in  der 
Praxis  eingeführt.  Wenn  auch  mannigfach  befangen  in  Vorurtheilen  und 
durchaus  nicht  klar  über  Forderungen  und  Schwierigkeiten  der  Erkennt- 
niss  krankhafter  Verhältnisse  haben  sie  in  vielen  Punkten  instinctmässig 
das  Richtige  getroffen.  Die  Krankheitsbeschreibungen  waren  einfach 
und  ungekünstelt.  Obwohl  die  Eintheilung  in  Arten  nicht  mehr  aufge- 
geben wurde,  so  nahmen  die  practischen  Schriftsteller  doch  so  wenig 
zahlreiche  Species  an,  dass  immerhin  dadurch  der  Schaden  ausgeglichen 
wurde  und  innerhalb  der  einzelnen  Species  noch  Raum  genug  für  reich- 
liche individuelle  Eigenthümlichkeiten  blieb.  Die  Diagnose  knüpfte  sich 
nicht  an  einzelne  Punkte ,  sondern  an  die  Gesammtheit  des  Falls ;  durch 
Vergleichung  verschiedener  Krankheitsformen  suchte  man  sich  die 
Differenzen  um  so  anschaulicher  zu  machen.  In  der  Therapie  endlich 
wurde  mit  einem  glüklichen  Instincte  jedes  Extrem  vermieden  und 
überall  unbewusst  dahin  getrachtet,  auf  den  ganzen  Menschen  und  nicht 
blos  auf  einzelne  Seiten  und  Organe  desselben  einzuwirken. 

Monograph-  Zahlreiche    monographische    Untersuchungen    fast    aller   Theile    des 

ische  Ar-      Körpers  haben  noch  weiter  dazu  beigetragen,  den  Inhalt  der  positiven 

Leiten.  r  a  w 

Wissenschaft  zu  vervollständigen. 
Gehirn.  In   der  Gehirnpathologie  wurde    ein  werthvoller  Grund   gelegt, 


Monographische  Arbeiten.  223 

hauptsächlich  aber  in  Betreff  der  anatomischen  Veränderungen.  Ausser 
den  Arbeiten  von  Lancisi  und  Morgagni  sind  vorzüglich  zu  erwähnen  das 
Sammelwerk  von  Wepfer:  Observationes  medico-practicae  de  affectibus 
capitis  internis  et  externis,  1727,  und  Büchner:  De  morbis  cerebri  ex 
structura  ejus  anatomica  deducendis,  1741. 

Unter  den  symptomatischen  Erkrankungen  haben  zunächst  unter  Cullen's 
Einfluss  die  Geisteskrankheiten  in  England  Berüksichtigung  gefunden. 
Sein  Schüler  Arnold  lieferte  1782  die  erste  ausführliche  Darstellung  der- 
selben (Observations  on  the  nature,  kinds,  causes  and  prevention  of  in- 
sanity,  lunacy  or  madness).  Eine  Anzahl  von  englischen  Practikern 
schloss  sich  an,  so  Perfect  (1787),  Harper  (1789),  Parketer  (1792), 
Ferriar  (1792)  und  Haslam. 

In  Betreff  der  Epilepsie  hat  zuerst  van  Swieten  in  den  Commentaren 
von  Boerhaave  sie  für  eine  Gehirnkrankheit  erklärt,  und  er  sowohl  als 
besonders  Tissot  (Traite  de  l'epilepsie,  1702)  haben  die  werthvollsten 
Beiträge  zur  Kenntniss  der  Krankheit  geliefert  und  ihre  Thatsachen 
wurden  später  lange  Zeit  einfach  copirt. 

Die  Eclampsie  wurde  von  Sauvages  als  eine  besondere  Form  von 
Krämpfen  von  der  Epilepsie  abgetrennt;  auch  die  Eclampsia  parturientium 
von  demselben  zuerst  unterschieden ,  sodann  aber  von  mehreren  andern 
Aerzten,  namentlich  Denman  (Essay  on  puerperal  convulsions,  1768), 
Gehler  (De  eclampsia  parturientium,  1776),  und  Blaud  (1781),  vonPetri 
(De  convulsionibus  gravidarum,  parturientium  etc.,  1790)  sorgfältig 
untersucht. 

Auch  der  Veitstanz ,  schon  von  früher  her  bekannt ,  wurde  von  Sau- 
vages und  Cullen  genau  von  andern  Störungen  abgetrennt.  Es  wurden 
zahlreiche  Abhandlungen  über  ihn  veröffentlicht,  unter  denen  namentlich 
die  von  Spangenberg:  De  Chorea  Sti.  Viti,  1764  hervorzuheben  ist. 

Die  Katalepsie  ist  Gegenstand  zahlreicher  Untersuchungen  geworden, 
zumal  hat  Dionis  (Traite  sur  la  mort  subite  et  sur  la  catalepsie,  1710) 
dieselbe  ausführlich  beschrieben. 

In  Betreff  der  Hysterie  hat  Friedrich  Hoffmann  eine  vollendete  Dar- 
stellung gegeben;  ausserdem  haben  Astruc  (Traite  des  maladies  des 
ferames,  1761),  Tissot  (Traite  des  maladies  nerveuses),  Wilson  (Medical 
researches  on  the  nature  and  origine  of  hysteries,  1776)  und  Leidenfrost 
(De  differentia  passionis  hysterici  a  morbis  convulsivis  reliquis,  1780) 
werthvolle  Beiträge  geliefert. 

Die  Neuralgien  wurden  1756  zuerst  von  Arutrin  entdekt.  Der  wicht- 
igste Beobachter  über  dieselben  war  aber  Fothergill,  der  16  Fälle  beob- 
achtete.   Cotugno  (1764)  untersuchte  den  Sectionserfund  bei  der  Ischiadik. 


224 


Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Aufklärung. 


Riikenmark. 


Die  Apoplexie  des  Gehirns  wurde  von  Friedrich  Hoffmann  zuerst  von 
der  Hämorrhagie  aus  zerrissenen  Gehirngefässen  abgeleitet,  und  Wepfer 
(Historia  apoplecticorum,  1734)  hat  eine  Anzahl  derartiger  Beobachtungen 
veröffentlicht.  Ebenso  hat  Morgagni  in  seinem  zweiten  und  dritten  Briefe 
die  anatomischen  Verhältnisse  aufs  schärfste  festgestellt.  Auch  mehrere 
andere  Schriftsteller,  Schröder,  Fothergill,  haben  zur  Aufklärung  der 
Apoplexie  beigetragen. 

Die  Entzündungen  des  Gehirns  wurden  dagegen  wenig  beachtet,  ob- 
wohl Hinweisungen  auf  ihr  Vorkommen  sich  vielfach  finden.  Meist  wurden 
sie  unter  dem  Namen  der  Phrenitis  mit  andern  schweren  Hirnkrankheiten, 
die  von  Delirien  begleitet  sind,  zusammengeworfen.  Morgagni  jedoch 
trennte  zuerst  die  Meningitis  von  den  übrigen  acuten  Gehirnkrankheiten ; 
allein  auch  nach  ihm  verstand  man  unter  dem  Ausdruk  häufig  noch  die 
Entzündung  der  dura  mater. 

DenHydrocephalus  internus  beschrieb  Fothergill  monographisch(1757). 

Von  den  Krankheiten  des  Rükenmarks  hatte  man  noch  wenig  Vor- 
stellungen; doch  hat  Ludwig  (Tractatio  de  doloribus  ad  spinam  dorsi, 
1770)  einen  Anfang  zur  Erkenntniss  dieser  Krankheiten  gemacht. 

Ueber  die  Krankheiten  des  Herzens  finden  sich  bei  Lower  undLancisi 
einzelne  wichtige  Beobachtungen.  Der  Erste  aber,  der  eine  ausführliche 
Monographie  der  Krankheiten  dieses  Organs  unternahm,  indem  er  das 
Zerstreute  kritisch  bearbeitete  und  dem  allgemeinen  Gebrauch  zugänglich 
machte,  war  Senac  (Traite  de  la  structure  du  coeur,  de  son  action  et  de 
ses  maladies,  1749),  ein  Werk,  ganz  im  Geiste  wahrer  Naturforschung 
geschrieben  und  mit  der  Tendenz,  die  Pathologie  des  Herzens  auf  die 
normale  Anatomie  und  Physiologie  zu  stüzen.  Ueberall  sind  bei  der  Dar- 
stellung der  einzelnen  Krankheiten  die  pathologisch-anatomischen  That- 
sachen  leitend;  die  meisten  Formen  der  Herzkrankheiten  finden  sich  schon 
beschrieben,  am  genauesten  die  Pericarditis  und  die  Herzerweiterung. 
Dieses  Werk  wurde  von  Morgagni,  Albin  und  Haller,  aber  auch  von  den 
Practikern,  van  Swieten,  de  Haen  und  Pringle  mit  unbedingtem  Beifall 
aufgenommen,  später  aber,  wie  so  viele  andere  grosse  und  werthvolle  Ar- 
beiten des  Jahrhunderts,  fast  völlig  vergessen. 

Den  Krankheiten  der  Arterien  hat  zuerst  Morgagni  genauere  Auf- 
merksamkeit geschenkt  und  einen  Reichthum  wichtiger  Beobachtungen  in 
seinem  Werke  niedergelegt,  welche  der  ganzen  folgenden  Zeit  zum  Muster 
dienen  können.  Seine  wichtigsten  Erfahrungen  beziehen  sich  auf  das 
Aneurysma,  das  allerdings  schon  früher  bekannt  war,  aber  durch  ihn, 


Monographische  Arbeiten.  225 

wie  durch  Foubert  (Memoires  de  l'Academie  de  Chirurgie)  vorzüglich  ge- 
fördert wurde. 

Die  Krankheiten  der  Lungen  und  der  dazu  gehörigen  Organe  wurden  Respirations- 
im  18.  Jahrhundert  von  zahlreichen  Aerzten  auf  das  eifrigste  verfolgt; 
namentlich  van  Swieten,  de  Haen,  Morgagni,  Lietaud  haben  in  dieser  Be- 
ziehung Bedeutendes  geleistet,  und  ein  Versuch,  die  Percussion  auf  die 
Lungenkrankheiten  anzuwenden,  wurde,  freilich  von  Kieniand  weiter  be- 
rüksichtigt,  von  Auenbrugger  gemacht  (Inventum  novum,  1761). 

Unter  den  einzelnen  Affectionen  der  Respirationsorgane  hat  besonders 
das  Asthma  die  Aufmerksamkeit  der  Aerzte  auf  sich  gezogen.  Sauvages 
stellt  18  Species  desselben  auf.  Ridley  (Observationes  quaedam  de  asth- 
mate  et  hydrophobia,  1763)  und  Floyer  (Abhandlung  über  die  Engbrüstig- 
keit, aus  dem  Englischen  von  Scherf,  1782)  haben  einzelne,  freilich  viel- 
deutige Beobachtungen  darüber  gemacht. 

Die  gefährlichen  Formen  von  Suffocation  im  Kindesalter  sind  seit  der 
Mitte  des  18.  Jahrhunderts  beachtet  worden,  ohne  Zweifel  unter  dem 
Einfluss  der  Cullen'schen  Doctrin.  Simpson  (1761),  Miliar  (1769), 
Bush  (1770)  und  Chalmers  (1776)  beschrieben  die  Form  der  acuten 
Glottisverengerung  oder  des  Pseudocroups,  die  man  später  häufig  nach 
Miliar  benannte. 

Ueber  den  Croup  erschienen  die  ersten  genaueren  Untersuchungen  von 
Franz  Home  in  Edinburgh  1765  (an  inquiry  into  the  nature,  causes  and 
eure  of  the  croup).  Eine  grosse  Zahl  von  Arbeiten  folgte,  von  denen  be- 
sonders die  Dissertation  von  Michaelis  (1778,  De  angina  polyposa  seu 
membranacea)  von  Werth  ist. 

Das  Glottisödem  wurde  als  Entzündung  der  weissen  Muskeln  der 
Glottis  zuerst  von  Boerhaave  beschrieben;  dagegen  ist  seine  Angina 
aquosa  ohne  Zweifel  ein  anderer  Zustand.  Auch  bei  Morgagni  und  andern 
Beobachtern  des  18.  Jahrhunderts  finden  sich  einzelne  Andeutungen  über 
die  submueöse  Infiltration  der  Glottis. 

Die  anatomischen  Veränderungen  bei  chronischer  Laryngitis  wurden 
zuerst  von  Morgagni  genauer  beschrieben  und  einzelne  Erscheinungen  auf 
sie  bezogen,  sodann  aber  von  Borsieri  als  eine  besondere  Krankheitsform, 
die  Laryngeal-  und  Trachealphthisis  aufgestellt. 

Die  Bronchitis  und  der  Lungencatarrh  wurden  im  18.  Jahrhundert 
noch  nicht  genau  von  andern  Affectionen  unterschieden;  dagegen  haben 
über  den  Keuchhusten  Friedrich  Hoffmann,  Alberti,  Forbes,  de  Haen, 
Stoll  und  Rosen  von  Rosenstein  werthvolles  Material  zusammengebracht 
und  in  descriptiver  Beziehung  wenig  übrig  gelassen. 

Wunderlich,  Geschickte  d.  Medicin.  15 


226 


Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Aufklärung. 


Oesophagus. 


Magen  und 
Darmkanal. 


Die  Lungenentzündung,  meist  als  Peripneumonie  bezeichnet,  wurde 
namentlich  durch  Huxham,  Stoll,  Samuel  Gottlieb  Vogel,  Borsieri  in  Be- 
ziehung auf  die  Symptome  gefördert.  Die  anatomische  Betrachtungsweise 
der  Pneumonie  wird  zuerst  bei  Morgagni  durchschlagend,  welcher  das  ge- 
trennte Vorkommen  der  Pneumonie  und  der  Pleuritis  nachwies. 

üeber  die  Pleuritis  hatte  man  noch  vielfach  ungenaue  Vorstellungen 
und  ihre  Diagnose  wurde  meist  an  das  Vorhandensein  des  Schmerzes  ge- 
knüpft. Vornemlich  haben  Boerhaave  und  de  Haen  auf  diesen  den  Haupt- 
werth  gelegt;  während  dagegen  eine  Anzahl  anderer  Autoren  sich  über- 
haupt gegen  die  Zulässigkeit  einer  Abtrennung  der  Pleuritis  von  der 
Lungenentzündung  erklärte :  Haller,  Tissot,  Cullen,  Stoll. 

Die  Lungentuberculose ,  gewöhnlich  als  Phthisis  pulmonum ,  knotige 
oder  ulcerative  Schwindsucht  bezeichnet,  wurde  von  Boerhaave  und  van 
Swieten  und  manchen  Andern  mit  vieler  Sorgfalt  abgehandelt;  aber  die 
Classificationssucht,  die  z.  B.  Sauvages  zur  Annahme  von  20  Phthisis- 
species  führte,  hinderte  das  Aufkommen  von  richtigen  Anschauungen  über 
die  Krankheit. 

Der  Hydrothorax  spielte  noch  eine  sehr  grosse  Rolle  in  den  Vorstell- 
ungen der  Aerzte,  und  es  ist  wahrscheinlich,  dass  manche  Fälle  von 
Emphysem  unter  diesem  Namen  verstanden  worden  sind.  Doch  finden  sich 
bei  Morgagni  bereits  einige  Sectionsresultate ,  welche  die  Kenntniss  des 
Lungenemphysems  erweisen.  Einen  Fall  von  Lungenmelanose  hat  Haller 
beschrieben,  und  steinige  Concretionen  in  der  Lunge  haben  fortwährend 
die  Aufmerksamkeit  der  Beobachter  auf  sich  gezogen. 

Die  Krankheiten  des  Oesophagus  sind  zuerst  von  Friedrich  Hoff- 
mann (De  morbis  oesophagi,  1722),  sodann  vonNahuys(De  morbis  oeso- 
phago in  den  Verhandlungen  der  Harlemer  Academie)  und  von  Bleuland 
(Observationes  anatomico-medicae  de  sana  et  morbosa  oesophagi  struc- 
tura,  1785)  beschrieben.  Aber  auch  bei  Morgagni  finden  sich  einzelne 
wichtige  Beobachtungen  über  dieselben. 

Ueber  die  Krankheiten  des  Magens  und  Darmes  hatte  man  im  18. 
Jahrhundert  nur  sehr  unvollkommene  Vorstellungen,  da  die  Besichtigung 
der  Schleimhautseite  noch  nicht  gebräuchlich  war.  Die  ganze  Pathologie 
hatte  noch  den  rohesten  symptomatischen  Character,  und  es  waren  mehr 
nur  die  Schmerzen :  Cardialgie  (Friedrich  Hoffmann) ,  Kolik  (de  Haen, 
Huxham),  sowie  die  Verstopfungen,  Infarcte  und  die  Diarrhöen,  aufweiche 
die  Aerzte  Rüksicht  nahmen. 

Mit  besonderer  Vorliebe  wurden  die  Hämorrhoiden  behandelt,  und  die 


Monographische  Arbeiten. 


227 


Schriften  von  Stahl  (De  utilitate  haemorrhoidum ,  1698)  und  de  Haen 
(Theses  pathologicae  de  haemorrhoidibus)  waren  maassgebend. 

Die  Ideen  von  Pfortaderstokung  (Stahl),  der  die  vena  portarum  porta 
malorum  nennt,  und  vom  Infarct  (Kaempf)  wurden  zu  rasch  und  ohne 
Kritik  acceptirt  und  waren  der  genaueren  Erforschung  chronischer  Darm- 
affectionen  hinderlich. 

Unter  den  acuten  Krankheiten  des  Darmes  wurde  vornemlich  der  Ruhr 
sorgfältige  Aufmerksamkeit  geschenkt.  Zimmermann  (Von  der  Ruhr  unter 
dem  Volke,  1767)  beschrieb  die  Krankheit  nach"  Beobachtungen  aus  der 
Schweiz  und  in  Südwestdeutschland.  Stoll  sucht  sie  theils  als  rheumat- 
ische, theils  als  biliöse  Affection  zu  characterisiren.  Die  wichtigste  Arbeit 
aber  ist  von  Pringle  (Observations  on  the  diseases  of  the  army,  1772), 
welcher  die  Identität  aller  Formen  der  Dysenterie  nachwies  und  ihre  An- 
stekung  zeigte.  Auch  AI.  Monro  (1766),  Akenside  (1776)  und  Mursinna 
(1780)  haben  zur  Kenntniss  der  Krankheit  beigetragen. 

Die  Darm-  und  Mesenterialdrüsentuberculose,  häufig,  als  Atrophia  in- 
fantum, Phthisis  meseraica  bezeichnet,  wurde  mehrfach  sorgfältig  be- 
schrieben, und  eine  ausführliche  Monographie  darüber  erschien  von  Baumes 
(Recherches  sur  la  maladie  propre  aux  enfants,  1788).  Auch  Morgagni 
hat  einige  dahin  bezügliche  Beobachtungen  gemacht. 

Einen  Versuch,  diePancreaskrankheiten  monographisch  darzu- 
stellen, machte  Friedrich  Hoffmann  (De  pancreatis  morbis,  1713),  ohne 
jedoch  viel  Positives  beibringen  zu  können. 

Auch  war  Friedrich  Hoffmann  einer  der  Ersten,  welcher  das  Bedürfniss 
einer  anatomischen  Erforschung  der  Leberkrankheiten  fühlte  (Disser- 
tatio  de  morbis  hepatis  ex  anatome  detegendis,  1726);  aber  auch  auf 
diesem  Gebiete  waren  seine  und  der  Nachfolgenden  Leistungen  gering. 

Ueber  peritonitische  Affectionen  haben  Morgagni  und  Lieutaud 
einige  Erfahrungen  gemacht.  Cullen  nimmt  zwar  die  Peritonitis  in  sein 
System  auf,  aber  mit  dem  Bemerken,  dass  er  sie  nicht  abhandeln  wolle, 
weil  er  ihre  Zufälle  nicht  angeben  könne.  Walther  (De  morbis  peritonaei 
et  apoplexia,  1789)  war  der  Erste,  welcher  die  Pathologie  des  Bauchfells 
zu  verfolgen  unternahm. 

Ueber  die  Nieren  hat  zwar  Morgagni  in  seinem  36.,  40.  und  42. 
Briefe  einige  anatomische  Erfahrungen  mitgetheilt ;  auch  Olivier  (Traite 
des  maladies  des  reins  et  de  la  vessie,  1731)  und  Troja  (Ueber  die  Krank- 
heiten der  Nieren,  aus  dem  Italienischen,  1788)  haben  versucht,  die  Kennt- 
nisse über  Nierenkrankheiten  zu  sammeln,  die  aber  noch  in  hohem 
Grade  dürftig  erscheinen. 

15* 


Pancreas  und 
Leber. 


Peritoneum. 


228 


Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Aufklärung. 


Haut. 


Knochen. 


Constitutions- 
krankheiten. 


Die  Hautkrankheiten  wurden  im  18.  Jahrhundert  mit  Vorliebe  ab- 
gehandelt. Malpighi's  Entdekung  der  Hautdrüsen  wurde  vorzüglich  von 
Morgagni  und  Boerhaave  für  die  Pathologie  der  Hautkrankheiten  ver- 
werthet.  Turner  (De  morbis  cutaneis,  1714)  lieferte  zuerst  genaue  Be- 
schreibungen. Noch  sorgfältiger  stellte  Astruc  (Traite  des  tumeurs  et  des 
ulceres,  1759)  einzelne  Hautaffectionen  dar.  Die  erste  Classification  der 
Hautkrankheiten  rührt  vonPlenkher  (Doctrina  de  morbis  cutaneis,  1776). 
Aber  unendlich  wichtiger  in  praktischer  Beziehung  und  voll  schöner  Be- 
obachtungen ist  das  Werk  von  Lorry  (Tractatus  de  morbis  cutaneis,  1777, 
deutsch  von  Held,  1779).  Auch  hat  Cotugno  (De  sedibus  variolarum, 
1769)  den  Anfang  einer  anatomischen  Untersuchung  kranker  Hautstellen 
gemacht.  Die  parasitische  Milbe  bei  der  Kräze  hat  Wichmann  (Aetiologie 
der  Krätze,  1786)  genau  beschrieben,  die  Methode  sie  aufzusuchen  sorg- 
fältig angegeben  und  das  Thier  abgebildet,  auch  zugleich  entsprechende 
richtige  Anschauungen  über  die  Bedeutung  der  Kräze  selbst  geäussert. 

Die  Knochenkrankheiten  wurden  zuerst  von  Jean  Louis  Petit 
(Traite  des  maladies  des  os,  1705)  im  Zusammenhange  und  mit  grosser 
Sorgfalt  dargestellt.  Von  Wichtigkeit  ist  auch  das  Werk  von  Heyne  (De 
praecipuis  ossium  morbis,  1731).  Louis  hat  vornemlich  die  Necrose  kennen 
gelehrt.  Duverney  (Traite  des  maladies  des  os,  1751)  und  Böttcher  (Ab- 
handlungen von  den  Krankheiten  der  Knochen,  Knorpel  und  Zähne,  1781 
bis  1792)  haben  die  Kenntnisse  über  Knochenkrankheiten  resumirt.  Ueber- 
dem  finden  sich  in  dem  Museum  anatomicum  von  Sandifort  zahlreiche 
werthvolle  Beobachtungen. 

Bordenave  hat  sich  besonders  die  Erforschung  der  Krankheiten  der 
Gesichtsknochen  zur  Aufgabe  genommen  (Sur  les  maladies  du  sinus 
maxillaire,  und :  Sur  quelques  exostoses  de  la  machoire  inferieure). 

Die  genauere  Kenntniss  der  Chlorose  beginnt  mit  Fr.  Hoffmann's 
Abhandlung  (als  Emmerich's  Dissertation  gedrukt) :  De  genuina  chlorosis 
indole,  origine  et  curatione,  1731. 

Ueber  die  Scropheln  wurde  durch  eine  Preisaufgabe  der  Academie 
der  Chirurgie  eine  Reihe  von  werthvollen  Abhandlungen  von  Bordeu, 
Faure,  Charmetton  hervorgerufen.  Später  veranlasste  eine  abermalige 
Preisaufgabe  der  Academie  der  Medicin  über  die  Aetiologie  der  Scropheln 
die  Arbeiten  von  Pujol,  Baumes  und  Kortum. 

Ueber  den  Scorbut  enthalten  die  Schriften  von  Boerhaave  und  van 
Swieten ,  ferner  von  Fr.  Hoffmann  wichtige  Mittheilungen ;  eine  Mono- 
graphie vom  gediegensten  Inhalt  aber  erschien  von  dem  Engländer  Lind 
(a  treatise  on  the  scurvy,  1752). 


Monographische  Arbeiten.  229 

Die  Wassersucht  wurde  vielfach  Gegenstand  specieller  Untersuch- 
ung. Aufklärend  war  das  Experiment  von  Haies,  dass  durch  Einsprizung 
von  Wasser  in  die  Gefässe  Hydrops  entsteht.  Auch  Donald  Monro's 
Monographie  (on  the  dropsy  and  its  different  species,  1755)  ist  nicht 
ohne  Werth. 

Der  Diabetes  beschäftigte  die  Praktiker  vielfach;  doch  erst  im  Jahr 
1775  wurde  der  wirkliche  Zukergehalt  des  Harns  von  Pool  und  Dobson 
nachgewiesen. 

Ueber  die  Gicht  machten  vornemlich  englische  Aerzte:  Musgrave 
(1703  und  1707),  Cardogan  (1771),  Falconner  (1773),  Grant  (1781) 
Untersuchungen. 

Die  Bleikrankheit  zog  im  18.  Jahrhundert  in  hohem  Grade  die  Auf-  Vergiftungen. 
merksamkeit  auf  sich  und  vornemlich  die  Kolik,  jedoch  auch  die  übrigen 
Symptome  wurden  beachtet.  Schon  im  vorhergehenden  Jahrhundert  hatte 
Stockhausen  die  toxische  Ursache  nachgewiesen  (De  lithargyri  fumo 
noxio,  1686),  vornemlich  aberdeHaen  in  mehreren  Abhandlungen,  Astruc 
(An  morbo  colica  pictonum  dicto  etc.,  1751),  Ilsemann  (De  colica  satur- 
nina,  1755),  Tronchin  (De  colica  pictonum,  1756)  und  Combalusier  (Ob- 
servations  et  reflexions  sur  la  colique  de  Poitou  et  des  peintres,  1761) 
haben  die  Kenntnisse  über  diese  Krankheit  beträchtlich  gefördert  und  zu- 
mal die  Symptome  sehr  genau  festgestellt. 

Auch  die  Folgen  des  Alcoholmissbrauchs  wurden  da  und  dort  be- 
achtet.   (Jänisch,  de  Spiritus  vini  usu  et  abusu,  1793). 

Besonders  aber  machte  im  18.  Jahrhundert  die  Vergiftung  durch 
Mutterkorn  grosses  Aufsehen  und  wurde  als  Rhaphanie  bezeichnet. 
Schon  1695  war  sie  von  Brunner  dem  verunreinigten  Korn  zugeschrieben 
worden.  Von  Linne  wurde  noch  der  Rhaphanus  rhaphanistrum  als  die 
wahre  Schädlichkeit  angesehen.  Andere  hielten  das  Lolium  temulentum 
für  die  giftige  Substanz.  Zahlreiche  Beobachtungen,  zum  Theil  in  grössern 
Epidemien,  wurden  an  den  verschiedensten  Orten  gemacht  und  in  Betreff 
der  Symptome  namentlich  discutirt,  ob  die  convulsivische  Erkrankung  und 
die  gangränöse  in  Betreff  der  Ursachen  identisch  seien.  Rosen  von  Rosen- 
stein beschrieb  die  spasmodische  Form  (1742),  Mulcaille  die  gangränöse 
(1748).  Ausserdem  haben  Zimmermann,  Tissot,  Read,  Wichmann, 
Saillant,  Tessier,  Taube  und  viele  Andere  sich  um  diese  Krankheit,  deren 
lezte  grosse  Epidemie  in  die  Jahre  1770  und  1771  fiel,  verdient  gemacht. 

In  Betreff  der  Syphilis  wurde  ausser  van  Swieten's  Arbeit,  sowie        Syphilis, 
dem  Werke  von  Astruc  (De  morbis  veneriis  libri  VI,  1736)  wenig  Bedeut- 
endes geleistet,  ausgenommen  dass   1767  Balfour  zuerst  den  Versuch 


230 


Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Aufklärung, 


Variolen. 


Scharlach. 


machte,  den-Tripper  von  der  Syphilis  auszuschliessen.  Erst  1786  erschien 
das  epochemachende  Werk  von  John  Hunter,  welches  die  ganze  Syphilis- 
lehre der  neueren  Zeit  beherrscht  hat. 

Ueber  die  Poken  erschien  eine  Anzahl  sehr  wichtiger  Beobachtungen 
von  Mead  (1747),  von  Huxham,  Werlhoff,  van  Swieten,  Cotugno,  ferner 
von  Sarcone,  Borsieri.  In  die  Mitte  des  18.  Jahrhunderts  fielen  überdem 
die  Discussionen  über  die  Zulässigkeit  und  Zwekmässigkeit  der  im  An- 
fang des  Jahrhunderts  eingeführten  prophylactischen  Variolinoculation. 

Auf  die  Varicellen  fing  man  ebenfalls  zuerst  in  der  Mitte  des  Jahr- 
hunderts an  zu  achten,  pflegte  aber  zu  ihnen  gewöhnlich  leichtere  Variol- 
formen  mitzurechnen  (Heberden,  1767). 

Zur  Feststellung  der  Eigenthümlichkeit  der  Masernkrankheit  haben 
besonders  Friedrich  Hoffmann  und  Borsieri  beigetragen.  Zur  Zeit  Rosen 
von  Rosenstein's  (1762),  welcher  eine  gute  Darstellung  der  Krankheit 
gibt,  wurden  die  Masern  bereits  unzweifelhaft  als  besondere  und  specifische 
Krankheit  betrachtet. 

Der  Scharlach  wurde  erst  im  18.  Jahrhundert  mit  Sicherheit  beob- 
achtet. Fothergill  legt  noch  auf  die  Angine  das  Hauptgewicht.  Huxham 
trennt  den  Scharlach  noch  nicht  von  den  Masern,  und  Andere  sprechen 
nur  gelegentlich  von  Scharlach.  Vornemlich  war  es  Borsieri,  welcher  die 
erste  genaue  und  umfassende  Beschreibung  der  Krankheit  lieferte.  Doch 
hatte  Plenkwitz  bereits  das  Anasarca  nach  der  Eruption  beobachtet. 

scinvcisssucht.  Die  Seh  weiss  such  t  machte  im  18.  Jahrhundert  in  Verbindung  mit 

Frieseleruptionen  epidemische  Umzüge,  und  aus  Deutschland,  Frankreich 
und  Italien  liegen  zahlreiche  Beobachtungen  über  dieselbe  vor.  Meist 
wurde  die  Affection  als  Friesel,  Miliaria  bezeichnet. 

pestv  Die  Pe  st  drang  im  18.  Jahrhundert  nur  noch  selten  und  in  beschränkter 

Ausdehnung  im  christlichen  Europa  vor.  1709  und  1710  herrschte  sie  in 
Schweden,  Dänemark  und  an  der  Nordküste  von  Deutschland,  1713  kam 
sie  von  Süden  her  nach  Oesterreich  und  Bayern;  1720  brach  sie  in  Mar- 
seille aus,  wobei  ihre  Contagiosität  sich  vornemlich  klar  herausstellte,  in- 
dem ein  Schiff  aus  Saida ,  auf  dem  einige  irrthümlich  nicht  für  Pest  ge- 
haltene Fälle  an  Bord  vorgekommen  und  tödtlich  verlaufen  waren,  nach 
der  Landung  die  Krankheit  sichtlich  auf  die  zunächst  damit  verkehrenden 
Personen  ausbreitete ,  worauf  sodann  die  Seuche  von  Haus  zu  Haus  sich 
weiter  ausdehnte,  in  einem  Grade,  dass  60,000  Menschen  daran  gestorben 
sein  sollen,    1738  war  die  Pest  in  der  Ukraine;  1743  raffte  sie  43,000 


Geburtshilfe. 


231 


Typhus. 


Malariakrank- 
heiten. 


Menschen  in  Messina  hin;  1755  brachte  sie  ein  Armenier  nach  Sieben- 
bürgen; T771  endlich  herrschte  eine  schwere  Pestepidemie  in  Moskau. 

Die  hauptsächlichsten  Beobachter  der  Krankheit  waren  Mead  (1720), 
Bertrand  über  die  Pest  zu  Marseille  (1723),  Chenot,  Orräus  über  die 
zu  Moskau  (1784),  Samoilowitz  über  dieselbe  (1787). 

Fieber,  welche  ohne  Zweifel  dem  exanthematischen  Typhus  ent- 
sprechen, sind  mehrfach  im  18.  Jahrhundert  beobachtet  worden;  so 
namentlich  von  Huxham  (Essay  on  the  fevers,  1739),  Pringle  (1752), 
Sarcone  (Geschichte  der  Krankheiten,  die  im  Jahre  1764  in  Neapel  ge- 
herrscht hatten),  Campbell  (Observations  on  the  typhus,  1786). 

Ausserdem  wurde  von  Röderer  und  Wagler  eine  Krankheit  beob- 
achtet, welche  sie  Morbus  mucosus  nennen  und  deren  anatomische  Stör- 
ungen, aufs  Genaueste  von  ihnen  beschrieben,  mit  denen  des  enterischen 
Typhus  übereinstimmen :  die  erste  sichere  Beobachtung  über  die  jezt  so 
gemeine  Krankheit  (de  morbo  mucoso,  1762).  Ohne  Zweifel  ist  die  von 
Huxham  als  Febris  nervosa  lenta  bezeichnete  und  symptomatisch  sorg- 
fältig beschriebene  Krankheit  gleichfalls  der  enterische  Typhus  gewesen. 

Ueber  die  intermittirenden  Fieber  hat  das  18.  Jahrhundert  zahl- 
reiche wichtige  Werke  geliefert  und  die  wesentlichsten  Punkte  aufgeklärt. 
Ausser  den  Werken  von  de  Haen,  Borsieri,  van  Swieten,  Fr.  Hoffmann, 
Huxham  sind  besonders  hervorzuheben:  Torti,  Therapeutice  specialis  ad 
febres  quasdam  perniciosas,  1712,  eine  bis  jezt  nicht  übertroffene  Dar- 
stellung der  einzelnen,  vornemlich  perniciösen  Fieberformen;  Lancisi  (De 
noxiis  paludum  effluviis  eorumque  remediis,  1716);  Werlhoff  (Observat- 
iones  de  febribus,  praecipue  intermittentibus,  1732),  sodann  eine  anonyme 
Sennac  zugeschriebene  Schrift :  De  recondita  febrium  intermittentium  tum 
remittentium  natura,  1759;  Trnka  de  Krzowiz  (Historia  febrium  inter- 
mittentium omnis  aevi  etc.,  1775),  und  Strack  (Observationes  medicinales 
de  febribus  intermittentibus,  1785). 

Endlich  ist  noch  der  Geburtshilfe  Erwähnung  zu  thun.    Sie  ist  im     Geburtshilfe, 
eigentlichsten  Sinne  eine  Schöpfung  des  18.  Jahrhunderts. 

Den  grossen  Aufschwung ,  den  sie  nahm ,  verdankte  sie  zunächst  der 
Erfindung  eines  einfachen  Instrumentes,  der  Zange.    • 

Schon  am  Ende  des  17.  Jahrhunderts  hatte  die  Familie  Chamberlen 
in  England  ein  zangenartiges  Werkzeug  zur  Extraction  des  Kopfes 
besessen;  dasselbe  wurde  aber  als  Familiengeheimniss  behandelt  und  nur 
für  einen  hohen  Kaufpreis  feilgeboten.  Van  Roonhuysen  in  Holland  soll 
das  Geheimniss  gekauft  haben,  behielt  es  aber  gleichfalls  zunächst  für 


232  Die  Median  im  Zeitalter  der  Aufklärung. 

sich,  und  erst  durch  weitere  Käufe  und  Erbschaften  kamen  auch  andere 
holländische  Aerzte  in  den  Besiz  des  Instruments.  Aber  bereits  war  es 
zweifelhaft,  ob  die  auf  diese  Weise  in  Privathänden  sich  befindenden 
Werkzeuge  wirklich  mit  dem  ursprünglichen  Chamberlen'schen  Instru- 
mente übereinstimmten.  Nichtsdestoweniger  wurde  im  Jahre  1*746  von 
dem  Collegium  medico-pharmaceuticum  zu  Amsterdam  das  Gesez  ge- 
geben, dass  kein  Geburtshelfer  seine  Kunst  ausüben  dürfe,  der  nicht 
erweise,  dass  er  im  Besiz  des  Geheimnisses  sei,  welches  das  Collegium 
selbst  für  2  bis  2*/2  Tausend  Gulden  verkaufte.  Als  endlich  1753  dasselbe 
veröffentlicht  wurde,  erwies  es  sich  als  nichts  Anderes  denn  ein  Hebel. 

Auch  in  England  kam  das  Geheimniss  von  Hand  zu  Hand,  ohne  dass 
schliesslich  irgend  eine  Sicherheit  war,  ob  die  theuer  erkauften  Instru- 
mente die  ursprünglich  Chamberlen'schen  waren.  Der  erste  Engländer, 
welcher  ein  wirklich  zangenartiges  Instrument  beschrieben  hat,  war 
Chapman,  1733,  der  dasselbe  in  seiner  zweiten  Auflage,  1735,  auch 
abbildete. 

Theils  vielleicht  geleitet  durch  dunkle  Gerüchte,  theils  iu  Folge 
eigenen  Nachdenkens  wurde  darauf  die  Zange  von  Palfyn,  Professor  in 
Gent,  erfunden,  die  Erfindung  der  Pariser  Academie  vorgelegt  (1723), 
aber  gleichfalls  nicht  weiter  veröffentlicht.  Heister  in  Helmstädt  hatte 
zwar  wahrscheinlich  das  Instrument  gesehen,  doch  ebenfalls  zunächst 
nichts  Näheres  davon  mitgetheilt.  Erst  durch  Levret  (1747)  wurde  die 
Palfyn'sche  Zange  oder  tire-tete  beschrieben.  Doch  hat  man  noch 
längere  Zeit  Zweifel  in  den  Werth  des  geheimnissvollen  Instruments  gesezt, 
bis  endlich  die  Stimme  der  aufgeklärteren  Geburtshelfer  der  Zeit,  welche 
sieb  für  dasselbe  entschieden,  durchdrang. 

Das  18.  Jahrhundert  war  reich  an  bedeutenden  Geburtshelfern.  Auch 
auf  diesem  Gebiete  ging  Frankreich  voran.  De  la  Motte,  die  beiden 
Gregoire,  Nicolas  Puzos,  sodann  besonders  Andreas  Levret  (1703  bis 
1780),  auch  Ant.  Petit,  Frangois  Ange  Deleyrie  (geb.  1737),  Solayres  de 
Renhac  und  Jean  Louis  Baudelocque  (1746 — 1810)  waren  die  hervor- 
ragendsten. —  In  England  zeichneten  sich  Manuingham,  vornemlich  aber 
William  Sraellie  (1680—1763),  aber  auch  William  Hunter  und  Thomas 
Denman  aus,  denen  sich  noch  eine  Reihe  Anderer  anschloss.  —  In 
Deutschland  wurde  -im  Anfang  des  Jahrhunderts  noch  fürchterlich  unter 
Gebärenden  und  Kindern  gewüthet.  Die  Neugeborenen  waren  regel- 
mässig verloren,  wo  ein  Geburtshelfer  seine  Hände  anlegte,  und  in 
Betreff  der  Entbundenen  rühmt  sich  ein  Accoucheur  Mittelhäuser  in 
Weissenfeis,  dass  ihm  unter  zehn  nur  zwei  starben.  Zahllose  Hebararnen- 
bücher  wurden  übrigens  geschrieben. 


Geburtshilfe.  233 

Erst  bei  Heister  gewinnt  die  Geburtshilfe ,  die  für  ihn  ein  Theil  der 
Chirurgie  ist,  ein  etwas  besseres  Aussehen.  Der  erste  sorgfältige  Geburts- 
helfer Deutschlands  war  Rüderer  aus  Strassburg,  Professor  in  Göttingen. 
Am  meisten  trug  in  Deutschland  zur  Verbreitung  der  Zange ,  zu  einer 
richtigen  Einsicht  in  den  Geburtsact  und  zur  Einführung  zwekmässigerer 
Operativverfahren  Georg  Wilhelm  Stein  (1737—1803)  bei. 

Durch  die  wetteifernde  Thätigkeit  so  zahlreicher  Kräfte  wurde  die 
Geburtshilfe  rasch  gehoben  und  namentlich  durch  Renhac  und  Baudelocque 
wurde  das  Studium  der  naturgemässen  Vorgänge  und  die  Ansicht,  dass 
diese  zu  leiten  seien ,  vorbereitet. 

Auch  fing  man  jezt  allenthalben  an,  eigene  Unterrichtsanstalten  für 
die  Geburtshilfe  zu  gründen:  vornemlich  zu  Paris  (1720),  zu  Strassburg 
(1728)  ,  zu  Göttingen  (auf  Haller' s  Veranlassung  1751)  ,  zu  Kopenhagen 
(1760),  in  Kassel  (1763),  zu  Wien  (unter  dem  Einfluss  van  Swieten's 
(1764),  in  London  (1765),  in  Dresden  (1774). 

So  hat  sich  nach  dem  bisher  Ausgeführten  im   18.  Jahrhundert  eine    Allgemeiner 
Masse  von  positiven  Thatsachen  angesammelt:    reiche  Kenntnisse  und          *,.eJ 

•t  o  ^  ärztlichen 

treffliches  Urtheil  findet  man  in  den  Schriften  der  damaligen  hervorrangende  Verhältnisse. 
Aerzte.  Aber  neben  diesen  Männern  von  höchstem  Verdienst  und  Ver- 
ständniss  ging  ein  grosser  Haufe  der  gedankenlosesten,  kenntnisslosesten 
und  abergläubigsten  Praktiker  einher.  Nie  war  die  Kluft  so  gross,  welche 
den  wissenschaftlichen  Arzt  von  der  rohen  Masse  der  ärztlichen  Hand- 
werker trennt.  Die  Wissenschaft  war  ein  Monopol  verhältnissmässig 
Weniger.  Die  Bildung  der  grossen  Menge  war  noch  auf  der  Stufe  der 
nachreformatorischen  Zeit. 

Indessen  mehrte  sich  doch  die  Zahl  derer ,  welche  aus  den  Abgründen 
des  Aberglaubens  zu  wissenschaftlichen  Bestrebungen  sich  erhoben,  im 
Laufe  des  Jahrhunderts  immer  beträchtlicher,  und  wenn  auch  viele  nur  die 
Formen  der  Wissenschaft  sich  aneigneten,  ohne  für  den  bereits  vorhan- 
denen Inhalt  den  rechten  Sinn  zu  haben,  so  war  diess  immerhin  schon  ein 
Fortschritt. 

Gleichzeitig  besserte  sich  die  sociale  Stellung  der  Aerzte  wesentlich 
und  rasch.  Am  bemerklichsten  war  diess  in  Deutschland,  wo  noch  am 
Schluss  des  17.  Jahrhunderts  die  Aerzte  eine  höchst  zweifelhafte  Stufe  in 
der  öffentlichen  Achtung  eingenommen  hatten.  Schon  gegen  die  Mitte 
des  18.  waren  .sie  dagegen  zu  hohem  Ansehen  daselbst  gelangt,  und  in  der 
zweiten  Hälfte  des  Jahrhunders  hatten  sie  eine  Stellung  in  der  Gesell- 
schaft sich  verschafft ,  wie  sie  nie  zuvor  dem  Stande  zu  Theil  geworden 
war,  und  wie  er  sie  grotsentheils  längst  wieder  eingebüsst  hat. 


234  Die  Medicin  im  Zeitalter  der  Aufklärung. 

Diese  ungewöhnlich  günstige  Situation  beruhte  mindestens  nicht  allein 
auf  den  reichen  Einnahmen;  denn  obwohl  bei  der  noch  beschränkten  Zahl 
der  Aerzte  der  pecuniäre  Gewinn  der  Kunst  ein  völlig  ausreichender  und 
anständiger  war,  so  blieben  doch  die  wirklich  glänzenden  Einkünfte  um 
so  mehr  auf  einzelne  Bevorzugte  beschränkt,  als  die  Einfachheit  der  Zeiten 
und  Sitten,  welche  wenigstens  in  den  bürgerlichen  Verhältnissen  herrschte, 
auch  in  dieser  Hinsicht  sich  geltend  machte. 

Die  vorteilhafte  Stellung  der  Aerzte  lag  vielmehr  darin,  dass  sie  eine 
Macht  geworden  waren,  die  sich  bis  ins  innerste  Leben  der  Familie  er- 
strekte,  und  der  man  sich  ebenso  unbedingt  fügte,  als  mit  Vertrauen  hin- 
gab. Im  18.  Jahrhundert  nemlich  bildete  sich  das  Verhältniss  der  Haus- 
ärzte aus  und  gestaltete  sich  in  kurzer  Zeit  zu  einem  ebenso  naturgemässen 
und  fest  begründeten,  als  für  beide  Theile  wohlthätigen  Institute. 

Dem  Bedürfnisse  eines  einsichtsvollen,  mit  allen  Beziehungen  ver- 
trauten, theilnehmenden  und  zuverlässigen  Familienberathers  hatte  früher 
allgemein  der  geistliche  Beichtvater  entsprochen.  Allein  just  in  der  Zeit, 
als  durch  die  steigende  Cultur  die  geistigen  Ansprüche  wuchsen,  hielt 
vielfach  zumal  in  der  protestantischen  Kirche  die  Befähigung  der  Geistlich- 
keit, diesen  Ansprüchen  zu  genügen,  nicht  gleichen  Schritt,  und  die  ein- 
gerissene religiöse  Indifferenz  trug  noch  mehr  dazu  bei,  die  vertraulichen 
Beziehungen  zum  geistlichen  Beichtvater  zu  lokern  und  abzustumpfen. 

Diese  der  Geistlichkeit  verloren  gehende  Stellung  fingen  an  die  Aerzte 
einzunehmen  und  sie  befestigten  sich  um  so  schneller  in  der  Intimität,  als 
sie ,  vertraut  mit  den  körperlichen  Schwächen  und  Geheimnissen  der  Fa- 
milienglieder und  eingeweiht  in  die  auch  den  Gebildetsten  der  Zeit  noch 
völlig  verschlossenen  Mysterien  der  Natur,  die  unbeneidete  und  unange- 
fochtene geistige  Ueberlegenheit  geltend  zu  machen  vermochten.  So  wurde 
der  Arzt  der  Rathgeber  in  allen  Sorgen  und  Kümmernissen ,  der  Freund 
der  Familie,  vor  dem  man  kein  körperliches  noch  moralisches  Geheinmiss 
verbarg,  und  dessen  Wort  in  allen  Nöthen  des  Leibes  und  der  Seele  maass- 
gebend  wurde.  Und  doch  artete  das  Verhältniss  nicht  in  eine  gegenseitige 
zu  grosse  Vertraulichkeit  aus.  Der  Arzt  mit  seinen  immer  noch  ange- 
staunten Kenntnissen  und  Fertigkeiten  behielt  eine  so  unnahbare  Superior- 
ität,  dass  seinen  Aussprüchen  in  allen  menschlichen  und  natürlichen  An- 
gelegenheiten die  unbedingteste  Autorität  und  meist  ein  blinder  Gehorsam 
zu  Theil  wurde.  Manche  Aerzte  wussten  durch  ein  absichtliches ,  der 
Charlatanerie  nicht  fremdes  Benehmen ,  bald  durch  eine  stolze  Würde, 
bald  durch  eine  zur  Schau  getragene  Verachtung  aller  Sitte,  oder  durch 
Sonderlingsmanieren,  bald  durch  Grobheit  und  Rüksichtslosigkeit,  bald, 
wie  der  berühmte  Beireis  in  Helmstedt,  durch  ein  Halbdunkel  von  Heim- 


Allgemeiner  Charakter  der  ärztlichen  Verhältnisse.  235 

lichkeiten  und  verborgenen  Künsten  den  Respect  bis  zu  einem  gewissen 
Grauen  zu  steigern.  Jedoch  haben  gerade  diese,  indem  sie  für  ihre  per- 
sönlichen und  augenbliklichen  Interessen  wirkten,  dazu  beigetragen ,  die 
Achtung  der  Verständigen  vor  dem  Stande  wieder  zu  untergraben  und  zu 
erschüttern. 

Auch  in  öffentlichen  Angelegenheiten  fing  die  Stimme  des  Arztes  an 
geachtet  zu  werden.  Die  Medicina  forensis  und  die  medicinische  Polizei 
nehmen  in  diesem  Jahrhundert  ihren  ernstlichen  Anfang.  Der  Arzt  galt 
hier  gleich  dem  Kenner  der  Natur  überhaupt.  Er  war  der  Physicus,  dem 
über  alle  natürlichen  Dinge  und  Fragen  das  lezte  und  entscheidende  Wort 
zukam. 

So  ist  in  Hinsicht  auf  die  Leistungen  wie  auf  die  Werthschäzung  des 
Standes  das  18.  Jahrhundert  das  goldene  Zeitalter  der  Medicin  gewesen. 


SIEBENTER  ABSCHNITT. 

Die  Vorbereitung  der  neuen  Zeit. 


john  Brown.  Die  Confusion ,  in  welcher  sich  gegen  das  Ende  des  18.  Jahrhunderts 

die  Theorien  verfangen  hatten ,  fand  einen  Abschluss  durch  den  Eng- 
länder John  Brown.  Mit  einem  Schlag  schien  derselbe  durch  die  Auf- 
findung einer  Formel  für  die  vitalen  Beziehungen  alle  Schwierigkeiten 
gelöst  zu  haben.  Die  ihm  vorausgegangenen  lebhaften  und  verwirrten 
Discussionen  verstummten  mit  seinem  Erscheinen  fast  plözlich  und  eine 
Zeitlang  theilten  sich  die  theoretischen  Aerzte  in  die  Partheinahme  für 
und  gegen  ihn.  Er  hat  aber  mit  seinem  obersten  Gesez  für  den  vitalen 
Mechanismus  nicht  nur  ein  Princip  geliefert,  das  eine  Zeitlang  die  Theorie 
beherrschte,  sondern  durch  die  extravaganten  Consequenzen,  die  er  daraus 
zog,  hat  er  neuen  Stoff  zu  gewagten  Conjecturen  und  zum  Theil  seltsame 
Verwirrungen  in  die  Medicin  geworfen. 

John  Brown,  geboren  1735  in  Schottland,  zeigte  von  frühester  Jugend 
hervorstechende  Talente.  Im  7.  Jahre  las  er  schon  alle  lateinischen 
Classiker.  Allein  seine  Eltern  bestimmten  ihn,  Weber  zu  werden,  und 
er  trat  bei  einem  solchen  im  10.  Lebensjahre  in  die  Lehre.  Nur  kurze 
Zeit  that  er  bei  ihm  gut.  Im  13.  Jahre  ward  er  Unterlehrer  und  blieb  es 
bis  zum  18.,  wo  er  Hofmeister  in  Edinburgh  ward  und  daneben  Theologie 
studirte.  Sein  Glaube  an  die  Lehre  der  Kirche  fing  bald  an ,  wankend 
zu  werden.  Eine  Dissertation,  die  er  einem  Candidaten  der  Medicin  über- 
sezte,  bestimmte  ihn,  sich  dieser  Wissenschaft  zuzuwenden.  Allein  seine 
Mittel  waren  gering.  Er  verschaffte  sich  solche  durch  Uebersezen  und 
Verfertigen  von  Dissertationen.  Er  soll  übrigens  in  dieser  Zeit  sehr  aus- 
schweifend gelebt  haben.  Im  30.  Jahre,  obgleich  in  den  dürftigsten  Um- 
ständen, heirathete  er  und  suchte  seine  Tage  durch  Kosttische,  die  er  den 
Studenten  gab,  zu  fristen.  Schon  nach  drei  Jahren  machte  er  Bankerott 
und  überliess  sich  aufs  Neue  dem  zügellosesten  Leben;  da  nahm  sich 
Cullen  seiner  an,  verschaffte  ihm  bei  Studenten  l^rivatissima,  in  denen  er 


Bro-wn.  237 

Cullen's  Vorlesungen  zu  repetiren  hatte.  Einige  Zeit  lang  war  er  Cullen's 
enthusiastischer  Lobredner.  Aber  das  Verhältniss  änderte  sich  später. 
Er  fand  grösseren  Beifall  als  sein  Meister;  eine  zwar  kleine  Anzahl  von 
Schülern,  aber  gerade  die  besten  Köpfe,  freilich  auch  die  liederlichsten 
hingen  ihm  an;  bald  fing  er  an,  Cullen  und  die  anderen  Lehrer  lächerlich 
zu  machen  und  zu  verhöhnen,  und  die  Folge  davon  war  die  bitterste  Feind- 
schaft zwischen  ihm  und  seinem  Wohlthäter.  1779  erschienen  seine 
Elementa  medicinae.  Von  jezt  an  war  der  Krieg  ein  offener.  Nicht  nur 
Brown  wurde  auf  jede  Weise  gedrükt  und  verfolgt,  und  vergalt  seinerseits 
seinem  Gegner  mit  dem  reichlichsten  Maasse  von  Schmähungen ,  sondern 
das  ganze  medicinische  junge  Edinburgh  war  in  zwei  Lager  getheilt,  und 
häufig  scheinen  die  wissenschaftlichen  Fehden  mit  den  Fäusten  ausgekämpft 
worden  zu  sein.  Wenigstens  hatte  die  Edinburgher  medicinische  Gesell- 
schaft um  diese  Zeit  in  ihren  Statuten  einen  Paragraphen,  nach  welchem 
jeder ,  der  wegen  einer  wissenschaftlichen  Discussion  einen  Andern  prügle 
excludirt  werden  solle.  —  Durch  seine  fortdauernde  Verschwendung  ge- 
langte Brown  ins  Schuldgefängniss ,  aus  welchem  er  nur  durch  das  Geld 
seiner  Schüler  befreit  wurde.  1786  verliess  er  endlich  Edinburgh  und 
begab  sich  nach  London ,  um  auf  einem  grösseren  Markte  von  seinem 
System  auch  Iucrativeren  Gewinn  zu  ziehen.  Er  trat  mit  grossen  Worten 
in  London  auf,  aber  der  Erfolg  war  gering.  Einzelne  Verehrer  hingen  ihm 
mit  Leidenschaft  an;  aber  in  dem  öffentlichen  Credit  wussteer  sich  nicht 
festzusezen.  Oft  sprach  er  mit  dem  Vertrauen  des  Genies  von  dem  künf- 
tigen Triumph  seines  Systems ;  aber  er  that  nichts ,  diesen  Triumph  zu 
beschleunigen.  Nachdem  er,  seiner  Gewohnheit  nach,  eine  starke  Dose 
Laudanum  genossen  hatte,  starb  er  im  Schlafe  apoplectisch  1788.  Seine 
Wittwe  und  seine  Kinder  mussten  durch  die  Mildthätigkeit  seiner  Schüler 
erhalten  werden. 

Es  ist  nicht  zu  verkennen ,  dass  in  dem  ganzen  Benehmen  und  Leben 
Brown 's  einige  Aehnlichkeit  mit  Paracelsus  hervortritt.  Manche  seiner 
Anhänger  wollten  das  Extravagante  und  Unziemliche  in  Brown's  Leben 
wegleugnen  und  ihm  den  Ruf  eines  geordneten,  ehrbaren  Mannes  erhalten. 
Aber  es  ist  vergeblich,  über  Notorisches  zu  schweigen  oder  es  zu  bemän- 
teln, und  man  kann  Brown's  Geist  und  seine  Lehre  immerhin  achten,  wenn 
man  auch  bekennt,  dass  sein  Leben  nicht  überall  innerhalb  der  von  der 
Polizei  und  der  guten  Sitte  gezogenen  Grenzen  sich  bewegt  hat. 

Von  grossem  Interesse  ist,  was  Brown  selbst  über  seinen  geistigen 
Entwiklungsgang  sagt. 

Er  beginnt  seine  Elementa  medicinae  mit  folgender  Vorrede : 

Der  Verfasser  vollbrachte  mehr  als  20  Jahre  mit  Erlernen ,  Lehren 


238  Die  Vorbereitung  der  neuen  Zeit. 

und  fleissigem  Untersuchen  aller  Theile  der  Medicin.  Die  ersten  5  Jahre 
hörte  er  Andere,  studirte  über  das  Gehörte,  glaubte  blind  und  bemächtigte 
sich  des  Besizes,  als  eines  sehr  reichen  und  kostbaren  Erbguts.  Die  fol- 
genden 5  Jahre  beschäftigte  er  sich  damit,  alles  Einzelne  klarer  zu  er- 
läutern ,  genauer  auszuarbeiten  und  streng  auszubessern.  Die  weiteren  5 
Jahre  hindurch  ging  nichts  zu  seiner  Befriedigung  von  statten :  er  wurde 
Zweifler  und  begann  die  Heilkunst  als  eine  völlig  ungewisse  und  unbegreif- 
liche Kunst  zu  beklagen.  Erst  zwischen  dem  15.  und  20.  Jahre  ging  ihm 
ein  matter  Lichtstrahl  gleich  dem  ersten  Grauen  des  Tages  auf. 

Ein  Gichtanfall ,  erzählt  er  weiter ,  habe  ihm  die  bessere  Einsicht  er- 
öffnet. Die  Meinung  der  damaligen  Äerzte  war,  diese  Krankheit  solle  von 
Blutüberfluss  und  übermässiger  Kräftigkeit  abhängen  und  durch  Enthalt- 
samkeit und  Pfianzennahrung  geheilt  werden.  Nun  seien  aber  bei  ihm  selbst 
zwei  Anfälle  dann  eingetreten ,  als  er  zufällig  lange  Zeit  diät  gelebt  habe, 
während  bei  seinem  früheren  üppigen  Leben  und  während  der  Zeit  der 
vollen  Manneskraft  nichts  davon  sich  gezeigt  hatte.  Dessenungeachtet 
habe  er  sich  an  den  üblichen  Curplan  gehalten ,  in  Folge  dessen  er  denn 
auch  ein  ganzes  Jahr  lang  mit  Hinken  und  peinigenden  Schmerzen  geplagt 
gewesen  sei.  Diese  Thatsachen  habe  er  sich  zusammengehalten,  habe 
daraus  geschlossen,  dass  der  Zustand  bei  der  Gicht  in  Schwäche  bestehe 
und  habe  sich  durch  stärkende  Mittel ,  Wein ,  Fleisch  und  Gewürze  ge- 
holfen. Sofort  habe  er  gefunden  ,  dass  auch  die  bösartigen  Anginen  und 
der  chronische  Rheumatismus  auf  Schwäche  beruhen.  Bald  habe  sich 
ihm  diese  Ansicht  der  Dinge  auch  auf  weitere  Krankheiten  ausgedehnt. 
Browns  Die  wesentlichen  Punkte  des  Brown'schen  Systems  sind  folgende: 

Im  Zustand  des  Lebens  unterscheidet  sich  das  Individuum  von  der 
leblosen  Materie  nur  allein  dadurch,  dass  es  durch  äussere  Thätigkeiten 
so  bestimmt  werden  kann,  dass  eigenthümliche  Phänomene,  die  dem  lebenden 
Zustande  eigenthümlich  sind,  hervorgebracht  werden  können  (§.10).  Jene 
äusseren  Thätigkeiten  können  fremde  Substanzen  und  Potenzen  sein ,  oder 
aber  auch  die  Verrichtungen  der  Systeme  selbst.  Leztere  können  das 
Gesammtsystem  ganz  auf  dieselbe  Weise  bestimmen,  wie  die  absolut 
äussern  Dinge.  Die  Eigenschaft,  durch  äussere  Thätigkeiten  zu  be- 
stimmten eigenen  Thätigkeiten  angeregt  werden  zu  können,  ist  das  für 
die  lebende  Substanz  Specifische.  Brown  nennt  sieErregbarkeit.  Nicht 
ganz  mit  eben  so  glüklich  gewähltem  Ausdruk  nennt  er  das  Anregende 
einen  Reiz  (denn  bei  diesem  Wort  wird  unwillkürlich  etwas  Actives,  Ein- 
wirkendes gedacht).  Die  Wirkung  des  Reizes  auf  die  Erregbarkeit  (Brown 
macht  hier  schon  einen  Fehler,  indem  er§.  16  „auf  die  Erregbarkeit"  statt 
auf  die  erregbare  Substanz  sezt),  nennt  er  Erregung. 


Doc  trin. 


Brown.  239 

Schon  im  §.  18  kommen  weitere  Verirruagen.  Ganz  richtig  sagt 
Brown:  „wir  erkennen  nicht,  was  Erregbarkeit  sei,"  aber  daneben  nennt 
er  sie  etwas  den  lebenden  Wesen  „Zugetheiltes"  und  lässt  sogar  die  Mög- 
lichkeit offen,  dass  sie  selbst  Substanz  sei.  Zu  gleicher  Zeit  jedoch  ver- 
wahrt er  sich  dagegen,  dass  er,  wenn  er  von  Ueberflüssigkeit,  Anhäufung, 
Abnahme,  Erschöpfung  und  Aufzehrung  der  Erregbarkeit  spreche,  diess 
materiell  gemeint  habe.  Nur  die  Armuth  der  Sprache  sei  Schuld,  dass 
man  sich  solcher  bildlichen  Ausdrüke  bedienen  müsse.  Aber  diese  Ver- 
wahrung hat  wenig  genüzt.  Er  selbst  und  noch  mehr  seine  schwächeren 
Nachfolger  haben  diese  Bilder  bald  in  allem  Ernste  genommen,  man  hat 
sogar  die  Quantität  der  Erregbarkeit  und  ihre  Verluste  berechnet  und  in 
Zahlen  ausgedrükt. 

Das  Leben,  sagt  Brown  weiter,  kann  nur  bestehen  beim  Vorhanden- 
sein von  Reizen  und  von  Erregbarkeit,  das  Leben  ist  also  eine  Kette  von 
Erregungen.  Schwäche  ist  nicht  ein  Zeichen  von  mangelnder  Erregung, 
sondern  nur  von  einem  geringen  Grade  derselben. 

Zu  heftige  Reize  bringen  Krankheiten  hervor,  wie  zu  schwache.  Der 
Zustand  der  massigen  Erregung  bezeichnet  das  Wohlsein ,  diess  hat  aber 
nach  zwei  Seiten  eine  Grenze,  auf  der  einen  beginnen  die  sthenischen 
Krankheiten  von  zu  grossem  Reize,  auf  der  anderen  die  von  Schwäche, 
die  asthenischen.  Gesundheit  und  Krankheit  sind  also  keine  verschieden- 
artigen Zustände ,  sondern  sie  bestehen  in  Erregungen ,  nur  von  verschie- 
denem Grade.  Zwischen  der  Gesundheit  und  ausgesprochener  Krankheit 
liegt  die  Anlage  zur  Krankheit.  Die  Wiederherstellung  der  Gesundheit 
beruht  bei  den  sthenischen  Krankheiten  auf  Verminderung  der  Erregung, 
bei  den  asthenischen  auf  Vermehrung  der  Erregung. 

Erregbarkeit,  fährt  er  §.  24  fort,  verhält  sich  so,  dass  je  schwächer 
und  geringer  die  Reize  auf  sie  einwirken ,  um  desto  mehr  erhöht  sie  sich, 
je  mächtiger  der  Reiz  ist,  um  so  eher  wird  die  Erregbarkeit  erschöpft. 
Ein  massiger  Reiz ,  der  eine  massige  Erregbarkeit  bestimmt ,  erzeugt  die 
höchste  Erregung.  Hoher  Grad  der  Erregbarkeit  lässt  nur  geringe  Reize 
zu,  von  heftigen  wird  sie  erschöpft;  daher  stellt  sie  eine  gewisse  Art  der 
Schwäche  dar,  jene  Art,  wie  sie  beim  Kinde  vorkommt.  Geringer  Grad 
der  Erregung  bedarf  dagegen  sehr  heftiger  Reize,  wenn  Erregung  resultiren 
soll,  und  stellt  daher  wiederum  Schwäche  dar:  die  Schwäche  des  hohen 
Alters. 

Es  gibt  zwei  Weisen,  wie  die  Erregung  aufhören  kann,  1)  durch  jeden 
relativ  zu  heftigen  Reiz  wird  die  Erregbarkeit  erschöpft,  so  dass  in  der 
Folge  keine  Erregungen  mehr  stattfinden  können,  und  diess  bald  vorüber- 
gehend, bald  unersezlich.    Der  Reiz  kann  entweder  durch  seine  Vehemenz 


240  Die  Vorbereitung  der  neuen  Zeit. 

oder  seine  Dauer  wirken ;  eines  ist  wie  das  andere ;  nur  entsteht  die  Er- 
schöpfung im  ersten  Fall  plözlich,  im  zweiten  allmälig.  Bei  wem  durch 
Einen  Reiz  die  Erregbarkeit  erschöpft  scheint ,  bei  dem  kann  doch  oft 
durch  eine  andere  flüchtigere  noch  Erregung  erfolgen  (Mahlzeit,  Wein, 
Opium).  Je  öfter  solche  Abnüzung  und  Wiedererregung  auf  einander  folgt, 
um  so  schwieriger  wird  zulezt  der  Wiederersaz  der  Erregbarkeit.  Die 
Schwäche ,  welche  durch  solches  Uebermaass  von  Reizen  eintritt ,  nennt 
Brown  indirecte  Schwäche  zum  Unterschied  von  jener,  welche  von 
Mangel  an  Reiz  herrührt. 

Die  zweite  Art,  wie  die  Erregung  aufhört,  ist  durch  Verminderung  der 
Reize.  Die  Erregung  nimmt  dabei  ab ,  die  Erregbarkeit  aber  zu  (diess 
findet  z.  B.  statt  bei  Hungerleiden,  Wassertrinken,  Faulheit,  Melancholie). 
Es  entsteht  Schwäche,  die  er  dir  e et e  nennt ,  weil  sie  vom  Mangel  an 
Reizen  herrührt.  Es  ist  daher  immer  nothwendig,  dass  durch  fortdauernde 
Einwirkung  von  Reizen  die  Erregbarkeit  verhindert  werde,  sich  anzuhäufen, 
und  hier  kann  oft  für  den  Mangel  eines  Reizes  ein  anderer  eintreten. 
Wenn  ein  grosses  Uebermaass  von  Erregbarkeit  vorhanden  ist,  so  droht 
der  Tod;  in  solchen  Fällen  kann  man  nur  dadurch  das  Wohlsein  wieder 
zurükführen ,  dass  man ,  mit  den  kleinsten  Reizen  beginnend ,  allmälig 
zu  grösseren  aufsteigt  (z.  B.  bei  Verhungerten).  In  Krankheiten,  welche 
von  diesen  Verhältnissen  abhängen  (z.  B.  bei  Fiebern)  muss  zur  Cur  eine 
grosse  Summe  von  Reizen  angewandt  werden,  jedoch  um  so  weniger  davon 
auf  einmal,  je  grösser  gerade  das  Uebermaass  der  Erregbarkeit  ist.  Nie 
aber  darf  in  solchen  Krankheiten  geschwächt  werden  (durch  Kälte ,  Blut- 
entziehungen ,  Hungern)  ,  denn  dadurch  steigert  sich  nur  das  Uebermaass 
der  Erregbarkeit. 

Das  Leben  ist  also  kein  natürlicher,  sondern  ein  erzwungener  Zustand; 
die  lebenden  Wesen  schreiten  jeden  Augenblik  ihrer  Auflösung  entgegen 
und  werden  davon  nur  durch  äussere  Thätigkeiten  zurükgehalten  mit 
Schwierigkeit.     §.  72. 

Der  Siz  der  Erregbarkeit  ist  das  Nervenmark  und  die  Muskelmaterie. 
Auf  jeden  Theil  des  Nervensystems  wirken  besondere  speeifische  Reize; 
kein  Reiz  wirkt  zunächst  auf  das  Ganze,  dennoch  bestimmt  jeder  Reiz 
sogleich  die  gesammte  Erregbarkeit.  Der  Theil ,  auf  welchen  aber  der 
Reiz  direct  wirkt,  ist  immer  der  am  stärksten  afficirte.  Da  aber  die  Er- 
regung immer  eine  gesammte  ist,  so  kann  sie  nie  in  einem  Theile  vermehrt 
und  im  anderen  vermindert  sein,  oder  umgekehrt.  Sie  kann  nur  in  dem 
speeifisch  ergriffenen  Theile  etwas  stärker  vermehrt  oder  etwas  bedeut- 
ender vermindert  sein,  als  in  den  übrigen.  Wofern  man  also  in  Einem 
Organ  Zeichen  vermehrter  Erregung  wahrnimmt ,  darf  man  sicher  sein, 


Brown.  241 

dass  solche  über  den  ganzen  Körper  stattfindet,  nnd  ebenso  bei  vermin- 
derter Erregung  (allgemeine  Krankheiten). 

Keine  allgemeine  Affection  hat  folglich  in  Einem  Theile  ihren  allein- 
igen Siz ;  jede  ist  über  den  ganzen  Körper  verbreitet,  indem  die  gesammte 
Erregbarkeit  bestimmt  ist  (§.t54).  Jede  örtliche  Affection  in  einer  all- 
gemeinen Krankheit  (Pneumonie  z.  B.)  ist  daher  nur  als  Theil  des  Uebels 
anzusehen  und  die  Behandlung  immer  auf  das  ganze  zu  richten. 

Die  örtlichen  Krankheiten  unterscheiden  sich  namentlich  dadurch, 
dass  ihnen  keine  Anlage  vorangeht.  Die  erste  und  wichtigste  Diagnose 
ist  daher  immer  die  Unterscheidung  der  allgemeinen  und  örtlichen 
Krankheiten. 

Die  allgemeine  Wirkung  sthenischer  Schädlichkeiten  beruht  darauf, 
dass  sie  die  Verrichtungen  anfangs  vermehren,  nachher  zum  Theil  sie 
beschränken,  jedoch  keineswegs  mittelst  eines  schwächenden  "Wirkens.  — 
Die  Wirkung  der  asthenischen  Schädlichkeiten  besteht  in  Verminderung 
der  Verrichtungen,  jedoch  so,  dass  es  manchmal  den  trügerischen  Anschein 
hat,  als  seien  sie  vermehrt.  Die  Curanzeige  bei  sthenischer  Beschaffen- 
heit ist,  die  Erregung  zu  vermindern,  bei  asthenischer  sie  zu  vermehren, 
und  zwar  beides  bis  zu  dem  Grade,  in  welchem  die  Erregung  wieder  zur 
Mittelstufe  zwischen  den  beiden  Extremen,  auf  welchen  Wohlsein  statt- 
findet, zurükgebracht  ist.  Diess  ist  die  einzige  Indication  bei  all- 
gemeinen Krankheiten.  (§.88.)  Auf  die  krankheiterzeugende  Ma- 
terie hat  man  nur  insofern  beim  Curplan  Rüksicht  zu  nehmen,  dass  man 
ihr  Zeit  lasse,  aus  dem  Körper  zu  wandern.  Bei  der  Behandlung  der  in- 
directen  Schwäche  (von  Erschöpfung  der  Erregbarkeit,  Alter,  Schwelgen) 
muss  von  dem  Reize,  welcher  als  das  vorzüglichste  Heilmittel  dienen  soll, 
anfangs  beinahe  dieselbe  Quantität  angewendet  werden ,  durch  welche  die 
Krankheit  hervorgerufen  wurde,  dann  allmälig  weniger  und  weniger  bis 
zur  Entfernung  der  Krankheit  (103).  Die  Cur  der  directen  Schwäche 
dagegen  ist  mit  dem  geringsten  Reize  anzufangen ,  dann  allmälig  damit 
zu  steigen ,  bis  nach  allmäliger  Verminderung  der  zu  hohen  Erregbarkeit 
endlich  das  Wohlsein  wiederkehrt  (107).  Ist  die  Krankheit  aus  dem 
Mangel  Eines  Reizes  entstanden,  so  wird  auch  nur  die  Anwendung  eines 
und  desselben  Reizes  sie  heben;  mangeln  mehrere,  so  muss  auch  die  The- 
rapie sich  complicirter  Reize  bedienen. 

Brown's  Hauptverdienst  ist  die  Auffindung  einer  Formel  für  die  vitalen  xnzen  und  Nach- 
Vorgänge.     Er  fand  das  oberste  Gesez  der  Erscheinungen.    Sein  System  theü  det  Brown'- 

°  *  sehen  Doctrin. 

ist  überdiess  ziemlich  rein  phänomenologisch.  Wir  finden  keine  teleolog- 
ischen und  weniger  ontologische  Begriffe  darin ,  wie  in  den  anderen.  Da- 
gegen bewegt  es  sich  in  einem  ungemein  engen  Räume ,  nemlich  in  den 

Wunderlich,  Geschichte  d.  Medicin.  16 


242  Die  Vorbereitung  der  neuen  Zeit. 

quantitativen  Verhältnissen  der  Erregbarkeit  und  der  Reize.  In  Folge 
davon  betrachtet  er  eine  Menge  verschiedener  Krankheiten  als  fast  ident- 
isch: als  sthenisch  oder  als  asthenisch.  Andererseits  spinnt  er  die 
Verhältnisse  der  Erregbarkeit  und  Erregung  auf  eine  subtile  und  alle  Er- 
fahrung verhöhnende  Weise  aus.  Die  Therapie,  welche  dieses  System  ein- 
führte, war  die  überwiegend  reizende,  und  manche  behaupten,  dieses  System 
habe  dadurch  mehr  Menschen  getödtet ,  als  die  Kriege  der  französischen 
Revolution  und  des  Kaiserreichs. 

Aber  auch  troz  dieser  Missgriffe  ist  doch  nicht  zu  verkennen,  dass  mit 
Brown  ein  entschiedener  Wendepunkt  eingetreten  war.  Die  bis  dahin 
vergeblichen  Abmühungen,  das  Räthsel  des  vitalen  Mechanismus  zu  lösen, 
welche  die  ganze  Speculation  des  18.  Jahrhunderts  geleitet  und  charakter- 
isirt  haben,  waren  endlich  mit  Brown  zu  einem  Resultate  gelangt,  und 
die  Lösung  befriedigte  um  so  vollständiger,  als  sie  an  die  bisherigen  Vor- 
stellungen sich  durchaus  anlehnte,  diese  nur  klärte,  und  auf  Säze  von  der 
bündigsten  Kürze  zurükführte. 

Die  Formel  Brown's,  welche  im  Wesentlichen  dahin  lautet,  dass  zum 
Zustandekommen  einer  vitalen  Thätigkeit  zwei  Bedingungen  nothwendig 
sind:  eine  äussere  Einwirkung  (Reiz,  Potenz)  und  eine  Empfänglichkeit 
der  organischen  Substanz  (Erregbarkeit),  und  dass  das  Resultat  des  Con- 
flicts  beider  eben  die  Action  (die  Erregung)  ist,  diese  so  höchst  einfache 
Formel  erhält  nur  dadurch  ihre  Bedeutung ,  dass  man  die  vorausgegang- 
enen peinlichen  Abmühungen  sich  ins  Gedächtniss  zurükruft.  Sie  ent- 
schied zugleich  in  strengster  Form  über  die  Naturnotwendigkeit  der  Vor- 
gänge im  Organismus. 

Aber  freilich  erlangt  ein  formulirtes  Gesez  nur  dadurch  seinen  vollen 
Gehalt,  dass  es  an  den  Thatsachen  seinen  Werth  und  seine  Richtigkeit 
erprobt.  Die  nakte  Formel  bleibt  steril,  so  lange  sie  nicht  die  Erforschung 
des  Details  der  Erscheinungen  wekt  und  diese  aufklärt ;  sie  führt  zu  nuz- 
losen  Speculationen ,  wenn  man  fortfährt ,  in  Allgemeinheiten  sich  zu  be- 
wegen. Lezteres  hat  Brown  selbst  und  ein  grosser  Theil  seiner  Nach- 
folger zumal  in  Deutschland  gethan.  So  kam  es,  dass  durch  die  Brown'- 
sche  Lehre  ein  Zeitalter  der  hohlsten  Theoretik  eingeleitet  wurde,  und  sie 
hätte  zu  einem  abermaligen  Verfall  des  Wissens  führen  können,  wenn 
nicht  glüklicherweise  von  anderer  Seite  her  ein  kräftiger  Impuls  für  die 
Detailforschung  Erfolge  zuwegegebracht  hätte,  von  denen  schliesslich  die 
theoretisirende  Richtung  völlig  überwunden  wurde.  So  bereitete  sich  eine 
Umgestaltung  der  Anschauungen  vor ,  welche  schliesslich  zu  einer  Ueber- 
einstimmung  aller  denkenden  Aerzte  in  Betreff  der  Aufgabe  und  Methode 


Die  englische  Medicin. 


243 


der  Wissenschaft  führte  und  diese  daneben  mit  einem  wohl   begründeten 
factischen  Inhalte  von  ungemeinem  Umfange  bereicherte. 


mittelbar 
nach  Brown. 


In  England  herrschte  in  dieser  Zeit  die  nüchterne  Arbeit  fast  unbe-  Die  englische 
schränkt.     Brown's  System  blieb   daher  fast  ohne  Einfluss.     Nur  wenige      e  lcin  wa 

J  ■  °rendundun- 

Anhänger  machten  sich  bemerklich.  Der  unbedingteste  Partisane  war 
Robert  Jones  (an  inquiry  into  the  State  of  medicine  on  the  principles  of 
inductive  philosophy  1782).  Ausserdem  machten  sich  bemerklich  Stewart, 
Lynch  und  in  sehr  bedingter  Weise  Beddocs.  Die  meisten  Engländer 
behielten  als  Grundlage  Cullen's  und  Gregory's  Ideen  und  nahmen  vom 
Auslande  ohne  viel  Critik  auf,  was  ihnen  praktisch  werthvoll  schien. 

Doch  machte  Darwin  einen  Versuch,  die  Physiologie  im  Zusammen- 
hang darzustellen  (Zoonomia  1794  —  97),  die  Thatsachen  des  thierischen 
Lebens  zu  ordnen  und  daraus  die  Krankheitstheorie  zu  entwikeln.  Er 
hält  die  Eintheilung  der  Natur  in  Geist  und  Materie  fest.  In  manchen 
Punkten  stimmt  er  mit  Brown  überein,  in  andern  mitBarthez.  Er  bringt 
ein  ungemein  reiches  Material  zusammen  und  sucht  es  mit  philosophischem 
Sinne  zu  bewältigen.  Aber  seine  Deutungen  und  Anschauungen  haben 
etwas  Gekünsteltes  und  sein  Einfluss  war  gering. 

Um  so  grösser  war  der  John  Hunter' s  auf  die  ganze  praktische 
Richtung.  Pathologische  Anatomen  von  bedeutendem  Verdienste  gingen 
aus  seiner  Schule  hervor,  namentlich  Everard  Home,  dessen  wichtigste 
Schrift  über  den  Eiter  handelte,  und  Baillie,  der  die  Präparate  des  Hun- 
ter'schen  Museums  beschrieb.  Ihnen  schloss  sich  eine  Reihe  von  Chir- 
urgen an,  unter  denen  Aber nethy  Physiologie  und  Chirurgie  verband; 
sein  Hauptwerk  handelt  von  den  Aftergebilden.  Crawford  schrieb  über 
den  Krebs.  Cline  und  Georg  Bell  waren  gleichfalls  tüchtige  und  ge- 
schäzte  Chirurgen.  Ueber  alle  andern  ragte  aber  Astley  Cooper  hervor. 
Unter  den  englischen  Aerzten  aus  dieser  Zeit  sind  vornemlich  hervorzu- 
heben: Fordyce,  Fowler,  Ferrior;  die  Begründer  der  genauen  Kennt- 
niss  der  Hautkrankheiten :  Willan  und  Bateman;  der  Monograph  des 
Diabetes  Rollo,  und  Jenner,  welcher  sich  durch  Einführung  der  Vaccin- 
ation  1796  das  grösste  Verdienst  um  die  Menschheit  erwarb. 


John  Hnnter 
und  andere 
Engländer. 


In  Frankreich  war  für  eine  rasche  Ausbildung  der  positiven  Wissen- 
schaft die  Lage  günstig.  Ein  solides  Fundament  war  durch  die  Chirurgie 
des  18.  Jahrhunderts  gelegt.  Die  innere  Medicin  war  so  in  den  Hinter- 
grund getreten,  dass  sie  der  von  der  Chirurgie  angezeigten  Richtung  sich 
ohne  Widerspruch  unterwarf.  Zu  theoretischen  Ausschweifungen  war 
wenig  Neigung  vorhanden:  die  Ideale  waren  in  den  Stürmen  der  Revolution 

16* 


Frankreich. 


244  Die  Vorbereitung  der  neuen  Zeit. 

untergegangen  und  der  neue  Machthaber  begünstigte  ebensosehr  den 
reellen  Fortschritt ,  als  er  den  Ideologen  feindlich  war.  So  wurde  die 
französische  Medicin  von  rein  theoretischen  Fragen  kaum  berührt  und 
auch  von  der  Brown'schen  Lehre  wurde  nur  das  unmittelbar  praktisch 
Verwendbare  aufgenommen. 

In  der  That  ist  die  ganze  Richtung  der  neueren  französischen  Medicin 
der  chirurgischen  Schule  entsprungen.  Am  meisten  hat  ohne  allen  Zweifel 
Desault  gewirkt  als  Muster  von  exacter  Beobachtung  und  von  Zurük- 
führung  der  Chirurgie  auf  ihre  anatomische  Grundlage. 

Drei  Männer  waren  es  vor  Allem ,  welche  denselben  Geist  der  gründ- 
lichen Untersuchung  in  die  innere  Medicin  zu  verpflanzen  sich  bestrebten: 
Bichat,  Pinel  und  Corvisart. 

Bichat.  Bichat,  der  jüngste  von  ihnen,  aber  der  einflussreichste  Genius  der 

neueren  französischen  Medicin  und  die  Quelle  der  ganzen  neuen  Richtung 
der  medicinischen  Wissenschaft,  war  Desault's  Schüler,  genauer  Freund 
und  Mitarbeiter. 

Marie  Franz  Xaver  Bichat,  geboren  1771 ,  trat ,  nachdem  er  in  Lyon 
studirt  hatte,  1793  in  die  Desault'sche  Schule  in  Paris  ein.  Ein  Zufall 
machte  ihn  dem  Lehrer  näher  bekannt ,  der  ihn  sofort  in  sein  Haus  auf- 
nahm, als  Privatsecretär  und  Gehilfe  an  seinen  literarischen  Arbeiten  be- 
nüzte  und  ihn  wie  einen  Sohn  behandelte.  Von  nun  an  war  er  in  der 
ausgebreitetsten  und  unermüdlichsten  Beschäftigung.  Er  war  der  Assi- 
stent bei  Desault's  Operationen,  sein  Gehilfe  und  Stellvertreter  in  dessen 
über  ganz  Frankreich  sich  ausdehnender  Praxis;  er  half  Desault  seine 
Vorlesungen  ausarbeiten  und  sein  Journal  schreiben.  Daneben  studirte 
er  aufs  eifrigste  die  Anatomie  am  Cadaver.  Als  Desault  1795  starb, 
beendigte  der  erst  24jährige  Bichat  dessen  Journal  der  Chirurgie  und  gab 
Desault's  Werke  heraus. 

Bald  darauf  aber  verliess  er  die  chirurgische  Carriere  und  widmete 
sich  von  1797  dem  öffentlichen  Unterricht  in  der  Anatomie.  Diese  Vor- 
lesungen machten  Epoche  in  Paris.  Anstatt  der  trokenen  anatomischen 
Beschreibungen  ,  mit  denen  man  sonst  in  dem  Amphitheater  gelangweilt 
wurde,  belebte  Bichat  die  Anatomie  durch  die  Physiologie  und  verband 
mit  seinen  Demonstrationen  Experimente  an  Thieren.  Später  verflocht 
er  damit  auch  Excurse  über  die  Krankheiten  einzelner  Organe  und  las 
selbst  über  pathologische  Anatomie. 

Um  diese  Zeit  gründete  er  die  Societe  medicale  d'emulation,  deren 
periodische    Blätter    mehrere    seiner  Aufsäze    enthielten    und   die    bald 


Bichat. 


245 


alle  Männer  des  Fortschritts  und  der  lebendigen  Wissenschaft  in  sich 
vereinigte. 

1800  Hess  er  sein  „Traite  des  membranes"  erscheinen,  in  welchem 
bereits  die  wichtigste  Idee  der  Gewebsanatoraie  enthalten  ist.  Bald  dar- 
auf erschienen  seine  „Physiologischen  Untersuchungen  über  Leben  und 
Tod,"  und  sein  Hauptwerk,  „Die  allgemeine  Anatomie,"  sowie  die  zwei 
ersten  Bände  seiner  „descriptiven  Anatomie". 

Aber  Bichat's  Geist  strebte  immer  weiter.  Nachdem  er  durch  seine 
allgemeine  Anatomie  Licht  über  die  Verhältnisse  der  gesunden  und 
kranken  Phänomene  verbreitet  hatte ,  fühlte  er  wohl,  dass  der  schwächste 
Theil  der  ganzen  Medicin  die  Materia  medica  sei.  Dieser  wollte  er  sich 
zunächst  zuwenden,  wozu  ihm  seine  1801  erhaltene  Anstellung  als  ordin- 
irender  Arzt  im  Hötel-Dieu  die  beste  Gelegenheit  gab.  Aber  längst  hatte 
seine  Gesundheit  angefangen  zu  wanken.  Mehrmalige  Anfälle  von  Blut~ 
husten  hatte  er  nicht  beachtet.  Da  begann  im  Sommer  1802  sein  Brust- 
übel mit  grosser  Vehemenz,  und  er  unterlag  ihm  nach  14  Tagen  am  22. 
Juli  1802  im  31.  Lebensjahre. 

Bichat  gilt  unbestritten  in  der  ganzen  französischen  Medicin  als  ihr 
grösster  Geist,  und  seine  Ideen  und  Studien  haben,  wenn  sie  auch  heut- 
zutage nicht  mehr  dem  Worte  nach  gültig  sind,  auf  die  ganze  neuere 
Richtung  der  Medicin  den  glüklichsten  bestimmenden  Einfluss  geübt. 

Bichat  hat  nach  zwei  Seiten  hin  reformirend  gewirkt.  Erstens  indem 
er  die  Untersuchung  auf  das  Detail  leitete ,  die  Organe  nicht  als  untheil- 
bares  Ganzes  betrachtete,  sondern  in  ihre  einzelnen  Theile  die  verschie- 
denen Gewebe  analysirte.  „In  jedem  Organe,"  sagt  er,  „das  aus  mehrern 
Geweben  zusammengesezt  ist,  kann  das  eine  krank  sein,  während  die 
übrigen  gesund  bleiben;"  und  an  einer  andern  Stelle:  „Ein  krankes  Ge- 
webe kann  wohl  auf  die  benachbarten  influenciren,  aber  die  Krankheit  geht 
immer  nur  von  einem  Gewebe  aus."  Dadurch  war  ein  ungeheurer  Schritt 
zur  exactern  Beobachtung  gegeben,  um  so  mehr,  da  er  die  Bestimmung 
des  Sizes  der  Krankheit  als  die  erste  Aufgabe  stellte.  „Was  ist  Beob- 
achtung," ruft  er  aus,  „wenn  man  nicht  weiss,  wo  das  Uebel  sizt?"  So 
zerfiel  jezt  z.  B.  die  frühere  Peripneumonie  in  Bronchitis ,  Pneumonie  und 
Pleuritis,  die  Darmentzündung  in  Katarrh,  Follicularentzündung,  Ent- 
zündung der  Serosa  u.  s.  w.  Dadurch  erst  wrurde  die  Medicin  auf  die 
anatomische  Basis  geführt. 

Weiter  aber  führte  Bichat  eine  neue  und  sehr  naturgemässe  Weise 
des  Generalisirens  der  Erscheinungen  ein,  indem  er  zeigte,  dass  Gewebe 
von  gleichem  oder  ähnlichem  Bau  auch  in  gleicher  oder  ähnlicher  Weise 
erkranken,  dass  es  also  für  die  anatomische  Form  der  Erkrankung  weniger 


Wesentliche 
Punkte  der 
Bichat'schen 

Anschauungen, 


246  Die  Vorbereitung  der  neuen  Zeit. 

entscheidend  sei,  ob  das  Organ  im  Bauch  oder  im  Kopf  oder  in  der  Brust 
liege ,  als  vielmehr ,  ob  es  eine  seröse  Haut ,  eine  mucöse  oder  fibröse 
Membran  und  dergleichen  sei ,  in  welcher  die  Störung  ihren  Siz  habe. 
Bichat  ist  der  Erste,  der  die  Gewebseigenthümlichkeiten  auch  in  Krank- 
heiten nachgewiesen  hat;  er  ist  es,  der  nicht  nur  die  sogenannte  allge- 
meine Anatomie  geschaffen,  sondern  sie  auch  zuerst  auf  die  allgemeine 
Pathologie  angewandt  hat. 

Auf  allen  Punkten  ging  Bichat's  ganzes  Bestreben  dahin ,  die  Medicin 
durch  Anatomie  und  Physiologie  zu  begründen. 

So  findet  sich  bei  ihm  zuerst  die  Idee  durchgeführt,  dass  die  Phäno- 
menologie des  Organismus  in  ähnlicher  Weise  auf  Principien  und  Geseze 
zurükgeführt  werden  müsse,  wie  die  Phänomenologie  der  todten  Körper, 
die  Physik.  „Die  physikalischen  Wissenschaften,"  sagt  er,  „wie  die  phy- 
siologischen sind  aus  zwei  Bestandtheilen  zusammengesezt,  aus  derKennt- 
niss  der  Erscheinungen  und  aus  der  Untersuchung  der  Verhältnisse  der- 
selben unter  einander  und  den  physischen  und  vitalen  Eigenschaften, 
welche  jene  bedingen." 

Durchdrungen  von  dieser  phänomenologischen  Anschauungsweise  sagt 
er  in  der  „Allgemeinen  Anatomie"  (Vorrede):  „Wenn  mein  Buch  ein  ähn- 
liches Axiom  für  die  physiologischen  Wissenschaften  festsezt,  wie  es  in  den 
physikalischen  schon  anerkannt  ist,  so  wird  es  seinen  Zwek  erfüllt  haben." 

„Das  Geheimniss  der  Schöpfung,"  sagt  Bichat  sehr  schön,  „ist  Ein- 
fachheit der  Ursachen  und  Mannigfaltigkeit  der  Effecte." 

Getreu  der  phänomenologischen  Anschauungsweise  sezt  er  nicht  Kräfte 
und  Geister,  wie  die  früheren  Doctrinen,  sondern  vitale  Eigenschaften, 
welche  den  organischen  Theilen  inhäriren.  „Jedes  pathologische  Phän- 
omen," bemerkt  er,  „hängt  ab  von  der  Vermehrung  oder  Verminderung, 
oder  Abweichung  (Alteration)  der  vitalen  Eigenschaften." 

Er  war  es,  der  die  pathologische  Anatomie  zur  Führerin  in  der  Path- 
ologie erhob.  „Entfernt  einige  Fieber  und  nervöse  Affectionen,  und  alles 
Uebrige  in  der  Medicin  gehört  in  das  Bereich  der  pathologischen  Anatomie." 

Von  dem  Verhältniss  der  Flüssigkeiten  des  Körpers  in  Krankheiten 
hatte  er  die  ganz  richtige  Ansicht:  „Die  krankhaften  Phänomene  kommen 
von  den  Festtheilen;  aber  man  glaube  nicht,  dass  die  Flüssigkeiten  für 
nichts  in  den  Krankheiten  seien.  Sehr  oft  tragen  sie  den  Keim  zur  Krank- 
heit und  sind  das  Vehikel  der  krankmachenden  Potenz." 

Während  Bichat  so  den  Hauptimpuls  zu  einer  wissenschaftlichem,  ex- 
actern  und  positiven  Gestaltung  der  Medicin  gab ,  gingen  von  ihm  auch 
viele  andere  historisch  wichtige  Ansichten  aus,  die  weniger  zu  rechtfertigen 
sind,  die  zum  Theil  wirkliche  Irrthümer  enthalten,  zum  Theil  auch  nur 


Bichat.     Pinel.  247 

grosse  Worte  und  Phrasen  sind,  zu  welchen  ihn  seine  reiche  Phantasie 
hinriss.  Daher  kommt  es ,  dass  Bichat's  Werk  zwei  ganz  verschiedene 
Parteien  von  Lesern  entzükte ,  ebensowohl  die  Männer  der  soliden  Wis- 
senschaft, als  auch  diejenigen ,  denen  glänzende  Einfälle  über  Thatsachen 
gehen.  Was  Leztere  an  Bichat  bewundern ,  das  wird  von  den  Erstem 
demselben  eher  verziehen,  als  gedankt;  was  Erstere  schäzen,  davon  haben 
die  Leztern  kaum  eine  Idee. 

Es  war  besonders  ein  zu  vitalistischer  Ideenkreis ,  in  welchem  Bichat 
befangen  war.  Nachdem  er  kaum  die  vitalen  Eigenschaften  acht  phäno- 
menologisch betrachtet  hatte ,  sieht  er  sie  auf  einmal  als  etwas  Aeusser- 
liches,  Trennbares,  Hinzugekommenes  an.  „Das  Chaos,"  sagt  er,  „war 
nur  die  Materie  ohne  die  Eigenschaften.  Um  das  Universum  zu  schaffen, 
verlieh  Gott  ihm  Schwerkraft,  Elasticität,  Affinität,  und  theilte  überdem 
einer  Portion  der  Materie  noch  Sensibilität  und  Contractilität  aus."  Bichat 
hat  hier  offenbar  die  Ideen  der  Montpellienser  Schule  aufgenommen. 

So  theilte  Bichat,  wie  viele  andere  Vitalisten ,  das  Leben  in  zwei  Ab- 
theilungen: das  animalische  und  organische,  und  die  Eigenschaften  lebender 
Körper  in  vitale  und  in  Gewebseigenschaften.  Die  leztern  sind  Exten- 
sibilität  und  Gewebscontractilität.  Die  vitalen  Eigenschaften  dagegen  sind 
nach  ihm  Sensibilität  und  vitale  Contractilität,  jede  von  diesen  in  der 
animalen  und  organischen  Sphäre.  Die  vitale  organische  Contractilität 
theilt  er  in  sensible  und  insensible ,  welche  jedoch  nur  dem  Grade  nach 
verschieden  seien.  Er  führt  nun  allerdings  eine  höchst  interessante  und 
geistreiche  Parallele  zwischen  dem  animalen  und  organischen  Leben  durch; 
aber  diess  alles  will  sich  freilich  nicht  mit  Bichat's  Grundsaz  vereinen : 
„Die  Hypothese  ist  immer  die  Grenze,  wo  ich  Halt  mache." 

Ein  grosser  Mangel  ist  es  endlich,  dass  Bichat  die  physikalischen  Er- 
scheinungen im  thierischen  Mechanismus  fast  ganz  übersah. 

Ein  genaues  Studium  der  Bichat'schen  Werke  ist  auch  heutzutage 
noch  in  hohem  Grade  förderlich.  Sie  bieten  in  vielen  einzelnen  Stüken 
eine  umsichtige  physiologische  Untersuchung  sowohl  der  gesunden  als  der 
krankhaften  Verhältnisse. 

Philipp  Pinel,  geboren  1745,  studirte  in  Toulouse  und  Montpellier.  Pinei. 
1792  wurde  er  Arzt  von  Bicetre.  Hier  war  es,  wo  er  Befreiung  von  den 
Fesseln  und  menschlichere  Behandlung  für  die  Geisteskranken  von  der 
republikanischen  Regierung  forderte  und  erlangte  und  damit  in  der  Psy- 
chiatrie nicht  etwa  bloss  Epoche  machte,  sondern  sie  ermöglichte  und 
schuf.  Später  wurde  er  Professor  in  der  Pariser  Fakultät;  1822  wurde 
er  entlassen  und  starb  1826. 


248  Die  Vorbereitung  der  neuen  Zeit. 

Sein  Hauptwerk  ist  die  Nosographie  philosophique,  oder :  La  methode 
de  l'analyse  appliquee  a  la  raedecine  (1798).  In  diesem  Werke  steht 
Pinel  mit  dem  einen  Fusse  in  dem  vorigen  Jahrhundert,  mit  dem  andern 
dagegen  in  der  neuen  Zeit. 

Pinel's  wichtigster  und  einflussreichster  Grundsaz  ist  der  der  klin- 
ischen Analyse.  „Kann  man,"  ruft  er  aus,  „einen  klaren,  bestimmten 
Begriff  von  zusammengesezten  Gegenständen,  wie  es  die  Krankheiten  sind, 
erlangen,  wenn  man  ihre  Bestandtheile  nicht  getrennt  betrachtet?"  An 
allen  Stellen  dringt  Pinel  auf  die  klinische  Analyse,  auf  die  Zerfällung  des 
Krankheitsbildes  in  seine  Elemente. 

Indessen  gelingt  die  Aufgabe  Pinel  selbst  nur  sehr  unvollkommen. 

Er  localisirt  zwar  und  hat  überall  das  Bestreben  dazu,  aber  er  localisirt 
noch  nicht  speciell  genug,  er  localisirt  in  ganze  histologische  Systeme 
und  sucht  seine  Localisation  mehr  durch  die  Symptomenanalyse ,  als 
durch  die  anatomische  Forschung  zu  beweisen. 

In  der  Abtheilung  der  Fieber  verfällt  er  wieder  ganz  in  den  Fehler  der 
altern  Medicin ,  Musterspecies  aufzustellen ,  und  anstatt  die  Phänomene 
hier  in  ihre  Elemente  zu  zerlegen ,  will  er  sie  nur  bis  auf  seine  Muster- 
species analysirt  wissen.  Er  nimmt  hier  noch  ganz  zusammengesezte 
Verhältnisse  bereits  für  einfache.  So  stellt  er  die  Fieberclassen  auf:  ent- 
zündliche Fieber,  Magendarmhautfieber,  Schleimhautfieber,  Fieber  mit 
Atonie  der  Muskelfaser,  atactische  Fieber  und  Drüsennervenfieber. 

Ist  schon  hierin  den  Geweben  ein  grosser  Einfluss  an  der  Eintheilung 
eingeräumt,  so  tritt  diess  noch  mehr  bei  den  Entzündungen  hervor,  welche 
er  in  Entzündungen  der  Schleimhäute,  der  durchsichtigen  (serösen)  Häute, 
des  Zellgewebes  und  Parenchyms,  der  Muskel  und  der  Haut  eintheilt.  Hier 
ist  ganz  die  Bichat'sche  Idee,  die  Krankheiten  zu  betrachten  und  histolog- 
isch zu  generalisiren ,  und  es  ist  nicht  zu  ermitteln,  wer  von  Beiden  dem 
Andern  mehr  verdankt;  denn  Pinel's  Werk  erschien  ungefähr  gleichzeitig 
mit  Bichat's  erstem  Aufsaz  über  die  Membranen  in  den  Memoiren  der 
Societe  d'emulation.  Jedenfalls  hat  Bichat  die  Idee  ungleich  bewusster 
durchgeführt. 

Uebrigens  verfährt  Pinel  überall  noch  ganz  systematisch ,  beschreibt 
einfach  die  vorkommenden  und  beobachteten  Erscheinungen,  ohne  sieb 
darum  zu  kümmern,  sie  auf  ihre  Gründe  zurükzuführen. 

comsart.  Jean  Nicolas  Corvisart  de  Märest,  geboren  1755,  zeichnete  sich 

früh  durch  anatomische  Studien  aus.  Anfangs  wurde  ihm  die  Uebernahme 
eines  Hospitals  versagt,  weil  er  keine  Perüke  tragen  wollte.  Mit  der 
Revolutionszeit  fiel  dieses  Hinderniss  weg ,  und  Corvisart  stieg  rasch  zu 


Französische  Aerzte  im  AnfaDg  des  19.  Jahrhunderts.  249 

allen  medicinischen  Ehren  und  Würden.  Seine  Hospitalvisite  war  unter 
allen  die  besuchteste,  und  1795  wurde  er  Professor  der  klinischen  Medicin, 
die  eben  erst  in  Frankreich  errichtet  worden  war.  Am  ersten  Tage  des 
Consulats  wurde  er  nebst  Barthez  Arzt  des  Gouvernements  und  später 
erster  Leibarzt  des  Kaisers  und  Baron  des  Kaiserreichs.  Nach  Napoleon's 
Sturz  zog  er  sich  freiwillig  zurük  und  wollte  mit  der  neuen  Regierung  troz 
aller  glänzenden  Anträge  nichts  zu  thun  haben.  Er  starb  nach  mehreren 
apoplectischen  Anfällen  1821. 

Ohne  gerade  neue  Ideen  eingeführt  zu  haben,  ist  Corvisart  von  Be- 
deutung, indem  er  durch  seine  steten  Bemühungen  für  eine  genau  detaillirte 
und  objective  Diagnose  viel  zu  der  gegenwärtigen  Richtung  in  der  Medicin 
beigetragen  hat.  Besonders  waren  seine  Studien  auf  die  Krankheiten  der 
Brusthöhle  und  des  Herzens  gerichtet,  und  durch  eine  Uebersezung  des 
Auenbrugger'schen  Werkes  führte  er  die  Percussion  in  Frankreich  ein, 
übte  sie  regelmässig  aus  und  vervollkommnete  sie  wesentlich.  Sein  Haupt- 
werk ist  das  „Essai  sur  les  maladies  et  les  lesions  organiques  du  coeur 
et  des  gros  vaisseaux  (1806).  In  seiner  Schule  bildeten  sich  Lännec, 
Bayle  und  Dupuytren. 

Zu  gleicher  Zeit  wurden  auch  einige  Versuche  in  Frankreich  gemacht,  Französische 
die  physiologischen  Thatsachen  in  geordneter  Weise  darzustellen,  so  von  Zei^ln0^eD' 
Richerand  in  seinen  geschäzten  nouveaux  elemens  de  physiologie  1801, 
und  von  Cabanis,  welcher  in  seinen  Rapports  du  physique  et  du  moral 
de  rhomme,  1802  in  lichtvollster  Darstellung  eine  Zurükführung  der  mo- 
ralischen Thätigkeiten  auf  die  organische  Sensibilität  versuchte ,  die  Ge- 
hirnactionen  von  den  äusseren  Eindrüken  ableitete  und  die  geistigen  Phän- 
omene als  Modificationen  der  Organisation  betrachtete.  Auch  seine  Ab- 
handlung: du  degre  de  certitude  de  la  medecine  enthält  viele  treffliche 
Bemerkungen.  Nichtsdestoweniger  ist  der  directe  Einfluss  dieser  beiden 
Autoren  auf  die  Medicin  ein  untergeordneter  geblieben. 

Dagegen  erregte  die  Wirksamkeit  der  drei  oben  genannten  grossen 
Forscher  am  Wendepunkt  des  Jahrzehnts  viele  Nacheiferung.  Jedoch 
blieb  bis  in  die  Mitte  des  zweiten  Jahrzehents  die  französische  Medicin 
im  Gange  stiller  Thätigkeit  und  ohne  entschiedene  Färbung.  Manche 
tüchtige  Leistungen,  die  sich  namentlich  in  dem  Journal  von  Corvisart 
und  Boyer  und  in  dem  grossen  Dictionnaire  des  Sciences  medicales,  den 
beiden  Hauptorganen  dieser  Zeit  finden,  geben  Zeugniss  von  der  sorg- 
samen und  ernsten  Forschung  der  damaligen  französischen  Aerzte.  Be- 
sonders ging  die  Richtung  auf  die  Untersuchung  der  Leiche,  um  das 
Wesentliche  der  Krankheiten  aus  ihr  nachzuweisen. 


250 


Die  Vorbereitung  der  neuen  Zeit. 


Bavle. 


Petit  und  Serres, 


Boyer. 


Larrey. 


Richerand. 


Dupuytren. 


Delpech. 


In  dieser  Hinsicht  sind  besonders  hervorzuheben: 

Prost,  medecine  eclairee  par  l'ouverture  des  corps  1804,  welcher 
namentlich  eine  Zurükführung  der  Pinel'schen  Fieberspecies  auf  krank- 
hafte Zustände  des  Darmkanals  versuchte. 

Bayle,  geb.  1774,  seit  1805  Arzt  der  Charite,  gest.  1816,  der 
wesentlich  mit  zur  Begründung  der  pathologisch-anatomischen  Richtung 
der  französischen  Medicin  beitrug  und  mehrere  .treffliche  Untersuchungen 
über  Cancer,  Tuberkel  (die  er  zuerst  genau  unterschied)  sowie  über 
Oedema  glottidis  veröffentlichte. 

Petit  und  Serres,  deren  traite  de  la  fievre  enteromesenterique  1813 
die  erste  symptomatische  und  anatomische  Beschreibung  des  enterischen 
Typhus  seit  Röderer  und  Wagler  war. 

Neben  diesen  wirkten  noch  im  selben  Sinne  einige  tüchtige  Chirurgen, 
namentlich  Boy  er,  geb.  1760  (gleichfalls  Assistent  Desault's,  später 
Chirurg  an  der  Charite  und  Professor  der  chirurgischen  Klinik) ,  gest. 
1833.  Seine  wichtigsten  Werke  sind  das  Traite  d'anatomie  1797 — 99 
und  das  grosse  neunbändige  Traite  des  maladies  chirurgicales  1814 — 1825. 

Larrey,  geb.  1766,  seit  1798  Napoleon's  Oberwundarzt  und  Be- 
gleiter nach  Aegypten  und  auf  den  meisten  spätem  Feldzügen,  nach  der 
Schlacht  von  Wagram  1809  baronisirt,  starb  1842.  Er  schrieb  sur  les 
amputations  des  membres  a  la  suite  des  coups  de  feu  1797,  eine  Relation 
über  den  ägyptischen  Feldzug  1803  und  Memoires  de  Chirurgie  militaire 
1812 — 17,  ausserdem  noch  später  neben  mehreren  minder  wichtigen 
Arbeiten  eine  Clinique  chirurgicale  1830. 

Richerand,  geb.  1779,  ein  anderer  Schüler  Desault's,  Professor  der 
chirurgischen  Pathologie,  Baron  1815,  starb  1840.  Von  einiger  Wichtig- 
keit ist  seine  Nosographie  chirurgicale  1803  (eilfte  Auflage). 

Der  Genialste  unter  den  französischen  Chirurgen  aber  war  Du- 
puytren, geb.  1777,  dessen  wissenschaftliche  Stellung  sich  jedoch  erst 
später  bestimmter  ausprägte.  Hervorzuheben  ist  jedoch  hier  schon,  dass 
auch  er  zeitig  ganz  besonders  auf  Förderung  der  pathologisch-anatom- 
ischen Studien  hinwirkte  und  dass  unter  seinem  directesten  Einfluss  und 
ohne  Zweifel  nach  seinen  Vorträgen  1807  von  einem  seiner  Schüler, 
Marandel,  eine  interessante  kleine  Schrift,  essai  sur  les  irritations 
erschien ,  welche  nicht  nur  höchst  anregend  die  mannigfaltigsten  Punkte 
der  Pathologie  kurz  bespricht,  sondern  auch  in  vielen  Beziehungen  Vor- 
läufer der  Broussais'schen  Lehre  wurde. 

Endlich  ist  noch  der  Rivale  Dupuytrens,  Delpech  (ermordet  von 
einem  Kranken  1832)  zu  erwähnen,  der  durch  Originalität  und  grosse 
Operationsfertigkeit  sich  auszeichnete. 


Rasori.  251 

Nach  Italien  hatte  im  Jahre  1790  Locatelli  die  Brown'schen  Ele-  Italien, 
mente  aus  England  mitgebracht.  1792  erschien  die  erste  italienische 
Ausgabe  der  Elemente.  Rasch  gewannen  sie  Bewunderer,  zumal  in  den 
nördlichen  Provinzen.  Von  Moscati,  Monteggia,  Frank,  Rasori  wurde  die 
Brown'sche  Lehre  eifrig  verfochten,  doch  fand  sie  bereits  auch  mehrere 
Gegner:  Carminati,  Del  Monte,  Berlinghieri. 

Doch  in  Kurzem  entwikelte  sich  aus  ihr  eine  Doctrin  von  eigenthüm- 
licher  Art. 

Giovanni  Rasori,  geb.  1763,  hatte  schon  in  England  die  Brown'sche  Rasori 
Lehre  kennen  gelernt,  nahm  sie  mit  Enthusiasmus  auf  und  lehrte  sie  als  vom  Contra. 
Professor  zu  Pavia  aufs  Eifrigste.  Da  brach  eine  Typhusepidemie  in  den  stimuiu». 
Jahren  1799  und  1800  in  Genua  aus,  und  Rasori  wurde  dahin  geschikt, 
um  die  dortigen  Hospitäler  zu  leiten.  Anfangs  nach  Brown'schen  Grund- 
säzen  dabei  verfahrend,  hatte  er  die  übelsten  Erfolge  und  wurde  so  ver- 
anlasst, eine  neue  Therapie  und  für  sie  auch  eine  neue  Theorie  zu 
ersinnen.  In  seinen  ersten  Schriften  über  die  Epidemie  zu  Genua  und  in 
den  Zusäzen  zu  Darwin's  Zoonomie  zeigte  er  sich  noch  ziemlich  zurük- 
haltend  und  unschlüssig.  Erst  als  er  die  medicinische  Klinik  in  Mailand 
erhielt,  ging  er  daran,  sein  System  vollständiger  abzurunden.  Aber  auch 
jezt  schrieb  er  nur  einige  Journalaufsäze  (in  den  Annali  de  scienze  e 
lettere),  als  Proben  seines  Systems  über  die  Pneumonie  und  ihre  Behand- 
lung mit  Tartarus  emeticus ,  über  die  Wirkung  der  Digitalis ,  über  den 
Gebrauch  des  Gummigutts  bei  Intestinalfluxus  und  des  Salpeters  im 
Diabetes.  Ungleich  mehr  wirkte  er  durch  mündlichen  Vortrag,  und  seine 
zahlreichen  in  den  zwanziger  Jahren  über  ganz  Italien  verbreiteten  und 
fast  alle  Kliniken  innehabenden  Schüler  sind  es,  aus  deren  Schriften  wir 
seine  Lehre  kennen.  Namentlich  zeichneten  sich  unter  ihnen  aus  Tom- 
masini, Borda,  Fonzago,  Rubini,  Brera,  Acerbi,  Lanza,  Bondioli.  Das 
Hauptwerk,  in  welchem  die  Lehre  dargestellt  ist,  ist  von  Tommasini: 
Della  nuova  dottrina  medica  italiana  (1817).  Rasori  erlebte  den  voll- 
ständigsten Sturz  seiner  Lehre.  Er  starb,  nur  von  Wenigen  mehr  aner- 
kannt, 1837. 

Wie  Brown  alle  Lebenszustände  in  Sthenie  und  Asthenie  eintheilte, 
so  auch  Rasori,  nur  mit  Verwerfung  der  Brown'schen  Ausdrüke.  Es  ist 
nach  Rasori  die  Lebensthätigkeit  entweder  erhöht  und  die  organische 
Faser  in  einem  Zustande  von  Spannung  oder  Contraction :  der  Zustand 
des  Reizes,  Diathesis  di  stimulo  ;  oder  die  Lebensthätigkeit  ist  vermindert 
und  die  organische  Faser  befindet  sich  im  Zustande  der  Erschlaffung  : 
Zustand  des  Gegenreizes,  Diathesis  di  contrastimulo.  Bei  der  Diathesis 
di  stimulo  ist  die  Muskelkraft  erhöht,   Neigung  zu  Krämpfen,  starker 


252  Die  Vorbereitung  der  neuen  Zeit. 

Pulsschlag,  Delirien,  Herzklopfen  sind  vorhanden;  bei  der  Diathesis  di 
contrastimulo  ist  die  Festigkeit  und  die  Geneigtheit  zu  Contractionen 
geringer,  soporöse  Zustände  und  stille  Delirien,  Stumpfheit  der  Geistes- 
functionen,  Ohnmächten  und  Ohrensausen,  kleiner  und  schwacher  Puls 
charakterisiren  sie. 

Uebrigens  protestirt  Rasori  dagegen,  dass  man  die  Diathese  aus  ein- 
zelnen Symptomen  erkennen  könne.  Erwägung  aller  Erscheinungen  und 
namentlich  der  Ursache  führe  eher  zu  einer  sichern  Diagnose.  Das  Haupt- 
mittel für  die  Diagnose  aber  ist  nach  ihm  die  Anwendung  der  Medica- 
mente. Die  Medicamente  nämlich  sind,  wie  alle  äussern  Dinge,  in  zwei 
Hauptclassen  getheilt:  in  solche,  welche  die  Diathesis  di  stimulo  hervor- 
rufen, Reize  —  hieher  gehören  das  Ammoniak,  der  Moschus,  Opium, 
Campher,  Kohlensäure,  Alcohol,  Aether,  ätherische  Oele,  viele  Gewürze, 
China ,  Wärme ,  Blut ,  Schmerz ,  Leidenschaften ,  animalische  Nahrung 
u.  s.  w.,  und  in  solche,  welche  die  Diathesis  di  contrastimulo  hervorrufen, 
Gegenreize,  wohin  Lymphe,  Chylus,  Galle,  Magensaft,  Urin,  Brechwein- 
stein und  die  andern  Antimonpräparate,  ferner  Mercur,  die  Emetica, 
Drastica,  Purgantia,  Arsen,  die  bittern  Mittel,  Säuren,  Sauerstoff, 
namentlich  Blausäure,  Digitalis,  Salpeter,  Weinstein,  phosphorsaurer 
Kalk,  viele  Narcotica  wie  Hyosciamus,  Belladonna,  Aconit,  Cicuta,  sodann 
dieArnica,  Gratiola,  Phellandrium  aquaticum,  Valeriana,  Serpentaria, 
Safran,  Kaffee,  Senf,  Pfeffer,  Chamillen,  Canthariden  etc.  gehören.  Wenn 
nun  ein  Mittel  aus  der  ersten  Reihe  günstig  und  heilend  wirkt,  so  darf 
man  sicher  sein,  dass  man  es  nicht  mit  einem  Reizzustande  zu  thun  hatte, 
der  durch  weitere  Reize  nur  erhöht  würde ,  sondern  mit  der  Diathesis  di 
contrastimulo ,  und  umgekehrt. 

Um  aus  dem  Cirkel,  der  durch  diese  Art  und  Beweisführung  entsteht, 
herauszukommen,  sagt  Rasori,  müsse  man  sich  an  die  Wirkungsweise  be- 
sonders entschiedener  Mittel  halten,  die  man  als  bekannt  vorausseze. 
Ein  solches  Medicament  sei  vor  Allem  die  Venäsection,  die  in  allen 
sthenischen  Krankheiten  nüzlich  sei.  Alle  übrigen  Arzneimittel  werden 
nur  danach  beurtheilt,  ob  sie  der  Aderlässe  analog  oder  entgegengesezt 
wirken.  Jene  sind  Gegenreize,  diese  Stimuli,  und  danach  wird  berechnet, 
ob  der  krankhafte  Zustand  die  Diathesis  di  contrastimulo  oder  di  stimulo 
sei.  In  zweifelhaften  Fällen  wird  eine  kleine  Probe-Aderlässe  gemacht 
und  nach  ihrem  Erfolg  die  Diagnose  gestellt. 

Die  Diathesis  des  Reizes  ist  weit  häufiger  vorhanden  als  die  des 
Gegenreizes.  Hier  erklärt  sich  Rasori  gegen  Brown,  der  im  Gegentheil 
die  asthenische  Diathesis  überwiegen  Hess.  Rasori  sagt  ferner,  die 
indirecte  Asthenie  von  Brown   sei  ganz  unhaltbar  und  müsse  unter  die 


Easori.  253 

Reiz-Diathesis  gebracht  werden.  Alle  Krankheiten,  behauptet  er  ferner, 
welchen  die  Reiz-Diathesis  zu  Grunde  liege,  gehen  in  der  Regel  von  selbst 
in  die  Genesung  über,  während  die  Krankheiten  der  andern  Diathese  sich 
selbst  überlassen  meist  mit  dem  Tode  enden. 

Die  chronischen  Krankheiten  beruhen  meist  auf  Reiz-Diathese, 
ebenso  die  Entzündungen ;  die  hizigen  Fieber  dagegen  auf  der  Diathesis 
di  contrastimulo.  Die  anstekenden  Exantheme,  die  Syphilis  sind  sthenisch. 
Bei  den  örtlichen  Uebeln  ist  keine  oder  nur  geringe  allgemeine  Diathese; 
indessen  gesellt  sich  später  dazu  häufig  eine  Reiz-Diathese. 

Die  erste  Aufgabe  der  Behandlung  ist  Entfernung  der  Ursachen.  Die 
Behandlung  der  Reiz-Diathese  geschieht  entweder  durch  Verminderung 
der  vorhandenen  Reize,  namentlich  des  Blutes,  oder  noch  sicherer  durch 
Vermehrung  der  Gegenreize  mittelst  sehr  energischer  Anwendung  der- 
selben. Namentlich  müssen  sie  fast  immer  in  grossen  Gaben  gereicht 
werden:  der  Brechweinstein  zu  ij2  Scrupel  bis  zu  i/2  Drachme,  Isitrum 
zu  mehreren  Unzen,  Digitalis  zu  1 — 2  Scrupel,  Jalappe  zu  1 — 4  Scrupel, 
Flores  Zinci  zu  1 — 4  Scrupel. 

Niemals  sollten  aber  gleichzeitig  mehrere  Mittel  in  Anwendung 
kommen,  sondern  immer  nur  Eines  allein. 

Aber  nicht  für  jede  Diathesis  di  stimulo  ist  jeder  Gegenreiz  am 
Plaze;  vielmehr  ist  besonders  die  specifische  Beziehung  der  Mittel  zu  den 
einzelnen  Organen  zu  berüksichtigen. 

Die  Diathesis  di  contrastimulo  kann  immer  nur  durch  Anwendung  der 
Reize  behandelt  werden. 

Eine  der  wichtigsten  Bereicherungen  durch  diese  Schule  ist  die  Er- 
fahrung, dass  die  Arzneisymptome  vorzugsweise  bei  falschen  Anwendungen 
eintreten. 

Die  gewöhnliche  Behandlung  bei  Entzündungen  waren  sehr  reichliche 
Venäsectionen,  bis  zu  zehn  in  wenigen  Tagen.  Daneben  bei  Pneumonie 
1  72 — 2  Drachmen» Tartarus  emeticus  in  mittlerer  Dose  für  den  Tag;  bei 
Hydrothorax  täglich  6  Drachmen  Tartarus  emeticus,  während  6  Tagen 
fortgesezt;  gegen  Dysenterie  Gummigutt  zu  1  Scrupel;  gegen  Diarrhoe, 
wenn  die  Diathesis  des  Reizes  vorhanden  ist,  2 — 3  Unzen  Nitrum  täg- 
lich; gegen  Phthisis  anfangs  Phellandrium  aquaticum,  später  Aconit- 
extract;  gegen  Wechselfieber  und  Manie  sehr  grosse  Gaben  vonGratioIa; 
gegen  Magenentzündung  grosse  Dosen  von  Oleum  Crotonis;  gegen 
Scropheln  Cicuta. 

Die  Mortalitätsverhältnisse  sollen  nach  Tommasini  sehr  günstig  ge- 
wesen sein ,  und  die  Schule  hat  in  der  That  nicht  unbedeutende  pharma- 
kologische Verdienste.     Ihre  Theorie  freilich  ist  fast  durchaus  schief  und 


254 


Die  Vorbereitung  der  neuen  Zeit. 


Berlinghieri 
und  Scarpa. 


Gallini. 


verfehlt,  und  ihr  therapeutisches  Vorgehen  oft  überaus  gewagt  und  ge- 
fährlich. Auch  traten  daher  bald  bedeutende  Gegner  in  Italien  selbst 
auf,  Ozanam,  Amoretti,  Bianchi,  Spallanzani,  Bufalini  etc.,  und  schon 
gegen  die  Mitte  der  zwanziger  Jahre  war  die  Rasori'sche  Lehre  sehr  in 
Misscredit  gekommen. 

Unabhängig  von  dieser  Schule  wie  von  dem  Brownianismus  habenV ac  c  a 
Berlinghieri  (f  1826)  und  Scarpa  (f  1832)  die  Chirurgie  und  die 
pathologische  Anatomie  gefördert. 

Stefan  Gallini  (Elem.  der  Physiologie  1817)  machte  einen  Versuch, 
die  Kräfte  der  thierischen  Organismen  auf  die  allgemeinen  Naturkräfte 
zurükzuführen  und  die  Iatromechanik  zu  restituiren. 


Deuts  c  h)  and. 


Allgemeine 
Situation. 


Nirgends  war  die  vorbereitende  Periode  der  Neuzeit  reicher  an  Be- 
wegungen, aber  auch  reicher  an  Extravaganzen  und  Verirrungen,  nirgends 
waren  die  Contraste  so  schroff,  die  Parteien  so  feindlich  entgegengesezt 
und  doch  auch  nirgends  die  Principien  so  verflochten  und  vermischt  als 
in  Deutschland. 

Es  war  diess  eine  wirre  Epoche  der  deutschen  Medicin,  wie  keine 
andere  Nation  eine  ähnliche  aufzuweisen  hat.  Während  in  den  Nachbar- 
ländern grösstenteils  in  ruhiger  Weise  die  Grundanschauungen  sich  ent- 
wikelten  und  zur  Geltung  kamen ,  von  denen  aus  die  Neugestaltung  der 
Wissenschaft  ausgehen  konnte ,  war  .in  Deutschland  schon  der  heftigste 
Kampf  ausgebrochen ,  aber  ein  Kampf  ohne  Boden,  in  der  Luft  und  um 
Phantome,  ein  Kampf  daher  auch,  der  auf  jeder  Seite  nur  zur  Niederlage 
führen  musste  und  nach  welchem  die  Parteien  ermattet  und  erschöpft, 
ohne  reellen  Gewinn,  wie  ohne  Versöhnung  zurükblieben. 

Diese  fruchtlosen  Kämpfe  auf  dem  Gebiete  der  Medicin  fielen  in  eine 
Zeit,  in  welcher  Deutschland  überhaupt  seine  bittersten  Erfahrungen 
machte,  wie  andererseits  seine  glänzendsten  Erfolge  erlebte,  in  eine  Zeit 
der  tiefsten  Erniedrigung  und  Demüthigung,  aber  auch  des  grossartigsten 
geistigen  Aufschwungs,  wie  er  jemals  in. irgend  einer  Nation  statt- 
gefunden hat. 

Es  ist  nicht  anders  möglich,  als  dass  solche  Schiksale  der  Nation 
auch  auf  die  Entwiklung  einer  ganz  partiellen  Culturseite  von  Einfluss 
sein  mussten,  und  es  ist  lehrreich,  in  welcher  Weise  die  extremsten  Gegen- 
säze  und  Sprünge  in  dem  Denken  und  Leben ,  in  der  Sitte  und  der  polit- 
ischen Lage  der  Nation  auf  die  Naturforschung  influencirt  haben. 

Im  Anfange  der  Periode,  d.  h.  unmittelbar  vor  und  während  der 
französischen  Revolution,  finden  wir  Deutschland  in  politischer  Zerrüttung 
und  Zerfahrenheit.     Sieht  man  ab  von  den   sporadisch  gebliebenen  ge- 


Allgemeine  Situation  in  Deutschland.  255 

sunden  Elementen  aus  der  Hinterlassenschaft  der  zwei  erleuchtetsten 
Fürsten  des  Jahrhunderts,  so  begegnet  man  in  jener  Zeit  fast  allenthalben 
nur  despotischem  Druk  oder  Frivolität,  pedantischer  Kleinlichkeit  oder 
maassloser  Vergeudung  der  Nationalkräfte,  blinder  Sorglosigkeit  oder  der 
nichtswürdigsten  Feigheit. 

Mitten  aus  dieser  nationalen  Verkommenheit  erhoben  sich  die  besten 
Köpfe,  die  jemals  Deutschland  hervorgebracht  hat,  und  entwikelte  sich  jene 
classische  Literatur,  welche  nicht  nur  nach  allen  Seiten  anregend  und  auf- 
rüttelnd die  deutsche  Cultur  in  kürzester  Zeit  jeder  andern  ebenbürtig 
machte,  sondern  welche  als  der  Gipfel  der  ästhetischen  und  philosoph- 
ischen Entwiklung  des  deutschen  Geistes  bis  jezt  gelten  muss. 

Der  Naturforschung  gelang  es  nicht,  diesen  ruhmvollen  Aufschwung 
der  Literatur  zu  begleiten.  Zwar  wurde  auch  sie  von  dem  gewaltigen 
Stürmen  und  Drängen  in  den  Köpfen  mit  fortgerissen  und  es  fehlte  nicht 
an  grossen  Anläufen  und  idealen  Projecten  und  es  fehlte  ebensowenig  an 
hartem  Aufeinanderstossen  der  Parteiungen;  aber  es  fehlte  allenthalb 
der  Sinn  für  das  Einfache,  für  das  schlichte  Factum.  Daher  wurde  kaum 
irgendwo  ein  ächter  Weiterschritt  zustandegebracht,  fast  überall  wurde 
nur  die  Anschauung  in  unabsehbare  Irrgänge  geleitet. 

Auf  die  politische  Verdorbenheit  folgte  die  Zeit  der  tiefsten  Demüth- 
igung  durch  fremde  Uebermacht.  Vernichtete  diese  aber  auch  alle 
Selbständigkeit  des  nationalen  Hervortretens ,  so  hat  sie  das  nationale 
Bewusstsein  in  einem  grossen  Theile  der  Bevölkerung  nicht  zu  zerstören 
vermocht;  ja  es  wurde  dieses  geradezu  dadurch  gewekt,  verbreitet  und 
gekräftigt,  und  die  geistige  Cultur,  in  der  das  nationale  Gefühl  seine 
einzige  Befriedigung  zu  finden  vermochte  und  zu  welcher  es  die  Zuflucht 
nahm,  gewann  in  der  Zeit  der  Unterwerfung  unter  die  Fremdherrschaft 
an  innerlicher  Consolidirung  wie  an  Umfang. 

In  dieser  Zeit  der  ruhigeren  geistigen  Beschäftigung  fanden  zwar 
da  und  dort  Anfänge  einer  erfolgreichen  Thätigkeit  in  der  Erforschung  der 
Natur  statt;  aber  sie  waren  zu  unmächtig,  die  überkommenen  idealen 
Extravaganzen  zu  überwinden. 

Die  Erhebung  gegen  die  fremde  Gewalt  geschah  mit  aller  Leiden- 
schaft des  feurigsten  Patriotismus,  und  vor  dem  kriegerischen  Enthusias- 
mus mussten  die  zarteren  Manifestationen  der  Cultur  verstummen.  Die  Auf- 
regung brachte  eine  Menge  neuer  Elemente  auf  die  Oberfläche,  deren 
Ueberschwänglichkeit  eine  Zeitlang  die  innere  Rohheit  und  Hohlheit  ver- 
dekte  und  die  allgemeine  Begeisterung  schloss  auch  die  absurde  Phrase, 
wenn  sie  nur  patriotisch  klang,  in  die  Arme. 

Die  Beschäftigung  mit  der  Natur  wurde  hier  von  dem  gewaltigen  an- 


256  Die  Vorbereitung  der  neuen  Zeit. 

dersartigen  Interesse  zurükgedrängt  und  es  hat  die  Zeit  des  politischen 
Sturmes  so  gut  wie  nichts  in  der  Medicin  zu  Tage  gefördert ,  die  Anfänge 
einer  gründlicheren  Betrachtung  sogar  wieder  vernichtet. 

Als  aber  nach  dem  Siege  die  Ruhe  wiederkehrte  und  die  extremen 
Hoffnungen,  für  welche  die  mächtigsten  Anstrengungen  aufgeboten  worden 
waren ,  sich  nirgends  erfüllten ,  da  trat  mit  der  Enttäuschung  Missmuth 
und  Erschlaffung  ein.  Von  den  Ueberschwänglichkeiten ,  welche  in  der 
Periode  der  Aufregung  erträglich  gewesen  waren,  blieb  jezt  bei  der  all- 
gemeinen Versumpfung  nur  noch  die  Albernheit  zurük.  Die  Romantik, 
nachdem  sie  ihren  Schwung  eingebüsst  hatte ,  wurde  fade  und  platt ,  und 
es  trat  jene  grenzenlose  geistige  Flachheit,  Abgeschmaktheit,  Erlahmung 
des  Restaurationszeitalters  ein,  an  der  auch  Naturforschung  und  Medicin, 
so  wenig  sie  geleistet  hatten ,  den  vollsten  Theil  nahmen. 

So  hat  diese  ganze  denkwürdige  Periode  der  deutschen  Geschichte, 
von  den  80ger  Jahren  des  vorigen  Seculums  bis  gegen  die  30ger  des  je- 
zigen,  mit  allen  ihren  extremen  Gegensäzen,  mit  ihrer  gewaltigen  Auf- 
rüttlung  in  der  allgemeinen  Cultur  wie  in  der  Politik  und  andererseits  mit 
der  nachfolgenden  Ermattung,  für  die  Naturforschung  in  Deutschland  un- 
gemein wenig  zuwegegebracht  und  unter  all  den  Wechselfällen  hat  nur 
die  Sterilität  in  den  realen  Wissenschaften  sich  gleich  erhalten.  Frei- 
lich ist  diess  nicht  zu  verwundern,  noch  war  es  anders  möglich;  denn  für 
die  ruhige  besonnene  Forschung,  die  allein  die  Kenntniss  der  Natur  zu 
fördern  vermag,  sind  alle  Extreme  stets  nur  von  übelstem  Einfluss. 

Einfiuss  der  Tjm  Speciell  zu  der  Lage  der  Medicin  am  Ende  des  18.  Jahrhunderts 

Philosophie. 

überzugehen,  so  ist  zuvörderst  daran  zu  erinnern,  dass  sie  vorzugsweise 
theoretische  Neigungen  geerbt  Ifette.  Diese  wurden  noch  genährt  durch 
die  glänzenden  Erfolge  der  deutschen  Philosophie  in  derselben  Zeit.  Dem 
Impulse  für  das  kritische  Denken,  der  von  einem  so  scharfen  Geist,  wie 
Immanuel  Kant,  ausging,  konnte  sich  kein  offener  Kopf  entziehen  und  die 
Masse  folgte  dem  Zuge  nach  philosophischer  Vertiefung. 

Man  hat  sogar  Kant,  welcher  so  unermesslich  im  Reiche  der  Gedanken 
gewirkt  hat,  als  den  intellectuellen  Urheber  der  ganzen  neuen  Gestaltung 
der  Naturwissenschaft  zu  bezeichnen  versucht  und  sich  auf  jene  schöne 
Stelle  in  der  Vorrede  zu  den  „Metaphysischen  Anfangsgründen  der  Natur- 
wissenschaft" berufen,  in  welcher  er  sagt:  „Ich  behaupte,  dass  in  jeder 
neuern  Naturlehre  nur  so  viel  eigentliche  Wissenschaft  angetroffen  werden 
könne ,  als  darin  Mathematik  anzutreffen  ist.  Denn  eigentliche  Wissen- 
schaft vornemlich  der  Natur  erfordert  einen  reinen  Theil,  der  dem  empir- 
ischen  zugrundeliegt    und  der  auf  Erkenntniss  der  Naturdinge  a  priori 


Kant.  257 

beruht.  Nun  heisst  es  etwas  a  priori  erkennen,  es  aus  seiner  blossen 
Möglichkeit  erkennen;  die  Möglichkeit  bestimmter  Naturdinge  kann  aber 
nicht  aus  ihren  blossen  Begriffen  erkannt  werden;  denn  aus  diesen  kann 
zwar  die  Möglichkeit  des  Gedankens,  aber  nicht  des  Objects  als  Naturding 
anerkannt  werden,  welches  ausser  dem  Gedanken  gegeben  werden  kann. 
Also  wird,  um  die  Möglichkeit  bestimmter  Naturdinge,  mithin  um  diese  a 
priori  zu  erkennen,  noch  gefordert,  dass  die  dem  Begriffe  correspondirende 
Anschauung  a  priori  gegeben  werde,  d.h.  dass  der  Begriff  construirt  werde. 
Nun  ist  die  Vernunfterkenntniss  durch  Construction  der  Begriffe  mathemat- 
isch. Also  mag  zwar  eine  reine  Philosophie  der  Natur  überhaupt,  d.  i. 
diejenige,  die  nur  das,  was  den  Begriff  der  Natur  im  Allgemeinen  aus- 
macht, untersucht,  auch  ohne  Mathematik  möglich  sein;  aber  eine  reine 
Naturlehre  über  bestimmte  Naturdinge  ist  nur  mittelst  der  Mathematik 
möglich,  und  da  in  jeder  Naturlehre  nur  so  viel  eigentliche  Wissenschaft' 
angetroffen  wird,  als  sich  darin  Erkenntniss  a  priori  befindet,  so  wird  Natur- 
lehre nur  so  viel  eigentliche  Wissenschaft  enthalten,  als  Mathematik  in 
ihr  angewendet  werden  kann." 

Aber  schon  in  dieser  Stelle  ist  in  einer  bedenklichen  Weise  auf  die 
apriorische  Erkenntniss  als  die  einzig  wahre  hingewiesen  und  es  war  diess 
bei  so  theoretischer,  vom  Detail  abgewandter  Richtung,  in  welcher  die 
deutsche  Medicin  sich  bereits  verfangen  hatte,  doppelt  gefährlich.  Neben 
der  Erfahrung  hat  Kant  dem  idealistischen  Bedürfnisse,  mehr  als  es  für 
die  Medicin  damaliger  Zeit  erspriesslich  war,  Rechnung  getragen  und 
damit  noch  mehr  seine  ärztlichen  Zeitgenossen  electrisirt  und  fortgerissen, 
als  mit  der  nüchternen  Analyse  und  der  Zertrümmerung  der  Autoritäten. 
So  musste  bei  der  Lükenhaftigkeit  der  Kenntniss  der  Objecte,  die  unter 
dem  Gewichte  Kant'schen  Geistes  gegebene  Einladung,  statt  „unsere  Er- 
kenntniss nach  den  Gegenständen  sich  richten  zu  lassen,  einmal  zu  ver- 
suchen, ob  man  nicht  besser  fortkomme,  wenn  man  annehme,  die  Gegen- 
stände müssen  sich  nach  unserer  Erkenntniss  richten,"  nur  zu  verführer- 
isch wirken,  und  die  daran  geknüpfte  Erinnerung  an  den  Erfolg,  den  Co- 
pernicus  mit  seiner  Hypothese  hatte,  war  zu  lokend,  als  dass  nicht  die 
Strebsamsten  und  Eifrigsten  mit  Vorliebe  der  aprioristischen  Meditation 
sich  zugeneigt  hätten.  So  ist  die  Kant'sche  strenge  Gedankengymnastik 
den  Naturwissenschaften  ohne  directen  V ortheil  geblieben,  hat  selbst  Ab- 
wege geöffnet,  die  vielleicht  ohne  die  philosophische  Stimmung  der  Zeit 
nicht  betreten  worden  wären. 

Noch  hatte  Kant  der  empirischen  Realität  ihr  volles  Recht  gelassen, 
das  Subjective  unserer  Anschauung  genau  bezeichnet;  aber  schon  zeigt 

Wanderlich,  Geschichte  d.  Medicin.  ]7 


258  Die  Vorbereitung  der  neuen  Zeit. 

sich  bei  ihm  die  Vermuthung ,  dass  das  „Ding  an  sich"  und  das  „Ich" 
identisch  sei. 

Uebrigens  waren  alle  Denker  jener  Zeit  mehr  oder  weniger  Schüler 
der  Kant'schen  Logik  und  überall  begegnet  man  der  Neigung ,  Kant'sche 
Verstandescategorien  mit  empirischem  Inhalt  zu  füllen  und  lezteren  da- 
durch ein  wissenschaftliches  Gewand  zu  geben. 

Ist  die  Kant'sche  Philosophie  nicht  der  Ursprung  der  gegenwärtigen 
Gestalt  in  der  Naturforschung,  so  ist  sie  es  dagegen  um  so  gewisser,  auf 
welche  sich  die  rationalistischen  Richtungen  mit  Vorliebe  berufen.  Die 
idealistischen  Keime  aber,  die  in  ihr  lagen,  erlangten  bei  dem  Ueberwieg- 
endwerden  romantischer  Neigungen  in  der  Culturstimmung  bald  die  Ober- 
hand und  haben  ihre  einseitige  und  möglichst  extravagante  Entwiklung 
genommen. 

Benüzung  der  Die  vorhandenen  Thatsachen  reichten  nicht  aus ,  den  phantastischen 

Physik u. c  emie.  j}e(3ürfnigSen  zu  genügen,  welche  voll  Ungeduld  von  einigen  allgemeinen 
Säzen  aus  die  ganze  Wissenschaft  zu  construiren  unternahmen.  Mit  hast- 
iger Ueberstürzung  wurden  daher  die  Entdekungen  aus  verwandten  Wis- 
senschaften herangezogen. 

Die  Electricität  namentlich  und  die  Pole  der  voltaischen  Säule  wurden 
mit  Begierde  aufgegriffen,  um  die  mangelhaften  Facta  des  eigenen  Ge- 
bietes zu  ergänzen.  Niemals  hat  man  mit  geringerer  Berechtigung  eine 
grosse  physikalische  Entdekung  für  die  Zweke  der  medicinischen  Theorie 
missbraucht,  als  diess  am  Wendepunkt  des  Jahrhunderts  mit  dem  negat- 
iven und  positiven  Pole  der  Säule  geschah  und  je  dunkler  die  Thatsache 
selbst  war,  um  so  ungenirter  Hess  sie  sich  auf  allen  widerstrebenden  Punkten 
der  medicinischen  Theorie  verwenden.  Bald  wurde  die  Electricität  mit 
der  Lebenskraft  identificirt,  diese  selbst  als  galvanischer  Process  ange- 
sehen; bald  wurde  sie  nur  damit  analogisirt  und  der  positive  Pol  der  Irrit- 
abilität, der  negative  Lebenspol  der  Sensibilität  gleichgesezt;  es  wurden 
zwischen  den  Geschlechtern,  den  Altersstufen,  den  einzelnen  Organen  und 
Processen  willkürlich  die  gleichen  Gegeusäze  vertheilt,  fast  immer  mit 
dem  unverkennbaren  Missverständniss,  dass  man  in  dem  positiven  Pol 
wirklich  etwas  Positives  und  Actives,  in  dem  negativen  etwas  Passives, 
Recipirendes  sich  dachte. 

Nicht  weniger  roh  und  gewaltthätig  wurde  die  Reform  der  Chemie 
durch  Lavoisier  und  seine  Entdekung  der  Bedeutung  des  Sauerstoffs 
für  die  medicinische  Theorie  ausgebeutet. 

Mit  Vorsicht  hatte  zuerstFourcroy  die  neuen  Entdekungen  in  seiner 
„Medecine  eclairee  par  lesscienccsphysiques"  benüzt  (1792);  aber  schon 


Irritabilitätslehre  und  Erregbarkeit.  259 

der  Franzose  Baumes  machte  eine  Carricatur  daraus.  Sofort  trat  der 
Deutsche  Gir tanner  auf  und  erklärte  den  Sauerstoff  für  den  Siz  der 
Irritabilität,  für  das  Princip  der  Lebenskraft.  So  weit  war  es  bereits  mit 
diesen  Begriffen  gekommen.  Weiter  entwikelte  sich  daraus  die  sogenannte 
antiphlogistische  Schule,  welche  die  meisten  Krankheiten  als  Uebermaass 
von  Sauerstoff,  einige  wenige,  wie  den  Scorbut,  als  Mangel  desselben  be- 
zeichnete. Vornemlich  bemächtigte  sich  die  naturphilosophische  Schule 
dieser  Idee.  Sauerstoff,  Wasserstoff,  Kohlenstoff  wurde  die  Trinität,  die 
an  die  Stelle  der  Irritabilität,  Sensibilität  und  Reproduction  trat.  Die- 
selben verfehlten  Speculationen  kehrten  somit  mit  neuen  Namen  zurük, 
und  dike  Bände  hindurch  wurde  über  das  Oxygen  und  Hydrogen  geträumt. 

Die  alte  Irritabilitäts-  und  Sensibilitätslehre  mit  allen  ihren  Missstalt-  irritabuitätsiehre 
ungen  und  Auswüchsen  verfehlte  nicht,  dabei  ihre  Wirksamkeit  im  Stillen  nnd  Erreebarkeit- 
fortzusezen  und  zumal  alles  Unklare,  Nebelhafte  aus  ihr  wurde  mit  seltener 
Anhänglichkeit  bewahrt. 

Vornemlich  aber  kam  die  Brown'sche  Erregbarkeit  zu  weitverbreiteter 
Geltung  und  ausser  den  Kreisen  ihrer  nächsten  Anhänger  mischte  sie  in 
alle  Köpfe  ihren  Einfluss. 

Eigentlich  reelle  Untersuchungen  waren  ungemein  sparsam  und  dürftig. 
Je  mehr  die  Aerzte  sich  von  der  positiven  Forschung  entfernten,  um  so 
gieriger  strebten  sie  nun  nach  dem  Ruhme  geistreicher  Einfälle  und  feder- 
fertiger Gewandtheit;  je  inhaltsloser  die  Discussionen  wurden,  um  so  grimm- 
iger und  leidenschaftlicher  wurden  die  Streiter. 

Die  Aerzte  der  Zeit  spalteten  sich  in  unzählige  Fractionen;  die  Schulen 
erhielten  sich  nur  theilweise  und  das  Streben  nach  individueller  Eigenthüm- 
lichkeit  brachte  die  mannigfachsten  Mischungen  der  Anschauungen  hervor. 
Kur  unvollkommen  lassen  sich  daher  die  hervorragenden  ärztlichen  Schrift- 
steller der  Zeit  rubriciren.  Doch  machten  sich  vornemlich  einzelne  Gruppen 
bemerklich. 

Die  Einführung  der  Brown'schen  Lehre  auf  dem  Continente  hatte     Die  Erreg- 
mit  einem  Scandale  begonnen.     1790  hatte   Girtanner  im  Journal  de    nn?s(heorie 

°  in  Deut  sc  h- 

physique  die  Brown'schen  Grundsäze  als  seine  eigenen  bekannt  gemacht.  und. 

1795  begann  der  Streit  in  Deutschland.    Weikard  dekte  Girtanner's     Einführung. 
Betrug  auf  und  übersezte  die  Elementa  ins  Deutsche,  ihm  folgte  Pfaff. 
A.  Röschlaub  erklärte  sich  gleichfalls  für  Brown  in  seiner  Diss.  de  febre. 

Frühe  machten  sich  jedoch  auch  Gegner  geltend.     Hufeland  trat       Hufeiand. 
zuerst  unter  ihnen  auf,  indem  er  im  vierten  Band  seines  Journals  eine 
ausführliche  Critik  des  Brown'schen  Systems  gab.      Manches  macht  er 
dabei  mit  Recht  geltend.   Der  Körper  bestehe  auch  aus  Materie  und  deren 


260  Die  Vorbereitung  der  neuen  Zeit. 

physische  und  chemische  Verhältnisse  seien  nicht  weniger  zu  berüksicht- 
igen.  Das  Leben  sei  nicht  bloss  Erregung,  sondern  eine  beständige 
Metamorphose.  Die  äusseren  Einwirkungen  wirken  nicht  nur  als  Nerven- 
reize, sondern  auch  chemisch,  durch  Verwandlung  des  Bluts.  Ueberhaupt 
seien  die  Vitalität  des  Bluts,  die  Dyscrasien,  die  Crisen  in  Brown's  Sy- 
stem unberüksichtigt  geblieben.  Ferner  habe  Brown  die  innere  schaff- 
ende Kraft  im  Organismus,  die  Autocratie  der  Natur  übersehen. 
Hartmann.  £m  anderer  noch  glüklicherer  Gegner  war  Hartmann  (Analyse  der 

neuern  Heilkunde  1802).  Er  wirft  der  Brown'schen  Physiologie  nament- 
lich die  Vernachlässigung  der  Vegetation  vor.  Erregbarkeit  sei  nicht  das 
einzige  Lebensprincip ,  das  zweite  sei  die  organische  Wahlanziehung;  die 
Thätigkeit  des  Organismus  hänge  von  seiner  Organisation  ab.  Es  könne 
keine  blossen  Krankheiten  der  Erregbarkeit  geben.  Jede  Krankheit  sei 
eine  Krankheit  der  Organisation.  Die  Erregbarkeit  könne  nie  verändert 
sein,  ohne  dass  es  die  Materie  sei. 
pfaff.  Auch  der  Uebersezer  Brown's,  Pfaff,  lieferte  eine  Critik  der  Lehre 

(Revision  der  Grundsäze  von  Brown,  1804).  Die  Brown'sche  Erregbarkeit 
sei  nur  Receptivität;  davon  müsse  das  Wirkungsvermögen  unterschieden 
werden.  In  der  Schwäche  sei  die  Receptivität  erhöht,  das  Wirkungs- 
vermögen vermindert.  Es  sei  ferner  ein  Fehler  von  Brown ,  dass  er  die 
Modifikationen  der  Erregbarkeit  nach  den  verschiedenen  Hauptsysteraen 
nicht  nachgewiesen  habe.  Ferner  habe  Brown  mit  Unrecht  den  Säften  die 
Vitalität  abgesprochen  und  den  Stoffwechsel  versäumt  zu  berüksichtigen. 
Wenn  Brown  von  einem  Ersaz  der  Erregbarkeit  spreche,  so  wisse  man 
nicht,  woher  diese  kommen  solle.  Es  könne  diese  von  nichts  anderem, 
als  einem  Ersaz  der  Masse,  des  Körperlichen  selbst,  abhängen. 
Ausbreitung  des         "Yxoz  dieser  Widersprüche  befestigte  sich  das  Ansehen  des  Brown '- 

Brownianismus. 

sehen  Systems  immer  mehr  in  Deutschland.  Man  fing  nun  an,  mit  grös- 
serer Umsicht  die  Lehre  darzustellen ,  und  manches  davon  zu  modificiren ; 
so  entstand  die  sogenannte  Erregungstheorie.  Vornemlich  aber  fanden 
die  Consequenzen  der  Brown'schen  Lehre  Eingang  bei  den  Practikern. 
Nichts  war  leichter,  als  bei  diesem  Systeme  Diagnosen  zu  machen ,  nichts 
leichter,  als  die  Indicationen  zu  finden.  Die  Brown'sche  Reiztheorie  wurde 
fast  allgemein  aeeeptirt. 
Roschiaub.  -Qer  leidenschaftlichste  Verfechter  des  Brownianismus  und  der  Gründer 

der  Schule  der  Erregungstheoretiker  war  der  Professor  Andr.  Röschlaub. 

1798  schrieb  er  über  den  Einfluss  der  Brown'schen  Theorie  auf  die  Praxis, 

1799  begann  er  eine  Zeitschrift  als  Organ  der  Erregungslehre  zu  ediren : 
das  berühmte  Magazin  für  Vervollkommnung  der  Heilkunde ,  das  anfangs 
mit  ausserordentlichem  Beifall  aufgenommen  wurde,  allmälig  aber  gewaltig 


Röschlaub.  261 

ausartete  und  in  den  Ton  des  niedrigsten  Schimpfens  verfiel  (so  in  dem 
Artikel  über  den  Lieblingsdichter  der  Gemeinheit,  in  den  fürchterlichen 
Philippiken  gegen  Autenrieth,  Burdach,  Loder,  Hufeland;  alle  anders  Den- 
kenden werden  als  Janhagel  bezeichnet,  Kozebue's  Poesien  nennt  er  dessen 
Fäces  etc.)  So  kam  die  Zeitschrift  in  Misscredit,  Niemand  wollte  sich 
mehr  Röschlaub  anschliessen  und  schon  im  sechsten  Band  erklärt  der 
Redacteur,  er  werde  sie  in  Zukunft  allein  schreiben,  denn  nur  so  werde 
sie  gut.  Sein  Hauptwerk  aber  sind  die  Untersuchungen  über  Pathogenie 
in  drei  Bänden,  in  welchen  er  mit  vielem  Scharfsinn  die  vorzüglichsten 
der  damaligen  Ansichten  prüft.  Er  sucht  zuerst  nachzuweisen,  dass  zwei 
Verhältnisse  zum  Bestehen  des  Lebens  nothwendig  seien,  1)  ein  äusseres, 
die  Organisation,  auf  welche  Brown  viel  zu  wenig  Rüksicht  genommen 
habe ,  2)  aber  auch  ein  inneres  Lebensprincip ,  welches  nach  Röschlaub 
mit  Brown's  Incitabilität  identisch  sei.  Diese  Incitabilität  ist  die  erste 
nothwendige  Ursache  der  Lebenserscheinungen.  Dieses  Lebensprincip  sei 
aber  nicht  als  eine  Kraft  vorzustellen,  denn  eine  Kraft  sei  selbständig,  sei 
der  Grund  einer  Handlung  aus  sich,  während  das  Lebensprincip  nur  durch 
äussere  Anregung  wirke,  also  bloss  ein  Vermögen  des  Organismus  sei. 
Die  Incitabilität  selbst  aber  sei  zusammengesezt  aus  zwei  Begriffen ,  aus 
der  Fähigkeit,  von  äusseren  Eindrüken  afficirt  zu  werden:  Receptivität 
(auch  Irritabilität  genannt) ,  und  aus  dem  Vermögen ,  bestimmte  Hand- 
lungen hervorzubringen:  Wirkungsvermögen  (auch Contractionsvermögen). 
Die  Scheidung  beider  sei  aber  nur  subjectiv.  Sofort  stellt  Röschlaub 
dreissig  Geseze  der  Erregbarkeit  auf,  die  sehr  instructiv  sind,  um  den 
Geist  der  ganzen  Schule  in  Kurzem  kennen  zu  lernen  (S.  Excurse.). 

Der  Hauptgrundsaz  Röschlaub's  für  die  Pathologie  ist  folgender:  Nur 
bei  einer  bestimmten  i.  e.  mittelmässigen  Gewalt  des  Incitaments  und 
einem  bestimmten  i.  e.  mittelmässigen  Grade  der  Erregbarkeit,  bei  welchem 
die  Stärke  des  Wirkungsvermögens  der  Gewalt  des  Incitaments  proport- 
ional ist,  existirt  gehörig  starke  d.  >h.  normale  Erregung,  mit  anderen 
Worten  absolute  Gesundheit.  Diese  gehörige  Stärke,  also  die  absolute 
Gesundheit ,  wird  gestört ,  sobald  das  Incitament  oder  das  Wirkungsver- 
mögen nicht  mehr  mittelmässig,  nicht  mehr  proportional  sind.  Krankheit 
entsteht  also  aus  Disproportion  beider.  Diesen  Saz  nennt  Röschlaub  die 
FundaniGntaltheorie  der  Medicin.  Alle  krankhaften  Verhältnisse  beruhen 
daher  auf  Hypersthenie  der  Erregung  (bei  zu  gewaltigem  Incitament)  oder 
auf  Asthenie  der  Erregung  (bei  relativ  überwiegender  Erregbarkeit).  Ist  in 
lezterem  Verhältniss  die  Disproportion  durch  absolut  vermindertes  Incita- 
ment eingetreten,  so  ist  es  directe  Asthenie.  Indirecte  Asthenie  entsteht 
(hier  merkliche  Abweichung  von  Brown) ,  wenn  das  Incitament  nur  wegen 


262  Die  Vorbereitung  der  neuen  Zeit. 

relativer  Verminderung  zu  geringe  Gewalt  hat.  Diese  indirecte  Asthenie 
sei  es  namentlich,  welche  auf  jede  gesteigerte  Hypersthenie  folge.  Directe 
und  indirecte  Asthenie  können  aber  auch  gemischt  sein. 

Röschlaub  war  ein  sehr  scharfer  und  logischer  Kopf,  aber  er  war  nicht 
frei  von  dialectischen  Sophistereien.  Seine  Polemik  überschritt  alles  Maass, 
und  nachdem  er  eine  Zeitlang  grossen  Einfluss  genossen,  endete  er  damit, 
sich  mit  aller  Welt  zu  verfeinden, 
weitere  Erreg-  Die  übrigen  Erregungstheoretiker  waren  theils  unbedeutend,  theils  fehlte 

nngst  eoreti  er.  -1^nen  ^jg  (Konsequenz  nnd  manche  fielen  später  von  der  Lehre  ab.     Viele 
haben  zugleich  andere  Elemente  in  ihre  Anschauungen  aufgenommen. 

Einer  der  Gediegensten  unter  den  Erregungstheoretikern  war  Nie- 
meyer (Materialien  zur  Erregungstheorie  1800),  der  schon  im  25. 
Jahre  starb. 

Jos.  Frank  gehörte  zu  den  feurigsten  Vorkämpfern,  vornemlich  so 
lange  er  sich  in  Italien  aufhielt.  Später  verlor  sich  die  Hize ;  er  kam  mit 
Röschlaub  in  Streit  und  warf  sich  aufs  Compendienschreiben. 

J.  H.  Müller  hat  in  einem  4bändigen  Werke  (System  der  gesammten 
Heilkunde  nach  der  Erregungstheorie  1803 —  10)  in  ziemlich  langweiliger 
Weise  die  Lehre  auseinandergebreitet. 

Auch  K.  Sprengel  hat  in  der  dritten  Auflage  seiner  allgemeinen 
Pathologie  sich  mit  der  Erregungstheorie  hefreundet. 

v.  Hoven  hat  eine  Anzahl  Schriften  in  erregungstheoretischem  Sinn 
geschrieben ,  doch  meist  sich  ziemlich  practisch  gehalten. 

Weikard  blieb  ohne  grossen  Einfluss.  E.  Hörn,  einer  der  tüchtig- 
sten und  aufgewektesten  Köpfe,  wandte  sich  bald  mehr  der  Empirie  zu. 
Henke  war  ein  gemässigter  Anhänger.  Auch  A.  F.  Heck  er  war  nicht 
unbedeutend  influencirt. 

Cappel  verband  humoralpathologische  Ansichten  mit  der  Erregungs- 
theorie. 

Nicht  wenige  haben  die  Erregungstheorie  mit  naturphilosophischen 
Tendenzen  verflochten. 

Adalbert  Friedrich  Marcus  in  Bamberg  endlich  (geboren  1755,  ge- 
storben 1816),  war  anfangs  entschiedener  Erregungstheoretiker  (Prüfung 
des  Brown'schen  Systems  an  Krankenbetten  1797 — 1799),  später  wurde 
er  Naturphilosoph.  Zulezt  verfiel  er  in  die  extreme  Idee,  dass  fast  alle 
Krankheiten  Entzündungen  seien,  während  er  sie  zehn  Jahre  vorher  alle 
für  asthenisch  erklärt  hatte  und  selbst  die  Pleuritis  mit  Reizmitteln  be- 
handelte (S.  über  ihn  später). 

Gegner.  Es  konnte  nicht  fehlen,  dass  die  so  anspruchsvolle  und  übermüthige  neue 


Schelling.  263 

Lehre  auf  zahlreichen  Widerstand  stiess.  Zum  grossen  Theil  waren  freilich 
die  Gegner  der  Erregungstheorie  dem  kampffertigen  Röschlaub  und  den 
übrigen  Vertheidigern  der  Brown'schen  Doctrin  an  Gewandtheit  der  Dia- 
lectik  nicht  gewachsen.  Aber  wenn  auch  der  Einzelne  in  dem  harten 
Streite  gegen  die  Theorie  des  Tages  meist  den  Kürzern  zog ,  so  ver- 
mochten diese  sporadischen  Niederlagen  doch  den  unvermeidlichen  Sieg 
unbefangenerer  Anschauungen  nicht  zu  verhindern.  Vieles  von  dem  da- 
mals gegen  die  Theorie  Vorgebrachten,  womit  fast  alle  Zeitschriften  jener 
Zeit  gefüllt  sind,  erscheint  uns  jezt  bedeutungslos  und  trivial;  aber  nichts- 
destoweniger haben  auch  die  schwächeren  Hände  etwas  dazu  beigetragen, 
den  stolzen  aber  hohlen  Bau  zum  Sturze  zu  bringen.  Die  gewichtigsten 
Gegner  des  Systems  waren  die  Practiker  und  Eklektiker,  namentlich  Chr. 
G.  Grüner,  Wedekind,  Stieglitz,  Kreyssig,  Hartroann,  Pfaff  und  Hufe- 
land. Andere  Practiker  haben  mit  Umgehung  eigentlicher  Polemik  den 
theoretischen  Streitigkeiten  einfach  den  Rüken  gewendet  und  ruhig  ihren 
eigenen  Weg  verfolgt. 

Auch  nachdem  die  Erregungstheorie  dem  allgemeinen  Misscredit  ver-  Fortdauernder 
fallen  war,  dauerte  jedoch  in  gutem  und  schlimmem  Sinne  ihre  Wirksam-  Erreln^tiJorie 
keit  noch  fort.  Es  blieben  namentlich  die  Begriffe  der  Erregbarkeit  und 
Reizung  als  wirklich  brauchbare  in  der  Medicin  eingebürgert,  daneben 
aber  auch  die  mehr  oder  weniger  ungerechtfertigten  der  Sthenie  und  Hy- 
persthenie,  der  directen  und  indirecten  Schwäche.  Was  leztere  anbetrifft, 
so  erschien  über  die  Schwäche  1807  einer  der  gediegensten  und  aufge- 
klärtesten Versuche  von  dem  württembergischen  Hofmedicus  Jäger  (über 
dia  Natur  und  Behandlung  der  krankhaften  Schwäche  des  menschlichen 
Organismus). 

Ferner  blieb  von  der  Erregungstheorie  die  irrige  Anschauungsweise, 
dass  sich  gewisse  Eigenschaften  der  organischen  Materie  im  Körper  an- 
häufen können ,  so  die  Erregbarkeit,  die  Irritabilität  und  Sensibilität.  Es 
blieb  ferner  die  Neigung,  welche  in  der  ganzen  deutschen  Medicin 
vorherrschend  blieb,  über  dem  Ganzen  des  Organismus  seine  Theile 
zu  vergessen  und  zu  übersehen,  dass  ein  Ganzes  nur  aus  seinen  Theilen, 
der  Zustand  eines  Organismus  mnur  aus  dem  Zustande  seiner  Organe  er- 
kannt werden  kann. 

Ziemlich   zur   gleichen  Zeit   (1799)    mit  der  Erregungstheorie  trat        Natur- 
Schelling  in  Jena  (geb.  1775  im  Württembergischen;  gest.  1854)  mit    ^^g^' 
dem  Entwurf  eines  Systemes  der  Naturphilosophie  auf,  und  gab  dadurch 
den  Impuls  zur  sogenannten  naturphilosophischen  Schule.     Obwohl  er  in 
vielen  Hauptpunkten  die  Brown'sche  Schule  und  die  Erregungstheoretiker 


264  Die  Vorbereitung  der  neuen  Zeit. 

entschieden  angriff,  so  machten  leztere  doch  im  Anfang  gemeinschaftliche 
Sache  mit  ihm,  ehrten  und  becomplimentirten  die  neue  Naturphilosophie 
auf  jede  Weise,  und  erst  als  Marcus  und  mit  ihm  einer  der  Erregungs- 
theoretiker um  den  anderen  zu  der  naturphilosophischen  Schule  abfiel,  so 
fing  Röschlaub  an ,  auch  gegen  sie  seine  Lanze  zu  richten.  Im  weiteren 
Verlaufe  der  Sache  blieb  dieser  denn  zulezt  ganz  isolirt,  der  eine  Theil 
der  Erregungstheoretiker  vereinigte  sich  vollständig  mit  der  Naturphilo- 
sophie, der  andere  aber  wendete  sich  dem  Eklekticismus  zu. 

Schelling  erklärte  sich  gegen  die  Brown'sche  Aufstellung  der  Erreg- 
barkeit als  essentielles  Merkmal  des  Lebens  und  bezeichnete  die  Natur  der 
organischen  Wesen  dahin,  dass  diese  durch  äussere  Einwirkungen  erregt 
dennoch  in  der  Form  ihres  Seins  bestehe,  die  unorganischen  aber  verwan- 
delt werde  und  ihr  unabhängiges  Sein  verliere. 

Indessen  will  ich  versuchen,  eine  kurze  Skizze  der  Schelling'schen 
Ansichten  aus  jener  Zeit  zu  geben,  insofern  sie  sich  auf  Natur  und  Medicin 
beziehen. 

Es  gibt  keine  höhere  Offenbarung  in  der  Wissenschaft,  Kunst  und 
Religion,  als  die  der  Göttlichkeit  des  All.  Mit  dieser  Offenbarung  fangen 
jene  erst  an.  Nur  wo  man  die  Dinge  aus  dem  All,  aus  der  Einheit  er- 
kannte, hat  man  sie  erkannt;  wo  man  versucht,  sie  in  ihrer  Trennung  zu 
erkennen,  da  sieht  man  die  Wissenschaft  in  weiten  Räumen  veröden, 
Sandkörner  sammeln,  um  ein  Universum  zu  bauen.  Aller  Widerstreit  in 
der  Wissenschaft  rührt  nun  daher,  dass  man  von  der  Idee  der  Einheit 
absieht.  —  Gott  ist  nicht  das  Höchste,  sondern  er  ist  das  schlechthin 
Eine;  er  ist  nicht  anzuschauen  als  Gipfel,  sondern  als  Alles  in  Allem.  Es 
gibt  wahrhaft  und  an  sich  kein  Subject  und  kein  Ich  und  kein  Object  u#d 
kein  Nichtich,  sondern  nur  Eines:  Gott  oder  das  All  und  ausserdem  Nichts. 
Auch  das  Denken  ist  nicht  mein  Denken,  das  Sein  nicht  mein  Sein,  sondern 
alles  ist  nur  Gottes  oder  des  Alls.  Das  Erkennen  des  Alls  geschieht 
durch  die  Vernunft  und  durch  den  Verstand.  Die  Vernunft  ist  kein  Ver- 
mögen ,  kein  Werkzeug ,  das  man  brauchen  kann ,  es  gibt  üherhaupt  nicht 
eine  Vernunft,  die  wir  hätten,  sondern  nur  eine  Vernunft,  die  uns  hat.  Es 
ist  das  schlechthin  Allgemeine,  das  sich  selber  weiss.  Die  Vernunft  hat 
nicht  die  Idee  Gottes,  sondern  sie  ist  die  Idee  Gottes. 

Kaum  ist  aber  aus  der  Fülle  der  Vernunft  die  Idee  Gottes  geboren, 
so  tritt  auch  der  Verstand  hinzu ,  um  Theil  zu  haben  an  diesem  Gut.  Er 
möchte  das,  was  in  jener  Idee  als  ewig  und  absolut  Eins  gesezt  ist,  ge- 
trennt betrachten.  Alle  diese  Abstractionen  des  Verstandes  geben  ihre 
Nichtigkeit  unmittelbar  durch  den  Widerspruch  kund,  den  sie  mit  sich 
führen.  — 


Schelling.  265 

Nach  diesen  grossen  Säzen  über  das  absolut  Eine  und  Unendliche  war 
es  eine  höchste  Schwierigkeit,  endlich  auch  an  das  Einzelne  und  Endliche 
heranzukommen. 

Das  Absolute  ist  ein  Offenbaren ,  Bejahen  und  Wollen  seiner  selbst 
auf  unbegrenzte  Weise ,  in  allen  Formen,  Graden  und  Potenzen  der  Real- 
ität. Diese  Formen  nun,  in  welchen  das  ewige  Wollen  sich  selbst  will, 
sind  für  sich  betrachtet  ein  Vieles  und  jedes  einzelne  Sein  ist  eine  be- 
stimmte Form  des  nur  in  der  Totalität  verwirklichten  Seins  des  Absoluten. 

Die  Materie  als  solche  für  reell  erachten,  ist  die  niedrigste  Stufe  der 
Erkenntniss;  in  der  Materie  dasjenige  erbliken,  was  sie  mit  dem  Unend- 
lichen gemein  hat,  ist  die  zweite;  und  endlich  erkennen,  dass  die  Materie 
überhaupt  nicht  ist,  sondern  dass  nur  die  absolute  Einheit  ist,  ist  die 
höchste  Stufe  oder  die  acht  speculative  Erkenntniss. 

Der  Raum  ist  die  blosse  Form  der  Dinge  ohne  das  Band.  Das  Band 
(die  Copula)  oder  die  Macht,  welche  die  Dinge  in  der  Allheit  zur  Einheit 
verknüpft,  ist  in  der  Natur  die  Schwere.  Die  Schwere  ist  das  Ewige  in 
der  Natur  als  Einheit  in  der  Allheit.  Aber  das  Ewige  muss  auch  in  der 
entgegengesezten  Richtung  als  Allheit  in  der  Einheit  die  Dinge  eben  so 
allgemein  umfassen.  Dieses  zweite  Wesen  besteht  in  dem  allgegenwärt- 
igen Lichtwesen.  Weder  Schwere  noch  Lichtwesen  wirken  für  sich  allein 
in  der  Natur.  Das  eigentliche  Wesen  der  Dinge  ist  immer  das  Identische 
der  Beiden,  die  Copula.  Durch  diess  Verhältniss  des  Lichtwesens  und 
der  Schwere  wird  die  Materie  erzeugt,  welche  der  vollständige  Abdruk  des 
ganzen  Wesens  ist.  Sie  macht  ein  dreifach  ausgebreitetes  und  doch  zur 
Einheit  untrennbar  verkettetes  Ganzes  aus,  in  welchem  die  Formen  ins- 
gesammt  verwirklicht  werden,  die  zu  Folge  des  Wesens  des  Absoluten 
möglich  sind. 

Sowohl  die  grossen  Abtheilungen  der  Materie  als  jeder  einzelne  Theil 
der  Materie  ist  wieder  ein  Abbild  des  dreigestalteten  Ganzen  und  stellt 
sich  in  drei  „Dimensionen"  dar.  In  dem  Reiche  der  Schwere  erscheint 
als  Abdruk  der  Schwere  selbst  das  Feste,  als  Abdruk  des  Lichtwesens  die 
Luft ,  als  Abdruk  des  Bandes  zwischen  beiden  (der  Copula)  das  Wasser, 
von  welchem  alle  Productivität  ausgeht.  In  ähnlicher  Weise  kommt  Schelling 
auf  die  Trinität  des  Magnetismus,  der  Electricität  und  des  Chemismus. 

Auch  im  Organismus  finden  sich  die  drei  Dimensionen  wieder,  der 
ersten  Dimension  entspricht  die  Reproduction,  der  zweiten  die  Irritabilität 
und  der  dritten  die  Sensibilität. 

Die  Schelling'sche  Lehre  von  der  Natur  ist  vornemlich  niedergelegt  in 
seinen  und  Marcus'  Jahrbüchern  der  Medicin  als  Wissenschaft  (1806). 


266 


Die  Vorbereitung  der  neuen  Zeit. 


Naturphilosoph- 
ische Schule. 


Troxler. 


Marcus. 


Die  Schelling'sche  Philosophie  wurde  von  Oken  (1779  —  1851),  Prof. 
in  Jena,  später  in  München  und  Zürich,  auf  die  Naturwissenschaften  an- 
gewandt, von  dem  Professor  der  Theologie  Carl  Christ.  Erhard  Seh mid 
in  Jena  auf  die  Physiologie,  in  etwas  gemässigter  "Weise  von  Döllinger, 
Prof.  in  Würzburg  und  München,  sodann  von  Phil.  Franz  Walt  her,  Prof. 
in  Landshut,  Bonn  und  München  gleichfalls  auf  die  Physiologie  applicirt. 

Die  philosophische  Verarbeitung  der  eigentlichen  Medicin  übernahmen: 

Troxler,  der  bedeutendste  unter  diesen  Phantasten,  defmirt  die 
Krankheit  als  Missverhältniss  der  organischen  Thätigkeit  zu  ihrem  organ- 
ischen Gebilde  (das  Inadäquatsein  der  organischen  Thätigkeit  zu  ihrem 
Exponenten). 

Marcus,  der  sich  besonders  durch  seine  Unwissenheit  auszeichnete, 
verfuhr  noch  plumper.  Seine  specielle  Therapie  fängt  mit  folgender  De- 
finition der  Entzündung  an :  „Entzündung  ist  das  Ergriffensein  des  elec- 
trischen  Moments  in  den  Dimensionen."  Weiterhin  heisst  es  §.  6. :  Die 
Irritabilität  ist  der  Kampf  des  Magnetismus  mit  der  Electricität;  §.  8.: 
die  Arterie  ist  die  positive,  die  Vene  die  negative  Seite  der  Irritabilität! 

Kies  er  (System  der  Medicin  1814)  hält  das  Leben  für  eine  Oscill- 
ation,  eine  Spannung.  Gesundheit  ist  relative  Indifferenz  beider  Principien, 
Krankheit  Abweichen  vom  Normal  durch  Vorwiegen  des  positiven  oder 
negativen  Pols. 

Ferner  gehörten  zu  der  Schule  Eschenmeyer,  Kilian,  sodann  Mal- 
fatti  und  Schmidt  in  Wien,  Himly  in  Göttingen  und  in  etwas  gemäss- 
igten Formen  Nasse  in  Bonn. 

Bald  galt  es  wenigstens  unter  den  jüngeren  Aerzten  als  geistreich,  in  dem 
Schelling'schen  Jargon  zu  raisonniren.  Schelling's  Schüler  griffen  nament- 
lich einzelne  seiner  Säze,  oft  missverstandene  heraus.  Besonders  verarbeitete 
man  den  höchst  unerquiklichen  Dualismus  der  Polaritäten,  wieihnSchelling 
gewiss  nicht  in  Absicht  gehabt  hatte:  Expansion  und  Contraction,  Sauerstoff 
und  Wasserstoff,  Kohle  und  Stikstoff,  Säure  und  Alkali,  negative  und  po- 
sitive Lebensseite,  Receptivität  und  Actuosität,  Subjectivität  und  Object- 
ivität,  Erregbarkeit  und  Materie,  Factoren  und  Exponenten ,  Actu  und 
Potentia,  Idee  und  Substanz,  Kreis  und  Linie;  diese  Gegensäze  und  noch 
viele  andere  findet  man  auf  jeder  Seite  der  naturphilosophischen  Elaborate. 

Dieses  Hereinbrechen  der  Naturphilosophie  hat  für  die  Medicin  nicht 
das  geringste  Nüzliche  geleistet.  Nicht  einmal  die  Opposition  gegen  sie 
hat  etwas  zuwegegebracht.  Vielmehr  trug  sie  nur  dazu  bei,  einerseits 
die  Talente  noch  mehr  von  der  detaillirten  Forschung  abzuziehen,  anderer- 
seits den  Werth  philosophischer  Bildung  für  den  Naturforscher  und  Arzt 
bei  dem  grossen  Haufen  in  Misscredit  zu  bringen. 


Einfluss  der  naturphilosophischen  Schule.  267 

Nur  der  eine  Fortschritt  in  formeller  Beziehung  muss  anerkannt  werden. 
Die  Naturphilosophen,  wie  auch  schon  die  Erregungstheoretiker  bedienten 
sich  fast  ohne  Ausnahme  der  deutschen  Sprache,  die  allein  ihren 
seltsamen  Wendungen  sich  fügte;  und  mit  dieser  Zeit  beginnt  der  definitive 
Sieg  der  Muttersprache  in  denDiscussionen  der  medicinischen  Wissenschaft. 

Die  Naturphilosophie  drang  in  die  Anschauungen  der  meisten  andern 
Richtungen  der  Zeit.  Keine  der  übrigen  theoretischen  Fractionen  in  Deutsch- 
land hielt  sich  ganz  frei  davon.  Selbst  die  entschiedensten  Gegner  nahmen 
da  und  dort  einzelne  ihrer  Ideen  auf.  Am  meisten  aber  verband  sie  sich 
mit  der  spätem  sogenannten  naturhistorischen  Schule  und  mit  der  Para- 
sitentheorie. Schon  Schönlein  war  nicht  wenig  durch  ihren  Einfluss 
gehemmt.  Noch  mehr  trat  diese  bei  den  untergeordneteren  Ausbildern 
der  Parasitenlehre  hervor:  bei  Stark  in  Jena,  Jahn  in  Meiningen.  Auch 
Naumann  in  Bonn  (zumal  in  den  Elementader  physiologischen  Pathologie 
1834)  zeigte  die  naturphilosophische  Färbung. 

Ueberhaupt  hat  die  Naturphilosophie  im  Ganzen  den  Effect  gehabt, 
dass  sie,  wenn  auch  nicht  gerade  zuerst,  aber  am  consequentesten,  als 
Hauptmittel  zur  Erforschung  der  Natur  die  Phantasie  einführte. 

Sie  hat  vornemlich  die  Idee  in  Curs  gesezt,  dass  die  Krankheit  eigent- 
lich ein  Heraustreten  einer  Sphäre  des  Lebens ,  bei  den  Nüchternen  eines 
Organs  aus  dem  Fluss  der  normalen  Erscheinungen  sei.  Wenn  diess  ganz 
allgemein  betrachtet  auch  eine  nicht  ganz  unrichtige  Ansicht  ist ,  so  will 
sie  doch  nicht  viel  sagen.  Auch  Hegel' s  Idee  von  der  Krankheit  ist  die 
gleiche,  wenn  er  sich  ausdrükt:  „Das  Individuum  befindet  sich  im  Zustande 
der  Krankheit,  insofern  eines  seiner  Systeme  oder  Organe  im  Conflict  mit 
der  unorganischen  Potenz  erregt,  sich  für  sich  festsezt  und  in  seiner  be- 
sonderen Thätigkeit  gegen  die  Thätigkeit  des  Ganzen  beharrt ,  dessen 
Flüssigkeit  und  durch  alle  Momente  hindurch  gehender  Process  hiermit 
gehemmt  ist."  Das  Heraustreten  ist  am  Ende  nur  ein  sehr  untergeord- 
netes Nebenmoment  und  ein  solches  Heraustreten  einzelner  Organe  findet 
sich  auch  in  nicht  krankhaftem  Zustande  (z.  B.  Uterus  in  der  Schwanger- 
schaft), und  zwar  in  viel  höherem  Grade  als  in  vielen  Krankheiten  (Fieber). 
Der  Schaden,  der  dadurch  angerichtet  wurde,  war  aber  besonders  der, 
dass  man  mit  der  willkürlichen  Annahme  eines  Heraustretens  einer  Sphäre, 
eines  Organs  für  concrete  Fälle  sich  begnügte  und  alles  weitere  ununter- 
sucht  liess. 

Ferner  hat  die  Naturphilosophie  die  Idee  der  Polarität  ziemlich  fest 
in  den  deutschen  Vorstellungen  sich  einnisten  lassen. 

Sogar  Hartmann,  Medicin  und  Krankheit,  1825,  huldigt  dieser  An- 
sicht, §.  97.     Das  Leben  wird  nicht  durch  Eine  Kraft,  wie  man  ehemals 


268  Die  Vorbereitung  der  neuen  Zeit. 

glaubte,  sondern  durch  Wechselwirkung  zweier  einander  entgegengesezter 
Kräfte  hervorgerufen. 

Damit  hängt  ein  weiterer  Nachtheil  zusammen,  den  die  Naturphilo- 
sophie uns  hinterlassen  hat,  nemlich  das  schrankenlose  Analogisiren.  Am 
weitesten  hat  es  darin  Oken  gebracht.  Aber  auch  manche  andere  glaubten 
darin  ihren  Geist  leuchten  lassen  zu  müssen. 

Bis  auf  die  Darstellung  hat  uns  die  naturphilosophische  Richtung  die 
Wissenschaft  verdorben.  Während  der  englische  und  französische  Arzt 
naiv  und  einfach  den  Thatbestand  angibt,  ist  in  Deutschland  vorzüglich 
durch  die  naturphilosophischen  Ueberschwänglichkeiten  eine  verkünstelte 
und  inhaltslose  Terminologie  geläufig  geworden. 

Sie  hat  den  Worten  einen  Sinn  gegeben,  den  sie  nicht  haben,  und  ein- 
zelnen Körpertheilen  eine  allgemeine  Bedeutung  untergelegt,  der  ihnen 
empirisch  nicht  zukommt ,  so  die  Arteriellität  und  die  Venosität  (Marcus, 
Puchelt),  die  sensitive  Sphäre  und  die  sensitive  Entzündung. 

So  hiess  es :  bei  diesen  Kranken  ist  ein  Ueberwiegen  der  sensitiven 
Sphäre,  oder  die  Sensibilität  hat  auf  Kosten  der  Reproduction  sich  ent- 
wikelt,  oder  die  Arteriellität  ist  vorherrschend  etc.  Ein  durch  und  durch 
verdorbener  Ideengang  und  Wortgebrauch  wurde  dadurch  geläufig.  Manche 
sahen  dann  in  den  kranken  Organen  überdiess  noch  ein  gesteigertes  Leben 
(z.  B.  in  der  Entzündung).  Andere  meinten  sogar  ein  Zurüksinken  auf 
schwächere  Lebensformen  annehmen  zu  müssen,  ein  Stehenbleiben  der 
Entwiklung;  andere  gingen  sogar  so  weit,  ein  wirkliches  Uebertreten  in 
das  Leben  niederer  Thiere,  Moluskeu,  Fische,  Vögel,  anzunehmen,  z.  B. 
Steinheim,  Hofmann,  Ritter  und  Rösch. 

Der  Naturphilosophie  war  es  nicht  um  Einfluss  auf  die  Praxis  zu  thun ; 
ja  sie  zog  sich  vornehm  von  dieser  zurük.  Die  Arbeit  der  philosophischen 
Aerzte  war  am  Schreibtisch.  Diess  war  noch  gewissermaassen  ein  Glük. 
Allein  die  Wirkung  auf  die  Praxis  blieb  doch  nicht  aus.  Zunächst  hatten 
die  medicinischen  Unterrichtsanstalten  mehr  oder  weniger  einen  naturphi- 
losophischen Anstrich  und  von  manchen  Lehrern  wurden  nur  die  sublimsten 
Probleme  und  Speculationen  behandelt;  von  eigentlicher  Medicin  erfuhr  man 
in  den  Schulen  nichts.  Der  Hauptherd  der  Hyperphilosophie  war  Jena, 
es  inficirte  nicht  nur  die  ganze  Umgegend,  sondern  es  konnte  sich  selbst 
bis  in  die  neueste  Zeit  seiner  speculativen  Färbung  nicht  ganz  entledigen. 
Später  wurde  durch  Schelling  die  Naturphilosophie  nach  Würzburg  und 
durch  denselben,  Walther  und  Nasse  nach  Bonn  und  München  verpflanzt; 
am  drolligsten  aber  nahm  sie  sich  in  einigen  Versuchen  in  Wien  aus,  wo 
lediglich  für  sie  kein  Boden  und  keine  Stimmung  vorhanden  war. 

Aber  nicht  nur  die  Schulen,  sondern  die  ganze  Literatur  nahm  einen 


Thierischer  Magnetismus.  269 

naturphilosophischen  Beigeschmak  an.  Wenn  man  auch  nicht  gerade 
speculative  Gedanken  hatte,  so  meinte  man  doch  durch  Wendungen  und 
philosophische  Stichwörter  den  Forderungen  des  Tages  gerecht  werden  zu 
müssen.  Und  so  sind  eine  Zeitlang  fast  alle  medicinischen  Publicationen 
mehr  oder  weniger  ungeniessbar  und  gehen  auf  naturphilosophischen 
Stelzen. 

Endlich  aber  hat  die  völlige  Verflüchtigung  aller  factischen  Grundlage, 
wie  sie  in  der  naturphilosophischen  Schule  statthatte,  sicher  drei  Schwin- 
delrichtungen wesentlich  Vorschub  gethan,  welche  ganz  im  Gegensaz  zu 
der  naturphilosophischen  Zurükhaltung  vor  jeder  Profanation  sich  mit  Be- 
gierde des  Publikums  zu  bemächtigen  suchten,  und  denen  diess  auch  bei 
der  Unbildung  des  Iezteren  in  allen  naturwissenschaftlichen  Dingen  in 
nicht  geringem  Maasse  gelang. 

Schon  in  der  Mitte  des  18.  Jahrhunderts  waren  da  und  dort  Individuen  Thierischer 
aufgetreten,  welche  im  Besize  wunderbarer  natürlicher  Kräfte  zu  sein  be-  agnE 
haupteten.  Ein  System  brachte  in  diese  Geheimnisse  Friedrich  Anton 
Mesmer,  geboren  1734,  der  1764  mit  einer  Dissertation  de  influxu  pla- 
netarum  in  corpus  humanuni  in  Wien  doctorirte,  sofort  in  Wien  practicirte, 
anfangs  vielfach  den  mineralischen  Magnet  anwandte,  später  aber  in  seinen 
eigenen  Händen  eine  weit  wirksamere  Kraft  entdekt  zu  haben  glaubte,  die 
er  thierischen  Magnetismus  nannte.  Er  machte  seine  Erfahrungen  zuerst 
1774  in  einer  Schrift:  Schreiben  an  einen  auswärtigen  Arzt  über  die  Mag- 
netcur  bekannt,  der  er  1775  ein  Schreiben  an  das  Publikum  folgen  Hess. 
Nun  errichtete  er  in  seinem  Hause  ein  kleines  Privathospital  und  lernte 
dabei  die  eigentümliche  Erscheinung  des  Somnambulismus  kennen.  1778 
wandte  er  sich  nach  Paris,  schrieb  dort  sein  Memoire  sur  la  decouverte 
du  Magnetisme  animal  1776  und  ein  Precis  historique  des  faits  relatifs  au 
Magnetisme  animal  1781,  und  legte  seine  angeblichen  Erfahrungen  der 
Academie  der  Wissenschaften  und  der  medicinischen  Fakultät  vor.  So 
wenig  er  bei  diesen  gelehrten  Körperschaften  Anerkennung  fand,  um  so 
grösseres  Glük  machte  er  bei  den  Laien  und  der  Enthusiasmus  für  die 
neue  Entdekung  verbreitete  sich  über  ganz  Frankreich.  Die  Revolution 
machte  dem  ein  Ende  und  Mesmer  selbst  entging  mit  Noth  der  Guillotine. 
Er  flüchtete  in  die  Schweiz,  lebte  dort  ziemlich  zurükgezogen  und 
starb  1815. 

Die  Mesmer'sche  Behauptung  fand  nun  bei  Schelling  selbst  (Jahr- 
bücher 2.  Band,  pag.  3.)  und  bei  einem  Theil  der  naturphilosophischen 
Richtung  die  wärmste  Aufnahme,  bei  den  Eklektikern  wie  Hufeland,  der 
sie  mit  zu  der  von  ihm  ganz  tolerant  behandelten  Medicina  magica  rechnete, 


270  Die  Vorbereitung  der  neuen  Zeit. 

wenigstens  eine  gewisse  Anerkennung.  Unter  den  Freunden  des  Mesmer- 
ismus  sind  namentlich  hervorzuheben  die  mehr  oder  weniger  der  Schelling'- 
schen  Schule  angehürigen  Wienholt,  Wolfart,  Eschenmeyer,  Justinus 
Kerner,  Kieser,  Nasse,  Ennemoser,  Nees  von  Esenbek,  Passavant. 
Eine  voluminöse  Literatur  entstand,  zahlreiche  Zeitschriften  wurden  für 
den  Gegenstand  gegründet  und  es  wurde  eine  Masse  des  abstrusesten, 
überspanntesten  und  trivialsten  Unsinns  zusammengebracht,  wodurch  die 
ganze  Angelegenheit  der,  wie  man  sie  zu  nennen  pflegte,  Nachtseite  der 
Natur  zugleich  auch  reiche  Belege  für  die  Nachtseite  der  Bildung  und  des 
menschlichen  Verstandes  geliefert  hat. 

Hat  die  Entstehung  und  Acceptation  dieser  theils  zur  Befriedigung  der 
Neigung  zum  Seltsamen  und  Unerhörten  dienenden,  theils  besonders  für 
therapeutische  und  selbst  diagnostische  Zweke  ausgebeuteten  phantast- 
ischen Doctrin  als  Zeichen  der  Zeit  einiges  historisches  Interesse,  so  ist 
dagegen  ihr  weiteres  Festhaften  in  den  Köpfen  der  Wundersüchtigen  und 
ihre  bald  rohere ,  bald  schlauere  Benüzung  zur  Behandlung  von  hyster- 
ischen und  ähnlichen  Kranken  nicht  weiter  Gegenstand  irgend  einer  Be- 
rüksichtigung  von  Seiten  der  Wissenschaft. 

Cranioscopio.  Eine  etwas  nüchternere  Schwärmerei  verdankt  ihren  Ursprung  einem 
andern  Wiener  Arzte,  dem  Joh.  Joseph  Gall,  geboren  1758.  Er  machte 
nicht  ungründliche  Untersuchungen  über  das  Gehirn,  und  von  der  Idee 
ausgehend,  dass  die  verschiedenen  geistigen  Fähigkeiten  und  Anlagen  ihre 
speciellste  Localisation  an  der  Oberfläche  des  Organs  haben ,  meinte  er 
aus  der  Beschaffenheit  des  Schädels,  seinen  Vorragungen  undEindrüken  die 
Entwiklung  der  einzelnen  Theile  der  Hirnperipherie  und  damit  die  geistige 
Constitution  des  Individuums  erkennen  zu  können  (Cranioscopie).  Seine 
Vorlesungen  über  den  Gegenstand,  die  er  schon  1796  in  Wien  hielt, 
wurden  verboten  und  nachdem  er  sich  einen  Mann  von  nicht  unbedeutendem 
Talent,  Johann  Caspar  Spurzheim,  für  seine  Lehre  gewonnen  hatte, 
begab  er  sich  mit  diesem  nach  Paris  (1805)  und  starb  dort  1828. 

Auch  diese  Doctrin  fand  in  den  Reihen  der  naturphilosophischen  Schule 
Anhänger,  jedoch  sparsam;  denn  sie  war  nicht  sublim  genug.  Anderer- 
seits Hessen  sich  durch  die  Localisation  und  scheinbare  anatomische 
Grundlage  der  Lehre  einige  nüchterne  Männer  verführen ,  sie  zu  accept- 
iren,  wie  George  Combe,  Broussais.  —  Auch  die  Cranioscopie  hat 
nicht  aufgehört,  bis  in  unsere  Tage  ihre  theils  in  der  Stille  und  Einsamkeit 
grübelnden,  theils  herumziehenden  und  lärmmachenden  Lobpreiser  sich  zu 
erhalten. 

Homöopathie.         Eine  dritte  Lehre  endlich  hat  die  practische  Tendenz  völlig  in  den 


Hahnemann.  271 

Vordergrund  gestellt  und  selbst  die  Verdrängung  jeglicher  bisherigen  Er- 
fahrung sich  zur  Aufgabe  gemacht:  die  sogenannte  Homöopathie. 

Ihr  Stifter,  Samuel  Hahnemann,  wurde  1755  in  Meissen  geboren,    Hahnemann. 
studirte  in  Leipzig  und  darauf  in  Wien  unter  Quarin.    Nachdem  er  1779 
in  Erlangen  promovirt  hatte,  practicirte  er  in  Dessau,  darauf  zu  Gommern 
bei  Magdeburg.     Hier  sollen  die  ersten  Scrupel  gegen  die  Richtigkeit  des 
gewöhnlichen  Heilverfahrens  in  ihm  aufgestiegen  sein,  wesshalb  er  denn 
mehrere  Jahre  der  Praxis  entsagte  und  nur  gelehrten  Studien  lebte.    1790 
übersezte  er  Cullen's  Materia  medica,  wobei  er  zum  Nachdenken  über  die 
antifebrile    Wirkung  der  China  geleitet  wurde.      Er    kam    auf  die  Ver- 
muthung,  sie  könnte  wohl  dadurch  wirken,   dass  sie  einen  dem  Wechsel- 
fieber ähnlichen  Zustand  beim  Gesunden  errege;  er  nahm  mehrere  Tage  je 
zweimal  i\2  Unze  Chinapulver  und  bald  empfand  er  Symptome,  wie  sie  bei 
Wechselfiebern  stattfinden.     Diess  nennt  er  selbst  die  erste  Morgenröthe 
der  neuen  Heillehre.     Er  widmete  sich  nun  wieder  der  Praxis;  da  er  aber 
selbst  dispensiren  wollte,  so  ward  er  von  den  Apothekern  verfolgt  und  von 
Ort  zu  Ort  vertrieben.     1796  machte  er  zum  ersten  Male  seine  Ansichten 
in  Hufeland's  Journal  bekannt  und  schon  im  folgenden  Jahre  theilte   er 
mehrere  homöopathische  Heilungen  mit.     Er  verordnete  die  Mittel  noch 
in  starker  Dose  und  bekannte,  dass  die  günstige  Wirkung  erst  nach  mehr- 
tägiger Verschlimmerung  eintrete.  Sofort  versuchte  er  diese  medicament- 
öse  Verschlimmerung  dadurch  abzukürzen ,   dass  er  die  Mittel  in  immer 
kleineren  Dosen  reichte,  was  er  zugleich  mit  derEntdekung  der  Schuzkraft 
der  Belladonna  gegen  Scharlach  veröffentlichte.     Schon  hatte  die  Polemik 
gegen  ihn  begonnen  und  er  antwortete  mit  einem  scharfsinnigen  und  energ- 
ischen Angriffe  auf  die  Medicin  der  Schule   (in  Hufeland's  Journal  1801). 
1805  gab  er  sein  erstes  grösseres  Werk  Fragmentade  viribus  medicament- 
orum  positivis  sive  in  sano  corpore  observatis  heraus.    Mit  noch  grösserer 
Entschiedenheit  griff  er  die  gangbare  Medicin  in  seinem  Organon  der  rat- 
ionellen Heilkunde  1810  an  und  legte  seiner  Lehre  im  Gegensaz  zur  alten 
Medicin,  die  er  Allöopathie  nannte,  den  Namen  „Homöopathie"  bei.   Erst 
durch  den  neuen  Namen  wurde  der  Streit  gegen  ihn  lebhafter.    Vom  Jahre 
1811  — 1821  ,  wo  er  in  Leipzig  practicirte  und  grossen  Zulauf  hatte,   er- 
schien seine  reine  Arzneimittellehre.     Während  1818  die  Ausübung  der 
Homöopathie  in  Oesterreich  verboten  wurde ,  reisten  selbst  Fürsten  nach 
Leipzig,  um  sich  von  ihm  behandeln  zu  lassen.     Allmälig  traten  nun  auch 
Hahnemann's  Schüler  und  Anhänger  hervor.   Er  selbst  zog  sich  1821  nach 
Köthen  zurük,  gab  dort  1828  seine  chronischen  Krankheiten  heraus.     Im 
Uebrigen  überliess  er  seinen  Anhängern  mehr  und  mehr  den  Schauplaz, 


272 


Die  Vorbereitung  der  neuen  Zeit. 


Hahnemann's 
allgemeinste 
Grundsäzc. 


obwohl  er  viel  an  ihnen  auszusezen  hatte.  1834  wandte  er  sich  nach 
Paris  und  starb  daselbst  1843. 

Seine  Lehre  ist  im  Wesentlichen  folgende : 

Des  Arztes  einziger  Beruf  ist  zu  heilen ,  alles  theoretische  Wissen  ist 
vergeblich.  Der  Arzt  hat  nur  zu  wissen,  was  an  jedem  Krankheitsfall  zu 
heilen  ist,  und  die  Arzneikräfte  zu  kennen,  so  isterein  ächter  Heilkünstler. 
Von  der  Krankheit  selbst  kann  er  nichts  wissen,  als  die  Symptome.  Innere 
Veränderungen  sind  wohl  vorhanden,  aber  diese  Seite  der  Krankheit  ist 
dem  Arzte  verhüllt;  es  ist  unmöglich,  sich  davon  eine  täuschungslose,  un- 
trügerische Vorstellung  zu  machen.  Die  Gesammtheit  der  Symptome  ist 
das  Einzige ,  was  dem  Beobachter  zugänglich  ist  und  an  diese  hat  er  sich 
also  allein  zu  halten.  Mit  der  Wegnahme  der  Symptome  ist  auch  die 
Krankheit  selbst  gehoben  (Hahnemann  verkennt  hienach  ganz  .das  Vor- 
handensein symptomloser  Krankheiten). 

Zwar  ist  in  den  Krankheiten  ursprünglich  die  Lebenskraft  verstimmt, 
aber  diess  ist  nur  aus  Symptomen  zu  erkennen.  Wie  die  Lebenskraft  die 
Symptome  hervorruft,  braucht  der  Heilkünstler  nicht  zu  wissen.  Die  Ge- 
sammtheit der  Symptome  ist  daher  die  einzige  Indication,  die  einzige  Hin- 
weisung auf  ein  zu  wählendes  Mittel. 

Indem  nun  die  Krankheiten  nichts  als  Befindensveränderungen  des 
Gesunden  sind,  die  sich  durch  Krankheitszeichen  ausdrüken,  und  die  Heil- 
ung ebenfalls  nur  durch  Befindensveränderung  des  Kranken  zum  gesunden 
Zustande  möglich  ist,  so  sieht  man  leicht,  dass  die  Arzneien  auf  keine 
Weise  Krankheiten  wieder  heilen  können,  als  indem  sie  die  Kraft  besizen, 
das  auf  Sensationen  und  Thätigkeiten  beruhende  Menschenbefinden  umzu- 
stimmen. Diese  Befindensveränderungskraft  der  Arzneien  kann  bloss  in 
ihrer  Einwirkung  auf  gesunde  Menschen  wahrgenommen  werden.  Die 
krankhaften  Symptome,  welche  die  Arzneien  im  gesunden  Menschen 
erzeugen,  sind  das  Einzige,  woraus  wir  ihre  Krankheitsheilungskraft 
erkennen. 

Die  Arzneien  können  nun  möglicherweise  auf  zweierlei  Art  die  vorher 
bestandene  Krankheit  heilen;  1)  durch  Hervorrufung  eines  anderen  ent- 
gegengesezten  Krankheitszustandes,  Contraria  contrariis:  antipathische 
Methode;  2)  oder  durch  Hervorrufung  eines  dem  Krankheitszustande  mög- 
lichst ähnlichen  (nicht  gleichen)  Zustandes ,  indem  die  vorher  vorhandene 
natürliche  Krankheit  sich  sofort  in  dieser  künstlichen,  ihr  ähnlichen  auf- 
löst: Similia  similibus,  homöopathische  Methode.  Die  Allöopathie  oder 
die  alte  Medicin  ist  nur  eine  übelverstandene,  unbewusste  und  inconsequente 
Abart  der  ersten  Methode.  Die  Erfahrung  lehrt  nun,  dass  durch  anti- 
pathische Cur  zwar  vorübergehend  die  Symptome  gemindert  oder  scheinbar 


Hahnemann.  273 

gehoben  werden,  dass  sie  aber  nachher  nur  um  so  heftiger  wiederkommen, 
dass  sie  also  immer  oder  fast  immer  nur  eine  palliative  und  zugleich 
schädliche  Cur  ist. 

Es  bleibt  daher  keine  andere  hilfeversprechende  Curmethode  übrig, 
als  die  homöopathische,  und  die  Erfahrung  lehrt,  dass  wirklich  diejenige 
Arznei,  welche  in  ihrer  Einwirkung  auf  gesunde  menschliche  Körper  die 
meisten  Symptome  in  Aehnlichkeit  erzeugt,  wie  sie  in  dem  zu  heilenden 
Krankheitsfälle  zu  finden  sind,  dass  diese  Arznei  in  gehörig  potenzirter 
Dose  auch  die  Gesammtheit  der  Symptome,  die  ganze  gegenwärtige  Krank- 
heit schnell,  gründlich  und  dauerhaft  hebe  und  in  Gesundheit  verwandle. 
Diess  beruht  auf  dem  Naturgeseze ,  dass  eine  schwächere  dynamische 
Affection  von  einer  stärkeren  (d.  h.  arzneilichen)  dauerhaft  ausgelöscht 
wird,  wenn  diese  jener  sehr  ähnlich  in  ihrer  Aeusserung  ist.  Bei  üblem 
Geruch  wirkt  z.  B.  weder  Musik  noch  Zukerbrod ,  sondern  Schnupftabak. 
Durch  fernen  Kanonendonner  in  Furcht  gesezte  Soldaten  werden  nicht 
durch  ein  glänzendes  Montirungsstük,  noch  durch  einen  Verweis,  wohl  aber 
durch  die  homöopathische  Wirkung  des  Trommelschlages  von  der  Furcht 
curirt. 

Während  die  homöopathisch  richtig  gewählten  Mittel  unfehlbar  jede 
Krankheit  heilen,  so  haben  die  nicht  homöopathischen  Curen  besonders 
bei  chronischen  Krankheiten  entweder  gar  keine  Wirkung ,  oder  sie  rufen 
eine  Arzneikrankheit  hervor,  die  zwar  für  den  Augenblik  die  natürliche 
Krankheit  unterdrükt,  wenn  sie  aber  weicht,  die  leztere  wieder  zum  Vor- 
schein kommen  lässt,  oder  endlich  es  mischt  sich  die  alte  Krankheit  mit 
der  neuen  und  Kunstkrankheit  des  allöopathischen  Arztes  und  macht  so 
einen  complicirten  Zustand.  Diese,  sagt  Hahnemann  §.  75.,  durch  die 
allöopathische  Unheilkunst  hervorgebrachten  Verhunzungen  des  mensch- 
lichen Befindens  sind  unter  allen  die  traurigsten,  unheilbarsten  chronischen 
Krankheiten,  und  ich  bedaure,  dass  sie  zu  heilen,  wenn  sie  zu  einiger  Höhe 
getrieben  worden  sind,  wohl  nie  Mittel  scheinen  erfunden  oder  erdacht 
werden  zu  können.  Nur  gegen  natürliche  Krankheiten  hat  uns  der  All- 
gütige Hilfe  durch  die  Homöopathie  geschenkt,  aber  jene ,  durch  falsche 
Kunst  schonungslos  erzwungenen,  oft  jahrelangen  Verhunzungen  und  Ver- 
krüppelungen müsste  die  Lebenskraft  selbst  wieder  zurüknehmen,  wenn 
sie  nicht  schon  zu  sehr  durch  solche  Unthaten  geschwächt  worden  wäre, 
und  wenn  sie  mehrere  Jahre  auf  dieses  ungeheure  Geschäft  ungestört  ver- 
wenden könnte.  Eine  menschliche  Heilkunst  zur  Normalisirung  jener  un- 
zähligen, von  der  allöopathischen  ünheilkunst  oft  angerichteten  Tnnormal- 
itäten  gibt  es  nicht  und  kann  es  nicht  geben.  Unterliegt  endlich  der  Kranke, 

Wunderlich,  Geschichte  d.  Medicin.  Jg 


274 


Die  Vorbereitung  der  neuen  Zeit. 


Acute 
Krankleiten. 


Chronische 

Krankheiten. 


so  pflegt  der  Vollender  einer  solchen  Cur  bei  der  Leichenöffnung  diese 
inneren  organischen  Verunstaltungen ,  die  seiner  Unkunst  die  Entstehung 
verdanken,  recht  schlau,  als  ursprüngliches,  unheilbares  Uebel  den  trost- 
losen Angehörigen  vorzuzeigen.  Die  anatomischen  Pathologien  mit  Ab- 
bildungen, täuschenden  Andenkens,  enthalten  die  Producte  solcher  jämmer- 
lichen Verpfuschungen  (Hahnemann  selbst  vermied  es  stets,  Sectionen 
anzuwohnen). 

Die  homöopathische  Curmethode  similia  similibus  entgegen  zu  sezen, 
ist  also  die  allein  sich  eignende  unter  allen  Umständen,  mit  einziger  Aus- 
nahme dringender  Fälle,  wo  Lebensgefahr  und  die  Nähe  des  Todes  dem 
homöopathischen  Hilfsmittel  keine  Zeit  zum  Wirken  gestattet. 

Die  acuten  Krankheiten  sirid  alle  entweder  durch  äusserliche  Schäd- 
lichkeiten, wie  tellurische  Einflüsse,  Contagien,  Miasmen  entstanden,  oder 
aber  sie  werden  durch  verschiedene  Vergehen  in  der  Diät  und  dem  Lebens- 
wandel veranlasst,  Erkältungen,  Erhizungen,  Ausschweifungen,  Entbehr- 
ungen, Strapazen  u.  s.  f.  Die  lezteren  sind  aber  eigentlich  nur  die  Ver- 
anlassung zu  der  Erkrankung,  denn  selbst  die  acute  Krankheit  ist  nichts 
weiter,  als  eine  Aufloderung  latenter  Kräze ,  welche  von  selbst  wieder  in 
ihren  Schlummerzustand  zurükkehrt,  wenn  die  acute  Krankheit  nicht  allzu- 
heftig war  und  bald  wieder  beseitigt  wird  (§.  73.). 

Die  chronischen  Krankheiten  sind  theils  die  schon  erwähnten  Arznei- 
krankheiten, die  auf  Schuld  der  Allöopathie  fallen;  die  übrigen  sind  von 
einem  chronischen  Miasma  entstanden  und  nehmen,  wenn  nicht  homöo- 
pathische Hilfe  eintritt,  immer  zu,  quälen  den  Kranken  bis  an  das  Ende 
seines  Lebens  und  reiben  ihn  zulezt  auf.  Solcher  chronischen  Miasmen 
gibt  es  drei:  1)  die  Syphilis;  2)  die  Feigwarzenkrankheit;  3)  alle  übrigen 
chronischen  Uebel,  mögen  sie  Namen  haben,  mögen  sie  Erscheinungen 
darbieten,  welche  sie  wollen,  kommeu  von  der  Kräze  her  (Psora).  „Zwölf 
Jahre,"  sagt  Hahnemann,  „brauchte  ich  dazu,  um  die  Quelle  jener  un- 
glaublich zahlreichen  Menge  langwieriger  Leiden  aufzufinden  und  diese  der 
ganzen  Vor-  und  Mitwelt  unbekannt  gebliebene  grosse  Wahrheit  zu  er- 
forschen und  zur  Gewissheit  zu  bringen,  dass  die  Psora  ihre  einzig  wahre 
Grundursache  und  Erzeugerin  ist,  und  zugleich  die  vorzüglichsten  anti- 
psori>chen  Mittel  zu  entdeken ,  welche  zusammen  diesem  tausendköpfigen 
Ungeheuer  von  Krankheit  grösstentheils  gewachsen  sind." 

Dadurch  nun,  dass  dieser  uralte  Anstekungszunder  nach  und  nach  in 
einigen  hundert  Generationen  durch  viele  Millionen  menschlicher  Organ- 
ismen ging,  wird  Hahnemann  begreiflich,  wie  er  sich  in  so  unzähligen 
Krankheitsformen  entfalten  konnte.      Für  gewöhnlich  ist  das  Psoragift 


Hahnemann.  275 

latent;  von  Zeit  zu  Zeit  aber  bricht  es  acut  aus  oder  macht  allmälig 
chronisches  Siechthum. 

Troz  dieser  entdekten  Universalursachen  bleibt  es  für  den  horaöopath-      Symptomen- 

•  •  aufnähme. 

ischen  Arzt  immer  unerlässlich,  in  einem  jeden  Krankheitsfälle  eine  strenge 
Individualisirung  eintreten  zu  lassen,  da  nie  zwei  Fälle  einander  gleichen, 
wenn  sie  auch  die  alte  Schule  unter  demselben  Namen  zusammenwirft. 
Besonders  ist  die  genaueste  individualisirende  Untersuchung  eines  Krank- 
heitsfalles bei  den  chronischen  Krankheiten  nothwendig,  wozu  der  Arzt 
übrigens  weder    anatomischer   noch    physiologischer  Kenntnisse    bedarf, 
noch  etwas  von  der  speciellen  Pathologie  zu  wissen  braucht,   sondern  nur 
'Unbefangenheit  und  gesunden  Sinn,  Aufmerksamkeit  im  Beobachten  und 
Treue  im  Aufzeichnen  des  Bildes  der  Krankheit  nöthig  hat.     Aber  auch 
diese  Eigenschaften  sind  schliesslich  überflüssig,  denn  Hahnemann  hatte 
es  am   liebsten ,  wenn   der  Kranke  selbst  die  Symptome  aufzeichnete  und 
sofort  schriftlich  mit  ihm  verkehrte.     Sieht  der  Homöopath  den  Kranken 
selbst,  so  empfiehlt  Hahnemann,  alle  Symptome,  die  er  sieht,  bemerkt  und 
vom  Kranken  sich  erzählen  lässt,  ohne  diesen  durch  Fragen  zu  unter- 
brechen, sogleich  zu  Papier  zu  bringen.     Die  einzige  Ermahnung,  die  der 
Arzt  Hch  erlauben  darf,  ist  nath§.  84.,  dass  der  Kranke  langsam  spreche, 
damit  jener  gut  nach  ehr  iben  kö.  ne.     Erst  nach  vollendeter  Erzählung 
des  Kranken  kann  der  Arzt  über  einzelne  Symptome  nähere  Erkundig- 
ung einziehen. 

Bei  den  seuchenhaften  Krankheiten  muss  man  sich  erinnern,  dass  nicht 

jeder  Kranke  sämmtliche  Symptome  zeigt;  hier  muss  man  die  fehlenden 

von  den  andern  Fällen  her  ergänzen,  um  das  Bild  der  Seuche  zu  erhalten. 

Mit  dieser  Symptomenaufnahme  des  Krankheitsfalles  ist  die  schwerste 

Arbeit  geschehen. 

Das  zweite  Geschäft  betrifft  nun  die  Erforschung  der  Heilmittel  und  Erforschung  der 
ihrer  krankmachenden  Kraft.  Diese  erfährt  man  nur  aus  ihrer  Wirkung 
auf  gesunde  Individuen.  Man  findet  dabei  zweierlei  Wirkungen:  1)  die 
Erstwirkung  der  Arznei ,  bei  welcher  sich  die  Lebenskraft  bloss  empfäng- 
lich zu  verhalten  pflegt  und  wie  gezwungen  durch  die  fremde  Potenz  ihr 
Befinden  umändern  lässt;  2)  die  Kachwirkung,  wenn  sich  die  Lebenskraft 
wieder  ermannt  hat  und  einen  der  Erstwirkung  gerade  entgegengesezten 
oder  sie  auslöschenden  Zustand  hervorruft.  Die  Kachwirkung  der  Arz- 
neipotenz fällt  weg,  wenn  die  Gabe  gehörig  klein  gewählt  wird;  wo  da- 
gegen die  Gabe  zu  gross  ist ,  tritt  sogleich  die  Nachwirkung  ein  und  die 
Erstwirkung  wird  vereitelt.  So  bei  allen  Purganzen  und  Vomitiven ;  hier 
wird  der  Organismus  genöthigt,  das  Mittel  in  revolutionärer  Weise  von 
sich  zu  spuken. 

18* 


276  Die  Vorbereitung  der  neuen  Zeit. 

Um  nun  die  Kräfte  der  einzelnen  Arzneimittel  zu  prüfen,  werden  ge- 
sunden Individuen  die  Mittel  in  massigen  bis  kleinsten  Dosen  gereicht. 
Nun  werden  alle  Empfindungen  und  veränderten  Thätigkeiten  der  Personen, 
mit  welchen  experimentirt  wird,  bis  ins  Einzelnste  notirt,  nicht  ein  Bild  des 
Zustandes  entworfen,  sondern  jedes  einzelne  Symptom  in  kurzen  Säzen 
hinter  einander  gereiht,  wobei  häufig  ganz  unbedeutende  Modificationen 
derselben  Empfindung  neben  einander  aufgezählt  werden.  Solcher  Symp- 
tome sind  bei  den  meisten  Arzneimitteln  wenigstens  tausend  aufgezählt, 
bei  Phosphor  zweitausend.  Diese  langen  Listen  nun  soll  der  homöopath- 
ische Arzt  mit  der  Liste  der  Symptome  des  Krankheitsfalles  vergleichen, 
um  das  rechte  Mittel  herauszufinden;  eben  .auf  die  richtige  Wahl  kommt' 
Alles  an;  denn  es  gibt  keine  gleich  wirkenden  Mittel  nach  Hahnemann,  es 
gibt  keine  Surrogate,  immer  ist  nur  ein  Mittel  das  richtige. 
Anwendungsweiso  Ist  das  rechte  Mittel  gefunden,  so  kommt  der  dritte  Punkt  des  Ge- 
schäftes eines  ächten  Heilkünstlers,  die  Auffindung  der  zwekmässigsten 
Anwendungsart  der  Arzneipotenz  zur  Heilung  der  natürlichen  Krankheit. 
Hat  eine  Krankheit  nicht  allzu  lange  gedauert,  so  wird  sie  gemeiniglich 
durch  die  erste  Gabe  des  richtig  nach  Symptomenähnlichkeit  gewählten 
Arzneimittels  ohne  bedeutende  Beschwerde  gehoben  und  ausgelöscht. 
Indessen  gibt  es  fast  kein  auch  noch  so  passend  gewähltes  homöopath- 
isches Heilmittel,  welches  vorzüglich  in  zu  wenig  verkleinerter  Gabe  nicht 
einige  Arzneisymptome  bei  sehr  reizbaren  und  feinfühlenden  Kranken  zu- 
wegebringen sollte,  weil  es  fast  unmöglich  ist,  dass  Arznei  und  Krankheit 
in  ihren  Symptomen  sich  mathematisch  deken.  Jedoch  hat  diess  nicht  viel 
zu  sagen.  Die  Arzneisymptome  verschwinden,  wenn  sie  unbedeutend  sind, 
bald  wieder,  und  eine  kleine  homöopathische  Verschlimmerung  in  den 
ersten  Stunden  nach  der  Darreichung  des  Mittels  ist  sogar  von  guter  Vor- 
bedeutung. Je  kleiner  die  Gabe  des  homöopathischen  Mittels  aber,  desto 
kleiner  und  kürzer  ist  auch  diese  anscheinende  Verschlimmerung.  Bei  den 
chronischen  psorischen  Krankheiten  tritt  die  Verschlimmerung  oft  erst 
nach  mehreren  Tagen  ein.  Die  Arznei,  d.  h.  die  einzige  Gabe,  muss  hier 
mehrere  Tage,  selbst  Wochen  lang  wirken;  nur  zuweilen  ist  es  nothwendig, 
nach  Tagen  und  Wochen  eine  neue  Dosis  nachzugeben.  Die  Zeit  der 
Wiedergabe  richtet  sich  nach  der  Art  des  Mittels. 

Sollte  man  in  einem  einzelnen  Falle  kein  vollkommen  entsprechendes 
homöopathisches  Mittel  finden,  so  werden  die  Beschwerden  auch  nur  theil- 
weise  gehoben,  und  es  wird  oft  nöthig,  später  ein  zweites  oder  selbst  drittes 
Mittel  nachzuschiken.  Diess  sowohl  als  die  Wiederholung  ist  nur  dann 
gestattet,  wenn  die  Besserung  sistirt  wird  oder  die  Zufälle  wieder  zu- 
nehmen; denn  so  lange  der  Kranke  in  der  Besserung  Fortschritte  macht, 


Hahnemann.  277 

darf  kein  Mittel  gereicht  werden,  indem  solches  nur  die  Besserung  stören 
würde.  Nur  wenn  die  Besserung  gar  zu  langsam  geht,  darf  auch  die  Dose, 
aber  nur  sehr  feiner  Mittel,  wiederholt  werden.  So  z.  B.  behandelt  man 
einen  frisch*  entstandenen  Kräzausschlag  mit  einem  alle  sieben  Tage  ge- 
reichten Decillionstel  Gran  Tinctura  sulphuris,  und  in  frischer  Syphilis 
sind  meist  2  —  3  Dosen  metallisches  Queksilber,  je  zu  einem  Decillionstel 
Gran,  nothwendig. 

Die  Hauptsache  ist  aber  immer ,  dass  die  Arzneien  in  ihrer  Vollkraft-  Dosirung  und 
igsten  und  ächtesten  Weise  angewendet  werden.  Die  Substanzen  des  Potenziriine- 
Thier-  und  Pflanzenreichs  sind  in  ihrem  frischen  und  rohen  Zustande  am 
arzneilichsten.  Am  zwekmässigsten  ist  es ,  aus  der  ganz  frischen  Pflanze 
den  Saft  auszupressen  und  diesen  Saft  sogleich  mit  gleichen  Theilen  starken 
und  reinen  Weingeistes  zu  vermischen.  Um  nun  aber  die  geistartigen 
Arzneikräfte  recht  zu  entwikeln  und  zu  einem  vordem  unerhörten  Grade 
zu  steigern ,  bedarf  es  einer  eigentümlichen  Behandlung  derselben ,  wo- 
durch auch  solche  Substanzen  heilkräftig  werden ,  die  in  rohem  Zustande 
gar  keine  Wirkung  haben.  Zwei  Tropfen  von  obigem  mit  Weingeist  ver- 
mischten Safte  werden  mit  98  Tropfen  Weingeist  verdünnt  und  mittelst 
zweier  Schüttelschläge  potenzirt  als  erste  Kraftentwikelung  und  so  durch 
noch  29  Gläser  hindurch,  deren  jedes  mit  99  Tropfen  Weingeist  zu  drei 
Vierteln  angefüllt  ist,  dergestalt,  dass  jedes  folgende  Glas  mit  einem 
Tropfen  des  vorigen  geschüttelten  Glases  versehen  wird,  um  es  dann  gleich- 
falls zweimal  zu  schütteln,  und  ebenso  wird  auch  zulezt  die  30.  Kraftent- 
wiklung,  die  potenzirte  Decillionsverdünnung  hervorgebracht,  welche  die 
zwekmässigste  ist.  Durch  mehreres  Schütteln  würde  noch  mehr  potenzirt 
werden;  allein  das  Verfahren  würde  ungenau. 

Andere  Stoffe,  Metalle,  trokene  Pulver,  Mittelsalze,  Phosphor  werden 
erst  durch  dreimal  je  einstündiges  Reiben  von  1  Gran  mit  je  100  Gran 
Milchzuker  zur  millionfachen  Pulververdünnung  potenzirt,  von  dieser  dann, 
und  zwar  auch  bei  unlöslichen  Substanzen,  ein  Gran  in  Weingeist  gelöst 
und  durch  27  Verdünnungsgläser  auf  ähnliche  Weise  wie  bei  den  Pflan- 
zensäften bis  zur  30.  d.  h.  Drillionstel  Kraftentwiklung  gebracht. 

Ein  Tropfen  von  der  lezten  Verdünnung  wird  auf  Milchzuker  genommen, 
oder  auch  ein  kleines  Streukügelchen,  deren  man  tausend  mit  einem  Tropfen 
befeuchten  kann ,  damit  benezt  und  daran  gerochen.  Mit  einem  solchen 
einfachen  Riechen  an  dem  Decillionstel  Gran  Kieselerde  heilt  man  unter 
vielem  Andern  den  Kopfgrind,  die  Kahlköpfigkeit,  den  grauen  Staar,  die 
Amaurose,  das  nächtliche  Bettpissen,  den  übermässigen  Geschlechtstrieb, 
den  Husten  mit  Eiterauswurf,  den  stinkenden  Fussschweiss,  die  chronischen 


278  Die  Vorbereitung  der  neuen  Zeit. 

Fussgeschwüre ,  ängstliche  Träume ,  die  Unfähigkeit  zum  Denken  und 
vieles  Gähnen. 

Mit  Sulphur  werden  geheilt  unter  Anderm  die  Furchtsamkeit,  religiöse 
fixe  Ideen,  Kurzsichtigkeit  und  stumpfes  Gehör,  Zahnweh  und  Heisshunger, 
Bluthusten  und  gelbe  Fleke  am  Körper,  Kräze  und  Schläfrigkeit,  Impotenz, 
Vorfall  des  Mastdarms  und  kalte  Füsse. 

Durch  Phosphor  werden  Scheu  vor  der  Arbeit  und  Leistenbrüche,Magen- 
drüken  und  Hämorrhoidalknoten,  stinkender  Athem  und  Bandwurm,  un- 
ablässiger Drang  zum  Beischlaf  und  Unterköthigkeitsschmerz  der  Sohlen 
beim  Gehen  beseitigt. 

Die  Erfahrung  zeigt  durchgängig,  dass  die  Gabe  des  homöopathisch 
gewählten  Heilmittels  niemals  so  klein  gewählt  werden  kann,  dass  sie  nicht 
noch  stärker  wäre,  als  die  natürliche  Krankheit;  und  sie  nicht  wenigstens 
zum  Theil  zu  überstimmen,  auszulöschen  und  zu  heilen  vermöchte  (§.  279.). 
„Es  gibt  keinen  Fall  von  dynamischer  (d.  h.  nach  pag.  176  des 
Organon  5te  Aufl.  „aller  nicht  chirurgischer")  Krankheit  in  der 
Welt,  den  Todeskampf,  das  hohe  Alter  und  die  Zerstörung 
eines  nothwendigen  Theils  ausgenommen,  deren  Symptome  in  den 
Wirkungen  einer  Arznei  in  grosser  Aehnlichkeit  angetroffen  werden,  welche 
nicht  durch  diese  Arznei  schnell  und  dauerhaft  geheilt  würde" 
(Reine  Arzneimittellehre  2.  Theil,  pag.  21.). 
Diät.  Neben  diesen  Arzneien  ist  noch  die  Diät  zu  berüksichtigen ,  die  in 

acuten  Krankheitsfällen  sich  nach  dem  Instinct  richtet,  in  chronischen  da- 
gegen methodisch  sein  muss.  „Die  sanften  Flötentöne,"  sagt  Hahnemann 
(Organon,  §.  259.),  „die  aus  der  Ferne  in  stiller  Mitternacht  ein  weiches 
Herz  zu  überirdischen  Gefühlen  erheben,  werden  unhörbar  und  vergeblich 
unter  fremdartigem  Geschrei  und  Tagesgetöse;  ebenso  die  Wirkung  der 
Arzneien,  wenn  sie  durch  fremdartige  Einwirkung  gestört  wird."  Daher 
sind  eine  Menge  Dinge  zu  vermeiden :  Apotheken,  Kaffee,  Thee,  Liqueure, 
Punsch,  Riechwasser  und  Parfümerien,  stark  duftende  Blumen,  Zahnpulver, 
gewürztes  Bakwerk,  grüne  Gemüse. 
Gegner  Viele  Gegner  sind  gegen  Hahnemann  und  seine  Lehre  aufgetreten  und 

haben  bald  gewandt,  bald  plump,  mit  Ernst  oder  mit  Hohn  die  Neuerung 
angegriffen.  Im  Ganzen  haben  sie  eher  dazu  beigetragen ,  den  Ruf  der 
Homöopathie  zu  verbreiten.  Bekehrt  hat  man  wohl  selten  durch  Streit- 
schriften einen  Anhänger  der  Lehre ,  und  der  Laie  urtheilt  nur  zu  gerne, 
dass  das,  was  man  eines  Angriffs  würdigt,  kein  vollständiges  Hirngespinnst 
sein  könne.  Die  Gegner  haben  zumal  darin  gefehlt ,  dass  sie  als  Partei 
sich  der  Homöopathie  gegenüber  stellten.  Freilich  war  der  Zustand  der 
damaligen  Medicin  selbst  ein  solcher,  da>s  sie   Hahnemann   und  seinen 


Hahnemann's. 


Hahnemann. 


279 


Anhängern  die  faule  Methode  ihrer  Erfahrung  und  ihrer  Argumentation 
kaum  zum  Vorwurf  machen  durfte.  Die  angeblichen  Thatsachen  und 
Schlüsse  der  sogenannten  Homöopathen  sind  derselben  liederlichen  Art 
der  Beobachtung  und  Logik  entsprungen ,  durch  welche  die  Medicin  aller 
Zeite  so  viel  nuzlosen  und  schädlichen  Ballast  sich  aufgeladen  hat.  So 
waren  die  Gegner  in  einer  schiefen  Stellung.  Die  Vorwürfe,  die  sie  Hah- 
nemann machten,  trafen  sie  selbst  eben  so  gut.  Das  Modewerden  der 
neuen  Lehre  konnten  sie  ohnediess  nicht  verhindern ;  denn  niemals  darf 
man  erwarten,  dass  das  Publikum,  dem  meist  die  logische  Bildung  und 
immer  die  Einsicht  in  die  Thatsachen  fehlt,  durch  wissenschaftliche  Gründe 
und  Widerlegungen  überzeugt  werden  kann.  In  allen  solchen  Dingen  ist 
nur  auf  die  Wandlungen  der  Zeit  und  auf  das  schliesslich  doch  nicht  aus- 
bleibende Erwachen  des  öffentlichen  Schamgefühls  zu  hoffen. 

Eine  Critik  der  Hahnemann'schen  Lehre  erscheint  völlig  überflüssig. 
Die  einfache  ungeschminkte  Darstellung  der  Doctrin  ist  ihr  strengstes 
Gericht,  das  mit  Worten  nicht  geschärft  werden  kann.  Wer  das  Willkür- 
liche der  Prämissen ,  die  Fehler  der  Logik  und  der  Beobachtungsmethode 
und  das  Abenteuerliche  des  Verfahrens  an  einem  so  massiven  Beispiele 
nicht  selber  zu  erkennen  vermag,  für  den  bleibt  jede  Belehrung 
hoffnungslos. 

Man  darf  aber  Hahnemann's  Begabung  nicht  zu  gering  schäzen. 
Scharfsinn,  jede  Schwäche  des  Gegners  zu  bemerken  und  zu  benüzen, 
Energie,  jeden  wirklichen  oder  scheinbaren  Sieg  zu  verfolgen,  vor  allem 
aber  ein  gewisses  demagogisches  Talent,  das  überall  die  volksthümlichen 
Neigungen  und  Vorurtheile  zu  verwerthen  weiss,  dem  Unkundigen  schmei- 
chelt und  den  Sachverständigen  herunterreisst,  das  den  Besiz  mit  Glük 
zu  verdächtigen  versteht,  das  für  den  Gedankenlosen  zur  rechten  Zeit  ein 
Schlagwort  bereit  hält,  die  Beweise  durch  nichtssagende  aber  überraschende 
Beispiele  aus  dem  gemeinen  Leben  führt  und  schliesslich  bei  aller  inner- 
lichen Verachtung  der  blinden  Massen  doch  überall  an  ihr  Urtheil  appellirt 
—  alle  diese  für  einen  Mann  der  Revolution  höchst  brauchbaren  und  förder- 
lichen Fähigkeiten  und  Eigenschaften  sind  ihm  in  hohem  Grade  geläufig. 

Auch  fand  seine  Lehre  bald  auf  den  verschiedensten  Punkten  Sym- 
pathien ;  zumal  unter  dem  grossen  Publikum  wurde  vielfach  mit  Leiden- 
schaft Partie  für  die  sogenannte  neue  Medicin  genommen.  Die  Motive  für 
diese  Vorliebe  zahlreicher  Laien  waren  die  heterogensten.  Der  Liebhaber 
des  Mystischen  wurde  augezogen,  weil  ihm  ein  neues  unerhörtes  Geheim- 
niss  der  Natur,  die  Steigerung  der  Kraft  durch  Theilung  der  Materie ,  ge- 
offenbart wurde ;  der  Gegner  des  Materialismus  und  der  sinnlichen  Auffass- 
ung fand  seine  Befriedigung  durch  den  Hohn,  mit  dem  jede  reelle  Unter- 


Hahnemann's 
ungewöhnliche 


Hahnemann's 
Erfolge. 


280  Die  Vorbereitung  der  neuen  Zeit. 

suchung  behandelt  wurde.  Das  gläubige  Gemüth  wurde  erbaut,  weil  ihm 
etwas  Unbegreifliches,  also  um  so  mehr  auf  Glauben  Anspruch  machendes 
geboten  wurde;  ja  selbst  die  Vergleichung  der  neuen  Lehre  mit  dem  Pro- 
testantismus im  Gegensaz  zur  alten  oder  katholischen  Medicin  führte 
Anhänger  in  das  Lager  der  Homöopathen.  Wer  ohne  grosses  Nachdenken 
sich  für  einen  Verehrer  der  Natur  hielt  und  erklärte,  war  satisfacirt,  weil 
in  dem  System  der  Natur  keine  Gewalt  angethan  werde ;  und  wer  der 
Toleranz  sich  rühmte,  wollte  wenigstens  beide  Parteien,  wie  man  es  nannte, 
gewähren  lassen.  Der  Revolutionär  ward  durch  den  schonungslosen  An- 
griff auf  das  Bestehende  und  das  Herkommen  gewonnen,  der  Liberale  durch 
die  polizeilichen  Verfolgungen  und  Unterdrükungen  der  Lehre;  für  die 
Aengstlichen  unter  den  Conservativen  schienen  die  strengen  Vorschriften 
der  Homöopathen  weniger  gefährlich,  als  der  Schein  von  Anarchie,  welchen 
die  freie  Bewegung  der  Wissenschaft  mit  sich  bringt.  Manchen  imponirte 
die  strenge  Diät;  andere  waren  froh,  statt  übelschmekender  Arzneien  nur 
selten  ein  harmloses  Streukügelchen  nehmen  zu  müssen.  Besonders  Kluge 
brachten  heraus,  dass  die  Homöopathie  wenigstens  für  gewisse  Krankheiten 
nüzlich  sei;  Andere  wechseln  überhaupt  gerne  einmal  mit  dem  Arzte  und 
seiner  Methode,  weil  sie  niemals  dazu  gelangen,  die  Aufgabe  und  die 
Mittel  der  Heilkunde  zu  begreifen.  Manchen  imponirte  der  Erfolg  der  Ho- 
möopathie bei  selbstheilenden  Krankheiten  oder  die  Besserung  solcher, 
welche  übertrieben  mit  Medicamenten  gefüttert  waren.  Schwerkranke  und 
Unheilbare  griffen  nach  jedem  Strohhalm,  der  ihnen  Hilfe  versprach,  und 
im  Hilfeversprechen  sind  die  Homöopathen  niemals  blöde  gewesen. 
Adhäsion  unter  Auch  von  Seiten  der  Aerzte  zeigte  sich  allmälig  eine  wachsende  Ad- 

häsion. Hufeland  in  seiner  eklektischen  Bereitwilligkeit,  überall  zu  ver- 
mitteln, war  einer  der  Ersten,  der  „etwas  Wahres"  an  der  Sache  fand. 
Ums  Jahr  1816  fingen  einige  Praktiker  in  Leipzig  und  der  Umgegend  an, 
entschieden  sich  auf  Hahnemann's  Seite  zu  schlagen.  1822  eröffneten 
(gegen  Hahnemann's  Willen)  Moriz  Müller  in  Leipzig,  Stapf  in  Naumburg 
und  Gross  in  Jüterbogk  das  Archiv  für  homöopathische  Heilkunde,  das 
erste  Organ  der  Hahnemann'schen  Lehre.  1829  entstand  der  allgemeine 
homöopathische  Verein,  dessen  Centralsiz  Leipzig  war.  Der  Kampf  wurde 
nun  immer  erbitterter.  Die  polizeilichen  Verfolgungen  der  Secte  wurden 
reichlich  aufgewogen  durch  den  zunehmenden  Beifall  des  Publikums  und 
durch  den  Uebertritt  mancher  selbst  älterer  Praktiker,  und  das  Verbot 
wirkte  nur  als  neuer  Reiz  für  die  Homöopathie ,  während  die  da  und  dort 
erfolgende  Duldung  und  Zulassung  als  Sieg  von  der  Secte  proclamirt  wurde 
An  manchen  Orten  wurde  die  neue  Methode  öffentlich  in  Heilanstalten 
geprüft ,  in  Leipzig  und  Wien  wurden  selbst  eigene  Hospitäler  für  homöo- 


den  Aerzten. 


Hahuemann.  281 

pathische  BehandluDg  eröffnet.     Auch  ausserhalb  Deutschlands  fing  die 
neue  Lehre  bereits  an  Proselyten  zu  machen. 

Aber  schon  im  Anfang  der  30er  Jahre  begannen  Symptome  innerer  Zwietracht  in  der 
Zwietracht  in  der  neuen  Secte.  Man  unterschied  reine  und  freie  Homöo- 
pathen. Der  Zank  brach  mit  öffentlichem  Scandale  los,  als  Hahnemann 
von  Köthen  aus  im  Leipziger  Tageblatt  (am  3.  November  1832)  unter  den 
schmählichsten  Invectiven  (von  denen  sogar  der  polizeiliche  Censor  des 
Blatts  einzelne  zu  streichen  für  nöthig  fand)  gegen  die  Ernennung  von 
Moriz  Müller  zum  Arzte  des  eben  im  Entstehen  begriffenen  Leipziger 
homöopathischen  Spitals  protestirte.  Ein  Abgrund  von  Schmuz,  Klatsch 
und  Tntrigue  bezeichnet  von  da  an  die  nächste  Geschichte  der  Homöopathie  in 
Sachsen,  und  das  Hospital  selbst,  das  mit  einem  Scandal  begonnen  und 
niemals  zu  rechtem  Gedeihen  gekommen  war ,  ging  schon  nach  etwa  vier 
Jahren  wieder  ein  nach  einer  abermaligen  Prostitution  durch  einen  coloss- 
alen  Scandal,  indem  nemlich  der  abtretende  Oberarzt  Fi  ekel  erklärte, 
dass  er  nur,  um  den  homöopathischen  Trug  zu  ergründen,  die  Leitung 
übernommen  und  Thatsachen  und  Erfahrungen,  die  von  den  Homöopathen 
mit  Bewunderung  hingenommen  worden  waren,  erdichtet  habe. 

Hahnemann  hatte  indessen  fortgefahren,  alle  nicht  streng  an  ihn  sich 
Haltenden  Kezer  und  einen  Theil  der  sächsischen  Homöopathen  speciell 
Mischlinge  und  Bastardhomöopathen  zu  schimpfen  und  sie  als  eine  „leicht- 
sinnige und  schädliche  Brut"  zu  bezeichnen  (Organon ,  5te  Aufl.  p.  201.). 

Aber  auch  von  andern  Seiten  entstand  eine  Opposition  gegen  Hahne- 
mann. Seit  1836  lehnten  sich  die  süddeutschen  Homöopathen  gegen  ihn 
auf:  Griesselich,  welcher  Hahnemann  für  einen  Narren  und  alten 
Schwäzer  erklärte  und  sagt,  dessen  Methode  sei  schlecht,  aber  die  alte 
noch  viel  schiechter ,  gab  die  homöopathische  Zeitschrift  Hygea  her- 
aus, welche  noch  den  meisten  wissenschaftlichen  Anstrich  unter  den  ho- 
möopathischen Publicationen  hatte  und  ausserdem  durch  ihre  kräftigen, 
zum  Theil  groben  Auslassungen  mit  dem  süsslichen  und  sentimentalen 
Tone  der  damaligen  practischen  Ergüsse  der  deutschen  Medicin  einen  nicht 
unvorteilhaften  Contrast  bildete.  Auch  Schrön,  Kopp  in  Hanau,  Fleisch- 
mann in  Wien  Hessen  die  Hahnemann'sche  Lehre  nur  sehr  modificirt 
gelten. 

So  wurde  manches  fallen  gelassen  und  verworfen ,  von  Einzelnen  so 
viel,  dass  kaum  etwas  von  der  ursprünglichen  Hahnemann'schen  Lehre 
übrig  blieb;  die  theoretischen  Ansichten  Hahnemann's  (namentlich  die 
Psora-  und  die  Potenzirtheorie)  wurden  Punkt  um  Punkt  aufgegeben,  Ader- 
lässe ,  Laxire  und  Vomitive  wurden  wieder  zugelassen ,  die  Verdünnung 
der  Dosen  sehr  beschränkt,  die  Dosen  öfter,  meist  alle  Tage  wiederholt; 


282  Die  Vorbereitung  der  neuen  Zeit. 

es  wurde  oft  mit  Arzneimitteln  gewechselt,  die  Diät  wurde  weniger  streng 
formulirt.  Die  Bessern  unter  den  Neuhomöopathen ,  namentlich  die  Ba- 
denser  Schule,  versäumten  dabei  die  genauere  Diagnostik  und  die  patholog- 
ische Anatomie  nicht.  Die  specielle  Pathologie  wurde  daneben  wieder 
ganz  nach  der  alten  Methode  abgehandelt.  Es  wurden  Krankheitsbilder 
aufgestellt,  denen  die  empirischen  Arzneimittel  angehängt  wurden.  Mancher 
Unsinn  von  Hahnemann  wurde  dabei  wieder  ausgelöscht ;  andererseits 
nahm  man  aber  auch  wieder  manche  Thorheit  der  alten  Schule  auf,  gegen 
die  Hahnemann  nicht  mit  Unrecht  gestritten  hat.  So  blieb  bei  manchen 
der  Neuhomöopathen  nichts  weiter  übrig,  als  der  Name  und  die  Eigen- 
thümlichkeit,  die  Indication  der  Arzneimittel  durch  Prüfung  an  Gesunden 
festzustellen  (mindestens  ein  sehr  untergeordnetes  und  irreleitendes  Crit- 
erium)  und  in  Folge  davon  die  Festhaltung  einzelner  Arzneimittel  in  kleinen 
Dosen  bei  Krankheiten,  in  denen  sie  vor  Hahnemann  nicht  gereicht  worden 
waren;  Manche  haben  daher  auch  den  charlatanmässigen  Ausdruk  Ho- 
möopathen sich  verbeten  und  wollten  nur  Specifiker  heissen. 
Die  ultra».  Es  gab  aber  auch  Homöopathen,  welche  weit  über  Hahnemann  hinaus- 

gingen, ihm  Halbheit  vorwarfen ,  und  ihn  wo  möglich  im  Unsinn  zu  über- 
bieten suchten.  Diese  Ultra's  in  der  Homöopathie,  meist  Laien  und  ent- 
schiedene Schwindler  und  Charlatane,  erweiterten  namentlich  die  Strenge 
der  Diät  und  waren  noch  keker  in  den  Versicherungen  von  den  Wunder- 
wirkungen der  homöopathischen  Dosen.  Zu  ihnen  kann  man  auch  die 
Isopathen  rechnen,  welche,  wie  Lux,  Anthraxstoff  gegen  Milzbrand,  oder, 
wie  G.  Fr.  Müller,  Täniastoff  gegen  Bandwurm  gaben;  ebenso  Psorin 
gegen  die  Kräze.     Hahnemann  war  sehr  gegen  sie  erbittert. 

Die  Die  übrigen  ärztlichen  Fractionen  und  Kundgebungen  in  Deutschland 

Thlo^etfker    gehörten  theils  überwiegend  theoretischen  Bestrebungen  an ,  welche  bald 
in  ziemlich  unnüz,  bald  nicht  ohne  Verdienst  waren;  theils  waren  es  Eklekt- 

iker, welche  principlos  nach  allen  Seiten  Recht  gaben;  theils  endlich  hat 
ein  kleiner  Kreis  der  reellen  Förderung  der  Wissenschaft  zu  entsprechen 
gesucht,  wenn  gleich  bei  manchen  derselben  durch  die  speculative  Stimmung 
der  Zeit  vielfache  Annäherungen  an  die  theoretischen  Richtungen 
bedingt  wurden. 

Die  überwiegend  theoretischen  Gelehrten  unter  den Aerzten  und 
Physiologen  suchten  fast  durchaus  die  pathologischen  Thatsachen  aus  den 
allgemeinen  Anschauungen  der  Natur  und  aus  physiologischen  Prämissen 
zu  erklären.  In  diesem  Sinne  waren  sie  physiologische  Pathologen.  Allein 
ihre  Physiologie  war  grösstenteils  eine  conjecturale,   beschäftigte  sich 


Deutschland. 


Theoretiker  in  Deutschland. 


283 


fast  nur  mit  den  obersten  Säzen  und  trug  mehr  dazu  bei,  die  Pathologie 
zu  sublimiren,  als  sie  zu  begründen. 

Man  kann  dieselben  rubriciren  je  nach  den  Anschauungen  ,  welche  sie 
von  dem  Lebensprocesse  hatten. 

Erste  Anschauungsweise:    der  Lebensprocess  beruht  auf  Gesezen,  zurükführung 
die  sich  auch  sonst  in  der  Natur  vorfinden.     Er  hängt  also  von    des  Lebens- 

°  processesauf 

der  Materie  ab,  die  im  Organismus  wesentlich  keine  andere  ist,  als  die     allgemeine 
unorganische,  aber  nur  in  andern  Verhältnissen  und  Combinationen  sich  Na  ur&eseze- 
befindet.    Je  nach  dem  Gebiete,  aus  welchem  die  Geseze  entlehnt  wurden, 
welche  für  den  Lebensvorgang  vorzugsweise  in  Anspruch  genommen  wurden, 
gestalteten  sich  die  Modifikationen  dieser  Anschauungsweisen. 

Bei  der  einen  Partei  sind  es  die  Geseze  der  chemischen  Affinität ,  bei 
der  andern  die  Geseze  der  Electricität. 

Unter  den  chemischen  Theoretikern  ist  zuerst  Reich- 

Reich  zu  nennen,  Professor  in  Berlin  (vom  Fieber  1800,  und  Erläut- 
erungen zur  Fieberlehre  1805). 

Der  Organismus  ist  nach  ihm  ein  chemisches  Product.  Die  Veränd- 
erungen des  Körpers,  selbst  die  Wirkungen  der  Seelenkräfte  beruhen  auf 
chemischer  Aenderung.  Die  Affinitäten  der  todten  und  lebenden  Chemie 
sind  an  sich  dieselben. 

Das  Wesen  des  Fiebers  besteht  in  einer  durch  die  widernatürliche  Ver- 
minderung des  Sauerstoffs  bewirkten  widernatürlichen  allgemeinen  Trenn- 
ung und  Wiederverbindung  der  einfachen  Bestandtheile  des  menschlichen 
Körpers,  in  der  übermässigen  Anhäufung  von  Stikstoff,  Wasserstoff,  Koh- 
lenstoff, Schwefel,  Phosphor  etc.  und  in  der  vielfältig  möglichen  wider- 
natürlichen binären,  ternären,  quaternären  ,  quinternären  etc.  Verbindung 
dieser  Stoffe  unter  einander.  Der  Sauerstoff  ist  daher  das  einzige  sichere 
Mittel  gegen  alle  Fieber.  Nosologisch  soll  weiter  das  Fieber  in  Entweich- 
ung des  Thermogens  bestehen. 

Noch  ausführlicher  ist  Ackermann  (Versuch  einer  physischen  Dar-  Ackermann. 
Stellung  der  Lebenskräfte  organisirter  Körper  1797,  und  über  den  Typhus 
1814).  Er  sucht  aus  Wechsel  von  Wärmestoff,  Kohle  und  Sauerstoff 
das  Leben  zu  erklären.  Das  Leben  ist  die  Identität  des  Seins  und  der 
Thätigkeit.  Das  Sein  wird  durch  die  Materie ,  die  Thätigkeit  durch  das 
Lichtprincip  erzeugt  und  so  fort. 

Reil  (geboren  1759),    besonders  berühmt  durch  seine  Fieberlehre  Reu. 

1797 — 1815  und  sein  Archiv  für  Physiologie  1795  —  1815.  Ausserdem 
schrieb  er  Memorabilia  clinica,  eine  allgemeine  Pathologie  in  drei  Bänden, 
eine  allgemeine  Therapie  (1816)  und  einige  psychiatrische  Schriften. 

Reil  stellt  den  richtigen  Grundsaz  auf:  die  Kräfte  des  menschlichen 


284  Die  Vorbereitung  der  neuen  Zeit. 

Körpers  sind  Eigenschaften  seiner  Materie  und  seine  besonderen  Kräfte 
sind  Resultate  seiner  eigenthümlichen  Materie.  Kraft  sei  überhaupt 
nichts  anderes  als  Eigenschaft  der  Materie.  Er  weisst  namentlich  die 
Ansicht  der  Vitalisten  mit  allem  Recht  zurük ,  dass  im  Organismus  die 
physischen-  und  chemischen  Kräfte  einer  Lebenskraft  subordinirt  seien. 
„Eine  solche  Herrschaft  und  Subordination  lasse  sich  in  der  Natur  nicht 
denken."  Die  Begriffe  der  Subordination  seien  subjective,  durch  die  bloss 
blöde  Menschen  geblendet  werden  können.  Aber  sehr  Unrecht  hat  er, 
wenn  er  den  Grund  aller  Verschiedenheiten  und  Eigenthümlichkeiten  einzig 
in  der  Mischung  sucht.  Durch  sie  werden  zunächst  die  Formen  bestimmt 
und  Mischung  und  Form  zusammen  bilden  die  Organisation.  Die  Mangel- 
haftigkeit dieser  Theorie  sieht  er  selbst  ein,  indem  er  zugibt,  dass  aus  der 
bekannten  Mischung  der  Theile  nicht  mit  Nothwendigkeit  die  Verschieden- 
heit ihrer  Actionen  hervorgehe ;  aber  er  sucht  seine  Theorie  dadurch  zu 
retten ,  dass  er  das  Vorhandensein  von  feinen  noch  unbekannten  Stoffen 
annimmt.  Eben  so  sagt  er  von  den  Krankheiten,  sie  haben  ihre  nächste 
Ursache  entweder  in  einer  widernatürlichen  Organisation  oder  Mischung 
der  thierischen  Materie.  Uebrigens  ist  bei  Reil  das  Streben  nach. Realität 
sehr  deutlich,  und  der  specielle  Theil  seiner  Fieberlehre  ist  vortrefflich 
und  enthält  feine  und  naturwahre  Beobachtungen.  —  Im  Alter  nahm  Reil 
bedeutend  ab;  die  Naturphilosophie  verdarb  ihn,  und  seine  späteren,  erst 
nach  seinem  Tode  herausgegebenen  Schriften ,  die  allgemeine  Pathologie 
und  Therapie,  sind  ziemlich  geringfügig.  Seine  früher  mit  Scharfsinn  und 
Entschiedenheit  aufgestellten,  wiewohl  einseitigen  Ansichten  gab  er  auf, 
verfiel  nun  aber  in  ein  substanzloses  Schwäzen.  Die  112  Seiten  Einleit- 
ung in  seine  Pathologie  und  140  weitere  Seiten  allgemeiner  Abstraction 
über  den  Lebensprocess  gehören  ganz  in  die  Kategorie  der  damaligen 
Schriftsteller.  Den  Lebensprocess  erklärt  er  daselbst  für  einen  potenz- 
irten  galvanischen  Process. 
Humboldt.  Auch  Humboldt  näherte  sich  derselben  Anschauungsweise.     Er  er- 

klärt sich  gegen  die  Girtanner'sche  Ansicht,  dass  der  Siz  der  Irritabilität 
der  Sauerstoff  sei.  Allerdings  hängen  die  vitalen  Functionen  vorzüglich 
von  Anhäufung  von  Sauerstoff  ab,  allein  einen  Grundstoff  der  Reizbarkeit 
gebe  es  nicht.  Aeussere  Dinge  wirken  nur  dadurch  als  Reize,  dass  eine 
Ziehkraft  auf  die  organischen  Elemente  ausgeübt  werde.  Was  in  dem 
einen  Moment  einströme,  scheide  sich  im  folgenden  wieder  aus,  und  nur 
in  diesem  beständigen  Kampfe  erhalten  sich  die  Organismen.  Von  den 
Bestandteilen  und  den  chemischen  Ziehkräften  hänge  die  Reizbarkeit  ab. 
Uebrigens  nimmt  er  andererseits  eine  eigene  Lebenskraft  an  und  bezeichnet 
sie  als  diejenige  Kraft,  welche  die  Bande  der  chemischen  Verwandtschaft 


Theoretiker  in  Deutschland. 


285 


Brandis 


löse  und  die  freie  Verbindung  der  Elemente  in  den  Körpern  hindere.  Das 
Werk,  in  welchem  Humboldt  seine  physiologischen  Anschauungen  nieder- 
legte, die  Versuche  über  die  gereizte  Muskel-  und  Nervenfaser  (1797)  ist 
dabei  voll  des  wichtigsten  Details  und  eine  wohldurchdachte ,  musterhafte 
experimental-physiologische  Arbeit. 

Brandis,  Professor  zu  Kiel  (Versuche  über  die  Lebenskraft,  1795), 
nimmt  dagegen  entschieden  die  Electricität  als  Lebensprincip  an  und  be- 
hauptet ,  die  Lebenskraft  sei  etwas  von  der  Materie  Verschiedenes,  wirke 
gleichsam  als  Aeusseres  auf  diese. 

Nach  Prochaska  (Physiologie  oder  Lehre  von  der  Natur  des  Men-      Prochaska. 
sehen,  1820)  gibt  es  nur  ein  Princip  des  Lebens,  und  diess  offenbart  sich 
uns  in  der  Electricität,  deren  Bedingnisse  mit  denen  des  Lebens  überein- 
stimmen, daher  denn  auch  die  Geseze  des  Lebens  aus  den  Gesezen  der 
galvanischen  Electricität  abgeleitet  werden  müssen. 

Eine  zweite  Anschauungsweise  betrachtet  das  Princip  der  Lebensvor-  Anaiogisirung 
gänge  als  etwas  Eigentümliches,  jedoch  den  übrigen  imponde-  k°Ift lu^en 
rablen  Stoffen  Vergleichbares  und  Analoges.  Es  ist  nicht 
Electricität,  nicht  Magnetismus,  sondern  ein  speeifisches  Princip,  das  mit 
jenen  nur  Analogien  hat.  Diess  war  schon  ein  nicht  unbedeutender  Fort- 
schritt. Er  stammt  von  Autenrieth  her  und  wurde  in  seinem  Handbuch 
der  empirischen  menschlichen  Physiologie  (1801)  an  vielen  Stellen  aus- 
gesprochen. Eine  ausführliche  Betrachtung  über  das  Verhältniss  des  Le- 
bensprineips  zu  den  Imponderabilien  findet  sich  in  der  Autenrieth'schen 
Dissertation  (resp.  Matthes)  de  differentia,  quae  naturam  vis  organicae 
et  fluidorum  imponderabilium  indolem  intercedit.  Autenrieth  zeigt  darin 
ausführlich,  dass  das  Lebensprincip  mit  keinem  andern  Imponderabile  ver- 
wechselt werden  könne,  sondern  durchaus  speeifisch  sei.  Uebrigens  adop- 
tirte  Autenrieth  die  Brown'schen  Begriffe  von  Anhäufung,  Erschöpfung 
der  Erregbarkeit  fast  völlig  und  überträgt  sie  nur  auf  die  Lebenskraft. 

Treviranus  in  seinen  Untersuchungen  über  Nervenkraft,  Consens 
und  in  der  Biologie  hat  ziemlich  ähnliche  Ideen.  Er  sagt,  es  gebe  nur 
eine  Grundkraft  in  der  ganzen  Natur,  deren  Modifikationen  die  verschied- 
enen Kräfte  ausmachen.  Er  nimmt  nun  einen  eigenen  Lebensstoff  an,  der, 
indem  er  das  Vehikel  jener  Grundkraft  werde,  die  Lebenskraft  enthalte. 
Diesen  Lebensstoff  parallelisirt  er  vollständig  mit  Electricität  und  Mag- 
netismus. Auch  Treviranus  nimmt  die  Brown'sche  Idee  auf,  gibt  aber  eine 
Menge  geistreicher  und  befruchtender  Gedanken  im  Detail  dazu. 

Auch  Kielmeyer  (1765—1844),  Professor  an  der  hohen  Carlsschule 
zu  Stuttgart,  von  1796  in  Tübingen,  wirkte  als  anregender  Theoretiker 


Imponderab- 
ilien. 


Autenrieth. 


Treviranus. 


286  Die  Vorbereitung  der  neuen  Zeit. 

jedoch  weniger  durch  Schriften,  als  vom  Katheder.  Dadurch,  dass  er 
ziemlich  alle  Fächer  der  Naturwissenschaft  vertrat,  gewann  er  jenen  uni- 
versalen Ueberblik,  der  grosse  Gedanken  erzeugt.  Er  ist  der  Schöpfer 
der  vergleichenden  Zoologie  und  hat  zuerst  auf  den  analogen  Typus  in  der 
Bildung  der  Thierklassen  aufmerksam  gemacht ,  indem  er  die  einzelnen 
Formen  als  verschiedenartige  Abstufung  in  der  Realisirung  einer  wesent- 
lichen Idee  betrachtete.  Als  Lehrer  Cuvier's  verdankte  ihm  Lezterer  seine 
Bildung  und  seine  Richtung.  Kielmeyer  hat  durch  den  Nachweis  der  Ana- 
logie und  selbst  der  Identität  der  Lebensgeseze  in  allen  Thierklassen  die 
Benüzung  der  einfacheren  Thierorganismen  zum  Studium  der  Vorgänge  im 
menschlichen  Organismus  vorbereitet.  Er  zeigte,  dass  die  Natur  in  allen 
thierischen  Körpern  wenige  und  einfache  Mechanismen  zu  ihrer  Verfügung 
hat,  durch  deren  verschiedenartige  Combination  die  scheinbar  differentesten 
Aufgaben  erreicht  werden.  Weniger  glüklich  war  er  in  der  Aufstellung 
einer  weiteren  (neben  Sensibilität,  Irritabilität,  Reproductionskraft  und 
Secretionskraft)  Kraft:  der  Propulsionskraft  des  Blutes.  Seine  ganze 
literarische  Thätigkeit  bestand  übrigens  in  einer  kleinen  Schrift  über  den 
Stachelberger  Schwefelbrunnen  1816,  von  welcher  der  bescheidene  Mann 
fast  die  ganze  Auflage  wieder  aufkaufen  Hess,  weil  sie  ihn  nicht  befriedigte, 
und  in  einer  gedrukten  Gelegenheitsrede  über  die  Verhältnisse  der  organ- 
ischen Kräfte  unter  einander  in  der  Reihe  der  verschiedenen  Organ- 
ismen 1793. 

Die  Idee  eines  gewissen  Parallelismus  zwischen  dem  Lebensprincip  und 
den  Imponderabilien  hat  ziemlich  Plaz  gegriffen  in  der  deutschen  Physio- 
logie, und  vornemlich  Burdach,  aber  auch  Johannes  Müller  haben  diese 
Anschauungsweise  adoptirt,  und  gewiss  hat  das  Parallelisiren  dadurch 
sehr  genüzt,  indem  man  die  Methode  der  Erforschung  der  Erscheinungen  der 
Imponderabilien  auch  auf  die  Erscheinungen  des  Lebens  oder  des  Nerven- 
princips  übertrug.  Die  Methode ,  die  in  der  Physik  bereits  so  präcis  war, 
ist  in  der  Physiologie  noch  lange  roh  und  principlos  geblieben.  Um  so 
grösser  waren  die  Vortheile,  welche  aus  jener  Uebertragung  erreicht 
wurden. 

Genetische  Eine  dritte  Anschauungsweise  betrachtet  das  Leben  als  ein  beständ- 

Auffassung    i  »e s  w7 e r d en ,  eine  fortwährende  Assimilation.     Wie  im  Ei  gerade  die 

desLebens.0  '  _# 

Ueberwältigung  des  Aeussern,  die  Aneignung  des  Fremden  die  einzige 
Lebensäusserung  sei,  so  lassen  sich  auch  in  den  spätem  entwikelten  Le- 
bensverhältnissen alle  Lebensäusserungen  auf  den  Fluss  von  Neugestalt- 
ungen und  Reproductionen  zurükführen. 

Diese  phänomenologisch-genetische  Anschauung  hat  zuerst  S  n  i  a  d  e  z  k 


Positive  Forschung  in  Deutschland.  287 

geäussert  (Aetiologie  der  organischen  Wesen,  1821).  Er  fasst  das  Leben 
umgekehrt  auf,  als  Brown.  Während  Lezterer  die  Bedingung  des  Lebens 
vorzüglich  in  äussere  Reize  sezt ,  vertheidigt  Sniadezki  die  Spontaneität 
der  lebenden  Wesen  und  zeigt,  dass  das  Leben  wesentlich  nicht  in  den 
Einwirkungen  der  äussern  Dinge,  sondern  umgekehrt  in  einer  beständigen 
Einwirkung  des  Belebten  auf  das  Fremde,  in  einem  beständigen  Verbrauch 
und  in  Assimilation  des  Leztern  bestehe,  und  dass  dabei  Organisation  und 
Materie  in  einem  fortdauernden  Umwandlungsprocess  begriffen  sei.  Jedoch 
sind  diese  Ideen  in  Sniadezki's  vortrefflichem  Werke  noch  nicht  mit  der 
gehörigen  Schärfe  hingestellt.  Auch  hat  dieser  gedankenvolle  Autor  nicht 
die  verdiente  allgemeine  Anerkennung  gefunden ,  wurde  sogar  von  den 
Meisten  geradezu  ignorirt. 

Im  Gegensaz  zu  diesen  theoretischen  Bestrebungen  fand  die  positive       positive 
Forschung  nur  eine  sparsame  und  überdem  auch  nirgends  ganz  reine   Forschung  in 

°  r  °  °  Deutschland. 

Vertretung. 

In  der  Anatomie  hat  zunächst  Wrisberg  in  Göttingen  (1739 — 1808)  Anatomie. 
einige  werthvolle  Untersuchungen  über  das  Bauchfell ,  die  Bauchganglien 
und  den  Kehlkopf  gemacht.  Loder,  sein  Schüler  (1778  Professor  in 
Jena,  1806  in  Halle  und  1809  in  Moskau,  gestorben  1822)  war  nicht  viel 
mehr  als  Compilator,  aber  ein  tüchtiger  Lehrer  und  einflussreich  durch 
gute,  freilich  meist  nachgedrukte  anatomische  Abbildungen. 

Ungleich  bedeutender  war  Sam.  Thomas  Sömmering  (1755  — 1830), 
welcher  theils  als  Lehrer  in  Kassel  und  Mainz,  theils  als  praktischer  Arzt  in 
Frankfurt  lebte,  und  welcher  mit  grosser  Sorgfalt  die  Anatomie  der  ver- 
schiedenen Körpertheile  revidirte  und  damit  eine  Art  Abschluss  des  anat- 
omischen Wissens  für  die  damalige  Zeit  zuwegebrachte. 

Auch  Hildenbrandt,  Professor  in  Erlangen,  Hempel,  Professor  in 
Göttingen,  Rosenmüller,  Professor  in  Leipzig,  Joh.  Friedr.  Meckel, 
Professor  in  Halle,  Conrad  Langenbeck,  Professor  in  Göttingen  waren 
gescbäzte  Anatomen  dieser  Zeit. 

Unter  den  physiologischen  Arbeiten  zeichnete  sich  durch  Nüchternheit  Physiologe. 
besonders  Autenrieth  aus,  der  vielfach  an  Bichat  sich  anlehnte,  auch 
Treviranus  jedoch  mit  stark  theoretischer  Färbung.  „Mit  Unrecht,"  sagt 
in  seinem  Handbuch  der  empirischen  menschlichen  Physiologie  Autenrieth, 
„wird  in  neuerer  Zeit  die  Form  der  Organe  vernachlässigt.  Ohne  Anatomie 
bleibt  eine  menschliche  Physiologie  unvollständig."  Autenrieth  hat  das 
physiologische  Wissen  da  wieder  aufgenommen,  wo  Haller  es  gelassen, 
und  suchte  durch  strenges  Festhalten  an  der  objectiven  Beobachtung  das- 


288  Die  Vorbereitung  der  neuen  Zeit. 

selbe  von  den  vielen  Illusionen  zu  reinigen,  welche  die  Zeit  seit  Haller  in 
dasselbe  gebracht  hatte.  Die  anatomischen  Verhältnisse  bilden  bei  ihm 
die  Grundlage  seiner  Physiologie;  aus  ihnen  suchte  er,  immer  sich  an 
möglichst  reine  Thatsachen  haltend,  die  Functionen  zu  erklären.  Freilich 
stand  ihm  dabei  ein  ziemlich  mageres  Material  zu  Gebote;  es  war  nur  die 
gröbere  Anatomie,  an  die  er  sich  halten  konnte,  und  die  physiologischen 
Vorgänge  selbst  waren  nur  in  Fragmenten  bekannt.  Ja  es  blieb  Auten- 
rieth  auch  in  seiner  Physiologie  nicht  ganz  von  dem  Einfluss  der  Brown'- 
schen  Erregungsphysiologie  frei;  es  fehlt  ihm  noch  an  der  consequenten 
Nüchternheit  der  wahren  Naturforschung.  Immer  aber  muss  man  seine 
Physiologie,  wenn  man  sie  mit  dem  substanzlosen,  vagen  und  mystischen 
Gerede  der  ganzen  damaligen  Zeit  vergleicht,  als  eine  höchst  wohlthuende 
und  aufgeklärte  Erscheinung  ansehen.  Der  Einfluss  derselben  auf  die 
Reform  der  Physiologie  war  übrigens  nicht  sehr  bedeutend,  und  die  Ver- 
irrung  der  Zeit  zu  gross,  als  dass  sie  durch  eine  einzige  nüchterne  Stimme 
auf  den  richtigen  Weg  hätte  geleitet  werden  können. 

Von  Arbeiten  speciellsten  Inhalts  sind  noch  die  bereits  angeführten 
Versuche  von  Humboldt  und  die  anatomisch-physiologischen  Abhand- 
lungen von  Rudolphi  (1802)  hervorzuheben. 

pathologische         in  (jer  pathologischen  Anatomie  herrschte  noch  die  Neigung, 

Anatomie. 

Merkwürdigkeiten  zu  sammeln,  vor.  G.  Chr.  Conradi  in  Werthheim 
(1796)  und  Voigtel,  Arzt  in  Eisleben  (1804 — 5)  verfassten  Handbücher. 
In  der  Meckel'schen  Familie  in  Halle  war  eine  gewisse  pathologisch-ana- 
tomische Richtung  erblich,  die  vornemlich  in  dem  Handbuch  der  patholog- 
ischen Anatomie  1812  von  Meckel  dem  Jüngern  (Joh.  Friedr.  oder  dem 
Enkel)  zu  einer  tüchtigen  Leistung  sich  concentrirte.  Auch  Otto  in 
Breslau  beschäftigte  sich  mit  der  pathologischen  Anatomie  (Handbuch  der 
pathologischen  Anatomie  des  Menschen  und  derThiere  1814  und  Lehrbuch 
1830).  Rudolphi  endlich  machte  seine  classischen  Untersuchungen  über 
die  Entozoen  (1806—1810  und  1819). 

Practischo  In  der  practischen  Medicin  erhielten  sich  nur  wenige  von  dem  er- 

e  lcin'      tödtenden  Einflüsse  der  Theorien  frei. 

Peter  Frank.  ^ys  ^eY  erste  un(j  bedeutendste  unter  ihnen  ist  Joh.  Peter  Frank  zu 

nennen.  Derselbe  (geboren  1745)  wurde  1784  klinischer  Professor  in 
Göttingen,  1785  inPavia,  1795  in  Wien,  wo  er  das  pathologisch-anatom- 
ische Museum  gründete  und  von  einem  tüchtigen  Prosector  Vetter  gut 
unterstüzt  wurde,  1804  in  Wilna,  darauf  Leibarzt  in  Petersburg.  Nach- 
dem er  sich  1808  zur  Ruhe  gesezt  hatte,  starb  er  1822.  In  Kant'scher 
Schule  gebildet  war  er  beim  Bekanntwerden  des  Brown'schen  Systems 


Practiker  in  Deutschland. 


289 


diesem  anfangs  warm  zugethan,  wendete  sich  aber  später  durchaus  wieder 
der  practischen  Richtung  zu  und  hat  in  seiner  klaren  einfachen  und  doch 
kritischen  Weise,  ohne  gerade  bedeutende  Entdekungen  zu  machen,  we- 
sentlich zur  Sichtung  und  Ordnung  der  speciellen  Krankheitslehre  beige- 
tragen. Seine  Therapie  war  ungleich  einfacher  als  die  seiner  Zeitgenossen. 
Sein  Hauptwerk  ist  de  curandis  hominum  morbis  epitome  1792  — 1821. 
Von  grossem  Interesse  sind  auch  seine  Interpretationes  clinicae  1812? 
welche  ein  gutes  Bild  einer  damaligen  Klinik  geben. 

Auch  Chr.  G.  Gruuer  (geb.  1744,  Professor  in  Jena,  gest.  1815) 
gehörte,  obwohl  sich  in  philologischen  Studien  vertiefend,  zu  den  pract- 
ischen Köpfen.  Seine  Semiotik  (1775,  deutsch  1795)  ist  eines  der  besten 
Bücher  der  Zeit;  sein  Almanach  für  Aerzte  und  Nichtärzte  (1782  —  96) 
war  einer  stets  schlagfertigen  Critik,  vielfach  auch  dem  Scandale  gewidmet. 

Joh.  Heinr.  Ferdinand  Autenrieth,  geb.  1772,  gest.  1835,  Professor 
(successiv  fast  aller  propädeutischen  und  ärztlichen  Fächer)  und  Kanzler 
in  Tübingen ,  war  der  bedeutendste  Schüler  Peter  Frank's  und  drang  auf 
objective  Beobachtung  und  physiologische  Untersuchung  der  Krankheits- 
verhältnisse. Selbst  ein  tüchtiger  Anatom  und  Physiolog  wusste  er  mehr 
als  alle  andern  unter  seinen  Zeitgenossen  auch  seiner  Pathologie  eine 
anatomisch-physiologische  Grundlage  zu  geben.  Er  ging  nirgends  von 
sublimen  Säzen  aus,  sondern  überall  von  dem  concreten  Thatbestand  und 
legte  ein  grosses  Gewicht  auf  die  anatomische  Untersuchung  der  Leichen. 
Die  Störungen  beim  Abdominaltyphus,  der  von  ihm  den  Namen  hat,  wurden 
zuerst  durch  ihn  in  Deutschland  im  laufenden  Jahrhundert  hervorgehoben 
und  durch  seinen  Schüler  Pommer  des  Nähern  beschrieben.  Autenrieth's 
lebhafte  Phantasie  und  eine  gewisse  Ungezügeltheit  in  Einfällen  hat  ihn 
aber  zu  manchen  willkürlich  Annahmen  über  einzelne  Krankheitsverhält- 
nisse verführt.  Namentlich  das  Gefässnervensystem  und  dessen  Betheil- 
igung in  Krankheiten,  der  kalte  Trunk  als  Ursache  einer  Species  von 
Schwindsucht,  die  Metastasenlehre,  die  specifische  Belebtheit  der  Conta- 
gien,  die  Zurükführung  vieler  acuten  und  besonders  chronischen  Krank- 
heiten auf  gestörte  Entwiklung  von  contagiösen  Affectionen,  unter  denen 
die  vertriebene  Kräze  am  meisten  hervorgehoben  wurde  ,  sind  Lieblings- 
annahmen von  ihm  gewesen,  welche  seine  Verdienste  wesentlich  schmälerten. 
Veröfi'entlicht  hat  er  grösstenteils  nur  Dissertationen  unter  dem  Namen 
seiner  Schüler;  diese  gehörten  aber  zu  den  besten  Arbeiten  der  Zeit  und 
wurden  vielfach  benüzt  und  stillschweigend  ausgeschrieben.  Ausserdem 
gab  er  die  Versuche  für  die  practische  Heilkunde  (1807  u.  8)  heraus  und 
betheiligte  sich  an  der  Redaction  des  Reil'schen  Archivs  und  der  Tübinger 
Blätter.   Seine  Nosologie  erschien  nach  seinen  Vorlesungen  von  Reinhard. 

Wunderlich,  Geschichte  d.  Medicia.  \Q 


290 


Die  Vorbereitung  der  neuen  Zeit. 


Heim  u.  Stieglitz 


Hecker. 


Hildenbrand. 


Hörn. 


Grossi. 


Chirurgen  und 
Geburtshelfer. 


Viele  seiner  Ideen  drangen  in  die  allgemeinen  Anschauungen,  und  nament- 
lich Schönlein  hat  Manches  von  ihm  adoptirt. 

Heim  (1747 — 1834),  praktischer  Arzt  in  Berlin,  und  Stieglitz 
(1767 —  1835),  Leibarzt  in  Hannover,  waren  Practiker  von  grossem  und 
verdientem  Rufe  und  einer  gewissen  Nüchternheit  der  Anschauung.  Ihre 
Publicationen  haben  jedoch  nichts  Hervorragendes. 

Auch  Aug.  Friedr.  Hecker,  Professor  in  Berlin  (1763—1821),  ob- 
wohl ein  gelehrter  Arzt ,  verfolgte  vorzugsweise  die  practische  Richtung 
und  hat  in  seiner  „Kunst,  die  Krankheiten  des  Menschen  zu  heilen"  einen 
einsichtsvollen  Buk  in  die  Schwächen  der  herrschenden  Theorien  gezeigt. 
Er  hat  ausserdem  noch  eine  Arzneimittellehre  und  zahlreiche  andere 
Schriften  geschrieben,  auch  mehrere  Journale  redigirt,  unter  denen  das 
wichtigste  das  anonym  von  ihm  herausgegebene  Journal  der  Erfindungen, 
Theorien  und  Widersprüche  (1792—1808)  war. 

Joh.  Valentin  von  Hildenbrand,  geboren  1763,  Professor  in  Wien, 
gestorben  1818,  war  die  einzige  bedeutende  Erscheinung  auf  dem  pract- 
ischen  Gebiete  der  Medicin  unter  den  Wiener  Pathologen.  Er  schrieb 
namentlich  über  den  Typhus  1810,  eine  Ratio  medendi  in  schola  practica 
Vindobonensi  1809 — 13  und  Institutiones  pract.  med.  1816. 

Ernst  Hörn  (geboren  1774,  Professor  in  Braunschweig,  Wittenberg, 
Erlangen,  seit  1806  Professor  in  Berlin),  war  zwar  nicht  ohne  theoretische 
Neigungen,  aber  ein  practischer  und  kritischer  Kopf.  Seine  Beiträge  zur 
medicinischen  Clinik  1800  waren  vornemlich  kritischer  Art;  sein  Archiv 
für  medicinische  Erfahrung  von  1801  an  ist  wohl  das  beste  deutsche  med- 
icinische  Journal  der  Zeit.  Auch  einige  Monographien  und  eine  Arznei- 
mittellehre gab  er  heraus,  die  jedoch  von  untergeordnetem  Werthe  sind. 

Ernst  v.  Grossi,  geboren  1782,  Professor  in  Salzburg  und  von  1809 
an  in  München,  wo  er  1829  starb,  gehörte  der  practischen  Richtung  an, 
schrieb  einen  Versuch  einer  allgemeinen  Krankheitslehre  1811.  Seine 
sämmtlichen  Werke  Opera  medica  postuma  kamen  erst  nach  seinem  Tode 
heraus,  1831—32.  Auf  die  bayerische  Medicin  von  fast  ausschliesslichem 
und  nicht  unvorteilhaftem  Einfluss  hat  er  auf  weitere  Kreise  wenig  gewirkt. 

An  die  Practiker  schliessen  sich  noch  die  Chirurgen  Kern  in  Wien, 
Rust  und  Gräfe  in  Berlin,  Langenbek  in  Göttingen  und  der  Schöpfer 
der  neueren  Geburtshilfe  Boer  in  Wien  an. 


EUekticiuuM.  Fast  mehr  noch  als  die  theoretischen  Extravaganzen  trug  zur  Ver- 

kümmerung der  deutschen  Medicin  das  Aufkommen  eines  matten  und  tri- 
vialen Eklekticismus  bei,  der  bei  einiger  practischen  Begabung  und  bei 
einem  Schein  von  freilich  ganz  principlosem  Rationalismus  keinen  Sinn  für 


Hufeland.  291 

die  straffe  Logik   der  Thatsachen  hatte  und   nach  allen  Seiten  hin  ein 
harmloses  Gewährenlassen  zur  Gewohnheit  machte. 

Der  berühmteste  und  zugleich  das  Muster  aller  Eklektiker  war  Christoph  Hufeiand. 
Wilhelm  Hufeland,  geboren  1762,  zuerst  Hofmedicus  in  Weimar,  1793 
Professor  in  Jena,  seit  1801  in  Berlin  Director  des  Collegium  medico-chi- 
rurgicum,  erster  Arzt  der  Charite,  Leibarzt  und  Professor  der  Therapie 
und  Klinik,  1809  geadelt,  starb  1836.  Ausser  seinem  Journal  der  pract- 
ischen  Medicin  und  Wundarzneikunde,  dem  Sammelplaz  für  alle  schlaffe 
Erfahrung  und  dem  Denkmal  der  sterilen  Periode  der  deutschen  Medicin 
gab  er  noch  mehre  Journale  heraus  und  schrieb  eine  Anzahl  grösserer 
und  kleinerer  Schriften,  namentlich  Ideen  über  Pathogenie  1795,  ein  System 
der  practischen  Heilkunde  1800—1805,  die  Makrobiotik  1797  und  das 
Enchiridium  medicum  1836. 

Hufeland  hat  während  seines  ganzen  Lebens  mit  einer  gewissen  Wärme 
den  Vermittler  gemacht.  Er  war  ein  frommer,  wohlmeinender,  zur  Senti- 
mentalität geneigter  Mann,  dem  der  Kampf  in  der  Wissenschaft  wehe  that, 
und  der  nicht  begriff,  dass  ohne  Gegensäze  auch  keine  Entwiklung  möglich 
ist.  Als  Mann  der  Wissenschaft  fehlte  es  Hufeland  an  logischer  Schärfe 
und  an  Vertrauen  auf  die  siegreiche  Gewalt  der  Wahrheit.  Er  gehörte 
zu  jenen  wenn  auch  begabten,  aber  nachgiebigen  Geistern,  welchen  jede 
Partei  imponirt,  welche  nie  zur  Wahl  zwischen  verschiedenen  Meinungen 
gelangen,  welche  daher  von  jeder  Meinung  ein  Fragment  adoptiren  und 
diess  den  Weg  der  richtigen  Mitte  nennen.  Hufeland  war  ein  Mann  des 
Friedens  um  jeden  Preis;  aber  gerade  durch  seine  unermüdlichen  Versöhn- 
ungstendenzen kam  er  überall  in  Streit  und  wurde  gegen  Manchen  zur 
ungerechtesten  Polemik  hingerissen;  während  er  alle  Eken  vermeiden 
wollte,  wurde  er  so  intolerant,  wie  irgend  ein  Fanatiker. 

Seine  Urtheilsschwäche  spielte  ihm  den  Possen ,  dass  er  fast  überall, 
in  allen  einzelnen  Fragen  die  Nichtigkeit  unter  seinen  Schuz  nahm  und  den 
wahren  Fortschritt  perhorrescirte.  Daher  musste  er  später  so  oft  seine 
früheren  Aussprüche  widerrufen.  Hufeland  empfahl  die  Homöopathie, 
den  thierischen  Magnetismus  und  die  Medicina  magica;  er  suchte  die 
Wirkung  der  Mineralwasser  in  dem  Brunnengeist;  er  war  der  wärmste 
Vertheidiger  der  Naturheilkraft  und  der  Vitalität  des  Blutes.  Die  unklaren 
Begriffe  von  Lebenskraft,  Reaction  fanden  durch  ihn  stets  Empfehlung. 
Andererseits  trat  er  Brown  entgegen ,  dessen  wichtigste  Säze  er  jedoch 
bei  der  Polemik  übersah.  Er  bekämpfte  Broussais  wegen  der  Localisation 
der  Krankheit;  er  verwarf  die  pathologische  Anatomie,  die  Auscultation, 
die  physiologischen  und  pharmacologischen  Experimente  und  die  Vivi- 
sectionen. 

19* 


292  ^e  Vorbereitung  der  neuen  Zeit. 

Hufeland's  erste  bedeutende  Schrift  waren  seine  Ideen  über  Pathogenie 
und  Einfluss  der  Lebenskraft  auf  Entstehung  und  Form  der  Krankheiten 
(1795).  Er  machte  hier  zuerst  den  Versuch,  die  Geseze  der  Lebenskraft 
auseinanderzusezen,  aber  ohne  alle  logische  Schärfe,  wie  auch  ohne  ge- 
nügende empirische  Belege.  Sie  ist  nach  ihm  die  Fähigkeit,  Eindrüke  als 
Reize  zu  percipiren  und  darauf  zu  reagiren  (Perception  und  Reaction). 
Mit  lezterem  Ausdruk  hat  er  zwar  im  Anfang  nicht  mit  Bestimmtheit  eine 
willkürliche  und  zwekmässige  Reaction  behauptet,  allein  seine  weiteren  Ex- 
positionen zeigen  deutlich  diese  Ansicht.  Die  Art,  wie  er  die  Lebenskraft 
in  Modifikationen  abtheilt ,  zeigt  am  besten  seinen  Mangel  an  Schärfe  : 
1)  Einfachste  organisch  bindende  und  erhalteude  Kraft,  sie  hält  ab  und 
entkräftet  die  allgemeinen  Zerstörungskräfte  der  Natur;  2)  Plastische 
Kraft;  3)  Perceptionskraft ,  welche  zerfällt  in  die  Irritabilität  oder  die 
Fähigkeit  der  Faser,  sich  zusammenzuziehen  und  an  der  Stelle  des  Reizes 
zu  reagiren;  in  die  Sensibilität  oder  die  Fähigkeit,  den  Reiz  zu  percipiren 
und  ihn  weiter  zu  leiten;  und  endlich  in  die  specifische  Reizfähigkeit, 
insofern  sowohl  die  Perception  des  Reizes  als  die  Reaction  durch  die  be- 
sondere Organisation  specifisch  modificirt  sein  kann. 

Seine  weiteren  Untersuchungen  über  die  Geseze  und  den  Mechanismus 
der  pathologischen  Reaction  sind  eine  Sammlung  von  schiefen  Vorstellungen. 

Eine  andere  irrige  Idee  hat  Hufeland  in  die  Pathologie  eingeführt,  die 
von  der  ungleichen  Vertheilung  der  Lebenskraft,  in  der  Art,  dass  ein 
System  oder  Organ  zu  viel,  das  andere  zu  wenig  haben  könne. 

Dagegen  macht  er  mit  Glük  gegenüber  von  der  Hypersthenie  und 
Asthenie  der  Erregungstheoretiker  den  Begriff  einer  einfachen  Reizung 
geltend,  welche  an  sich  weder  hypersthenisch  noch  asthenisch  sei,  son- 
dern die  einfache  normalmässige  und  nothwendige  Reaction  eines  gesunden 
Organismus  gegen  eine  äussere  Schädlichkeit  darstelle. 

•  Diese  an  sich  ganz  richtige  Idee  wurde  nur  dadurch  wieder  verdorben, 
dass  Hufeland  sie  aufs  engste  mit  seinen  Ansichten  von  der  Naturheilkraft 
in  Verbindung  sezte,  welche  er  sich  vorstellt  als  eine  zum  Wohl  und  zur 
Erhaltung  des  Körpers  eingepflanzte  Potenz  oder  Kraft ,  die  Schaden  ab- 
wende und  immer  diejenigen  Thätigkeiten  errege,  welche  für  den  Fall  die 
passendsten  seien. 

Kreyssig.  Ein   anderer  Eklektiker  von  entschiedenem  Talente,    noch  mehr  als 

Hufeland  aufs  Practische  gerichtet,  war  Kreyssig  in  Dresden,  geb.  1770 
(Neue  Darstellung  der  physiologischen  und  pathologischen  Grundlagen, 
1798  —  1800;  System  der  practischen  Heilkunde,  1818—1819,  und 
Krankheiten  des  Herzens,  in  drei  Bänden,  1814 — 17). 


Kreyssig.     Hartmann.  293 

Kreyssig  tritt  der  Ansicht  mit  Recht  entgegen,  dass  der  Ausdruk: 
Kraft,  Lebenskraft,  ein  reelles  Princip  bezeichne;  er  zeigt  ferner,  dass 
Sensibilität,  Irritabilität  nur  Eigenschaften  gewisser  Substanzen  seien;  dass 
die  Erregbarkeit  gleichfalls  keine  Kraft,  nichts  Selbständiges  sei,  sondern 
nur  die  Form,  unter  der  das  Zustandekommen  der  thierischen  Thätigkeiten 
erscheine  ,  das  allgemeine  Gesez,  nach  welchem  sie  Zustandekommen. 

Er  fühlt  ferner,  dass  das  eigentliche  Criterium  des  Lebens  das  Bilden, 
mit  andern  Worten  das  Werden  ist;  aber  auf  einmal  wird  er  seinen  eigenen 
Grundsäzen  wieder  ungetreu  und  nimmt  als  die  Ursache  dieses  Werdens 
eine  eigene  bildende  Kraft  an,  die  er  in  die  Säfte  verlegt,  weil  aus  diesen 
am  meisten  gebildet  werde.  Weil  nun  aber  diesem  niedrig  aufgefassten 
Bilden  manche  Vorgänge  im  thierischen  Leben  nicht  entsprechen  wollen, 
so  sezt  er  ein  Doppelleben:  ein  vegetatives  und  ein  vorstellendes;  ersteres 
soll  von  dem  Gesez  der  Zwekmässigkeit  beherrscht  sein,*lezteres  aber 
abhängig  von  einem  eigenen  geistigen  Principe. 

Indem  Kreyssig  die  Zwekmässigkeit  zur  Idee  des  Lebens  macht,  musste 
er  nothwendig  auf  die  verkehrte  Consequenz  kommen  ,  dass  die  Krankheit 
nicht  bloss  eine  Modifikation  des  Lebens,  sondern  eine  Störung  desselben 
sei.  Dieser  ursprüngliche  theoretische  Fehlgriff  kommt  sofort  auch  pract- 
isch  zu  Tage,  indem  er  weiter  folgert,  dass  als  Störungen  des  Lebens  die 
Krankheiten  nothwendig  unsern  Sinnen  sich  kundgeben  müssen;  eine  Be- 
hauptung, welche  die  täglichste  Erfahrung  dementirt. 

Ueberall  hat  Kreyssig  die  verdienstliche  Tendenz,  die  Erfahrung  gelten 
zu  lassen;  und  meist  gibt  er  im  Einzelnen  die  allgemeinen  theoretischen 
Grundsäze  wieder  auf,  oder  ignorirt  sie,  wie  das  so  häufig  bei  Eklektikern 
der  Fall  ist.  Ausserdem  zeigt  sich  eine  starke  Hinneigung  zur  Humoral- 
pathologie  bei  ihm. 

Ein  ungleich  schärferer  Denker  war  Philipp  Carl  Hartmann,  Professor 
in  Wien,  der  bedeutendste  und  consequenteste  unter  allen  Eklektikern  der 
Zeit.  Seine  „Theorie  der  Krankheit" ,  1823,  ist  unstreitig  die  wissen- 
schaftlichste allgemeine  Pathologie  aus  dieser  Periode. 

Unter  Leben  versteht  er  einerseits  Erregung  durch  Reize  und  anderer- 
seits Vegetation  aus  innerer  Kraft.  Die  dem  Organismus  zugrundeliegende 
Modifikation,  durch  welche  die  Art  und  das  Maass  seines  Seinsund  Wirkens 
vorausbestimmt  werde,  bestimme  sein  Grundgesez,  seine  Norm.  Befolge 
der  lebende  Organismus  in  seinem  Sein  und  Wirken  diese  ihm  vorgezeich- 
neten Geseze,  so  ist  sein  Zustand  gesezmässig  und  verkündige  sich  als 
Gesundheit;  Krankheit  dagegen  sei  Abweichung  des  Lebens  im  einzelnen 
Organismus  von  seiner  Gesezmässigkeit,  und  sie  sei  namentlich  diejenige 


294  Die  Vorbereitung  der  neuen  Zeit. 

Veränderung  des  innern  Lebens  eines  Organismus ,  wodurch  seine  regel- 
mässige Eutwiklung  gestört,  seine  Zerstörung  befördert  und  seine  organ- 
ische Bewegung  in  ein  Missverhältniss  zur  Entwiklung  und  zu  dem  ge- 
sammten  Lebenszwek  des  Individuums  gesezt  werde. 

Dabei  ist  aber  anzuerkennen,  dass  Hartmann  wirklich  mehr  umfasst, 
als  seine  Vorgänger,  und  namentlich  als  die  Erregungstheoretiker.  Er 
berüksichtigt  besonders  auch  die  qualitativen  Verhältnisse.  Die  Krank- 
heiten theilt  er  ein :  1)  in  dynamische ,  welche  ein  gesezwidriger  Lebens- 
process  sein  sollen,  hervorgegangen  aus  unmittelbarer  Veränderung  der 
Lebensprincipien  oder  Lebenskräfte;  2)  in  Organisationskrankheiten,  zu- 
nächst bedingt  durch  gestörten  Mechanismus  der  Organisation.  Er  sagt 
dabei  ausdrüklich ,  dass  er  anerkenne,  dass  keine  Veränderung  in  der  Le- 
bensthätigkeit  ohne  gleichzeitige  Veränderung  in  der  Organisation  sich 
denken  lasse ,  und  umgekehrt.  Allein  dessenungeachtet  hält  er  die  Auf- 
stellung besonderer  Organisationskrankheiten  oder  mechanischer  Krank- 
heiten für  nothwendig  und  gerechtfertigt,  insofern  bei  ihnen  krankhafte 
Symptome  durch  ein  mechanisches  Verhältniss  als  ihre  nächste  Ursache 
veranlasst  werden.  Freilich  muss  Hartmann  seine  Eintheilung  gleichsam 
ausdrüklich  wieder  zurücknehmen,  denn  der  erste  Paragraph  über  die  dyn- 
amischen Krankheiten  lautet :  man  dürfe  unter  den  dynamischen  Krank- 
heiten keine  rein  dynamischen  verstehen. 

Im  weiteren  Verlauf  huldigt  Hartmann  der  Polaritätstheorie  und  sagt: 
Gegensaz  der  Kräfte,  denen  immer  auch  ein  Gegensaz  der  Stoffe  entspreche, 
Polarität  sei  das  Princip  alles  besondern  Wirkens  und  Werdens  in  der  er- 
scheinenden Natur.  Jeder  Theil  des  Organs  trage  in  seiner  Substanz  die 
materiellen  und  dynamischen  Gegensäze  und  damit  die  Factoren  des  Le- 
bensprocesses ,  habe  daher  Leben  und  Quell  des  Lebens  aus  und  in 
sich  selbst. 
Die  Ausbreitung  War  bei  diesen  Häuptern  der  eklektischen  Richtung  wenigstens  noch 
eine  hervorragende  practische  Befähigung ,  eine  nicht  zu  leugnende  Ge- 
wandtheit in  der  Verflechtung  der  Doctrinen,  ein  formaler  Scharfsinn  in 
der  Handhabung  substanzloser  Categorien,  so  verlor  sich  der  Eklekt- 
icismus  in  um  so  grössere  Trivialität,  je  mehr  er  in  die  Massen  drang. 

Die  Hypothesen  aller  Zeiten  wurden  in  diesem  Eklekticismus  vereinigt, 
während  der  Antheil  der  Thatsachen  ein  sehr  beschränkter  war.  Das  Ganze 
pflegte  in  etwas  Kant'sche  Logik  eingehüllt  zu  werden.  Der  einzige  Vor- 
theil  dieser  theoretischen  Eklektik  war,  dass  einzelne  vergessene  Anschau- 
ungen dadurch  wieder  ans  Licht  gezogen  wurden,  so  namentlich  die  hu- 
moralpathologischen,  die  bei  aller  Willkürlichkeit  in  der  Ausführung  doch 


dasEklekticismus. 


Zustand  der  deutschen  Medicin  überhaupt.  295 

wohlthätig  beschränkend  auf  die  ausschliessliche  Reiz-  und  Polarlehre 
wirkten. 

Die  Herde  des  Eklekticismus  waren  vornemlich  Berlin,  Wien,  Leipzig, 
Göttingen,  Heidelberg.  Auch  Ferdinand  Graelin  in  Tübingen  gehörte 
dieser  Richtung  an  und  seine  allgemeine  Pathologie  (2te  Aufl.  1821)  war 
eines  der  geschäztesten  und  abgerundetsten  Producte  der  Eklektik. 

An  die  Eklektiker  schlössen  sich  in  natürlicher  Weise  die  compilator- 
ischen  Schriftsteller  an,  die  häufig,  ohne  selbst  Kranke  beobachtet  zu 
haben,  voluminöse  Werke  über  practische  Medicin  schrieben. 

Hatte  die  Naturphilosophie  die  Köpfe  verdreht  und  den  Sinn  von  der      zustand 
sogenannten  gemeinen  Wirklichkeit  weggerissen,  hatte  die  Erregungstheorie  ^Medicin** 
das  Nachdenken  in  einem  leeren  Formalismus  aufgehen  lassen,  so  ist  dem     überhaupt. 
Eklekticismus  die  Verödung  der  deutschen  Medicin  zuzuschreiben.  So  kam 
es ,  dass  in  den  ersten  30  Jahren  des  Jahrhunderts  in  keinem  Lande  eine 
schlechtere  und  schlaffere  Medicin  herrschte,  als  in  Deutschland. 

Köpfe,  die,  ohne  Denker  zu  sein,  als  Philosophen  sich  geberdeten, 
gaben  den  Ton  an  in  der  Literatur  und  standen  an  der  Spize  des 
Unterrichts. 

Die  Jugend  wurde  schon  in  der  Schule  verdorben.  Fast  ohne  Aus- 
nahme war  auf  allen  deutschen  Universitäten  in  der  Medicin  lediglich  nichts 
reelles  zu  lernen.  Der  ganze  positive  Inhalt  des  Wissens  wurde  vernach- 
lässigt, gering  geschäzt  oder  war  den  Lehrern  selbst  gänzlich  unbekannt. 
Sublime  Theorien  oder  eine  trokene,  triviale,  logisch  aussehende,  aber 
völlig  nichtssagende  Systematik  mussten  die  Inhaltlosigkeit  ersezen.  Wo 
noch,  wie  an  mehreren  deutschen  Universitäten,  der  Unterricht  lateinisch 
ertheilt  wurde,  ging  er  vollends  in  leerem  Phrasenwesen  auf. 

Schlecht  unterrichtet ,  verdorben ,  irregeleitet  und  ohne  alle  reelle 
Kenntnisse  traten  die  jungen  Aerzte  ans  Krankenbett  und  bei  offenem  Sinn 
mussten  sie  bald  die  völlige  Nichtigkeit  ihrer  bisherigen  Studien  erkennen. 
Einzelne  suchten  diesen  Mangel  durch  emsiges  Selbststudium  zu  ersezen 
und  verliefen  sich  dabei  gar  häufig  in  die  mannigfaltigen  Abwege  und  Irr- 
gänge, welchen  der  Autodidact  selten  ganz  entgeht.  Andere  klammerten 
sich  an  diese  oder  jene  Seltsamkeit  an  und  nicht  wenige  führte  der  trost- 
lose Zustand  ihrer  Schulbildung  in  das  Lager  der  Homöopathen. 

Wo  die  Anhänglichkeit  an  die  primitiven  Eindrüke  nicht  auszulöschen 
war,  und  doch  der  tägliche  Umgang  mit  der  Natur  die  angelernten  Doctrinen 
fortwährend  dementirte,  da  musste  sich  Unklarheit  und  Confusion  der  Köpfe 
bemächtigen. 

Eine  gewisse  Vorliebe  für  hochtrabende  und  transscendentale  Redens- 


296  Die  Vorbereitung  der  neuen  Zeit. 

arten  ist  den  meisten  Aerzten  jener  Zeit  eigen  geblieben.  Für  die  ein- 
fachen Fragen  des  Thatbestands  fehlte  es  an  dem  schlichten  Sinne.  Die 
Diagnosen  am  Krankenbett  wurden  daher  stets  in  einen  Gallimathias  un- 
verdauter Phrasen  eingewikelt;  nur  im  seltensten  Falle  kam  die  diagnost- 
ische Untersuchung  auf  handgreifliche  und  klare  Antworten  ,  sondern  sie 
schloss  mit  nebelhaften ,  nicht  weiter  zu  analysirenden  und  ebensowenig 
zu  fassenden  Begriffen :  bald  Asthenie  und  Hypersthenie,  bald  Erschöpfung 
und  Perversität  der  Lebenskraft,  bald  aber  mit  den  gänzlich  von  allem 
positiven  Boden  verflüchtigten  Redensarten  des  gastrischen,  biliösen,  rheu- 
matischen, catarrhalischen,  nervösen  etc.  Zustands.  Da  jede  Schärfe  den 
diagnostischen  Bestimmungen  abging,  so  fand  man  sich  veranlasst,  die 
Categorien  im  selben  Falle  zu  häufen  und  die  febris  rheumatico-catarrh- 
alis  subgastrica  und  gastrico-biliosa  subnervosa,  oder  gastrico-nervosa 
inflammatoria  waren  ganz  geläufige  Diagnosen. 

Specielle  Anhaltspunkte  für  diese  Finessen  der  Diagnose  fehlten  völlig 
und  der  Schüler  folgte  diesen  Subtilitäten,  in  denen  der  Lehrer  excellirte, 
mit  Staunen  und  ängstlicher  Beklemmung;  aber  auf  sich  selbst  angewiesen 
fand  er  sich  von  jedem  Leitfaden  verlassen. 

D*ie  Therapie  war  eine  äusserst  complicirte  und  reizende.  Sie  meinte 
rationell  zu  sein,  indem  sie  vorgab,  auf  das  doch  völlig  imaginäre  Wesen 
der  Krankheiten  sich  zu  stüzen.  In  Wahrheit  aber  ging  sie  jedem  Symptome 
nach.  Grösstentheils  waren  es  Reizmittel,  welche  in  dem  ersten  Viertel 
des  Jahrhunderts  zur  Anwendung  kamen.  In  schweren  Krankheiten  wurde 
die  Reihenfolge  und  Combination  derselben  in  der  doctrinärsten  Weise 
festgestellt.  Aber  jedenfalls  war  die  Menge  der  eingeführten  Irritantien 
unter  dem  Einfluss  des  Brownianismus  noch  ungeheuer.  In  dem  unter 
Marcus'  Leitung  stehenden  Hospitale  zu  Bamberg  befanden  sich  im  Jahr 
1798  480  Kranke  (46  an  sthenischen,  367  an  asthenischen,  67  an  ört- 
lichen Uebeln  leidend).  Man  hat  berechnet,  dass  durchschnittlich  auf 
jeden  einzelnen  Kranken  1  Drachme  Opium,  195  Gran  Campher,  1  Unze 
Liquor  anodynus,  132  Gran  Serpentaria,  528  Gran  Chinarinde,  rectificirter 
Weingeist  mehr  als  1  Pfund  kamen ,  überdem  noch  beträchtliche  Mengen 
Moschus,  Naphth.  Vitrioli,  Arnica,  Valeriana,  Angelica,  Zimmt,  Tinctura 
Martis  tonica  und  Elixir  roborans  Whyttii  (S.  Häser's  Geschichte  der 
Medicin,  2te  Aufl.  p.  721). 

Erst  gegen  die  Mitte  der  20er  Jahre  kam  eine  mehr  kühlende  und 
milde  Behandlung  in  Gebrauch ,  obwohl  auch  dann  noch  die  Serpentaria, 
Valeriana,  Angelica,  Caryophyllata  etc.  zu  den  unentbehrlichsten  und  un- 
ersezbarsten  Droguen  gerechnet  wurden. 

Dabei  zehrten  in  dem  socialen  Ansehen  die  Aerzte  noch  an  der  von 


Zustand  der  deutschen  Medicin  überhaupt.  297 

ihren  Vorfahren  ererbten  Stellung.  Aber  schon  mit  den  scandalösen 
Händeln  der  Erregungstheoretiker,  noch  mehr  mit  dem  Auftreten  der 
Homöopathen  fing  die  ärztliche  Glaubwürdigkeit  und  Unfehlbarkeit  und 
dadurch  auch  die  Würde  des  Standes  in  den  Augen  der  Laien  an  zu  sinken. 
Diese  selbst,  von  den  Homöopathen  zu  Richtern  über  medicinische  Fragen 
angerufen,  fingen  an,  wenigstens  in  gesunden  Tagen  sich  der  Meinung  hin- 
zugeben, dass  man  auch  ohne  alles  Studium  recht  gut  die  Medicin  beur- 
theilen  könne,  und  dass  selbst  die  gelehrte  Vorbildung  der  unbefangenen 
Anschauung  nachtheilig  sei;  je  mehr  Einzelne  die  Laien  aufzuklären 
suchten,  um  so  verwirrter  und  eingebildeter  wurden  diese  und  um  so  mehr 
sanken  die  Aerzte  selbst  in  der  allgemeinen  Achtung. 


ACHTEE  ABSCHNITT. 

Die  jüngste  Umwälzung  in  der  medicinischen  Wissenschaft 
und  die  Entwiklung  der  Gegenwart. 


Frankreich,  Die  Bewegungen  zu    einer  radicalen  Umwälzung  der  medicinischen 

Anschauungen  gingen  von  Frankreich  aus. 

Brou»sais.  Franz  Joseph  Victor  Broussais,  geboren  1772  in  St.  Malo,  Sohn  eines 

Arztes,  zeichnete  sich  früh  durch  Lebhaftigkeit  des  Geistes,  einen  herkul- 
ischen Körperbau  und  durch  Lust  zu  körperlichem  und  geistigem  Streite 
aus.  In  seinem  20.  Jahre ,  als  durch  die  gesezgebende  Versammlung  das 
Vaterland  in  Gefahr  erklärt  wurde,  ergriff  er  mit  Enthusiasmus  die  Waffen 
und  trat  als  Volontair  in  die  Armee,  stieg  bald  zum  Sergeanten,  bis  ihn 
eine  Krankheit  nöthigte,  in  die  Heimath  zurükzukehren.  Hier  gab  er  dem 
Drange  seines  Vaters  nach  und  trat  in  die  medicinische  Carriere.  Seine 
Studien,  denen  er  anfangs  mit  Eifer  oblag,  wurden  unterbrochen  durch  die 
Wirren  der  Revolution.  Vater  und  Mutter  wurden  ihm  als  eifrigem  Re- 
publikaner von  Royalisten  ermordet,  sein  Haus  niedergebrannt.  Er  machte 
nun  eine  Freibeuterexpedition  auf  einem  französischen  Piratenschiff.  1798 
begab  er  sich  nach  Paris  und  kam  mit'Bichat  in  freundschaftliche  Bezieh- 
ung. 1803  doctorirte  er  und  schrieb  seine  Dissertation  über  das  hectische 
Fieber ,  in  welcher  er  sich  als  Anhänger  der  damals  herrschenden  Pinel'- 
schen  Nosologie  zeigte.  Zwei  Jahre  lang  versuchte  er  sich  darauf  in  der 
Praxis  in  Paris;  da  er  jedoch  nicht  viel  prosperirte,  so  trat  er  1805  als 
Hilfsarzt  in  der  Armee  ein,  machte  die  Feldzüge  in  Holland,  Deutschland, 
Oesterreich  und  Italien  mit.  1808  kehrte  er  zurük  und  publicirte  seine 
vortreffliche  Histoire  des  phlegmasies  chroniques ,  sein  erstes  und  bestes 
Werk,  das  er  auf  zahlreiche  Leichenuntersuchungen  gestüzt  hatte,  in  wel- 
chem sich  aber  von  seinem  neuen  System  nur  Andeutungen  finden.  Im 
selben  Jahre  noch  folgte  er  der  Armee  nach  Spanien,  wo  er  sechs  Jahre 
verblieb.     1814  kam  er  zurük  und  wurde  zweiter  Professor  am  Militär- 


Broussais.  299 

hospital  Val  de  Gräce  zu  Paris.  Zugleich  begann  er  Privatvorlesungen 
zu  halten ,  in  welchen  er  mit  grosser  Kühnheit  und  Beredtsamkeit  die 
Grundsäze  einer  neuen  Lehre  auseinandersezte.  In  Kurzem  hing  ihm  die 
Jugend  mit  wahrem  Fanatismus  an;  die  Vorlesungen  der  Professoren  und 
die  Fakultätskliniken  waren  verlassen.  Noch  war  es  nur  stiller  Neid  und 
verhaltene  Feindschaft ,  die  er  sich  von  den  Aerzten  der  alten  Schule  zu- 
zog; aber  bald  sollte  der  Kampf  in  hellen  Flammen  ausbrechen.  Diess 
geschah,  als  er  1816  sein  Examen  de  la  doctrine  medicale  generalement 
adoptee  veröffentlichte.  Das  Aufsehen,  das  er  damit  im  Publikum  her- 
vorrief, war  unermesslich.  Von  dem  Augenblik  gab  es  nur  zwei  Lager 
der  Aerzte  in  Frankreich ,  enthusiastische  Anhänger  des  Reformators  und 
entschiedene  Gegner  seiner  Lehre ;  ein  Schwanken  war  wenigstens  im 
Anfang  nicht  mehr  möglich.  Niemals  hat  ein  Systematiker  in  so  kurzer 
Zeit  sich  eine  mächtige  Partei  erobert.  In  den  nächsten  Jahren  wuchs 
die  Zahl  seiner  Anhänger  reissend.  Daneben  aber  erstand  eine  andere, 
gleichfalls  die  Sazungen  der  alten  Medicin  bekämpfende,  aber  einem  posi- 
tiveren Fortschritt  huldigende  Schule.  Der  Broussaisismus  kam  nunmehr 
nicht  bloss  mit  den  Anhängern  der  veralteten  Grundsäze,  sondern  auch 
mit  diesen  neuen  Bestrebungen  in  Conflict,  und  trozdem,  dass  Broussais 
durch  Wort  undSchrift  seine  Lehre  mit  einer  beispiellosen  Kraft  vertheidigte, 
so  fingen  doch  die  Besonneneren  an,  sich  von  ihm  abzuwenden.  1821  gab 
er  die  zweite  Auflage  seines  Examen  heraus,  in  welcher  er  die  ganze  Ge- 
schichte der  Medicin  im  Lichte  seiner  Theorie  betrachtete ,  während  er  in 
der  ersten  Ausgabe  nur  gegen  die  herrschenden  Ansichten  polemisch  ver- 
fahren war.  Damit  verband  er  468  Säze  als  Propositionen ,  welche  die 
Quintessenz  seiner  eigenen  Lehre  enthielten.  Von  1822  an  liess  er  die 
Annalen  der  physiologischen  Medicin  erscheinen,  die  bis  1834  fortgesezt 
wurden  und  das  Hauptorgan  seiner  Polemik  und  seiner  Beobachtungen 
wurden.  Gleichfalls  1822  erschien  sein  Traite  de  physiologie  appliquee 
a  la  pathologie,  in  welchem  besonders  seine  Ansichten  über  die  Sympathien 
auseinander  gesezt  sind.  1824  veröffentlichte  er  seinen  berühmten,  po- 
pulär geschriebenen  „Katechismus  der  physiologischen  Medjcin,"  1828 
wieder  ein  Hauptwerk :  De  Tirritation  et  delafolie,"  worin  er  seine  Grund- 
säze auf  Psychologie  und  Psychiatrie  ausdehnte.  1829  erschien  in  zwei 
Bänden  ein  Commentar  zu  den  Propositionen  der  Pathologie  voll  wichtiger 
Aufschlüsse  über  seine  Lehre.  Während  der  Zeit  der  französischen  Re- 
stauration war  ihm  die  Fakultät  verschlossen  geblieben ,  alle  seine  Vor- 
träge waren  in  Privatvorlesungen  und  in  dem  Militärhospital  gehalten 
worden.  Casimir  Perrier  machte  1831  das  Unrecht  gegen  den  ersten 
lebenden  französischen  Arzt  gut  und  ernannte  ihn  zum  Professor  der  all- 


300  Die  jüngste  Umwälzung  und  die  Entwiklung  der  Gegenwart. 

gemeinen  Pathologie  und  Therapie.  Es  ist,  als  ob  von  diesem  Eintritt  in 
die  Fakultät  an  seine  geistige  Kraft  gelähmt  worden  wäre.  Wohl  be- 
hielt er  noch  die  alte  Lebhaftigkeit  seiner  Polemik,  aber  er  vermochte  keine 
neuen  Gesichtspunkte  aufzubringen.  Seine  eigenen  Schüler  wie  seine 
Gegner  hatten  ihn  überflügelt;  er  blieb  hinter  ihnen  zurük,  sich  fortwährend 
mit  allem  Eigensinn  des  Alters  an  seine  breitgetretenen  Begriffe  der  Ir- 
ritation und  Gastroenterite  anklebend.  Seine  Vorlesungen,  sonst  gedrängt 
voll  von  enthusiastischen  Verehrern,  wurden,  seit  sie  legal  geworden  waren, 
nur  sparsam  gehört,  seine  Klinik  blieb  verwaist,  und  die  Jugend  folgte 
andern  Sternen. 

Noch  einmal,  im  Jahre  1836,  wusste  er  sich  auf  kurze  Zeit  den  alten 
Beifall  zu  erringen ,  aber  nicht  zum  bleibenden  Ruhm  seines  Namens.  Er 
hatte  sich  der  Phrenologie  ergeben  und  kündigte  einen  Curs  über  diesen 
Gegenstand  an.  Mehr  als  tausend  Zuhörer  drängten  sich  zu;  die  Thüren, 
die  eisernen  Geländer  wurden  eingebrochen ;  die  Lehrer ,  welche  den  Saal 
vor  ihm  hatten ,  konnten  nicht  lesen ,  weil  schon  mehrere  Stunden  zuvor 
alle  Pläze  von  Broussais'  Schülern  besezt  waren.  Endlich  konnte  nur  da- 
durch Raum  gewonnen  werden ,  dass  die  Vorlesung  in  einem  der  grössten 
Concertsäle  von  Paris  gehalten  wurde.  Diess  war  das  lezte  glänzende 
Ereigniss  in  Broussais'  Leben.  Von  da  an  lebte  er  zurükgezogen ,  hielt 
seine  wenig  besuchten  Vorlesungen  über  allgemeine  Pathologie  und  kränkelte 
viel.     Er  starb  im  November  1838  an  einem  Cancer  des  Rectums. 

Broussais  legte  seiner  Lehre  denNamen  „die  physiologische  Med- 
icin"  bei;  doch  stammt  weder  die  Idee  noch  das  Wort  von  ihm  ab.     Die 
Idee  ist  so  alt  als  die  Physiologie  selbst,  und  das  Wort  findet  sich  schon 
bei  Bichat  und  Dupuytren. 
Pathologische  Die  ganze  bisherige  Medicin  ruht  nachBroussais  auf  einem  principiellen 

Irrthum.  Sie  fasst  die  Krankheiten  als  Dinge,  als  Wesen,  als  Entites  auf. 
Dieser  falsche  Gesichtspunkt,  den  er  den  ontologischen  nennt,  ist  die  Quelle 
unendlich  zahlreicher  Missverständnisse  des  pathologischen  Geschehens 
und  der  mannigfaltigsten  Missgriflfe  des  therapeutischen  Handelns. 

Als  ersten  Saz  seiner  Physiologie  stellt  Broussais  Brown's  Ausspruch 
hin :  das  thierische  Leben  unterhalte  sich  nur  durch  äussere  Reize.  Alles, 
was  die  vitalen  Phänomene  erhöht,  sezt  Broussais  hinzu,  ist  reizend,  sti- 
mulirend.  Als  Hauptreiz  sieht  er  die  Wärme  an.  Diese  seze  die  unbe- 
kannte Kraft  (lapuissance  inconnue)  in  Thätigkeit,  damit  diese  die  Organe 
zusammenseze.  Diese  unbekannte  Kraft  habe  in  das  lebende  Wesen  eine 
eigentümliche  Chemie  gelegt.  Sie  verleihe  ihm  überdiess  Contractilität 
(Vermögen,  sich  zusammenzuziehen)  und  Sensibilität.  Sobald  Sensibilität 
und  Contractilität  auf  einem  Punkte  vermehrt  werden,  werden  sie  es  auch 


Grundsäze. 


Broussais.  301 

auf  andern.  Diess  seien  die  Sympathien,  welche  stets  durch  ein  eigen- 
thümliches  System,  das  Nervensystem,  vermittelt  werden.  Alle  primären 
und  sympathischen  Stimulationen  dienen  zu  dem  Zwek  der  Ernährung,  der 
Entfernung  schädlicher  Dinge  und  der  Reproduction. 

Jede  Stimulation,  wenn  sie  nicht  zu  schwach  ist,  mag  sie  einen  Theil 
treffen,  welchen  sie  will,  durchwandert  nach  Broussais  das  Gesammtnerven- 
system  sowohl  der  Eingeweide  als  der  Centraltheile.  Ist  sie  stark  genug, 
ins  Gehirn  zu  gelangen,  so  gelangt  sie  sicher  auch  in  alle  Eingeweide. 
Vom  Centrum ,  dem  Gehirn  aus  geht  darauf  der  Impuls  zu  dem  Muskel- 
system. Das  Gangliensystem  und  seine  Knoten  stellen  für  sich  Nerven- 
centren  dar,  welche  Stimulationen  von  einem  Ort  auf  den  andern  übertragen 
können.  Sie  sind  zugänglich  den  Stimulationen  des  übrigen  Nervensystems, 
jedoch  unabhängig  vom  "Willen.  Das  Ich  nimmt  von  ihnen,  aber  auch 
von  den  Zuständen  der  übrigen  Nerven  bald  Notiz ,  bald  nicht. 

Eine  leichte ,  beständige  und  nach  allen  Richtungen  ausgehende  Mit- 
theilung von  Excitation  zwischen  den  verschiedenen  Theilen  des  Körpers 
mittelst  der  Nerven  ist  unumgänglich  für  die  Unterhaltung  des  Gleichge- 
wichts der  Functionen ;  nie  aber  ist  die  Excitation  über  alle  Theile  gleich 
vertheilt.  Ist  die  Ungleichheit  bedeutend,  so  leiden  die  Functionen 
darunter. 

Die  Gesundheit  wird  nie  von  selbst  gestört,  sondern  immer  nur  da- 
durch, dass  die  äussern  Stimulantien,  welche  die  Functionen  unterhalten 
sollen,  in  einem  Theile  zu  viel  oder  zu  wenig  Excitation  erregt  haben.  Die 
Krankheit  hängt  ab  von  der  Irregularität  der  Functionen ,  der  Tod  von 
ihrem  Aufhören. 

Es  gibt  niemals  eine  allgemeine  Vermehrung  (Exaltation)  oder  Ver- 
minderung der  Vitalität  sämmtlicher  Organe;  vielmehr  beginnt  die  Exalt- 
ation immer  in  einem  einzigen  organischen  Systeme  (man  erkennt  sie  an 
der  Vermehrung  der  vitalen  Phänomene)  und  breitet  sich  von  hier  weiter 
aus,  theils  in  demselben  Apparate,  theils  anderwärts.  Die  Natur  der  so 
mitgetheilten  Exaltation  ist  die  gleiche  wie  die  Natur  der  ursprünglichen 
und  primitiven.  Eine  solche  Exaltation  veranlasst  immer  Languor,  Träg- 
heit in  einem  andern  System  oder  Organ;  Verminderung  der  Vitalität 
zieht  oft  Vermehrung  in  andern  nach  sich,  zuweilen  auch  Verminderung. 

Die  Exaltation  der  Vitalität  sezt  immer  eine  übermässige  Stimulation 
durch  die  äussern  Reize  (Suprastimulation,  Surexcitation)  voraus.  Partielle 
Surexcitation  bedingt  stets  vermehrten  Säftezufluss  zu  den  Theilen, 
krankhafte  active  Congestion.  Ihre  Folge  ist  immer  auch  eine  abnorm 
vermehrte  oder  unregelmässige  Ernähruug  des  Theiles  (eine  Desorgan- 
isation). 


302  Die  jüngste  Umwälzung  und  die  Entwiklung  der  Gegenwart. 

Auch  die  Verminderung  der  Vitalität  kann  Congestion  herbeiführen ; 
aber  diese  ist  passiv  und  desorganisirt  viel  weniger,  als  die  active. 

Jene  active  krankhafte  Congestion  nun  und  ihre  stete  Begleiterin,  die 
Surexcitation,  nennt  Broussais  Irritation,  wobei  man  jedoch  stets  still- 
schweigend eine  krankhafte  verstehen  muss.  Die  Irritation  beschränkt  sich 
nur  in  ganz  leichten  Graden  auf  ein  System.  Sie  beginnt  zwar  stets  in  einem 
einzigen,  aber  bei  irgend  bedeutendem  Grade  werden  auch  andere  in  sym- 
pathische Irritation  versezt  durch  Vermittlung  der  Nerven.  Je  sensibler 
das  ursprünglich  irritirte  Organ  ist,  um  so  zahlreicher  sind  die  Sympathien, 
die  durch  dasselbe  erregt  werden.  Je  zahlreicher  die  Sympathien  sind, 
desto  schwerer  ist  die  Krankheit. 

Zuweilen  steigt  in  dem  sympathisch  irritirten  Organ  die  Irritation 
höher,  während  sie  in  den  ursprünglich  afficirten  abnimmt;  diess  sind  die 
Metastasen  der  alten  Schule.  Wenn  Secretionsorgane  sympathisch  irritirt 
werden  und  die  Irritation  des  ursprünglich  ergriffenen  Organs  gegen  diese 
zurüktritt,  so  hebt  sich  rasch  die  ganze  Krankheit  durch  Erscheinen  ver- 
mehrter Secretionen.     Diese  sind  die  Krisen  der  alten  Schule. 

Eine  Irritation,  welche  Blut  in  dem  Gewebe  anhäuft,  mit  ungewöhn- 
licher Röthe,  Hize  und  Geschwulst  heisst  Entzündung. 

Jede  Irritation  irgend  welchen  Organes,  wenn  sie  einen  gewissen  Grad 
erreicht,  erregt  sympathische  Irritation  des  Gehirns,  Kopfweh,  Müdigkeit. 
Alle  intensiven  Irritationen  erregen  ferner  gleich  zu  Anfang  sympathische 
Irritation  des  Magens  (Appetitlosigkeit,  Zungenbeleg).  Alle  intensiven 
Irritationen  erregen  endlich  sympathische  Irritation  des  Herzens  (Fieber). 
Jede  Irritation,  welche  intens  genug  ist,  Fieber  zu  erregen,  ist  Entzündung; 
jede,  welche  intens  genug  ist,  Fieber  zu  erregen,  erregt  sicherlich  auch 
Irritation  des  Magens  und  Gehirns,  und  jede  Irritation,  welche  auf  diese 
Organe  wirkt,  ist  immer  auch  Entzündung. 

Wenn  Entzündung  des  Gehirns  und  des  Magens  vorhanden  ist,  so  ist 
erstere  häufiger  die  Folge,  als  die  Ursache  von  der  leztern.  Die  Entzünd- 
ung des  Magens ,  Gastrite ,  kommt  nie  vor  ohne  solche  der  Dünndärme, 
daher  sie  Gastroenterite  heissen  muss.  Andererseits  ist  die  Enterite  für 
sich  wenigstens  sehr  selten  ohne  Gastrite,  und  bei  Gastroenterite  prädom- 
inirt  nur  bald  die  Magen-,  bald  die  Dünndarmaffection.  Die  Gastroenterite 
ist  immer  ohne  Schmerzen  im  Bauch ,  wenigstens  ohne  umschriebene  und 
heftige.  Wo  solche  bestehen,  ist  Peritonite  und  Colite  damit  verbunden. 
Eine  acute  Gastroenterite,  wenn  sie  heftig  wird,  complicirt  sich  mit  vielen 
und  heftigen  sympathischen  Irritationen.  Es  entstehen  die  Symptome 
eines  putriden  Fiebers  oder  Typhus.  Alle  sogenannten  essentiellen  Fieber 
der  Schule  sind  Gastroenteriten.     Auch  die  acuten  Hautausschläge  be- 


Maximen. 


Broussais.  303 

ginnen  mit  Gastroenterite  und  erst  secundär  treten  die  Hautphlegmasien 
an  ihre  Stelle. 

Die  Hypochondrie  ist  eine  chronische  Gastroenterite;  die  Dyspepsien, 
Gastrodynien,  Pyrosen,  Cardialgien  sind  chronische  Gastroenteriten.  Die 
Gastroenterite  leitet  die  Leberentzündung  ein.  Die  Bauchwassersucht  ist 
durch  Gastroenterite  veranlasst,  welche  auf  das  Peritonäum  fortschreitet. 
Die  Peritonite  geht  entweder  von  der  Gastroenterite,  oder,  wie  beim  Kind- 
bettfieber, von  einer  Metrite  aus. 

Tuberkeln,  Skirrhus  sind  Folgen  von  Entzündung.  Auch  die  Skropheln 
sind  durch  eine  Art  von  Entzündung  hervorgebracht,  jedoch  ist  dabei  keine 
vermehrte  Wärme  und  wenig  Röthe.  Broussais  führte  hiefür  den  Namen 
Subinflammation  ein. 

In  Beziehung  auf  die  Therapie  gelten  folgende  Grundsäze.  Eine  Ent-  Therapeutiscto 
Zündung  darf  nicht  erwartet  werden ,  man  muss  ihr  vorbeugen ;  man  darf 
nicht  auf  den  Ausgang  und  die  spontane  Heilung  durch  Crisen  sich  ver- 
lassen ,  sondern  muss  sie  so  schnell  wie  möglich  unterdrüken.  Es  gibt 
vier  Arten  von  Mitteln,  den  Gang  der  Entzündung  aufzuhalten:  schwäch- 
ende Mittel,  revulsive  Mittel,  fixe  Tonica,  flüchtige  Reize. 

Die  schwächenden  Mittel  sind  Blutlassen,  Hungern,  emollirende  und 
säuerliche  Getränke.  Unter  allen  diesen  ist  das  Blutlassen  das  wirksamste. 
Das  OefFnen  einer  Vene  eignet  sich  für  sehr  rasch  sich  ausbildende  Ent- 
zündungen in  parenchymatösen  Organen.  Die  capilläre  Blutentziehung 
ist  dagegen  in  allen  andern  Fällen,  namentlich  im  Beginn  der  Krankheit 
vorzuziehen.  Nur  in  einzelnen  Fällen  ist  die  Blutentziehung  contraindicirt, 
nemlich  bei  blutleeren  Individuen,  bei  weit  gekommenen  chronischen  Ent- 
zündungen der  vornehmsten  Eingeweide  (Tuberkel ,  Krebs) ,  bei  Gehirn- 
congestionen  mit  schwachem  Puls.  In  allen  sonstigen  Erkrankungen  ver- 
hindert eine  zeitige  Ansezung  von  Blutegeln  die  schlimmsten  Störungen. 
Blutegel  an  den  Hals  verhindern  den  Uebergang  des  Katarrhs  in  die 
Phthisis;  Blutegel  unter  den  Clavikeln  beseitigen  die  schon  beginnende 
Phthisis;  Blutegel  in  die  Magengegend  wirken  bei  allen  Formen  von 
Gastrite  und  leichten  Phlegmasien  des  Gehirns  Blutegel  an  den  After  bei 
Kolik  und  Dysenterie;  bei  Angine  und  Croup  werden  Blutegel  an  die  ent- 
sprechende Stelle  gesezt.  Biliöse,  muköse  und  gastrische  Symptome  ver- 
langen Blutegel  an  die  epigastrische  Gegend,  Icterus  Blutegel  eben  dahin 
oder  in  der  hypochondrischen  Gegend ,  Rheumatismus  an  die  befallenen 
Gelenke  und  in  die  Magengegend.  Bei  acuten  Hautausschlägen  werden 
Blutegel  an  die  epigastrische  Gegend,  bei  adynamischem  Fieber,  Typhus 
Blutegel  auf  den  Bauch  gesezt.  Bei  Würmern  im  Darme  werden  ebenfalls 
Blutegel  auf  den  Bauch  applicirt,  denn  jene  sind  durch  Gastroenterite 


Lehre. 


304  Die  jüngste  Umwälzung  und  die  Entwiklung  der  Gegenwart. 

unterhalten,  und  sie  gehen  von  selbst  ab,  sobald  diese  gehoben  ist.  Bei 
Kindbettfieber  werden  Blutegel  in  Menge  in  die  hypogastrische  Gegend 
gesezt  u.  s.  f.  Neben  diesen  localen  Blutentziehungen  ist  bei  allen  diesen 
Krankheiten  grösstmögliche  Diät  und  die  Anwendung  von  Gummiwasser 
nothwendig.  Diese  Behandlung  macht  die  Krankheit  abortiren;  sie  heilt 
plözlich,  so  lange  die  Affection  noch  nicht  zu  einer  gewissen  Höhe 
gelangt  ist. 

Die  revulsiven  Mittel:  Blasenpflaster,  Diaphoretica,  Diuretica,  Emetica, 
Laxantien  sind  wohl  im  Stande ,  durch  Hervorbringung  einer  secundären 
Irritation  die  primäre  zu  entfernen ;  aber  sie  sind  immer  gefährlich ,  denn 
wenn  diess  nicht  glükt,  so  steigern  sie  imGegentheil  die  primäre  Krankheit. 

cuarakteie  der  Die  Hauptcharaktere  der  Broussais 'sehen  Lehre  sind : 

BrousSais-Schen  j)    Verwerfung  der  Ontologie,  deren  Nachtheile  Broussais  zuerst 

aufgedekt  hat;  doch  ist  er  sich  selbst  nicht  klar,  denn  er  führt  seinerseits 
neue  Ontologien  ein:  die  Irritation  und  die  Gastroenteritis. 

2)  Die  Irritationslehre,  welche  offenbar  ein  MissgrifF  war ,  indem  er 
nur  zwei  Krankheitsformen  erkennt:  reine  Schwäche  und  Irritation,  und 
indem  er  die  leztere  als  eine  erhöhte  Functionirung,  ja  selbst  als  erhöhte 
Vitalität  ansieht.  Weiter  verwechselt  er  die  Irritation  mit  activer  Con- 
gestion  und  zulezt  mit  Entzündung.  So  werden  auf  einmal  Krankheiten 
zu  Entzündungen,  die  wenigstens  sonst  Niemand  dafür  hielt,  und  die  auch 
unter  einander  nichts  gemein  haben. 

3)  Das  Princip  der  Localisation ,  welchem  jedoch  Broussais  oft  un- 
treu wird. 

4)  Das  Princip  des  materiellen  Nachweises  der  Störungen,  welches 
zunächst  zur  eifrigen  Cultur  der  pathologischen  Anatomie  und  eben  dadurch 
zum  Sturze  der  Broussais'schen  Lehre  führte. 

5)  Die  Benüzung  der  Sympathien  zur  Erklärung  der  Theilnahme 
entfernter  Organe,  eine  Hereinführung  physiologisch  unbegründeter  und 
ungenügend  aufgedekter  Verhältnisse. 

6)  Die  Magensympathien  und  die  Häufigkeit  der  Gastroenteritis. 

7)  Die  Desessentialisation  der  Fieber,  das  Losungswort  der  ganzen 
Schule,  eine  Lehre,  wodurch  allerdings  die  genauere  Kenntniss  der  Fieber 
gefördert,  aber  eine  Begriffsverwirrung  herbeigeführt  wurde  und  an  die 
Stelle  maassgebender  Verhältnisse ,  die  in  der  Beachtung  zurüktraten,  die 
weit  weniger  wichtigen  Localprocesse  gesezt  wurden. 

8)  Die  Häufigkeit  der  chronischen  Entzündung. 

9)  Die  Vorbeugungstherapie  und  die  Abortivbehandlung. 
10)    Die  excessive  Anwendung  örtlicher  Blutentziehungen. 


Broussais'sche  Schule. 


305 


Unter  Broussais'  zahlreichen  Schülern  und  Anhängern  befinden  sich 
viele,  welche  durch  ausgezeichnete  Forschungen  die  Detailkenntniss  in  der 
Pathologie  bedeutend  gefördert  haben;  wenige  jedoch  nur,  welche  sich  um 
die  medicinische  Theorie  viel  bekümmerten.  Aber  nicht  bloss  die  heran- 
wachsende Generation  schloss  sich  zum  grössten  Theile  an  Broussais  an, 
sondern  auch  mehrere  ältere  Aerzte.  Unter  lezteren  ist  besonders 
C haussier  zu  nennen,  Professor  der  Physiologie  bis  zur  Restauration 
der  Bourbons  und  zugleich  vielbeschäftigter  Practiker.  Obgleich  fast  70 
Jahre  alt  bei  Broussais'  Auftreten,  wurde  er  Broussais'  warmer  Vertheidiger. 

Auch  Dupuytren  hat  sich  Broussais  theilweise  angeschlossen.  Er 
wurde  geboren  1777.  Als  Sohn  armer  Eltern  war  er  zweimal  wegen  seiner 
Schönheit  entführt  worden;  das  erste  Mal,  als  er  2l[2  Jahre  alt  war,  das 
zweite  Mal  im  12.  Jahre  von  einem  Cavalleriecapitän,  der  ihn  nach  Paris«, 
brachte  und  für  seinen  Unterricht  sorgte.  Im  18.  Jahre  wurde  er  als 
anatomischer  Prosector  angestellt.  In  seiner  Dissertation  besprach  er  das 
Verhältniss  der  Anatomie  und  Physiologie  zur  Medicin.  1812  wurde  er 
Professor  der  Operativchirurgie.  Er  war  unbestritten  der  erste  Chirurg 
und  Operateur  Frankreichs  zu  seiner  Zeit.  Auch  fielen  ihm  alle  Ehren  und 
Reichthümer  zu.  Nach  Karl  X.  Vertreibung  konnte  er  ihm  eine  Million 
als  ein  Drittel  seines  Vermögens  anbieten.    Dupuytren  starb  1834. 

Dupuytren  machte  die  Grundsäze  der  Localisation  und  des  anatomischen 
Nachweises  in  der  Chirurgie  geltend.  An  der  Stelle  imaginärer  Krank- 
heiten und  eines  leeren  Namenschema's  lehrte  er  objective  Vorgänge 
kennen.  Der  Classification  war  er  feind  und  bearbeitete  die  einzelnen 
chirurgischen  Krankheiten  monographisch.  Keine  von  allen ,  die  er  ab- 
handelte, hat  er  ohne  Bereicherung  gelassen.  Wenn  er  auch  nicht  gerade 
viel  Neues  entdekte,  an  das  man  seinen  Namen  knüpfen  könnte,  so  hat 
er  doch  überall  die  Verhältnisse  fasslich  dargestellt,  den  nothwendigen 
Zusammenhang  der  Erscheinungen  gezeigt,  und  er  hat  die  symptomat- 
ische Chirurgie  zu  einer  physiologischen  erhoben. 

Lallemand  schrieb  seine  Untersuchungen  über  das  Gehirn  und  dessen 
Krankheiten  im  Broussais'schen  Sinne.  Er  versuchte  die  Symptome  der 
Gehirnkrankheiten  anatomisch  zu  localisiren,  indem  er  durch  zahlreiche 
eigene  und  fremde  Beobachtungen  zu  ermitteln  trachtete,  wie  die  ver- 
schiedenen Symptome  mit  den  Affectionen  der  verschiedenen  Theile  des 
Gehirns  im  Zusammenhang  stehen.  Die  pathologischen  Veränderungen 
führte  er  auf  Irritation  zurük. 

Begin  war  einer  der  eifrigsten  Interpreten  von  Broussais,  schrieb 
zahlreiche  Journalaufsäze  und  mehrere  grosse  "Werke  über  die  physiolog- 
ische Pathologie  (Traite  de  therapeutique  coordonnee  d'apres  les  principes 


Broussais' 
Schüler. 


Dupuytren. 


Lallemand. 


te^in. 


Wunderlich,  Geschichte  d.  Medicin. 


20 


306 


Die  jüngste  Umwälzung  und  die  Entwiklung  der  Gegenwart. 


de  la  nouvelle  doctrine  medicale,  und  Traite  de  physiologie  pathologique). 
Ausserdem  behandelte  er  vorzugsweise  die  Chirurgie. 

Goupii.  Die  beste  Interpretation  der  Lehre,  von  Broussais  selbst  als  giltig  an- 

erkannt, erschien  1824  von  Goupii:  Exposition  des  principes  de  la  nouT 
velle  doctrine  medicale. 

Roche.  Roche,  einer  der  talentvollsten  Anhänger  Broussais',  schrieb  mehrere 

Streitschriften  und  Dictionnaire-Artikel  und  die  beste  specielle  Pathologie 
der  Broussais'schen  Schule  mit  Sanson  gemeinschaftlich:  Elements  de 
pathologie  medico-chirurgicale. 
Boisseau.  Boisseau  hat  ebenfalls  im  Broussais'schen  Sinne  eine  vortreffliche 

Pathologie  erscheinen  lassen  und  besonders  die  Fieberlehre  und  die  Local- 
isation  nicht  unbedeutend  geklärt:  Nosographie  organique  1828. 
Desmeiies.  Desruelles  wandte  die  Broussais'sche  Theorie  und  Therapie  auf  die 

Lehre  von  der  Syphilis  an,  die  er  als  nicht  specifische  Krankheit  betrachtet 
und  mit  Blutegeln  und  ohne  Queksilber  behandelt. 

Rayer.  Ray  er,  einer  der  tüchtigsten  Monographen,  gehörte  wenigstens  an- 

fangs der  Broussais'schen  Doctrin  an,  besonders  in  seiner  Arbeit  über  das 
Fieber,  während  er  später  der  pathologisch-anatomischen  Schule  in  seinen 
grossen  Werken  über  die  Krankheiten  der  Haut  und  über  die  der  Nieren 
folgte. 
Bouüiaud.  Bouillaud  war  Broussais'  genialster  und  extremster  Anhänger.    Die 

Desessentialisation  der  Fieber  und  die  blutentziehende  Therapie  waren  die 
Hauptpunkte,  an  denen  Bouillaud  festhielt.  In  Beziehung  auf  diese  nannte 
er  Broussais  den  medicinischen  Messias.  Doch  ging  er  in  Hinsicht  »der 
Blutentziehungen  noch  weit  über  Broussais  hinaus  und  führte  die  Saignee 
coup  sur  coup  ein,  durchweiche  er  behauptete,  Typhus,  Pneumonie,  Rheu- 
matismus acutus,  Herzentzündung  und  andere  Krankheiten  juguliren  zu 
können.  Auch  auf  anderen  Punkten  weicht  er  von  Broussais  ab,  indem  er 
namentlich  manche  Entzündungen  nicht  als  einfache,  sondern  als  durch 
Blutveränderungen  modificirte  ansah.  So  ist  der  Typhus  bei  Broussais  ein- 
fache Gastroenterite,  bei  Bouillaud  Enteromesenterite  typhoide.  Vornem- 
.  lieh  die  Störungen  des  Gehirns  und  des  Herzens,  sowie  das  Zusammen- 
fallen von  Herzentzündungen  mit  Rheumatismus  wurden  von  ihm  aufge- 
klärt, die  Ursachen  |er  localen  Erytheme  und  Oedeme  in  einer  Verschliess- 
ung  der  Gefässe  nachgewiesen,  übrigens  auch  auf  vielen  anderen  Punkten 
Bedeutendes  geleistet. 

Unter  seinen  zahlreichen  Arbeiten  sind  die  wichtigsten :  Traite  clinique 
et  physiologique  de  l'encephalite  1825;  Traite  clinique  et  experimental 
des  fievres  pretendues  essentielles  1826;  Traite  clinique  des  maladies  du 
coeur  1834;  Essai  sur  la  philosophie  medicale  1836;  Traite  clinique  du 


Pathologisch-anatomische  Schule  in  Frankreich.  307 

rhumatisme  articulaire;  Clinique  medicale  de  l'höpital  de  la  Charite  1837; 
Nosographie  medicale  1846. 

Casimir  Broussais,  des  Reformators  Sohn,  war  ziemlich  unbe-    cas.  Broussais. 
deutend  und  hat  nur  durch  die  Localisation  des  Icterus  in  einer  Duodenite 
einigen  Kamen  erlangt. 

Die  berühmtesten  Schüler  Broussais  nebst  einigen  andern  unabhäng- 
igeren Aerzten  veröffentlichten  ein  Collectivwerk,  welches  die  gediegensten 
monographischen  Arbeiten  der  damaligen  Zeit  in  sich  vereinte :  das  Dic- 
tionnaire  de  medecine  pratique  in  15  Bänden  vom  Jahre  1829 — 1835. 
Als  journalistisches  Organ  wurde  ausser  den  Annales  de  la  medecine  phys- 
iologique  auch  das  Journal  hebdomadaire  benüzt. 

Ausserhalb  Frankreichs  wurden  nur  einzelne  Broussais'sche  Anschau- 
ungen aufgenommen,  ohne  dass  die  Schule  einen  unbedingten  Vertreter 
gefunden  hätte.   Nur  etwa  der  Spanier  Hurtado  machte  eine  Ausnahme. 

Neben  Broussais  und  in  entschiedener  Opposition  mit  ihm  trat  eine  pathoiogisch- 
andere  Schule  in  Frankreich  auf,  welche  gleichfalls  von  Bichat  ihren  Aus-   anatomiscne 

°  Schule  in 

gang  nahm:  die  pathologisch-anatomische.  Frankreich. 

Dupuytren  stand  zwischen  beiden  in  der  Mitte  und  hat,  wie  einer-      Dupuytren, 
seits  die  Irritationslehre,  so  andererseits  die  Wichtigkeit  genauer  patho- 
logisch-anatomischer Thatsachen  gewürdigt. 

Zunächst  können  als  die  Gründer   der  pathologisch-anatomischen         ßayie. 
Schule  Bayle  (s.  oben)  und  namentlich  Laennec  angesehen  werden. 

Rene  Laennec,  geboren  1781,  von  1802  an  eifriger  pathologischer      Laennec. 
Anatom  und  Anfangs  Rival  von  Dupuytren,  indem  beide  sich  die  Priorität 
von  Entdekungen  streitig  machten.    Von  1806  an  war  er  Arzt  im  Höpital 
Necker.    Hier  entdekte  er  die  Auscultation,  die  er  1819  bekannt  machte. 
1822  wurde  er  Professor  und  starb  1826  an  Lungentuberculose. 

Laennec's  Tendenz  war,  die  pathologische  Anatomie  zur  klinischen  zu 
erheben.  Die  Aufgaben,  die  er  sich  stellte,  waren,  wie  er  selbst  sagt: 
1)  an  den  Leichen  zu  untersuchen,  welche  anatomische  Veränderungen 
in  den  Organen  vorkommen;  2)  durch  Vergleichung  der  Symptome  mit 
der  Section  nachzuweisen,  welche  Symptome  die  anatomischen  Veränder- 
ungen begleiten,  und  namentlich  welche  mit  physikalischer  Notwendig- 
keit von  ihnen  abhängen;  und  endlich  3)  sichere  Mittel  zu  finden,  durch 
welche  die  anatomischen  Veränderungen  in  den  Normalzustand  zurükge- 
führt  werden  können. 

Durch  Befolgung  der  ersten  Aufgabe  lieferte  er  eine  Reihe  der  wicht- 
igsten Bereicherungen  der  speciellen  Pathologie  über  Peritonitis,  die  Ein- 
geweidewürmer ,  die  Acephalocysten ,  die  Aneurysmen  des  Herzens ,  über 

20* 


308 


Die  jüngste  Umwälzung  und  die  Entwiklung  der  Gegenwart. 


Cruveilhier. 


Rostan. 


Melanose  und  Markschwamm.  Die  meisten  Lungenkrankheiten  lehrte 
Laennec  erst  genau  kennen;  manche  waren  vor  ihm  ganz  unbekannt,  die 
Bronchiectasie,  das  Lungenemphysem  und  mehrere  andere.  Den  Be- 
griff der  Tuberkeln  stellte  er  erst  pathologisch-anatomisch  fest.  Seine 
Eintheilung  der  Krankheiten  ist  eine  durchaus  pathologisch-anatomische. 

In  Beziehung  auf  die  zweite  Aufgabe  schuf  er  eine  ganz  neue  Wissen- 
schaft, die  physikalische  Semiotik,  indem  er  zeigte,  dass  die  materiellen 
Verhältnisse  namentlich  der  Organe  der  Brust  aus  gewissen  akustischen 
Zeichen  zu  erkennen  seien.  Diese  Lehre  wurde  von  Laennec  bis  zu  einer 
bedeutenden  Vollkommenheit  ausgebildet  und  seine  Nachfolger  wussten 
während  zweier  Jahrzehnte  wenig  ihr  beizufügen. 

Auch  für  die  Therapie  sind  seine  Verdienste  nicht  klein.  In  Opposition 
gegen  Broussais  verwarf  er  das  ausschliessliche  Blutentleeren  und  die  in- 
differenten Tisanen  und  sezte  an  ihre  Stelle  entschieden  wirkende  Mittel, 
wie  Tartarus  emeticus,  China  und  Stimulantien. 

Laennec  vor  Allen  hat  der  französischen  Medicin  den  objectiven 
Charakter  gegeben,  die  Richtung  auf  das  Materielle,  die  ihr  aus  Missver- 
stand oft  zum  Vorwurf  gemacht  wurde. 

Laennec  war  es,  dessen  gründliche  Leistungen  zuerst  das  Ansehen 
Broussais'  untergruben.  Der  tiefe  Hass  des  Lezteren  gegen  den  gefähr- 
lichen Rivalen  spricht  sich  in  den  scheinbar  kalten  Worten  aus,  mit  denen 
er  Laennec  im  Examen  (3.  ed.  tom  IV.  pag.  143)  einführt:  Monsieur  le 
docteur  Laennec  est  l'inventeur  d'un  cylindre  creuxdestine  a  perfectionner 
par  le  moyen  de  l'auscultation  de  la  poitrine  le  diagnostic  des  maladies  de 
cette  cavite  viscerale. 

Cruveilhier,  Dupuytren's  Zögling,  stand  wie  dieser  in  der  Mitte 
zwischen  dem  Broussaisismus  und  der  anatomischen  Schule.  Als  er  Du- 
puytren wegen  einer  Doctorsdissertation  um  Rath  fragte,  antwortete 
dieser :  Schreiben  Sie  über  pathologische  Anatomie,  und  wiederholte  diese 
Antwort  bei  nochmaliger  Frage.  So  entstand  Cruveilhier's  erstes  und 
ziemlich  mageres  Handbuch  über  diesen  Gegenstand  1816.  Im  Jahr  1821 
begann  er  eine  Medecine  pratique  eclairee  par  l'anatomie  et  la  physiologie 
pathologique  zu  schreiben ,  von  der  aber  nur  ein  Heft  erschien.  Zahl- 
reiche werthvolle  Arbeiten  von  ihm  sind  in  dem  Dict.  en  XV  vol.  ent- 
halten. Allmälig  trat  er  mehr  und  mehr  auf  die  Seite  der  pathologisch- 
anatomischen Schule  und  sein  Hauptwerk  (Anatomie  pathologique  du  Corps 
humain)  in  40  Lieferungen  mit  Abbildungen  (1829 — 1842)  ist  eine  der 
werthvollsten  Arbeiten  dieser  Richtung  und  eines  der  wichtigsten  Werke 
der  Medicin  überhaupt. 

Rostan,  Professor  an  der  Universitätsklinik,  nahm  das  anatomische 


Pathologisch-anatomische  Schule  in  Frankreich. 


309 


Element  in  seine  Anschauungen  auf,  obwohl  er  vielfach  dem  älteren  Ver- 
fahren treu  blieb.  In  seinem  Werke  sur  le  ramolissement  du  cerveau  1823 
nahm  er  die  Gehirnerweichung  als  eigene  Krankheit  an  und  gab  Veran- 
lassung zu  zahlreichen  späteren  Forschungen  über  ihre  primitive,  ent- 
zündliche oder  sonstige  Natur.  Ausserdem  erschien  ein  Cours  de  clinique 
von  ihm  in  3  Bänden ,  welcher  nicht  ohne  Einfluss  war  und  viel  dazu  bei- 
trug, auch  die  Anhänger  der  älteren  Schulen  für  die  pathologische  Ana- 
tomie zu  gewinnen. 

Auch  Chomel,  geb.  1781,  seit  1826  Professor  an  der  Facultät  zu 
Paris,  gehörte  theilweise  noch  der  alten  Medicin  an,  ergriff  aber  mit 
grosser  Lebhaftigkeit  die  pathologisch-anatomische  Auffassung.  In  seiner 
Dissertation:  essai  sur  le  rhumatisme  1813,  ist  eine  gute  Beobachtungs- 
gabe zu  bemerken,  der  Ton  aber  durchaus  der  der  alten  Medicin.  Sein 
Traite  des  fievres  et  des  maladies  pestillentielles  1822  ist  noch  in  ziem- 
lich Pinel'schem  Sinne  geschrieben.  Seine  Elemens  de  pathologie  generale 
(1824)  führten  diese  Doctrin  erst  in  Frankreich  ein.  Erst  in  seinen  Legons 
de  clinique  medicale,  in  denen  er  zuerst  den  Typhus,  sodann  die  Pneu- 
monie, endlich  den  Rheumatismus  nach  seinen  Vorträgen  von  seinen 
Assistenzärzten  bearbeiten  Hess,  erscheint  der  anatomische  Gesichtspunkt 
vorwiegend.  Chomel  hatte  etwas  Deutsches  in  seiner  Art,  im  guten  wie 
im  schlimmen  Sinne  des  Worts.  Er  war  von  den  hervorragenden  Aerzten 
der  Periode  am  meisten  Eklektiker;  da  sein  Eklekticismus  aber  den 
Theorien  ziemlich  fern  blieb ,  so  wurde  seine  practische  Bedeutung  eher 
dadurch  erhöht  als  vermindert. 

Gen  drin  (Recherches  sur  la  nature  et  les  causes  des  fievres,  1823, 
und  Histoire  des  inflammations,  1826)  bekämpfte  gleichfalls  vom  patho- 
logisch-anatomischen Standpunkte  die  Broussais'sche  Lehre  und  ver- 
suchte in  dem  lezten  Werke  eine  Zurükführung  der  gesammten  Pathologie 
auf  die  Gewebsformen  und  die  durch  sie  begründeten  Eigenthümlichkeiten 
der  Störungen. 

Bretonneau  in  Tours  nahm  eine  etwas  isolirte  Stellung  ein.  Er  be- 
schäftigte sich  vornemlich  mit  den  Eigenthümlichkeiten  der  Schleimhaut- 
entzündungen und  trennte  die  diphtherische  (bei  bösartiger  Angina  und 
Croup)  und  die  folliculöse  Darmentzündung  (Dothienenteritis)  von  der 
gemeinen  Entzündung  ab. 

Andral  (geb.  1797)  erregte  zuerst  durch  seine  Clinique  medicale, 
begonnen  1823,  grosses  Aufsehen,  indem  er  darin  den  neuen  Weg  ver- 
folgte, aus  einer  Reihe  einzelner  Beobachtungen  gewöhnlich  vorkommender 
Krankheitsfälle  die  Verhältnisse  der  betreffenden  Krankheiten  vollkommen 
empirisch  festzustellen.     Die  wesentlichste  Untersuchung  bezog  sich  auf 


Gendriii. 


Andral. 


310  Die  jüngste  Umwälzung  und  die  Entwiklung  der  Gegenwart. 

die  pathologisch-anatomischen  Veränderungen  und  auf  die  Symptome, 
während  die  Therapie  um  so  mehr  vernachlässigt  blieb,  als  die  Beobacht- 
ungen fast  durchaus  einer  fremden  Praxis  entnommen  waren.  In  den  zwei 
ersten  Bänden  wurden  die  Krankheiten  der  Brustorgane ,  im  dritten  und 
vierten  die  des  Unterleibs,  mit  besonders  ausgedehnter  Berüksichtigung 
des  Abdominaltyphus,  und  im  fünften  die  Gehirnkrankheiten  abgehandelt. 

Ferner  hat  Andral  in  seinem  Precis  d'anatomie  pathologique  (1829) 
die  erste  allgemeine  pathologische  Anatomie  geliefert,  indem  er  die  Läs- 
ionen der  Organe  unter  allgemeinem  Gesichtspunkte  auffasste.  Von  ganz 
besonderem  Interesse  ist  der  Versuch,  den  Begriff  der  Entzündung,  der 
in  der  gesammten  Medicin  und  namentlich  in  der  Broussais'schen  Schule 
zu  so  viel  Unfug  Anlass  gegeben  hatte,  in  seine  Elemente  zu  analysiren 
und  gewissermaassen  zu  beseitigen.  Andral  zeigte,  wie  das,  was  man  Ent- 
zündung nennt,  aus  verschiedenen  einzelnen  Vorgängen  zusammengesezt 
ist,  namentlich  aus  Hyperämie,  Eiterung  und  Secretion,  untersuchte  auf's 
genaueste  die  Verhältnisse  der  Hyperämie  und  hat  dadurch  in  die  ver- 
worrensten Verhältnisse  Klarheit  und  Zusammenhang  gebracht.  Auch 
den  Begriff  der  Irritation  Hess  er  als  einen  nicht  anatomischen  und 
vagen  fallen. 

Der  specielle  Theil  ist  das  erste  gründliche  Resume  der  pathologisch- 
anatomischen Thatsachen,  bereichert  durch  zahlreiche  eigene  Unter- 
suchungen. 

Die  Cours  de  pathologie  interne ,  nach  der  Redaction  von  Latour 
(1836)  bieten  eine  sehr  lichtvolle  specielle  Pathologie.  Auch  mehrere 
wichtige  Artikel  im  Dict.  en  XV  wurden  von  Andral  gearbeitet. 

Im  Jahr  1842  machte  er  seine  mit  Gavarret  gemeinschaftlich  unter- 
nommenen Untersuchungen  über  die  Zusammensezung  des  Bluts  in 
Krankheiten  bekannt  und  eröffnete  dadurch  die  neuere  Gestaltung  der 
Humoralpathologie.  Eine  allgemeine  Pathologie  erschien  zulezt  von  ihm. 
Louis.  Louis,  der  sorgfältigste  und  voraussezungsloseste  Beobachter  unter 

den  französischen  Aerzten  hat  am  meisten  dazu  beigetragen  den 
Broussaisismus  zu  stürzen.  Nachdem  er  längere  Zeit  in  Russland 
practicirt  hatte,  kam  er  im  33sten  Lebensjahr  nach  Frankreich  zurük  und 
fand  den  Broussaisismus  fast  in  der  Alleinherrschaft.  Er  studirte  die 
Werke  der  neuen  Richtung  und  folgte  den  Vorlesungen  Broussais'. 
Allein  voll  Zweifel  über  die  Richtigkeit  der  vorgetragenen  Behauptungen 
entschloss  er  sich  zu  einer  rein  objectiven  Beobachtung,  ohne  selbst 
irgend  an  der  Therapie  der  Kranken  sich  zu  betheiligen,  und  er  beschäft- 
igte sich  sieben  Jahre  lang  einzig  mit  der  unermüdlichen  Verfolgung  der 
Krankheitsfälle  auf  zwei  Sälen  der  Charite.     Während  dieser  Zeit  er- 


Louis.  31] 

schienen  einige  kleine  Arbeiten  von  ihm  (zuerst  die  Abhandlung  über  die 
Perforation  des  Dünndarms).  1825  erschienen  seine  Recherches  anatom- 
iques  pathologiques  et  ther.  sur  la  phthisie,  1826  seine  gesammelten 
Memoires  und  1829  seine  Recherches  sur  la  maladie  typhoide. 

Die  eindringliche  Wahrhaftigkeit  der  Louis'schen  Beobachtungen  und 
die  ungemein  sorgfältigen  und  umsichtigen  Folgerungen,  die  er  darauf 
basirte,  haben  ganz  besonders  viel  dazu  beigetragen,  die  Einsichtigen  von 
Broussais  zu  entfernen,  nicht  allein  darum,  weil  er  die  Unrichtigkeit  und 
Ungenauigkeit  der  Auffassungen  Broussais'  in  vielen  Punkten,  namentlich 
in  Betreff  der  Gastroenteritis  beim  Typhus  aufdekte ,  sondern  weil  er  im 
Gegensaz  zu  der  oberflächlichen  und  cavalieren  Methode  von  Broussais 
und  seinen  Schülern  ein  Beispiel  der  exacten  Forschung  gegeben  hat,  wie 
kein  zweites  bis  dahin  in  der  Medicin  existirte ;  von  ihm  an  erst  datirt  die 
strenge  Verwerthung  der  Einzelfacta. 

Broussais  fühlte  die  grosse  Gefahr,  die  seinem  Ansehen  durch  das 
Auftreten  dieses  einfachen,  ruhigen  Beobachters  drohte.  Er  bekämpfte 
ihn  daher  in  der  dritten  Auflage  des  Examens  aufs  Lebhafteste 
und  mit  grossem  dialectischen  Scharfsinn  bis  in  die  einzelsten  Punkte. 
Der  vierte  Theil  des  lezten  Bandes  seines  Geschichtswerkes  ist  allein 
Louis  gewidmet.  Louis  antwortete  darauf  in  seinem  Examen  de  l'examen 
mit  schneidender  Ruhe  und  mit  dem  ganzen  Gewicht  einer  Wissenschaft, 
der  die  Thatsachen  Alles  sind  und  in  der  die  Hypothese  kein  Wort  mit- 
zusprechen hat. 

Louis  ist  überdem  der  Urheber  der  sogenannten  numerischen  Methode 
in  der  Medicin,  d.  h.  der  Verwendung  der  Statistik  für  Beantwortung  von 
Fragen  der  Aetiologie,  der  pathologischen  Anatomie,  Symptomatik, 
Prognose  und  selbst  der  Therapie.  Er  selbst,  nachdem  er  in  den  meisten 
seiner  Veröffentlichungen  diese  Methode  angewandt  hatte,  hat  in  den 
Memoires  de  la  Societe  d'observation  I.  ihre  Grundsäze  und  ihren  Ge- 
brauch auseinandergesezt.  Noch  ausführlicher  und  sorgfältiger  hat 
Gavarret  (Principes  generaux  de  statistique  medicale  ou  developpement 
des  regles  qui  doivent  presider  a  son  emploi  1840)  die  Methode  und  ihre 
Grundsäze  dargelegt.  Wenn  auch  diese  Methode  zu  vielen  verkehrten 
Anwendungen  und  zu  vielen  illusorischen  Hoffnungen  Veranlassung 
gegeben  hat,  so  ist  sie  doch  bei  besonnenem  und  einsichtsvollem  Ge- 
brauch ein  wesentliches  und  unentbehrliches  Instrument  der  exacten 
Methode  geworden. 

Durch  Louis  und  seine  numerische  Methode  mehr  noch  als  durch  die 
übrigen  anatomischen  Pathologen  gelangte  die  Hospitalbeobachtung  für 
eine  Zeitlang  in  gewisser  Art  zur  Alleinherrschaft.     Sie  nur  erschien  als 


312  Die  jüngste  Umwälzung  und  die  Entvnklung  der  Gegenwart. 

maassgebend  und  brauchbar  zur  Feststellung  giltiger  Thatsachen  und  die 
Erfahrungen  der  Privatpraxis  zogen  sich,  verschüchtert  durch  den  Umfang 
und  die  Strenge  der  Anforderungen,  aus  der  Casuistik  zurük.  So  nüzlich 
und  nothwendig  dies  für  eine  scharfe  Revision  der  factischen  Grundlagen 
der  Wissenschaft  war,  so  ist  doch  nicht  zu  verkennen,  dass  die  engen 
Grenzen  der  Hospitalerfahrungen  der  Pathologie  den  Charakter  einer 
Beschränktheit  aufgedrükt  und  ihre  Verwendung  für  das  practische 
Handeln  wesentlich  beeinträchtigt  haben. 
Biiiard.  Billard  war  schon  als  ganz  junger  Mann  einer  der  entschiedensten 

Bekämpfer  der  Broussais'schen  Lehre  der  Gastroenteritis  und  hat  zu 
richtigeren  anatomischen  Vorstellungen  Veranlassung  gegeben.  Er  hat  in 
seinem  Werke  de  la  membrane  muqueuse  gastrointestinale  dans  Fetat 
sain  et  dans  l'etat  inflammatoire  1825  nachgewiesen,  dass  Röthe  der 
Membranen  kein  sicheres  Zeichen  von  Entzündung  sei,  sondern  häufig  eine 
Leichenerscheinung  und  durch  Imbibition  bedingt.  Ausserdem  hat  er 
in  seinem  Traite  des  maladies  des  enfans  nouveaunes  die  Pathologie 
der  Neugeborenen  anatomisch  und  symptomatisch  festgestellt  und 
dadurch  die  so  erfolgreiche  Forschung  in  den  Kinderkrankheiten  mit 
einem  wahrhaft  classischen  Werke  eröffnet  (1828).  Er  starb  bald  nach 
dieser  ruhmvollen  Arbeit. 
piorry.  Nicht  ohne  bedeutendes  Verdienst  war  auch  Piorry  (geb.  1794,  seit 

1831  Professor),  welcher,  obwohl  der  anatomischen  Schule  angehörig, 
doch  wieder  viele  Anknüpfungspunkte  an  Broussais  hatte  und  die  antion- 
tologische  Tendenz  mit  der  äussersten  Pedanterie  und  unter  der 
greulichsten  Misshandlung  der  Sprache  betrieb.  Er  schrieb  schon  1820 
sein  Buch  de  l'irritation  encephalique  des  enfans.  Sein  Hauptverdienst 
ist  die  Anwendung  des  Plessimeters  zur  Percussion  und  die  dadurch 
erreichte  Vervollkommnung  des  Percussionsverfahrens  überhaupt.  Aber 
auch  dieses  diagnostische  Hilfsmittel  wurde  von  ihm  mit  der  ganzen 
Unerträglichkeit  eines  eigenliebigen  Pedanten  fortwährend  aufgedrungen. 
Seine  erste  Schrift  darüber  ist  de  la  percussion  mediate  1828. 

Seine  späteren  Schriften  sind  zum  grossen  Theil  Circumscriptionen  seiner 
ersten  Entdekung,  besonders:  du  procede  operatoire  a  suivre  dans  l'explo- 
ration  des  organes  par  la  percussion  mediate  1831.  Ein  werthvolles 
Buch  war  sein  Traite  de  diagnostic  et  de  semeiologie  1837.  Piorry  hat 
gleichfalls  den  Versuch  gemacht,  die  Veränderungen  des  Blutes  in  Krank- 
heiten festzustellen:  Traite  des  alterations  du  sang  1836.  Doch  fehlte  es 
ihm  dazu  an  der  genügenden  factischen  Basis. 

Noch  eine  grosse  Anzahl  tüchtiger  Männer  arbeitete  im  "Sinne  der  pa- 
thologisch-anatomischen Schule,  namentlich  Breschet,  Lombard,  Double, 


Bedeutung  der  pathologisch-anatomischen  Schule.  313 

Dance,  Dalmas,  Calmeil,  Rochoux,  Ollivier,  Guersent,  Ferrus,  Con- 
tanceau  etc.  und  die  Jüngern,  wie  Grisolle,  Requin,  Latour,  Bizot,  Barth, 
Pelletan,  Fournet,  Sestier,  Marc  d'Espine,  Rilliet  und  Barthez,  Monneret, 
Delaberge  und  viele  Andere. 

Die  ältere  pathologisch-anatomische  Schule,  obwohl  sie  auch  das 
Dict.  en  XV  vol.  zu  ihren  Veröffentlichungen  benüzte,  hatte  doch  ein 
neues  gemeinschaftliches  Organ  dafür  gegründet,  das  Dict.  de  medecine 
oder  Repertoire  generale  des  sciences  medicales  en  XXI  vol.,  in  2.  Aufl. 
en  XXX  vol.  Ihr  journalistisches  Organ  waren  vornemlich  die  Archives 
generales,  während  die  Jüngern  theils  die  Memoires  de  la  societe  d'obser- 
vation,  theils  das  Bulletin  de  la  societe  anatomique  benüzten;  die  Me- 
moires der  Academie  de  medecine  dagegen  waren  ein  neutrales  Terrain. 

Die  pathologisch-anatomische  Schule  hat  mehr  noch  als  Broussais    Bedeutung  der 
dazu  beigetragen ,  die  alte  symptomatische  Medicin  aufzulösen ,  indem  sie  Pathol°sisch-ana- 

°  °        '  J      r  '  tomischeu  Schule. 

etwas  Reelles  an  deren  Stelle  sezte. 

Die  symptomatische  Medicin  hatte  aus  der  Aehnlichkeit  der  Symp- 
tome auf  Gleichartigkeit  der  Krankheit  geschlossen  und  so  eine  Menge 
von  Krankheitsspecies  aufgestellt,  die  nur  auf  das  ganz  äusserliche  Bei- 
sammensein von  Symptomen  gegründet  waren.  Die  pathologisch- 
anatomische Schule  verwarf  fast  alle  diese  auf  äusserliche  Aehnlichkeit 
basirten  Krankheitsbilder  und  führte  dagegen  ihre  Krankheitsformen  auf 
die  anatomischen  Läsionen  als  auf  das  Wesentlichste  zurük.  Damit 
brachte  sie  den  Untergang  allen  jenen  steifen,  unnüzen  und  verwirrenden 
Classificationen,  die  auf  wesenlose  Eintheilungsprincipien  basirt  waren 
(Krankheiten  der  Irritabilität,  Sensibilität,  sthenische  und  asthenische 
Krankheiten). 

Der  grösste  Gewinn  der  anatomischen  Schule  liegt  darin,  dass  sie 
die  Gewohnheit  herbeiführte ,  anatomisch  zu  denken,  dass  sie  durch  die 
erworbenen  Kenntnisse  von  Störungen  der  einzelnen  Organe  nöthigte ,  in 
jedem  Einzelfall  auch  dieser  Organe  und  der  möglichen  Störungen  in 
ihnen  sich  zu  erinnern.  In  Folge  davon  tritt  der  Arzt  mit  ganz  andern 
Anforderungen  an  sich,  mit  einer  ganz  veränderten  Aufgabe  ans 
Krankenbett;  und  es  wird  ihm  geradezu  unmöglich,  sich  in  den  früheren 
Nebel  zu  verflüchtigen. 

Diese  zur  Gewohnheit  gewordene  Notwendigkeit,  anatomisch  zu 
denken  bei  der  Beschäftigung  mit  Kranken,  ist  der  Punkt,  durch  welchen 
sich  die  neue  Zeit  von  der  alten  am  durchgreifendsten  unterscheidet. 
Hierin  liegt  aber  auch  der  Grund,  wesshalb  ganz  tüchtige  Aerzte  der 
alten  Schule  so  oft  nicht  mehr  im  Stande  waren,  selbst  bei  aller  Einsicht, 


314  Die  jüngste  Umwälzung  und  die  Entwiklung  der  Gegenwart. 

bei  allen  Kenntnissen  und  beim  besten  Willen  in  der  neuen  Richtung 
sich  zurecht  zu  finden.  Es  war  ihnen  nicht  mehr  möglich ,  anatomisch 
denken  zu  lernen.  Alles  Gelernte  war  nur  angenommen,  hing  nur  an, 
wie  etwas  fremdartiges ,  einer  fremden  Sprache  gleich ,  die  man  nicht  von 
Kindesbeinen  an  gesprochen,  sondern  erst  im  Alter  erlernt  hat. 

Die  pathologisch-anatomische  Schule  suchte  allenthalben  das  kranke 
Organ  zu  bestimmen  und  die  Art  der  materiellen  Veränderungen  in  ihm 
aufzufinden.  Diess  galt  von  jezt  an  als  Aufgabe  im  Einzelfalle,  wie  als 
Ziel  für  die  Construction  der  gesammten  Krankheitslehre. 

In  Beziehung  auf  leztere  führte  daher  diese  Schule  eine  totale  Umge- 
staltung mit  sich ,  welche  Umgestaltung  sich  theils  auf  Entfernung  vieler 
alten  Species,  die  selbst  bis  auf  den  Namen  verloren  gegangen  sind, 
bezog,  theils  auf  eine  gänzliche  Umwandlung  der  Begriffe  und  selbst  der 
Namen,  indem  unter  manchen  früher  geläufigen  Ausdrüken  sehr  ver- 
schiedene anatomische  Zustände  aufgefunden  wurden  und  diese  daher 
getrennt  werden  mussten,  bei  andern  wesentliche  früher  ungeahnte  Stör- 
ungen der  Krankheit  nachgewiesen  wurden  und  ihr  daher  auch  den 
Namen  gaben.  Dadurch  gestaltete  sich  die  ganze  Terminologie  der 
Wissenschaft  neu  oder  in  anderem  Sinne  und  diese  neue  Sprache  war  nur 
die  Manifestation  des  neuen  Denkens. 

Die  Entitäten  der  alten  Schule  fielen  dadurch  von  selbst.  Broussais 
hatte  sie  durch  seine  Angriffe  auf  die  Ontologie  logisch  aufgelöst,  die 
anatomische  Schule  zeigte  ihre  Wesenlosigkeit  auf  positivem  Wege. 
Aber  die  anatomische  Schule  war  sich  bei  der  Beseitigung  der  Krank- 
heitseinheiten doch  der  ganzen  Unwissenschaftlichkeit  der  alten  Pathologie 
nicht  recht  bewusst.  Schon  aus  Opposition  gegen  Broussais  und  aus 
Abneigung  gegen  alles  Theoretisiren  fasste  sie  die  Frage  nicht  scharf 
ins  Auge.  Wenn  sie  daher  auch  die  alten  Entitäten  aufgab ,  so  sezte  sie 
ganz  unbefangen  neue,  anatomische  an  ihre  Stelle.  Sie  schuf  patho- 
logisch-anatomische Species.  Dieses  Speciesmachen  der  anatomischen 
Schule  war  jedoch  nicht  das  Ergebniss  eines  naturhistorischen  Vor- 
urtheils,  vielmehr  zumeist  nur  ein  Mittel ,  die  Beschreibung  und  sprach- 
liche Handhabung  der  Objecte  zu  erleichtern.  Die  Species  dieser  Schule 
waren  weder  so  wesenlos  wie  die  alten,  noch  wurde  an  ihnen  mit  der 
früheren  Aengstlichkeit  festgehalten,  wie  von  den  Systematikern.  Sie 
erschienen  mehr  als  augenbliklich  gewählte  Abgrenzungen ,  die  nach  Be- 
dürfniss  wieder  aufgegeben  wurden  und  auf  welche  keine  strenge 
Classification  zu  basiren  war.  Bei  den  Intelligenten  dieser  Richtung 
haben  sie  lediglich  auch  keinen  Schaden  gebracht.  Beim  grossen  Haufen 
und    bei    den    Schwächeren     hatten     sie     allerdings     den    Nachtheil, 


Bedeutung  der  pathologisch-anatomischen  Schule.  315 

dass  sie  die  Wirkung  des  Broussais'schen  Angriffs  auf  die  Ontologi  ab- 
stumpften und  den  Erfolg  desselben  für  viele  wieder  verlustig  gehen  Hessen. 

Die  ganze  Methode  der  Beobachtung  wurde  verändert.  Während 
man  früher  vor  Allem  auf  diejenigen  Erscheinungen  Rüksicht  genommen 
hatte,  welche  den  allgemeinen  Zustand  anzeigten,  richtete  sich  jezt  die 
Beobachtung  mehr  auf  locale  Phänomene.  Das  Raisonnement  über  das 
Beobachtete  drehte  sich  jezt  nicht  mehr  um  die  allgemeinen  Kräfte, 
sondern  bezog  sich  auf  den  Stand  der  anatomischen  Veränderungen. 
Diess  führte  zu  der  Tendenz  einer  möglichst  genauen  detaillirten  Er- 
forschung der  Thatsachen ,  sowohl  der  Veränderungen ,  die  der  Lebende 
bietet,  als  derer,  die  in  der  Leiche  gefunden  werden.  Eine  grosse  Menge 
von  Entdekungen  wurde  dadurch  gemacht.  In  demselben  Maasse  ver- 
loren die  alten  Autoritäten,  deren  Angaben  man  nicht  bestätigt  fand,  an 
Credit.  Man  glaubte  nur  dem ,  was  man  selbst  sah  und  zweifelte  an 
Allem,  was  durch  die  Tradition  überkommen  war.  Vornemlich  nachdem 
die  numerische  Methode  sich  unter  den  Beobachtern  eingebürgert  hatte, 
wurden  alle  bisherigen  Annahmen  als  verdächtig  angesehen  und  eine 
radicale  Revision  der  ganzen  Wissenschaft  angestrebt.  Eine  wohlthätige 
Skepsis  ist  dadurch  herbeigeführt  worden,  bei  vielen  aber  auch  die  falsche 
Sucht,  durch  widerspenstige  und  hartnäkige  Zweifelsucht  ihre  Wissen- 
schaftlichkeit zu  documentiren.  Auch  ist  ein  grosser  Theil  schon  vor- 
handener werthvoller  Beobachtungen  dadurch  in  der  Erinnerung  ausgelöscht 
worden  und  in  völlige  Vergessenheit  gefallen. 

Die  Erfolge  der  neueren  genauen  Beobachtung  waren  in  der  That 
immens.  Wie  von  selbst  lieferten  sich  die  Entdekungen  in  die  Hand  und 
wo  man  hinblikte,  da  fand  sich  Neues.  Eine  Menge  bis  dahin  unbekannter 
Zustände,  wie  man  zu  sagen  pflegte,  neuer  Krankheiten  wurde  entdekt, 
von  denen  die  alte  Schule  lediglich  keine  Ahnung  hatte.  Die  Verfolgung 
aller  möglichen  Störungen  an  jedem  einzelnen  Organe  vervielfältigte  die 
Formen  des  Krankseins  ins  Unendliche  und  doch  gewährte  sie  einen 
leichteren  Einblik  und  eine  raschere  Uebersicht  als  die  früheren  künstlich- 
systematischen Anordnungen  der  damals  viel  sparsamer  angenommenen 
Krankheitsformen. 

Ebensoviel  hat  die  anatomische  Schule  in  der  Erkennung  der  localen 
Störungen  beim  Lebenden  gefördert.  Sie  hat  dabei  nicht  nur  negativ 
durch  Zurükweisung  zahlreicher  unberechtigter  Annahmen  gewirkt,  son- 
dern durch  Einführung  von  einer  Menge  neuer,  namentlich  der  auf  physi- 
kalische Verhältnisse  hinweisenden  Zeichen. 

Doch  hätte  sie  auch  hiebei,  wenn  sie  ihrer  Aufgabe  sich  klarer  bewusst 
gewesen  wäre ,  noch  mehr  leisten  können. 


316  Die  jüngste  Umwälzung  und  die  Entwiklung  der  Gegenwart. 

Statt  nemlich  bei  der  Deutung  eines  Symptoms  dieses  immer  nur  auf 
das  Organ  zurükzuführen ,  von  dessen  Läsion  es  zunächst  abhängt  und 
dadurch  die  gesammten  Erscheinungen  des  Falls  in  verschiedenen  ergriff- 
enen Organen  zu  localisiren,  war  bei  dieser  Schule  die  Tendenz  vor- 
herrschend, die  Gesammtkrankheit  und  alle  ihre  Symptome  stets  nur 
auf  ein  Organ  zu  beziehen,  in  ein  Organ  zu  localisiren,  mit  andern 
Worten  den  Siz  der  Krankheit  aufzufinden.  Ist  es  auch  für  sehr  viele 
Fälle  von  höchstem  Interesse,  den  topischen  Ausgangsherd  der  Krankheit 
zu  entdeken,  so  gibt  es  doch  Fälle  genug,  bei  welchen  durch  ein  solches 
Verfahren  nur  eine  schiefe  Vorstellung  erlangt  wird  und  in  allen  Fällen 
ist  die  einzige  vollständige  Einsicht  nur  dadurch  zu  erlangen ,  dass  der 
Werth  der  Betheiligung  der  sämmtlichen  Organe  richtig  geschäzt  wird. 

Eine  physiologische  Deutung  der  Krankheitserscheinungen  wurde  von 
der  pathologisch-anatomischen  Schule  fast  ganz  vernachlässigt.  In  der 
Epicrise  der  besten  Schriftsteller  dieser  Schule  wird  kaum  an  eine  phy- 
siologische Erörterung  gedacht.  Alle  Erscheinungen  werden  vernach- 
lässigt, deren  Ursache  nicht  unmittelbar  mit  dem  Messer  nachgewiesen 
werden  kann,  und  jede  palpable  Veränderung,  die  sich  vorfindet,  wird 
ohne  Weiteres  als  Ursache  der  Erscheinungen  angesehen ,  wenn  sie  auch 
nur  in  fernem  Zusammenhang  mit  diesen  stehen.  So  werden  kaum  be- 
sprochen der  Schmerz,  das  Verhältniss  derSecretionen,  die  Veränderungen 
der  Eigenwärme,  die  Pulsverhältnisse.  Oder  es  werden  Symptome  ohne 
Weiteres  entfernten  Veränderungen  zugeschrieben  (Kopfschmerz  der 
Darmaffection  z.  B.) 

Ueberhaupt  ging  diese  Schule  bei  ihrer  Semiotik  ganz  empirisch  zu 
Werk ,  indem  sie  untersuchte :  welche  Symptome  pflegen  bei  diesen  oder 
jenen  anatomischen  Hauptstörungen  der  Organe  vorzukommen?  welche 
Veränderungen  finden  sich  bei  diesen  oder  jenen  Symptomen?  Diesen 
Fehler  trifft  man  am  vollendetsten  bei  der  numerischen  Methode.  Die 
Zurükführung  auf  physikalische  oder  physiologische  Notwendigkeit  wird 
nirgends  mit  Bewusstsein  angestrebt. 

Die  Zeichen,  selbst  in  der  physikalischen  Semiotik,  werden  daher 
auch  nicht  auf  die  wirklichen  physikalischen  Verhältnisse  zurükgeführt, 
sondern  die  Zeichen  nach  äusserlicher  Aehnlichkeit  mit  sonstigen  Er- 
scheinungen (Schallarten,  Geräuschen)  verglichen  (räle  ronflant,  Blasebalg- 
geräusch, Nonnengeräusch,  Feilen,  Sägegeräusch,  Schleierhauchen,  Leber- 
ton, Milzton  etc.)  und  nun  einfach  empirisch  untersucht,  bei  welchen 
anatomischen  Veränderungen  dieses  oder  jenes  Symptom  sich  vorfindet. 
Es  mussten  dadurch  wichtige  Resultate  geliefert  werden,  aber  eine  wirk- 
liche Einsicht  ward  nicht  hergestellt,  ja  sogar  verzögert. 


Bedeutung  der  pathologisch-anatomischen  Schule.  317 

Damit  zusammenhängt,  dass  diese  Schule  eine  grosse  Anzahl  von 
Krankheitsfällen ,  bei  welchen  die  Anatomie  wenig  oder  nichts  zur  Auf- 
hellung zu  leisten  vermag,  vernachlässigte  und  gewissermaassen  aus  der 
Pathologie  beiseitigte.  So  namentlich  die  meisten  nervösen  Störungen 
und  complicirten  Affectionen,  deren  Zurükführung  auf  ein  Localleiden 
nicht  sofort  gelingt.  Ueberhaupt  hat  sie  der  Hospitalpraxis,  in  welcher 
die  ausgebildeten  Fälle  vorwiegen ,  ein  augenblikliches  Uebergewicht  ver- 
schafft und  eben  dadurch  die  Einsicht  in  die  zahlreichen  Vorkommnisse 
der  gemeinen  Praxis  für  längere  Zeit  zurükgesezt. 

Auch  die  Zustände  der  Flüssigkeiten  (des  Bluts,  Harns)  und  die  von 
ihnen  abhängigen  Zufälle  und  Erscheinungen  wurden  von  der  anatomischen 
Schule  lange  gering  geachtet.  Erst  in  der  Folge  wurde  denselben  mehr 
Aufmerksamkeit  geschenkt  und  es  gestaltete  sich  eine  neue  humoral- 
pathologische  Richtung.  Constitutionsaffectionen  wurden  überall  zu 
wenig  beachtet. 

Die  ausschliessliche  Rüksichtnahme  auf  grobe  topische  Störungen 
hatte  das  Interresse  für  alle  anderen  Fragen  geschwächt  oder  selbst  ver- 
dächtig gemacht. 

Damit  fiel  freilich  auch  eine  Menge  theoretischer  Bedenken  weg, 
welche  den  Arzt  der  Schule  mit  seiner  Irritabilität,  seinen  Factoren  und 
Polen,  seiner  Voraussezung  von  Erregbarkeitserschöpfung,  Tendenz  der 
Naturheilkraft  etc.  gequält  hatten.  Manche  sublime  Fragen  wurden  gar 
nicht  mehr  gestellt;  die  Aufgabe  der  Beurtheilung,  indem  sie  reeller  ge- 
worden war,  gewann  an  Einfachheit. 

Eine  grosse  Vorsicht  im  Raisonnement  ist  Character  dieser  Schule 
gewesen.  Sie  hat  freilich  dabei  eine  gewisse  Armuth  an  Ideen  herbei- 
geführt. Auf  der  andern  Seite  aber  hat  sie  in  der  Medicin  den  Sinn  für 
Objectivität  eingebürgert  und  den  ungeschminkten  Thatsachen  ihr  Recht 
gelassen.  Daher  sind  auch  die  Arbeiten  der  schwächern  Mitglieder  dieser 
Schule  immer  von  einer  gewissen  Brauchbarkeit  und  von  Werth  und 
werden  nicht  von  den  verquälten  Conjecturen  der  Elaborate  gleicher  Stufe 
aus  der  deutschen  Medicin  verunstaltet. 

Bei  der  Erforschung  des  Thatsächlichen  geht  die  französische  patho- 
logisch-anatomische Schule  zwar  stets  auf  das  Detail;  aber  nirgends  auf 
das  lezte  Detail.  Die  microscopische  Anatomie  der  veränderten  Gewebe 
wurde  von  ihr  lange  noch  vernachlässigt,  als  sie  anderwärts  schon  grosse 
Erfolge  errungen  hatte. 

Auch  konnte  sich  die  Schule  noch  lange  nicht  zu  klarer  Anschauung 
der  pathologischen  Processe  erheben.  Weder  die  Entwiklung  noch  die 
Ausgleichung  derselben  wurde  verfolgt.  Mystische  Ausdrüke  und  Begriffe : 


318  Die  jüngste  Umwälzung  und  die  Entwiklung  der  Gegenwart. 

Irritation,  Tendenz  der  Natur,  organisches  Leben  werden  immer  noch 
überall  eingeschoben,  auch  wo  klarere  Vorstellungen  möglich  gewesen 
wären.  * 

Die  Therapie  der  pathologisch-anatomischen  Schule  war  im  Allge- 
meinen noch  längere  Zeit  sehr  einfach,  und  wenn  auch  gegen  die 
Broussais'schen  Excesse  in  Blutentziehungen  polemisirt  wurde,  so  blieb 
doch  auch  bei  ihr  das  Blutentziehen  die  Hauptsache;  leichte  Tisanen 
wurden  daneben  gegeben.  Lännec  jedoch  hatte  schon  angefangen,  unter 
Umständen  eingreifender  zu  verfahren  und  hat  selbst  von  der  gewalt- 
tätigen Rasori'schen  Therapie  etwas  aufgenommen.  Später  verfiel  die 
Schule  zum  grossen  Theil  in  den  Enthusiasmus  für  toxische  Dosen. 

Die  Indicationen  wurden  fast  durchaus  nicht  aus  Individualdiagnosen 
abgeleitet,  sondern  grösstentheils  an  die  Nominaldiagnose  der  Krankheit 
gebunden.  Die  numerische  Methode  hat  dieser  unpassenden  und  schlen- 
drianmässigen  Therapie  um  so  mehr  Vorschub  geleistet,  als  sie  dieselbe 
mit  einer  Art  rein  wissenschaftlichen  Nimbus  umgab. 

Im  Allgemeinen  hatte  das  therapeutische  Handeln  der  pathologischen 
Anatomie  etwas  hoffnungsloses;  denn  die  massiven  Veränderungen  der 
Organe  imponirten  im  Anfang  so,  dass  man  an  jeder  Wiederherstellung 
der  Integrität  verzweifelte,  um  so  mehr,  da  die  Verfolgung  der  Heilungs- 
processe  überall  versäumt  wurde.  Daher  war  man  in  der  Blüthe  der 
pathologisch-anatomischen  Schule  mehr  als  je  von  der  absoluten  Unheil- 
barkeit  zahlreicher  Krankheiten  überzeugt  und  hörte  auf,  auch  nur  Ver- 
suche zur  Ausgleichung  zu  machen.  Das  exspectative  Verfahren  wurde 
dadurch  vorherrschend,  indem  man  bei  geringfügigen  Störungen  es  nicht 
der  Mühe  werth  fand  einzugreifen ,  bei  grossen  keinen  Nuzen  davon  zu 
haben  glaubte. 

Indem  man  überall  die  localen  Veränderungen  als  das  Hauptsächliche 
und  fast  einzig  zu  Berüksichtigende  ansah,  so  lag  es  nahe  und  war  selbst 
nothwendig,  dass  man  wähnte,  auch  vornemlich  durch  topische  Mittel 
wirken  zu  müssen.  Man  übersah  völlig,  dass  bei  Besserung  des  Allge- 
meinzustandes die  örtlichen  Veränderungen  von  selbst  sich  ausgleichen ; 
aber  man  hielt  es  für  unwissenschaftlich,  auf  den  Allgemeinzustand  zu 
wirken ,  von  dem  das  anatomische  Messer  keine  Kunde  gab.  Darum 
waren  die  früheren  Aerzte  bei  aller  Armuth  ihrer  Kenntnisse  bessere 
Practiker  als  die  pathologischen  Anatomen,  weil  jene  auf  das  zu  wirken 
angewiesen  waren ,  was  in  den  meisten  Fällen  allein  durch  die  Therapie 
modificirt  werden  kann:  nemlich  auf  den  Gesammtzustand,  auf  das  Fieber, 
auf  den  Stand  der  Kräfte  und  der  Ernährung. 


Magendie.  319 

Von  grossem  Einfluss  auf  die  Umgestaltung  der  wissenschaftlichen    Die  Experi- 
Methode  und  der  Anschauungen  in  der  Heilkunde  war  ferner  die  erfolgreiche     me'ta  p  y" 
Entwiklung  der  Experimentalphysiologie  in  Frankreich.     Die  Ge-    Frankreich. 
websanatomie  Bichat's  und  Cabanis'  Auffassung  des  Organismus  haben 
die  zahlreichen  und  meisterhaften  Untersuchungen  Magendie's  vorbereitet. 

Magendie  (geb.  1783,  seit  1831  Professor  der  Experimentalphysio-  Magendie. 
logie  am  College  de  France).  Seine  Hauptwerke  sind:  das  Precis 
elementaire  de  physiologie,  ein  Memoire  sur  le  vomissement  (1813),  über 
die  Functionen  des  Nervensystems  (1823),  ein  Formular  für  die  Anwend- 
ung von  neuen  Medicamenten  (1836),  mehrere  Bände  Vorlesungen  über 
die  physikalischen  Phänomene  des  Lebens,  das  Nervensystem  und  das 
Blut;  endlich  gab  er  1821  — 1831  das  Journal  de  physiologie  experi- 
mentale  et  pathologique  heraus. 

Magendie's  Tendenz  war,  die  physiologische  Wissenschaft  zu  der 
Exactheit  der  physikalischen  zu  erheben.  Alle  theoretischen  und  aprior- 
istischen  Theorien  verbannte  er  als  einer  mythischen  Zeit  angehörig, 
welche  die  Medicin  gerade  so  haben  musste,  wie  alle  andern  Wissen- 
schaften, wie  Physik  und  Chemie.  Während  aber  die  Physik  seit  Galilei 
eine  exacte  Erfahrungswissenschaft  geworden  sei,  habe  die  Physiologie 
und  Medicin  in  ihrer  mythischen  Periode  verharrt.  Nur  dasselbe  Mittel 
könne  sie  daraus  erretten,  welches  Galilei  für  die  Physik  anwandte,  näm- 
lich das  Experiment ;  dieses  sei  eine  Frage  an  die  Natur,  auf  die  sie  immer 
antworte,  wenn  man  nur  zu  fragen  wisse.  Das  Experiment  sei  der  einzige 
Weg,  zur  wahren  Erkenntniss  der  Lebensphänomene  zu  kommen.  Wo 
immer  möglich,  dürfen  die  Lebensphänomene  nicht  von  den  physischen 
und  chemischen  getrennt  werden;  nur  wo  physikalische  und  chemische 
Geseze  nicht  ausreichen,  sei  man  vorläufig  berechtigt,  vitale  Phänomene 
gelten  zu  lassen :  dies  gelte  aber  fast  nur  allein  bei  den  Phänomenen  des 
Nervenlebens.  Die  Medicin  selbst  sei  ganz  auf  gleiche  Weise  zu  behandeln, 
wie  die  Physiologie;  sie  sei  nur  ein  Theil  derselben,  d.  h.  die  Physiologie 
des  kranken  Menschen. 

Magendie  hat  in  dem  Gesagten  unendlich  unbefangener,  als  Broussais, 
das  Wesen  und  den  Begriff  einer  physiologischen  Pathologie  gefasst,  und 
wenn  auch  nicht  alle  seine  einzelnen  Resultate  stichhaltig  sind,  so  ist 
seine  Tendenz  durchaus  anzuerkennen,  und  die  Früchte,  die  durch  ihn 
selbst,  wie  durch  seine  Anregung  der  Physiologie  und  Medicin  erwuchsen, 
sind  wirklich  unendlich.  Doch  ist  zu  bemerken,  dass  er  die  lezte  Stufe  der 
Exactheit  nicht  betreten  hat;  wenn  er  auch  überall  das  Experiment  zur 
Aufklärung  der  Lebensphänomene  forderte,  so  hatte  er  doch  noch  nicht 
die  Einsicht  und  das  Bedürfniss,  das  Experiment  mittelst  Maass  und  Ge- 


320  Die  jüngste  Umwälzung  und  die  Entwiklung  der  Gegenwart. 

wicht  exact  zu  machen.  Magendie  war  kein  messender  Experimentator, 
und  dadurch  verblieben  viele  seiner  Resultate  ungenau  und  ungenügend. 

Für  die  Medicin  im  engeren  Sinne  hat  Magendie  in  vier  Beziehungen 
gewirkt:  die  Anregung  zu  einer  Experimentalpathologie  ging  vorzugsweise 
von  ihm  aus;  er  selbst  machte  zahlreiche  Versuche  an  Thieren,  um  künst- 
lich krankhafte  Symptome  hervorzurufen.  Die  ersten  dieser  Art  sind  die 
über  das  Erbrechen;  damit  hat  er  ein  fast  ganz  neues  Feld  der  Forschung 
eröffnet,  auf  dem  nicht  unbeträchtliche  Erfolge  gewonnen  worden  sind. 

Zweitens  stammt  von  Magendie  die  nähere  Begründung  des  soge- 
nannten Bell'schen  Sazes  von  der  Verschiedenheit  der  Functionen  der 
beiden  Nervenwurzeln  ab;  durch  diese  Kenntniss  ist  erst  eine  Nerven- 
pathologie möglich  geworden. 

Drittens  hat  Magendie  den  Impuls  zu  einer  neuen  Humoralpathologie 
gegeben  und  auch  hierin  einen  neuen  Weg,  nämlich  den  des  directen  Ex- 
perimentes gezeigt.  Gaspard  war  einer  der  Ersten,  der  1822  in  der  Ab- 
sicht, die  Symptome  putrider  Fieber  durch  faulige  Injection  in  die  Venen 
herzustellen,  in  Magendie's  Journal  die  Methode  der  experimentalen 
Forschung  befolgte.  Durch  diese  und  andere  ähnliche,  von  Magendie 
selbst,  Dupuy  und  Trousseau,  Leuret,  Gendrin  vorgenommene  Versuche 
gelangte  man  zwar  nicht  auf  das  erwartete  «Resultat,  einen  Typhus  zu  er- 
zeugen, aber  aufEntdekung  einer  ganz  neuen  Krankheit:  der  Jauche-  und 
Eitervergiftung  des  Blutes.  Weiter  lehrte  nun  Breschet  den  Einfluss  der 
Phlebitis  auf  Entstehung  dieser  Krankheit  kennen  und  zeigte  die  Häufig- 
keit ihres  Vorkommens.  Bald  bemerkte  man,  dass  die  schlimmen  Aus- 
gänge der  chirurgischen  Operationen ,  das  bösartige  Kindbettfieber,  viele 
sogenannte  perniciöse  Wechselfieber  nichts  Anderes  seien,  als  secundäre 
Ablagerungen,  die  einem  primären  Eiter-  oder  Jaucheherd  nachfolgen. 
Auch  für  andere  Krankheiten  hat  Magendie  den  Weg  gebahnt  und  Ex- 
perimente über  die  seröse  Blutmischung,  über  fibrinarmes  Blut  hervorge- 
rufen. Im  weitern  Verlaufe  wurde  dieser  Neohumorismus  von  der  ähn- 
lichen Tendenz  der  pathologisch-anatomischen  Schule  untnrstüzt,  sowie 
durch  einige  Arbeiten  der  Chemiker:  Denis  (Essai  sur  l'application  de 
la  chemie  a  l'etude  du  sang  1838),  Gavarret  (1.  c),  Becquerel  und  Kodier 
mit  wachsendem  Inhalte  gefüllt. 

Viertens  machte  Magendie  in  der  Therapie  und  namentlich  in  der 
Materia  medica  Epoche.  Er  war  es,  mit  dem  eine  ganz  neue  Methode  be- 
gann ,  nämlich  die  Anwendung  sehr  entschieden  wirkender  chemischer 
Präparate,  nicht  nur  vieler  metallischen  Mittel,  sondern  namentlich  der 
aus  Pelletier's  Laboratorium  hervorgegangenen  Alkaloide ,  von  denen  er 
besonders  das  Chinin,  das  Veratrin,  Strychniu,  Piperin,  Morphium,  Emetin 


Die  französische  Chirurgie.  321 

und  andere  theils  zuerst  anwandte,  theils  vorzugsweise  zu  ihrer  Verbreit- 
ung beitrug.  Auch  die  Anwendung  der  Brom-  und  Jodpräparate,  des  Jod- 
eisens etc.  wurde  von  Magendie  gefördert  und  er  suchte  sowohl  durch 
Versuche  an  Thieren  als  an  Kranken  über  einfache  Medicamente  der  ge- 
nannten Art  sichere  Resultate  zu  gewinnen.  Magendie's  Formulaire  hat  in 
kurzer  Zeit  eine  grosse  Anzahl  von  Auflagen  erlebt  und  ist  die  Grundlage 
der  ganzen  neuern  Pharmacologie  der  chemischen  Substanzen  geworden. 
Magendie  hat  in  der  französischen  Physiologie  zwar  in  hohem  Grade 
anregend  gewirkt,  ohne  jedoch  viele  seiner  würdige  Schüler  zu  erziehen. 
Allerdings  hat  in  seiner  Weise  und  mit  grosser  Sorgfalt  Longe t  fortge- 
arbeitet; noch  mehr  aber  haben  in  neuester  Zeit  Claude  Bernard  und 
Brown  Sequard  die Experimentalphysiologie  durch  ingeniöse  Ideen  und 
glükliche  Untersuchungen  weiter  gebracht. 

Neben  den  Aerzten  und  Physiologen  ist  aber  auch  der  Chirurgen  Die  fr  an- 
Erwähnung zu  thun.  In  der  Chirurgie  hat  überhaupt  die  Ontologie  nie-  Chirurgie. 
mals  so  fest  gewurzelt,  als  in  der  Medicin  und  es  sind  daher  die  Chirurgen 
die  natürlichen  Mithelfer  in  den  gegen  die  Ontologie  gerichteten  Angriffen 
gewesen.  Die  Localisation  war  bei  ihnen  gewissermaassen  selbstverständ- 
lich und  es  wurde  ihnen  leichter,  als  den  innern  Aerzten,  die  mechanischen 
Verhältnisse  im  Kranksein  nicht  aus  dem  Auge  zu  verlieren. 

Den  Gipfel  des  Ruhms  hatte  jedoch  die  französische  Chirurgie  mit 
Dupuytren  erreicht.  So  fördernd  sein  Einfluss  auf  richtige  Vorstell- 
ungen war,  so  hat  die  Alleinherrschaft  im  chirurgischen  Gebiete,  die  er 
sich  eine  Zeit  lang  erhielt,  auch  wieder  hemmend  gewirkt.  Dupuytren 
konnte  keinen  Widerspruch  ertragen,  er  ignorirte  ihn  entweder  oder  wies 
ihn  herb  zurük  und  Niemand  hatte  den  Muth,  dauernd  ihm  irgendwo 
Opposition  zu  machen. 

Nach  seinem  Tod  galt  es  fortwährend  noch  als  Ruhm  und  Empfehlung,   Ecole  de  Paris. 
sein  Schüler  zu  heissen.    Obwohl  sich  jedoch  aus  einem  Theile  seiner  An- 
hänger eine  Art  geschlossener  Schule  entwikelte,  die  sogenannte  Ecole  de 
Paris,  so  gingen  doch  andere  ihren  eigenen  Weg. 

Die  Ecole  de  Paris  suchte  die  Fortschritte  vornemlich  in  der  minut- 
iösen Entwiklung  der  chirurgischen  Anatomie,  wendete  diese  jedoch  nicht 
immer  in  der  heilsamen  Verbindung  mit  pathologischer  Anatomie  und 
Physiologie  an  und  trieb  die  Localisation  der  Krankheiten  auf's  äusserste. 
Es  ist  nicht  zu  verkennen,  dass  mit  ihr  die  französische  Chirurgie  anfing, 
etwas  auszuarten ,  theils  in  eine  übertriebene  operative  Künstelei ,  theils 
in  diagnostische  Subtilitäten,  die  ohne  practischen  Werth  sind.   Es  wurde 

Wunderlich,  Geschichte  d.  Medicin.  21 


322  Die  jüngste  Umwälzung  und  die  Entwiklung  der  Gegenwart. 

die  anatomische  Begründung  der  Chirurgie  in  einer  nicht  mehr  leitenden, 
sondern  hemmenden  und  pedantischen  Weise  erstrebt. 

Sanson  war  ein  anspruchsloser  guter  Chirurg;  Velpeau  zwar  ein 
gelehrter  Mann  und  ebenso  gewandt  im  Operiren  als  in  der  Dialektik,  aber 
ohne  Sinn  für  die  leitenden  Ideen  der  Zeit  und  voll  Ueberzeugung  von  der 
eigenen  Superiorität.  Br es ch et  war  tüchtig  gebildet,  aber  bequem  und 
ohne  Schärfe,  Gerdy  ein  Idealist,  Blandin  ein  emsiger  anatomischer 
Arbeiter  ohne  erheblichen  Geist. 

Neben  ihnen  suchte  Roux,  ein  grosser  Operationskünstler,  die  ältere 
französische  Chirurgie  wieder  zu  restituiren.  Lisfranc,  der  sich  rühmte, 
der  ächteste  Nachfolger  Dupuytren's  zu  sein,  stritt  gegen  die  anatomische 
Schule  mit  Leidenschaft,  nahm  es  aber  in  Beobachtung  und  in  den  Be- 
richten über  seine  Erfolge  mit  der  Wahrheit  nicht  ganz  genau. 
»aigne.  Erst  gegen  das  Ende  der  Dreissigerjahre  trat  ein  scharfer  Kopf  unter 

den  französischen  Chirurgen  in  den  Vordergrund:  Malgaigne.  Er  war 
einer  der  wenigen  jungen  Chirurgen,  welche  Dupuytren  mit  Achtung  ge- 
nannt und  überhaupt  erwähnt  hatte.  Es  war  die  Unbefangenheit  von  allen 
traditionellen  Vorurtheilen,  der  Trieb,  alles  längst  für  abgeschlossen  Er- 
achtete auf's  neue  zu  untersuchen  und  zu  prüfen,  und  die  Schärfe  der 
Auffassung  der  einzelsten  Momente,  was  Malgaigne  auszeichnete.  Die 
statistische  Methode  führte  er  in  der  Chirurgie  ein ;  zugleich  versuchte  er 
überall  die  Anwendung  physikalischer  und  physiologischer  Geseze.  Aber 
es  fehlte  ihm  an  ruhiger  Besonnenheit  und  geduldigem  Ertragen  von  Zu- 
rüksezungen,  und  in  dem  Eifer,  die  höchsten  Ehren  zu  erlangen,  überstürzte 
er  sich  und  ging  dadurch  dieser  Ehren  und  selbst  fast  seines  bereits  er- 
langten Ruhmes  wieder  verlustig. 

Die  Operativchirurgie  blieb  immerhin  in  der  französischen  Schule  von 
vollendeter  Vollkommenheit  und  kein  Einzelner,  noch  irgend  eine  Nation 
vermochten  sich  mit  der  Gewandtheit,  Sicherheit  und  Eleganz  der  französ- 
ischen Chirurgen  zumal  am  Leichentisch  zu  messen. 


encu  ltur. 


speciaiität-  Unter  der  Herrschaft  der  pathologisch-anatomischen  Schule  bildeten 

sich  die  Specialitäten  aus.  Die  Cultur  der  Specialitäten ,  d.h.  be- 
schränkter Wissenschafts-  und  Kunstgebiete  hat  ihre  Vortheile,  wie  ihre 
Nachtheile.  Sie  begünstigt  das  Virtuosenthum  in  seiner  guten  und  glänz- 
enden Seite,  wie  in  seinem  schwindlerischen  und  aufgeblasenen  Wesen. 
Die  vollendete  Technik,  das  Studium  der  minutiösesten  Verhältnisse,  die 
Möglichkeit  sehr  umfangreicher  Erfahrung  in  einem  beschränkten  Gebiet 
und  die  Vergleichung  von  zahlreichen  im  Wesentlichen  übereinstimmenden, 
in  vielen  Einzelbeziehungen  doch  individuell  abweichenden  Fällen  sind 


Specialitätencultur.  323 

Vortheile,  welche  die  Specialitätencultur  stets  aufrecht  erhalten  und  em- 
pfehlen werden.  Aber  wenige  Köpfe  sind  so  glüklich  organisirt,  dass  sie 
bei  den  Erfolgen  ihrer  Virtuosität  von  Selbstüberhebung  frei  bleiben  und 
dass  die  Beschränkung  des  Gebiets  ihrer  Thätigkeit  nicht  auch  eine  Be- 
engung ihres  geistigen  Gesichtskreises  zur  Folge  hat.  Die  Meisten  ver- 
lieren die  wirklich  wissenschaftlichen  Anschauungen  und  stellen  sich  auf 
die  Dentistenstufe,  pochen  auf  ihre  technische  Perfection,  und  lassen  den 
Sinn  für  das  Generelle  veröden. 

In  Frankreich  haben  jedoch  viele  Specialisten  eine  ruhmvolle  Aus- 
nahme hievon  gemacht  und  durch  die  Schärfe  ihrer  Detailuntersuchungen 
wesentlich  zur  Förderung  der  allgemeinen  Anschauungen  beigetragen. 
Hieher  gehört  vornemlichRicord,  der  berühmteste  Specialist,  der  seiner-  Ricord. 
seits  durch  die  sorgfältige  und  intelligente  Beobachtung  syphilitisch 
Kranker  ebensowohl  dem  Broussaisismus  als  der  einseitigen  pathologischen 
Anatomie  entgegenarbeitete;  Biett,  der  in  der  Diagnose  der  Hautkrank-  Biett. 
heiten  die  grösste  Exactheit  herstellte,  und  neben  dem  auch  seine  Schüler 
Cazenave  und  Gib  er  t  erwähnenswerth  sind;  die  Bearbeiter  der  Krank- 
heiten des  Urogenitalsystems  besonders  Civiale  und  Mercier,  auch  der 
Orthopäde  Guerin. 

Es  gehören  ferner  hieher  die  Specialisten  in  psychischen  Krankheiten:    specialisten  in 
Esquirolvoran,  sodann  Marc,  Ferrus,  Calmeil,  Guislain,  Baillarger,  Leuret,    dcr  Psychiatrie 

lind   den  Nerven- 

Foville,  Cerise,  Voisin,  Lunier,  Thore  und  viele  Andere;  die  über  Nerven-     krankheiten. 
krankheiten:  Georget,  Ollivier,  Valleix,  Longet,  See,  Delasiauve,  Herpin, 
Durand-Fardel. 

Sehr  ausgezeichnet  waren  sodann  viele  Specialisten  über  Kinderkrank-  specialisten  über 
heiten:  Billard,  Guersent,  Blache,  Taupin,  Roger,  Valleix,  Legendre,     ^^erkrank- 

heiten. 

Berton,  Trousseau,  Rilhet  und  Barthez. 

Die  Krankheiten  der  Greise  machten  zum  Gegenstand  ihrer  Forsch- 
ungen: Hourman  und  Dechambre,  Prus,  Durand-Fardel. 

Höchst  bedeutend  waren  die  französischen  Leistungen  in  der  Hygieine     Hygieine  und 
und  in  den  forensisch-technischen  Fächern  von  Orfila,  Parent-du-Chatelet,      forensische 

Medicin. 

Villerme,  Chevallier,  Devergie,  Gaultier  de  Claubry,  Levy  und  Anderen. 

Nur  die  Oculistik,  sowie  die  Geburtshilfe  und  die  Frauenkrankheiten  ocuiistik  undGe- 
waren  auffallend  sparsam  vertreten.  In  ersterer  hat  Velpeau  Einiges  ge- 
than,  Sichel  dagegen  die  deutschen  Ansichten  einzubürgern  gesucht.  Mehr 
selbständig  verfuhr  Desmarres.  In  der  Geburtshilfe  und  den  Frauenkrank- 
heiten waren  die  beiden  jüngeren  Baudelocque,  Velpeau  und  Paul  Dubois 
die  wenigen  Männer  von  bedeutendem  Rufe.  Lejumeau  de  Kergaradec 
führte  1821  die  Auscultation  in  die  Geburtshilfe  ein.  Die  Hebamme  La- 
chapelle  hatte  eine  Zeit  lang  die  umfassendste  Berühmtheit  in  Frankreich. 

21* 


M  e  d  i  f  i  n. 


324  Die  jüngste  Umwälzung  und  die  Entwiklung  der  Gegenwart. 

Sie  starb  1821.     Auch  Mad.  Boivin  zeichnete  sich  aus.     Ihre  Schriften 
gab  Duges  heraus. 

schiussbe-  Es  ist  kein  Zweifel,  dass  die  französische  Schule  von  1815  — 1840 

^ber'di1*  eine  glänzende  und  gewinnreiche  Periode  der  Medicin  darstellte,  nicht 
französische  allein  durch  die  Masse  der  Entdekungen,  sondern  durch  die  Vollendung 
einer  radicalen  Umgestaltung  der  ganzen  ärztlichen  Anschauungsweise, 
nicht  bloss  durch  das  Wirken  einzelner  hervorragender  Köpfe,  sondern 
durch  das  wetteifernde  Zusammenwirken  aller  Kräfte  und  durch  die  glük- 
liche  Richtung,  welche  auch  dem  Schwächeren  gestattete,  nüzlich  zu  sein 
und  die  positive  Grundlage  der  Wissenschaft  werthvoll  zu  bereichern. 
Zahlreiche  treffliche  Arbeiten  sind  von  jungen  Männern  in  dieser  Zeit 
veröffentlicht,  welche  noch  nicht  einmal  ihren  Doctorhut  erworben  hatten, 
und  die  medicinischen  Journale  der  Zeit  sind  eine  Sammlung  von  Schazen, 
welche  niemals  veralten  werden. 

Die  Gegensäze  und  Widersprüche  der  Schule  glichen  sich  nach  dem 
Tode  von  Broussais  grösstentheils  aus  und  eine  ziemlich  übereinstimmende 
Richtung  nach  Objectivität  beherrschte  bei  fortdauernden  einzelnen  Diff- 
erenzen die  französischen  Pathologen. 

Der  parlamentarische  Zug  der  Zeit,  wie  er  sich  in  der  späteren  Rest- 
aurationsperiode ausbildete  und  nach  der  Julirevolution  seine  höchste  Ent- 
wiklung fand ,  hat  auch  auf  die  Physiognomie  der  Medicin  den  entschied- 
ensten Einfluss  gehabt  und  auch  auf  diesem  Gebiete  seine  Vortheile  und 
Nachtheile  blossgelegt.  In  der  ersten  Zeit  ein  mächtiges  Anregungsmittel, 
eine  Waffe  der  Wahrheit  und  der  Intelligenz  gegen  den  Geist  der  Finster- 
niss,  arteten  die  parlamentarischen  Allüren  der  Medicin  schliesslich  in  die 
inhaltsleeren  und  endlosen  Manifestationen  einer  geschwäzigen  Eitelkeit  aus. 

Von  1840  an  wurden  die  werthvolleren  Publicationen  der  französischen 
Aerzte  seltener.  Die  alten  berühmten  Namen  verschwinden  vom  Schau- 
plaz  und  neue  trifft  man  sparsam.  Aran,  Monneret  sind  noch  die  hervor- 
ragendsten. Der  rapide  Fortschritt  der  Wissenschaft  hat  sich  in  andere 
Ländergebiete  gewendet.  Frankreich  zehrt  noch  am  alten  Ruhm ,  weiss 
ihn  aber  nicht  aufzufrischen. 

Es  ist  übrigens  nicht  nur  der  Mangel  an  Ideen ,  an  welchen  die  jezige 
französische  Medicin  leidet,  sondern  im  Hintergrund  steht  die  Unklar- 
heit der  Begriffe  und  der  Aufgaben  der  Wissenschaft,  wodurch  die  Franz- 
osen zu  alten,  anderwärts  längst  überwundenen  Missgriffen  zurükgedrängt 
werden.  Ihre  neuesten  Versuche,  die  allgemeine  Pathologie  zu  bearbeiten, 
und  ihr  Rükfallen  in  die  systematische  Nosologie  sind  dafür  die  redend- 
sten  Beweise. 


England.  325 

Ueberhaupt  ist  es  eine  Eigentümlichkeit  dieser  begabten  Nation,  dass 
sie,  wo  und  so  lange  sie  in  erster  Linie  steht,  Ausserordentliches  zuwege- 
bringt, dass  sie  aber,  wenn  sie  den  ersten  Rang  eingebüsst  hat,  zwar  nicht 
ihre  Einbildung,  wohl  aber  ihre  Leistungsfähigkeit  zu  verlieren  pflegt.  Kur 
in  einzelnen  Specialitäten,  wo  sie  noch  den  obersten  Rang  nicht  verloren 
hat,  sehen  wir  sie  auch  in  voller  und  erfolgreicher  Thätigkeit:  so  in  der 
Psychiatrie,  in  der  Electrotherapie. 

Dabei  ist  es  ein  weiter  eigenthümliches  Schiksal  der  Franzosen ,  wo- 
durch sie  sich  bei  dem  Kenner  der  Wissenschaft  oft  komisch  machen. 
Die  Entdekungen  anderer  civilisirter  Nationen  werden  durchschnittlich 
erst  eine  Reihe  von  Jahren  nachher  bei  ihnen  bekannt;  oft  nachdem  sie 
längst  anderwärts  modificirt  oder  näher  ausgebildet  sind,  kommt  die 
erste  Kunde  von  denselben  in  ihrem  primitivsten  Kleide  zu  den  Franz- 
osen. Diese  wundern  sich  darüber,  fangen  an,  über  Sachen,  welche  ander- 
wärts völlig  in  Ordnung  sind,  mit  vielem  Ernst  zu  debattiren,  finden  dabei 
unfehlbar,  dass  einer  der  Ihren  wesentlich  das  Verdienst  der  ersten  Ent- 
dekung  oder  doch  der  Application  hatte;  denn  es  kann  nicht  fehlen,  dass 
in  den  10  Jahren,  welche  die  Neuerung  zu  dem  Wege  über  den  Rhein  be- 
darf, irgend  ein  Gallier  einmal  davon  Wind  bekommen  oder  auch  zufällig 
selbst  eine  Idee  von  entfernter  Aehnlichkeit  geäussert  hat.  So  finden  wir 
in  der  neuesten  Zeit  Beobachtungen  und  Methoden  in  Frankreich  auf- 
tauchen und  mit  der  Wichtigkeit  unerhörter  Entdekungen  behandelt 
werden,  die  anderwärts  jedem  Anfänger  geläufig  sind. 

England,  hat  nach  Brown  nur  wenig  auf  die  Entwiklung  der  medicin-  England. 
ischen  Wissenschaft  im  Allgemeinen  Einfluss  geübt.  So  zahlreich  die 
einzelnen  Bereicherungen  sind,  die  wir  in  Beziehung  auf  pathologische 
Anatomie,  Semiotik  und  Therapie  den  englischen  Aerzten  verdanken,  so 
lässt  sich  auch  nicht  ein  einziger  dortiger  Patholog  namhaft  machen,  der 
auf  den  allgemeinen  Gang  der  Wissenschaft  bestimmend  eingewirkt  hätte. 

Die  meisten  Engländer  behielten  als  Grundlage  Cullen's  oder  Greg- 
ory's  Ideen  und  accomodirten  diese,  so  gut  es  ging,  den  neuen  Ansichten, 
die  sie  vom  Auslande,  namentlich  von  Frankreich  zugeführt  bekamen,  oder 
den  Thatsachen,  welche  ihre  eigene  Erfahrung  sie  lehrte.  Die  practische 
Anschauung  war  im  Anfang  dieser  Periode  am  vollkommensten  vertreten 
in  dem  weitverbreiteten  Handbuch  von  Mason  Good. 

Die  Broussais'sche  Lehre  von  der  Entzündung,  von  der  Gastroenteritis, 
noch  mehr  aber  die  ganze  Tendenz  der  pathologisch-anatomischen  Schule 
fand  frühzeitig  lebhafte  Theilnahme  bei  ihnen.  Die  abstracten  Theorien, 
die  von  Deutschland  ausgingen,  blieben  ihnen  völlig  fremd.    Ueberhaupt 


326  Die  jüngste  Umwälzung  und  die  Entwiklung  der  Gegenwart. 

ist  der  ganze  Sinn  der  englischen  Aerzte  auf's  Practische,  auf  die  Beob- 
achtung gerichtet  geblieben.  Sie  haben  hiebei  viele  feine  Bemerkungen 
gemacht ,  viele  wichtige  Facta  aufgefunden ;  die  Theorien  über  das  That- 
sächliche  verfehlen  sie  nicht  aus  einer  Art  Pflichtgefühl  mitzuführen ; 
allein  sie  verhalten  sich  gleichgültig  gegen  sie ,  prüfen  sie  nicht ,  und  oft 
trifft  man  bei  den  tüchtigsten  und  umsichtigsten  englischen  Schriftstellern 
Ansichten,  die  man  kaum  im  19.  Jahrhundert  mehr  erwarten  sollte. 

Im  Speciellen  machten   sich  in  der  neuern  Zeit  in  Grossbritannien 
folgende  Richtungen  bemerklich : 

Travers.  Travers  (über  constitutionelle  Irritation ,   1826  und  1835)  warder 

Erste,  der  originelle  und  selbständige  Ideen  vorbrachte.  Seine  Irritation 
ist  etwas  durchaus  Anderes,  als  die  Broussais'sche.  Er  ging  von  chirurg- 
ischen Erfahrungen  aus,  nämlich  von  Fällen,  wo  eine  örtliche  Affection, 
eine  Wunde,  um  die  sich  nur  eine  leichte  erisypelatöse  Röthe  bildet,  die 
bedeutendsten  allgemeinen  Symptome  hervorrufen  kann.  Travers  ist  sich, 
wie  alle  Engländer,  in  seinen  Begriffen  nicht  recht  klar.  Seine  Abstract- 
ionen  sind  dunkel  und  verworren.  Im  Allgemeinen  scheint  er  alle  durch 
aussergewöhnliche  Aufregungen  hervorgerufenen  Zustände  unter  Irritation 
zu  verstehen  und  fügt  noch  bei ,  dass  die  Irritation  durch  das  Nerven- 
system vermittelt  werde.  Diese  Irritation,  die  sich  durch  Schmerz,  Con- 
vulsionen  und  andere  Störungen  der  Sensation  und  Bewegung  äussert, 
kann  local  sein  oder  allgemein  d.  h.  Constitutionen.  Zur  allgemeinen  oder 
constitutionellen  Irritation  gehört  das  Fieber,  gehören  aber  auch  tetan- 
ische  Zufälle  und  verbreitete  Nervenzufälle  anderer  Art.  Wofern  diese 
Zufälle  von  einem  rein  örtlichen  Leiden  ausgehen,  so  nennt  sie  Travers 
direct  entstehende  Constitutionalirritation ;  wenn  aber  sowohl  die  ört- 
lichen als  die  allgemeinen  Zufälle  durch  einen  sonstigen  Krankheitszu- 
stand der  Constitution  modificirt  sind,  so  nennt  er  das  die  reflectirte  Con- 
stitutionalirritation. 

Ausserdem  vergleicht  Travers  die  Irritation  mit  der  Entzündung, 
scheidet  sie  genau,  rechnet  zu  jener  alle  Processe,.  bei  denen  Hyperämie 
und  namentlich  plastische  Productbildung  fehlen,,  dagegen  mehr  wässerige 
oder  albuminöse  Stoffe  abgelagert  werden,  oder  aber  auch  cachectische 
Producte  und  Afterbildungen  sich  einstellen,  wie  Tuberkeln,  Krebse,  Con- 
dylome, fibrocartilaginöse  Geschwülste,  Steatome,  Fettgeschwülste,  War- 
zen. Alle  diese  sind  ihm  durch  theils  örtliche,  theils  reflectirte  con- 
stitutionale  Irritation  hervorgebracht. 

Troz  der  Dunkelheit  und  Ungenauigkeit  im  Ausdruk  sind  Travers' 
Untersuchungen  über  die  Irritation  von  nicht  geringem  Verdienst,  indem 


Travers. 


327 


sie  1)  zur  schärfern  Trennung  der  eigentlich  plastischen  Processe  von  den 
nicht  plastischen  viel  beigetragen  haben;  2)  indem  sie  den  Einfluss  der 
allgemeinen  Organisationsstimmung  auf  die  örtlichen  Ablagerungen  ge- 
zeigt haben  (reflected  constitutional  irritation);  3)  indem  sie  das  Binde- 
glied der  örtlichen  und  allgemeinen  Erscheinungen  in  das  Nervensystem 
versezten;  4)  indem  er  das  Fieber  nicht  in  peripherische  Organe  localisirt 
wissen  wollte ,  sondern  als  allgemeine  Irritation  aufzeigte  und  auf  seine 
Verwandtschaft  mit  verbreiteten  Nervenzufällen  aufmerksam  machte. 

So  wenig  im  Ganzen  Travers'  Arbeiten  auf  dem  Continent  directen  Travers-  Einfluss. 
Einfluss  geübt  haben,  so  bedeutend  war  derselbe  in  England  selbst.  Fast 
alle  englischen  Pathologen ,  besonders  aber  die  Chirurgen,  haben  seine 
Ideen  mehr  oder  weniger  adoptirt.  Ihre  Ausdruks weise  ist  häufig  unver- 
ständlich, wenn  man  diese  Quelle  nicht  kennt,  und  zahlreiche  einzelne 
Entdekungen  und  Anwendungen  sind  daraus  entsprungen. 

Zuerst  ist  Williams  zu  nennen,  der  den  Begriff  etwas  schärfer  zu  wauams. 
fassen  wusste  und  namentlich  zeigte,  dass  Irritation  und  Entzündung  nicht 
gerade  Gegensäze  seien,  sondern  dass  die  Irritation  häufig  und  sogar  fast 
immer  der  präliminare  Process  der  Entzündung  sei,  dass  er  namentlich 
der  bewegliche  Theil  der  Entzündung  sei.  Wo  Entzündung  sympathisch 
in  einem  andern  Organe  wieder  Entzündung  veranlasse,  da  errege  sie  zu- 
nächst nur  Irritation ,  und  aus  dieser  könne  dann  Entzündung  werden, 
wenn  die  Umstände  dazu  angethan  seien. 

Auch  bei  Crawford  ist  das  erste  Stadium  der  Entzündung  Irritation.  crawford. 
In  manchen  Fällen  bleibe  die  Krankheit  auf  dieser  Stufe  und  dann  ent- 
stehen bloss  Schmerzen  oder  wässerige  Absezungen;  so  im  Katarrh  und 
im  Diabetes.  Steigere  sich  die  Irritation ,  so  komme  es  zur  congestiven 
Irritation,  d.  h.  zur  Hyperämie,  und  zulezt  zur  wirklichen  Ausschwizung 
von  plastischen  und  eiterigen  Stoffen,  zur  Entzündung. 

Astley  Cooper  nahm  im  ganzen  Umfange  Travers'  Irritation  an      a.  cooper. 
und  zeigte  das  Vorhandensein  rein  nervöser  Irritationen  in  den  männ- 
lichen Genitalien  und  in  den  weiblichen  Brüsten,  Zustände,  die  man  der 
Schmerzhaftigkeit  wegen  oft  für  Krebs  gehalten  und  behandelt  habe. 

Brodie  lehrte  ähnliche  Affectionen  in  den  Gelenken  kennen  und  fand,         Brodie. 
dass  sie  bloss  von  der  allgemeinen  hysterischen  Constitution  abhängen. 


4  Von  noch  bedeutenderem  Einfluss  wurde  die  Lehre  von  der  Irritation, 
als  zumal  in  England  den  Verhältnissen  des  Nervensystems  und  dem 
Rükenmark  grössere  Aufmerksamkeit  geschenkt  wurde.  Charles  Bell 
hatte  schon  frühzeitig  (1816)  den  Gedanken  gehabt,  dass  die  hintern  mit 
einem  Gangtion   versehenen  Wurzeln  der  Spinalnerven  allein  die  Em- 


Ch.  Bell   und 

die  Arbeiten 

über  dasNerv- 

ensystem. 


328  Die  jüngste  Umwälzung  und  die  Entwiklung  der  Gegenwart. 

pfindung,  die  vordem  allein  die  Bewegung  vermitteln.  Magendie' hatte 
bekannt  oder  unbekannt  mit  des  Engländers  Idee  denselben  Saz  durch 
Experimente  zu  erweisen  gesucht,  ebenso  Beclard  (1823).  Erst  später 
wurde  diese  Thatsache  durch  Joh.  Müller's  Versuche  an  Fröschen  ausser 
Zweifel  gesezt.  Allein  es  war  doch  durch  Bell  ein  Impuls  für  die  nähere 
Erforschung  der  Verhältnisse  des  Nervensystems  gegeben,  es  ward  von 
ihm  selbst  der  Saz  aufgestellt,  dass  die  Nerven  eines  jeden  Organs  im 
Verhältniss  zur  Mannigfaltigkeit  seiner  Verrichtungen  complicirt  seien; 
es  war  für  die  Functionen  der  Bewegung  und  Empfindung,  weiterhin  auch 
für  die  Respiration  das  Rükemnark  und  die  Oblongata  als  ein  wesent- 
liches Organ  anerkannt  und  es  ward  eine  neue  Richtung  eröffnet ,  auch 
die  Störungen  dieses  bis  dahin  vernachlässigten  Theils  weiter  zu  ver- 
folgen.  Es  geschah  diess  vornemlich  durch  Bell's  Landsleute. 

Ganz  allmälig  wurde  der  Focus  der  Nervenphänomene  in  das  Rüken- 
mark  verlegt,  zuerst  noch  schüchtern  und  etwras  unbestimmt  von  Allan 
undBrown,  1828  und  1829,  dann  mit  grösserer  Bestimmtheit  vonAber- 
crombie  und  Teale,  von  Bell  selbst  (in  seinem  nervous  System  of  the 
human  body  1830),  hauptsächlich  aber  vonBright,  von  Parish,  welcher 
zum  ersten  Male  sich  des  Namens  der  Spinalirritation  bediente ,  und  von 
den  Gebrüdern  Griffin.  Durch  alle  diese  Arbeiten  wurde  aufzahlreiche 
höchst  wichtige  und  interessante  Fälle  aufmerksam  gemacht,  bei  welchen 
in  den  verschiedensten  Theilen  des  Körpers  örtliche  Affectionen  zu  be- 
stehen scheinen,  die  jedoch  nur  durch  die  eigenthümliche  Reizung  des 
Rükenmarks  oder  einzelner  Theile  desselben  simulirt  werden.  Mit  dem 
physiologischen  Zusammenhange  der  meisten  dieser  Thatsachen  be- 
schäftigte sich  aber  erst  Marshall  Hall,  der  das  Gesez  der  Reflexthätig- 
keit  entdekte  und  die  weiteren  Arbeiten  der  Continentalphysiologen  über 
diesen  Gegenstand  vorbereitete. 

Anatomische  Nächst  diesen  Bestrebungen ,  die  Pathologie  des  Nervensystems  auf- 

Pathoiogie.      zuheiieil)  -wurde  die  anatomische  Pathologie  in  England  mit  grossem 
Erfolg  cultivirt. 
Dubiiner  Schule.  Die  Neigung  zur  pathologischen  Anatomie  war   schon   durch  John 

Hunter  in  England  eingebürgert.  Am  meisten  jedoch  fand  die  französ- 
ische Richtung  Boden  in  der  Dubliner  Schule. 

Einige  ältere  tüchtige  Aerzte,  besonders  Cheyne,  Percival,  Colles, 
Kirby,  Pitcairn  waren  dort  Lehrer  und  gaben  schon  seit  1818  werth- 
volle  Hospitalberichte  aus.  Ein  zahlreicher  Kreis  strebender  jüngerer 
Kräfte  schloss  sich  um  sie.  Unter  diesen  thaten  sich  bald  die  Meath- 
hospitalärzte  und  späteren  Professoren  an  der  Universität,  Graves  und 


Dubliner  Schule. 


329 


Stokes  hervor.  Beide  der  pathologisch-anatomischen  Forschung  und  der 
damit  zusammenhängenden  physikalischen  Diagnostik  eifrig  ergeben, 
Ersterer  mehr  mit  einer  Hinneigung  zu  der  altenglischen  Art,  Lezterer 
mit  nicht  ganz  geringfügiger  Broussais'scher  Färbung,  haben  die  junge 
Dubliner  Schule  gebildet,  an  welcher  eine  Zeit  lang  die  solideste,  unbe- 
fangenste, für  alles  Neue  empfängliche,  aber  nirgends  sich  überstürzende, 
stets  practische  Richtung  einheimisch  war.  Das  Dublin  Journal  von  1832 
an,  eine  Zeitschrift  voll  der  gediegensten  Arbeiten,  war  das  Organ  dieser 
Schule. 

Die  englischen  und  schottischen  Aerzte,  wenn  gleich  nicht  einen  so 
geschlossenen  Coraplex  bildend,  sind  im  weiteren  Verlaufe  der  Zeit  nicht 
zurükgeblieben  hinter  den  anatomisch -pathologischen  Leistungen  der 
Dubliner.  Am  hervorragendsten  waren  die  Arbeiten  vonBright  (Medical 
cases  1827),  Abercrombie  (über  die  Krankheiten  des  Unterleibs  und 
über  die  Krankheiten  des  Gehirns  und  Rükenmarks) ,  Hope  (principles 
and  illustrations-  of  morbid  anatomy  1834  und  über  Herzkrankheiten), 
Carswell  (pathological  anatomy  1833,  von  grösstem  Verdienst  zumal 
für  die  Unterscheidung  der  Elementarformen  der  Krankheitsprocesse), 
Williams  (a  rational  exposition  of  the  physical  signs  of  the  lungs  and 
pleura  1828  und  elements  of  medicine,  on  morbid  poisons  1836 — 41), 
ferner  Walshe,  Addison,  Christison,  Tweedie  etc. 

Zahlreiche  wichtige  Beobachtungen  sind  niedergelegt  in  den  höchst 
werthvollen  Publicationen  der  englischen  Pathologen :  den  Medico-chir- 
urgical  transactions ,  den  Guys  hospital  reports,  der  London  medical 
gazette,  der  Lancet  und  den  medical  times  etc.,  ausserdem  in  dem  durch 
eine  Reihe  der  trefflichsten  und  vornemlich  practisch  gehaltenen  Artikel 
sich  auszeichnenden  Collectivwerke :  Cyclopädia  of  practical  medicine  in 
4  Bänden  1833.  Neuerdings  hat  sich  den  schon  genannten  Journalen 
auch  noch  das  Edinburgh  monthly  Journal  angereiht. 

Ausser  den  Veränderungen  der  Festtheile  wurde  aber  von  den  Eng- 
ländern stets  auch  der  Zustand  des  Blutes  in  Krankheiten  gewürdigt, 
ohne  dass  sie  jedoch  dabei  zu  irgend  erheblichen  exacten  Resultaten  ge- 
langt wären.  Der  Fehler  war,  dass  keine  Methode  in  der  Untersuchung 
war  und  dass  man  sich  immer  mit  den  alten  Ausdrüken :  aufgelöstes  Blut, 
faules  Blut  etc.  begnügte.  Auch  hierin  war  John  Hunter  vorangegangen, 
und  die  meisten  englischen  Pathologen  erkennen  im  Stillen  oder  laut  die 
Wichtigkeit  der  Blutveränderungen  an.  Auch  mehrere  ausführliche  Arbeiten 
sind  in  dieser  Richtung  erschienen,  namentlich  die  von  Thakrah,  von 
Stevens  (observations  on  the  healthy  and  diseased  properties  of  the 
blood  1832). 


Die   englischen 

und  schottischen 

Aerzte. 


Biutpathologie. 


330  D'e  jüngste  Umwälzung  und  die  Entwiklung  der  Gegenwart. 

pathologische  In  neuester  Zeit  hat  eine  Anzahl  englischer  und  schottischer  Patho- 

Histoiogie.  i0gen  ausser  den  gröberen  anatomischen  Verhältnissen  auch  die  micros- 
copisch-pathologische  Anatomie,  vornemlich  durch  deutsche  Einflüsse  be- 
stimmt, mit  Erfolg  in  den  Kreis  ihrer  Forschungen  gezogen.  Die  Beob- 
achtungen sind  theils  in  den  angegebenen  Journalen  (namentlich  dem 
Edinburgh  monthly  Journal),  theils  in  der  Cyclopädia  of  anatomy  von  Todd, 
theils  in  einzelnen  monographischen  Arbeiten  niedergelegt. 

Prnctische  Es  war  jedoch  vornemlich  die  eigentlich practische  Medicin,  in  welcher 

Medicm.  die  Engländer,  anschliessend  an  die  tüchtigen  Muster  der  vorhergehenden 
Zeit,  Bedeutendes  leisteten.  Der  Charakter  der  unmittelbar  practischen 
Verwendbarkeit  und  die  fast  ängstliche  Vermeidung  jeder  müssig  schein- 
enden Frage  zeichnet  ihre  Arbeiten  aus.  Nicht  leicht  ist  eine  englische 
Abhandlung  ohne  allen  Werth,  obwohl  der  Brauch,  dass  junge  Aerzte,  um 
im  Publicum  genannt  zu  werden,  damit  anfangen  müssen,  ein  Buch  über 
irgend  eine  Modekrankheit  zu  schreiben,  die  englische  Literatur  mit  einem 
grossen  Ballaste  sogenannter  Monographien  überschüttet  hat.  Aber  selbst 
der  Geringste  weiss  doch  immer  eine  practische  Seite  dem  Gegenstand 
abzugewinnen,  und  viele  werthvolle  factische  Bereicherungen  steken  in  der 
englischen  Literatur.  Nüchternheit  und  eine  gewisse  Exactheit  ist  durch- 
aus in  derselben  herrschend ;  aber  sie  geht  nur  bis  zu  einem  herkömm- 
lichen Punkte;  sie  ist  gewissermaassen  typisch,  und  so  selten  man  eine 
englische  Arbeit  trifft,  die  ganz  verwerflich  wäre,  so  selten  findet  man  eine 
solche,  der  man  das  ehrendste  Prädicat  eines  geistigen  Products,  das  der 
Unbefangenheit  zuzuerkennen  vermöchte.  Immer  ist  der  Gesichtspunkt 
des  Engländers  ein  beschränkter;  er  ist  begrenzt  durch  eine  herkömmliche 
Methode ,  durch  Voraussezungen ,  die  allen  seinen  Landsleuten  geläufig 
sind,  durch  die  Dogmen  der  Schule  und  durch  die  Macht  der  Fashion. 
Vergebens  sucht  man  bei  ihnen  den  Schwung,  über  das  Gebräuchliche  sich 
zu  erheben  und  von  sich  zu  werfen,  was  die  landesübliche  Sitte  dem 
Arzte  an  Gedankengang  und  Gedankeninhalt  vorschreibt.  Die  nationale 
Uniformität  ist  nirgends  vollständiger,  als  dort  und  nur  in  England  war 
es  möglich,  dem  Doctorscandidaten  einen  Eid  abzunehmen,  sich  niemals 
mit  Homöopathie  zu  beschäftigen. 

•sj-ociaiitaten.  So  viele  monographische  Arbeiten  die  englische  Literatur  zeigt,  so 
ist  die  Cultur  der  Specialitäten  doch  in  diesem  Lande  niemals  zur  Aus- 
bildung gekommen.  Selbst  Medicin  und  Chirurgie  haben  sich  weniger  ge- 
schieden, als  anderwärts  und  die  Werke  der  bessern  Chirurgen  sind  voll 
von  eigentlich  medicinischem  Inhalt.  Mit  Vorliebe  und  Erfolg  wurde  je- 
doch die  Geburtshilfe  und  Gynäcologie  bearbeitet  und  es  war  wiederum 


Italien. 


331 


die  Dubliner  Schule,  welche  dazu  den  Anstoss  gab.  Collin ,  der  die  Dub- 
liner Anstalt  von  1826 — 1833  leitete,  sofort  Kennedy,  Maunsell,  be- 
sonders aber  Montgomery  und  Churchill  zeichneten  sich  dort  aus,  während 
unter  den  schottischen  Geburtshelfern  Bums,  Hamilton,  Campbell  und 
besonders  Simpson,  unter  den  englischen  Ashwell,  Lee,  Rigby,  Blundell 
und  Oldham  die  hervorragendsten  waren  und  sind. 


In  Italien  war  nach  dem  Erlöschen  der  Rasori'schen  Schule  wenig 
selbständige  Thätigkeit  in  der  Medicin  zu  bemerken.  Viele  italienische 
Aerzte,  vornemlich  im  westlichen  Oberitalien  schlössen  sich  der  französ- 
ischen Schule  an.  Andere  gaben  sich  einem  Eklekticismus  ohne  alle 
Kritik  hin. 

Einige  Eigenthümlichkeit  zeigte  Geromini,  welcher  den  Contrasti- 
mulus bekämpfte  und  in  einer  Reihe  von  Arbeiten  von  1812  an,  besonders 
aber  in  seinen  Schriften  Saggi  clinici  sulle  principali  forme  dell'  umano 
infermare  1837,  l'ontologismo  dominatore  perpetuo  della  Medicina  1841, 
dell'  umano  febricitare  1842  und  la  medicine  misontologica  ossia  il  vero 
ippocratismo  1844,  die  ontologische  Richtung,  aber  ohne  viel  positive 
Fundamente,  bekämpfte  und  drei  cardinale  Modalitäten  der  Erkrankung 
aufzustellen  suchte  :  die  einfache  Irritation,  die  phlogosis  und  das  organico 
scompaginamento. 

Auch  Bufalini  in  Florenz  erhielt  sich  in  einer  gewissen  Selbständig- 
keit. Seine  medicina  analitica  ist  das  Werk  eines  sorgfältigen  Denkers 
und  Beobachters,  jedoch  ohne  hervorragende  Ideen  oder  Entdekungen. 


Bufalini. 


Da  die  übrigen  Völker  sich  grösstentheils  an  die  drei  Hauptnationen 
der  Civilisation,  Franzosen,  Engländer  und  Deutsche  anschlössen  (Russen 
an  Deutsche  und  Franzosen,  Genfer  und  Lausanner  an  Franzosen,  Deutsch- 
schweizer an  Deutsche ,  Holländer  meist  an  Deutsche ,  Skandinavier  an 
Deutsche,  Franzosen  und  Engländer,  Spanier  an  Franzosen,  Portugiesen 
an  Franzosen  und  Engländer,  Americaner  und  Ostindier  an  die  Eng- 
länder), da  mindestens  bei  ihnen  die  medicinische  Entwiklung  keinen 
eigentümlichen  Gang  befolgte,  sondern  nur  einzelne  mehr  oder  weniger 
hervorragende  Männer  unter  ihnen  auftraten,  z.  B.  bei  den  Holländern  die 
pathologischen  Anatomen  Schröder  van  der  Kolk  und  Vrolik,  der  Phys- 
iolog  Donders,  so  können  wir  ohne  Weiteres  zum  Schlüsse  die  neueste 
Entwiklung  der  Medicin  in  Deutschland  betrachten. 


Div 

Nati 


e  rse 
o  n  en. 


Deutschland. 


Troz  des  trostlosen  Zustands,  in  welchem  sich  die  deutsche  Medicin 
in  dem  ersten  Drittel  des  Jahrhunderts   befand   oder  vielleicht  gerade   deutschen  Med- 


332  Die  jüngste  Umwälzung  und  die  Entwiklung  der  Gegenwart. 


Vereinzelte  Ein- 
lichten. 


Stieglitz. 


Krukenberg. 


wegen  desselben  wurden  die  unermesslichen  Fortschritte,  welche  das  Aus- 
land indessen  machte,  fast  völlig  ignorirt.  Uebersezungen  erschienen 
zwar  von  den  meisten  Hauptwerken  der  französischen  und  englischen 
Pathologen;  aber  es  fehlte  aller  Sinn,  den  Werth  des  Dargebotenen  zu 
begreifen.  Die  Vorlesungen  auf  den  Universitäten,  wie  die  Hand-  und 
Lehrbücher  der  deutschen  Literatur  blieben  grösstentheils  ganz  unbe- 
rührt von  allem  dem ,  was  in  Frankreich  und  England  gearbeitet  worden 
war.  In  den  Kliniken,  wie  in  der  gewöhnlichen  Praxis  fanden  anatomische 
Anschauungen  und  Diagnosen  keinen  Eingang  und  noch  in  der  Mitte  der 
dreissiger  Jahre  war  an  manchen  deutschen  Universitäten  und  Hospitälern 
das  Stethoscop,  ein  Instrument,  das  man  kaum  kannte,  das  man,  wenn 
zufällig  eines  in  die  Hände  fiel ,  mit  einer  Art  kindischer  Neugierde  be- 
trachtete oder  über  das  man  wohl  auch  schlechte  Spässe  machte,  indem 
man  die  eingebildeten  Menschen  bemitleidete,  die  aus  einem  solchen  Holze 
glaubten,  unerhörte  Dinge  zu  vernehmen.  Höchstens  Hess  man  zu,  dass 
mit  der  Auscultation  der  tödtliche  Ausgang  einer  Krankheit  vorausbe- 
stimmt werden  könne.  Die  meisten  Lungenkrankheiten,  die  Herzkrank- 
heiten, die  chronischen  Hautkrankheiten,  die  Bright'sche  Niere  waren 
völlig  unbekannte  Gebiete  und  wenn  man  von  den  Franzosen  Notiz  nahm, 
so  geschah,  es  nur,  um  die  Unwissenschaftlichkeit  zu  belächeln,  mit  der 
sie  alle  Krankheiten  für  Entzündungen  erklären. 

Doch  fand  sich  da  und  dort  ein  einsichtsvoller  Mann,  welcher  merkte, 
dass  eine  neue  Wissenschaft  ausserhalb  Deutschlands  erstanden  war  und 
sich  bemühte ,  die  grossen  Entdekungen  der  pathologisch-anatomischen 
Schule  zu  verwerthen  und  anzuwenden.  Gewiss  sind  unter  den  einfachen 
Praktikern  manche  intelligente  Männer  gewesen ,  welchen  ein  Auge  auf- 
gegangen war  über  das  Herannahen  einer  neuen  Zeit.  So  schrieb  der 
73jährige  Stieglitz  im  Jahr  1840:  die  deutsche  Medicin  ist  so  gesunken 
und  erschlafft,  dass  ihr  jede  Aufrüttlung  heilsam  sein  muss,  Alles  was  sie 
in  neue  Bahnen  versezt,  selbst  wenn  diese  reich  an  Irrthümern  und  Ver- 
kehrtheiten sein  sollten. 

Solche  im  Stillen  wohl  vielfach  gehegte  Ansichten  sind  nun  frei- 
lich im  Verborgenen  geblieben  und  haben  auf  die  Masse  keinen  Einfluss 
gehabt. 

Von  grösserer  Bedeutung  war  es ,  dass  auch  einige  klinische  Profess- 
oren in  Deutschland  aus  den  Erfahrungen  des  Auslands  zu  schöpfen  an- 
fingen. Am  vollständigsten  ist  diess  von  Krukenberg  in  Halle  geschehen 
(schon  vom  Anfang  der  zwanziger  Jahre  an),  dessen  Klinik  dadurch  eine 
der  wenigen  in  Deutschland  war,  an  denen  man  etwas  Positives  lernen 


Schönlein. 


333 


konnte.  Seine  zahlreichen  Schüler  verbreiteten  bessere  Kenntnisse ,  zu- 
mal in  Norddeutschland. 

Baumgärtner  in  Freiburg  nahm  gleichfalls  die  französische  Patho- 
logie mit  Wärme  auf;  doch  war  seinEinfluss  ein  zu  beschränkter,  um  sich 
bemerklich  zu  machen. 

Auch  Nasse  in  Bonn  verschluss  sich  der  positiven  Richtung  nicht, 
obwohl  bei  ihm  die  philosophischen  Neigungen  noch  überwiegend  blieben. 

Der  einflussreichste  unter  allen  aber  und  derjenige,  welcher  wirklich 
eine  durchgreifende  Umgestaltung  der  deutschen  Medicin  hervorgebracht 
hat,  wenn  gleich  sie  auch  durch  ihn  in  neue  Irrwege  geleitet  wurde,  war 
Schönlein. 

Schönlein  (geb.  1796,  Professor  in  Würzburg  1820,  in  Zürich  1832,  in 
Berlin  seit  1840)  betrat  die  von  Peter  Frank  und  Autenrieth  verfolgte,  von 
fast  allen  damaligen  Pathologen  Deutschlands  abweichende  Richtung  auf 
das  Praktische  und  auf  die  objective  Beobachtung  und  überragte  seine 
Vorgänger  namentlich  dadurch  weit,  dass  er  die  seitherigen  zahlreichen 
Entdekungen  des  Auslandes  kannte  und  zu  benuzen  wusste. 

Er  verstand  es  übrigens  vortrefflich,  sowohl  das  von  seinen  deutschen 
Vorgängern  Frank  und  Autenrieth  Ererbte,  als  auch  das  vom  Ausland 
Entlehnte  nicht  nur  als  einfach  Ererbtes  und  Entlehntes  wieder  von  sich 
zu  geben,  sondern  selbständig  und  mit  Geist  zu  verarbeiten. 

Hätte  er  sich  mit  dieser  Hinweisung  auf  die  exacte  Beobachtung  be- 
gnügt, hätte  er  allein  darauf  gewirkt,  die  in  Deutschland  verloren  ge- 
gangene Objectivität  wiederherzustellen,  heimisch  und  populär  zu  machen, 
so  wäre  sein  Verdienst  nicht  anzufechten. 

Aber  Schönlein  brachte  aus  der  Jenenser  und  Würzburger  Schule 
eine  pronuncirt  naturphilosophische  Hinneigung  mit,  die  zwar  in  seiner 
klinischen  Thätigkeit  ziemlich  zurüktrat,  um  so  mehr  aber  in  seinen  theor- 
etischen Vorlesungen,  wie  sie  als  gedruktes  Manuscript  erschienen  sind, 
hervortritt. 

Schönlein's  förderndster  Einfluss  lag  in  seiner  Klinik.  Seine  Klinik 
war  es,  durch  die  er  reformirend  wirkte  und  durch  die  er  Deutschland  dem 
Geiste  guter  Beobachtung  wieder  geöffnet  hat.  Es  war  in  diesem  Lande 
etwas  völlig  Neues,  als  Schönlein  sämmtliche  Krankheitserscheinungen 
auf  materiell  nachweisbare  Veränderungen ,  mit  andern  Worten ,  auf  die 
pathologische  Anatomie  zurükzuführen  anfing;  denn  die  pathologische 
Anatomie  galt  damals  bei  uns  nur  als  ein  Theil  der  Naturgeschichte,  als 
die  Naturgeschichte  der  Missgeburten ;  um  so  überraschender  war  es,  als 


Baumgärtner. 


Nasse, 


Schönlein. 


Schönlein's 
Klinik. 


334  Die  jüngste  Umwälzung  und  die  Entwiklung  der  Gegenwart. 

Schörtfein  sie  zur  Basis  seiner  gesammten  Nosologie  machte;  um  so  leb- 
hafter war  aber  auch  der  Widerspruch  von  Seiten  der  altgläubigen  Aerzte 
und  Lehrer. 

Aber  Schönlein  beging  den  Missgriff,  anstatt  diese  anatomischen 
Veränderungen  als  einfache  Folgen  und  Producte  der  vorausgegangenen 
Zustände  anzusehen,  sie  vielmehr  als  etwas  dem  Körper  Fremdes,  als 
etwas  der  Krankheit  als  Wesen  Eigenes,  als  Leib  des  Abstractums 
Krankheit,  aufzufassen.  Er  wendete  botanische  Termini  dafür  an,  sprach 
von  der  Blüthe  und  der  Frucht  der  Krankheit,  vom  Fruchtboden ,  vom 
Pericarpium  u.  s.  w.  Am  meisten  trat  diess  bei  den  Hautkrankheiten  her- 
vor. Die  anatomischen  Charaktere  der  Krankheiten  sind  ihm  die  ent- 
wikeltsten  Formen  derselben ;  er  betrachtet  sie  überdem  nur  in  der  höch- 
sten Ausbildung;  ihre  Genesis  dagegen,  der  Process,  der  zu  ihnen  führt, 
geht  bei  ihm  verloren. 

Mit  der  Rüksichtnahme  auf  pathologische  Anatomie  im  engsten  Zu- 
sammenhange und  als  nothwendige  Folge  davon  erscheint  die  Einführung 
der  Auscultation  und  Percussion  in  Deutschland  durch  Schönlein.  Mind- 
estens zehn  Jahre  lang  war  die  Schönlein'sche  Klinik  fast  die  einzige  in 
Deutschland,  wo  man  den  physikalischen  Erscheinungen  Aufmerksamkeit 
schenkte,  und  da  der  Nuzen  der  Untersuchungsmethode  sich  nicht  bloss 
auf  einzelne  neue  Zeichen  für  einzelne  Krankheiten  beschränkt,  sondern 
von  ihr  aus  die  ganze  Aufgabe  der  Diagnostik  eine  Umgestaltung  erleidet 
und  an  die  Stelle  der  Aufsuchung  vager  Krankheitsnamen  die  Bestimmung 
des  anatomischen  Verhaltens  der  Organe  treten  lässt,  so  hat  auch  hierin 
die  Schönlein'sche  Klinik  reformirend  gewirkt. 

Viel  weniger,  als  die  pathologische  Anatomie,  benuzte  Schönlein  die 
Physiologie  für  die  Klinik.  Dem  Namen  nach  vernachlässigte  er  sie  nicht 
und  vergass  nie ,  von  den  physiologischen  Charakteren  der  Krankheiten 
und  der  Krankheitsfamilien  zu  sprechen;  aber  die  Deutung  der  Erschein- 
ungen nach  physiologischen  Grundsäzen  ist  bei  ihm  nur  rudimentär  zu 
finden. 

Daher  ist  denn  auch  namentlich  seine  Nervenpathologie  sehr  unklar. 
Das  Gangliensystem  mit  seinen  mysteriösen  Functionen  spielt  darin  die 
Hauptrolle  und  Schönlein  erhob  sich  hier  kaum  über  Autenrieth ,  den  er 
in  wichtigen  Punkten  copirt  hat,  namentlich  in  der  Ansicht  vom  Wechsel- 
fieber als  Ganglienneurose ,  vom  Abdominaltyphus  als  Ganglientyphus, 
von  den  neuroparalytischen  Entzündungen,  die  Schönlein  Neurophlogosen 
nannte. 

Eine  ausgedehntere  und  zum  Theil  übertriebene  und  gezwungene  An- 
wendung machte  Schönlein  von  der  Chemie  und  Electricitätslehre,  während 


Schönlein.  335 

die  übrige  Physik  und  im  Speciellen  die  Mechanik ,  die  so  wichtige  Auf- 
schlüsse geliefert  hatte,  von  ihm  ganz  vernachlässigt  blieb.  Schönlein 
war  es  vornemlich,  der  wieder  den  chemischen  Theorien  Kredit  verschaffte. 
Doch  hat  er  viele  seiner  Ideen  Reil  entlehnt.  Seine  Vorliebe  für  Chemie 
und  Electricitätslehre  führte  ihn  zu  manchen  voreiligen  Hypothesen,  z.  B. 
den  Begriffsbestimmungen  des  Erysipel  und  Rheumatismus. 

Die  Aetiologie  Schönlein's  war  in  den  Hauptpunkten  vielfach  Auten- 
rieth  entlehnt,  nur  mehr  in's  Einzelne  ausgeführt.  Die  Ursachen  stehen 
bei  ihm  ebenso  ohne  inneres  nothwendiges  Band  neben  den  Erschein- 
ungen, wie  in  der  gesammten  altern  Medicin. 

Für  die  Therapie  hat  Schönlein  erklekliche  Verdienste,  indem  er  die 
damals  allgemeine  reizende  Behandlung  durch  Antiphlogose  verdrängte, 
worin  er  namentlich  den  Franzosen  folgte,  ohne  jedoch  in  deren  Einseitig- 
keiten zu  verfallen;  vielmehr  wusste  er  auch  von  England  mehrere  kräftige 
Mittel  einzuführen  (z.  B.  die  Tinctura  Colchici),  und  überhaupt  war  seine 
Therapie  vielmehr  eine  entschiedene  und  bestimmte,  während  fast  alle 
damaligen  Aerzte  auf  die  exspectative  und  symptomatische  zurükzugehen 
anfingen. 

Schönlein  schikt  als  Einleitung  zu  seinem  Systeme  seine  allgemein-      Allgemeine 
pathologischen  Grundsäze  voran.  Pathologie 

Die  Krankheit  leitet  er  ab  von  dem  Gegensaze  des  egoistischen  indi- 
viduellen Princips  mit  dem  planetarischen.  Beide  sind  in  beständigem 
Conflict.  Wo  das  egoistische  überwiegt  oder  dem  planetarischen  Princip 
das  Gleichgewicht  hält,  ist  Gesundheit;  im  umgekehrten  Falle  ist  Krank- 
heit vorhanden.  Diese  Säze,  so  leicht  sich  für  sie  einzelne  Beispiele  auf- 
finden lassen,  sind  doch  auf  zahlreiche  concrete  Krankheitsfälle  nicht  an- 
zuwenden; zumal  bei  den  contagiösen  Krankheiten  ist  diese  Auffassung 
entweder  falsch  oder  völlig  nichtssagend.  Jener  Saz  kann  nichts  weiter 
als  die  allgemeinsten  Ursachen  des  Erkrankens  bezeichnen,  nicht  aber 
denProcess  desselben.  Schönlein  aber  will  diesen  leztern  selbst  als  einen 
Kampf  des  individuellen  Lebens  gegen  die  äussere  schädliche  Potenz  an- 
gesehen wissen.  Soll  diess  auch  nur  ein  Bild  sein ,  so  war  es  jedenfalls 
ein  übel  gewähltes,  denn  der  Process  der  Krankheit  hat  fast  immer  eine 
gewisse  Selbständigkeit;  er  wird  wohl  angefacht  von  den  äussern  Ur- 
sachen, besteht  aber  meist  fort,  auch  wenn  deren  Einwirkung  aufgehört  hat. 

Die  parasitische  Anschauungsweise  der  Krankheit,  d.h.  die  Annahme, 
dass  die  Krankheitserscheinungen  selbst  etwas  von  dem  Individuum  Ver- 
schiedenes seien  und  einem  besondern  schmarozenden,  im  Körper  wuch- 
ernden Organismus  angehören,  ist  nicht  eine  nothwendige  Consequenz 
der  eben  angeführten  Schönlein'schen  Lehre ;  sie  kommt  vielmehr  auf  ein- 


336  Die  jüngste  Umwälzung  und  die  Entwiklung  der  Gegenwart. 

mal  herein,  man  weiss  nicht  wie,  noch  warum,  indem  Schönlein  bei  dem 
Capitel  über  Contagium  sagt,  man  könne  die  spontane  Genese  der  Krank- 
heit die  Infusorienbildung,  die  contagiöse  dagegen  die  Erzeugung  der 
Krankheit  nennen.  Wiederum  soll  diess  ursprünglich  ohne  Zweifel  ein 
Bild  sein,  aber  das  Bild  gelangt  alsbald  zur  Herrschaft  in  dem  System. 

Wie  auf  der  einen  Seite  die  Lehre  von  der  Contagion  und  der  Er- 
zeugung der  Krankheit  als  die  Spize  der  Krankheitsverkörperung  bei 
Schönlein  erscheint,  so  kommt  die  andere  Seite  der  Schönlein'schen  An- 
schauungsweise ,  die  Idee  von  der  Reaction ,  zur  extremsten  Entwiklung, 
besonders  in  der  Fieberlehre.  Während  ihm  das  eine  Mal  die  Krankheit 
ein  Selbstsein,  eine  Existenz,  ein  Organismus  im  Organismus  ist,  sieht  er 
doch  wieder  die  krankhaften  Erscheinungen  und  auch  ausdrüklich  die 
Krankheit  selbst  als  die  Aeusserungen  des  gegen  jenen  Eindringling 
kämpfenden  Individuums  an.  Diess  ist  ein  Widerspruch,  den  Schönlein 
in  seinem  Sinne  nur  hätte  lösen  können ,  wenn  er  überhaupt  genau  hätte 
zu  bestimmen  vermocht,  welche  Symptome  dem  Krankheitsorganismus 
zukommen  und  welche  als  die  reactionären,  als  die  Symptome  des  Mutter- 
organismus d.  h.  des  kranken  Individuums  angesehen  werden  sollen. 

Allerdings  erklärte  Schönlein  einzelne  Krankheitserscheinungen  bei- 
läufig als  reactionäre ,  namentlich  das  Fieber.  Das  Fieber  ist  ihm  keine 
Krankheit,  sondern  nur  die  Theilnahme  des  gesammten  Organismus  an 
den  localen  Leiden,  und  die  Form  des  Fiebers  hängt  ab  von  dem  Grade 
der  Reaction.  Ist  die  Reaction  des  egoistischen  Princips  gerade  stark 
genug,  die  Schädlichkeit  zu  entfernen  und  so  die  Integrität  zu  erhalten, 
so  erscheint  das  Fieber  in  einem  massigen  Grade  als  erethisches  Fieber; 
ist  die  Reaction  heftiger,  als  noth  thut,  so  hat  das  Fieber  den  Charakter 
der  Synocha;  ist  die  Reaction  zur  Entfernung  zu  schwach,  so  erscheint 
es  als  torpides  Fieber.  Auch  diese  Ansichten,  wie  fast  alle  Schönlein's, 
taugen  immer  nur  für  einzelne  Fälle ;  die  Mehrzahl  der  Fälle  lässt  sich 
nicht  damit  vereinigen.  So  wie  Schönlein  die  Synocha  auffasst,  müsste 
sie  immer  nur  von  der  Individualität  abhängen,  von  einer  zu  übermässiger 
Reaction  geneigten  Organisation;  denn  bei  einer  normalen  Organisation 
sieht  man  nicht  ein,  warum,  die  äussere  Schädlichkeit  gleich  gesezt,  nicht 
immer  auch  die  Reaction  die  gleiche  und  namentlich  die  angemessene, 
d.h.  die  erethische  Form  sein  soll.  Ueberdem  treten  die  höheren  Fieber- 
grade, die  synochalen  Formen ,  hauptsächlich  dann  ein,  wenn  auch  die 
Schädlichkeit  eine  vehemente  ist,  während  bei  schwachen  Schädlichkeiten 
gewöhnlich  nur  leichte  Fiebergrade  entstehen.  Nun  sollte  aber  offenbar 
bei  einer  leichtern  Schädlichkeit  viel  eher  die  Reaction  das  geringe  Maass 


Pathologie. 


Schönlem.  337 

des  Nöthigen  überschreiten,  als  bei  starken  Schädlichkeiten,   wo   ein 
grosses  Maass  von  Reaction  an  sich  am  Plaze  ist. 

Noch  weniger  haltbar  ist  aber  Schönlein's  Erklärung  des  torpiden 
Fiebers  als  eines  solchen,  das  zu  schwach  sei  für  die  Entfernung  der 
Schädlichkeit.  Hienach  müsste  Niemand  von  einem  torpiden  Fieber  ge- 
nesen können.  Ferner  hat  Schönlein  die  directen  Gründe  des  Torpors  im 
Fieber,  wie  sie  wenigstens  in  vielen  Fällen  wirken,  ganz  übersehen.  Die 
Ausschwizungen  im  Gehirn,  die  eiterigen  Exsudationen  rufen  direct  Torpor 
und  Sopor  hervor  ohne  das  Mittelglied  einer  Reaction. 

Durch  seine  ganze  Anschauungsweise  vom  Fieber  als  einer  consecut- 
iven  Symptomengruppe  wurde  Schönlein  veranlasst,  die  verschiedenen 
Fieber  aus  der  speciellen  Pathologie  zu  streichen  und  die  Fälle,  wie 
Broussais  und  die  anatomische  Schule  Frankreichs,  unter  die  localen 
Krankheiten  unterzubringen. 

Uebergehend  zur  speciellen  Pathologie  Schönlein's  finden  wir  als  we-  specieiie 
sentliche  und  am  meisten  gerühmte  Eigenthümlichkeit  die  Anordnung  der 
Krankheiten  in  einem  natürlichen  System,  d.  h.  in  einer  Classification,  in 
welcher  nicht  ein  einzelnes  Moment  im  Kranksein  zum  Eintheilungsprincip 
genommen  wird ,  sondern  in  der  alle  wesentlichen  Krankheitsphänomene 
zur  Gruppirung  benüzt  werden  sollen.  Unter  Krankheitsspecies  fasst  er 
diejenigen  Erscheinungen  zusammen,  die  sich  ohne  Rüksicht  auf  Alter, 
Constitutionen,  Geschlecht  u.  s.  w.  des  Erkrankten  finden.  Ist  schon 
hierin  eine  bedenkliche  und  unausführbare  Bestimmung  enthalten ,  so  ist 
der  Begriff  des  Genus  noch  lokerer ,  indem  er  die  wesentliche  Ueberein- 
stimmung  der  Symptome  mehrerer  Arten  als  Criterium  für  das  Genus  ver- 
langt, wobei  freilich  die  Wesentlichkeit  immer  nur  mit  einer  gewissen  Will- 
kür festzustellen  ist. 

Die  wichtigsten  Categorien  sind  aber  die  Familien.  Zur  Charakter- 
istik der  Krankheitsfamilien  wird  gesehen 

1)  auf  die  Zahl  der  Gewebe  und  Gebilde,  die  bei  der  ganzen  Krank- 
heitsfamilie befallen  werden  können ; 

2)  auf  die  stetigen  chemischen  Producte  (Kalibildung  bei  Erysipelas, 
Säurebildung  bei  Rheumatismus),  worauf  ganz  besonders  Gewicht  ge- 
legt wird ; 

3)  auf  die  Bildung  constanter  und  identischer  Producte  im  Körper 
(Tuberkel); 

4)  auf  die  Art  und  Weise,  wie  die  Krankheiten  sich  erzeugen. 
In  allen  diesen  vier  Verhältnissen  müssen  die  Genera  Uebereinstimmung 

zeigen,  wenn  sie  zu  einer  und  derselben  Familie  gerechnet  werden  sollen. 

Wunderlich,  Geschichte  d.  Medicin.  22 


338  Die  jüngste  Umwälzung  und  die  Entwiklung  der  Gegenwart. 

Alle  Familien  werden  endlich  in  drei  Klassen  subsumirt,  nach  den  drei 
organischen  Grundgeweben,  wie  sich  Schönlein  ausdrükt. 

Die  erste  Klasse  enthält  die  Morphen ,  d.  h.  die  Krankheiten ,  die  in 
Veränderung  des  Zoogens  bestehen,  von  dem  Schönlein  sagt,  dass  es  das 
Substrat  des  thierischen  Lebens  sei.  Diess  ist  Alles,  was  wir  von  diesem 
ürstoff  erfahren ,  von  dem  Niemand  etwas  weiss ,  den  kein  Anatom  kennt. 

Die  Familien  der  Morphen  selbst  sind  so  bunt,  dass  man  sich  kaum 
überreden  kann,  sie  seien  ernstlich  gemeint.     Es  sind : 

1)  Die  Dysmorphen,  angeborene  Missbildungen; 

2)  Die  Theromorphen ,  thierähnliche  Bildungen,  wobei  die  Grenze 
zwischen  der  vorigen  Familie  schwerlich  angegeben  werden  könnte.  (Das 
Curiosum,  dass  bei  dem  einzigen  Genus  der  Theromorphen,  nemlich  bei  der 
Atresia  ani  in  der  Aetiologie  angegeben  ist,  die  Mutter  des  mit  dieser 
Theromorphe  geborenen  Kindes  habe  einen  durch  Condylom  und  adhäsive 
Entzündung  verschlossenen  After  gehabt,  kommt  wohl  auf  Rechnung  des 
Nachschreibers). 

3)  Hypertrophien; 

4)  Atrophien ; 

5)  Stenosen, 

6)  Ektopien ; 

7)  Vulnera.  (Es  ist  somit  eine  Krankheit  des  Urstoffs,  wenn  man 
sich  in  den  Finger  schneidet.) 

Man  begreift  ferner  nicht,  wesshalb  Dilatationen,  abnorme  Canalisat- 
ionen,  Verwachsungen    und  dergleichen  hier  nicht  aufgeführt  sind. 

Die  zweite  Klasse  betrifft  die  Krankheiten,  in  denen  das  zweite  Grund- 
gewebe des  Körpers  ergriffen  sein  soll :  das  Blut.  Die  Familien  dieser 
Klasse  sind: 

1)  Die  Erythrosen,  unter  welchen  auch  die  Menstruatio  praecox 
steht ; 

2)  die  Phlogosen,  deren  Charaktere  sein  sollen :  eine  raschere  Be- 
wegung des  arteriellen  Blutes  in  dem  afficirten  Organe,  eine  Retardation 
des  venösen  Blutes,  Vermehrung  der  Fibrine,  erhöhte  Wärme,  vermehrter 
Turgor  vitalis,  ein  Plazwechsel  des  afficirten  Organes  in  der  Weise,  dass 
es  die  Stelle  einnimmt,  die  ihm  im  Momente  der  höchsten  physischen 
Thätigkeit  zukommt  (Schlussfolgerung  aus  der  einzigen,  freilich  anders  zu 
erklärenden  Thatsache,  dass  der  Hode  an  den  Bauch  heraufsteigt),  so- 
dann keine  erhöhte  Thätigkeit,  sondern  Beschränkung  der  Function,  wenig 
Antheil  der  Nerven.  Bei  den  anatomischen  Charakteren  wird  die  Ver- 
grösserung  des  Volums ,  die  Zunahme  der  Schwere ,  die  Erweiterung  der 
Gefässe,  die  lebhafte  Röthe  des  Theiles,  die  Undurchsichtigkeit  durchsieht- 


Schönlein.  339 

iger  Organe  angeführt;    dagegen  auf  Productbildung  keinerlei  Rüksicht 
genommen; 

3)  die  Neurophlogosen  sind  eine  Sammlung  der  mannigfaltigsten 
und  auf  die  verschiedenste  Weise  zu  erklärenden  Störungen.  Es  finden 
sich  unter  ihnen  die  acute  Gehirntuberculose  und  der  Tetanus  der  Neuge- 
borenen, der  Croup  und  die  Gastromalacie ,  die  Stomacace  und  die  Pneu- 
monia  notha,  die  Angina  pectoris  und  der  Brand  der  Gebärmutter; 

4)  die  Typhen  mit  der  Eintheilung  in  Cerebral-,  Ganglien-  und 
Petechialtyphus; 

5)  die  Cyanosen,  welche  mit  den  Typhen  verwandt  sein  sollen.  Der 
chemische  Charakter  des  Blutes  dabei  soll  nicht  mehr  noch  weniger  als 
ein  Prävaliren  der  wässerigen  Bestandtheile  sein.  Die  einzelnen  Gattungen 
zeigen  die  Verwirrung.  Es  folgen  neben  einander  Peliosis,  Scorbut,  Cyan- 
osis  cardiaca  (also  eine  wenigstens  häufig  angeborene  Krankheit,  eine 
Dysmorphe),  Pulmonalcyanose,  Hämophilie  und  Chlorose ; 

6)  die  Hämorrhagie ,  deren  Aufstellung  als  eigene  Familie  jedoch 
nicht  verhindern  konnte ,  dass  sehr  eclatante  Fälle  von  Hämorrhagie  an 
ganz  andern  Stellen  untergebracht  wurden; 

7)  die  Katarrhe ,  bei  welchen  Schönlein  freilich  den  Nachweis 
schuldig  bleibt ,  dass  das  Blut  dabei  verändert  sei.  Unter  ihnen  stehen 
die  Masern ,  das  Emphysem  der  Lunge ,  sogar  das  interlobuläre ,  welches 
bekanntlich  meist  eine  cadaveröse  Erscheinung  ist,  eine  sogenannte  nervöse 
Hepatitis,  ferner  die  Cholera,  die  Diarrhoea  paralytica,  die  Bandwürmer 
und  die  Aphthen ; 

8)  der  Rheumatismus ,  unter  welchem  auch  die  Miliaria  aufge- 
zählt ist; 

9)  die  Erysipelaceen ,  unter  welchen  nicht  nur  einige  Schleimhaut- 
krankheiten, sondern  auch  der  Zoster  und  die  Variolen  betrachtet  werden, 
von  welchen  mindestens  nicht  das  Familiencriterium  zutrifft,  dass  die  in 
derselben  Familie  stehenden  Krankheiten  eine  gleiche  Erzeugungsweise 
haben  müssen ; 

10)  die  Familie  der  Impetigines  enthält  die  meisten  chronischen 
und  einige  acute  Hautausschläge;  durch  die  poetische  Licenz,  mit  der 
Schönlein  in  der  Ausdichtung  der  Verhältnisse  dieser  Krankheitsformen  zu 
Werke  gegangen  ist,  wurde  aus  denselben  ein  wohlgeordneter  und  sorg- 
fältig etikettirter  Garten  phantastischer  Gewächse. 

11)  In  der  Familie  Scropheln  werden  die  wirklichen  Scropheln  und 
die  Rhachitis  zusammengeworfen,  auch  die  Blennorrhoeen  mit  abgehandelt. 

12)  Unter  den  Tuberkeln  wird  nicht  nur  der  Leberkrebs  mit  abge- 
handelt, während  die  Tuberkeln  des  Darms  und  der  Knochen  mit  Still- 


340  Die  jüngste  Umwälzung  nnd  die  Entwiklung  der  Gegenwart. 

schweigen  übergangen  werden ,  sondern  es  finden  sich  auch  manche  selt- 
same Genera:  die  Menstrualtuberkeln,  Puerperaltuberkeln,  die  Autenrieth'- 
schen  Tuberkeln  von  kaltem  Trunk,  exanthematische,  impetiginöse,  arth- 
ritische,  angeerbte  Tuberkeln. 

13)  Neben  den  Tuberkeln  erscheint  sofort  in  diesem  natürlichen 
System  noch  eine  Familie  der  Phthisen. 

14)  Die  Colliquationen  enthalten  zugleich  den  fluor  albus. 

15)  Die  Familie  der  Hydropsien  enthält  unter  andern  den  Ascites 
psoricus  und  den  Echinococcus  der  Leber. 

16)  Unter  den  Dyschymosen  finden  sich  neben  Icterus  und  Uro- 
dialysis  die  Dysmenorrhöen. 

17)  Die  Familie  Arthritis  nimmt  auch  die  Hämorrhoiden  mit  auf. 

18)  Unter  den  Carcinomen  ist  der  feste  Krebs  ganz  vergessen,  zum 
Ersaz  dafür  aber  das  Aneurysma  abgehandelt. 

Die  dritte  Klasse  beschäftigt  sich  mit  den  Störungen  des  dritten  Grund- 
gewebs,  der  Nerven,  und  handelt  die  Intermittentes ,  die  Neuralgien  und 
Neurosen  ab. 

Ein  Missgriff  des  Nachschreibers  war  es  wohl  nur,  dass  die  ohne  Zweifel 
als  im  System  nicht  unterzubringender  Anhang  gemeinte  Abhandlung  über 
Tripper  und  Schanker  zur  vierten  Familie   der  Nervenkrankheiten   ge- 
worden ist. 
schöniein's  Schönlein  hat  niemals  etwas  von  sich  druken  lassen,  ausser  seiner 

Dissertation  über  die  Hirnmetamorphose  1816  und  einem  Brief  in  Müller's 
Archiv  über  die  Tripelphosphatcrystalle  im  Stuhle  der  Typhösen.  Alles, 
was  sonst  von  ihm  in  die  Oeffentlichkeit  gelangte ,  wurde  durch  seine 
Schüler  vermittelt,  ohne  Zweifel  häufig  in  sehr  incorrecter  Weise  und  es 
war  daher  leicht  für  seine  Anhänger,  den  Unverstand  der  Editoren  vorzu- 
schieben, wo  die  Lehre  des  Meisters  unhaltbar  schien.  Nichtsdesto- 
weniger darf  angenommen  werden,  dass  das  gedrukteHeft  der  allgemeinen 
und  speciellen  Pathologie  und  Therapie,  die  Lehre  von  den  Typhen  (1840) 
und  die  klinischen  Vorträge  nach  Güterbock's  Redaction  ein  ziemlich  ge- 
treues Bild  seiner  Lehre  geben. 

Er  selbst  hat  wohl  verschiedene  Stadien  seiner  Entwiklung  durchge- 
macht. Seine  Würzburger  Periode  war  ohne  Zweifel  die  anregendste  und 
frischeste,  der  Contrast  seiner  klinischen  Schule  mit  allen  andern  Deutsch- 
lands am  grössten;  zugleich  trat  aber  in  dieser  Periode  der  theoretische 
Theil  seiner  Lehre  am  entwikeltsten  hervor  und  es  ist  anzunehmen,  dass 
auch  die  Umgebung  in  dieser  Richtung  mitwirkte.  In  Zürich  wurde  der 
theoretische  Schmuk  bereits  abgeworfen  und  Schönlein  erscheint  als  ein 
einsichtsvoller ,  mit  den  Leistungen  des  Auslandes  vertrauter  Practiker, 


Wirksamkeit. 


Schönlein.  341 

bei  welchem  von  Krankheitsparasitismus  nicht  mehr  die  Rede  ist,  sondern 
nur  die  Neigung  zu  abgerundeten  Krankheitsbildern,  die  Trennung  der 
topischen  und  reactionären  Symptome ,  die  Tendenz  zu  mehr  streng  form- 
ulirten  und  fertigen,  als  exacten  und  die  Möglichkeiten  offen  lassenden 
Diagnosen,  das  Anwenden  von  angeblich  specifisch  wirkenden  Mitteln  und 
zugleich  der  Schwung  der  Combination  den  früheren  Idealtheoretiker  ver- 
räth.     Schönlein  stand  hier  im  Zenith  seiner  Grösse. 

In  der  Berliner  Periode  dagegen  ist  eine  Abnahme  der  Originalität 
nicht  zu  verkennen.  Als  grundgescheidter  Mann  hat  Schönlein  offenbar 
sich  nicht  verborgen ,  dass  seine  früheren  Ideen  sich  überlebt  hatten  und 
dass  selbst  der  Positivismus,  der  in  Zürich  noch  bewundert  wurde,  zu 
dürftig  und  unvollkommen  war,  als  dass  er  neben  den  Fortschritten  der 
Zeit  sich  noch  halten  konnte.  Schönlein  hat  daher  sich  aus  den  indess 
aufgekommenen  exacteren  Richtungen  jüngere  Kräfte  attachirt,  die  er, 
obwohl  ihre  Richtung  seiner  eigenen  zum  Theil  völlig  entgegengesezt  war, 
nicht  nur  zu  beschüzen  und  zu  fördern ,  sondern  auch  zu  benüzen  wusste, 
um  dadurch  selbst  noch  auf  der  Höhe  der  neuen  Zeit  sich  zu  erhalten. 
Anfänglich  war  es  vornemlich  die  chemische  Richtung,  die  er  an  sich  her- 
anzog, bald  auch  die  microscopische  und  schliesslich  die  pathologisch- 
anatomische ,  die  experimentelle  und  die  neuere  Entwiklung  der  physik- 
alischen Diagnostik  (Simon,  Remak,  Güterbock,  Virchow,  Traube). 

Schönlein  hat  zahlreiche,  zum  Theil  enthusiastische  Anhänger  gefunden,    schöniem-scho 
Vornemlich  gingen  aus  der  Würzburger  Periode  solche  hervor,  während        schuier. 
in  der  Züricher  und  noch  weniger  in  der  Berliner  Zeit  er  eigentlich  nicht 
mehr  Schule  gemacht  hat. 

Dass  in  der  Würzburger  Periode  seine  Lehre  eine  vielfach  hinreissende 
Wirkung  hervorgebracht  hat,  mag  einerseits  in  dem  ideellen  Charakter 
und  der  Geschlossenheit  des  Systems  seinen  Grund  haben,  andererseits 
aber  gewiss  auch  in  der  fast  überall  in  Deutschland  damals  vorhandenen 
Entartung  der  Wissenschaft.  In  Schönlein's  späterer  Periode  traten  bei 
ihm  selbst  die  Elemente  zurük,  die  im  Stande  sind,  blinde  Enthusiasten  zu 
loken  und  die  nüchterne  reelle  Richtung,  welche  mit  der  Autorität  sich 
nicht  verträgt,  kam  zum  Uebergewicht.  Bei  der  Besserung  der  übrigen  deut- 
schen medicinischen  Zustände  minderte  sich  überdem  der  Contrast,  der 
der  Schönlein'schen  Klinik  bis  dahin  so  viel  Bewunderer  zugeführt  hatte. 

Es  ist  nicht  zu  bezweifeln ,  dass  die  Schönlein'schen  Schüler  auch  aus 
der  Würzburger  Zeit  viele  nüzliche  Kenntnisse  und  Anregungen  mit  fort- 
nahmen, welche  ihnen  eine  Prävalenz  über  die  grosse  Mehrzahl  ihrer  Zeit- 
genossen gaben.  Aber  die  lautesten  unter  den  Schülern  begnügten  sich  nicht 


342  Die  jüngste  Umwälzung  und  die  Entwikluug  der  Gegenwart. 

mit  diesem  Vorzug.   Vielmehr  fingen  sie  an,  die  theoretischen  Seiten  ihres 
Meisters,    wohl  mehr  als   er   selbst  ertragen  konnte,    auszubeuten  und 
auszubauen. 
Nosoiogisten.  Es  war  zunächst  der  strenge  Nosologismus ,  der  die  Classification  als 

die  lezte  Aufgabe  der  Wissenschaft  ansieht  und  der  eines  der  wesentlich- 
sten Verdienste  Schönlein's  in  seinem  sogenannten  natürlichen  Systeme 
suchte.  Diese  Seite  liebte  es,  der  Schule  den  Namen  der  naturhistorischen 
zu  vindiciren.  Man  blieb  aber  nicht  bei  dem  Schönlein'schen  System 
stehen,  sondern  indem  man  an  ihm  ausbesserte,  es  zu  reinigen  und  auf 
strengere  Principien  zurükzuführen  trachtete,  es  immer  natürlicher  zu 
machen  suchte ,  trat  die  Unnatur  dieses  ganzen  Verfahrens  nur  um  so  an- 
schaulicher hervor. 

In  dieser  Richtung  entwikelte  namentlich  Eisenmann  eine  grosse 
Thätigkeit  und  legte  in  seinen  vegetativen  Krankheiten  1835,  sodann  in 
mehreren  Monographien  über  Kindbettfieber ,  Typhen ,  Pyren ,  Cholosen, 
Rheumen  die  Affectionen  in  die  Fesseln  seines  Systems.  Er  theilt  die 
Krankheiten  in  Krankheiten  1)  der  Crystallisation  (Morphonosen), 
2)  der  Vegetation  und  zwar  a)  Nosen  mit  den  Ordnungen  Parapoesen, 
Parablasten,  Paraphyten,  Parazoen,  b)  Toxen,  3)  des  Nervensystems 
(Neurosen). 

Ein  ganz  ähnliches  classificatorisches  Spiel  hat  Fuchs  in  Göttingen 
getrieben  (in  seinem  Werke  über  Hautkrankheiten  und  in  dem  Lehrbuch 
der  speciellen  Nosologie  und  Therapie  1845). 
parasitiker.  Eine   zweite   theoretische  Seite  der  Schönlein'schen  Lehre,   welche 

von  seinen  Anhängern  aufgegriffen  und  weiter  ausgebildet  wurde ,  war  die 
parasitische  Natur  der  Krankheit.  Auch  hier  steht  Eisenmann  oben  an, 
neben  ihm  Jahn  (Ahnungen  einer  allgemeinen  Naturgeschichte  der  Krank- 
heiten 1828),  Stark  (Allgemeine Pathologie  1838),  ferner  Volz,  Häser 
und  andere.  Schönlein's  Gedanke,  dass  die  Krankheit  ein  wuchernder  Aus- 
wuchs auf  dem  Körper  sei,  kam  bei  dieser  Richtung  (den  Parasitentheoret- 
ikern) zur  extremsten  Ausbildung.  Die  Krankheit,  ja  alle  Krankheiten  sind 
denselben  etwas  dem  Organismus  Fremdes,  Eingedrungenes,  eine  am  Körper 
schmarozende  Afterorganisation.  Die  Natur,  sagt  Volz,  kennt  keine  Krank- 
heiten, nur  Organismen;  was  man  bisher  Krankheiten  hiess,  sind  nur 
niedere  Organismen,  die  den  höheren  aufgedrungen  sind. 

Die  Krankheit  entsteht  nach  dieser  Theorie  gleich  allen  übrigen  Organ- 
ismen entweder  durch  Generatio  aequivoca  oder  durch  Zeugung.  Einzelne 
nehmen  in  lezterem  Fall  als  den  männlichen  Factor  die  Gelegenheits- 
ursache, als  den  weiblichen  die  Krankheitsanlage  des  Individuums  an.  — 
Einmal  geboren  macht  die  Krankheit  die  gleichen  Phasen  der  Entwiklung 


Schönlein'sche  Schule,  343 

und  Abnahme  durch,  wie  die  andern  Organismen.  Ihr  Leben  sei  zwar, 
soviel  gibt  man  zu,  etwas  eigenthümlich,  es  sei  traumähnlich.  Die  Krank- 
heit stirbt  zulezt,  theils  aus  Altersschwäche  und  überwunden  durch  die 
Kräfte  des  Mutterorganismus,  theils  gewaltsam  durch  die  Medicamente 
des  Arztes.  Der  Leichnam  der  Krankheit  wird  aus  dem  Mutterorganismus 
in  Form  der  Crisen  entfernt.  Noch  mehr :  die  Krankheit,  d.  h.  der  Parasit 
kann  auch  selbst  erkranken  und  die  Irregularitäten  des  Verlaufs  beruhen 
darauf. 

Eine  dritte  theoretische  Vorstellung  steht  mit  der  parasitischen  zum  Physiater. 
Theil  in  Connex:  die  physiatrische  Richtung.  Jahn  (die  Naturheilkraft 
1831  und  System  der  Physiatrik  1835)  und  Stark  (allgemeine  Patho- 
logie) sind  ihre  Vorkämpfer.  Die  Annahme  einer  mit  einer  vollkommenen 
Zwekmässigkeit  handelnden  und  gegen  den  eingedrungenen  Parasiten 
kämpfenden  Naturkraft  ist  ihre  Fundamentallehre.  Bei  einer  Verwundung, 
meint  Jahn,  reagire  das  Blutsystem  aufs  kräftigste,  wie  gereizt  stürze  das 
Blut  herbei,  arterielles  und  venöses,  kehre  um  und  ströme  der  Stelle  zu, 
wo  die  Verlezung  stattgefunden  habe.  Das  Leben  der  Arterienenden 
werde  übermässig,  reisse  selbstisch  auftretend  die  Herrschaft  an  sich,  das 
Blut  in  der  Arterie  strebe  sein  Reich  zu  erweitern,  ein  neues  Herz  und 
neue  kiemenartige  Lungen  zu  bilden.  Ein  ähnlicher  Vorgang  sei  im  Fieber, 
es  sei  ein  Aufschwung  des  Lebens,  eine  Potenzirung  des  allgemeinen 
neueren  Nutritionsprocesses  etc. 

Die  Schönlein'sche  Lehre  hat  aber  auch  von  Anfang  an  manche  Geg-      schöniein's 
ner  gefunden  und  Gegner  von  verschiedener  Färbung.   Die  alte  symptom-        Gegner. 
atische  Medicin  hat  theils  den  Maassstab  ihrer  Voraussezungen   an  sie 
gelegt  und  sie  danach  verworfen,  theils  auch  da  und  dort  einzelne  wirk- 
liche Schwächen  zu  entdeken  vermocht.     Der  hartnäkigste  Kämpfer  für 
die  alte  Schule  gegen  die  Schönlein'sche  Lehre  war  Conradi  in  Göttingen. 

Ein  weit  begabterer  Gegner,  mächtig  zugleich  durch  seine  Stellung 
als  dominirender  Arzt  eines  grösseren  Staates,  noch  mehr  gefährlich 
durch  die  Verbindung  mit  der  römischen  Kirche  und  allen  ihren  offenen 
und  geheimen  Kräften  war  Ringseis  in  München,  der  in  seinem  System 
der  Medicin  1841,  einem  Werke  von  ebensoviel  Geist  und  Dialektik,  als 
Verkehrtheit  und  mönchischem  Eifer,  einen  heftigen  Angriff  auf  die  Schön- 
lein'sche Lehre  machte. 

Doch  die  Zeit  war  vorbei,  in  welcher  das  Predigen  zur  Umkehr,  sei 
es  zur  alten  Medicin  des  symptomatischen  Eklekticismus,  sei  es  zur  mittel- 
alterlichen Mystik,  den  raschen  Lauf  der  Dinge  hemmen  konnte.  So  viel 
angreifbare  Punkte  die  Schönlein'sche  Lehre  enthielt,  so  war  weder  ein 


344 


Die  jüngste  Umwälzung  und  die  Entwiklung  der  Gegenwart. 


Conradi,  noch  ein  Ringseis,  auch  wenn  sie  hinwiesen  auf  die  unausbleib- 
lichen Erfolge  des  Angriffs ,  im  Stande ,  die  Geister  unter  ihre  Fahne  zu 
loken,  und  der  Triumph  Schönlein's  oder  seiner  Schüler  über  diese  Gegner 
war  so  vollkommen  und  so  entscheidend,  dass  es  eine  kurze  Zeit  den  An- 
schein haben  wollte,  als  werde  die  Schönlein'sche  Schule  die  herrschende 
in  Deutschland  und  als  müssten  alle  klinischen  Anstalten  nur  Schönlein'- 
schen  Schülern  anvertraut  werden.  Ausser  Berlin  kamen  durch  neue  Be- 
sezungen  Göttingen,  Jena,  Giessen,  Erlangen,  Heidelberg,  Zürich  in  ihre 
Hände. 

Fast  plözlich  aber  und  mitten  in  der  Siegestrunkenheit  derParthei  trat 
ein  Umschlag  ein ,  in  Folge  dessen  binnen  wenigen  Jahren  diese  Doctrin 
wieder  beinahe  völlig  auf  allen  Lehrstühlen  wie  aus  den  Anschauungen 
der  Aerzte  überhaupt  verschwunden  ist. 


Einzelne  Leb- 
enszeichen 

in  d  er 

deutschen 

Medicin. 


Gegenstände  der 
Bearbeitung. 


Badeliteratur. 


Cholera. 


Psychiatrie. 


Der  regere  Sinn,  den  die  Schönlein'sche  Schule  offenbar  in  medicin- 
ischen  Dingen  in  Deutschland  wieder  herstellte,  hat  übrigens  auch  ausser- 
halb der  Kreise  der  Schule  bethätigend  gewirkt.  Da  und  dort  fingen  die 
Praktiker  an,  sich  wieder  mehrfach  mit  pathologischen  und  therapeutischen 
Fragen  zu  beschäftigen,  ihre  Erfahrungen  preiszugeben  und  eine  grosse 
Anzahl  von  Journalen,  auch  einzelne  monographische  Arbeiten  gaben  Be- 
weis ,  dass  wieder  ein  wissenschaftlicheres  Streben  in  der  Medicin  Plaz 
griff.  Freilich  waren  es  grösstentheils  sehr  verunglükte  Versuche.  Das 
breitgetretene  Thema  der  Solidar-  und  Humoralpathologie,  ideelle  Phan- 
tasien und  geistreich  klingende  Deutungen  der  Processe  und  Einzelbeob- 
achtungen ohne  Verständniss  und  ohne  Bekanntschaft  mit  dem  bereits 
anderwärts  Erreichten  füllten  die  Blätter.  Vielfach  waren  es  allgemeine 
Fragen,  sodann  die  verschiedenen  Formen  von  Fieber  und  ihr  Verhältniss 
zum  Typhus,  die  Ruhr,  die  acuten  Exantheme,  die  Venosität,  die 
Scropheln  und  einige  Nervenkrankheiten ,  um  was  gestritten  wurde.  So- 
dann excedirte  die  Schreibelust  ganz  besonders  in  der  Badeliteratur, 
welche  in  jener  Zeit  eine  sehr  üppige  Entwiklung  nahm,  freilich  aber  nicht 
überall  ein  vortheilhaftes  Zeugniss  über  den  allgemein  wissenschaftlichen 
und  technischen  Bildungsgrad  in  ärztlichen  Kreisen  geliefert  hat. 

Vornemlich  aber  brachte  der  Einbruch  der  Cholera  in  Europa  von 
1831 — 38  eine  Fluth  von  Elaboraten  zuwege,  welche  jedoch  ganz  den 
Charakter  der  Zeit  trugen,  auf  Untergeordnetes  den  Hauptwerth  legten, 
mit  vielen  Voraussezungen  die  Facta  verunreinigten  und  die  wesentlich- 
sten Punkte  übersahen. 

Eine  speciellere  Cultur  von  einzelnen  Gebieten  der  praktischen  Medicin 
war  gleichfalls  kaum  zu  bemerken.  Die  Psychiatrie  wurde  zwar  von  einer 


Die  deutsche  Medicin  vor  der  Wendung. 


345 


Anzahl  an  sich  recht  wohlmeinender  und  begabter  Männer  und  in  einer 
Art  von  gemeinschaftlichem  Streben  gepflegt.  Aber  theils  ideal-psycho- 
logische Vorurtheile,  theils  besonders  die  Localisation  der  meisten  Krank- 
heiten in  den  Unterleib  bei  fast  gänzlicher  Unbekanntschaft  mit  den  im 
Gehirn  vorkommenden  anatomischen  Störungen  hinderten  den  Fortschritt 
auch  hier  und  brachten  ein  Sichgehenlassen  in  nuzlosem  und  durch  geist- 
reiche Phrasen  aufgepuztem  Gerede  zustande. 

Nächstdem  hatte  die  Augenheilkunde  besonders  durch  Himly  in  Gott-  Augenheilkunde. 
ingen  und  durch  Jäger  und  Rosas  in  Wien  einigen  Impuls  bekommen. 
Der  Schüler  von  Jäger  und  Schönlein,  Sichel,  versuchte  die  Ophthalmia- 
trik  nach  den  Voraussezungen  der  Schule  zu  doctrinarisiren  und  mit  der 
strengen  Gliederung  seiner  Augenkrankheitsspecies  zuerst  den  Franzosen 
zu  imponiren. 

In  der  Chirurgie  wurde  im  Verhältniss  zu  den  Leistungen  des  Aus- 
landes sehr  wenig  zustandegebracht,  obwohl  Deutschland  es  nicht  an 
guten  Operateurs  fehlte.  Auch  hier  machte  das  Definitionen-  und  Ein- 
theilungswesen  jede  gesunde  Anschauung  unmöglich. 

Die  Orthopädie  mit  ihrer  Maschinenarmatur  hatte  namentlich  durch 
Heine  in  Würzburg  (1816)  einen  Impuls  bekommen,  der  jedoch  nicht 
allenthalben  zur  wahren  Förderung  diente. 

Am  meisten  unter  den  praktischen  Fächern  hat  in  Deutschland  die 
Geburtshilfe  Glük  gehabt.  Auf  diesem  abgegrenzten  Gebiete  waren 
durch  Boer  in  Wien  (gest.  1835)  naturgemässe  Einsichten  hergestellt 
und  eine  Anzahl  tüchtiger  Techniker  ging  aus  seiner  Schule  hervor,  währ- 
end durch  die  Kämpfe  zwischen  ihnen  und  dem  hauptsächlichsten  Gegner, 
Fr.  B.  Osiander,  dem  Vertheidiger  der  ausgedehntesten  Kunsthilfe,  eine 
Menge  specieller  Punkte  aufgeklärt  wurde. 

In  einem  höchst  verkünstelten  Zustande  verblieb  die  Arzneimittel- 
lehre. Sie  war  der  Turamelplaz  inhaltsloser  Redensarten  und  der  Lieb- 
lingsgegenstand aller  derer,  welche  ohne  positive  Kenntnisse  das  Bedürf- 
niss  zu  Expectorationen  hatten.  Das  Handbuch  der  Arzneimittellehre 
von  Sobernheim  1836,  obwohl  von  einem  reinen  Compilator  stammend, 
hat  historisches  Interesse,  weil  es  als  treuer  Spiegel  die  zur  völligsten 
Carricatur  gewordene  und  dabei  immer  auf  Stelzen  wandelnde  deutsche 
Medicin  jener  Periode  wiedergibt.  Das  Handwörterbuch  der  prakt- 
ischen Arzneimittellehre  von  Sachs  (und  Dulk)  in  Königsberg  1830 
leistet  dasselbe  nur  in  weniger  bündiger  und  ungleich  mehr  langweiliger 
Form. 

Das  Aufkommen  einer  eigenen  Literatur  für  Wasserheilkunst  gab 
endlich  Gelegenheit,  jeden  Typus  der  Entartung  der  Beschäftigung  mit 


Chirurgie, 


Orthopädie. 


Geburtshilfe. 


Arzneimittel- 
lehre. 


Hydropathie. 


346  Die  jüngste  Umwälzung  und  die  Enfrwiklung  der  Gegenwart. 

medicinischen  Angelegenheiten  in  jener  Zeit  repräsentirt  zu  finden.  Der 
unterste  Abhub  dieser  Wasserliteratur  nämlich,  zumal  so  lange  sie  die 
Alleinherrschaft  in  der  Medicin  zu  erlangen  suchte,  übertrifft  an  Scheuss- 
lichkeit  und  Blödsinn  alles,  was  jemals  in  irgend  einem  Jahrhundert  in 
dem  Gebiete  der  medicinischen  Volksverdummung  producirt  worden  ist. 
Selbst  die  fanatischsten  Homöopathen  haben  hier  ihre  Meister  gefunden 
und  nur  die  Polemik  gegen  die  Schuzpokenimpfung  hat  theilweise  die 
Ebenbürtigkeit  erreicht. 

Die  deutsche  Indessen  hatten  auf  einem  Gebiete  der  Erforschung  der  menschlichen 
Physiologie.  Natur,  welches  früher  in  der  engsten  Verbindung  mit  der  Medicin  ge- 
wesen, in  der  Zeit  der  theoretischen  Vergeilung  der  lezten  sich  von  der- 
selben zurükgezogen  hatte,  —  es  hatten  auf  dem  Gebiete  der  Physio- 
logie sich  neue  Elemente  gesammelt,  in  welchen  die  Keime  zu  einer 
raschen  Umgestaltung  der  Verhältnisse  reiften. 

Die  Physiologie  war  es,  in  der  man  zuerst  den  Ernst,  den  Werth  und 
die  Notwendigkeit  der  reinen  Thatsachen  in  Deutschland  wieder  er- 
kannte. Die  factische  Richtung  machte  sich  anfangs  jedoch  nur  in  ver- 
einzelten Specialuntersuchungen  geltend,  welche  besonders  in  dem  Archiv 
für  die  Physiologie  niedergelegt  wurden,  das  von  Reil  begonnen  und 
später  in  Gemeinschaft  mit  Autenrieth  herausgegeben  (1796 — 1815), 
von  da  an  fortgesezt  von  Meckel  (1815 — 23),  darauf  mit  verändertem 
Titel  Archiv  für  Anatomie  und  Physiologie  (1826 — 32)  redigirt  wurde 
und  dem  sich  als  weitere  Fortsezung  von  1834  an  das  Müller'sche  Archiv 
anschloss. 
Rudolph).  Zum  erstenmal  fasste  das  vorhandene  thatsächliche  Material  Karl 

Rudolphi  zusammen  in  seinem  Grundriss  der  Physiologie  1821 — 28. 
Die  physiologischen  Thatsachen  sind  darin  mit  kritischer  Nüchternheit  zu- 
sammengestellt; nach  Kielmeyer's  Vorgang  wird  die  vergleichende  Ana- 
tomie und  Physiologie  aufs  umfassendste  benüzt;  Hypothesen  werden  aufs 
strengste  ausgeschlossen ,  ebendamit  fällt  aber  auch  die  Betrachtung  des 
empirischen  Materials  nach  umfänglichen  Gesichtspunkten  weg,  wird  so- 
gar gewissermaassen  perhorrescirt.  Die  Anwendung  und  Ausdehnung 
der  physiologischen  Schäze  auf  die  Pathologie  wird  nirgends  versucht. 
Alles  ist  noch  unzusammenhängend,  unvermittelt;  der  Zwek  nur  des- 
criptiv. 
Burdach.  Ein  weit  umfassenderer  Plan  lag  dem  grossen  Werke  von  Burdach 

(die  Physiologie  als  Erfahrungswissenschaft,  5  Bände,  1826 — 1835)  zu 
Grunde.  Ein  ausserordentlich  mannigfaltiges  und  reiches  Material  wurde 
für  dasselbe  gesammelt,  doch  fehlte  die  kritische  Sichtung.     Philosoph- 


Joh.  Müller.  347 

ische  Hinneigungen  bestimmten  wenigstens  die  Form  des  Werks,  zumTheil 
auch  die  Beurtheilung  der  Facta.  So  grossartig  die  Conception  und  die 
Ausführung  des  Werkes  ist,  so  ist  doch  sein  directer  Einfluss  auf  die 
Medicin  ein  geringer  gewesen. 

Auch  einige  monographisch-physiologische  Arbeiten  haben  in  dieser  Detaiueistungeu. 
Zeit  das  Herandrängen  einer  neuen  Auffassung  angekündigt.  Die  Unter- 
suchungen von  Tiedemann  und  Gmelin  über  die  Verdauung  (1826), 
die  von  Joh.  Müller  zur •  vergleichenden  Physiologie  des  Gesichtssinns 
(1826),  später  die  von  E.  H.  Weber  über  Puls,  Resorption,  Gehör  und 
Tastsinn  (1834)  und  von  Ed.  und  Wilh.  Weber  über  die  Mechanik  der 
menschlichen  Gehwerkzeuge  (1836)  waren  Arbeiten  von  so  rein  wissen- 
schaftlichem und  positivem  Charakter,  wie  man  sie  in  Deutschland  bis 
dahin  noch  nicht  gekannt  hatte. 

Den  Beginn  einer  neuen  Epoche  der  deutschen  Physiologie  bezeichnet   Joh.  Minier. 
aber  das  Erscheinen  von  Joh.  Müll  er 's  Handbuch  der  Physiologie  des 
Menschen  (erste  Lieferung  1833).     Die  jezige  medicinische  Generation 
kann  niemals  genug  schäzen,  was  sie  diesem  Werke  verdankt. 

Das  vorhandene  positive  Material  wurde  von  Müller  mit  der  äussersten 
Vollständigkeit,  Klarheit  und  Einsicht  dargelegt  und  gewissermaassen 
dem  allgemeinen  Gebrauche  erst  zugänglich  gemacht.  Die  Methode  der 
Darstellung  und  der  Argumentation  war  eine  so  vollendete ,  dass  sie  als 
Muster  für  die  Naturforschung  dienen  konnte;  während  dieselbe  überall 
streng  an  das  Thatsächliche  sich  hält  und  nur  dieses  als  maassgebend 
anerkennt,  sind  ihr  die  höchsten  Fragen  doch  nicht  fremd  und  sie  wagt 
sich  an  dieselben  mit  einer  streng  philosophischen,  aber  durch  dieJJebung 
in  dem  factischen  Gebiete  erprobten  Logik. 

Vornemlich  hat  J.  Müller  dem  Mechanischen  im  Organismus  überall 
sein  Recht  gegeben  und  dadurch  den  Sinn  für  mechanische  Auffassung 
in  Deutschland  geradezu  erst  geschaffen  oder  gewekt.  Auf  zahlreichen 
Punkten  hat  er  selbst  durch  ingeniöse  Untersuchungen  und  scharfsinnig 
ausgedachte  Experimente  die  Wissenschaft  weiter  gebracht,  auch  hiebei 
überall  die  strengste  Methode  befolgend. 

Weiter  aber  hat  er  allenthalben  die  Verknüpfung  der  Physiologie  mit 
der  Medicin  hervorgehoben  und  seinerseits  den  Versuch  gemacht,  auf 
einzelne  zunächst  liegende  Gebiete  der  lezteren  das  Licht  der  Physiologie 
wirken  zu  lassen.  Hieher  gehören  seine  Excurse  über  die  Entzündung, 
die  Exsudation,  das  Fieber,  die  Krämpfe,  die  Wirkungen  der  Arzneimittel. 
Hat  er  in  dieser  Hinsicht  auch  nicht  allenthalben  das  Richtige  getroffen, 
so  hat  er  doch  zündend  gewirkt. 


348 


Die  jüngste  Umwälzung  und  die  Entwiklung  der  Gegenwart. 


Die  Lehre  vom 
Blut. 


;Die  Nerven- 
physik. 


Joh.  Müller  ist  für  die  medicinische  Wissenschaft  Lehrer,  Muster  und 
Anreger  gewesen,  Lehrer,  indem  er  sie  bekannt  machte  mit  einem  grossen 
bis  dahin  fast  vergessenen  factischen  Gebiete,  Muster  in  der  Methode  der 
Forschung,  und  Anreger,  indem  er  Ideen  und  Facta  ihr  geboten  hat,  welche 
die  fruchtbarste  Anwendung  zuliessen. 

Mit  Müller  begann  auch  in  Deutschland  die  Wechselwirkung  der 
Physiologie  und  Medicin,  welche  je  inniger  sie  wird  und  je  mehr  sie  zu 
einer  völligen  Durchdringung  gelangt,  für  beide  Wissenschaften  um  so 
wohlthätiger  sein  muss.  Zwar  hat  es  neben  Müller  in  Deutschland  noch 
manche  bekannte  Physiologen  gegeben,  aber  ihr  Einfluss  auf  die  Medicin 
ist  nicht  eben  erspriesslich  gewesen ;  andere  tüchtige  Physiologen  haben 
geradezu  sich  von  der  Medicin  mit  einer  Art  von  Widerwillen  und  Ge- 
ringschäzung  abgeschlossen.  Aber  jene  werden  allmälig  stille  und  diese 
bekehrt,  und  man  kann  sagen,  dass  seit  Müller  und  durch  seinen  Geist 
bestimmt,  die  ganze  deutsche  Physiologie  einen  solchen  Charakter  ge- 
wonnen hat,  dass  die  Pathologie  sich  mit  dem  höchsten  Nuzen  an 
sie  anlehnen  und  Methode  und  Grundsäze  von  ihr  adoptiren  kann. 

Im  Speciellen  hat  jedoch  Müller  vornemlich  gerade  nach  drei  Seiten 
hingewirkt ,  welche  den  wichtigsten  Bedürfnissen  der  Medicin  entsprachen 
und  er  hat  dadurch  in  der  Pathologie  den  reellen  Anbau  gerade  der  ein- 
flussreichsten und  fundamentalsten  Gebiete  eingeleitet  und  herbeigeführt. 

Der  erste  Abschnitt  des  ersten  Buchs  von  Müller's  specieller  Physio- 
logie handelt  von  dem  Blute.  Erst  durch  diese  Darstellung,  durch  die 
geordnete  Methode  und  manche  darin  beigebrachten  originellen  Forsch- 
ungen wurde  die  Lehre  vom  Blute  geklärt  und  dadurch  auch  für  die 
humoralpathologischen  Anschauungen  endlich  eine  reelle  und  von  den 
bisherigen  Vorstellungen  völlig  abweichende  Grundlage  gewonnen.  Bei 
dem  ungemeinen  Einfluss,  welchen  die  humoralen  Vorstellungen  laut  oder 
im  Stillen  jederzeit  auf  den  Ideengang  der  Aerzte  gehabt  haben,  war 
diese  Reinigung  der  Lehre  vom  Blute  und  die  Zurükführung  derselben 
auf  das  Thatsächliche  vom  äussersten  Gewinn  für  ein  correcteres  medicin- 
isches  Denken. 

Mit  besonderer  Vorliebe  und  grosser  Sorgfalt  hat  J.  Müller  das  dritte 
Buch  seiner  speciellen  Physiologie  ausgearbeitet,  dem  er  die  Ueberschrift 
gab:  Physik  der  Nerven,  schon  durch  diesen  Titel  den  völlig  veränderten 
Standpunkt  und  die  neue  Methode  anzeigend.  War  diess  auch  ein 
Gegenstand,  der  bei  seiner  Unermesslichkeit  und  bei  den  verwikeltsten 
und  mannigfaltigsten  Beziehungen  unmöglich  durch  die  erste  gründliche 
Bearbeitung  auch  nur  zu  einem  theilweisen  Abschluss  gelangen  konnte, 
so  unterscheidet  sich  doch  die  Müller 'sehe  Nervenlehre  aufs  vortheil- 


Joh.  Müller.  349 

hafteste  von  dem,  was  noch  Magendie  und  was  die  Engländer  ziemlich  zu 
gleicher  Zeit  gegeben  hatten.  Müller  hat  mit  der  grössten  Präcision  die 
ganze  Grundlage  geliefert,  in  welche  die  spätem  zahlreichen  specielleren 
Entdekungen  nur  eingetragen  werden  durften,  und  er  hat  zugleich  die 
Wege  gezeigt,  aufweichen  man  mit  Notwendigkeit  auf  bedeutende  Funde 
gelangen  musste.  In  der  That  hat  er  den  Impuls  zu  einer  äusserst  leb- 
endigen Thätigkeit  in  diesem  Gebiete  gegeben,  und  wenn  auch  hinter  den 
physiologischen  Leistungen  auf  demselben  die  zugleich  damit  begonnenen 
und  ohne  Unterbrechung  fortgesezten  Versuche,  auch  die  pathologischen 
Thatsachen  festzusezen  und  begreiflich  zu  machen  (Romberg,  Hirsch,  Henle, 
Stilling,  Spiess,  Türk)  an  exacten  Resultaten  erheblich  zurükstanden ,  so 
lag  diess  in  der  Natur  der  Sache  und  in  den  unendlich  schwieriger  zu- 
gänglichen und  verwikelteren  Verhältnissen  der  pathologischen  Thatsachen. 

Das  dritte  Gebiet,  für  welches  Joh.  Müller  weite  Pforten  eröffnet  und  Die  Histologie,  x 
die  Wege  der  Forschung  angebahnt  hat,  ist  die  microscopische  Histologie. 
Bis  dahin  war  dieselbe  zwar  mit  Eifer  von  Einzelnen ,  aber  fast  planlos 
und  ohne  leitende  Principien  gepflegt  worden.  Am  meisten  hatten  für  sie 
Purkinje  und  Berres  gewirkt.  Ausserdem  waren  das  Blut  und  die  Excrete 
vielfachen  Untersuchungen  unterworfen  worden.  Erst  durch  Müller  aber 
kam  Methode  in  die  Forschung  (de  glandularum  secernentium  structura 
penitiori  1830).  Vornemlich  aber  waren  es  die  aus  seiner  Schule  hervor- 
gegangenen microscopischen  Untersuchungen  über  die  Uebereinstimmung 
in  der  Structur  und  in  dem  Wachsthum  der  Pflanzen  und  der  Thiere  von 
Schwann  1838,  welche  durch  die  Zurükführung  des  elementaren  Baues 
auf  die  Zellen  und  durch  die  Hinweisung,  dass  alle  Organismen  und  alle 
Organe  aus  Zellen  sich  bilden ,  eine  neue  Epoche  für  die  Histologie  be- 
gründeten und  die  Untersuchung  der  genetischen  Verhältnisse  in  den 
Vordergrund  treten  Hessen. 

Von  da  an  nahm  die  eifrigste  microscopische  Untersuchung  der  Ge- 
webe und  ihrer  Entwiklung  zunächst  im  normalen  Zustand  ihren  ununter- 
brochenen Fortgang. 

Zugleich  wurde  aber  auch  von  Joh.  Müller  die  pathologische  Gewebs- 
lehre  eröffnet  in  der  Schrift:  über  den  feineren  Bau  der  krankhaften  Ge- 
schwülste 1838,  in  welcher  nicht  nur  die  Geschwulstbildungen  genauer 
beschrieben,  schärfer  bestimmt  und  gewissermaassen  mittelst  der  micros- 
copischen Prüfung  revidirt  wurden,  sondern  auch  eine  Anzahl  neuer 
Formen  entdekt  worden  ist.  Von  dieser  Schrift  an  ist  namentlich  die 
Krebsfrage  ein  Centralpunkt  der  microscopischen  Forschung  geblieben 
und  hat  zahlreiche  weitere  auf  die  Genese  der  Neubildungen  überhaupt  und 
auf  die  Weise  ihrer  Entwiklung  bezügliche  Untersuchungen  hervorgerufen. 


auf  die 
Mediciu. 


350  Die  jüngste  Umwälzung  und  die  Entwiklung  der  Gegenwart. 

Der  pathologischen  Microhistologie  bemächtigte  sich  alsbald  eine 
Anzahl  geschäftiger  Hände,  die  meist  ohne  gründliche  Anschauung  in  der 
groben  pathologischen  Anatomie  um  ein  Kleines  diese  ganze  Forschungs- 
methode wieder  in  Misscredit  gebracht  hätten.  Erst  als  nach  einigen  Jahren 
erfahrene  pathologische  Anatomen  die  pathologische  Microhistologie  in 
die  engste  Verbindung  mit  der  gesammten  Pathologie  zu  sezen  wussten 
(Reinhardt,  Virchow,  Meckel  und  einige  Oesterreicher) ,  wurde  sie  zu 
einem  nicht  mehr  zu  entbehrenden  Forschungsmittel,  von  welchem  grosse 
Aufschlüsse  geliefert  worden  und  noch  grosse  zu  erwarten  sind. 
EinAuss  Müiier's  So  ist  also  von  der  Müller'schen  Schule  aus  nach  mehreren  Richt- 
ungen hin  die  Medicin  mit  exacten  Forschungen  befruchtet  worden.  Sie 
hat  von  ihr  Keime  erhalten,  welche  eine  reiche  Zukunft  in  sich  tragen  und 
welche  auch  nicht  zögerten,  sich  rasch  zu  entwikeln. 

Nichtsdestoweniger  blieb  der  Einfluss  Müiier's  auf  die  eigentliche 
Medicin  eine  geraume  Zeit  hindurch  ein  sehr  beschränkter  und  kaum  be- 
merklicher. Er  hat  erst  angefangen  hervorzutreten,  als  Müller  bereits 
andersartigen  Forschungsobjecten  sich  zugewendet  hatte. 

Die  Arbeiten,  zu  denen  Müller  den  nächsten  Anstoss  gegeben  hatte, 
zeigten  in  gewissem  Sinne  einen  exclusiven  Charakter.  Sie  waren  nicht 
für  Jedermann;  sie  hatten  namentlich  nicht  die  unmittelbar  praktische 
Verwendbarkeit.  Der  Grund  davon  lag  nicht  allein  darin ,  dass  sie  ge- 
wisse ganz  specielle  Kenntnisse  und  technische  Fertigkeiten  voraussezten, 
die  bei  dem  practischen  Arzt  nicht  vorhanden  zu  sein  pflegen,  die  ihm 
auch  nicht  zugemuthet  werden  können,  aber  ohne  welche  doch  Autopsie  und 
daher  richtiges  Verständniss  jener  Arbeiten  nicht  zu  erlangen  war,  dass 
also  gewissermaasen  diese  Forschungen  zu  hoch  für  den  Praktiker  waren. 
Sondern  die  Ursache  des  restringirten  Charakters  der  meisten  dieser 
Untersuchungen  lag  auch  noch  darin,  dass  sie  von  Männern  gemacht 
wurden,  denen  die  Pathologie  selbst  kein  geläufiges  und  durch  tägliche 
Beschäftigung  gewohntes  Gebiet  war,  die  vielmehr  Kranke  und  Krank- 
heiten grösstenteils  nur  aus  Büchern  und  Reminiscenzen  kannten,  ja 
denen  selbst  in  der  pathologischen  Anatomie  massenhafte  Anschauungen 
völlig  abgingen. 

Erst  nachdem  die  von  Müller  angeregte  Weise  der  Forschung  von 
wirklichen  Pathologen  in  die  Hände  genommen  und  weiter  geführt  wurde, 
hat  sie  angefangen  wirklich  Früchte  zu  tragen. 

Die  versuche  der        Noch  von  einem  andern  ausserhalb  der  Medicin  stehenden  Gebiete 
Chemiker,  die  WQr(je    <jer  Versuch    gemacht,    die   Heilkunde    mit    einer   Reform   zu 

Mediciu  zu 

reformiren.      beschenken. 


Liebig.  351 

Im  Giessener  Laboratorium  wurde  das  kühne  Project  concipirt,  ohne 
Kenntniss  von  den  Krankheiten  mittelst  chemischer  Formeln  die  Patho- 
logie wissenschaftlich  zu  machen. 

Lieb  ig,  nachdem  sein  Versuch,  die  Pflanzenphysiologie  und  Agri-  Liebig. 
cultur  aufzuklären,  bei  Dilettanten  mit  grossem  Applaus  aufgenommen 
worden  war  (1840)  und  er  schon  hiebei  seine  Ideen  über  Gift,  Contagien 
und  Miasmen  angefügt  und  dieselben  auf  einen  Gährungsvorgang  zurük- 
zuführen  versucht  hatte,  unternahm  es  sofort,  seine  organische  Chemie 
auch  auf  Physiologie  und  Pathologie  anzuwenden  (1842).  Er  gibt  einige 
allgemeine  Säze,  z.B.:  „Krankheit  entsteht,  wenn  die  Summe  von  Lebens- 
kraft, welche  alle  Ursache  von  Störungen  aufzuheben  strebt,  kleiner  ist, 
als  die  eintretende  störende  Thätigkeit."  Ferner:  „wenn  in  Folge  einer 
krankhaften  Umsezung  ein  grösseres  Maass  von  Kraft  erzeugt  wird,  als 
zur  Hervorbringung  der  normalen  Bewegung  erforderlich  ist,  so  zeigt  sich 
diess  in  einer  Beschleunigung  aller  oder  einzelner  unwillkürlicher  Beweg- 
ungen, sowie  in  einer  hohem  Temperatur  des  kranken  Körper theils  (!): 
diess  ist  Fieber.  Bei  einem  Uebermaass  von  Krafterzeugung  durch  Stoff- 
wechsel überträgt  sich  die  Kraft,  da  sie  nur  durch  Bewegung  verzehrt 
werden  kann ,  auf  die  Apparate  der  willkürlichen  Bewegung :  diess  heisst 
Fieberparoxysmus.  Gelingt  es  dem  Arzt,  die  Einwirkung  des  Sauerstoffs 
im  Blute  auf  den  kranken  Körpertheil  so  weit  zu, vermindern,  dass  die 
Lebensthätigkeit  des  Leztern,  sein  Widerstand,  die  chemische  Action  nur 
etwas  überwiegt  und  geschieht  diess,  ohne  den  Functionen  der  andern 
Organe  eine  Grenze  zu  sezen,  so  ist  die  Wiederherstellung  gewiss." 

Einige  wohl  für  Laien  berechnete  halbwahre  Beispiele  mussten  diese 
kühnen  Säze  stüzen.  Gleichzeitig  damit  haben  Liebig'sche  Schüler 
andere  Punkte  der  Pathologie  chemisch  aufzuklären  gesucht.  Hoffmann 
(das  Protein  und  seine  Verbindungen  in  physiologischer  und  nosologischer 
Beziehung,  1842)  erklärte  das  Vorkommen  der  Rhachitis  im  Salz- 
burg'schen  von  dem  Sauerkrautessen  daselbst,  und  Scherer  deutete  die 
Wirkung  des  Tartarus  emeticus  in  der  Pneumonie  aus  seinem  Gehalt  an 
Weinstein. 

Die  Medicin  musste  unendlich  gesunken  sein,  wenn  man  wagte,  ihr 
solche  Dinge  zu  bieten.  Allein  Liebig  kam  zu  spät.  Die  Zeit,  wo  er 
hätte  Glük  machen  können  mit  seinen  chemischen  Hypothesen,  war 
vorbei,  und  mit  weniger,  kaum  zurechnungsfähiger  Ausnahme  wandte 
man  ihm  den  Rüken  oder  ignorirte  ihn.  Es  hätte  kaum  der  eingehenden 
und  theilweise  fast  humoristischen  Kritik  von  Kohlrausch  (Physiologie 
und  Chemie  in  ihrer  gegenseitigen  Stellung,  1844)  bedurft,  um  die 
Liebig'sche  Invasion  völlig  unschädlich  zu  machen.    Nur  in  den  Vorstell- 


352 


Die  jüngste  Umwälzung  und  die  Entwiklung  der  Gegenwart. 


ungen  einiger  naiver  Aerzte  in  Bezug  auf  die  therapeutischen  Indicationen 
haben  sich  noch  eine  Zeitlang  die  groben  chemischen  Voraussezungen 
erhalten. 


Die  Einführ- 
ung der  aus- 
ländischen 
Leistungen 
und  die  Kritik. 


SchiU. 


Hasse. 


Laue. 


Lehmann. 


Hatten  in  den  besprochenen  Bewegungen  mehr  oder  weniger  fremd- 
artige Wissenschaften  der  Heilkunde  ihre  Dienste  geliehen  oder  doch  an- 
geboten, so  regte  sich  doch  auch  in  dem  Schoosse  der  deutschen  Medicin 
selbst  etwas  von  richtigem  Verständniss. 

Da  und  dort  drang  man  darauf,  doch  endlich  von  den  Fortschritten 
der  Franzosen  und  Engländer  Notiz  zu  nehmen.  Niemand  hat  diess  mit 
vollständigerer  Kenntniss  der  ausländischen  Literatur  gethan  als  Schill  in 
Tübingen,  welcher  in  seinem  Grundriss  der  pathologischen  Semiotik  1836, 
in  seiner  Monographie  über  die  Irritation  1838  und  in  seiner  allgemeinen 
Pathologie  1840  der  warme  Apostel  der  ausländischen,  namentlich 
englischen  Medicin  für  Deutschland  geworden  ist,  ohne  irgendwie  seine 
Selbständigkeit  dabei  aufzugeben.     Er  war  schon  1839  gestorben. 

Auch  in  Leipzig  traten  Regungen  einer  neuen  Zeit  ein.  Hasse 
bearbeitete  (1841)  die  pathologische  Anatomie  der  Circulations-  und 
Respirationsorgane  vornemlich  nach  französischen  Mustern ,  doch  auch 
nach  eigenen  Untersuchungen;  ein  äusserst  feiner  Kopf,  H.  Lotze,  wagte 
es,  in  einer  ausführlichen  Kritik  der  Stark'schen  allgemeinen  Pathologie 
in  den  Halle'schen  Jahrbüchern  1839  die  ganze  naturhistorische  Richtung 
bis  auf  die  Wurzel  anzugreifen.  Von  demselben  erschien  später  (1842) 
eine  allgemeine  Pathologie  und  Therapie  als  mechanische  rWissen- 
schaften.  Lehmann,  obwohl  zunächst  Chemiker,  wusste  in  seiner 
physiologischen  Chemie  (1840)  überall  die  Auffassungen  eines  aufge- 
klärten Verständnisses  medicinischer  Dinge  mit  der  Darlegung  der  chem- 
ischen Verhältnisse  zu  verflechten  und  hat  weit  mehr  als  Liebig  die 
Aufgabe  der  physiologischen  und  pathologischen  Chemie  erkannt. 

Doch  blieben  alle  diese  Kundgebungen  unbefangener  Anschauung  ver- 
einzelt und  ohne  wesentlichen  Einfluss. 


Die 

neue     Wiener 

Schule. 


Indessen  schon  im  Jahre  1836  war  in  einer  Zeitschrift,  welcher  ausser 
in  ihrer  nächsten  Umgebung  geringe  Beachtung  geschenkt  zu  werden 
pflegte,  in  den  medicinischen  Jahrbüchern  des  k.  k.  österreichischen 
Staates  im  X.Band  der  neuesten  Folge,  Stück  4,  von  einem  ausserordent- 
Rokitansky.  liehen  Professor  der  pathologischen  Anatomie,  mit  Namen  Carl  Roki- 
tansky, Beobachtungen  über  innere  Darmeinschnürungen  erschienen.  Nie- 
mand nahm  Notiz  davon.  Die  Schmidt'schen  Jahrbücher  in  Leipzig ,  das 
grosse  Sammeljournal,  das  sich  beeilte,  jede  neue  Salbe  in  die  Archive 


Rokitansky.  353 

der  Wissenschaft  einzuregistriren ,  Hessen  zwei  Jahre  vergehen,  ehe  sie 
es  für  gut  fanden ,  den  Artikel  excerpiren  zu  lassen.  Im  selben  Jahre 
kam  im  XL  Bande  der  gleichen  Zeitschrift  von  einem  Secundararzt  des 
allgemeinen  Krankenhauses,  Joseph  Skoda,  eine  Abhandlung  über  Per- 
cussion.  Die  Schmidt'schen  Jahrbücher  Hessen  abermals  zwei  Jahre 
darüber  hingehen,  ehe  sie  es  für  nöthig  erachteten,  den  Aufsaz  durch 
ihren  Mund  zu  verbreiten.  Weitere  Abhandlungen  von  Rokitansky  wie 
von  Skoda  folgten :  die  Gelehrten  und  Aerzte  sezten  ihnen  dieselbe 
Gleichgiltigkeit  entgegen.  Und  doch  herrschte  ein  anderer  Ton  und 
eine  andere  Methode  in  diesen  über  mannigfaltige  Gegenstände  sich  ver- 
breitenden Artikeln ,  als  man  sie  sonst  gewohnt  war.  Auch  ein  Artikel 
von  Kolletschka,  dem  Prosector  Rokitansky's,  theilte  dasselbe  Schiksal, 
nicht  beachtet  zu  werden.  1839  erschien  von  Skoda  eine  eigene  Mono- 
graphie: Abhandlung  über  Percussion  und  Auscultation,  die  früheren 
Publicationen  zusammenfassend  und  vervollständigend.  Obwohl  auf  allen 
Punkten  von  den  bisherigen ,  den  französischen  und  englischen  Lehren 
abweichend,  wurde  diese  Schrift  mit  fast  absolutestem  Stillschweigen 
aufgenommen.  Von  allen  den  zahlreichen  Recensiranstalten  der  period- 
ischen Presse  nahm  Jahre  lang  fast  nicht  Eine  Notiz  davon  und  nur  die 
Berlinische  Autorität  in  Dingen  der  Brustdiagnostik,  Dr.  Philipp,  der 
selbst  eine  Compilation  geschrieben  hatte,  Hess  sich  vernehmen,  indem 
er  ein  unbedingt  verdammendes  Urtheil  aussprach  und  in  der  Abhandlung 
nichts  weiter  als  eine  misslungene  Nachbildung  der  französischen 
Schriften  über  die  physikalische  Zeichenlehre  erkannte  (Casper's 
Wochenschrift  1840.).  Es  ist  nothwendig,  diesen  Gang  zu  constatiren, 
denn  die  Erbärmlichkeit  der  damaligen  deutschen  Medicin  manifestirte 
sich  nicht  nur  durch  den  Mangel  selbständiger  Forschungen,  sondern  auch 
durch  die  Unfähigkeit,  eine  grossartige  Leistung  zu  verstehen. 

Ich  muss  mich  rühmen ,  zuerst  und  zu  einer  Zeit ,  in  der  Niemand 
sonst  Ahnung  davon  zu  haben  schien,  gezeigt  zu  haben,  dass  in  den 
Arbeiten  der  genannten  Wiener  Pathologen  ein  neues  Leben  für  die 
deutsche  Medicin  angebrochen  sei.  In  einem  Schriftchen  über  die 
französische  Medicin  und  die  junge  Wiener  Schule  (1841)  habe  ich  ver- 
sucht, die  neuen  Bestrebungen  zu  charakterisiren  und  nachzuweisen,  wie 
dieselben  als  ein  Uebergangsstadium  von  der  früheren  corrupten  An- 
schauungsweise zu  einer  richtigen  und  unbefangenen  Auffassung  der 
krankhaften  Verhältnisse  anzusehen  seien  und  wie  namentlich  die  Patho- 
logie Rokitansky's  und  die  Semiotik  Skoda's  nicht  nur  eine  einfache  Be- 
reicherung des  Thatsächlichen  seien,  sondern  völlig  neue  und  reformirende 
Gesichtspunkte  eingeführt  haben. 

Wunderlich,  Geschichte  d.  Medicin.  23 


354  Die  jüngste  Umwälzung  und  die  Entwiklung  der  Gegenwart. 

Die  bald  darauf  zuerst  mit  dem  dritten  Theile  (den  Brust-  und  Unter- 
leibsorganen) begonnene  Ausgabe  des  Handbuchs  der  pathologischen 
Anatomie  von  Rokitansky  bestätigte  im  vollsten  Maasse  diese  Erwartungen. 

Rokitansky*«  Das    Haupt   dieser   neuen  Wiener    Schule    ist   Rokitansky;    von 

Methode  und  An-  seinem  Leichenhofe  aus  entwikelten  sich  die  neuen  Anschauungen,  und 

schauungen.  .  ,  ,        .^ 

seine  pathologischen  Auffassungen  sind  es  im  Wesentlichen ,  welche  allen 
Uebrigen  zur  Grundlage  dienten. 

Rokitansky's  Anschauungen  lag  eine  in  anatomischem  Material  enorm 
ausgedehnte  Erfahrung  zugrunde.  Er  verstand  dieselbe  mit  einem 
Beobachtungstalent  von  seltener  Schärfe  auszubeuten  und  es  ist  fast  kein 
Gegenstand  der  gesammten  pathologischen  Anatomie,  dem  er  nicht  neue 
Seiten  abgewonnen  und  an  dem  er  nicht  Punkte  aufgefunden  hätte,  die 
von  seinen  Vorgängern  übersehen  wurden.  Durchaus  bekannt  mit  den 
Leistungen  der  Franzosen  und  Engländer,  hat  er  ihre  Resultate  geprüft, 
manche  derselben  erst  in  Deutschland  eingeführt,  überdem  aber  sie 
allenthalben  ergänzt  und  vervollkommnet. 

Doch  in  der  Menge  seiner  factischen  Entdekungen  liegt  nicht  das 
Wesentliche  seiner  Eigenthümlichkeit.  Es  liegt  vielmehr  in  dem  Streben, 
den  Gang  des  pathologischen  Geschehens  anschaulich  zu  machen,  und 
die  pathologische  Anatomie  zu  einer  anatomischen,  d.  h.  durch  die  Ana- 
tomie aufgeklärten  Pathologie  zu  erheben.  Er  ging  dabei  zunächst  aus  von 
den  palpablen  Veränderungen  in  der  Leiche,  als  demjenigen  Theile  der 
Beobachtung,  der  nicht  nur  ihm  direct  sich  darbot,  sondern  der  überall 
am  objectivsten  sich  erfassen  lässt.  Aber  er  begnügte  sich  nicht  mit  der 
naturhistorischen  Betrachtung  und  Zergliederung  des  pathologischen 
Erfundes;  sondern  er  knüpfte  daran  die  rükwärtsgehende  Betrachtung, 
durch  welche  Vorgänge  die  anatomische  Veränderung  geworden  sein 
müsse  und  könne,  und  er  sucht  diese  Frage  durch  die  Vergleichung  ver- 
schiedener Entwiklungsstufen  desselben  Processes,  wie  auch  durch  die 
Erörterung  der  Möglichkeiten  oder  der  Notwendigkeit  zu  beantworten. 
So  trachtet  er  überall,  die  Bedingungen,  den  Gang,  die  möglichen  Ausart- 
ungen der  krankhaften  Processe,  aber  auch  die  Wege  zur  Wiederher- 
stellung einer  vollkommenen  Integrität  oder  doch  einer  relativen  Aus- 
gleichung festzusezen.  Er  hat  in  ersterer  Hinsicht  vornemlich  die  Ent- 
wiklung  der  Hyperämie,  Exsudation  und  Neubildung  in  allen  Theilen 
verfolgt,  in  lezterer  dagegen  dem  Processe  der  Verödung  von  Geweben 
und  Producten  die  grösste  Aufmerksamkeit  geschenkt. 

Während  er  dabei  überall  den  topischen  Veränderungen  die  volle 
Anerkennung  einräumte,    so  liess  er  doch  zeitig  schon  durchbliken,  dass 


Rokitansky.     Skoda.  355 

er  ihre  Entstehung  und  Schiksale  als  vielfach  abhängig  von  constitution- 
ellen  Verhältnissen,  von  Crasen,  wie  er  sie  nannte,  sich  dachte. 

Es  ist  jedoch  nicht  zu  verkennen,  dass  Rokitansky  in  der  Auffassung 
seiner  Krankheitsproducte  und  Processe  nicht  ohne  ontologische  Hinneig- 
ungen war,  und  namentlich  die  Lehre  von  den  Combinationen  und  Aus- 
schliessungen hat  dadurch  bei  ihm  eine  widernatürliche  Form  gewonnen. 

Ebenso  ist  nicht  zu  läugnen ,  dass  seine  plastische  Phantasie  ihn 
häufig  verleitete,  die  lebhafte  Vorstellung,  die  er  sich  von  Hergängen  und 
Existenzen  machte,  schliesslich  mit  der  Realität  zu  verwechseln.  Am 
meisten  trat  diess  bei  seiner  Annahme  bestimmter  Crasen  hervor,  bei 
welchen  er  zwar ,  sowie  er  in  der  Pathologie  der  Festtheile  sich  an  die 
französische  pathologische  Anatomie  angeschlossen  hatte,  sich  an  An- 
dral's  und  Gavarret's  Untersuchungen  anlehnte,  dabei  aber  mit  einer  nicht 
zu  rechtfertigenden  Imagination  die  einzelnen  Crasen  sich  malerisch  aus- 
dachte und  die  selbstgeschaffenen  Bilder  weiter  verarbeitete. 

Doch  kehrt  er  stets  nach  jeder  derartigen  Abschweifung  alsbald  zum 
Positiven  und  Factischen  zurük,  und  zumal  die  Ausfindung  der  mechan- 
ischen Folgen  der  Störungen  zeigt  ebensoviel  Nüchternheit  als  Scharfsinn. 

Auch  geht  sein  Bestreben  allenthalben  dahin,  die  nothwendigen 
symptomatischen  Folgen  der  anatomischen  Störungen  aus  den  lezteren 
selbst  zu  construiren  und  die  Erkennung  dieser  daher  auf  sicherster 
Grundlage  zu  ermöglichen. 

Ja  selbst  therapeutische  Indicationen  sucht  er  da  und  dort  aus  den 
anatomischen  Verhältnissen  abzuleiten,  und  wenn  ihm  dabei  auch  die 
controlirende  directe  Erfahrung  abging,  so  sind  seine  Gedanken  doch  oft 
glüklich  und  überraschend. 

Skoda  seinerseits  ist  ein  noch  schärferer  und  nüchternerer  Geist.  In 
der  physikalischen  Diagnostik  vollkommen  Autodidact  ist  es  ihm  ge- 
lungen ,  die  Lehren  und  Techniken  von  Lännec ,  Bouillaud  und  Piorry  bis 
zum  Grunde  zu  durchdringen  und  sich  anzueignen.  Aber  nicht  befriedigt 
von  der  schlaffen,  symptomatisch-empirischen  Verwerthung  der  Zeichen, 
führte  er  ein  neues  Princip  in  die  Semiotik  der  Töne  und  Schallarten  ein, 
indem  er  versuchte ,  einerseits  die  Schallmodificationen  selbst  auf  wenige 
wesentliche  Differenzen  zurükzuführen,  die  nicht  nach  äusserlichen  Aehn- 
lichkeiten,  sondern  nach  der  Bedingung  ihres  Entstehens  oder  nach  ihrem 
acustischen  Charakter  benannt  wurden;  andererseits  aber  indem  er  trach- 
tete, sowohl  bei  den  normal  sich  findenden  Schallverschiedenheiten,  als 
auch  bei  den  in  kranken  Zuständen  vorkommenden  nach  physikalisch- 
acustischen    Gesezen    und    unter    Zuhilfenahme    directer    controlirender 

23* 


Skoda. 


356  Die  jüngste  Umwälzung  und  die  Entwiklung  der  Gegenwart. 

Experimente  (an  Leichen  u.  dergl.)  die  ihnen  mit  Nothwendigkeit  zu 
Grande  liegenden  körperlichen  Verhältnisse  der  Theile  aufzufinden. 
Höchst  gründliche  anatomische  Kenntnisse  über  die  vorkommenden 
krankhaften  Veränderungen  unterstüzten  und  leiteten  ihn  bei  dieser 
Arbeit. 

Mag  man  die  Weise ,  wie  Skoda  dieser  Aufgabe  entsprochen  hat, 
beurtheilen,  wie  man  will,  und  mag  man  die  Art  und  Werthbestimmung 
der  Zeichen  Skoda's  ohne  weiteres  acceptiren  oder  verbessern  und  ver- 
ändern wollen,  so  muss  man  doch  anerkennen,  dass  sein  Princip  ein 
völlig  correctes ,  und  dass  dasselbe  allein  im  Stande  war,  die  Semiotik 
der  Schallarten  zu  einer  wirklich  physikalischen  zu  erheben.  Viele  haben 
sich  später  berufen  gefunden,  Einzelnes  oder  Alles  von  den  Skoda'schen 
Resultaten  zu  critisiren  und  zu  ändern.  Diese  Versuche  sind  nicht  mehr 
von  historischem  Belange.  Das  Princip,  die  Methode  war  von  Skoda 
vollendet  und  die  Deutungsdifferenzen  sind  Fragen  von  untergeordneter 
Bedeutung. 

Rokitanskys  Auch  mehrere  andere  junge  Wiener  zeigten  sich  von  Anfang  an  in  der 

schuier  und  Gemeinschaft  von  Rokitansky  und  Skoda.  So  Kolletschka,  der  mit 
Skoda  einen  Artikel  über  Pericarditis  schrieb  voll  der  sorgfältigsten  und 
einsichtsvollsten  Bemerkungen,  Helm,  der  diePuerperalkrankheiten  bear- 
beitete, Schuh,  der  in  der  Chirurgie  eine  ähnliche  Richtung  verfolgte. 

Mehr  noch  als  die  Schriften  von  Rokitansky  und  Skoda  hat  der  directe 
und  persönliche  Einfluss,  den  sie  auf  die  zahlreichen  jungen  Aerzte,  welche 
am  Schluss  ihrer  Studien  Wien  zu  besuchen  pflegten,  zur  Anerkennung 
ihrer  Richtung  und  zur  Verbreitung  ihrer  Lehre  durch  alle  Länder  Deutsch- 
lands beigetragen.  Doch  würde  man  irren,  wenn  man  diesen  mündlichen 
und  persönlichen  Erfolg  der  eindringlichen  Beredtsamkeit  und  der  Lehr- 
begabung jener  Männer  oder  einer  wohl  überlegenden  und  den  superioren 
Charakter  der  Wiener  Pathologen  erfassenden  Einsicht  der  Schüler  zu- 
schreiben wollte. 

Im  Gegentheil  ist  in  gewissem  Sinne  der  Enthusiasmus  für  die  Wiener 
Schule  eine  neue  Beschämung  für  die  deutsche  Medicin  jener  Zeit  und  ein 
neuer  Beweis  für  die  Unwissenheit  der  deutschen  Aerzte  gewesen.  Nicht 
weil  man  bei  Vergleichung  der  bisherigen  Leistungen  der  pathologischen 
Anatomen  Frankreichs  und  Englands  mit  der  Richtung  und  Methode  der 
neuen  Wiener  Schule  die  reinere  Wissenschaftlichkeit  und  die  grosse 
Sorgfalt  und  Gründlichkeit  bei  der  lezten  fand,  fiel  man  ihr  zu,  sondern 
einfach  weil  man  von  jenen  so  gut  wie  gar  nichts  wusste,  weil  man  so  un- 
wissend war  zu  glauben ,  pathologische  Anatomie  und  physikalische  Diag- 


Die  neue  Wiener  Schule.  357 

nostik,  diese  freilich  bis  dahin  unter  den  deutschen  Aerzten  fast  unerhörten 
Dinge  seien  in  Wien  gewissermaassen  entdekt  worden.  Unter  den 
österreichischen  Anhängern  der  neuen  Schule  hatten  ohnediess  Viele  keine 
Ahnung,  dass  etwas  ausserhalb  des  Kaiserstaates  in  der  Wissenschaft 
schon  geschehen  war  und  staunten  mit  der  kindlichsten  Naivetät  alle 
die  vermeintlichen  Wiener  Entdekungeri  an.  Und  die  Fremden,  die 
wohl  zum  Theil  mit  grossem  Dünkel  aber  ohne  alle  reellen  Kenntnisse  in 
Wien  anlangten,  mussten  anerkennen,  dass  sie,  selbst  in  Berlin,  nichts  der- 
artiges gehört  und  gesehen  hatten  und  somit  musste  es  nothwendig  das 
unbedingt  Neueste  sein. 

Die  Wiener  Schule  stellt  freilich  eine  höchst  bedeutende  Erscheinung 
und  für  Deutschland  eine  Epoche  dar ,  aber  nicht  in  dem  Sinn ,  wie  Viele 
gemeint  haben. 

Die  Wriener  Schule  ist  auf  allen  Punkten  die  Fortsezung  der  Lännec'- 
schen  Richtung,  der  pathologisch  anatomischen  Schule  Frankreichs.  Durch 
ein  immenses  Material  unterstüzt  und  unter  den  Händen  selbständiger  und 
ingeniöser  Männer  hat  die  pathologische  Anatomie  und  Diagnose  in  Wien 
allerdings  an  Schärfe  undExactheit  ungemein  gewonnen,  hat  ihre  Methode 
gereinigt  und  neue  Grundsäze  aufgenommen.  Die  Vorurtheile  der  path- 
ologisch-anatomischen Schule,  ihre  Ontologien  hat  sie  nicht  abgeworfen,  ja 
sie  hat  sie  fast  mit  neuen  (z.  B.  den  Crasen)  vermehrt.  Für  Deutschland 
lag  das  Epochemachende  der  Schule  darin,  dass  man  sich  in  Wien,  der 
Bildungsstätte  für  zahlreiche  Aerzte,  auf  der  breiten  Grundlage  einer  aus- 
gedehnten Erfahrung  von  allem  Zusammenhang  mit  der  bisherigen  deut- 
schen Medicin  losriss  und  die  anatomische  Pathologie  an  die  Stelle  der 
symptomatischen  sezte. 

Noch  so  lange  die  Wiener  Schule  in  den  Anfängen  ihrer  Entwiklung 
stand,  ihre  Anerkennung  höchstens  eine  vereinzelte  war,  ja  zu  einer  Zeit, 
wo  sie  wohl  selbst  über  ihre  Grundsäze  und  ihre  Eigentümlichkeiten  sich 
noch  nicht  klar  gewesen  ist,  fing  allenthalben  in  Deutschland  ein  gewalt- 
iges Andrängen  gegen  die  alten  Vorurtheile  der  deutschen  Medicin  an, 
sich  bemerklich  zu  machen. 

Zahlreiche  Stimmen  der  medicinischen  Presse  haben  im  Anfang  der  Der 

40er  Jahre    die  Reform   der   medicinischen  Anschauungen  verlangt  und 
ihr  zum  Organ  gedient.  Ueber  die  persönlichen  Prätensionen,  wer  damals      Medicin 
am  exactesten  und  schärfsten  die  geistigen  Bedürfnisse  der  Zeit  gefühlt, 
für  sie  den  richtigsten  Ausdruk  gewählt  und  am  kräftigsten  zum  Resultate 
mitgewirkt  habe,  werden  erst  spätere  Geschlechter  entscheiden  können. 


Umschwung  in 
der  deutschen 


358 


Die  jüngste  Umwälzung  und  die  Entwiklung  der  Gegenwart. 


Archiv  für 

physiologische 

Heilkunde. 


Fortgang  des 
Umschwungs. 


Allgemeine 

Adoption   der 

Bezeichnung 

physiologische 

Medicin. 


Das  Archiv  für  physiologische  Heilkunde,  von  Roser  und  mir  am 
Ende  des  Jahres  1841  begonnen,  war  wenigstens  das  Erste,  welches 
unumwunden  die  Forderung  stellte,  dass  mit  den  geläufigen  Vorstellungen 
gebrochen  werden  und  durch  eine  andere,  der  Physiologie  sich  anschliess- 
ende Methode  eine  geläuterte  Grundlage  für  die  Erfahrung  gewonnen 
werden  müsse. 

Der  Angriff  war  theils  gegen  die  veralteten  Anschauungen  der  deut- 
schen Symptomatiker  und  Idealisten,  theils  und  vornemlich  gegen  die  eben 
in  vollster  Herrschaft  sich  wiegende  naturhistorische  Schule  gerichtet. 

So  gross  bei  vielen  die  Ueberraschung  und/  so  gross  bei  andern  die 
Erbitterung  über  diesen  Angriff  war,  so  ist  doch  der  Erfolg  ein  vollständ- 
iger gewesen.  Die  deutsche  Medicin  war  an  ihrem  Wendepunkt  ange- 
kommen gewesen  und  ein  einziger  kräftiger  Stoss,  das  unverholene  Aus- 
sprechen des  Worts,  das  allen  Einsichtigen  auf  der  Zunge  lag,  musste  im 
Stande  sein,  den  Uebertritt  von  der  alten  in  die  neue  Zeit  zu  vollenden. 

Von  Jahr  zu  Jahr  traten  weitere  Organe  der  neuen  Richtung  auf, 
schon  1842  die  Zeitschrift  für  rationelle  Medicin  von  Henle  u.  Pfeufer, 
1844  die  Prager  Vierteljahrschrift  und  die  Zeitschrift  der  Gesellschaft  der 
Wiener  Aerzte ,  denen  sich  später  noch  weitere  in  demselben  Sinne  ge- 
halten anreihten. 

Die  Organe  der  alten  Schule  dagegen  verstummten,  sei  es,  dass  sie 
überzeugt,  sei  es,  dass  sie  eingeschüchtert  waren;  ein  Journal  um  das 
andere  von  der  alten  Sorte  erlosch  und  die  Kundgebungen  der  symptom- 
atischen Richtung,  anfangs  noch  voll  Zuversicht  über  die  vermeintliche 
Bedeutungslosigkeit  des  Angriffs,  wurden  bald  immer  sparsamer  und 
schüchterner  und  verschwanden  schliesslich  völlig. 

Der  Ausdruk  physiologische  Heilkunst,  von  uns  gewählt  einer- 
seits um  auszudrüken,  daSs  die  Pathologie  im  Gegensaz  zu  allen  ontolog- 
ischen  und  personificatorischeti  Auffassungen  nur  die  Physiologie  des 
kranken  Menschen  sei,  andererseits  um  zu  erinnern,  dass  sie  derselben 
Mittel  und  Methoden  zur  Feststellung  der  Thatsachen  und  derselben  Logik 
in  Durchführung  der  Beweise  bedürfe,  wie  bei  der  Lehre  von  dem  gesunden 
Menschen  bereits  anerkannt  war  —  dieser  Ausdruk  wurde  das  Stichwort 
der  Zeit  und  viele  rühmten  sich  der  physiologischen  Richtung  anzugehören, 
welche  weder  die  Aufgabe  erfasst  hatten ,  noch  die  Mittel  ihr  zu  ent- 
sprechen, besassen. 

Verstanden  oder  unverstanden  breitete  sich  das  Gefühl,  dass  man  in 
eine  neue  Zeit  eingetreten  sei,  und  dass  man  nur  durch  Anerkennung  der- 
selben und  Betheiligung  an  derselben  seine  Stellung  erhalten  müsse ,  in 
einer  rapiden  Weise  aus  und  was  man  im  Anfang  fast  für  einen  verbrech- 


Widerstände  und  Missgriffe.  359 

erischen  Insult  gehalten  hatte,  davon  waren  in  wenigen  Jahren  alle  Köpfe, 
kluge  wie  einfältige  durchdrungen. 

Widerstände 

Jedoch  blieben   einzelne  Widerstände  und  Venrrungen  auch  in  der  und 

nächsten  Zeit  bemerklich.  Missgriffe. 

In  gewissen  Kreisen  der  neuen  Richtung,  besonders  in  solchen,  welche  Neueste 
noch  eine  Versöhnung  mit  der  idealistischen  Stimmung  der  vorausgegang- 
enen Periode  für  nicht  unmöglich  hielten,  wurde  in  philosophischer  Hülle 
die  Neigung  zu  schwunghaften  Conjuncturen  wieder  hereingeführt  und  als 
speciell  rationelle  Medicin  proclamirt.  Viele  eindruksfähige  Köpfe  jubelten 
einen  Augenblik  dieser  neuesten  Iatrosophistik  zu;  aber  eben  so  schnell 
fiel  sie  wieder  in  den  Staub  der  Vergessenheit  zurük. 

Die  Wiener  Schule  ferner  enthielt  eine  grosse  Menge  misslicher  und  verimmgen  der 
zweideutiger  Elemente.  Diese  wurden  um  ein  sehr  bedenkliches  vermehrt, 
als  im  Jahr  1846  der  zulezt  ausgegebene  erste  Band  von  Rokitansky's 
pathologischer  Anatomie,  die  allgemeinen  Betrachtungen  und  namentlich 
die  Crasenlehre  enthaltend,  erschien.  Waren  bis  dahin  schon  dunkle  und 
beunruhigende  Gerüchte  über  diese  romantische  Ausstattung  der  Wiener 
Humoralpathologie  umhergegangen,  so  wurden  sie  durch  das  Buch  selbst  in 
einer  kaum  geahnten  WTeise  übertroffen.  Aber  gerade  diese  Crasenlehre 
war  es,  welche  die  unkritischen  Köpfe  mit  sich  fortriss  und,  wäre  die  Zeit 
nicht  so  frisch  und  gesund  gewesen,  so  hätte  das  Hereinbrechen  der  erou- 
pösen  a,  /SundyCrase,  der  albuminösen  Oase  und  dergleichen  mehr  einen 
abermaligen  Beweis  für  die  Meinung  unserer  Nachbarn  gegeben,  dass  der 
Deutsche  aus  keinem  Nebel  sich  herausarbeiten  könne ,  ohne  in  einen 
zweiten  zu  stürzen.  Albuminöses  Exsudat  im  Innern,  wie  bei  Hautkrank- 
heiten, exanthematische  Crase,  aphthöse,  fibrinöse,  puerperale  Crase  und 
dergl.  mehr  wurden  eine  kurze  Zeit  hindurch  bei  pathologisch-anatomisch 
gebildeten  Aerzten  alltägliche  Redensarten 

Dieser  Schwindel,  an  dem  jedoch  Rokitansky  in  keiner  Weise  sich  be- 
theiligt hat,  wenn  er  auch  durch  augenblikliches  Freilassen  seiner  Phantasie 
der  intellectuelle  Urheber  davon  geworden  ist,  ging  jedoch  bei  irgend  Ver- 
ständigen rasch  vorüber;  und  namentlich  Engel,  ursprünglich  ein  eifriger 
Craseolog,  hat  hiezu  beigetragen,  indem  er  sich  zur  Aufgabe  stellte,  jede 
theoretische  Annahme  Rokitansky's  ohne  Weiteres  zu  verdächtigen  und 
anzugreifen,  eine  Aufgabe,  welcher  er  mit  grossem  Scharfsinn  und  nicht 
geringer  Rüksichtslosigkeit  gerecht  zu  werden  suchte. 

Aber  selbst  die  Missgriffe  der  Wiener  Schule  waren  keineswegs 
hinderlich,  eher  vielleicht  förderlich  für  ihre  Ausbreitung  und  halfen  ihr 


360  Die  jüngste  Umwälzung  und  die  Entwiklung  der  Gegenwart. 

Eingang  in  die  gewöhnliche  Praxis  gewinnen.  Gerade  die  craseolog- 
ischen  Hypothesen  haben  die  deutschen,  für  alles  Conjecturale  empfäng- 
lichen Practiker  mit  besonderer  Innigkeit  aufgenommen  und  glüklicherweise 
ist  mit  diesem  süssen  Gifte  auch  manche  gute  Vorstellung  in  sie  ein- 
gedrungen. 

Weiter  aber  ging  aus  der  Wiener  Schule  ein  in  keiner  Weise  in  ihr 
nothwendig  begründeter  Scepticismus  gegen  alle  positiven  therapeutischen 
Vornahmen  hervor.  Skoda  hat  allerdings  durch  seine  mit  äusserster  Kaltblüt- 
igkeit und  Hoffnungslosigkeit  angestellten  medicamentösenVersuche,  welche 
bei  der  Unvollkommenheit  der  Methode  stets  ein  negatives  Resultat  lieferten, 
den  Anstoss  gegeben.  In  diesen  trostlosen  Resultaten,  die  schliesslich  darauf 
hinauskommen,  dass  alles  völlig  einerlei,  lag  für  viele  schwache  Gemüther 
ein  ungemeiner  Reiz  Denn  viele  sind  so  organisirt,  dass  es. sie  kizelt  und 
dass  sie  sich  erhaben  dünken ,  wenn  sie  die  Hilflosigkeit  proclamiren ,  und 
das  professionelle  Zweifeln  an  Allem  ist  ohnedicss  oft  genug  die  Maske 
der  Geistesstärke  für  schwache  Denker  gewesen. 

So  hat  die  principielle  Verwerfung  der  Therapie,  der  Nihilismus,  nicht 
wenige  verlokt,  zumal  solche,  welche  noch  sparsame  Gelegenheit  hatten 
mit  Kranken  zu  verkehren  und  von  den  tausendfältigen  Beziehungen  keine 
Ahnung  haben,  in  welchen  der  Arzt,  auch  ohne  specifische  Mittel  anwenden 
zu  wollen ,  nicht  nur  ohne  Medicamente ,  sondern  mit  und  durch  sie  den 
Kranken  nüzlich  und  hilfreich  werden  kann.  Es  hat  jene  Verwerfung  der 
Therapie  namentlich  solche  angelokt,  welche  bei  noch  so  geräuschvoller 
Betheiligung  an  der  Neuzeit  es  doch  noch  nicht  zu  der  Einsicht  in  den 
Hauptgedanken  der  neuen  Anschauung  gebracht  haben ,  dass  der  Arzt  es 
nicht  mit  Krankheiten,  sondern  nur  mit  Kranken  zu  thun  hat,  dass  daher 
auch  die  Zurükweisung  einer  formulirten  Therapie  für  eine  Krankheit  noch 
keineswegs  den  Grund  enthält ,  dass  man  dem  Kranken  nicht  auch  in  der 
Apotheke  verkaufte  Substanzen  so  gut  zu  seinem  Vortheil  darreichen  kann, 
als  das  auf  dem  Markt  feilgebotene,  und  dass,  wenn  die  Aufgabe  giltig  ist, 
ihm  sein  Blut  zu  vermehren ,  auch  Umstände  vorliegen  können ,  es  zu 
vermindern. 

Dietl,  jezt  in  Krakau,  war  es  vornemlich,  welcher  zuerst  den  An- 
griff auf  die  positive  Therapie  eröffnete.  Aber  niemand' ist  in  Verwechs- 
lung der  Begriffe,  in  Aufstellung  unbegründeter  Annahmen  und  in  falschen 
Schlussfolgerungen  weiter  gegangen  als  Hamernjk,  der  den  Schmerz 
eine  Ontologie  nennt,  und  ein  trauriges  Beispiel  für  die  Gefahren  eines  be- 
gabten aber  undisciplinirten  Kopfes  gegeben  hat.  Bei  gediegenen  Kennt- 
nissen in  vielen  Hinsichten,  bei  reicher  Erfahrung,  bei  grösster  technischer 


Widerstände  und  Missgriffe. 


361 


Uebung  und  ohne  Zweifel  bei  ganz  reinem  Streben  nach  Wahrheit  hat  er 
mehr  als  irgend  ein  Anderer  in  neuester  Zeit  verwirrend  gewirkt. 

Doch  auch  diese  nihilistische  Richtung  kann  wohl  grösstentheils  als 
überwunden  angesehen  werden.  Was  von  ihr  übrig  geblieben  ist ,  trägt 
nur  dazu  bei,  die  Anforderung  an  therapeutische  Erfahrungen  strenger  zu 
machen. 

Neben  einzelnen  Verirrungen  der  in  der  Wissenschaft  wurzelnden 
Richtungen  haben  natürlich  die  schwindlerischen  Bestrebungen  ihre  Thätig- 
keit  fortgesezt.  Homöopathie  und  thierischer  Magnetismus  haben  zu  viel 
Anknüpfungspunkte  mit  den  verschiedenen  Bildungsgraden  der  Menschen, 
als  dass  sie  nicht  ihre  Vortheile  reichlich  benüzen  sollten.  Die  Wasser- 
heilkunst, für  einzelne  Fälle  nicht  ohne  Nuzen,  hat  sich  herbeigelassen,  zu 
der  bescheidenen  Rolle  eines  da  und  dort  angezeigten  Hilfsmittels  herab- 
zusteigen. Die  schwedische  Heilgymnastik,  gleichfalls  anfangs  mit  Pomp 
als  Universalheilmethode  verkündet,  ist  gleichfalls  zu  einem  mehr  oder 
weniger  harmlosen ,  mit  einigen  Proceduren  von  zweifelhaftem  Nuzen  be- 
reicherten Turnen  und  Massiren  reducirt  worden. 

Nur  eine  Lehre  sucht  sich  noch  das  Ansehen  einer  höheren  Inspiration 
zu  erhalten. 

Im  Jahr  1841  gab  ein  unbekannter  und  betagter  Arzt,  Joh.  Gottfried 
Rade  mach  er,  eine  „Rechtfertigung  der  von  den  Gelehrten  misskannten 
verstandesrechten  Erfahrungsheillehre  der  alten  scheidekünstigen  Geheim- 
ärzte" heraus.  Anfangs  wenig  beachtet,  fand  doch  allmälig  das  Buch 
einige  Liebhaber.  1846  kam  die  zweite  Auflage  heraus,  der  sofort  mehrere 
weitere  folgten.  Eine  ungewohnte  und  baroke  Form  mag  manche  an  diesem 
Buche  angezogen  haben.  Vornemlich  war  Rademacher  willkommen,  weil 
er  eine  Menge  neuer  oder  vielmehr  alter  Arzneimittel  eingeführt  hat,  was 
dem  Bedürfniss  des  um  Rath  gar  mannigmal  verlegenen  Practikers  voll- 
kommen entsprach.  Für  diejenigen,  welche  lüstern  nach  den  neuen  Arz- 
neischäzen,  doch  ungern  sich  durch  den  unschmakhaften  Bombast  Rade- 
macher'schen  Geredes  durcharbeiten ,  hat  Auerbach  (Rademacher's  Heil- 
mittel, für  den  Practiker  zusammengestellt  1851)  eine  Brüke  gebaut.  Die 
Mittel  sind  theils  solche ,  welche  eine  specifische  Wirkung  auf  einzelne 
Organe  haben  sollen  (Organheilmittel) ,  auf  Erfahrungen  hin ,  bei  welchen 
freilich,  nicht  etwa  jede  Garantie  für  richtige  Diagnosen,  sondern  jede 
Wahrscheinlichkeit  der  Befähigung,  das  Afficirtsein  der  betreffenden  Organe 
zu  erkennen,  vermisst  wird.  Theils  sind  es  sogenannte  Universalmittel, 
als  welche ,  ohne  weitere  Bemühung  um  Gründe ,  schlechthin  der  Natron- 
salpeter, das  Eisen  und  das  Kupfer  proclamirt  werden.  Die  Theorie,  durch 
welche  Rademacher  seine  abweichenden  Arzneimittel  mundgerecht  machen 


Therapeutisch» 
Extravaganzen. 


Rademacher. 


362  Die  jüngste  Umwälzung  und  die  Entwiklung  der  Gegenwart. 

will,  ist  eigentlich  gar  keine;  es  ist  ein  hausbakenes  Gefasel  über  den 
paracelsischen  Gedanken,  dass  die  Differenzen  der  Krankheiten  durch  die 
Wirksamkeit  der  Mittel  gegen  sie  bezeichnet  werden.  Das  Motiv  für  die 
erste  Anwendung  eines  Medikaments  in  einem  Krankheitsfall  war  immer 
lediglich  der  Zufall  oder  wenn  man  will  ein  durch  die  unklarsten  Vorstell- 
ungen geleiteter  oft  auch  eingestandener  Maassen  blinder  Griff.  War  ohne 
alle  Einsicht  in  die  Verhältnisse  des  menschlichen  Körpers  und  ohne 
jegliche  sorgfältige  Untersuchung  die  Erkrankung  eines  bestimmten 
Organes  angenommen  worden  und  war  auf  die  Anwendung  des  willkürlich 
gewählten  Medicamentes  in  dem  Falle  eine  Besserung  eingetreten ,  so 
schloss  Rademacher  daraus  ,  dass  dieses  Medicament  ein  Organheilmittel 
für  jenes  bestimmte,  als  krank  vermuthete  Organ  sei;  und  von  da  an  ist 
die  Besserung  von  Krankheitsfällen  unter  dem  Gebrauche  desselben  Mittels 
für  ihn  ein  genügender  Beweis ,  dass  auch  in  diesen  Fällen  die  gleiche 
Organerkrankung  bestehe. 

Nichtsdestoweniger  hat  die  Rademacher'sche  Medicin  ihre  warmen 
Vertheidiger  und  noch  mehr  ihre  stillen  Anhänger  in  Menge  gefunden  und 
abermals  hat  Mch  bewährt ,  dass  es  keinen  Widersinn  gibt,  aus  dem  nicht 
Viele  eine  tiefe  Wahrheit  herauszugrübeln  sich  zur  Ehre  rechnen,  während 
Andere  einfach  den  angebornen  Sympathien  ihrer  Natur  gerecht  werden 
und  widerstandslos  und  ohne  Arg  dem  Zuge  des  Wirrsinns  folgen. 

Auf  solchen  und  ähnlichen  Abwegen  wird  stets  ein  Theil  der  Menschen 
wandeln,  und  man  muss  sie  ihrem  Schiksal  überlassen.  Es  ist  nicht  gut, 
dass  man  die  Menschen  durch  Gewalt,  nicht  einmal,  dass  man  sie  durch 
Ueberredung  vernünftig  zu  machen  sucht.  Man  muss  vielmehr  abwarten, 
was  die  Wirkung  der  Zeit  und  das  unwiderstehliche  Vordringen  derCultur 
auch  bei  mangelhaftem  spontanem  Denken#vermag.  Man  kann  sich  damit 
trösten ,  dass  Hindernisse  von  ganz  anderer  Kraft  und  Dauer  der  Sieges- 
wagen der  Wahrheit  lautlos  zerdrükt  hat. 

Durchdringen         Und  wirklich  haben  bereits  troz  aller  dieser  Widerwärtigkeiten  sich 
der  neueren    correctere  Anschauungen  nicht  nur  immer  mehr  in  der  Wissenschaft  aus- 

Richtung.  ° 

gebreitet;  sondern  sie  haben  auch  das  natürliche  Widerstreben  der  in  an- 
deren Gesichtskreisen  aufgewachsenen  Generationen  überwunden  und  sind, 
wenn  auch  nur  allmälig,  doch  unwiderstehlich  in  die  Praxis  eingedrungen. 
Zur  Einführung  der  pathologisch-anatomischen  und  physiopathologischen 
Richtung  in  die  alltägliche  practische  Beschäftigung  hat  ohne  Zweifel 
Oppolzer  (bis  1848  Professor  in  Prag,  von  1848—1850  in  Leipzig,  von 
da  an  in  Wien)  ganz  wesentlich  beigetragen,  nicht  etwa  nur  dadurch,  dass 
er  anatomische  Diagnosen  machte  und  bei  seiner  Therapie  von  anatomischen 


Gegenwart. 


Die  Gestaltung  der  Medicin  in  der  Gegenr/art.  363 

Anschauungen  ausging;  diess  haben  Viele  vor  und  neben  ihm  gethan. 
Sondern  dadurch,  dass  er  mit  seiner  anatomischen  Diagnostik  und  mit 
seiner  Behandlung  anatomischer  Störungen  das  umfangreichste  Vertrauen 
des  Publikums  zu  gewinnen  wusste,  dass  er  den  Aerzten  durch  sein  Bei- 
spiel die  Vereinbarkeit  der  neuen  Wissenschaft  mit  der  Praxis  zeigte 
und  dass  er  die  Kranken  durch  die  eminente  practische  Begabung  seiner 
Persönlichkeit  dazu  brachte,  dass  sie  physikalische  Untersuchung  und 
anatomische  Diagnosen  nicht  nur  sich  gefallen  Hessen,  sondern  verlangten. 

Indessen  kamen  die  wesentlichen  theoretischen  Streitigkeiten  noch  im  ni» 

Laufe  der  40er  Jahre  allmälig  zur  Ruhe  und  es  trat  in  Principienfragen  derMediCiD 
eine  Uebereinstimmung  aller  Einsichtigen  ein,  wie  sie  noch  niemals  in  der  in  der 
Medicin  gesehen  worden  ist.  In  den  lezten  Jahren  des  vorigen  Jahrzehnds, 
sei  es  durch  die  in  Folge  der  Discussion  gereiften  Anschauungen ,  sei  es 
durch  manche  gelegentliche  Aufklärungen,  für  welche  die  Cholera  keine 
unergiebige  Quelle  geliefert  hat,  haben  die  alten  Parteien  ihr  Ende  erreicht 
und  man  kann  sagen,  dass  von  da  an,  in  Deutschland  wenigstens,  jede  ex- 
clusive  Schule  aufgehört  habe;  die  Einsicht  hat  Plaz  gegritfen,  dass  eine 
Schule  mit  ihrer  Einseitigkeit  nur  eine  Hemmung  und  eine  Verirrung  ist. 
Nur  aus  dem  Munde  der  Unkundigen  hört  man  da  und  dort  noch  von 
physiologischer  „Schule".  Eine  physiologische  Schule  existirt  nicht,  so 
wenig  als  in  der  Physik  eine  mathematische. 

Denn  wie  in  der  Physik,  in  der  Astronomie  und  in  der  Mathematik 
nirgends  principielle  Parteiungen  mehr  bestehen  können ,  sondern  der  Be- 
weis einziger  Maassstab  für  die  Annahmen  ist,  so  endlich  jezt  auch  in  der 
Medicin.  Zwar  mögen  immerhin  einzelne  Zurükgebliebene  in  der  Illusion 
sich  wiegen ,  irgend  einer  Schule  anzugehören  und  für  sie  schwärmen, 
mögen  andere  es  in  ihrem  Vortheile  finden,  eine  Fahne,  wie  die  homöo- 
pathische oder  die  Rademacher'sche  aufzusteken,  oder  mag  irgendwo  selbst- 
süchtiger Ehrgeiz  ein  neues  Phantom  erdenken,  damit  der  Zulauf  der 
Menge  nach  dem  Embleme  gelokt  werde ;  die  Wissenschaft  selbst  braucht 
von  Sonderlingen,  Verblendeten  und  Intriguanten  keine  Notiz  zu  nehmen. 
Sollte  deren  isolirter  Gesichtspunkt  ihnen  zufällig  zu  einem  glüklichen 
Funde  verhelfen,  so  nimmt  die  Wissenschaft  diesen  auf,  ohne  vor  der 
Quelle  zurükzuschreken.  Die  Allgemeinheit  der  Tendenzen  schliesst  dabei 
nicht  aus,  dass  bei  dem  unermesslichen  Gebiete ,  welches  der  Forschung 
offen  steht,  den  Einen  nach  diesen,  den  Andern  nach  andern  Punkten  Vor- 
liebe und  Geschmak  drängt,  und  dass  der  Eine  sanguinischer,  der  Andere 
ängstlicher  in  seinen  Erwartungen  von  den  künftigen  Geschiken  der  Wis- 
senschaft ist. 


364  Die  jüngste  Umwälzung  nnd  die  Entwiklung  der  Gegenwart. 

Die  Medicin  der  Gegenwart  kennt  ihre  Aufgabe  und  ihre  Pflichten  als 
ein  Theil  der  unerraesslichen  und  erhabenen  Wissenschaft  von  der  Natur. 
Sie  ist  sich  klar  geworden ,  dass  ihre  Grundlage  nur  die  Thatsachen  sind, 
und  dass  das  Verständniss  der  Thatsachen,  soweit  es  überhaupt  möglich 
ist,  nur  in  der  Verbindung  der  Thatsachen  selbst  zu  finden  ist.  Sie  weiss 
aber  auch,  dass  wahrhafte  Thatsachen  nur  durch  die  strengste  Anforderung 
an  die  Methode  der  Forschung  und  durch  die  stete  Erinnerung  an  die 
Fehlerquellen  gewonnen  werden.  Man  hält  nicht  mehr  den  Geist  für  ver- 
bannt, weil  er  gezwungen  wird,  an  den  Methoden  zu  arbeiten  und  seine 
Einfälle  der  scharfen  Controle  einer  disciplinirten  Logik  zu  unterwerfen. 
Man  denkt  nicht  mehr  daran,  der  Natur  ein  System  aufzuzwingen,  sondern 
man  strebt,  das  Sein  und  Geschehen,  wie  es  ist  und  wo  es  ist,  in  mög- 
lichster Reinheit  aufzudeken. 

Die  Gegenwart  will  nichts  von  pathologisch-anatomischen  Einseitig- 
keiten; aber  sie  begreift,  dass  man  über  Zustände,  bei  welchen  Organe 
verändert  sind,  nichts  weiss,  so  lange  man  die  Veränderung  an  diesen  nicht 
kennt;  sie  lässt  weder  eine  ausschliessliche  Pathologie  der  Säfte  noch  der 
Solida  gelten:  denn  sie  vergisst  nicht,  dass  die  einen,  wie  die  andern  zum 
Organismus  gehören;  sie  meint  nicht,  von  Uebertragung  chemischer  Con- 
jecturen  Aufschlüsse  zu  erhalten,  aber  sie  muss  verlangen,  dass  die  Ver- 
bindungen und  Trennungen  der  Stoffe  auch  im  kranken  Menschen  verfolgt 
und  aufgeklärt  werden;  sie  wähnt  nicht,  dass  durch  Vordringen  bis  zur 
äussersten  Grenze  des  Sichtbaren  die  Geheimnisse  des  Lebens  sich  er- 
schliessen :  aber  sie  hält  keine  Thatsache  für  unwerth,  mag  sie  der  groben 
Masse  entkommen,  oder  an  den  minimalsten  Partikeln  des  Körpers  gefunden 
sein.  Sie  sieht  in  dem  kranken  Menschen  einen  Organismus,  dessen  Verhält- 
nisse niemals  gründlich  und  allseitig  genug  zu  durchforschen  und  aufzuklären 
sind,  und  sofern  sie  nichts  mehr  und  nichts  weniger  als  eine  Lehre  von  der 
Natur  des  kranken  Menschen  in  allen  Gestaltungen  seines  Krankseins  zu 
sein  sucht,  kann  die  Medicin  der  Gegenwart  eine  physiologische  heissen. 
Lässt  unsere  Wissenschaft  heut  zu  Tage  das  Uebergewicht  eines  ihrer 
Einzelbezirke  nicht  mehr  zu ,  so  weist  sie  mit  noch  entschiedenerem  Pro- 
teste die  Einmischung  von  aussen  ab.  Aber  sie  hat  auch  aufgehört  über 
Punkte  zu  discutiren,  die  sie,  so  sehr  sie  ihre  allgemeine  Wichtigkeit  an- 
erkennt, nicht  in  den  Kreis  der  Beobachtung  zu  ziehen  vermag.  Trans- 
scendentale  Probleme  liegen  jenseits  ihrer  Grenze  und  sie  hat, für  sie  keine 
Antwort  und  kein' Urtheil.  Sie  hat  gegen  sie  von  ihrem  Standpunkte 
aus  nur  das  Recht  und  die  Pflicht  einer  achtungsvollen  aber  strengen 
Neutralität.  Niemand  mehr  als  der  Arzt  hat  Gelegenheit,  sich  zu  über- 
zeugen, dass  das  Gemüth  berechtigte  Bedürfnisse  hat,  für  deren  Befried- 


Die  Gestaltung  der  Medicin  in  der  Gegenwart.  365 

igung  alles  Wissen  von  der  Natur  insufficient  ist,  und  niemand  mehr  als 
der  Arzt  hat  die  Pflicht,  die  Ruhe  des  Gemüths  und  das  Glük  des  Herzens 
in  dem  Besize  ideeller  Güter  als  ein  Heiligthum  zu  achten.  Wenn  dessen- 
ungeachtet in  neuerer  Zeit  von  Einzelnen  beklagenswerthe  Uebergriffe  in 
der  Naturforschung  fremde  Gebiete  gemacht  worden  sind,  so  haben  Solche 
im  Momente  des  Uebergreifens  aufgehört,  Naturforscher  zu  sein.  Die 
Naturlehre  hat  sich  zu  bescheiden  mit  dem  Stüke  Wahrheit,  das  in  den 
Erscheinungen  liegt,  und  dieses  Stük  ist  kein  kleines. 

Aber  die  Medicin  des  heutigen  Tages  ist  sich  auch,  mehr  als  zu  irgend 
einer  Zeit,  ihrer  socialen  und  humanen  Aufgabe  eingedenk.  Sie  weiss, 
dass  sie  all  ihr  Wissen  und  Können  darauf  zu  concentriren  hat,  diemensch- 
lichen Leiden  im  Grossen  und  Kleinen,  die  sich  auf  Störungen  des  Organ- 
ismus beziehen,  abzuhalten ,  zu  vermindern  und  zu  beseitigen.  Der  Wege 
dazu  sind  im  einzelnen  Falle  fast  immer  mehrere  und  es  muss  der  sorg- 
samen individuellen  Erwägung  überlassen  bleiben,  welcher  von  ihnen  zu 
wählen  ist.  Niemand  wird  heut  zu  Tage  so  übermüthig  sein,  seine  eigene 
Wahl  für  eine  unfehlbare  zu  halten.  Und  die  heutige  Wissenschaft,  die 
in  ihren  Principien  und  in  der  Prüfung  der  Thatsachen  niemals  strenge 
genug  sein  kann,  ist  tolerant  in  den  concreten  Entscheidungen,  sobald 
diesen  richtige  Principien  und  Thatsachen  zugrundeliegen.  Es  gibt  daher 
kein  schulmässiges  und  doctrinär  autorisirtes  Curverfahren  mehr,  son- 
dern jedes  ist  zulässig  und  gerechtfertigt,  das  sich  auf  methodisch  festge- 
stellte Thatsachen  und  in  Ermanglung  von  solchen  wenigstens  auf  ge- 
wissenhafte Ueberlegung  der  Verhältnisse  zu  stüzen  vermag. 

So  hat  sich  das  wissenschaftliche  und  practische  Verhalten  des  Arztes 
gestaltet  und  er  hat  darin  zu  verharren  troz  aller  Anfechtungen,  welche 
seinen  Beruf  erschweren  mögen.  Allerdings  ist  in  der  neueren  Zeit  die 
dilettantische  Beschäftigung  mit  der  Natur  Sache  der  Mode ,  das  Lesen 
von  naturwissenschaftlichen  Zeitungsartikeln  und  das  Anhören  von  popu- 
ren  Vorträgen  für  Viele  vermeintliches  Bedürfniss  geworden  und  man 
könnte  sich  die  Hoffnung  machen ,  dass  damit  auch  die  Wirksamkeit  des 
Arztes  erleichtert  worden  sei.  Manche  Aerzte  haben  selbst  in  der  besten 
Absicht  getrachtet,  die  Massen  über  die  Leistungsfähigkeit  der  Wissen- 
schaft, wie  über  ihre  Aufgaben  aufzuklären. 

Man  darf  sich  aber  über  die  Fortschritte  der  ausserwissenschaftlichen 
Einsicht  in  das  Geschehen  in  der  Natur  und  damit  in  die  Würdigung  der 
ärztlichen  Leistung  keine  Illusionen  machen.  In  dem  Zeitalter  der  wan- 
delnden und  redenden  Tische  kann  Niemand  die  öffentliche  Meinung  für 
reif  halten ,  in  Sachen  der  Natur  eine  Stimme  abzugeben.  Es  wird  auch 
heut  zu  Tage  noch  dem  Einzelnen  überlassen  werden  müssen ,  nicht  kraft 


366  Die  jüngste  Umwälzung  nnd  die  Ent-wiklung  der  Gegenwart. 

seiner  Wissenschaft,  sondern  kraft  seines  persönlichen  Geschiks  sich  seine 
Stellung  zu  erwerben  und  zu  sichern.  Aber  dieses  Ziel  wird  um  so 
eher  mit  Ehrenhaftigkeit  zu  erreichen  sein  ,  je  mehr  es  auf  dem  Boden 
positiver  Kenntnisse  und  humaner  Gesinnung  erstrebt  wird. 

Mag  aber  auch  zuweilen  der  Einzelne  Unbilligkeiten  und  Verkennung 
erdulden ,  mag  sein  redliches  Streben  da  und  dort  ohne  Beachtung  bleiben 
und  selbst  gekränkt  werden,  so  muss  er  sich  erinnern,  dass  der  Einzelne 
ein  Nichts  ist  neben  der  Majestät  des  Weltlaufs.  Und  mag  es  ihn  drüken, 
wenn  die  Chikane  und  die  Gaukler  ihrer  ephemeren  Erfolge  sich  brüsten, 
so  kann  er  gewiss  sein,  dass  auch  diese  Pilze  von  den  Erinnyen  ihres  Ge- 
wissens erreicht  werden.  Die  Naturforschung  aber  ist  die  stolze  und  im 
Stillen  fortschreitende  Macht,  von  deren  Gewalt  die  am  meisten  durch  sie 
gefährdeten  Gebiete  kaum  eine  Ahnung  haben.  Es  ist  ihre  Eigenthüm- 
lichkeit  und  ihre  Grösse,  dass  sie  ihre  Gaben  über  Freunde  wie  über  Feinde 
und  Verächter  ausschüttet ,  dass  sie  durch  Wohlthaten  ihre  Eroberungen 
macht  und  ihre  Herrschaft  befestigt  und  dass  sie  ohne  Lärm  die  Unver- 
nunft überwältigt  und  auflöst. 

Die  Was  aber  ist  die  Zukunft  und  die  fernere  Aufgabe  unserer  Wissen- 

schaft? Ihre  Grundlagen,  sofern  sie  werth  sind,  bleiben  unvergänglich. 
Aber  es  ist  die  Art  aller  mit  der  Natur  sich  beschäftigenden  Erkenntniss, 
dass  sie  niemals  zu  einem  Abschluss  kommt  und  dass  mit  jedem  Erwerbe  der 
Kreis  der  Probleme  sich  erweitert.  Worin  die  künftigen  Probleme  bestehen? 
Niemand  kann  es  voraussehen!  Aber  so  viel  ist  sicher,  die  zukünftigen 
Aufgaben  liegen  weder  einseitig  in  physikalischer  ,  noch  in  chemischer 
Untersuchung,  weder  in  der  Gestaltung  der  Nervenpathologie  noch  in  den 
Forschungen  über  das  Blut  oder  über  die  Zelle ,  weder  in  einer  subtileren 
und  schärferen  Diagnostik,  noch  in  der  Rehabilitation  oder  Neugewinnung 
therapeutischer  Maximen ;  die  Aufgabe  der  Zukunft  ist  keine  andere ,  als 
die  jeder  Wissenschaft,  keine  andere,  als  die,  welche  die  Medicin  jederzeit 
gehabt:  es  ist  die  Aufgabe,  die  Wahrheit  zu  suchen  und  zu  finden,  wo  sie 
ist  und  wie  sie  ist  und  auf  welchem  Wege  man  sie  finden  kann. 


Zukunft. 


BELEGE,  EXCÜRSE  UND  NOTIZEN. 


Belege  zu  Wunderlich'  s  Gesch.  d.  Med. 


ZUM  ERSTEN  ABSCHNITT. 


Hippocrates. 

Ueber  Zeit-  und  Lebensverhältnisse  des  Hippocrates  findet  sich  eine  lesenswerthe 
Abhandlung  von  Petersen  im  Philologus   1849.  Jahrg.  IV.  p.  209. 

Das  erste  Drukwerk  von  Hippocrates  Schriften  und  zwar  in  lateinischer 
Uebersezung  von  Fabius  Calvus  in  Ravenna  erschien  zu  Rom  im  Jahr  1525,  die  erste 
griechische  Ausgabe  besorgt  von  Asulanus  in  Venedig  1526,  die  zweite  besorgt  durch  Cor- 
narius  bei  Froben  zu  Basel  1538,  von  demselben  eine  Uebersezung  ins  Lateinische  bei 
Gryphius  in  Venedig  1545.  Eine  weitere  und  zwar  kritische  Ausgabe  mit  lateinischer 
Uebersezung  besorgte  Mercurialis  (Venedig  1588).  Hierauf  folgt  die  zu  den  berühm- 
testen gehörige  Ausgabe  in  lateinischer  Uebersezung  von  Foüsius  (Frankfurt  1 595),  ferner  die 
von  van  der  Linden  (Leyden  1665),  von  Chartier  (Paris  1679).  Die  erste  deutsche  Ueber- 
sezung ist  von  Grimm  (Altenburg  1781  — 1792,  4  Bände),  die  erste  französische  von 
Gardeil  (Toulouse  1801,  4  Bände).  In  neuerer  Zeit  wurde  eine  Ausgabe  in  lateinischer 
Uebersezung  von  Kühn  in  Leipzig  (1825)  besorgt.  Die  sorgfältigste  aller  Ausgaben  aber, 
mit  Hinzufügung  aller  Varianten  und  mit  Beigabe  einer  etwas  freien  französischen  Ueber- 
sezung, zugleich  bereichert  durch  umfangreiche  Commentare  ist  die  von  Littre  (Oeuvres 
completes  d'Hippocrate ,    bis  jetzt  8  Bände   1839  bis   1853). 

Ausserdem  sind  die  wichtigeren  einzelnen  Schriften  in  zahlreichen  Ausgaben ,  Ueber- 
sezungen  und  Commentaren  erschienen. 

Ueber  die  Aechtheit  und  Unächtheit  der  unter  Hippocrates'  Namen  vereinigten 
Schriften  und  über  ihre  wahrscheinliche  Zeitfolge  sind  viele  Untersuchungen  angestellt 
worden ;  von  besonderem  Interesse  sind  die  von  H.  F.  Link  (über  die  Theorien  in  den 
hippocratischen  Schriften  nebst  Bemerkungen  über  die  Aechtheit  dieser  Schriften  in  der 
Abhandlung  der  Berliner  Akademie  Physical.  Klasse  1814,  1815),  von  Petersen  (Hipp, 
nomine  qua  circumferuntur  scripta  Hamburg  1839)  und  von  Littre. 

Die  unächten  Schriften  sind  theils  vorhippocratische  (ifQOQ Qt/tiHnv  und  xactHai  tIqo- 
yv(oost£),  theils  Schriften  des  Polyb  (rfept  (pvöioq  av&QwTtov,  iteqi  biairijc,  vyisivrj*;),  theils 
solche  anderer  Schüler  und  Nachfolger,  theils  völlig  unterschoben  und  selbst  der  hippo- 
cratischen Schule  fremd. 

Die  Kenntnisse  vom  Bau  des  menschlichen  Körpers  zu  Hippocrates'  Zeit  war 
lediglich  nicht  auf  Oeffnung  von  Leichen  gegründet,  wenn  auch  einzelne  Male  ein  Ca- 
daver geöffnet  worden  sein  mag  (z.  B.  der  spartanische  Feldherr  Aristomenes  und  die 
der  Schwangerschaft  beschuldigte  Tochter  des  Aristodemus).  Auch  in  den  hippocratischen 
Schriften  (zumal  in  den  chirurgischen)  will  man  da  und  dort  Hinweisungen  auf  Ne- 
croscopien  gefunden  haben;  doch  sind  solche  Stellen  mehrfacher  Deutung  fähig  und  be- 
weisen namentlich  nirgends,  dass  Behufs  der  anatomischen  Untersuchung  eine  Leiche  ge- 
öffnet wurde. 

Zwei  Beispiele  von  Specialbeobachtungen  aus  der  hippocratischen 
Casuistik.  „Silenus  wohnte  auf  dem  Quai  in  der  Nähe  des  Eualkidos  und  wurde  nach 
Verdruss,  Trinken  und  unzeitiger  Anstrengung  von  Hize  befallen.  Er  fing  an,  Schmerzen  im 
Kreuze,  Schwere  im  Kopfe  und  Spannung  im  Naken  zu  fühlen.  Aus  dem  Unterleib  gingen 
am  ersten  Tage  gallige,  unvermischte,  schaumige,  übermässig  reichliche  Stühle  ab;  Urin 
dunkel  mit  dunklem  Bodensaz ;  Durst;  Zunge  oberflächlich  troken ;  Nachts  ohne  Schlaf. — 
Am  zweiten  Tage  heftiges  Fieber,  Ausleerungen  reichlicher,  dünner  und  schäumend;  Urin 

1* 


4  Zum  ersten  Abschnitt. 

dunkel;  Nacht  schlecht;  leichte  Delirien.  —  Am  dritten  alles  verschlimmert;  Spannung 
beider  Hypochondrien  bis  zum  Nabel  und  in  den  Weichen ;  Stühle  dünn,  ziemlich  dunkel ; 
Urin  trüb,  ziemlich  dunkel;  Nachts  keiu  Schlaf;  spricht  viel,  lacht,  singt  und  kann  sich  nicht 
zurükhalten.  —  Vierter  Tag:  ebenso.  —  Fünfter  Tag:  unvermischte,  gallige,  weiche  und  er- 
giebige Stühle;  dünner,  durchsichtiger  Urin ;  schwach  bei  Besinnung.  —  Sechster  Tag:  am 
Kopf  ein  geringer  Schweiss,  Glieder  kalt  und  livid;  viel  Hin-  und  Herwerfen.  Keine  Ausleerung 
aus  dem  Unterleib;  kein  Urin;  heftiges  Fieber.  —  Am  siebenten:  Stimmlosigkeit ;  die  Glieder 
erwärmen  sich  nicht ;  kein  Urin.  —  Am  achten  Tag :  allgemeiner  kalter  Schweiss ,  mit 
welchem  rothe,  rundliche,  kleine  Blüthen,  den  Finnen  ähnlich,  auftraten  und  nicht  wieder 
verschwanden.  Aus  dem  Unterleibe  werden  unter  geringer  Aufregung  viele  dünne  wie  un- 
verdaute Kothmassen  mit  Zwang  entleert.  Urin  schmerzend ,  brennend ,  die  Glieder  er- 
wärmen sich  wenig ;  Schlaf  oberflächlich,  comatös.  —  Neunter  Tag :  ebenso.  —  Zehnter 
Tag:  kann  nicht  trinken,  comatös,  aber  der  Schlaf  oberflächlich,  Ausleerungen  im  Gleichen. 
Urin  reichlich,  etwas  dik,  nach  dem  Stehen  einen  grossflokigen  weissen  Niederschlag 
gebend,  Glieder  aufs  Neue  kalt.  —  Am  eilften  Tag:  Tod.  Von  Anfang  an  und  bis  zum 
Ende  war  der  Athem  langsam  und  gross  und  in  dem  Hypochondrium  ein  unaufhörliches 
Pochen.     Sein  Alter  war  ungefähr  20  Jahr."     (Zweiter  Fall  der  ersten  Reihe). 

„Die  Anginöse  (Y.vvayyiy.ij),  welche  bei  Aristion  sich  befand,  bei  welcher  zuerst  es 
mit  der  Zunge  begann :  Sprache  undeutlich ,  Zunge  roth  und  troken.  Am  ersten  Tag 
Schüttelfrost  und  Hize ;  am  dritten  Frost,  heftige  Hize,  eine  rothe  harte  Hautge- 
schwulst (o'idijfia)  an  Hals  und  Brust  auf  beiden  Seiten,  Glieder  kalt,  livid;  Respiration 
hoch  (fietea>()ov) ;  das  Getränke  geht  durch  die  Nase,  sie  kann  nicht  schlingen.  Stuhl  und 
Urin  zurükgehalten.  Am  vierten  Tag  verschlimmerte  sich  alles.  Am  fünften  starb  sie  in 
Folge  der  Angina."      (Siebenter  Fall  der  zweiten  Reihe). 

In  allen  diesen  Fällen  wird  weder  Therapie  angegeben,  noch  die  Benennung  der 
Krankheit  bemerkt. 

Versuch  einer  Diagnose  der  hippocratischen  Einzelfälle  aus  beiden 
Büchern  über  Epidemien.  Es  ist  in  der  That  bei  der  dürftigen  Erzählung  der  meisten 
dieser  Fälle  nicht  möglich ,  eine  auch  nur  annähernd  sichere  Diagnose  zu  machen.  Mit 
einiger  Wahrscheinlichkeit  lassen  sich  die  Fälle  folgendermaassen  bezeichnen : 

erste  Reihe:  1)  wahrscheinlich  Intermittens :  Tod  am  VI.  Krankheitstag;  2)  heftiges 
Fieber  mit  pustulöser  Eruption  (Variolen?):  Tod  am  XI;  3)  Intermittens  mit  Milzan- 
schwellung ,  2  Crisen  am  IX.  und  XV. ;  4)  Puerperalperitonitis :  Tod  am  XX. ; 
5)  Puerperalpyämie :  Herstellung  am  LXXX ;  6)  zweifelhaft :  Herstellung  am  LXXX ; 
7)  Fieber  mit  Kopfcongestionen :  Crise  am  V. ;  8)  Urämie :  Tod  am  V. ;  9)  heftiges  Fieber 
mit  schwarzen  Pusteln  (Variolen?):  Tod  am  II  ;  10)  Abdominaltyphus  (?) :  Heilung  durch 
allmälige  Besserung;  11)  Puerperalpyämie:  Tod  am  VI.;  12)  Abdominaltyphus:  Tod 
am  XI.;   13)  zweifelhaft:  Crise  am  XIV.;   14)  zweifelhaft:  Crise  am  XI. 

Zweite  Reihe:  1)  Pneumonie:  Crise  am  X. ;  2)  Typhus  (?):  Tod  am  XXVII.;  3)  Fieber 
mit  schwarzen  Stühlen  und  mit  spärlichen  Intermissionen :  Crise  am  XL. ;  4)  Meningitis : 
Tod  am  V.;  5)  Abdominaltyphus  (?) :  Crise  am  XX.;  6)  zweifelhaft:  Tod  am  XVH. ; 
7)  Scarlatina  mit  brightscher  Niere  (?):  Tod  am  V.;  8)  Typhus  (?) :  Tod  am  VII.;  9)  Peri- 
tonitis mit  tödtlichem  Ausgang ;  10)  fieberhafte  Krankheit  mit  Diarrhoe  nach  Abortus : 
Tod  am  VII.;    IL)  ähnlicher  Fall:  Tod  am  VII.;    12)  Puerperalperitonitis:    Tod  am  XIV. 

Dritte  Reihe:  1)  Abdominaltyphus  (?) :  Tod  am  CXX. ;  2)  Puerperalpyämie:  Tod 
am  LXXX;  3)  Intermittens:  Tod  am  X.;  4)  Meningitis:  Tod  am  III.;  5)  zweifelhaft: 
Tod  am  IV. ;  6)  zweifelhaft :  Tod  am  IV. ;  7)  Causus  (?) :  Crise  am  VII ;  8)  Pneumonie : 
Herstellung  am  XXXIV.;  9)  Typhus  (?) :  Herstellung  am  C. ;  10)  Intermittens  (?):  Her- 
stellung am  XXIV. ;  11)  acutes  Delirium:  Crise  am  III.;  12)  zweifelhaft:  Crise  am  VI.; 
13)  Leberentzündung  oder  Leberkrebs:  Tod;  14)  Puerperalperitonitis:  Tod  am  XVH; 
15)  Typhus  (?):  Tod  am  XXL;  16)  Typhus  (?):  Tod  am  XXIV. 

Wenn  man  behauptet  hat,  dass  die  climatischen  Verschiedenheiten  eine  Zurükführung 
der  hippokratischen  Fälle  auf  die  bei  uns  vorkommenden  Formen  unstatthaft  machen, 
so  kann  die  Differenz  doch  nur  bei  einzelnen  Fällen  eine  Unerkennbarkeit  rechtfertigen. 


Hippocrates. 


Statistik  der  critischen  Tage  nach  hipp  ocratischen  Einzelfällen. 
De    Haen    (rat.  medendi  Pars  1.  cap.  4.  de    diebus  criticis  et  crisibus  variis)    hat    die 
Berechtigung   der  hippocratischen  Lehre  von  den  critischen  Tagen  auf  numerischem  Wege 
aus  200  eigenen  Beobachtungen  des  Hippocrates  geprüft: 


Tage  und  Zahl  der  Fälle  von 

;ritischen  Entscheidungen: 

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I 

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Am       3.  Tage  kamen 

vor     7  Entscheidungen 

3 

3 

1 







4.       „ 

„      12 

6 

6 

— 

— 

— 



5.       „ 

»     15 

4 

4 

— 

5 

1 

— 

6.      „ 

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— 

1 

11 

13 

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8 

— 

9 

— 

11 



8.       „ 

„       4 

1 

— 

— 

1 

2 

— 

9.      „ 

„       6 

2 

— 

— 

1 

3 

— 

10.      „ 

„       3 

— 

2 

— 

1 

— 

— 

„       IL      „ 

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4 

3 

2 

— 

— 



„       12.       „ 

„       5 

— 

— 

— 

2 

2 

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„     19 

15 

3 

— 

1 

— 

— 

15.       „ 
»       16.      „ 

„     iv.    „ 

„       2 
1 

*       8 

1 
1 
2 

— 

— 

— 

— 









»       18.      „ 

2 

— 

1 

— 

— 

— 

„       19.      „ 

1              ," 

20.       „ 

„     16 

10 

5 

— 

— 

— 

1 

»       21.       „ 

1 

— 

1 

— 

— 

— 

— 

»       22.       „ 

2 

— 

— 

1 

— 

— 

„       23.       „ 

»       1               » 

— 

— 

1 

— 

— 

— 

„       24.       „ 

„       4 

2 

— 

1 

— 

— 

«       25.       „ 

1 

— 

1 

— 

— 

— 

— 

«       27.      „ 

2 

1 

— 

— 

— 

— 

„       29.      „ 

1               « 

— 

— 

— 

1 

— 

— 

„       34.      „ 

2 

— 

— 

— 

1 

— 

»       40.      „ 

"     12              " 

— 

2 

— 

2 

— 

51.       „ 

1 

„       67.      „ 

1 

— 

1 

— 

— 

— 

— 

»       70.      „ 

»       2 

1 

— 

— 



— 

»       75.      „ 

1 

80.       „ 

„       4 

3 

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1 

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1 

1 

„     120.       „ 

1 

— 

1 

— 

~ 

— 

— 

Der  Eid  der  hippocratischen  Schüler  kann  endlich  noch  einen  Eiublik  in 
die  naive  und  doch  ernste  Stimmung  jener  Zeit  gewähren.       Er  lautet: 

Ich  schwöre  bei  Apollo,  dem  Arzte,  bei  Asklepios  und  Hygeia  und  Panakeia  und  bei 
allen  Göttern  und  Göttinnen  und  nehme  sie  zu  Zeugen,  dass  ich  halten  will  nach  Kraft 
und  Einsicht  diesen  Eid  und  dieses  Versprechen: 

ich  werde  den  Lehrer  dieser  meiner  Kunst  meinen  Eltern  gleich  schäzen,  ihn  an 
meinem  Lebensunterhalt  theilnehmen  lassen,  und  falls  er  bedürftig  ist,  ihm  das  Nothwen- 
dige  beisteuern;  ich  werde  seine  Kinder  wie  meine  Brüder  halten,  auch  sie  in  dieser 
Kunst,  wenn  sie  dieselbe  lernen  wollen,  unterrichten,  ohne  Lohn  und  Verschreibung;  ich 
werde  mittheilen  die  Lehren,  die  Vorträge  und  mein  ganzes  übriges  Wissen  meinen  Söh- 
nen und  denen  meines  Lehrers,  sowie  den  Schülern,  welche  eingezeichnet  und  auf  das 
ärztliche  Gesez  vereidet  sind,  aber  keinem  Anderen!  Ich  werde  anordnen  das  Verhalten 
der  Krauken  zu  ihrem  Nuzen  nach  Kraft  und  Einsicht  und  dabei  Schaden  und  Nachtheil 
abhalten.     Ich  werde  tödtliches  Gift  Niemand,  der  es  verlangt,  verabreichen,  noch  hierzu 


(J  Zum  ersten  Abschnitt. 

Rath  geben.  Dessgleichen  werde  ich  niemals  einer  Frau  ein  Abortivmittel  verabreichen. 
Rein  und  heilig  werde  ich  mein  Leben  und  meine  Kunst  halten.  Ich  werde  niemals 
Steinkranke  operiren ;  ich  werde  diess  den  in  diesem  Geschäft  geübten  Männern  überlassen. 
In  welche  Häuser  ich  auch  komme,  werde  ich  eintreten  zu  Nuzen  der  Kranken,  mich 
enthaltend  jeder  absichtlichen  Kränkung  und  Beschädigung,  vornemlich  aber  jeder  un- 
züchtigen Handlung  an  weiblichen  und  männlichen  Individuen,  Freien  wie  Sklaven. 

Was  ich  von  dem  Leben  der  Menschen  bei  der  Kranken-Behandlung  sehe  oder  höre, 
oder  auch  ausserhalb  der  Behandlung  erfahre,  und  was  nicht  verbreitet  werden  soll,  werde 
ich  verschweigen  und  werde  solches  als  ein  Geheimniss  achten. 

Wenn  ich  diesen  meinen  Eid  vollständig  erfülle  und  ihn  nicht  verleze,  so  möge  ich 
geniessen  meines  Lebens  und  meiner  Kunst,  welche  geehrt  ist  vou  allen  Menschen  bis 
in  alle  Ewigkeit;  übertrete  ich  ihn  aber  und  werde  ich  meineidig,  so  widerfahre  mir  von 
All  dem  das  Gegentheil ! 

Die  atheniensische  Pest  von  Thucydid.es.  In  Athen  brach  die  Pest 
plözlich  aus  und  befiel  zuerst  die  Menschen  am  piräischen  Hafen,  so  dass  man  glaubte, 
die  Peloponeser  hätten  Gift  in  die  Brunnen  geworfen,  und  doch  waren  damals  keine 
Brunnen  da.  Dann  kam  sie  in  die  obere  Stadt.  Das  ganze  Jahr  über  hatten  keine  andere 
Krankheiten  geherrscht.  Wenn  Jemand  schon  vorher  krank  war,  so  bildete  sich  daraus  die 
Pest  aus.  Solche,  die  frisch  und  gesund  waren,  bekamen  ohne  Ursache  und  plözlich  starke 
Hize  im  Kopfe,  Röthe  und  Entzündung  in  den  Augen;  die  inneren  Theile ,  der  Schlund 
und  die  Zunge  wurden  blutroth ,  der  Athem  schlecht  und  übelriechend ;  darauf  stellte  sich 
Niesen  und  Heiserkeit  ein  und  alsdann  Schmerz  in  der  Brust  mit  heftigem  Husten  und  galliges 
Erbrechen  mit  vielem  Würgen.  Die  Meisten  hatten  ein  häufiges  Schluchzen  mit  starken 
Krämpfen,  die  bei  Einigen  frühzeitig,  bei  Andern  aber  spät  aufhörten.  Der  äussere  Körper 
war  nicht  besonders  warm,  aber  geröthet,  livid  und  voller  kleiner  Blattern  und  Geschwüre ;  die 
inneren  Theile  dagegen  waren  so  heiss,  dass  die  Kranken  sich  am  liebsten  in  kaltes  Wasser 
stürzten ;  viele  sprangen,  von  unlöschbarem  Durst  ergriffen,  in  den  Brunnen.  Troz  dem,  dass 
die  Krankheit  zunahm,  fiel  doch  der  Körper  nicht  ab,  sondern  widerstand  dem  Uebel,  so  dass 
die  Meisten  den  7.  oder  9.  Tag  in  einem  guten  Kräftezustand  durch  die  innere  Hize  starben; 
wo  diess  nicht  geschah,  starben  sie  meist  nachher  aus  Schwäche,  nachdem  die  Krankheit  auf 
den  Unterleib  sich  geworfen  hatte  und  ein  übermässiger  Durchfall  erfolgt  war.  So  ging  das 
Uebel  vom  Kopfe  bis  herunter  durch  den  ganzen  Körper,  und  wenn  Jemand  die  grössten  Ge- 
fahren überstanden  hatte,  so  zeigte  der  Verlust  der  Extremitäten  die  durchgemachte  Krankheit. 
Genitalien,  Hände  und  Füsse  gingen  bei  Vielen  verloren,  bei  Andern  die  Augen ;  Einzelne 
wurden  in  der  Reconvalescenz  so  vergesslich,  dass  sie  weder  sich  noch  ihre  Freunde  kannten. 
Diese  Krankheit  befiel  alle  Menschen  ohne  Unterschied.  Die  Vögel  und  Raubthiere  rührten 
die  unbeerdigt  Gebliebenen  nicht  an,  oder  starben,  wenn  sie  von  dem  Fleische  gefressen  hatten. 
Zur  selbigen  Zeit  herrschte  keine  von  den  sonstigen  Krankheiten,  und  wofern  eine  ausbrach, 
ging  sie  bald  in  die  Seuche  über.  Es  gab  kein  einziges  Heilmittel,  von  dessen  Gebrauche  Hilfe 
zu  hoffen  war,  und  kein  Körper,  er  mochte  stark  oder  schwach  sein,  vermochte  zu  widerstehen. 
Zweimal  befiel  die  Krankheit  Niemand.    (Nach  Gruner's  Uebersezung). 

Plato. 

Das  obige ,  vielleicht  hart  scheinende  Urtheil  über  die  platonischen  Versuche  in  der 
Physiologie  und  Pathologie  machen  es  nöthig,  den  übrigens  auch  zur  Characterisirung 
der  dogmatisch-philosophischen  Weise  nicht  unwichtigen  Passus  aus  Timäus  aufzuneh- 
men. Ich  bin  dabei  zum  Theil  der  Uebersezung  von  Schneider  (im  zweiten  Band  des 
Janus)  gefolgt;  doch  musste  an  derselben,  um  sie  geniessbar  und  verständlich  zu  machen, 
sehr  vieles  geändert  werden,  da  durch  den  sehr  zu  entschuldigenden  Mangel  an  Sach- 
keuutniss  der  gelehrte  Uebersezer  manche  sachliche  Missverständnisse  zu  Tage  ge- 
fördert hat. 

Da  diese  Dinge  ungeordnet  waren,  gab  Gott  ihnen  Ebenmaass,  jedem  unter  sich 
selbst  sowohl  als  unter  einander,  so  viel  und  solcher  Art,  als  sie  dazu  fähig  waren.  Denn 
damals  war  nichts  verhältniss-  und  ebeumässig,  ausser  durch  Zufall;  noch  war  überhaupt 
etwas  von  dem,  was  jezt  einen  Namen  führt,  eines  solchen  werth  (wie  Feuer,  Wasser 
und  dergleichen).  Vielmehr  ordnete  Er  erst  alles  dieses  und  sezte  das  Weltall  daraus 
zusammen  als  ein  einziges  lebendes  Wesen,  welches  die  Lebenden  alle,  sterbliche  und  un- 
sterbliche, in  sich  hat.     Und   von   den   göttlichen  Wesen   ist  Er   selbst   der  Schöpfer;    die 


Plato.  7 

Hervorbringung  der  Sterblichen  aber  trug  er  den  von  Ihm  Erzeugten  auf.  Diese  sodann 
ahmten  Ihn  nach  und,  als  sie  die  unsterbliche  Grundlage  der  Seele  empfangen  hatten, 
umschlossen  sie  sie  mit  einem  sterblichen  Körper,  als  Fahrzeug  für  die  Seele.  Sie  gaben 
dem  Leibe  aber  eiue  andere  Art  von  Seele,  die  sterbliche,  welche  gefährliche  uud  noth- 
wendige  Eindrüke  in  sich  aufnimmt,  zuerst  die  Lust,  die  grösste  Lokspeise  des  Schlechten, 
dann  den  Schmerz,  den  Verscheucher  des  Guten,  sofort  auch  Zuversicht  und  Furcht,  zwei 
thörichte  Rathgeber,  weiter  den  schwer  zu  besänftigenden  Zorn,  dann  die  leicht  zu  täu- 
schende Hoffnung  nebst  dem  Wahnsinn  und  der  alles  versuchenden  Liebe.  Dieses  Alles 
vermischend  bildeten  sie  das  sterbliche  Geschlecht.  Aber  aus  Scheu,  das  Göttliche  zu  be- 
liehen ,  so  weit  es  nicht  nothwendig  war,  verlegten  sie  den  Siz  des  Sterblichen ,  getrennt 
von  jenem,  in  einen  andern  Theil  des  Leibes,  indem  sie  den  Hals  zur  Scheidung  zwischen 
Kopf  und  Brust  einschoben.  In  die  Brust  und  den  Thorax  schlössen  sie  die  sterbliche 
Art  von  Seele  ein.  Und  weil  auch  von  ihr  ein  Theil  besser,  der  andere  schlechter  ist, 
so  trennten  sie  wiederum  die  Brusthöhle,  wie  in  einem  Hause  das  Gemach  der  Männer 
von  dem  der  Frauen  abgesondert  ist,  und  spannten  das  Zwerchfell  dazwischen  aus.  Dem 
streitliebenden  Theile  der  Seele  nämlich,  welchem  Tapferkeit  und  Zorn  zukommt,  wiesen 
sie  seinen  Siz  näher  dem  Kopfe  zwischen  dem  Zwerchfell  und  Naken  an ,  damit  es  auf 
die  Vernunft  hörend  gemeinschaftlich  mit  ihr  die  Begierden  mit  Gewalt  im  Zaume  hielte, 
wenn  diese  den  von  der  Höhe  des  Hauptes  herabkommenden  Befehlen  nicht  freiwillig  ge- 
horchen sollten.  Das  Herz  aber,  die  Verknüpfung  der  Adern  und  die  Quelle  des  durch 
alle  Glieder  mit  Heftigkeit  herumgetriebeneu  Blutes,  stellten  sie  auf  die  Wache,  damit, 
wenn  der  Zorn  mächtig  aufwallt,  von  der  Vernunft  benachrichtigt,  es  geschehe  aussen  ein 
Unrecht  oder  entbrenne  innen  eine  Begierde ,  schnell  durch  alle  engen  Gänge  alles  mit 
Empfindung  Begabte  im  Körper  die  Mahnungen  und  Drohungen  der  Vernunft  vernehme 
und  empfinde  und  dem  bessern  Theile  Leitung  und  Herrschaft  überlasse.  Für  das  Pochen 
des  Herzens  aber  bei  der  Erwartung  eines  Schreklichen  und  bei  Aufwallung  des  Zornes 
haben  sie  in  der  Voraussicht,  dass  solch  Aufwallen  immer  mit  Hize  verbunden  sei,  da- 
durch Hülfe  geschafft,  dass  sie  die  Lunge  anschmiegten,  die,  weich  und  blutlos,  inwendig 
wie  ein  Schwamm  von  Höhlen  und  Röhren  durchbohrt,  Luft  und  Feuchtigkeit  aufnehmen 
kann ,  dadurch  abkühlt  und  die  Hize  leichter  ertragen  lässt.  Deswegen  also  führten 
sie  Kanäle  der  Luftröhre  nach  der  Lunge  und  lagerten  diese  um  das  Herz  herum  wie  ein 
weiches  Polster,  damit,  wenn  der  Zorn  in  ihm  aufbraust,  es  an  ein  Nachgiebiges  an- 
schlage uud  abgekühlt  weniger  ergriffen  werde  und  mehr  der  Vernunft  als  dem  Zorne 
dienen  könne. 

Das  aber  in  der  Seele,  was  nach  Speise  und  Trank  und  nach  aller  Leibesuothdurft  be- 
gierig ist,  verlegten  sie  in  die  Gegend  zwischen  Zwerchfell  und  Nabel,  gleichsam  als  eine 
Krippe ,  die  sie  an  dieser  Stelle  für  die  Nahrung  des  Körpers  einrichteten.  Sie  banden 
dann  jenes  dort  an  wie  ein  wildes  Thier,  das  aber  nothwendig  ernährt  werden  musste, 
wenn  es  überhaupt  ein  sterbliches  Geschlecht  geben  solle;  damit  es  also  immer  an  der 
Krippe  weide  und  so  entfernt  wie  möglich  von  dem  Rathendeu  wohne,  am  wenigsten  durch 
Lärm  und  Geschrei  das  Beste  in  seinen  Berathungen  über  das  allgemein  Zuträgliche 
störe,  haben  sie  ihm  dort  seinen  Plaz  angewiesen.  Da  sie  aber  wussten,  es  würde  auf 
die  Vernunft  nicht  hören  und  wenn  es  irgend  von  einer  Empfindung  ergriffen  würde,  die 
Befehle  jener  nicht  zu  achten  die  Art  haben,  vielmehr  von  Schatten-  und  Scheinbildern  bei 
Nacht  und  bei  Tage  hingerissen  werden,  so  stellten  sie  nach  Gottes  Willen  die  Leber  zu- 
sammen und  sezten  sie  in  dieselbe  Gegend.  Sie  bildeten  sie  dicht,  glatt,  glänzend  und 
süss  mit  Bitterkeit  vermischt,  damit  in  ihr  die  Kraft  der  aus  der  Vernunft  kommenden  Gedanken 
wie  in  einem  Spiegel  zurükgegeben  werde,  theils  um  zu  erschreken,  wenn  die  in  ihr  lie- 
gende Bitterkeit  unsanft  sich  nähere ,  indem  die  ganze  Leber  mit  Schärfe  unterlaufe  und 
gallichte  Farben  in  ihr  erscheinen,  sie  in  allen  ihren  Theilen  sich  zusammenziehe  und  runz- 
lich  und  rauh  werde;  theils  um  den  Lappen  und  die  Behälter  und  Pforten,  jenen  aus 
einem  geraden  zu  einem  umgebogenen  zu  machen  und  zusammenzuziehen ,  diese  zu  ver- 
stopfen und  zu  verschliessen ,  und  dadurch  Schmerzen  und  schlimmes  Befinden  zu  ver- 
ursachen. Wenn  aber  Bilder  der  entgegengesezten  Art  sich  abspiegeln  und  durch  ein 
sanftes  Anregen  der  Gedanken  die  Bitterkeit  beruhigt  würde,  so  wird  dagegen  die  ihr  ein- 
gepflanzte Süssigkeit  erregt  und  alles  gerade  und  glatt  in  ihr  und  es  werden  dem  um 
die  Leber  wohnenden  Theile  der  Seele  Heiterkeit  und  gute  Tage  gegeben  und  in  der 
Nacht  eine  angemessene  Beschäftigung,  indem  sie  im  Schlafe ,  wenn  sie  der  Ueberlegung 
und  Besonnenheit  nicht  mehr  theilhaftig  ist,  zu  weissagen  pflegt. 

Das  Eingeweide  aber,  was  in  ihrer  Nachbarschaft    zur  Linken    sich  befindet,    ist  um 


8  Zum  ersten  Abschnitt. 

ihretwillen  zusammengefügt  und  dorthin  gesezt,  um  sie  stets  glänzend  und  rein  zu  er- 
halten, wie  ein  für  einen  Spiegel  verfertigtes  und  immer  bereit  daneben  liegendes  Wisch- 
tuch. Daher  denn  auch,  wenn  sich  Unreinigkeiten  in  Folge  von  Krankheiten  des  Körpers 
in  der  Leber  erzeugen,  alles  gereinigt  und  aufgenommen  wird  von  der  Lokerheit  der 
Milz ,  als  eines  hohlen  und  blutlosen  Gewebes ;  wesshalb  sie  angefüllt  mit  den  wegge- 
nommenen Unreinigkeiten  gross  und  aufgedunsen  wird,  und  wenn  der  Körper  gereinigt  ist, 
wieder  zu  demselben  Umfange  sich  zurükziehend  zusammensinkt. 

Die  Schöpfer  unseres  Geschlechtes  sahen  unsere  Ausschweifung  im  Trinken  und 
Essen  voraus,  und  dass  wir  aus  Gier  viel  über  das  Maass  und  die  Notwendigkeit  zu  uns 
nehmen  würden ;  damit  also  nicht  schneller  Untergang  durch  Krankheiten  eintrete  und 
vor  der  Vollendung  das  sterbliche  Geschlecht  sein  Dasein  endige ,  bildeten  sie  in  ihrer 
Voraussicht  als  Behälter  und  Aufnehmer  dessen,  was  von  Trank  und  Speise  überflüssig 
sein  würde,  die  Dünndärme,  und  wanden  sie  wie  die  Dikdärme  im  Kreise  herum,  damit 
die  Nahrung  nicht  schnell  wieder  fortgehe  und  zu  früh  der  Körper  neuer  Nahrung  be- 
dürfe. Denn  durch  Fressgier  wird  unser  Geschlecht  der  Liebe  zur  Wissenschaft  und  Kunst 
entfremdet  und  taub  gemacht  gegen  die  Stimme  des  Göttlichen  in  uns. 

Mit  den  Knochen  aber  und  dem  Fleische  und  dem  ganzen  Wesen  dieser  Art  verhielt 
es  sich  so :  der  Grund  zu  diesen  insgesammt  ist  die  Entstehung  des  Markes ;  denn  in 
diesem  wurden  die  Bänder  des  Lebens  als  die  Wurzeln  des  sterblichen  Geschlechts  bei 
der  Verknüpfung  der  Seele  mit  dem  Leibe  befestigt;  das  Mark  selbst  aber  ist  aus  an- 
derem entstanden.  Denn  die  ersten  unter  den  Dreieken ,  welche  gerade  und  glatt  Feuer 
und  Wasser  und  Luft  und  Erde  am  genauesten  darzustellen  im  Stande  waren,  diese  aus 
den  einzelnen  Geschlechtern  besonders  ausscheidend  und  wie  sie  zusammen  passten  mit 
einander  vermischend  zu  einem  allgemeinen  Samen  für  das  ganze  sterbliche  Geschlecht 
bildete  Gott  das  Mark  aus  ihnen  und  befestigte  sodann  pflanzend  in  ihm  die  Gattungen 
der  Seelen ,  und  wie  viel  und  was  für  Gestalten  es  nach  den  einzelnen  Arten  haben 
sollte,  in  so  viel  und  solche  Gestalten  zerlegte  er  das  Mark  selbst  gleich  bei  der  anfäng- 
lichen Vertheilung.  Und  denjenigen  Theil  des  Markes,  welcher  den  göttlichen  Samen 
wie  ein  Saatfeld  in  sich  bergen  sollte,  bildete  er  rund  auf  allen  Seiten  und  nannte  ihn 
Gehirn  (iyv.eqia.kov) ,  weil  am  vollendeten  einzelnen  Wesen  das  ihn  umgebende  Gefäss 
Kopf  (■nsipalij)  heissen  würde ;  was  aber  den  übrigen  und  sterblichen  Theil  der  Seele  in  sich 
halten  sollte,  das  zerlegte  er  in  runde  zugleich  und  länglichte  Gestalten  und  nannte  alles 
das  Mark.  Und  wie  an  Anker  befestigte  er  daran  die  Bänder  der  ganzen  Seele,  machte 
um  dasselbe  herum  unsern  ganzen  Körper  fertig,  indem  er  zuerst  eine  knöcherne  Be- 
dekung  für  jenes,  die  das  Ganze  umschlösse ,  zusammenfügte.  Den  Knochen  aber  baute 
er  so:  Durchgesiebte,  reine  und  glatte  Erde  mengte  und  benezte  er  mit  Mark,  und  sezte 
es  sodann  in  Feuer,  danach  aber  tauchte  er  es  in  Wasser,  dann  abermals  in  Feuer,  dann  wie- 
derum in  Wasser,  und  vielmals  so  es  hinübertragend  aus  dem  einen  in  das  andere  machte  er  es 
unschmelzbar  für  beide.  Hievon  nun  Gebrauch  machend  formte  er  daraus  eine  knöcherne  Kugel 
zur  Umgebung  des  Gehirns,  Hess  aber  in  derselben  einen  engen  Durchgang  zurük;  und  zur  Um- 
gebung des  Naken-  wie  des  Rükenmarkes  bildete  er  Wirbel  daraus  und  fügte  sie  wie  Thür- 
angeln  einen  unter  den  andern,  vom  Kopfe  an  den  ganzen  Rumpf  entlang.  Und  so  nun  dem 
ganzen  Samen  Schuz  gewährend  umschloss  er  ihn  mit  einer  steinartigen  Umzäunung  und 
brachte  Gelenke  in  derselben  an,  bei  welchen  er  von  dem  Vermögen  des  andern  als  einem  da 
zwischen  eintretenden  Gebrauch  machte,  zum  Behuf  der  Bewegung  und  Biegung.  Da  er  jedoch 
dafür  hielt,  dass  die  Beschaffenheit  der  Knochen  zu  spröde  und  unbiegsam  sei,  und  dass 
sie  auch,  wenn  sie  erhizt  und  wieder  erkältet  würde,  brandig  werden  und  bald  den  Samen, 
der  sich  in  ihr  befinde,  zerstören  würde,  so  hat  er  die  Sehnen  und  das  Fleisch  bereitet. 
Mittelst  jener  verlieh  er,  indem  er  alle  Glieder  durch  deren  Anspannung  und  Nachlassung 
verband ,  dem  Leibe  Biegsamkeit  um  die  Angeln  und  Ausstrekbarkeit.  Das  Fleisch  aber 
sollte  als  Schirm  gegen  die  Hize  und  als  Schuz  gegen  die  Kälte ,  wie  gegen  das  Fallen 
dienen,  indem  es  den  Körpern  weich  und  sanft  nachgäbe;  vemöge  der  warmen  Nässe 
aber,  die  es  in  sich  hätte,  sollte  es  im  Sommer  durch  Schweiss  und  äusserliche  Benezung 
über  den  ganzen  Leib  eine  geeignete  Kühle  verbreiten ,  im  Winter  dagegen  mit  seinem 
Feuer  den  von  Aussen  andringenden  und  umgebenden  Frost  auf  angemessene  Weise  ab- 
wehren. In  dieser  Absicht  sezte  er,  dessen  Hand  uns  gebildet  hat,  aus  einem  passend 
verbundenen  Gemisch  von  Wasser  und  Feuer  und  Erde,  versezt  mit  einem  aus  Sauerem 
und  Salzigem  bestehenden  Gährungsstoffe,  das  Fleisch  saftig  und  weich  zusammen;  das 
Wesen  der  Sehnen  aber  liess  er  aus  der  Vermischung  von  Knochen  und  ungesäuertem 
Fleische  als  ein  vereinigtes,    aus  beiden   der  Kraft  nach  mittleres  hervorgehen,   indem  er 


Plato.  9 

bei  ihnen  von  der  gelben  Farbe  Gebrauch  machte.  Desshalb  ist  das  Wesen  der  Sehnen 
straffer  und  zäher,  als  das  des  Fleisches,  und  weicher  und  feuchter,  als  das  der  Knochen. 
Und  hiemit  Knochen  und  Mark  umgebend  verband  Gott  sie  unter  einander  durch  Sehnen 
und  überdekte  sodann  alles  mit  Fleisch.  Welche  nun  am  beseeltesten  waren  unter  den 
Knochen,  die  umschloss  er  mit  dem  wenigsten  Fleische,  die  innerlich  seelenlosesten  aber 
mit  dem  meisten  und  dichtesten;  und  auch  an  den  Verbindungen  der  Knochen,  wo  die 
Ueberlegung  nicht  eine  Notwendigkeit  zeigte,  dass  es  sein  müsse,  liess  er  wenig  Fleisch 
wachsen ,  damit  es  weder  den  Biegungen  hinderlich  sei  und  so  die  Körper  unbehilflich 
und  schwer  beweglich  mache,  noch  auch,  wenn  es  viel  und  dicht  und  sehr  aneinander 
gedrängt  wäre ,  durch  Derbheit  Unempfindlichkeit  erzeuge  und  die  Seele  ungeschikter  und 
stumpfer  zum  Denken  mache.  Daher  sind  denn  die  Schenkel  sowohl  und  Schienbeine  und 
die  Hüftgegend  und  die  Theile  um  die  Knochen  der  Oberarme  und  der  Unterarme  und 
welche  sonst  noch  gelenklos  sind,  sowie  alle  Knochen,  die  inwendig  wenig  Seele  im  Marke 
und  darum  nichts  von  Einsicht  haben,  alle  diese  sind  mit  Fleisch  reichlich  versehen;  alle 
aber,  in  denen  Einsicht  ist;  weniger:  es  sei  denn,  dass  er  ein  Fleisch  für  sich  der  Em- 
pfindungen wegen  also  zus  immensezte,  wie  die  Gestalt  der  Zunge;  die  meisten  aber  auf 
jene  Art.  Denn  die  durch  Nothwendigkeit  werdende  und  unter  ihr  fortbestehende  Natur 
gestattet  keineswegs  dichte  Knochen  und  vieles  Fleisch  und  dabei  zugleich  feine  Em- 
pfindung. Denn  am  allermeisten  würde  es  sich  am  Baue  des  Kopfes  finden,  wenn  sich 
beides  zusammen  vertrüge,  und  es  würde  das  menschliche  Geschlecht  mit  einem  fleischigen 
und  sehnichten  und  starken  Kopfe  auf  dem  Rumpfe  noch  einmal  und  vielmal  so  lange 
leben,  als  jezt,  und  gesünder  und  schmerzloser.  So  aber,  als  unsere  Schöpfer  überlegten, 
ob  sie  ein  länger  lebendes  schlechteres  oder  ein  kürzer  lebendes  besseres  Geschlecht  her- 
vorbringen sollten,  fanden  sie,  dass  dem  längeren  aber  unvollkommeneren  Leben  das 
kürzere  bessere  durchaus  vorzuziehen  sei;  desshalb  haben  sie  mit  einem  dünnen  Knochen, 
nicht  aber  mit  Fleisch  und  Sehnen  den  Kopf,  obwohl  er  keine  Gelenke  hat,  bedekt. 
Dem  allen  zufolge  ward  also  dem  Leibe  jedes  Mannes  ein  zwar  mit  Empfindung  und  Ein- 
sicht begabterer,  aber  viel  schwächerer  Kopf  aufgesezt.  Die  Sehnen  aber  heftete  Gott  aus 
diesen  Gründen  und  auf  diese  Weise  an  das  Ende  des  Kopfes  symmetrisch ,  sie  im  Kreise 
um  den  Hals  herumstellend,  und  band  mit  ihnen  die  Enden  der  Kinnladen  unterhalb  des 
Antlizes  zusammen.  Die  andern  verstreute  er  in  alle  Gliedmaassen,  Gelenk  mit  Gelenk 
verknüpfend.  Die  Kraft  des  Mundes  aber  versahen  die  Schöpfer  mit  Zähnen  und  Zunge 
und  Lippen ,  zum  Eingang  für  das  Nothwendige  und  zum  Ausgang  für  das  Beste ;  denn 
nothwendig  ist  alles,  was  eingeht,  dem  Körper  Nahrung  verleihend;  der  Strom  der  Rede 
aber,  der  herausfliesst   und    der  Einsicht    dient,    ist   der    schönste  und   beste    aller  Ströme. 

Jedoch  den  Kopf  blos  aus  naktem  Knochen  bestehen  zu  lassen,  war  wegen  der  beider- 
seitigen Extreme  in  den  Jahreszeiten  nicht  möglich,  so  wenig,  als  er  durch  eine  Masse 
von  Fleisch  stumpf  und  unempfindlich  sein  durfte.  Es  wurde  also  von  dem  fleischigen 
Wesen  ein  übrig  bleibendes  grösseres  Stük  ausgetroknet  und  als  Schale  abgeschieden, 
was  jezt  Haut  genannt  wird,  welche  sodann  mittelst  der  Feuchtigkeit  um  das  Gehirn  sich 
selbst  zusammenzog  und  den  Kopf  bekleidete.  Diese  Haut  nun  durchstach  Gott  ringsum 
mit  Feuer,  und  als  sie  durchbohrt  war  und  die  Feuchtigkeit  durch  sie  hindurch  nach  Aussen 
getrieben  wurde,  so  ging  das  Feuchte,  Warme  und  Reine  ab.  Das  Gemischte  aber,  aus 
denselben  Stoffen  wie  die  Haut  bestehend,  strekte  sich  zwar  von  dem  Triebe  nach  Aussen 
gehoben  in  die  Länge  so  dünn  wie  der  Durchstich;  aber  seiner  Langsamkeit  wegen  zu- 
rükgestossen  vom  Hauche  der  äusseren  Luft  und  wieder  unter  die  Haut  hinuntergedrängt 
schlug  es  dort  Wurzel ;  und  in  Folge  dieser  Umstände  ist  denn  das  Geschlecht  der  Haare 
auf  der  Haut  erwachsen,  zwar  verwandt  mit  dieser,  aber  härter  und  dichter  vermöge  der 
Zusammendrängung  durch  Kälte,  die  jedes  Haar,  sowie  es  von  der  Haut  sich  entfernt, 
erkältet  und  starr  macht.  Hiemit  also  wurde  unser  Kopf  rauh  gemacht  von  seinem  Schöpfer 
in  Rüksicht  auf  die  beschriebenen  Ursachen  und  in  der  Erwägung,  dass  es  anstatt  des 
Fleisches  zur  Sicherung  des  Gehirns  eine  leichte  und  im  Sommer  und  Winter  Schatten 
und  Schuz  gewährende  Bedekung  sein  müsste,  welche  zugleich  der  Leichtigkeit  des  Empfiudens 
nicht  hinderlich  werden  würde. 

Die  Gewächse  schufen  die  erhabenen  Schöpfer  uns  Schwachen  zur  Nahrung  und  sie 
durchzogen  darum  unsern  Körper  gleichsam  mit  Kanälen ,  wie  man  sie  in  Gärten  gräbt, 
damit  er  wie  von  zufliessendem  Gewässer  befeuchtet  würde.  Und  zuerst  gruben  sie  zwi- 
schen Haut  und  Fleisch  zwei  Rükenadern,  zwiefach,  nach  den  beiden  Körperhälften, 
der  rechten  und  der  linken.  Diese  führten  sie  am  Rükgrat  hinunter  und  so ,  dass  das 
Lebensmark  zwischen  sie  zu  liegen  kam,  damit  sowohl  dieses  aufs  Beste  gedeihe,  als  auch 


10  Zum  ersten  Abschnitt. 

von  hier  der  Zufluss  zu  den  übrigen  Theilen  als  zu  den  niedriger  Liegenden  leicht  von 
statten  gehe  und  die  Bewässerung  gleichmässig  geschehe.  Nach  diesem  Hessen  sie  die 
Adern  sich  um  den  Kopf  theilen,  sich  verschlingen  und  nach  entgegengesezten  Seiten  gehen, 
indem  sie  die  einen  von  der  rechten  nach  der  linken  Seite  des  Leibes  und  die  andern  von 
der  linken  nach  der  rechten  richteten,  damit  zugleich  neben  der  Haut  noch  ein  Band  zwi- 
schen dem  Kopfe  und  Leibe  wäre ,  weil  jener  nicht  ringsum  mit  Sehnen  am  Scheitel  be- 
sezt  war,  und  dann  auch  damit  der  Eindruk  der  Empfindungen  von  beiden  Seiten  sich  in 
den  ganzen  Körper  verbreitete.  Sodann  aber  schritten  sie  zur  Anlage  der  Wasserleitung, 
d.eren  Einrichtung  wir  leichter  einsehen  werden ,  wenn  wir  uns  znvor  darüber  verständigt 
haben,  dass  alles,  was  aus  kleineren  Theilen  besteht,  das  grössere  halten  kann,  das  aus 
grösseren  bestehende  aber  das  kleinere  nicht  zu  halten  vermag,  und  dass  das  Feuer  unter 
allen  Elementen  die  kleinsten  Theile  hat,  wesshalb  es  durch  Wasser  und  Erde  und  Luft 
und  alles,  was  aus  diesen  besteht,  hindurchgeht,  und  nichts  es  bändigen  kann.  Ebenso  ist 
nun  auch  von  unseren  Därmen  zu  bemerken ,  dass  sie  die  aufgenommenen  Speisen  und 
Getränke  zurükhalten  können,  Luft  und  Feuer  aber  nicht,  weil  deren  Theile  kleiner  sind 
als  die  aus  welchen  sie  selbst  bestehen.  Von  diesen  also  machte  Gott  Gebrauch  zur  Be- 
wässerung der  Adern  aus  der  Bauchhöhle,  indem  er  ein  Geflecht  aus  Luft  und  Feuer  nach 
Art  der  Fischreusen  zusammenwebte,  am  Eingange  mit  doppelten  Zwischengeflechten  ver- 
sehen, deren  eines  er  wiederum  zweispaltig  flocht ;  und  von  den  Zwischengeflechten  zog 
er  dann  gleichsam  Seile  ringsum  durch  das  ganze  Geflecht  bis  zu  dessen  Enden  hin.  Das  Innere 
desselben  nun  sezte  er  ganz  aus  Feuer  zusammen ,  die  Zwischengeflechte  und  das  Aus- 
wendige aber  luftartig;  dann  nahm  er  es  und  umgab  damit  das  lebendige  Wesen,  das  er 
gebildet  hatte,  auf  folgende  Weise:  das  eine  der  Zwischengeflechte  Hess  er  in  den  Mund 
gehen ;  da  es  aber  doppelt  war,  so  führte  er  die  eine  Hälfte  desselben  durch  die  Luftröhre 
hinab  in  die  Lunge  und  die  andere  in  die  Bauchhöhle  neben  den  Luftröhren  hin;  das  andere 
schaltete  er  und  liess  beide  Theile  durch  die  Kanäle  der  Nase  hindurch  sich  vereinigen, 
so  dass,  wenn  das  andere  durch  den  Mund  nicht  im  Gange  wäre,  aus  diesem  auch  die 
auf  jenes  angewiesenen  Flüsse  alle  versorgt  würden.  Das  übrige  Auswendige  der  Reuse 
aber  liess  er  um  den  ganzen  hohlen  Theil  unseres  Körpers  herumwachsen,  und  veranstaltete 
nun,  dass  dieses  Ganze  bald  sanft  in  die  Zwischengeflechte,  als  aus  Luft  bestehend,  zusammen- 
flösse, bald  diese  wiederum  ihrerseits  zurükflössen,  andererseits  das  Geflecht  bei  der  lokern 
Beschaffenheit  des  Körpers  durch  denselben  hinein  und  wieder  herausträte,  die  inwendig  be- 
festigten Feuerstrahlen  aber  dem  Zuge  der  Luft  nach  beiden  Seiten  hin  folgten,  und  solches, 
so  lange  das  sterbliche  Wesen  bestünde,  ohne  Unterbrechung  geschehe.  Dieses  nun,  sagen  wir, 
hat  der  Urheber  der  Namen  zusammen  mit  den  Wörtern  Einathmen  und  Ausathmen  bezeichnet. 
Dieses  ganze  Thun  und  Leiden  nun  aber  ist  uuserrn  Körper  beigelegt,  damit  er  ange- 
feuchtet und  abgekühlt  ernährt  werde  und  lebe.  Denn  wenn,  während  der  Athem  hinein- 
und  herausgeht,  das  inwendig  verbundene  Feuer  folgt  und  sich  durch  die  Därme  verbreitend 
die  hineingekommenen  Speisen  und  Getränke  ergriffen  hat,  so  löst  es  sich  auf,  zertheilt  sie 
in  kleine  Theile,  führt  sie  durch  die  Ausgänge,  durch  die  der  Weg  geht,  hindurch,  lässt  sie 
wie  aus  einer  Quelle  in  Kanäle,  in  die  Adern  sich  ergiessen,  und  macht,  dass  die  Strömungen 
der  Adern  den  Körper  wie  einen  Wiesengrund  durchströmen. 

Betrachten  wir  aber  noch  einmal  den  Hergang  des  Athemholens,  vermittelst  welcher 
Ursachen  er  ein  solcher  geworden  ist,  wie  er  gegenwärtig  ist.  Also  so:  da  es  nichts  Leeres 
gibt,  in  welches  etwas  von  dem,  was  bewegt  wird,  hineingehen  könnte,  der  Athem  aber  von 
uns  nach  Aussen  bewegt  wird,  so  ist  demnächst  schon  jedem  klar,  dass  er  nicht  in  die  Leere 
geht,  sondern  das  nächste  aus  seiner  Stelle  fortstösst ;  das  gestossene  aber  vertreibt  immer 
das  nächste,  und  so  wird  nothwendig  alles  herumgetrieben  nach  der  Stelle  hin,  von  wo  der 
Athem  ausging,  und  tritt  hinein  und  füllt  sie  aus  und  folgt  dem  Athem  nach,  und  dieses  ge- 
schieht alles  zugleich  wie  wenn  sich  ein  Rad  umdreht,  weil  es  nichts  Leeres  gibt.  Daher 
werden  denn  Brust  und  Lunge,  wenn  sie  den  Athem  von  sich  geben,  wieder  von  der  Luft 
um  den  Körper,  welche  durch  das  lokere  Fleisch  hineindringt  und  herumgetrieben  wird,  an- 
gefüllt ;  wenn  aber  die  Luft  wiederum  sich  wendet  und  durch  den  Körper  hinausgeht, 
so  bringt  sie  durch  Herumstossen  das  Hineingehen  des  Athems  durch  den  Mund  und  die 
Nasenlöcher  zuwege.  Als  die  Ursache  aber  des  Anfangs  hievon  ist  dieses  anzunehmen : 
Jedes  lebende  Wesen  hat  inwendig  im  Blute  und  in  den  Adern  seine  grüsste  Wärme,  wie  eine 
in  ihm  befindliche  Feuerquelle,  was  wir  auch  mit  dem  Geflecht  der  Reuse  verglichen,  welches 
in  der  Mitte  des  Gewebes  ganz  aus  Feuer  geflochten  sei,  im  Uebrigen  aber,  auswendig,  von 
Luft.  Vom  Wannen  nun  muss  jeder  zugeben,  dass  es  naturgemäss  nach  seinem  Orte  hinaus 
zu  dem  verwandten  geht.     Da  aber  der  Durchgänge  zwei  sind,  welche  hinausführen,   der  eine 


Plato.  1  1 

durch  den  ganzen  Leib,  der  andere  durch  den  Mund  und  die  Nase,  so  muss  es,  wenn  es  nach 
dem  einen  hindrängt,  am  andern  sich  zusammenziehen.  Das  Zusammengezogene  aber  wird 
erwärmt,  indem  es  in  das  Feuer  hineinkommt,  und  das  Herausgehende  erkältet.  Indem  aber 
die  Warme  sich  ändert  und  das  am  andern  Ausgange  wärmer  wird,  so  schlägt  wiederum  dort- 
hin vielmehr  das  Warme  seinem  eigenen  Wesen  zustrebend,  und  stösst  das  an  der  andern  Seite 
herum  ;  dieses  aber,  immer  dasselbe  erleidend  und  dasselbe  aueh  wieder  hervorbringend,  wird 
so  die  Ursache  des  hin-  und  herwogenden  von  beiden  Seiten  zu  Stande  gebrachten  Kreises, 
den  das  Einathmen  und  Ausathmen  bildet. 

Von  den  Krankheiten  aber  ist  wohl  jedem  klar,  woher  sie  entstehen.  Denn  da  es  vier 
Elemente  sind,  aus  welchen  der  Körper  zusammengefügt  ist,  Erde,  Feuer,  Wasser  und  Luft, 
so  hat  das  widernatürliche  Zuviel  und  Zuwenig  von  diesen  und  die  Veränderung  des  Sizes, 
wenn  sie  den  eigenen  mit  einem  fremden  vertauschen,  und  wenn  von  dem  Feuer  und  den  an- 
dern Elementen  (da  der  Gattungen  mehr  als  eine  sind)  eine  jede  das,  was  ihr  nicht  zukommt, 
an  sich  nimmt  und  dergleichen  mehr,  Aufruhr  und  Krankheit  zur  Folge.  Denn  indem  das 
Entstehen  eines  jeden  und  das  Wechseln  des  Ortes  auf  die  widernatürliche  Weise  stattfindet, 
so  wird  erwärmt,  was  vorher  abgekühlt  wird,  und  was  troken  ist,  wird  nachher  feucht,  dess- 
gleichen  was  leicht  ist,  schwer,  und  alles  erleidet  die  mannigfaltigsten  Veränderungen.  Denn 
nur  dann,  sagen  wir,  bleibt  alles  wohlbehalten  und  gesund,  wenn  alles  in  gleicher  Weise  und 
gleichem  Verhältniss  hinzukommt  und  weggeht.  Was  aber  gegen  die  Regel  abgeht  oder 
hinzutritt,  gibt  Veranlassung  zu  den  manchfaltigsten  Veränderungen,  zu  unendlichen  Krank- 
heiten und  Arten  des  Verderbens. 

Eine  zweite  Entstehung  der  Krankheiten  wird  einsichtlich  aus  den  naturgemässen  Zu- 
sammensezungen  zweiten  Grades.  Denn  da  Mark  und  Knochen,  Fleisch  und  Sehnen  aus 
jenen  zusammengefügt  sind,  sodann  das  Blut,  wenn  auch  auf  andere  Weise,  aber  aus  eben- 
denselben entstanden  ist,  so  entwikeln  sich  die  schwersten  Krankheiten  dadurch,  dass  die 
Entstehung  der  genannten  Theile  verkehrt  erfolgt,  und  damit  dieselben  verderben.  Natur  - 
gemäss  nämlich  entstehen  Fleisch  und  Sehnen  aus  Blut,  die  Sehnen  aus  den  Fasern  der  Ver- 
wandtschaft wegen,  das  Fleisch  aus  dem  geronnenen,  was  von  den  Fasern  sich  abscheidet. 
Das  Zähe  und  Fettige  aber,  was  wieder  von  dem  Fleische  und  den  Sehnen  abgeht,  das  ver- 
bindet theils  als  Leim  das  Fleisch  mit  den  Knochen  und  dient  zugleich  selbst  als  Nahrung 
zum  Wachsthum  der  Knochen  um  das  Mark;  zum  andern  Theil  wird  es  durchgeseihet  durch 
die  Dichtheit  der  Knochen,  ist  die  reinste,  glätteste  und  fettigste  Art  der  Dreieke,  und  be- 
feuchtet absikernd  von  den  Knochen  und  träufelnd  das  Mark.  Wenn  nun  jedes  auf  diese  Weise 
entsteht,  so  findet  Gesundheit  und  Ordnung  statt,  Krankheit  aber  im  entgegengesezten  Falle. 
Denn  wenn  aufgelöstes  Fleisch  seine  Auflösung  zurük  in  die  Adern  verbreitet,  so  wird  das 
Blut  in  den  Adern  in  Verbinduug  mit  Luft  vielartig  und  mauchfaltig  von  verschiedener  Farbe 
und  Dichtigkeit,  auch  von  saurer  und  salziger  Beschaffenheit,  mit  allerlei  Galle  und  Lymphe 
und  Schleim.  Denn  wenn  es  auf  verkehrtem  Wege  entstanden  und  verdorben  ist,  da  wird  zu- 
erst das  Blut  selbst  zerstört,  und  ohne  selbst  dem  Körper  noch  irgend  eine  Nahrung  zu  ge- 
währen, treibt  es  sich  überall  in  den  Adern  herum  und  hält  die  Ordnung  der  natürlichen 
Umläufe  nicht  mehr  inne,  in  Feindschaft  mit  sich  selbst,  weil  es  keinen  Genuss  von  sich  hat, 
und  im  Kampfe  mit  dem  bestehenden  und  an  Ort  und  Stelle  verbleibenden  im  Körper,  welches 
es  zerrüttet  und  auflöst.  Wird  nun  das  älteste  Fleisch  getroffen,  was  ein  schwer  zu  zer- 
sezendes  wird,  so  bekommt  es  von  dem  Brande,  dem  es  lange  Zeit  ausgesezt  war ,  eine  schwarze 
Farbe,  wird,  weil  es  überall  zerfressen  ist,  bitter  und  erweist  sich  allen  noch  nicht  verdorbenen 
Theilen  des  Körpers  schädlich.  Bisweilen  nimmt  die  schwarze  Farbe  statt  der  Bitterkeit 
Säure  an,  wenn  das  Bittere  mehr  verdünnt  ist ;  bisweilen  aber  nimmt  die  Bitterkeit  wieder 
mit  Blut  getränkt  eine  röthere,  und  durch  Vermischung  dieser  mit  der  schwarzen  die  grüne 
Farbe  an,  und  auch  die  gelbe  verbindet  sich  mit  der  Bitterkeit,  wenn  junges  Fleisch  von  dem 
Feuer  der  Flamme  geschmolzen  wird.  Und  alles  dieses  zusammen  wird  Galle  benannt, 
von  Aerzten  oder  von  andern,  welche  fähig  sind,  auf  vieles  und  unähnliches  zu  achten  und 
darin  das  Gemeinsame  zur  Benennung  für  entsprechende  Verhältnisse  zu  erbliken.  Die  übrigen 
Namen  der  einzelnen  Arten  der  Galle  haben  nach  der  Farbe  ein  jeder  seine  eigene  Erklärung. 
Die  Lymphe  aber,  die  sich  im  Blute  findet,  ist  mildes  Blutwasser,  die  in  der  schwarzen  und 
sauren  Galle  dagegen  scharf,  wenn  der  Wärme  wegen  salzige  Beschaffenheit  hinzutritt,  und 
diese  Art  heisst  saurer  Schleim. 

Was  aber  mit  Luft  aus  jungem  und  zartem  Fleische  aufgelöst  wird,  muss,  weil  dieses 
dann  aufgebläht  und  von  Feuchtigkeit  aufgetrieben  wird,  so  dass  Blasen  sich  gebildet  haben, 
die  jede  für  sich  der  Kleinheit  wegen  unsichtbar  sind,  aber  in  Masse  sichtbar  werden,  von 


12  Zum  ersten  Abschnitt. 

Farbe  weiss  sein  wegen  der  .Schaumbildung.  Diese  Art  der  Verderbniss  zarten  Fleisches  mit 
Luft  verwebt  nennen  wir  weissen  Schleim.  Vom  Schleim  aber  wiederum,  wie  er  zuerst  sich 
bildet,  ist  das  Wässerige  Schweiss  und  Thräne  und  alles  dergleichen,  was  der  Körper  täg- 
lich sich  reinigend,  ausgiesst. 

und  dieses  alles  nun  sind  Werkzeuge  der  Krankheiten  und  werden  es,  wenn  das  Blut 
nicht  aus  den  Speisen  und  Getränken  sich  naturgemäss  vermehrt  hat,  sondern  auf  entgegen- 
geseztem  Wege  wider  die  Geseze  der  Natur  zu  seiner  Masse  kommt.  Wenn  nun  das  einzelne 
Fleisch  durch  Krankheiten  zertrennt  wird,  die  Grundlagen  desselben  aber  bleiben,  so  hat  das 
Uebel  nur  halbe  Kraft;  dennoch  gestattet  es  leicht  Wiederherstellung.  Wenn  aber  das  er- 
krankt ist,  was  das  Fleisch  mit  den  Knochen  verbindet,  und  durch  Entziehung  von  Blut  aus 
jenem  und  den  Sehnen  dem  Knochen  die  Nahrung  und  dem  Fleische  das  Band  zwischen  ihm 
und  den  Knochen  entzogen  wird,  so  vertroknet  es  aus  fettigem,  glattem  und  zähem  durch 
schlechte  Nahrung  zu  rauhem  und  salzigem  und  es  kehrt  'dieses  ganze  also  veränderte  unter 
das  Fleisch  und  die  Sehnen  zurük  und  löst  sich  von  den  Knochen  ab ;  das  Fleisch  von  seinen 
Wurzeln  abgetrennt  lässt  die  Sehnen  entblösst  und  mit  salzigem  Stoffe  erfüllt,  und  indem  es 
selbst  zurük  in  den  Blutstrom  fällt,  vermehrt  es  die  Zahl  der  vorher  erwähnten  Krankheiten. 

Sind  aber  diess  schlimme  Veränderungen,  die  den  Körper  betreffen,  so  sind  die  ihnen 
vorangehenden  noch  schlimmer.  Wenn  der  Knochen  durch  die  Dichtheit  des  Fleisches  des 
gehörigen  Luftzuges  beraubt  von  der  Verderbniss  erhizt  brandig  wird  und  anstatt  Nahrung 
anzunehmen  selbst  auf  verkehrtem  Wege  zerbrökelt,  und  solches  mit  dem  Fleisch  sich  mischt 
und  das  Fleisch  in  das  Blut  eintritt,  so  werden  alle  Krankheiten  bösartiger  als  die  vorigen. 
Wenn  aber,  was  das  allerschlimmste  ist,  das  Wesen  des  Markes  von  einem  Mangel  oder  Ueber- 
maasse  erkrankt  ist,  so  hat  es  die  grössten  und  am  entschiedensten  tödtlichen  Krankheiten 
zur  Folge,  indem  der  ganze  Lauf  der  Natur  des  Körpers  nothwendig  ein  verkehrter  geworden  ist. 

Eine  dritte  Art  von  Krankheiten  hat  man  sich  zu  denken,  die  auf  dreierlei  Weise  ent- 
steht, entweder  durch  Luft  oder  Schleim  oder  Galle.  Denn  wenn  die  Ausgeberin  der  Luft 
im  Körper,  die  Lunge,  von  Flüssen  verstopft  ist  und  nicht  reine  Durchgänge  darbietet,  so  dass 
hier  gar  keine,  dort  zu  viel  Luft  eindringt,"  so  geräth  das,  was  ohne  Abkühlung  bleibt,  in 
Fäulniss.  Die  mit  Gewalt  durch  die  Adern  sich  durchdrängende  und  sie  spannende  und  den 
Körper  auflösende  Luft  wird  nach  der  Mitte  und  gegen  das  Zwerchfell  zugedrängt  und  dort 
abgesperrt.  Diess  hat  denn  tausend  schmerzhafte  Krankheiten  oft  mit  vielem  Schweisse  zur 
Folge.  Oft  aber  erzeugt  sich  in  dem  Körper  durch  Auflösung  des  Fleisches  Luft  und  kann 
nicht  heraus,  und  diese  bringt  eben  solche  Schmerzen,  wie  die  eingedrungene,  hervor;  die 
grössten  aber  dann ,  wenn  sie  um  die  Sehnen  und  deren  Aederchen  sich  sammelt  und  die 
Bänder  und  anstossenden  Sehnen  anschwellt  und  so  rükwärts  spannt.  Solche  Krankheiten 
werden  denn  auch  eben  von  dem  gespannten  Zustande  Vorwärts-  und  Rükwärtsspannuugen 
(Tetanus  und  Opisthotonus)  genannt.  Und  bei  diesen  ist  auch  die  Heilung  höchst  schwierig ; 
denn  nur  heftiges  Fieber  ist  im  Stande,  dergleichen  Uebel  zu  heben. 

Der  weisse  Schleim  aber  ist  wegen  der  Luft  iu  den  Blasen,  wenn  er  abgesperrt  ist, 
schlimm,  wenn  er  aber  einen  Abzug  nach  Aussen  bekommt,  gutartiger;  doch  macht  er  den 
Körper  flekig,  indem  er  Flechten  und  Schwinden  und  die  mit  diesen  verwandten  Krankheiten 
erzeugt.  Wenn  er  aber  mit  schwarzer  Galle  vermischt  sich  über  die  Umläufe  im  Kopfe, 
welches  die  göttlichsten  sind,  verbreitet  und  sie  verwirrt,  so  ist  er,  falls  diess  im  Schlafe  ge- 
schieht, weniger  schlimm,  wenn  er  aber  Wachende  befällt,  schwer  zu  vertreiben.  Und  diese 
Krankheit  heisst  mit  allem  Rechte,  weil  das,  was  davon  leidet,  etwas  heiliges  ist,  die  heilige 
Krankheit.  Saurer  und  salziger  Schleim  aber  ist  die  Quelle  aller  flussartigen  Krankheiten; 
und  von  den  ganz  verschiedenen  Orten,  in  die  er  fliesst ,  haben  sie  sehr  verschiedene 
Namen  erhalten. 

Was  aber  Entzündung  des  Körpers  heisst,  rührt  alles  von  dem  Brennen  und  Entzündet- 
sein der  Galle  her.  Bekommt  nun  diese  einen  Abzug  nach  Aussen,  so  treibt  sie  siedend  allerlei 
Geschwüre  empor ;  eingeschlossen  aber  in  innern  Theilen,  verursacht  sie  viele  hizige  Krank- 
heiten, und  die  grösste  dann,  wenn  sie  reinem  Blute  beigemischt,  die  Fasern  aus  ihrer  Ord- 
nung bringt,  welche  in  das  Blut  zerthcilt  sind,  um  das  rechte  Verhältniss  in  Ansehung  der 
Dünnheit  und  Dike  herzustellen  und  weder  durch  die  Wärme  einen  Ausfluss  aus  dem  lokein 
Körper  noch  auch  durch  Dichtigkeit  eine  Schwerleweglichkeit  in   den  Adern  zu  gestatten. 

Auf  diese  Weise  entstehen  und  erfolgen  die  Krankheiten  des  Körpers,  die  der  Seele  aber 
wegen  der  Beschaffenheit  des  Körpers  also:  als  Krankheit  der  Seele  haben  wir  die  Unvernunft 
und  von  dieser  zwei  Arten,  den  Wahnsinn  und  den  Blödsinn,  anzunehmen.  Jedes  Leiden  also, 
was  einem  in  dem  einen  oder  dem  andern  dieser  Zustände  zustösst,  ist  Krankheit  zu  nennen. 
Uebermässige  Lust  aber  und  übermässiger  Schmerz  sind  als  die  grössten  Krankheiten  der 


Aristoteles.  13 

Seele  zu  betrachten.  Denn  ein  Mensch,  welcher  übermässig  froh  ist  oder  auch  allzugrossen 
Schmerz  empfindet,  ist,  da  er  jenes  zu  erlangen,  diesem  dann  zu  entfliehen  unbändig  strebt, 
unfähig,  etwas  richtig  zu  sehen  oder  zuhören,  sondern  raset  und  ist  während  dieser  Zeit 
keiner  Ueberlegung  zugänglich.  Wem  aber  der  Same  reichlich  und  flüssig  um  das  Mark 
strömt  gleich  einem  Baume,  der  unverbältnissmässig  viel  Früchte  trägt,  der  wird  von  Pein 
und  Wollust  in  seinen  Begierden  und  deren  Ausbrüchen  hingerissen.  Er  rast  die  meiste  Zeit 
seines  Lebens  hindurch.  Er  ist  krank  an  seinem  Körper  und  dadurch  unvernünftig  gemacht 
an  der  Seele.  Es  ist  unrecht,  einen  solchen  nicht  als  einen  kranken,  sondern  als  einen,  der 
mit  Willen  schlecht  sei,  anzusehen.  In  der  That  aber  ist  die  Zügellosigkeit  im  Liebesgenuss 
eine  zum  grössten  Theile  von  der  von  Lokerheit  der  Knochen  und  flüssiger  und  feuchter  Be- 
schaffenheit des  Darmes  herrührende  Krankheit  der  Seele.  Und  so  wird  fast  alles,  was  man 
Unenthaltsamkeit  in  den  Genüssen  nennt  und,  als  geschehe  es  mit  Vorsaz ,  zum  Vor- 
wurf macht,  nicht  mit  Recht  zugerechnet.  Denn  schlecht  mit  Willen  ist  Niemand;  sondern 
durch  eine  krankhafte  Beschaffenheit  des  Körpers  und  durch  verwahrloste  Erziehung  wird 
der  Schlechte  schlecht. 

In  solcher  Weise  ergeht  sich  der  Stifter  der  Academie  von  Phantasien  zu  Phantasien. 
Nicht  dass  er  von  allem  dem  so  gut  wie  gar  nichts  weiss,  ist  ihm  zum  Vorwurf  zu  machen, 
sondern  dass  er  thut,  als  ob  er  alles  wisse,  dass  er  seine  Phantasien  wie  Thatsacheu  darlegt 
und  behandelt,  das  ist  ein  Vergehen,  das  durch  keine  Genialität  gut  gemacht  werden  kann. 
Man  erkennt  hierin  nichts  mehr  von  der  Art  seines  Meisters  Socrates  und  dessen  berühmter 
Kunst  des  Nichtwissens. 

Aristoteles. 

Mit  Recht  bezeichnet  man  Aristoleles  als  den  ersten  grossen  Naturforscher  und  bewun- 
dert die  umfänglichen  Kenntnisse  und  die  kühnen  Anschauungen,  die  sich  bei  ihm  finden. 
Es  wäre  lächerlich,  wollte  man  ihm  bei  dem  Reichthum,  den  er  gibt,  die  Luken  vorwerfen, 
gegen  welche  natürlich  für  die  hgutige  Naturforschung  sein  Reichthum  armselig  erscheint,  oder 
wollte  man  ihn  über  falsche  Ansichten  oder  selbst  über  irrthümliche  Beobachtungen  bekritteln. 
Der  Naturforscher  Aristoteles  verdient  die  unbedingte  Bewunderung  aller  Zeiten  und  hat 
der  Nachwelt  ein  Beispiel  geliefert,  das  vielleicht  noch  niemals  erreicht  worden  ist.  Die  Natur- 
forschung und  die  Medicin  im  Speciellen  hätten  den  bedeutendsten  Nuzen  haben  können,  wenn 
sie  an  die  factischen  Leistungen  von  Aristoteles  sich  angelehnt,  in  gleicher  Weise  und  mit 
ähnlichem  Eifer  das  Thatsächliche  untersucht  hätten  und  wenn  aus  dem  wachsenden  Inhalt 
des  reellen  Wissens  selbst  die  beherrschenden  Gesichtspunkte  gewonnen  worden  wären. 

Aber  es  war  nicht  der  Naturforscher  Aristoteles,  welcher  die  gauze  Naturwissenchaft  des 
Alterthums  und  Mittelalters  beeinflusste,  sondern  es  war  der  Dialektiker  Aristoteles  mit 
seiner  formalen  Philosophie  und  mit  seinen  systematischen  Gliederungen,  von  welchem  die 
Richtung  der  ganzen  Folgezeit  bestimmt  und  von  der  geraden  Linie  in  tausende  von  Irrwegen 
abgelenkt  wurde. 

So  wird  der  Widerspruch  begreiflich,  dass  ein  Geist  des  ersten  Rangs,  der  mit  dem  un- 
ermüdlichsten Eifer  und  mit  dem  grössten  Erfolge  die  Naturforschung  pflegte  und  durch  seine 
Entdekungen  zuerst  den  Naturwissenschaften  einen  compacten  Kern  geliefert  hat,  doch  für 
deren  Weiterentwiklung  eine  hemmende  und  verderbliche  Macht  geworden  ist ;  denn  er  wurde 
diess  durch  andere  Seiten  seiner  gewaltigen  Begabung,  durch  Seiten,  welche  blendender  und 
verführerischer  auf  die  Nachwelt  wirkten,  als  die  Früchte  seiner  sorgfältigen  und  reinen 
Naturbeobachtung. 

Die  bedeutenden  Leistungen  des  Aristoteles  in  der  Naturforschung  besonders  mit  Bezug 
auf  Classification  der  Thiere  und  auf  die  Stufenordnungen  sind  mit  Sorgfalt  und  Liebe  darge- 
stellt von  Jürgen  Bona  Meyer  (Aristoteles  Thierkunde,  ein  Beitrag  zur  Geschichte  der  Zoologie, 
Physiologie  und  alten  Philosophie  1855).  —  TJeber  den  Charakter  der  Aristotelischen  Philo- 
sophie hat  zuerst  Fr.  Baco  unbefangene  Ansichten  zu  äussern  gewagt;  in  eingehendster  und 
anziehendster  Weise  ist  die  Philosophie  des  Aristoteles  auseinandergesezt  von  Zeller  (die 
Philosophie  der  Griechen,  eine  Untersuchung  über  Character,  Gang  und  Hauptmomente  ihrer 
Entwiklung  1844.  2.  Band  pag.  362—576). 

Die  Hauptwerke  des  Aristoteles,  welche  Naturbeobachtungen  behandeln,  sind: 
Ttegl  £(öcov  lötoQias;  iteQi  fcocov  noqimv  und  nsql  tmav  yaräoeaq;  ferner  sind  zu  beachten: 
Tteql  aLad'rl(}S(ag%a\aladiritäv;  Tteqi pvrmife  nal  ccvafivtjOecog;  fleQl  7tvevnatO£)  ffepl  veörr/tos  wxl 
yiyocogj  TtSQt  yevsoeois  xcug>#ooäg. 


14  Zum  ersten  Abschnitt. 

Hauptpunkte  aus  der  Aristotelischen  Physiologie  (im  Wesentlichen  nach 
J.  B.  Meyer). 

Das  Herz  ist  der  Quell  und  erste  Aufnahmsort  des  Bluts,  von  ihm  gehen  alle  Adern  aus 
und  keine  durchzieht  es.  Es  bereitet  das  Blut  uud  giesst  es  in  die  Adern.  Venen  und  Arterien 
werden  nicht  unterschieden.  Das  Blut  ist  der  Nährstoff  für  den  ganzen  Körper,  in  den  obern 
Theilen  ist  es  reiner,  in  den  untern  diker.  Es  ist  warm  durch  die  dem  Herzen  eingeborene 
Wärme.  Jndem  diese  Wärme  das  Blut  im  Herzen  kocht,  entsteht  eine  Aufdampfung,  welche 
eine  Hebung  des  Herzens  (die  beständige  Pulsation)  bewirkt  und  die  Bewegung  des  Blutes 
bewerkstelligt.  —  Das  Herz  ist  zugleich  der  Siz  der  empfindenden  Seele  und  der  Ursprung 
aller  Empfindung.  Die  Sinnesorgane  stehen  darum  mit  dem  Herzen  mittelst  Gängen 
(Poren)  in  Verbindung.  —  Das  Herz  ist  dadurch  das  Hauptorgan  des  Körpers,  seine  Acropolis, 
liegt  eben  darum  in  der  geschüzten  Mitte  und  in  edler  Richtung  mehr  nach  vorn  gekehrt  und 
ist  auch  durch  seine  Gestalt  zu  vielseitiger  Thätigkeit  geschikt.  Es  fehlt  bei  keinem  Thiere 
und  hat  bei  den  Grösseren  drei  Höhlen. 

Nächst  dem  Herzen  ist  das  wichtigste  Organ  das  Gehirn.  Dasselbe  ist  kalt  und  dient 
dazu,  die  Hize  des  Herzens  abzukühlen.  Darum  enthält  es  auch  kein  Blut.  Nur  die  umge- 
bende Haut  schikt  einige  Aederchen  hinein,  um  die  Kälte  zu  mildern.  Das  Gehirn  ist  ohne 
Empfindung,  reinigt  aber  das  Blut  für  die  Organe  der  Kopfsinne. 

Auch  das  Athmen  dient  zur  Abkühlung  des  Blutes,  und  die  Wichtigkeit  der  betreffenden 
Organe  bemisst  sich  daher  bei  den  Thieren  je  nach  deren  Wärmegrad.  Die  blutreichen  Thiere 
bedürfen  eines  leicht  in  den  ganzen  Körper  eindringenden  Mediums,  und  ein  solches  ist  die 
Luft.  Sie  besizen  daher  Lungen  und  Luftröhre.  Die  vom  Herzen  ausgehende  Hebung  des 
Brustkorbes  zieht  das  Einströmen  der  Luft  nach  sich  und  da  die  eingezogene  Luft  kälter  ist, 
so  kühlt  sie  das  Herz  ab.  Die  Lungen  functioniren  einem  Blasebalg  ähnlich.  Die  Luftröhre 
ist  der  Canal  für  die  ein-  und  ausströmende  Luft ;  der  Kehldekel  verhindert  das  Eindringen 
der  Speisen.     Von  der  Luftröhre  wird  auch  die  Stimme  gebildet. 

Den  Bedarf  für  das  thierische  Leben  bereiten  die  Ernährungsorgane,  die  für  die  Existenz, 
nicht  aber  für  die  schöne  Existenz  wichtig  sind.  Sie  haben  eine  untergeordnete,  theils  tiefe, 
theils  seitliche,  theils  wie  die  Speiseröhre,  hintere  Lage.  Nur  der  Mund  macht  eine  Aus- 
nahme. Die  Nahrung  muss  eine  gemischte  sein ;  besonders  nahrhaft  aber  ist  das  Süsse,  und 
nach  diesem  das  Fette.  Jenes  wird  zu  Fleisch  verwandelt  und  süsses  Blut  gilt  daher  für 
gesundes.  Alle  Nahrung  muss  flüssig  werden,  denn  nur  durch  Flüssiges  nimmt  der  Körper  zu. 
Die  Verflüssigung  geschieht  durch  die  Wärme.  Der  Nahrungsbrei  gelangt  mittelst  Ver- 
dampfung durch  die  kleinen  Adern  des  Gekröses  in  grössere  und  von  da  als  Blutwasser  zum 
Herzen,  wo  durch  Kochung  Blut  daraus  wird.  Den  besten  und  reinsten  Stoff  erhalten  Fleisch 
und  Sinnesorgane,  die  ersten  Ueberbleibsel  die  Knochen,  den  lezten  Ueberschuss  die  Haare 
und  die  übrigen  Theile. 

Die  Leber  ist  ein  unterstüzendes  blutbereitendes  Organ,  ebenso  die  Milz,  welche  die 
Fähigkeit  hat,  das  Flüssige  aus  dem  Magen  anzuziehen  und  da  sie  bluthaltig  und  warm  ist, 
es  zu  kochen.  Die  Galle  ist  eine  bedeutungslose  Ausscheidung  und  unnöthig,  sobald  die  Leber 
ihrer  Function  der  Blutbereitung  genügt. 

Die  Ausscheidung  des  Harns  rührt  davon  her,  dass  zur  Abkühlung  der  Lunge  viel  ge- 
trunken werden  muss. 

Alle  diese  Organe  haben  noch  den  mechanischen  Zwek,  dass  sie  Ankern  gleich  die 
Adern  festhalten  müssen. 

Auch  die  selbständige  Bewegung  des  Körpers  wird  durch  das  Herz  vermittelt,  aber  auch 
durch  Vorsaz  und  Begierde  begründet ;  zu  dem  Ende  haben  die  Sehnen  im  Hei  zen  ihr  Princip.  Das 
Fleisch,  wenn  auch  zur  Bewegung  behilflich,  ist  doch  nicht  unbedingt  nöthig ;  denn  die  Aug- 
lider besizen  es  nicht.  Die  harten  Theile  sind  den  weichen  stets  untergeordnet  und  um  dieser 
willen  da,  bald  als  Stüze,  bald  als  Hülle. 

Bemerkungen,  welche  sich  auf  pathologische  Verhältnisse  beziehen, 
finden  sich  nur  sparsam  bei  Aristoteles.  Grüner  hat  dieselben  in  seiner  Bibliothek  der  alten 
Aerzte  (Band  2.  pag.  535 — 578)  gesammelt.     Die  wichtigsten  derselben  sind: 

Das  Blut  fliesstbeim  lebenden  Thiere  überall  aus,  wo  man  einen  Einschnitt  macht.  Wenn 
es  gesund  ist,  so  ist  es  süss  und  von  rother  Farbe;  das  fehlerhafte  aber  ist  schwärzer.  Das 
gute  Blut  ist  weder  zu  dik,  noch  zu  dünn;  sobald  es  aber  herauskommt,  gerinnt  es  völlig, 
wenn  es  nicht  abnorm  ist. 

Wo  Blutmangel  vorhanden  ist,  oder  das  Blut  zu  reichlich  weggelassen  wird,  entsteht 
Unmacht.     Bei  zu  grossem  Verlust  erfolgt  der  Tod.     Ist  das  Blut  zu  wässerig,  so  wird  der 


Aristoteles.  1 5 

Mensch  krank,  und  es  kann  so  dünn  werden,  wie  Wasser,  und  als  blutiger  Sehweiss  ausge- 
schwizt  werden.  Bei  Einigen  gerinnt  das  herausgelassene  Blut  gar  nicht,  oder  nur  zum  Theil. 
Bei  den  Schlafenden  ist  in  den  äusseren  Theilen  weniger  Blut,  so  dass  es  bei  Einschnitten 
nicht  ausfliesst. 

Das  krankhafte  Blut  bewirkt  Blutflüsse  aus  der  Nase,  aus  dem  After  und  den  Krampf- 
adern.   Das  im  Körper  faulende  Blut  wird  Eiter;  aus  dem  Eiter  aber  entsteht  Verhärtung. 

Bei  jungen  Individuen  ist  das  Blut  dünn  und  reichlich,  bei  alten  dik,  schwarz  und  sparsam. 

Ichor  ist  unbereitetes  Blut,  das  nicht  gehörig  verändert  oder  zu  sehr  verdünnt  ist. 

Das  Pochen  des  Herzens  ist  ein  Zusammendrüken  der  im  Herzen  enthaltenen  Wärme 
durch  übermässige  oder  auflösende  Erkältung ;  so  z.  B.  bei  der  Furcht;  denn  die  sich  fürchten, 
werden  an  den  obern  Theilen  kalt,  die  zurükgehende  Wärme  verursacht  die  Bewegung,  und 
das  Herz  zieht  sich  so  zusammen,  dass  manchmal  die  Thiere  aus  Furcht  sterben. 

Das  Pulsiren  des  Herzens,  welches  immer  fortdauert,  ist  der  schmerzhaften  Bewegung 
gleich,  welche  die  Knoten  verursachen,  weil  eine  widernatürliche  Veränderung  im  Blute  be- 
steht. Das  hält  so  lange  an,  bis  die  stokende  Feuchtigkeit  in  Eiter  verwandelt  ist.  Das 
Uebel  ist  dem  Aufbrausen  ähnlich. 

Allen  Thieren  ist  Entstehen  und  Sterben  gemein ;  die  Arten  aber  sind  verschieden. 

Wenn  die  Lungen  durch  die  Länge  der  Zeit  verhärtet  und  eingetroknet  und  die  Erdtheile 
in  ihnen  angehäuft  sind,  so  können  sich  dieselben  nicht  bewegen,  weder  ausdehnen,  noch  zu- 
sammenziehen, und  so  verlöscht  endlich  das  Feuer.  Daher  ist  der  Tod  im  Alter  schmerzlos 
und  erfolgt  ohne  einen  gewaltigen  Zufall,  und  die  Trennung  der  Seele  geschieht  ganz  ohne 
Empfindung.  Auch  in  Krankheiten,  bei  welchen  die  Lunge  von  Knoten,  oder  von  Ueber- 
ladung,  oder  von  Uebermaass  krankhafter  Wärme  hart  wird,  ist  der  Athem  schnell,  weil  die 
Lunge  sich  nicht  sehr  ausdehnen  und  zusammenziehen  kann,  und  endlich  wenn  sie  sich  nicht 
mehr  bewegen  kann,  erfolgt  der  Tod  unter  Ausathmen. 

Der  Schlaf  folgt  meistens  auf  die  Mahlzeit;  dann  geht  viele  materielle  Feuchtigkeit  nach 
oben,  häuft  sich  daselbst  an,  macht  den  Kopf  schwer  und  bewirkt  das  Einschlafen.  Wenn  aber 
dieselbe  nach  unten  geht  und  abwechselnd  die  Wärme  zurükstösst,  so  erfolgt  der  Schlaf,  und 
das  Thier  schläft  fest. 

Ueberhaupt  sind  diejenigen  zum  Schlafe  aufgelegt,  die  tiefliegende  Adern  haben,  die 
Zwerge  und  die  Grossköpfigen ;  hingegen  die  sehr  herausliegende  Adern  haben,  sind  wegen 
Weite  der  Adern  nicht  schläfrig,  wenn  nicht  ein  anderer  Zufall  da  ist ;  auch  die  Schwer- 
müthigen  nicht,  weil  die  innern  Theile  kalt  sind. 

Im  Schlafe  ruhen  die  Sinne  nicht,  und  jedes  Thier  kann  noch  empfinden.  In  TJnmachten 
geschieht  das  Gleiche;  auch  in  einigen  Arten  des  Wahnsinns.  Ferner  werden  diejenigen 
fühllos,  denen  die  Halsadern  zugeschnürt  sind. 

Nicht  jedes  Unvermögen,  zu  empfinden,  ist  Schlaf ;  denn  Narrheit,  Erstikung  und  Un- 
macht  erregt  auch  dergleichen  Unvermögen.  Einige,  die  in  starker  Unmacht  lagen,  haben 
auch  schon  Vorstellungen  gehabt,  und  obwohl  sie  todt  zu  sein  schienen,  sahen  sie  vielerlei  Dinge. 

Alle  schlafmachenden  Mittel  machen  eine  gewisse  Schwere  im  Körper ;  einige  Krankheiten, 
die  vom  Uebermaass  der  Feuchtigkeit  und  Wärme  herrühren,  thun  dasselbe.  So  geschieht  es 
bei  Fieberkranken  und  Schlafsüchtigen.  Ebenso  verhält  es  sich  im  frühesten  Alter,  denn  die 
kleinen  Kinder  schlafen  viel,  weil  alle  Nahrung  nach  oben  geht.  DerBeweisist,  weil  in  diesem 
Alter  die  obern  Theile  im  Verhältniss  zu  den  untern  grösser  sind.  Aus  derselben  Ursache 
sind  sie  auch  der  Fallsucht  mehr  unterworfen,  denn  der  Schlaf  ist  etwas  der  Fallsucht  Aehn- 
liches  und  gewissermaassen  eine  Fallsucht.  Daher  bekommen  auch  Viele  während  des 
Schlafes  den  eisten  Anfall  von  dieser  Krankheit,  im  Wachen  aber  nicht.  Denn  wenn  viele 
Dünste  nach  oben  und  wieder  herab  gehen,  so  treiben  sie  die  Adern  auf  und  drüken  die 
Oeffnungen,  durch  welche  die  Ausdünstung  geschieht,  zusammen.  Desshalb  taugt  den  Kin- 
dern der  Wein  nichts,  auch  den  Ammen  nichts,  denn  der  Wein  ist  geistig,  zumal  der  rothe. 
Die  obern  Theile  sind  bei  den  Kindern  so  voll  Nahrung,  dass  sie  ganze  fünf  Monate  lang  den 
Hals  nicht  umdrehen  können.     Wie  bei  Betrunkenen  geht  viele  Feuchtigkeit  in  die  Höhe. 

Besonders  viel  hat  sich  Aristoteles  mit  den  sexuellen  Verhältnissen,  mit  dem  Beischlaf, 
der  Zeugung  und  den  darauf  bezüglichen  Erscheinungen,  mit  der  monatlichen  Reinigung,  der 
Empfäugniss,  Schwangerschaft  und  Geburt,  sowie  mit  hereditären  und  angebornen  Krank- 
heiten, auch  mit  dem  Verhalten  der  Neugebornen  und  der  Kinder  im  ersten  Lebensjahre  be- 
schäftigt.    Doch  sind  diese  Angaben  weniger  von  allgemeinem  Interesse. 

Ueber  Haare,  ihr  Ausfallen,  Grauwerden  und  Nachwachsen,  über  die  Entstehung  der 
Läuse  auf  den  Köpfen  trifft  mau  mehrere  theils  richtige,  theils  auch  völlig  falsche  Angaben. 


\Q  Zum  ersten  Abschnitt. 

Theophrastus  Eresius. 

Von  Theophrastus  Schriften  sind  hervorzuheben : 

•rtsQl  tijc,  täv  q>vt(7>v  latoQiag,  Geschichte  der  Pflanzen,  neun  Bücher;  itsQl  g>vtiy.cöv  alricov, 
von  den  Ursachen  der  Pflanzen,  sechs  Bücher;  TtsQi  liß-av,  von  den  Steinen;  itEQi  avBfUov ; 
jtSQi  orjutiaiv  vbdratv  v.a.1  jtvtvfiatov,  avBftav,  %£ißä>vnc,  v.aX  sodiag,  de  signis  aquarum,  ven- 
torum,  flatuum,  tempestatis  et  tranquillitatis  ;  tt^oI  7fi;pöe,  de  igne  ;  rtsyl  6<Sf.i(öv,  de  odoribus  ; 
Tfeot  idQcaTcüT,  de  sudoribus ;  HsqI  iXiyyav,  de  vertiginibus ;  itsQi  nöitav,  de  lassitudinibus ; 
itBQi  T»Jg  xwv  iy&vav  nv  £^<p  dia/iovijß,  de  piscibus  in  sicco  degentibus. 

Dieselben  sind  von  verhältnissmässig  geringer  Bedeutung. 

In  seiner  Schrift  über  den  Schweiss  wird  derselbe  als  gesalzen,  sauer  oder  übelriechend 
bezeichnet ;  ausserdem  der  warme  und  der  kalte  unterschieden,  und  es  werden  manche  Stör- 
ungen von  den  Abweichungen  des  Schweisses  abgeleitet,  vornemlich  Hautkrankheiten. 

Sodann  werden  die  Ursachen  des  abnormen  Schweisses  und  der  krankhaften  Geneigtheit 
zum  Schweisse  untersucht,  wobei  einzelne  richtige  Bemerkungen  sich  finden. 

In  Betreff  des  Schwindels  sind  nur  wenige  Angaben  von  Theophrastus  vorhanden.  Auch 
das  über  Ermüdung,  Lähmung,  Leipopsychie  und  Erstikung  Angeführte  beschränkt  sich  grössten- 
theils  auf  Beobachtungen,  welche  jedem  Laien  zugänglich  sind. 

Die  späteren  Autoren  der  griechischen  Zeit. 

Von  den  späteren  medicinischen  Schriften  des  griechischen  Alterthums  ist  so  gut  wie 
nichts  erhalten.  Wir  kennen  diese  Autoren  nur  aus  secundären  Quellen,  aus  den  Schriften 
der  römischen  Periode.     Doch  scheint  der  Verlust  ein  nicht  sehr  beklagenswerther. 

Ueber  H  erophilus  hat  Marx  die  Fragmente  und  Citate  gesammelt  (Herophilus,  ein 
Beitrag  zur  Geschichte  der  Medicin  von  K.  J.  H.  Marx.  1838). 

Von  Nicander  existiren  noch  zwei  Gedichte  in  Hexametern:  über  giftige  Thiere  und 
Gegengifte. 


ZUM  ZWEITEN  ABSCHNITT. 


Die  griechischen  Aerzte  im  alten  Rom  und  ihr  Ruf. 

Es  war  in  Rom  eine  schlechte  Empfehlung  für  die  Medicin,  dass  sie  hauptsächlich  von 
Griechen  ausgeübt  wurde.  Die  Abneigung  der  Catonischen  Zeit  gegen  das  griechische  Wesen 
hat  noch  lange  fortgedauert,  und  selbst  als  die  griechische  Bildung  in  die  Mode  gekommen 
war,  wurde  mit  unverholener  Geringschäzung  von  den  Griechen  und  ihrem  Treiben  geurtheilt. 
Die  Bereitwilligkeit  dieses  Volks  zu  allen  Diensten  und  die  Missachtung  derselben  von  Seiten 
der  Römer  kann  nicht  anschaulicher  ausgedrükt  werden,  als  in  der  Stelle  von  Juvenal  (Sa- 
tira  III.  74—78) : 

Ede  quid  illum 

Esse  putes:  quem  vis  hominem,  secum  attulit  adnos  : 

Grammaticus,  rhetor,  geometres,  pictor,  aliptes, 

Augur,  schoenobates,  medicus,  magus.  Omnia  novit 

Graeculus  esuriens;  in  coelum,  jusseris,  ibit. 

Celsus. 

Celsus'  8  Bücher  über  Medicin  enthalten  die  erste  Pathologie  nach  Hippocrates,  welche 
auf  uns  gekommen  ist.  Darin  liegt  die  Bedeutung  des  Werks.  In  der  That  ist  der  Abstand 
zwischen  dem  Griechen  und  dem  referiren den  Römer  höchst  beträchtlich  und  zeigt  uns,  dass  die 
Medicin  troz  aller  theoretischen  Verwirrung  an  positivem  Material  in  den  dazwischen  liegenden 
vier  Jahrhunderten  nicht  unbedeutend  sich  bereichert  hat.  Es  hat  sich  dieselbe  aus  losen 
Bemerkungen  zu  einer  zusammenhängenden  Wissenschaft  gestaltet,  deren  Luken  dem  unkun- 
digen Auge  um  so  mehr  sich  verbergen  konnten,  da  die  Thatsachen  und  die  willkürlichen 
und  hypothetischen  Annahmen  aufs  Engste  sich  verflechten  und  leztere  meist  in  der  Form 
und  mit  den  Ansprüchen  der  erstem  dargestellt  wurden. 

Einige  Proben  aus  Celsus'  Werken  mögen  ein  Bild  seiner  Art  geben : 

Ueber  die  Fieber  (lib.  III.  cap.  3): 

Sequitur  curatio  febrium,  quod  et  in  toto  corpore  et  vulgare  maxime  morbi  genus  est. 
Ex  his  una  quotidiana,  altera  tertiana,  altera  quartana  est :  interdum  etiam  longiore  circuitu 
quaedam  redeunt,  sed  id  raro  fit.  In  prioribus  et  morbi  sunt,  et  medicina.  Et  quartanae 
quidem  simpliciores  sunt.  Incipiunt  fere  ab  horrore,  deinde  calor  erumpit,  finitaque  febre 
biduum  integrum  est :  ita  quarto  die  revertitur.  Tertianarum  vero  duo  genera  sunt.  Alterum 
eodem  modo,  quo  quartana,  et  incipiens,  et  desinens,  illo  tantum  interposito  discrimine,  quod 
unum  diem  praestat  integrum,  tertio  redit.  Alterum  longe  perniciosius,  quod  tertio  quidem 
die  revertitur,  ex  octo  autem  et  quadraginta  horis  fere  sex  et  triginta  per  accessionem  occupat 
(interdum  etiam  vel  minus  vel  plus),  neque  ex  toto  in  remissione  desistit,  sed  tantum  levius 
est.  Id  genus  plerique  medici  ^fiitgtraiov  appellant.  Quotidianae  vero  variae  sunt  et  mul- 
tiplices.  Aliae  enim  protinus  a  calore  incipiunt,  aliae  a  frigore,  aliae  ab  horrore.  Frigus  voco, 
ubi  extremae  partes  membrorum  inalgescunt,  horrorem,  ubi  totum  corpus  intremit.  Rursus 
aliae  sie  desinunt,  ut  ex  toto  sequatur  integritas,  aliae  sie,  ut  aliquantum  quidem  minuatur 
ex  febre,  nihilo  minus  tarnen  quaedam  reliquiae  remaneaut,  donec  altera  accessio  accedat 
(ac  saepe  aliae  vix  quiequam  aut  nihil  remittant,  sed  continuent).  Deinde  aliae  fervorem  in- 
gentem  habent,  aliae  tolerabilem:  aliae  quotidie  paressunt,  aliae  impares,  atqueinvicem  altero 
die  leniores,  altero  vehementiores :  aliae  tempore  eodem  postridie  revertuntur,  aliae  vel  serius, 
vel  celerius:  aliae  diem  noctemque  accessione  et  decessione  implent,  aliae  minus,  aliae  plus: 
aliae  cum  decedunt,  sudorem  movent,  aliae  non  movent ;  atque  alias  per  sudorem  ad  integri- 
tatem  venitur,  alias  corpus  tantum  imbecillius  redditur.  Accessiones  etiam  modo  singulae 
singulis  diebus  fiunt,  modo  binae  pluresve  coneurrunt.  Ex  quo  saepe  evenit,  ut  quotidie  plures 
Belege  zu  Wund  er  lieh's  Gesch.  d.  Med.  2 


18  Zum  zweiten  Abschnitt. 

accessiones  remissionesque  sint,  sie  tarnen,  ut  una  quaeque  alicui  priori  respondeat.  Interdum 
vero  accessiones  quoque  confunduntur,  sie  ut  notari  neque  tempora  earum  neque  spatia  pos- 
sint.  Neque  verum  est,  quod  dicitur  a  quibusdam,  nullam  febrem  inordinatam  esse,  nisi  aut 
ex  vomica  aut  ex  inflammatione  aut  ex  ulcere:  facilior  enim  sempercuratio  foret,  si  hoc  verum 
esset.  Sed  quod  evidentes  causae  faciunt,  facere  etiam  abditae  possunt.  Neque  de  re  sed 
de  verbo  controversiam  movent,  qui,  cum  aliter  aliterque  in  eodem  morbo  febres  accedunt,  non  eas- 
dem  inordinate  redire,  sed  alias  aliasque  subinde  oriri  dieunt;  quod  tarnen  ad  curandirationem 
nihil  pertineret,  etiamsi  vere  diceretur.  Tempora  quoque  remissionum  modo  liberalia,  modo 
vix  ulla  sunt.  Et  febrium  quidem  ratio  maxime  talis  est:  curationum  vero  diversagenera  sunt, 
prout  auetores  aliquos  habent. 

Ueber  den  Schnupfen  (lib.  IV.  cap.  2  u.  3)  : 

Destillat  autem  bumor  de  capite  interdum  in  nares,  quod  leve  est,  interdum  in  fauces, 
quod  pejus  est,  interdum  etiam  in  pulmonem,  quod  pessimum  est.  Siin  nares  destillavit,  tenuis 
per  has  pituita  profluit,  caput  leviter  dolet,  gravitas  ejus  sentitur,  frequentia  sternutamenta 
sunt;  si  in  fauces,  has  exasperat,  tussiculam  movet;  si  in  pulmonem,  praeter  sternutamenta 
et  tussim  est  etiam  capitis  gravitas,  lassitudo,  sitis,  aestus,  biliosa  urina.  Aliud  autem  quam- 
vis  non  multum  distans  malum  gravedo  est.  Haec  nares  claudit ,  vocem  obtundit,  tussim 
siccam  movet ;  sub  eadem  salsa  est  saliva,  sonant  aures,  venae  moventur  in  capite,  turbida 
urina  est.  Haec  omnia  %oqv£ccq  Hippocrates  nominat:  nunc  video  apud  Graecos  in  gravedine 
hoc  nomen  servari :  destillationem  nataatayfiov  appellari.  Haec  autem  et  brevia  et,  si  ne- 
glecta  sunt,  longa  esse  consuerunt.  Nihil  pestiferum  est,  nisi  quod  pulmonem  exuleeravit.  Ubi 
aliquid  ejusmodi  sensimus,  protinus  abstinere  a  sole,  balneo,  vino,  venere  debemus;  inter  quae 
unetione  et  assueto  eibo  nihilo  minus  uti  licet.  Ambulatione  tantum  acri  sed  teeta  utendum 
est,  et  post  eam  caput  atque  os  supra  quinquagies  perfricandum.  Raroque  fit  ut,  si  biduo  vel 
certe  triduo  nobis  temperavimus,  io"  vitium  non  levetur.  Quo  levato,  si  in  destillatione  crassa 
facta  pituita  est,  vel  in  gravedine  nares  magis  patent,  balneo  utendum  est,  multaque  aqua 
prius  calida,  post  egelida  fovendum  os  caputque,  deinde  cum  eibo  pleniore  vinum  bibendum. 
At  si  aeque  tenuis  die  quarto  pituita  est,  vel  nares  aeque  clausae  videntur,  assumendum  est 
vinum  Aminaeum  austerum,  dein  rursus  biduo  aqua;  post  quae  ad  balneum  et  ad  con- 
suetudinem  revertendum  est.  Neque  tarnen  illis  ipsis  diebus,  quibus  aliqua  omittenda  sunt, 
expedit  tanquam  aegros  agere,  sed  cetera  omnia  quasi  sanis  facienda  sunt,  praeterquam  si 
diutius  aliquem  et  vehementius  ista  sollicitare  consuerunt:  huic  enim  quaedam  curiosior  obser- 
vatio  necessaria  est.  Igitur  huic,  si  in  nares  vel  in  fauces  destillavit,  praeter  ea,  quae  supra 
rettuli,  protinus  primis  diebus  multum  ambulandum  est,  perfricandae  vehementer  inferiores 
partes,  levior  frictio  adbibenda  thoraci  (erit),  levior  capiti,  demenda  assueto  eibo  pars  dimidia, 
sumenda  ova,  amylum  similiaque ,  quae  pituitam  faciunt  crassiorem:  siti  contra,  quanta 
maxima  sustineri  potest,  pugnandum.  Ubi  per  haec  idoneus  aliquis  balneo  factus  eoque  usus 
est,  adjiciendus  est  eibo  pisciculus  aut  caro,  sie  tarnen  ne  protinus  justus  modus  eibi  sumatur; 
vino  meraco  copiosius  utendum  est.  At  si  in  pulmonem  quoque  destillat,  multo  magis  et  am- 
bulatione et  frictioue  opus  est ;  eademque  adhibita  ratione  in  eibis,  si  non  satis  Uli  proficiunt,  acri- 
oribus  utendum  est,  magis  somno  indulgendum,  abstinendumque  a  negotiis  omnibus ;  aliquando 
sed  serius  balneum  tentandum.  In  gravedine  autem  primo  die  quiescere,  neque  esse  neque 
bibere,  caput  velare,  fauces  lana  circumdare,  postero  die  surgere,  abstinere  a  potione,  aut  si 
res  coegerit,  non  ultra  heminam  aquae  assumere,  tertio  die  panis  non  ita  multum  ex  parte 
interiore  cum  pisciculo  vel  levi  carne  sumere,  aquam  bibere.  Si  quis  sibi  temperare  non  po- 
tuerit,  quominus  pleniore  victu  utatur,  vomere;  ubi  in  balneum  ventum  est,  multa  calida  aqua 
caput  et  os  fovere  usque  ad  sudorem,  tum  ad  vinum  redire.  Post  quae  vix  fieri  potest,  ut  idem 
incommodum  maneat,  sed  si  manserit,  utendum  erit  eibis  frigidis,  aridis,  levibus,  humore  quam 
minimo,  servatis  frictionibus  exercitationibusque,  quae  in  omni  tali  genere  valetudinis  ne- 
cessariae  sunt.  — 

Dioscorides. 

Pedacius  (Pedanius)  Dioscorides  hat  uns  (nach  Choulant's  Handbuch  der  Bücherkunde, 
pag.  76)  folgende  Schriften  hinterlassen : 

TtSQi  v^iji  latQiHTJg,  de  materia  medica,  von  den  Arzneimitteln,  fünf  Bücher,  dem  Areios 
gewidmet,  das  Hauptwerk  des  Dioscorides ,  welches  die  Kräfte  und  öfters  auch  die  Zube- 
reitungen der  Arzneimittel,  besonders  der  vegotabilen  kennen  lehrt. 

rfeot  b^lTjt^Qia>v  q>aQfid.yia>v,  de  venenis,  von  den  Giften,  ein  Buch,  welches  in  den  Aldi- 
neu,  in  der  cölner  und  pariser  Ausgabe,  als  sechtes  Buch  der  Arzneimittellehre  betrachtet 


Aretäus  von  Cappadocien.  19 

■wird,  bei  Saracenus  u.  A.  den  Titel  Alexipharmaca  führt ;  es  enthält  die  Beschreibung  von 
Giften  und  den  dagegen  anzuwendenden  Mitteln. 

7te(jl  iößä&av,  de  venenatis  animalibus,  von  den  giftigen  Thieren. 

nsQi  evTtoQLorav  änküv  rs  Kai  aw&etmv  tpaQfiäticov,  de  facile  parabilibus  medicamentis, 
tarn  simplicibus  quam  compositis. 

Dioscorides  war  die  höchste  und  fast  einzige  Autorität  in  pharmacologischen  und  bota- 
nischen Dingen  bis  in  das  Zeitalter  der  Reformation.  Seine  wenig  correcte  Darstellung  ver- 
folgt durchaus  nur  medicinische  Zweke  und  die  uaturhistorischen  Notizen  sind  von  der 
äussersten  Dürftigkeit. 

Aretäus  von  Cappadocien. 

Einer  der  besten  practischen  Schriftsteller  der  römischen  Periode  ist  Aretäus  Cappadox. 

Das  von  ihm  Erhaltene  sind  zwei  Werke,  das  eine  pathologisch,  das  andere  therapeutisch : 

itt-Qi  aluwv  Kai  orj/ieicov  o£ia>v  Kai  y^qoviutv  ita&öJv,  de  causis  et  signis  acutorum  et  diutur- 
norum  morborum,  von  den  Ursachen  und  Zeichen  der  hizigen  und  langwierigen  Krankheiten, 
vier  Bücher,  wovon  zwei  den  hizigen,  zwei  den  langwierigen  Krankheiten  gehören;  im  ersten 
Buche  fehlen  die  4  ersten  und  ein  Theil  des  5.  Capitels,  auch  kommen  noch  manche  andere 
Luken  vor. 

ite(j\  degarteiag  p£6tov  Kai  %QOvt(av  rta&aiv,  de  curatione  acutorum  et  diuturnorum  mor- 
borum, von  der  Heilung  hiziger  und  langwieriger  Krankheiten,  ebenfalls  vier  Bücher  mit 
vielen  Luken. 

Folgende  2  Proben  (nach  der  Uebersezung  vonDewez)  mögen  ein  Bild  sowohl  derpatho- 
logischen  Auffassung,  als  auch  seiner  Anleitung  zum  Heilverfahren  geben: 

Die  Cholera  ist  ein  zurüktretender  Zufluss  der  in  dem  ganzen  Körper  enthaltenen 
Substanz  nach  dem  Schlünde,  dem  Magen  und  dem  Gedärme;  ein  überhaupt  sehr  rasches  und 
gefährliches  Uebel.  Von  oben  geht  alles,  was  der  Magen  in  sich  gesammelt,  durchs  Erbrechen 
heraus  :  durch  den  Stuhlgang  aber  ergiessen  sich  die  in  dem  Gedärme  enthaltenen  Säfte. 
Ein  Beweis  dessen  ist,  dass  das,  was  durchs  Erbrechen  herausstürzet,  wässericht;  was  aber 
durch  den  Stuhlgang  gehet,  wässerig  und  stinkendes  Koth  ist.  Langwierige  TJnverdauung  ist 
dessen  Ursache.  Wenn  nun  die  ersten  Ausleerungen  solcher  Materien  vorüber  sind,  so  kommen 
schleimichte,  und  sodann  galligte  nach.  Im  Anfange  zwar  geht  alles  leicht  und  ohne  Schmerzen ; 
nachgehens  aber  geschieht  diess  alles  mit  Krämpiüngen  des  Magens  und  Grimmen  im  Bauche. 

Wenn  aber  das  Uebel  noch  zunimmt,  so  wird  das  Grimmen  heftiger,  und  es  erfolgen  Ohn- 
macht, Nachlassung  der  Glieder,  und  Widerwillen  für  allem  Essen.  Und  falls  sie  etwas  nehmen, 
so  ensteht,  mit  Ekel,  ein  gewaltiges  Erbrechen  stark  gallicht  gefärbter  Materien,  und  der 
Stuhlgang  ist  ebenso  beschaffen.  Hierauf  äussern  sich  Zukungen  und  Krämpfe  der  Mäuseln 
an  Arm  und  Beinen  ;  die  Finger  werden  eingezogen  ;  sie  bekommen  Schwindel  und  Schluksen, 
singultus ;  die  Nägeln  werden  bleifarbig ;  die  Extremitäten  sind  kalt,  und  Schauer  verbreitet 
sich  über  ihren  ganzen  Körper. 

Wenn  endlich  das  Uebel  tödtlich  wird,  so  schwizet  der  Mensch;  schwarze  Galle  geht  von 
oben  und  unten;  der  Krampf,  spasmus,  hält  den  Urin  zurük,  welcher  sich  aber  ohnehin  wenig 
sammelt,  weil  alle  Feuchtigkeit  durch  den  Stuhlgang  aus  dem  Körper  geschaft  wird.  Die 
Stimme  bleibt  aus ;  der  Puls  ist  sehr  klein,  und  gedrängt,  wie  in  der  Syncope ;  es  plaget  sie 
beständiges  und  eitles  Recken  zum  Erbrechen;  und  Zwang  ohne  Erfolg.  Endlich  erfolgt  ein 
schmerzvoller  und  sehr  rascher  Tod,  mit  Krämpfungen,  Beängstigung  und  Recken.  Es  er- 
scheint diese  Krankheit  im  Sommer  am  meisten ;  nachgehends  im  Herbste ;  im  Frühlinge 
weniger ;  im  Winter  aber  am  allerwenigsten.  Was  das  Lebensalter  anbelanget,  so  sind  Jüng- 
linge und  Männer  derselben  am  meisten  unterworfen,  alte  Leute  am  wenigsten ;  die  Kinder 
aber  mehr  als  diese  alle  ;  doch  ist  sie  bei  leztern  nicht  tödtlich.  (Fünftes  Capitel  des  Werkes : 
de  signis  acutorum). 

Behandlung  der  Cholera  oder  des  Gallenflusses. 

Das  Hemmen  der  Ausleerungen  ist  bei  der  Cholera  übel ;  denn  sie  sind  nicht  verkocht. 
Wir  müssen  also  dieser  Ausleerung  ruhig  zusehen,  wenn  sie  von  selbst  leicht  geht;  wo  nicht, 
so  müssen  wir  dieselbe  befördern,  da  wir  nemlich  dem  Kranken  unausgesezt  lauliches  Wasser 
zu  trinken  geben;  wenig  aber  auf  einmal,  damit  der  Magen  nicht  durch  eitle  krämpfige  Spann- 
ungen geplagt  werde.  Wenn  sie  aber  über  Grimmen  klagen,  und  die  Füsse  kalt  sind,  so  muss 
zu  Beförderung  der  Winde  der  Bauch  mit  warmem  Oehle.  worin  Raute  und  Kümmel  gesotten 
worden,  begossen  und  eingeschmiert,  und  Wolle  darauf  gelegt  werden;  und  da  man  die  Füsse 
salbet,  muss  dieses  mehr  mit  sanftem  Streicheln  als  Reiben,  und  zwar  die  Wärme  wieder  zu 

2* 


20  Zum  zweiten  Abschnitt. 

erweken  bis  an  die  Knie  vorgenommen  werden.  Diess  alles  aber  muss  so  fortgeschehen,  so  lange 
Koth  durch  den  Stuhlgang,  und  Galle  oberjaus  durch  das  Erbrechen  geht. 

Wenn  aber  endlich  aller  verlegene  Koth  weggegangen,  und  nun  sonst  nichts  als  blosse 
Galle  durch  den  Stuhlgang  und  das  Erbrechen  geht ;  Anspannung  aber,  Recken,  Beängstigung 
und  Mattigkeit  vorhanden  ist,  so  müssen  zween  oder  drei  Becher  kaltes  Wasser,  sowohl  die 
Gedärme  zu  befestigen,  und  dadurch  den  Zufluss  zu  hemmen,  als  auch  das  Brennen  des  Ma- 
gens zu  dämpfen,  gegeben  werden.  Und  dieses  muss  man,  wenn  er  das  genommene  Wasser 
wieder  brechen  sollte,  öfters  wiederholen ;  denn  es  wird  das  was  kalt  ist  leicht  in  dem  Magen 
erwärmet.  Nun  aber  bricht  der  Magen  von  Kälte  und  Wärme  belästigt;  doch  verlangt  er  immer 
kalten  Trank. 

Wenn  nun  auch  der  Puls  immer  kleiner,  und  zugleich  schnell,  und  gedrängt  wird,  der 
Schweiss  sich  an  der  Stirne  und  den  Schlüsselbeinen  zeigt,  und  am  ganzen  Körper  in  Tropfen 
fliesst,  der  Durchbruch  sowohl  als  das  Erbrechen  vom  Magen  mit  Spannung  und  Ohnmacht  noch 
immer  anhalten,  so  muss  man  etwas  wenig  eines  wohlriechenden  und  herben  Weines  in  das  kalte 
Wasser  einträufeln,  damit  dieser  die  Sinne  sowohl  durch  seinen  Geruch  erweke,  als  auch  den 
Menschen  durch  seine  Kraft  stärke,  und  endlich  den  Abgang  an  dem  Körper  durch  seine  nahr- 
haften Theile  ersetze.  Denn  so  schnell  als  der  Wein  zu  den  obern  Theilen  steiget,  eben  so 
geschwind  hemmt  er  auch  den  Rükfiuss  nach  dem  Gedärme.  Denn  vermög  seiner  Subtilität  und 
Flüchtigkeit  breitet  er  sich  leicht,  die  Natur  zu  stärken,  allenthalben  aus ;  und  vermög  der  ihm 
eigenen  Stärke  kann  er  die  messenden  Kräfte  beschränken.  Man  kann  auch  zuweilen  etwas 
von  frischem  und  geröstetem  Mehle  darunter  mischen. 

Wenn  alles  dringender  zusezt,  der  Schweiss  nämlich,  und  die  Spannung  nicht  allein  des 
Magens,  sondern  auch  der  Nerven,  sich  eitles  Schluchzen  einfindet,  die  Füsse  gestrekt  werden, 
vieles  durch  den  Stuhl  geht,  das  Gesicht  sich  verfinstert,  die  Bewegungen  des  Pulses  aufzu- 
hören beginnen  ;  so  muss  mau  diesen  Uebeln  vorzubeugen  trachten.  Sollten  sie  aber  bereits 
vorhanden  sein,  so  muss  etwas  mehr  Wein,  und  zwar  kalt  gegeben  werden;  doch  nicht  ganz 
pur  in  Rüksicht  auf  die  Berauschung  und  die  Nerven,  sondern  mit  den  Speisen,  und  ausge- 
dunkt.  Man  gibt  ihnen  auch  andere  Nahrung,  solche  nemlich,  wie  ich  sie  bei  derSyncope  vor- 
geschrieben habe;  auch  anziehendes  Obst,  als  Spierlinge,  Nespeln,  Quitten,  und  Trauben. 

Wenn  er  aber  doch  alles  bricht,  und  der  Magen  nichts  behält,  so  muss  man  zu  dem  warmen 
Trank  sowohl  als  Speisen  zurükkommen;  denn  es  hat  diese  Veränderung  bei  manchen  das 
Brechen  gestillet.  Doch  muss  in  diesem  Falle  alles  sehr  warm  gegeben  werden.  Sollte  aber 
von  diesem  allem  nichts  helfen ;  so  muss  zwischen  den  Schultern,  und  unter  dem  Nabel  ein 
Schröpfköpflein  angesezt  werden;  mit  diesen  aber  muss  man  öfters Plaz  wechseln ;  denn,  wenn 
sie  lang  an  einem  Orte  bleiben,  verursachen  sie  Schmerzen,  und  man  ist  vor  Entstehung  von 
Wasserblasen  nicht  gesichert.  Es  hat  auch  zuweilen  die  Bewegung  in  einer  lüftigen  Hutsche 
gute  Dienste  gethan,  als  welche  sowohl  die  Geister  bei  dem  Kranken  beleben,  und  den  Durch- 
bruch der  Nahrung  hemmen,  als  auch  dem  Kranken  einen  leichten  Athem,  und  guten  Puls 
zuwege  bringen  kann. 

Wenn  aber  doch  die  Symptome  noch  ärger  werden  sollten,  so  müssen  auf  dem  Magen  und 
der  Brust  Hilfsmittel  angebracht  werden,  und  zwar  die  nemlichen,  von  welchen  bei  der  Syn- 
cope  Erwähnung  geschehen:  als  in  Wein  aufgelöste  Datteln,  Acacia  und  Hypocistis;  diese  ver- 
mischet man  mit  Rosensalbe,  streichet  sie  auf  ein  Stük  Leinwand,  und  leget  sie  auf  den  Magen. 
Auf  die  Brust  aber  wird  folgendes  gebraucht,  nemlich  Mastix  und  die  Spizen  des  Wermuths 
gepulvert,  welche  man  mit  Narden  oder  Oeucinthesalbe  vermischt,  und  damit  die  ganze  Brust 
beleget.  Wenn  aber  die  Füsse  und  Mäuseln  derselben  gespannt  sind,  so  müssen  sie  mit  Si- 
cyonischem  Most,  und  dem  sogenannten  alten  Oehle  mit  etwas  Wachs  vermischt  geschmieret 
werden,  worunter  doch  auch  etwas  Biebergaile  genommen  wird.  Wenn  sie  aber  auch  kalt 
sein  sollten,  so  müssen  sie  mit  der  aus  Limnestischer  Salzlacke  bereiteten  Salbe  und  derEuphor- 
biensalbe  geschmieret,  sodann  mit  Wolle  eingehüllt,  und  sanft  mit  der  Hand  ausgedehnet  werden. 
Es  müssen  auch  der  Rükrat,  und  die  Mäuseln  sowohl  als  Sehnen  an  den  Kinnbacken  mit  eben 
denselben  eingeschmieret  werden. 

Sollten  nun  der  Schweiss  und  Durchbruch  durch  diese  Mittel  gestillt  werden,  der  Magen 
die  Speisen  annehmen,  und  nicht  mehr  herausbrechen ,  der  Puls  gross  und  stark  werden,  die 
Spannung  nachlassen ,  die  Wärme  aber  alle  Theile  durchgehen,  und  bis  an  die  äussersten 
Gliedmassen  gelangen ,  und  der  Schlaf  alles  verkochen,  so  muss  dem  Kranken  den  zweiten, 
oder  dritten  Tage ,  nachdem  man  ihn  gebadet,  erlaubt  werden  zu  seiner  vorigen  Lebensart 
zurükzukehren.  Sollte  er  hingegen  noch  immer  alles  brechen,  der  Schweiss  unaufhörlich 
fliessen,  der  Mensch  selbst  kalt  und  blass,  der  Puls  immer  schwächer  werden,  und  endlich 


Galen.  21 

ausbleiben,  so  ist  in  diesem  Falle  das  Beste  sich  mit  guter  Art  aus  dem  Spiele  zuziehen, 
(de  curatione  acutorum,  cap.  IV). 

Galen. 

Die  Anatomie  des  Galen,  welche  eine  so  eingewurzelte  und  unbedingte  Herrschaft  sich 
erwarb,  war  zwar  auf  sorgfältige  Untersuchungen  gegründet,  aber  nur  auf  solche  an  Affen 
und  andern  Thieren.  Eiu  menschliches  Skelett  scheint  er  zwar  einmal  in  Egypten  gesehen, 
aber  bei  der  Ausarbeitung  seiner  Osteologie  nicht  mehr  vor  Augen  gehabt  zu  haben.  Daher 
beschreibt  er  einen  Mittelknochen  des  Oberkiefers  und  auch  das  Sternum,  das  Os  sacrum,  die 
Extremitätenknochen  ganz  so,  wie  sie  bei  Affen  sich  finden.  Die  Beschreibung  selbst  zeichnet 
sich  aber  durch  Klarheit  und  Präcision  aus  und  eine  Menge  subtiler  Punkte  am  Knochen- 
system werden  von  ihm  aufs  genauste  auseinandergesezt. 

Die  sehr  vollständige  Myologie  ist  nach  Affen  oder  Hunden  gearbeitet.  Die  Hautmuskeln, 
die  Recti  abdominis  sind  so  im  Einzelnen  beschrieben,  dass  er  sie  vor  Augen  gehabt  haben 
muss,  aber  offenbar  an  Thieren.  Auch  unter  den  Muskeln  sind  sogar  sehr  kleine  (z.  B.  die 
Pterygoidei  externi  und  transversa,  die  6  Augeumuskeln,  die  Muskeln  der  Zunge,  des  Zungen- 
beins, des  Larynx  etc.)  nicht  übergangen  und  selbst  ihre  Leistungen  finden  sich  angegeben. 

In  der  Nervenlehre  theilt  er  die  Nerven  in  Gebirnnerven,  deren  er  7  Paare  (Opticus, 
Oculomotorius,  Ramus  ophthalmicus,  Trigeminus,  Facialis  mit  Acusticus,  Vagus  mit  Glosso- 
pharyngeus  und  Sympathicus,  Hypoglossus)  beschreibt,  und  in  Rükenmarksnerven  (getheilt 
in  Cervical-,  Dorsal-,  Lumbar-  und  Sacralnerven). 

Die  Beschreibung  des  Gehirns  ist  eine  sehr  vollkommene,  aber  passt  auf  das  Gehirn  des 
Ochsen.     Auch  das  kleinste  Detail  ist  nicht  übergangen. 

Die  Gefässlehre  wurde  von  ihm  sehr  gefördert;  doch  sind  hier  Irrthümer,  die  selbst  die 
Section  der  Thierleichen  hätte  beseitigen  können.  Die  Venen  lässt  er  aus  der  Leber  ent- 
springen mit  zwei  Aesten:  Vena  portae  nach  abwärts  und  Vena  cava  nach  aufwärts;  die  Ar- 
terien sollen  sämmtlich  aus  der  linken  Herzhälfte  hervorgehen,  ein  diker  Stamm  (die  Aorta), 
und  ein  dünner  (Vena  pulmonalis).  Das  Herz  besteht  aus  zwei  Kammern,  deren  Zwischen- 
wand eine  Communication  mittelst  Poren  enthält. 

Die  Lungen  sind  parenchymatöse  Organe,  welche  mit  dem  Herzen  communiciren. 

Die  Genitalien  des  Mannes  und  Weibes  hat  er  mit  grosser  Umständlichkeit  beschrieben  ; 
aber  auch  hiebei  in  den  innern  Theilen  nur  Thiere  zum  Objecte  gehabt  (so  spricht  er  von  den 
Hörnern  des  Uterus).  An  den  Hoden  unterscheidet  er  das  Scrotum,  die  Dartos,  die  Tunica 
vaginalis  und  den  Cremaster. 

(Nach  Burggraeve:  precis  de  l'histoire  de  l'anatomie  1840.  pag.  29 — 38). 

Die  Pulslehre  des  Galen  (iteQi  rwv  a<pvyßdäv,  iteQi  dta<po()ü<;  oqßvyßcöv,  Ttsgi  Stayvcäöeio^ 
öq>vypäv,  TieQi  T(ov  iv  toiq  aq'Vyfiol^  atricüv,  itegl  iTQoyv(öaea><;  ötpvyficöv,  övvoipi£Ttt(u o<pvyf.i(öv 
Ibiag  TtQayuaTsiac)  bietet  ein  treffliches  Beispiel  seiner  ganzen  Art,  seines  anatomirenden 
Scharfsinns,  der  jede  Beziehung  des  Gegenstands  zu  verfolgen  weiss,  ihn  von  jeder  Seite  her 
betrachtet,  und  dem  kein  noch  so  entfernt  liegender  Umstand  entgeht,  anderntheils  aber  auch 
seiner  Verirrungen  in  unfassbare  Subtilitäten  und  in  eine  formale  Systematik.  Von  den  vielen 
Beziehungen,  nach  welchen  er  den  Puls  abhandelt,  möge  hier  nur  die  Wichtigste :  die  Ein- 
theilung  des  Pulses  (ifsgl  5(«<pop«£  A.)  stehen.  Er  unterscheidet: 
I.  Absolute  Difterenzen  des  Pulses;  diese  können  sich  beziehen 
A.  auf  einfache  Verhältnisse  und  zwar 

1.  in  Bezug  auf  die  Art  der  Zunahme  der  einzelnen  Pulswelle  : 

pulsus  celer  (ra^rg) 

—  moderatus  (/iieaog) 

—  tardus  (ßQadvc;) ; 

2.  in  Bezug  auf  die  Dimensionen  der  Arterien  in  der  Zeit  der  Diastole,  nemlich 

a)  in  Bezug  auf  die  Länge  der  Pulswelle : 

pulsus  longus  ((UctKoog) 

—  moderatus  (ovfifiaTQog) 

—  -     brevis  (ßQccxi>i) ; 

b)  auf  die  Breite : 

pulsus  latus  (rfAart'g) 

—  moderatus 

—  angustus  (orei'og); 


22  Zum  zweiten  Abschnitt. 

c)  auf  die  Tiefe : 

pulsus  altus  (inf^Aog) 
— -     moderatus 

—  humilis  (rarteivog) ; 

3.  in  Bezug  auf  die  Stärke  des  Pulses : 

pulsus  validus  (evotoöTog); 

—  moderatus 

—  imbecillus  aQQcootog) ; 

4.  in  Bezug  auf  die  Beschaffenheit  der  Arterie: 

pulsus  durus  (öxta/oog) 

—  moderatus 

—  mollis  (jUCtAccxög) ; 

5.  in  Bezug  auf  die  Pause: 

pulsus  rarus  (äpaiog) 

—  moderatus 

—  creber  (rtVKVOi;). 

B.  können  sich  die  Differenzen  auf  complicirte  Verhältnisse  beziehen,  -wobei  Tabellen 
über  combinirte  Pulse  beigebracht  werden. 

II.  Relative  Differenzen  des  Pulses,  d.  h.  der  einzelnen  Pulsschläge  unter  einander  sind 
der  rhythmische  und  unrhytbmische  Puls,  der  aequ  ale  und  unaequale  mit  zahlreichen  Modi- 
fikationen, der  reguläre  und  irreguläre  etc. 

Besonders  hervorzuheben  sind  unter  seinen  Schriften:  de  constitutione  artis  medicae, 
de  anatomicis  administrationibus,  de  usu  partium  corporis  humani,  de  humoribus,  de  morborum 
differentiis,  de  morborum  causis,  de  symptomatum  differentiis,  de  differentiis  febrium,  de  typis 
und  adversus  eos  qui  de  typo  scripserunt,  de  locis  affectis,  die  verschiedenen  Schriften  über  den 
Puls,  de  Crisibus  ,  de  diebus  decretoriis,  de  sanitate  tuenda,  de  alimeutorum  facultatibus, 
mehrere  Schriften  über  Venaesection,  dehirudinibus,  revulsione,  cucurbitulis,  incisione  et  scari- 
ficatione,  quos,  quibus  medicamentis  et  quando  purgare  oporteat,  de  simplicium  medicamen- 
torum  facultatibus,  de  compositione  medicamentorum  secundum  locos,  de  succedaneis  medi- 
camentis und  die  verschiedenen  Commentarien  zu  hippocratischen  Schriften.  —  Es  gibt  keine 
einzige  vollständige  Ausgabe  der  zahlreichen  Werke  Galen's.  Ja  manche  Schriften  desselben 
sind  überhaupt  noch  ungedrukt.  Die  umfassendste  Ausgabe  ist  die  von  Kühn  in  20  (22) 
Bänden  1821 — 1833  mit  lateinischer  Uebersezung. 

Nachgalenische  Periode. 

Die  na  chgalenischen  Autoren  des  römischen  Alterthums  erregen  weder  durch  fac- 
tische  Bereicherung  der  Wissenschaft,  noch  durch  Ausbildung  der  Theorie  Interesse.  Die  auf 
uns  gekommenen  Schriften  siehe  in  Choulant's  Handbuch  der  Bücherkunde  für  die  ältere  Me- 
diän.    2te  Aufl.  pag.  120  ff.  u.  210  ff. 

Wie  bunt  die  Medication  damaliger  Aerzte  war,  lässt  sich  aus  einer  Stelle  von  Lucians 
Schwank :  Tragopodagra  (nach  Wieland's  Uebersezung)  ersehen,  wo  sich  die  Göttin  Podagra 
folgendermaassen  auslässt : 

.  .  .  Zwar  seit  es  Menschen  giebt, 

was  haben  die  Verwegenen  unversucht 

gelassen,  meine  Herrschaft  abzuschütteln? 

Was  für  Mixturen  nicht  gemischt,  für  Kräuter, 

Drogen  und  Salben  gegen  meine  Macht 

nicht  aufgeboten?  Jedermann  versuchts 

auf  einem  andern  Weg  an  mich  zu  kommen. 

Die  einen  stossen  wilden  Portulak,  Salat, 

Schafzung'  und  Eppich,  andre  Andorn  oder 

Froschlöffelkraut,  noch  andre  Nesseln,  Günsel 

und  Wasserlinsen;  andre  kommen  gegen  mich 

mit  Pfersichblättern,  Pastinak  und  Bilsenkraut, 

mit  Mohn  und  Zwiebeln,  Schalen  von  Granaten, 

Flobkraut  und  Weyrauch,  Niesewurz,  Salpeter, 

Johannisbrodt  in  Wein,  Cypressenblättern,  Froschleich 

mit  Linsenbrey,  gekochtem  Kohl,  Fischlacke,  Bollen 

von  wilden  Ziegen,  Menschenkoth  und  Mehl 


Nachgalenische  Periode.  23 

von  Bohnen  und  vom  Stein  von  Assus  angezogen. 

Sie  kochen  Kröten,  Wiesel,  Frösche,  Katzen, 

Eidechsen,  Füchse,  Hircocerten  und  Hyänen. 

Wo  ist  ein  Mineral,  ein  Saft  von  Kräutern 

von  Stauden  und  von  Bäumen,  unversucht 

an  mir  geblieben?     Aller  Thiere  Knochen, 

Sennen  und  Häute,  Fett  und  Blut  und  Koth, 

Mark,  Harn  und  Milch  sind  Waffen  gegen  mich. 

Die  einen  trinken  ein  Decoct  von  vier 

Ingredienzen,  andere  von  achten, 

die  meisten  glauben  au  die  Siebenzahl. 

Der  lässt  durch  ein  unfehlbares  Arcanum  sich 

purgieren,  jener  wird  mit  Anmieten 

und  Zaubersprüchen  um  sein  Geld  geschraubt, 

bei  einem  andern  Narren  hext  ein  Jude 

den  andern  aus;  ja  mancher  sucht  -was  ihn 

curiren  soll,  in  einem  Schwalbenneste. 

Ich  aber  heisse  sie  mit  allen  ihren 

Quaksalbereien  an  den  Galgen  gehen.  .  .  . 

Im  Laufe  der  Zeiten  nahm  der  Unsinn  in  der  mächtigsten  Progression  zu.  Sprengel  (Ver- 
such einer  pragmatischen  Geschichte  der  Arzneikunde  1793  2ter  Theil,  pag.  178)  lässt  sich 
über  Marcellus  Empiricus  aus  Bordeaux  (Leibarzt  und  Magister  officiorum  unter  dem  Kaiser 
Theodosius  L,  von  dessen-  Nachfolger  seines  Amtes  entsezt)  folgendesmaassen  vernehmen : 
„Er  sammlete  eine  Menge  Recepte  und  sogenannter  physischer  Hülfsmittel  gegen  alle  Arten 
von  Krankheiten,  bloss  in  der  Absicht,  damit  seine  Söhne,  denen  er  dies  Werk  widmete ,  an 
armen  Kranken  das  Gebot  der  Liebe  erfüllen  könnten,  und  damit  andere  Leser  in  den  Stand 
gesezt  würden,  im  Fall  der  Noth  diese  Recepte,  ohne  Zuthun  des  Arztes,  zu  verordnen. 
Uebrigens  aber  sei  es  allezeit  sicherer  und  rathsamer,  wenn  die  Mittel,  wenigstens  im  Beisein 
eines  Kunstverständigen,  bereitet  würden.  Nach  diesem  Eingange  folgen  verschiedene  Epi- 
steln, die  offenbar  das  Machwerk  eines  Mönchs  aus  den  finstern  Jahrhunderten  der  Barbarei 
sind,  z.  B.  vom  Hippocrates  an  den  Mäcenas  und  an  den  König  Antiochus.  Auch  das  ganze  Werk 
ist  sichtbar  verstümmelt  und  hat  Zusäze  erhalten,  die  gar  nicht  im  Geiste  des  Zeitalters  sind. 
Der  grösste  Theil  ist  aus  dem  Scribonius  Largus  entlehnt.  Durchweg  herrscht  eine  armselige, 
sklavische  Denkungsart,  die  besonders  darin  auffällt,  dass  manche  Mittel  bloss  desswegen  em- 
pfohlen worden,  weil  sie  die  diva  Augusta  oder  die  diva  Livia  gebraucht  haben.  —  Der  Aber- 
glauben, die  Unwissenheit  und  unverschämte  Dreistigkeit  des  Verfassers,  oder  des  Stopplers 
unter  Marcellus  Namen,  sind  fast  unglaublich.  Einige  Proben  seiner  goetischen  Mittel  und 
Rathschläge  werden  hinreichen,  um  mein  Urtheil  zu  bestätigen.  Einen  Menschen,  dem  ein 
Splitter,  oder  etwas  ähnliches  ins  Auge  gekommen  war,  carminirte  er  (der  damalige  Ausdruk) 
auf  folgende  Art.  Man  berührte  das  leidende  Auge,  und  sagte  dreimal:  „Tetune  resonco  bregan 
gresso",  wobei  jedesmal  ausgespuckt  werden  musste.  Ein  anderes  Carmen  gegen  eben  diesen 
Zufall  hiess:  „In  mon  dercomarcos  axatison".  Ein  drittes:  „Os  gorgonis  basto".  Wenn  diess 
leztere  dreimal  neunmal  gesagt  wurde,  so  konnte  man  damit  auch  einen  fremden  Körper  aus 
dem  Schlünde  hervorziehen.  Um  ein  Gersteukorn  oder  ein  Geschwür  am  Augenliede  zu  ver- 
treiben, muss  man  neun  Gerstenkörner  nehmen,  mit  ihren  Spitzen  das  Geschwür  berühren,  und 
jedesmal  dabei  sagen:  q>evye,  <psvye,  no/#>/  ae  biayxei.  Oder,  wenn  das  Gerstenkorn  am  rechten 
Auge  ist,  so  berührt  man  dasselbe  mit  drei  Fingern  der  linken  Hand,  spuckt  dabei  aus  und  sagt 
dreimal;  Nee  mula  parit,  nee  lapis  lanam  fert:  nee  huic  morbo  caput  crescat,  aut  si  creverit, 
tabescat.  Ausser  vielen  ähnlichen  physischen  Mitteln  und  phylacteriis,  wie  sie  im  Mittelalter 
genannt  wurden,  findet  man,  dass  er  die  Bereitung  der  gewöhnlichen  Arzneimittel  auf  gewisse 
Tage,  z.  B.  auf  den  Donnerstag,  einschränkt,  Keuschheit  und  Reinigkeit  des  Herzens,  beson- 
ders das  Gebet  am  Neujahrstage  und  wenn  die  erste  Schwalbe  gehört  wird,  empfiehlt,  und  die 
Kranken  sich  nach  Osten  kehren  lässt,  wenn  sie  einen  Arzneitrank  einnehmen.  Wer  vor  Triefen 
der  Augen  gesichert  sein  will,  muss  Achtung  darauf  geben,  wenn  ein  Sternschnuppen  fällt,  und 
vom  Augenblick  des  Entstehens  bis  zum  Augenblick  des  Verschwindens  so  schnell  zählen  als 
möglich:  so  weit  er  gezählt  hat,  so  viele  Jahre  wird  er  vor  dem  Triefen  der.Augen  bewahrt 
bleiben.  Auf  den  Namen  des  Gottes  Jakob  und  des  Gottes  Sabaoth  legt  er  ein  vorzügliches 
Gewicht:  auch  ist  der  Rhamnus  spina  Christi  ein  bewährtes  Wundermittel,  weil  Christus  mit 
diesen  Dornen  gekrönt  worden.  —  Aus  dem  Kiranides  ist  sehr  vieles  genommen :  er  wird  hier 


24  Zum  zweiten  Abschnitt. 

immer  dem  Demokritus  zugeschrieben :  eines  solchen  Vorgängers  ist  auch  der  Empiriker  Mar- 
cellus  vollkommen  werth." 

Weiterer  ähnlicher  Unsinn  ist  bei  Sprengel  selbst  nachzulesen. 

Die  Stellen  des  Corpus  juris  civilis,  durch  welche  im  römischen 
Reiche  die  Verhältnisse  des  ärztlichen  Standes  gesezlich  festgestellt  wurden, 
sind  folgende : 

Digestorum  lib.  XXVII;  Tit.  1;  lex  6;  §.  1 — 4  wird  die  Zahl  der  Aerzte  festgesezt, 
welche  in  den  Städten  verschiedener  Grösse  immunes  sein  sollen:  5  in  den  kleinen,  7  in  den 
mittleren,  10  in  den  grössten,  es  sei  denn,  dass  durch  Senatsbeschluss  eine  grössere  Anzahl 
zugelassen  werden.  Im  §.  6  heisst  es:  Sed  et  reprobari  medicum  posse  a  republica,  quamvis 
semel  probatus  sit,  Imperator  noster  cum  patre  Laelio  Basso  rescripsit. 

Digest,  lib.  L;  Tit.  13;  lex  1 ;  §.  1  heisst  es:  Medicorum  quoque  eadem  causa  est,  quae 
professorum,  nisi  quodjustior,  quum  hi  salutis  hominum,  illi  studiorum  curamagant;  et  ideo  his 
quoque  extra  ordinem  jus  dici  debet.  §.  2.  Sed  et  obstetricem  audiant,  quae  utique  medi- 
cinam  exhibere  videtur.  §.  3.  Medicos  fortassis  quis  accipiet  etiam  eos,  qui  alicuius  partis 
corporis,  vel  certi  doloris  sanitatem  pollicentur,  ut  puta  si  auricularius,  si  fistulae  vel  dentium. 
Non  tarnen  si  incantavit,  si  imprecatus  est,  si,  ut  vulgari  verbo  impostorum  utar,  exorcizavit; 
non  sunt  enim  ista  medicinae  genera,  tametsi  sint,  qui  hos  sibi  profuisse  cum  praedicatione 
affirment. 

Ejusdem  Lex  3.  Si  medicus,  cui  curandos  suos  oculos,  qui  eis  laborabat,  commiserat, 
periculum  amittendorum  eorum  per  adversa  medicamenta  inferendo  compulit,  ut  ei  posses- 
siones  suas  contra  fidem  bonam  aeger  venderet,  incivile  factum  Praeses  provinciae  coerceat, 
remque  restitui  jubeat. 

Codicis  lib.  X;  Tit.  52;  lex  1.  Quum  te  medicum  legionis  secundae  adjutricis  esse  dicas, 
munera  civilia,  quamdiu  reipublicae  causa  abfueris,  suscipere  non  cogeris.  Quum  autem  abesse 
desieris,  post  finitam  eo  jure  vacationem,  si  in  eorum  numero  es,  qui  ad  beneficia  medicis  con 
cessa  pertinent,  ea  immunitate  uteris. 

Lex  5.  Nee  intra  numerum  praestitutum  ordine  invito  medicos  immunitatem  habere, 
saepe  constitutum  est,  quum  opporteat  eis  decreto  decuriouum  immunitatem  tribui. 

Lex  6.  Medicos,  et  maxime  archiatros  vel  exarchiatros,  grammaticos  et  professores  alios 
literarum  et  doctores  legum,  una  cum  uxoribus  et  filiis,  nee  non  et  rebus,  quas  in  civitatibus 
suis  possident,  ab  omni  funetione  et  ab  omnibus  muneribus  vel  civilibus  vel  publicis  immunes 
esse  praeeipimus,  et  neque  in  provineiis  hospites  reeipere,  nee  ullo  fungi  munere,  nee  ad  Judi- 
cium deduci,  velexhiberi,  velinjuriam  pati,  ut,  siquis  eos  vexaverit,  poena  arbitrio  judicisplec- 
tatur.  Mercedes  etiam  eis  et  salaria  reddi  jubemus,  quo  facilius  liberalibus  studiis  et  memo- 
ratis  artibus  multos  instituaut. 

Lex  9.  Archiatri,  scientes,  annonari  asibi  commoda  a  populi  commodis  ministrari,  honeste 
obsequi  tenuioribus  malint,  quam  turpiter  servire  divitibus.  Quos  etiam  ea  patimur  aeeipere, 
quae  sani  offerunt  pro  obsequiis,  non  ea,  puae  periclitantes  pro  salute  promittunt. 

Lex  10.  Si  quis  in  archiatri  defnneti  locum  est  promotionis  meritis  aggregandus,  non 
ante  eorum  partieeps  fiat,  quam  primis,  qui  in  ordine  reperientur,  Septem  vel  eo  amplius  judi- 
cantibus  idoneus  approbetur;  ita  tarnen,  ut,  quieunquefuerit  admissus,  non  in  priorum  numerum 
statim  veniat,  sed  eum  ordinem  consequatur,  qui  ceteris  ad  priora  subvectis  ultimus  pote- 
rit  inveniri. 

Lex  11.  Grammaticos,  oratores  atque  philosophiae  praeeeptores,  nee  non  etiam  medicos 
praeter  haec,  quae  retro  latarum  sanetionum  auetoritate  consecuti  sunt,  privilegia  immunitatesque, 
frui  hac  praerogativa  praeeipimus,  utuniversi,  qui  in  sacro  palatio  inter  archiatros  militarunt,  cum 
comitivam  primi  ordinis  vel  seeundi  adepti  fuerint,  aut  majoris  gradum  dignitatis  asceuderint, 
nullamunicipali,  nulla  curialium  conventione  vexentur,  seu  indepta  administratione,  seu  aeeepta 
testimoniali  meruerint  missionem ;  sint  ab  omni  funetione  omnibusque  muneribus  publicis  im- 
munes, nee  eorum  domus  ubieunque  positae  militem  seujudicem  suseipianthospitandum.  Quae 
omnia  in  filiis  etiam  eorum  et  conjugibus  illibata  praeeipimus  custodiri. 


ZUM  DRITTEN  ABSCHNITT. 


Die  arabischen  Aerzte. 

Der  Anfang  medicinischer  Kenntnisse  bei  den  Arabern  verliert  sich  wie  bei  allen  Völkern 
in  traditionell  unter  der  Masse  sich  erhaltende  empirische  Regeln  und  Kunstgriffe.  Egyptische 
und  jüdische  Aerzte  mögen  frühzeitig  unter  ihnen  sich  befunden  haben.  Aber  erst  unter  den 
bagdadischen  Kalifen  wurde  Wissen  und  Kunst  einheimisch,  wobei  jedoch  das  Eindringen 
abendländischer  Kenntnisse  das  Meiste  gethan  hat.  Durch  den  Schuz  und  die  Förderung  in- 
telligenter Fürsten  gelangte  daselbst  die  von  der  griechischen  Cultur  abgezweigte  Wissenschaft 
zu  einem  ungleich  lebhafteren  Gedeihen,  als  diess  in  der  gleichen  Zeit  unter  den  drükenden 
Verhältnissen  des  Abendlandes  selbst  möglich  war.  Aber  die  unter  die  Orientalen  verpflanzte 
Colonie  der  Wissenschaften  hat  es  doch  nicht  zu  einer  Selbständigkeit  gebracht,  sie  hat  nur 
von  den  mitgebrachten  Reminiscenzen  gezehrt,  wenn  sie  auch  dabei  ihres  Lebens  eher  froh 
werden  konnte,  als  in  der  wilden  Barbarei  ihrer  Heimath. 

Die  Einzelheiten  der  arabischen  Medicin  sind  ebendarum  nur  von  antiquarischem  Interesse  : 
nur  die  Erscheinung  im  Ganzen  hat  eine  historische  Bedeutung. 

Eine  monographische  Darstellung  der  Geschichte  der  arabischen  Medicin  hat  F.  Wüsten- 
feld gegeben  :  Geschichte  der  arabischen  Aerzte  und  Naturforscher  1840. 

Constantinus  AfricantlS  ist  eine  von  den  vielen  merkwürdigen  Erscheinungen 
unter  den  Gelehrten  des  Mittelalters.  Mit  vielen  Fabeln  hat  man  sein  abenteuerliches  Leben 
noch  seltsamer  gemacht  und  es  ist  nicht  mehr  möglich,  die  Wahrheit  von  dem  Mythus  zu 
scheiden.  Auch  ist  es  zweifelhaft,  ob  er  identisch  mit  Constantin  von  Reggio  ist.  Aber  soviel 
ist  gewiss,  dass  seine  Ankunft  aus  arabischeu  Landen  in  Italien  ein  höchst  einflussreiches 
Ereigniss  war,  dass  er  der  Erste  im  Mittelalter  gewesen  ist,  welcher  die  Wissenschaft  und  die 
Mystik  des  Orients  im  Abendlande  einbürgerte,  und  dass  seit  ihm  die  arabischen  Lehren  zu 
einer  überwiegenden  Macht  gelangt  sind.  Seine  literarische  Thätigkeit  fällt  ohne  Zweifel  in 
die  Zeit  seiner  Zurükgezogenheit  im  Kloster  von  Monte  Cassino,  und  seine  beiden  Schüler,  von 
welchen  die  Geschichte  spricht,  Attone  und  Giovanni,  waren  cassiuesische  Mönche.  Allein  auch 
auf  die  salernitanische  Schule  hatte  er  den  entschiedensten  Einfluss,  sei  es  dass  er  ihr  selbst 
eine  Zeitlang  angehörte,  sei  es  dass  sein  Ansehen  auf  indirecterem  Wege  auf  sie  wirkte. 
Vgl.  über  Constantinus  Africanus :  Choulant:  Handbuch  der  Bücherkunde  2te  Aufl.  pag.  253, 
vorzugsweise  aber  Salv.  de  Reuzi:  Collectio  Salernitana  I.  165. 

Die  mediCinische  Schule  von  Salem  ist  in  neuerer  Zeit  der  Gegenstand  sehr 
eingehender  Studien  gewesen  und  hat  dadurch  eine  etwas  grössere  Bedeutung  erlangt,  als  man 
ihr  früher  zuzuschreiben  geneigt  war.  Vornemlich  haben  Henschel,  sodann  Haeser  sich  be- 
müht, die  umfassendere  Wirksamkeit  der  salernitanischen  Schule  nachzuweisen  und  namentlich 
Lezterer  hat  ihren  weltlichen,  nicht  clericalen  Character  gezeigt.  Er  unterscheidet  drei  Perioden 
der  Schule,  die  erste  vom  8ten  bis  zum  Uten  Jahrhundert,  welche  durch  das  von  Henschel 
aufgefundene  Compendium  Salernitanum  repräsentirt  ist  und  in  welche  auch  die  Abfassung 
des  Regimen  sanitatis  fällt. 

In  der  zweiten  Periode  (12tes  und  I3tes  Jahrhundert)  soll  die  pharmaceutische  Therapie 
das  Uebergewicht  erlangt  haben,  während  in  eiuer  dritten  Periode  (vom  Ende  des  13ten  Jahr- 
hunderts an)  die  Schule  in  Verfall  gerieth. 

Eine  Sammlung  sämmtlicher  der  salernitanischen  Schule  zugeschriebenen  Schriften 
wurde  von  Salv.  de  Renzi  (Collectio  salernitana.    Napoli   1852 — 1854)  herausgegeben   und 


26  Zum  dritten  Abschnitt. 

dabei  die  Geschichte  der  Schule  auf's  Sorgfältigste  von  der  muthmaasslichen  Gründung  an 
bis  zum  Jahre  1811  (wo  unter  napoleonischer  Herrschaft  die  Salerner  Universität  geschlossen 
wurde)  verfolgt. 

Einige  Proben  aus  der  Flos  medicinae  Scholae  Salerni  (nach  der  Aus- 
gabe von  Salvatore  de  Renzi :  Collectio  Salernitana  1852  I.  pag.  445  ff.). 

5.  Anglorum  Regi  scribit  Schola  tota  Salerni. 
Si  vis  incolumem,  si  vis  te  vivere  sanum: 
Curas  tolle  graves,  irasci  crede  profanum, 
Parce  mero,  coenato  parum :  non  sit  tibi  vanum 
Surgere  post  epulas;  somnum  fuge  meridianum, 
Ne  mictum  retine,  ne  comprime  fortiter  anum. 
Haec  bene  si  serves,  tu  longo  tempore  vives. 

15.  Esca,  labor,  potus,  somnus,  mediocria  cuncta: 
Peccat  si  quis  in  his,  patitur  natura  molestis, 
Surgere  mane  cito:  spaciatum  pergere  sero, 
Haec  hominem  faciunt  sanum,  hilaremque  relinqunt, 
„Si  tibi  deficiant  Medici,  medici  tibi  fiant 
„Haec  tria :  mens  laeta,  requies,  moderata  diaeta. 

40.  Temporis  aestivi  jejunia  corpora  siccant ; 

Quolibet  in  mense  confert  vomitus,  quoque  purgat 
Humores  nocuos,  stomachi  lavat  ambitus  omnes. 
Ver,  autumnus,  hiems,  aestas  dominantur  in  anno. 
Tempore  vernali  calidus  sit  aer  madidusque, 
Et  nullum  tempus  melius  sit  phlebotomiae ; 
Usus  tunc  homini  veneris  confert  moderatus, 
Corporis  et  motus,  ventrisque  solutio,  sudor, 
Balnea ;  purgentur  tunc  corpora  per  medicinas. 
Aestas  more  calet,  siccat,  noscatur  in  illa 
Tunc  quoque  praecipue  choleram  rubeam  dominari. 
Humida,  frigida  fercula  dentur;  sit  venus  extra: 
Balnea  non  prosunt:  sint  rarae  phlebotomiae: 
Utilis  est  requies,  sit  cum  moderamine  potus. 

76.  Majo  secure  laxare  sit  tibi  curae; 

Scindatur  vena  sie  balnea  dantur  amaena: 
Cum  validis  rebus  sint  balnea,  vel  cum  speciebus. 
Absynthii  lotio  edes  coeta  lacte  caprino. 

129.  Sex  horis  dormire  sat  est  juvenique  senique, 
Septem  vix  pigro,  nulli  concedimus  octo. 
Ad  minus  horarum  septem  fac  tibi  sit  somnus. 
Si  licet  ad  nonam,  numquam  ad  deeimam  licet  horam. 

139.  In  latus  alterutrum  praestat  se  praebere  somno 

Intentum,  et,  si  nihil  prohibet,  latus  elige  dextrum. 

143.  Sit  brevis  aut  nullus  tibi  somnus  meridianus. 
Febris,  pigrities,  capitis  dolor  atque  catharrus, 
Quatuor  haec  somno  veniunt  mala  meridiano. 
Mensibus  in  quibus  R  post  prandia  fit  somnus  aeger, 
In  quibus  R  non  est  somnus  post  prandia  prodest. 

153.  In  die  mictura  vieibus  sex  fit  naturalis, 
Tempore  bis  tali,  vel  ter,  fit  egestio  pura. 
Antiquo  more  mingens  pedit  absque  pudore. 
Mingere  cum  bombis  res  est  saluberrima  lombis ; 
Nam  ventrem  stringens,  retines  bombum  veteratum. 

194.  Ex  magna  coena  stomacho  fit  maxima  poena; 
Ut  sit  nocte  levis,  sit  tibi  coena  brevis. 


Die  arabischen  Aerzte.  27 


203.  Temporibus  veris  modice  prandere  juberis, 

Sed  calor  aestatis  dapibus  nocet  immoderatis; 
Autumni  fructus  caveas  ne  sint  tibi  luctus ; 
De  mensa  sume  quantum  vis  tempore  brumae. 

212.  Post  coenam  stabis  aut  passus  mille  meabis. 

252.  Non  sit  acetosa  cerevisia,  sed  bene  clara, 
De  validis  cocta  granis  satis  ac  veterata, 
De  qua  potetur,  stomachus  non  inde  gravetur. 
Grossos  humores  nutrit  cerevisia,  vires 
Praestat ,  et  augmentat  carnem ,  generatque  cruorem ; 
Provocat  urinam,  ventrem  quoque  mollit  et  inflat. 

1153.  Ossibus  ex  denis  bis  centenisque  novenis 

Constat  homo ;  denis  bis  dentibus  et  duodenis, 
Ex  tricentenis  decies  sex  quinque  venis. 
Os,  nervus,  vena,  caro,  cartilagoque,  corda, 
Pellis  et  axungia  tibi  sunt  simplicia  membra : 
Hepar,  fei,  stomachus,  caput,  spien,  pes,  manus  et  cor, 
Matrix  et  renes  et  vesica  sunt  officialia  membra. 
(Diese  sieben  Verse  enthalten  die  ganze  Anatomie !) 

1323.   Efficit  febrem,  gfinerat,  custodit  et  äuget, 
Ut  putredo,  pori  constrictio,  prava  diaeta. 

1330.  Frigiditas  mala  si  sit  per  tempora  longa 
Nascitur  in  fine  leucophlegmaticus  inde, 
Aut  apoplexia,  vel  phtisis,  vel  cachexia. 

1375.  Monstrat  opus  laesum,  tumor  egestum,  dolor  aegrum; 
Infigit,  pungit,  extendit,  aggravat,  errat, 
Sanguineus,  croceus,  juvenis,  niger  humor  et  aure. 
Sanguis  et  vomitus  ventris  purgatio,  sputum 
Sudor,  aposthema  medici  dant  tacita  signa. 

1546.  Tres  sunt,  non  plures,  in  nostro  corpore  morhi, 
Morbus  consiliaris,  communis,  et  officialis. 
Morbum  consiliarem  causat  complexio  prava ; 
Si  caret  officio  merbum  facit  officialem; 
Morbus  communis  sit,  si  peccabit  utroque. 

2074.  Stercus  et  urina  sunt  Medico  fercula  prima; 

Hydrops  quartana  sunt  Medico  scandala  plana. 

2076.  Non  didici  gratis,  nee  musa  sagax  Hippocratis 
Aegris  in  stratis  serviet  absque  datis. 
Empta  solet  care  multum  medicina  juvare ; 
Si  quae  detur  gratis,  nil  affert  utilitatis. 
Pes  dare  pro  rebus,  pro  verbis  verba  solemus: 
Pro  vanis  verbis  montanis  utimur  herbis; 
Pro  caris  rebus,  pigmentis  et  speciebus. 
Est  medicinalis  Medicis  data  regula  talis  : 
Ut  dicatur:  da,  da,  dum  profert  languidus  ha,  ha! 
Da  Medicis  primo  medium,  medio  nihil  imo. 
Dum  dolet  infirmus  Medicus  sit  pignore  firmus ; 
Instanter  quaerat  nummos,  vel  pignus  habere ; 
Fidus  nam  antiquum  conservat  pignus  amicuru, 
Nam  si  post  quaeris,  quaerens  inimicus  haberis. 

2090.  Fingit  se  Medicus  quivis  idiota,  prophanus, 
Iudaeus,  monachus,  histrio,  rasor,  anus, 
Sicuti  Alchemista  Medicus  fit  aut  Sapouista, 
Aut  balueator,  falsarius  aut  oculista. 
Hie  dum  lucra  quaerit,  virtus  in  arte  perit. 


28  Zum  dritten  Abschnitt. 

Dreizehntes  und  vierzehntes  Jahrhundert. 

Das  13te  und  14te  Jahrhundert  hat  da  und  dort  seltsame  Männer  hervorgebracht  (z.  B. 
Albertus  Magnus,  Arnaldus  von  Villanova),  für  deren  Art  und  Geistesproducte  unsere  Zeit 
schwerlich  mehr  ein  richtiges  Verständniss  zu  gewinnen  vermag.  Es  ist  ebenso  absurd,  aus 
ihnen  tiefsinnige  Naturforscher  und  Reformatoren  der  Wissenschaft  machen  zu  wollen,  als 
es  verkehrt  und  ungerecht  wäre,  sie  einfach  als  Verrükte  oder  Betrüger  zu  behandeln.  Die 
Gewöhnung  an  einen  disciplinirten  Gedankengang,  wie  sie  die  Gegenwart  von  einem  gesunden 
und  entwikelten  Gehirne  verlangt,  macht  geneigt,  so  wilden  Excessen  nur  noch  eine  patho- 
logische Bedeutung  zu  gestatten.  Wenn  man  das  unheimliche  Brennen  und  Kochen  unter  dem 
Schutte  steriler  Gelehrsamkeit  gewahrt,  so  kann  man  freilich  versucht  sein,  darin  die  Delirien 
eines  heissen  kranken  Kopfes  in  der  Zwangsjake  der  Scholastik  zu  erbliken.  Aber  wir  haben 
heutigen  Tags  jeden  Maassstab  verloren,  wie  weit  ein  glühender  Trieb  nach  Erkenntniss  sich 
vergehen  kann,  wenn  ihm  die  unbezwingbare  Gewalt  der  Finsterniss  jeden  gesunden  Schritt  ver- 
schliesst.  Nur  allenfalls  auf  dem  politischen  Gebiete  sind  unserem  modernen  Verständniss  die 
Beispiele  näher  gerükt,  wie  gefesselte  Begeisterung  im  Typus  des  Wahnsinns  loszubrechen 
geneigt  ist.  Man  muss  an  diese  Aehnlichkeit  erinnern,  um  jene  Phänomene  der  spirituellen 
Exaltation  im  Mittelalter  einigermaassen  begreiflich  zu  machen. 

Die  Litterae  naturales  und  sacrae  gingen  bei  diesen  Männern  in  ihren  Meditationen  Hand 
in  Hand,  und  die  Versuche  zur  Besiegung  der  Widersprüche  zwischen  den  kirchlichen  For- 
derungen und  der  Naturanschauung  nahmen  einen  wesentlichen  Theil  ihrer  geistigen  Anstren- 
gungen in  Anspruch. 

Die  Schriften  von  Albertus  Magnus  hat  Choulant  im  Janus  1. 127  zusammengestellt.  Ueber 
Arnaldus  hat  Henschel  in  derselben  Zeitschrift  II.  526  eine  ausführliche  Abhandlung  mitge- 
theilt,  in  welcher  er  die  wissenschaftliche  Bedeutung  dieses  Mystikers  zu  retten  sucht.  Auch 
einige  andere  Aerzte  und  Chirurgen  jenes  Zeitalters  hat  derselbe  ehrenwerthe  Historiker  dort 
monographisch  behandelt. 

Der  raedicinische  Unterricht  am  Schluss  des  Mittelalters. 

Die  Art  des  medicinischen  Unterrichts  blieb  im  15ten  Jahrhundert  durchaus  eine  commen- 
tirende,  wie  man  aus  folgender  Studienordnung  der  medicinischen  Fakultät  zu  Tübingen  nach 
dem  Statut  vom  Jahr  1481  ersieht. 

Der  Cursus  ist  auf  drei  Jahre  bestimmt.  Im  ersten  Jahre  wird  Vormittags  Galen's  Ars 
medica  und  Nachmittags  der  erste  und  zweite  Abschnitt  der  Fieberlehre  von  Avicenna  gelesen. 
Im  zweiten  Jahre  kommen  an  die  Eeihe  Vormittags  das  erste  Buch  von  Avicenna  (Anatomie 
und  Physiologie),  das  neunte  Buch  von  Rhazes  oder  auch  dieselben  Abschnitte  des  Avicenna 
(Localpathologie)  ;  im  dritten  Jahre  werden  Morgens  die  Aphorismen  des  Hippocrates  und  Nach- 
mittags Galen  de  ingenio  sanitatis  oder  nach  Belieben  der  Zuhörer  dessen  Schrift  de  internis  mor- 
bis  vorgetragen.  Zum  Unterricht  in  der  Chirurgie  diente  der  3. — 5.  Abschnitt  von  Avicenna's 
Fieberlehre  oder  ein  beliebiger  anderer  arabischer  Schriftsteller.  Auch  wurden  in  ausser- 
ordentlichen Vorlesungen  Aegidius  tractatus  urinarum  et  pulsuum,  Mesue  de  consolatione  sim- 
plicium  und  Constantinus  Africanus'  Viaticum  abgehandelt.  Alle  3—4  Jahre,  verlangt  das 
Statut,  soll  in  der  kältesten  Zeit  nach  Weihnachten  die  Section  eines  Hingerichteten  vorge- 
nommen werden,  wenn  man  einen  bekommen  kann.  Während  der  Section,  welche  mehrere 
Tage  und  selbst  Wochen  dauerte,  mussten  alle  Theilnehmer  jeden  Morgen  eine  Seelenmesse 
hören;  auch  waren  sie  eidlich  verpflichtet,  nicht  nur  nichts  zu  stehlen  von  den  Leichen,  sondern 
auch  die  Ueberreste  selbst  zu  Grab  zu  geleiten.  Nach  Moll  (württembergisches  Correspon- 
denzblatt  1855). 

Syphilis  vor  1493. 

Dass  der  syphilitischen  Erscheinungen  vielfach  schon  früher  als  1493  Erwähnung  ge- 
schieht, habe  ich  bereits  im  Texte  angeführt.  Aber  nicht  ohne  Interesse  ist  es,  dass  auch  der 
Name  „Franzosen"  für  die  Krankheit  dem  französisch-neapolitanischen  Kriege,  von  dem  man 
ihn  abstammen  lässt,  lange  vorangegangen  zu  sein  scheint.  Dafür  spricht  eine  Notiz  in  Franz 
Jos.'?  Bodmann's  rheingauischen  Alterthümern  1819  Bd.  I.  199,  nach  welcher  es  in  dem 
Stiftsprotokoll  von  St.  Victor  zu  Mainz  vom  Jahre  1472  heisst,  dass  ein  Stiftsgeistlicher 
supplicirte ,  quatenus  sibi  concedatur,  ut  a  choro  sequestratus  in  domo  sua  se  continere  possit 
propter  fetulentum  morbum  qui  dicitur  MalaFranzos,  worauf  ihm  bedeutet  wurde:  quod 
chorum  et  caplum  intrare  non  debeat  priusquam  D.  Decano  et  Caplo  ex  testimonio  cyrur- 
gicorum  de  plena  et  perfecta  ejusdem  absolutione  sufficienter  cautum  fuerit  et  comprobatum. 


ZUM  YIEßTEN  ABSCHNITT. 


Das  Reformations-Zeitalter. 

Es  gibt  wohl  kaum  eine  interessantere  und  lehrreichere  Periode  in  der  ganzen  Cultur- 
geschichte,  als  das  Zeitalter  der  Reformation.  Erst  zeigen  sich  nur  da  und  dort  vereinzelte 
und  noch  zweifelhafte  leuchtende  Punkte ;  aber  bald  entdekt  man  überall,  wohin  man  blikt, 
die  Finsterniss  durchbrochen  und  die  Lichtkraft  wächst  in  dem  Maasse,  als  sie  sich  verviel- 
fältigt. Die  Naturwissenschaften  und  die  schönen  Künste  waren  die  ersten  Fakeln,  an  denen 
sich  der  erwachende  Menschengeist  erwärmte.  Und  bald  findet  man  sich  mitten  in  einem 
Entwiklungsprocesse,  dessen  reiner  und  gesunder  Character  jede  Besorgniss  für  seine  Zukunft 
beseitigen  zu  dürfen  scheint.  Aber  der  Fortgang  der  humanen  Bildung  stiess  auf  Mächte, 
denen  ihre  zarte  Natur  nicht  gewachsen  war.  Kräftigere  Elemente  mussten  ihr  Unterstüzung 
gewähren  ;  sie  selbst  verlor  dabei  freilich  ihre  ursprüngliche  Reinheit,  und  in  den  stürmischen 
Conflicten,  zu  welchen  der  Kampf  im  Verlaufe  führte  und  in  denen  die  Leidenschaften  die 
oberste  Leitung  sich  aneigneten  und  die  materielle  Gewalt  entschied,  kamen  die  Errungen- 
schaften der  Cultur  wieder  dem  Untergang  nahe. 

Wenn  man,  wie  häufig  geschieht,  die  kirchliche  Bewegung  oder  gar  die  Concentration 
derselben  in  der  confessionellen  Lostrennung  als  initiatives  Moment  der  Reformationsperiode 
ansieht,  so  erhält  man  eine  völlig  schiefe  Vorstellung  von  dem  Character  der  Epoche.  Es  war 
beim  Beginne  des  grossen  Processes,  den  der  Menschengeist  gegen  eingewurzelte  Autoritäten 
unternahm,  keine  Abhängigkeit  irgend  eines  Gebietes  von  dem  andern.  Auf  allen  zeigt  sich 
derselbe  und  durchaus  selbständige  Trieb  nach  Befreiung.  Unberechenbar  ist,  wie  der  Gang 
sich  gestaltet  hätte,  wenn  die  profane  Aufklärung  in  ihrem  weniger  offensiven  Fortschreiten 
hätte  erstarken  können  und  nicht  in  die  Wirren  der  clericalen  Revolution  verwikelt  worden 
wäre,  ehe  jene  sich  selbst  noch  zu  einem  klaren  Bewusstsein  gekommen  war.  Aber  es  ist  voll- 
kommen begreiflich,  dass  nicht  nur  die  Läuterung  des  kirchlichen  Glaubens  als  eine  will- 
kommene Mithilfe  für  die  Aufhellung  auf  allen  Gebieten  erschien,  sondern  dass  Viele  unter 
den  Naturforschern  selbst  mit  wärmster  Begeisterung  der  erbaulicheren  und  das  acht  religiöse 
Gefühl  mehr  befriedigenden  Richtung  sich  anschlössen.  Es  ist  aber  auch  nicht  zu  verwundern, 
dass  die  profanen  Interessen  von  der  tiefer  greifenden  und  allgemeinen  Aufregung  der  Ge- 
müther über  die  höchsten  Fragen  gar  bald  absorbirt  werden  mussten.  Daher  sehen  wir,  dass 
durch  die  kirchliche  Bewegung  nicht  etwa  die  Reformation  auf  dem  naturwissenschaftlichen, 
und  medicinischen  Gebiete  angeregt  und  gefördert  wurde,  sondern  vielmehr,  dass  in  dem  Maasse 
als  jene  höheren  Interessen  das  Uebergewicbt  bekommen ,  die  lebendige  Thätigkeit  in  der 
Naturforschung  zurüktritt,  sich  verflacht  oder  in  falsche  Bahnen  geräth. 

Die  Gräuel  der  Hexenprocesse  sind  unter  andern  ein  abschrekender  Beweis,  in  welchem 
Maasse  in  kürzester  Zeit  nach  so  hoffnungsvollen  Anfängen  die  Verfinsterung  wieder  die  Ober- 
hand gewann. 

Ueber  die  Hexenprocesse  lässt  sich  C.  G.  v.  Wächter  (Beiträge  zur  deutschen 
Geschichte  1845.  pag.  83)  folgenderweise  vernehmen: 

Bis  in  das  15.  Jahrhundert  kamen  in  Deutschland  wohl  da  und  dortProcesse  wegen  Zau- 
berei vor  uud  wurden  Zauberer  und  Zauberinnen  verurtheilt.  Aber,  wenn  wir  die  Fälle  ausnehmen, 
in  welchen  die  Angeschuldigten  nebenbei  wirkliche  Verbrechen  begingen,  wie  Giftmischerei, 
Kindsmord,  Betrug  und  Anderes:  so  waren  solche  Verurtheiluugen  durch  wirkliche  Gerichte 
selten.  Nun  aber,  von  dem  Ende  des  15.  Jahrhunderts  an,  scheint  Deutschland  von  einer 
wahren  Hexenepidemie  ergriffen  worden  zu  sein.  Die  Hexenprocesse  kamen  nun  wahrhaft  an 
die  Tagesordnung;  Tausende  von  Unglücklichen  wurden  von  da  an  bis  in  den  Anfang  des 


30  Zum  vierten  Abschnitt. 

18.  Jahrhunderts  verbrannt  und  Alle  —  auf  ihr  Geständniss  hin.  Da  es  beinahe  un- 
glaublich ist,  wie  in  dieser  Hinsicht  in  jenen  Zeiten  verfahren  wurde  :  so  will  ich  nur  vom 
16.  und  17.  Jahrhundert  Einiges  zum  Belege  aus  Urkunden  anführen. 

In  der  Bäuerischen  Grafschaft  Werden fels  wurde  im  Jahre  1582  ein  Hexenprocess  an- 
hängig, der  immer  weiter  auf  mehr  Personen  führte  ;  das  Resultat  war,  dass  48  Hexen  ver- 
brannt wurden. 

In  der  Reichsstadt  Nord lingen  beschloss  im  Jahre  1590  der  Rath,  auf  Anregung  des 
Bürgermeisters  Pferinger,  der  ein  eifriger  Hexenverfolger  war,  nun  einmal  auch  die  Hexen  in 
Nördlingen  mit  Stumpf  und  Stiel  auszurotten.  Man  begann  die  Hexen  zu  suchen, 
und  der  Erfolg  war,  dass  in  der  kleinen  Reichsstadt  in  drei  Jahren  32  Personen  wegen 
Hexerei  und  Zauberei  theils  verbrannt,  theils  geköpft  und  nachher  verbrannt  wurden. 

In  Ellingen,  einer  Landcomthurei  des  Deutschen  Ordeus,  wurden  in  demselben  Jahre 
in  acht  Monaten  65  Personen  wegen  Hexerei  hingerichtet. 

In  der  kleinen  Grafschaft  Henneberg  wurden  im  Jahre  1612  allein  22  Hexen  hinge- 
richtet und  in  einem  Zeiträume  von  80  Jahren,  in  den  Jahren  1597 — 1676,  im  Ganzen  197 
Hexen  verbrannt. 

Besonders  stark  wurde  im  Anfange  des  17.  Jahrhunderts  gegen  die  Hexen  gewüthet.  In 
der  Stadt  Offenburg  im  Breisgau  wurden  in  den  Jahren  1627 — 1630,  also  in  vier  Jahren, 
60  Personen  wegen  Hexerei  hingerichtet. 

Das  gleiche  Loos  traf  um  dieselbe  Zeit  im  Bisthum  Würzburg  eine  Menge  Personen.  Es 
wurden  dort  in  drei  Jahren,  1627- — 1629,  mehr  als  200  Personen  wegen  Hexerei  und  Zauberei 
hingerichtet,  Personen  jeden  Alters,  selbst  Kinder  von  8 — 12  Jahren,  Personen  jeden  Standes; 
irgend  eine  ausgezeichnete  Eigenschaft  war  Veranlassung,  am  Ende  auf  den  Scheiterhaufen 
zu  führen.  So  waren  z.  B.  unter  jenen  Hingerichteten,  wie  es  in  einem  Verzeichnisse  jener 
Zeit  heisst,  die  Kanzlerin,  ferner  die  Tochter  des  Kanzlers  von  Aichstedt,  der  Rathsvogt,  ein 
fremd  Mägdlein  von  zwölf  Jahren,  ein  Rathsherr,  der  dickste  Bürger  in  Würzburg,  ein  klein 
Mägdlein  von  neun  Jahren,  ein  kleineres  ihr  Schwesterlein,  der  zwei  Mägdlein  Mutter,  die 
Burgermeisterin,  zwei  Edelknaben  einer  von  Reitzenstein  und  einer  von  Rothenhan,  das  Göbel 
Babele  die  schönste  Jungfrau  in  Würzburg,  ein  Student,  so  viel  Sprachen  gekonnt  und  ein 
vortrefflicher  Musiker  gewesen,  der  Spitalmeister  ein  sehr  gelehrter  Mann,  eines  Rathsherrn 
zwei  Söhnlein  grosse  Tochter  und  Frau,  drei  Chorherren,  vierzehn  Domvicarii,  ein  blindes 
Mägdlein,  die  dike  Edelfrau,  ein  geistlicher  Doctor  u.  s.  w. 

Noch  mehr  gemordet  wurde  in  denselben  Jahren  im  Bisthum  B  am b erg.  Graf  Lambert 
weist  aus  Urkunden  nach,  dass  in  vier  Jahren,  1627 — 1630,  in  dem  Gebiete  des  Fürstbischofs 
von  Bamberg  bei  einer  Bevölkerung  von  etwa  100,000  Seelen  285  Personen  wegen  Hexerei 
den  Tod  erlitten,  und  auch  hier  wieder  Personen  aus  allen  Ständen,  jeden  Ranges,  jeden  Alters. 

Ein  Hexenrichter  in  Fulda,  der  über  19  Jahre  sein  Unwesen  trieb  —  Balthasar  Voss biess 
der  Unmensch  —  rühmte  sich:  Er  habe  allein  über  700 beiderlei  Geschlechts  verbrennen  lassen 
und  hoffe,  es  über  1000  hinauszubringen. 

In  Lindheim  wurde  in  Folge  einer  Hexenuntersuchung  in  den  Jahren  1661 — 64  der 
achtzehnte  Theil  der  Bevölkerung  des  Ortes  verbrannt,  von  540  Einwohnern  30  Personen. 

In  Salzburg  wurden  im  Jahre  1678  bei  Gelegenheit  einer  Rinderpest,  die  man  von 
Hexerei  herleitete,  97  Personen  wegen  Hexerei  hingerichtet. 

In  Rottweil  wurden  im  16.  Jahrhundert  in  30  Jahren  42  und  im  17.  Jahrhundert  in 
48  Jahren  71  Hexen  und  Zauberer  verbrannt. 

Als  medicinische  Repräsentanten  der  ruhigen,  wenn  auch  energischen  Fort- 
SChrittsparthei  im  16.  Jahrhundert  können  Leonhard  Fuchsin  Süddeutschland  und 
Crato  von  Kraftheim  in  Norddeutschland  hervorgehoben  werden.  Es  mögen  hier  einige  Proben 
folgen,  um  einigermaassen  ein  Bild  derselben  zu  vermitteln. 

Leonh.  Fuchs'  libri  octo  de  curandi  ratione  1548  haben  folgenden  Inhalt: 
Lib.  I.  1.  De  alopecia  et  ophiasi;  2.  de  defluvio  capillorum ;  3.  de  porrigine ;  4.  de  phthi- 
riasi;  5.  de  achoribus;  6.  de  dolore  capitis;  7.  de  dolore  capitis  ex  calore  nato;  8.  de  dolore 
capitis  ex  frigore  contracto  ;  9.  de  dolore  capitis  e  siccitate  aut  humiditate  orto ;  10.  de  dolore 
capitis  ex  plenitudine ;  11.  de  dolore  capitis  e  biliosis  humoribus ;  12.  de  dolore  capitis  e  pitui- 
tosis  humoribus;  13.  de  dolore  capitis  e  ventriculi  vicioorto;  14.  de  dolore  capitis  ex  ebrietate ; 
15.  de  capitis  dolore  ex  ictu,  vel  casu;  16.  de  dolore  capitis  in  febribus;  17.  do  cephalaea; 
18.  de  hemicrauia;  19.  de  vertigiue;  20.  de  phrenitide ;  21.  de  lethargo;  22.  de  caro  ;  23.  de 
catocha  et  catalepsi;  24.  de  comate;  25.  de  memoria  abolita;  26.  de  apoplexia;  27.  de  reso- 


Leonh.  Fuchs.  31 

lutione  alterius  lateris;  28.  de  resolutione,  quae  unam  aliquam  tantum  partem  obsedit;  29.  de 
epilepsia;  30.  de  convulsione  ;  31.  de  incubone;  32.  de  mania ;  33.  de  melancholia;  34.  de 
tremore ;  35.  de  Ophthalmia,  sive  lippitudine;  36.  de  pterygio;  37.  de  phlyctaenis :  38.  de  ul- 
ceribus  oculorum;  39.  de  cicatricibus  et  albuginibus  oculornm;  40.  de  sugillatis ;  41.  de  pure 
sub  Cornea;  42.  de  suffunone;  43.  de  dilatatione  et  diminutione  pupillae;  44.  de  visus  obscu- 
ritate ;  45.  de  nyctalopis ;  46.  de  expressione  oculi;  47.  de  aegilope ;  48.  de  aurium  dolore; 
49.  de  sonitu  aurium;  50.  de  surditate,  et  gravi  auditu;  51.  de  parotidibus ;  52.  de  ozaenis; 
53.de  sanguinis  ex  naribus  profluvio  ;  54.  de  destillatione,  gravedine,  et  raucitate  ;  55.  de  den- 
tium  dolore;  56.  de  dentibus  denigratis,  liventibusque,  et  mobilibus;  57.  de  aphthis;  58.  de 
foetore  oris. 

Lib.  II.  1.  de  columellae  inflammatione;  2.  de  laxata  columella;  3.  de  tonsillarum  in- 
fiammatione;  4.  de  serpentibus  et  malignis  tonsillarum  ulceribus;  5.  de  augina;  6.  de  tussi; 

7.  de  astbmate ;  8.  de  pleuritide ;  9.  de  peripneumonia;  10.  de  sanguinis  rejectatione;  11.  de 
empyemate ;  12.  de  tabe;  13.  de  cordis  palpitatione ;  14.  de  syncope;  15.  de  lactis  defectu; 
16.  de  lactis  redundantia ;  17.  de  lacte  in  grumos  converso;  18.  de  inflammatione  mammarum. 

Lib.  HI.  1.  de  imbecillitate  ventriculi;  2.  de  nausea  et  vomitu;  3.  de  siti  immensa ; 
4.  de  dolore  stomachi ;  5.  de  inflammatione  ventriculi;  6.  de  cibi  fastidio  ;  7.  de  appetentia 
canina;  8.  de  bulimo ;  9.  de  cruditate;  10.  de  inflatione  ventriculi;  11.  de  singultu;  12.  de 
cholera;  13.  de  diarrhoea;  14.  de  lienteria;  15.  de  dysenteria;  16.  de  tenesmo  ;  17.  de  coli 
doloribus;  18.  de  ileo ;  19.  de  lumbricis;  20.  de  haemorrhoidibus:  21.  de  procidentia  ani; 
22.  de  rimis  ani;  23.  de  imbecillitate  jocinoris;  24.  de  obstructione  jocinoris;  25.  de  inflamma- 
tione jocinoris;  26.  de  intemperie  lienis ;  27.  de  lienis  inflammatione  ;  28.  de  lienis  scirrho  ; 
29.  de  lienis  obstructione;  30.  de  ictero;  31.  de  malo  corporis  habitu;  32.  de  aqua  inter 
cutem;  33.  de  anasarca;  34.  de  ascite;  35.  de  tympanite;  36.  de  renibus  cruentam  urinam 
excernentibus ;  37.  de  renum  inflammatione;  38.  de  calculo  renum ;  39.  de  ulceribus  renum; 
40.  de  diabete ;  41.  de  vesicae  calculo ;  42.  de  sanguinis  ex  vesica  eruptione,  et  grumis  ejus- 
dem ;  43.  de  inflammatione  vesicae;  44.  de  ulceribus  vesicae,  et  ejus  cervicis ;  45.  de  stillicidio 
urinae ;  46.  de  difficultate  urinae  ;  47.  de  suppressione  urinae  ;  48.  de  exulceratione  pudendi; 
49.  de  priapismo;  50.  de  seminis  profluvio;  51.  de  iis  qui  re  venerea  uti  non  possunt;  52.  de 
ramice;  53.  de  suppressis  mensibus  ;  54.  de  redundantibus  mensibus  ;  55.  de  flnore  muliebri; 
56.  de  uteri  suffbcatione ;  57.  de  uteri  procidentia;  58.  de  mola;  59.  de  inflammatione  uteri; 
60.  de  inflatione  uteri;  61.  de  uteri  exulceratione  ;  62.  de  phimosi  uteri ;  63.  de  sterilitate 
removenda  ;  64.  de  difficultate  partus ;  65.  de  ischiade ;  66.  de  podagra  et  arthritide. 

Lib.  IV.  1.  de  diaria;  2.  de  diaria  plurium  dierum ;  3.  de  synocho  putrida;  4.  de  conti- 
nuis  febribus;  5.  de  ardente  febre;  6.  de  exquisita  tertiana  intermittente  ;  7.  de  tertiana  notha; 

8.  de  quartana;  9.  de  quotidiana;  10.  de  hectica  febre;  11.  de  hemitritaeo,  seu  semitertiana; 
12.  de  pestilentia. 

Lib.  V.  1.  de  inflammatione;  2.  de  herpete;  3.  de  erysipelate ;  4.  de  carbunculo ;  5.  de 
gangraena;  6.  de  impetigine;  7.  de  scabie  ;  8.  de  pruritu ;  9.  de  exanthematis ;  10.  de  am- 
bustis  ;  11.  de  formica,  Verruca  et  clavo  ;  12.  de  vitiligine;  13.  de  oedemate ;  14.  de  inflationi- 
bus;  15.  de  schirrhis;  16.  de  strumis;  17.  de  abscessibus ;  18.  de  cancro;  19.  de  elephantia; 
20.  de  morbo  gallico. 

Lib.  VI.  1.  de  vulneribus  in  Universum;  2.  de  vulneribus  magnis  in  superficie  acceptis,  et 
minime  profundis ;  3.  de  vulnere  profundo,  et  recondito,  citra  amissionem  substantiae,  in  carne 
accepto;  4.  de  cavo  vulnere;  5.  de  aequali,  sive  impleto  vulnere;  6.  de  vulnere  supercrescentem 
carnem  habente  ;  7.  de  vulnere  contuso,  et  cum  alio  praeter  naturam  affectu  conjuncto,  et  im- 
plicito;  8.  de  ecchymosi ;  9.  de  vulnere  ex  morsu  vel  ictu  animantium  tum  venenatorum,  tum 
rabidorum;  10.  de  morsu  canis  rabiosi;  11.  de  vulnere  cum  sanguinis  profusione  ex  venis  et 
arteriis;  12.  de  punctura  nervi,  seu  punctim  vulneratis  nervis;  13.  de  nervo  caesim  vulnerato; 
14.  de  nervi  contusione. 

Lib.  VII.  1.  de  ulcere  simplici,  et  quo d  solum  consistit;  2.  de  ulcere  cum  intemperie; 
3.  de  ulcere  cum  tumore  particulae;  4.  de  ulcere  contuso;  5.  de  carne  in  ulceribus  supercres- 
cente,  quam  hypersarcosin  Graeci  nominant,  tollenda;  6.  de  ulcere  cum  duricie,  et  labrorum 
decoloratione ;  7.  de  ulcere  cum  varicibus  complicato  ;  8.  de  verminoso  ulcere;  9.  de  ulcere 
dirupto,  et  cum  ossis  corruptione  complicato;  10.  de  ulceribus  aegre  cicatricem  admittentibus, 
et  malignis;  11.  de  ulcere  exedente ;  12.  de  sordido  et  putri  ulcere;  13.  de  profundo  et  cuni- 
culoso  ulcere;  14.  de  fistula;  15.  de  cancro  exulcerato. 

Lib.  VIH.    1.  de  fracturis  in  Universum;  2.  de  luxationibus  in  Universum. 


32  Zum  vierten  Abschnitt. 

Eine  Einzelnprobe  aus  Leonh.  Fuchs'  Werk:  Lib.  IL  cap.  4.  de  serpentibus  et 
malignis  tonsillarum  ulceribus. 

Maligna  tonsillarum  ulcera  interdum  praecedente  earundem  fluxu  incipiunt.  Aliquando 
autem  a  consuetis  fieriinflammationibus,  potissimum  efferatis,  perficiuutur.  Fiunt  autem  fre- 
quentissime  pueris,  atque  etiam  aetate  jam  perfectis,  maxime  iis  qui  vitiosis  humoribus  abun- 
dant.  In  pueris  vero  aphtha  praecedente  omnino  perficiuntur.  Colore  similia  sunt  crustis, 
quae  ferro  inuruntur.  Accidit  etiam  aegris  siccitas  in  transglutiendo,  et  suffocatio  coacervatim 
incidit,  maxime  quum  rubor  subit  mentum.  Ubi  humorum  acrimonia  praecesserit,  nome  quae 
depascitur  locos  excipit,  succeditque  una  putrefactio.  Festinanter  iis  auxilium  adferre  oportet, 
et  si  sunt  aetatis  perfectae,  et  nihil  sit  quod  prohibeat,  confidenter  brachii  venam  exteriorem, 
aut  si  illa  non  appareat,  mediam  incidere  convenit.  Si  vero  virgines  fuerint,  quas  circa  aetatis 
vigorem  dum  mensium  purgationem  appetunt,  hoc  malnm  crebro  apprehendit,  tunc  eis  malle- 
oli  venae  suntincidendae,  unica sanguinis  detractione  facta:  non  tarnen  usque  ad  animi  defec- 
tionem,  ne  subinde  profluentibus  mensibus  virtus  plane  concidat.  Deinde  alvus  clysteribus, 
glandulis,  et  sedis  illitionibus  movenda :  atque  omnibus  modis  conandum  erit,  ut  aversio  ab 
affectis  partibus  fiat.      In  quem  usum  cucurbitulae  juxta  lumbos  affigendae,    ac   ligaturis 

extremitatum  utendum.  Postea  gargarismis  uti  decet Post  morbi  principium  diamoron  collu- 

endum  exhibeatur,  mulsae  permixtum.  Tum  etiam  iridis  decocto,  et  aliis  locojam  citato  com- 
memoratis  uti  licebit.  Conandum  autem  est  in  Universum,  ne  digitum  quidem  tonsillis  ulceratis 
admoveamus,  aut  leni  saltem  tactu  manum  admoliamur.  Etenim  inscii,  ad  quos  maxime  in 
rebus  dubiis  homines  errore  quodam  confugiunt,  vehementius  illinunt,  simulque  locum  patientem 
comprimunt,  ac  crustam  detrahunt:  quod  minime  facere  convenit,  priusquam  elevatam  et  vix 
innitentem  crustam  conspiciamus.  Quod  si  enim  adhaerentem  adhuc  crustam  avellere  aggre- 
diamur,  ulcerationes  magis  in  profundum  procedunt,  et  inflammationes  consequuntur,  augen- 
turque  dolores,  et  in  ulcera  serpentia  proficiunt.  Itaque  sicca  quidem  remedia  insufflare 
convenit:  liquida  vero  cum  pinnulaillinire,  ita  ut  quantum  licuerit,  quam  penitissime  pinnulam 
immittamus.  Mirabiliter  autem  crustas  aufert  stercus  caninum,  cum  melle  illitum:  quod  tum 
optimum  erit,  quum  ossibus  canes  antea  per  biduum  fuerint  nutriti.  Magnopere  enim  auxili- 
atur,  neque  odium  sui  inducit,  neque  insuavitatem  representat  in  cibo  oblatum.  Cinis  item 
ustarum  hirundinum.  et  centaurij  minoris  usti  cinis  cum  melle.  Oportet  autem  post  irritationes 
a  medicamentis  factas,  lenire  cumglycyrrhizae  decocto  :  et  eo  qui  ex  mastiche,  myrrha,  traga- 
cantha,  amylo,  et  croco  constat,  gargarismo.  Cohibito  autem  jam  ulcere  pascente,  lacgargaris- 
sandum,lemnia  terra  permixtum.  Quid  multa?  in  repurgandis  explanandisque  ulceribus  maxime 
sollicitum  esse  oportet.  Infantes  enim  plurimi  in  ulcerum  repurgatione  convulsionem  passi 
sunt.  Aliqui  vero  via  transglutiendi  exiccata,  sunt  strangulati.  Forinsecus  certe  fomenta  ad- 
hibere  convenit,  et  cataplasmata,  cum  cautione,  ne  refrigeremus.  Feliciter  enim  res  procederet, 
si  intrinsecus  detentam  materiam  extra  possent  transferre.  Contegantur  itaque  semper  post 
cataplasmatum  ablationem,  partes  circa  mentum,  circumpositione  lanarum  mollium  in  oleo 
nardino  irrigatarum.  Porro  ubi  crustae  solutae  fuerint,  et  ulcera  ipsa  purgata,  hoc  remedio 
utendum  erit,  quod  habet:  Florum  rosarum  purpurearum  öjjj-  croci  5j,3.  balaustiorum  öß. 
myrrhae  ^j.  nucum  pinearum  repurgatarum  Sjj-  amyli  %.  rhois  culinarii,  aluminis  scissilis,  utrius- 
que  3j/?-    Tritis  et  subactis  melle,  ad  illitionem  utere. 

Von  Crato  von  Kraftheim  (Leben  und  ärztliches  Wirken  von  Hens  chel)  mögen 
folgende  schöne  Vorschriften  einen  Plaz  finden: 

Praecepta  quaedam  generalia  ad  Medicinam ....  pertinentia,  quae  autor  ....  cum  ex 
gravissimo  morbo  anno  MDLX.  convaluisset  sibi  observanda  praescripsit  .  .  .  sunt  autem  haec  : 

Primuni  :  pietatem  colat.     Ea  enim  est  vera  felicitas. 

Secundum:  artem  recte  discat,  nee  temere,  priusquam  didicerit,  exerceat. 

Tertium :  ad  aegrum  veniens  utatur  blanda  oratione,  non  inquirat  et  curet  quae  ad  vale- 
tudinem  aegri  non  speetant. 

Quartum:  interroget  de  aetate,  consideret  habitum  corporis,  studia ,  vitae  genus,  ra- 
tionem  victus. 

Quintum:  investiget  temperaturam  ex  habitu  et  colore  corporis,  cum  primis  membrorum 
priueipalium,  circa  cor,  affectiones,  pulsum;  circa  epar,  hypochondria,  venas,  exerementa;  in 
cerebro,  consideret  cum  interiorum,  turn  exteriorum  sensuum  rigorem. 

Sextum  :  quaerat  de  symptomatibus,  quia  ea  monstrant  morborum  et  locum  affectum.  Hie 
diligenter  doctrina  signorum  observetur.  Qua  re  si  quis  aecurate,  certe  Montanus  in  obser- 
vationibus  Rhasis  traditit. 

Septimum :  investiget  causas  symptomatum,  et  ita  demum  in  exaetam  coguitionem  morbi 
praeveniet. 


Paracelsus.  33 

Octavum:  dicat  praesagium,  observet  diligenter  dies  criticos ;  morbi  tempora,  stellarum, 
inprimis  lutninarium  aspectus  malos.  Ac  etiamsi  res  sit  in  dubio,  moneat  amicos,  aegrum  sem- 
per  bene  sperare  jubens,  nisi  ille  ea  sit  infirmitate,  ut  potius  cum  Christo,  quam  in  hac  misera 
vita  cito  vivere  cupiat. 

Nonum:  si  contagiosus  est  morbus,  astantes  admoneat. 

Decimum  :  in  vulgus  nihil  spargat,  vel  de  salute  vel  morte  aegri,  sed  dubitanter  loquatur 
nee  in  ullum,  (praeter-)  quam  magnitudinem  morbi,  causam  mortis  conferat,  nisi  propriam 
famam  et  conscientiam  tueri  necesse  sit. 

Undecimum:  in  curatione  primum  instituat  victus  rationem.  Interdum  ubi  noxa  non  est 
magna,  aliquid  aegro  concedat.  Aegro  non  recitet  catalogum  eibormn  ;  sed  qui  ejus  curam  gerunt. 

Duodecimum:  (si)  interrogabit  aeger  de  remediis,  parum  proponat,  ac  ipse  necessaria  recte 
t  fideliter  agat. 

Decimum  tertium:  si  morbus  non  cedit,  diligentia  intendatur. 

Decimum  quartum:  si  convalescit  aeger,  non  accedas,  ne  videaris  petere  peeuniam.  Fuge 
avaritiam  radicem  omnium  malorum,  et  nihil  sine  ratione,  et  inprimis  invocatione  Dei  facias. 
Ita  eris  bonus  Medicas. 


Paracelsus. 

Drei  Consilia  des  Paracelsus. 

1.  An  den  Hochgelehrten  Herrn  Adamum  Reyssner  alten  Stattschreiber  zu  Mündelheym. 

Das  Hirn  und  den  Magen  sollen  jhr  in  euch  bewahren,  dass  sie  nicht  in  jhrer  bossheit 
fürfahren:  Dann  auss  dem  Hirn  werden  euch  entspringen,  Arthetica,  das  ist  Gliedsucht,  Schwin- 
del, Pleuresis,  vhParalysis:  Dess  Mages  halb,  Phthysis,  Hydrops,  Febris,  Dysenteria. 

Der  Speiss  halb,  sollen  jhr  euch  hütten  vor  Gewürtz,  starken  Wein,  Kreutterwein,  Knob- 
loch, Senff,  Essig,  vnd  vor  Vische,  so  viel  euch  müglich,  sonderlich  für  gesotte. 

Abstinentz  halten  ist  gut,  doch  kein  Hunger  leiden,  noch  Durst,  vnnd  in  täglicher  gewon- 
heit  bleiben,  zu  gemeinen  Stunden. 

Lassen  vnd  Purgieren  ist  euch  nit  gut,  fürdert  euch  zum  Schlag,  vnnd  zum  Hauptweh, 
auch  zu  der  Wassersucht. 

Baden  in  Thermis  ist  euch  nit  gut.  Dann  sie  werden  euch  zu  viel  das  Haupt  in  die 
Flüss  richten,  vnd  die  Nervös  erweichen,  das  jhr  dester  ehe,  vnnd  Fürderlicher  in  Artheticam 
fallen,  vnnd  alle  glieder  im  Leib  dester  vngeschikter  machen. 

Zum  Haupt  sollen  jhr  von  diesen  Stücken,  so  hernach  volgen,  ein  Potion  machen,  vnd 
darvon  trincken,  all  Morgen  vnnd  nachts  ein  trüncklin  auffvier  Wochen;  Das  wirdt  das  Hirn 
wider  recht  machen,  vnd  bringen  in  sein  Temperatur. 

Vnnd  des  Magens  halb  die  Lattwerg  alle  mahl  nach  essens,  morgens  vnd  nachts  ein  halbe 
Baumnuss  gross  einnemmen,  vnnd  damit  nichts  mehr  essen,  auch  aufi'  zwen  Monat. 

Vnnd  ob  jhr  noht  würden  zu  laxiren  haben,  der  gefallnen  Flüss,  so  nemmen  ein  halb  Loht 
gedörte  Holderprösslin,  mit  so  viel  Zuckers,  zu  Morgens  ein  :  Das  nimpt  die  Flüss  hinweg,  die 
in  Magen  gefallen  sein,  ohne  alle  andere  stuck,  vnnd  ist  euch  ein  Laxatiuum  ohn  schaden, 
doch  im  Jahr  nicht  vber  ein  mahl,  als  Meyen. 

Solch  Regiment  ist  euch  genugsam  sechs  Jahr,  Nachfolgendts  schadets  nicht,  weiter  bey 
gemelteu  kranckheiten  Raht  vnd  Hülff  zu  suchen. 
Potio  ad  Cerebrum. 

Rec.  Radic.  Caryophyllatae,  id  est  Benedicten  Wurtzlen. 

Acori,  id  est  Gelb,  Gilgenwurtzlen,  an.  j.  halb  Pfundt. 
Flores  Sambuci,  Maioranae  ana  j.  halb  Fierl. 
Euphragiae  M.  ij. 

Diese  ding  legendt  in  ein  dreyssig  massig  Vass  mit  Wein,  lassents  also  ligen  acht  Tag, 
darnach  trincken  darvon,  wie  obsteht.  Wöllendt  jhr  weniger  machen,  so  nemmen  dess  Ge- 
wichts auch  weniger. 

Electuarium  pro  Stomacho. 

Nembt  Weckholder  Beer  ein  Pfundt,  siedens  in  Wasser  zwo  stundt,  darnach  seigens  durch 
ein  Tuch,  das  die  Hülsen  vnd  Kernlein  darvon  fallen,  vnd  was  hindurch  geht,  darzu  nemmen 
so  viel  Zucker,  mischendts  durch  einander,  stosseudts  zusammen,  mit  diesem  Gewürtz. 
Imber  zwey  Loht.  Calmus  ein  halb  Loht. 

Macis  ein  halb  Loht.     Cubeben  ein  Quint. 

Darnach  stellendts  an  die  Sonnen  in  einem  vermachten  Glass  auff  ein  Monat,  darvon 
brauchent  wie  obsteht,  wirt  euch  den  Magen  recht  machen. 

Belege  zu  Wundeilich's  Gesch.  d.  Med.  3 


34  Zum  vierten  Abschnitt. 

2.  Theophrastus  von  Hohenheim,  genannt  Paracelsus,  der  freyen  Kunst  vnnd  beyder 
Artzney  Doctor,  wünscht  dem  Edlen  vnd  Ehrnvesten  Herrn  Francisco  Bonero,  seinem  Gross- 
günstigen Hern,  Glück  vnnd  Heyl  in  dem  Herrn  dem  Höchsten  Gutt. 

Edler,  Ehrnvester,  Grossgünstiger  Herr,  Euwere  Brieff,  so  ewer  Herrligkeit  an  mich  ge- 
schribe,  hab  ich  empfangen,  gelesen  vnd  wider  gelesen :  was  die  Artznei  belangt  vnd  was 
E.  H.  für  gefahr,  vnnd  Schmertzen  erlitten,  hab  ich  vernommen.  Vnd  darbey  der  Artzt,  vnd 
der  Wundartzt  Einfältigkeit  genugsam  verstanden,  welche  im  anfang  die  sach  nit  verstanden 
haben,  vnnd  das  ist  der  Artzt  erster  mangel,  dass  sie  den  Morbum  erstlich  nit  erkennen :  wie- 
wol  die  Zeichen,  vnd  Proguosticationes  der  kranckheit  vorgehnt,  gleich  wie  der  Ascendens  Coeli 
die  Geburt  dess  Kindts. 

Im  anfang,  gleich  wie  ein  Kind,  das  in  dess  Vatters  Gewalt  ist,  sich  lest  biegen:  So  es 
aber  alt  wirdt,  weder  der  Vatter,  noch  der  Nachrichter  ziehen  kan :  Also  sind  auch  alle  kranck- 
heiten  im  anfang  heilbar,  welche,  so  sie  vberhand  nemmen,  schwerlich  curirt  werden  mögen. 

Das  zeig  ich  darumm  an,  das  es  auch  in  ewern  schmertze,  dess  Geschröts,  oder  Gemechte 
also  gange,  welcher  jetzundt  Hernia  Carnosa,  ein  Fleischbruch  worden  ist,  dann  erstlich  ist  es 
Napta  gewesen,  jetzt  ist  der  Morbus  darauss  in  Herniam  Carnosam  gerahten,  vnd  schier  vn- 
heilbar  worden:  Dann  es  ist  species  Elephantiae,  derhalben  mich  bedunckt,  das  wenig  hie  zu 
rahten  sey. 

Dann  dieser  kranckheit  ist  nit  zu  helffen,  nach  der  Cracowischen  Artzet  Vrtheyl,  vnnd 
were  ein  thorheit  in  einer  verderbten  sach  zu  rahten:  Ist  mir  leyd  das  euwer Herrligkeit  so  ein 
weiten  weg  von  Crakow  biss  hieher  gehn  Saltzburg  ein  Botten  geschickt  habe,  von  wegen  dess 
grossen  Umbkostens,  vnd  das  die  Cracowischen  Medici  diesen  schaden  nit  zuvor  angezeigt. 

3.  Consilium  an  denselben. 

Ich  hab  gelesen  wie  die  kranckheit  zugenommen,  vnd  das  der  Artzt  Rahtschleg  ohn  Ver- 
standt  gesteh  worden:  Dann  sie  haben  ihre  Artzneyen  vnd  Regiment  in  kalte  ding  gesetzt,  so 
doch  die  kranckheiten  durch  kalte  ding  ernehrt  werde.  Also  auch  in  den  andern,  da  sie  mit 
Narcoticis  vnnd  Stupefactivis  E.  H.  haben  wollen  Artzneyen,  welche  alle  Contraria  gewesen: 
derhalben  ich  mich  scheuhe  diese  ding  zuerzehlen,  so  mir  E.  H.  geschrieben.  Darumm  lass 
ichs  bleibe,  dieweil  alle  ding  ohn  verstand  geschrieben,  vnd  gerahten  worden  sind,  wie  ich  vor- 
gesagt, darumb  das  die  Narcotica,  Stupefactiva  vnnd  Infrigidantia,  welche  gemeinlich  im  vierdten 
Gradu  stehn,  in  gemelten  kranckheiten,  nichts  thun  mögen.  Derhalben  auch  die  Medici,  so 
anfangs  gebraucht  worden,  darfür  gehalten,  das  dieser  Morbus  incurabilis  sey. 

Wiewol  nuhn  diese  kranckheit  zum  end  geloffen,  vnd  für  vnheilbar  geacht  wirdt:  Halt  ich 
sie  doch  darfür,  dass  sie  zu  Curiren  sey,  darumb  das  der  Artzet  nicht  allezeit  die  kranckheit 
auff  einem  näglin  wissen  vnnd  verstehn  soll,  sondern  es  ist  genug  wann  er  diefürnemste  vrsach, 
vnnd  das  Fundament  darinn  versteht.  Dann  es  ist  möglich,  das  wir  die  vnsichtbaren  vnnd 
verschlossenen  ding  mögen  erkennen :  Wir  wissen,  verstehn,  vnd  haben  ettwas,  aber  dess  Ge- 
sichts manglen  wir  hierinn. 

Ich  hab  dieser  Kranckheit  jhren  Namen  geben,  vnnd  meinem  Verstandt  nach,  die  Cur 
darauff  gericht,  wiewol  kurtz,  wie  volgt. 

Suchen  euch  einen  Menschen  der  im  distillieren  geschickt  sei,  dem  geben  dieses  Recept 
zu  machen. 

Nembt  Opopanaci,   Serapini,  Ammoniaci,  Galbani  jedes  ein  Vntz.      Olei  Philo- 
sophorum  so  viel  von  nöhten. 

Lassendt  die  Gummi  zergehn,  in  Rosenessig,  wie  der  brauch  ist,  vnd  sied  sie  wider  ein, 
dass  sie  wider  dick  werden,  dann  bereitens  zu  einem  Pflaster  mit  dem  obgenanten  Oleo. 

Dieses  Pflaster  leg  auff  die  gantze  Herniam  auff  drey  oder  vier  woche,  dann  wirdt  durch 
krafft  dieses  Pflasters  an  eim  bequemen  orht  ein  Apostema  sich  samlen,  welchs  für  sich  selbs 
auffbrechen,  vnnd  sich  vnder  dem  Pflaster  resoluieren  wirdt :  So  dann  das  Apostema  offen  ist, 
soll  man  ein  Zugpflaster  von  Gummis  vnd  Colophonia  darauff  legen,  wie  ich  vielfeltig  in  meinen 
Büchern  geschriebe,  auff  die  weiss  wirdt  die  Materi  warhafftig  resoluiert,  vnd  aussgetrieben. 
Doch  wirdt  hie  aussgenommen  dieser  schaden,  der  im  Leib  Fix  ist,  vnnd  auff  die  Elephantia 
geht :  wiewol  so  es  gleich  ein  Species  Elephantiae  ist,  so  wirdt  es  doch  also  aussgetriben,  vnd 
der  Morbus  gemindert. 

Auch  sollen  die  Praeservativa  wider  diesen  Fixum  Morbum  nicht  in  Leib  gebraucht 
merden,  dann  dieser  Schaden  wirdt  von  seinem  Contrario  genehrt,  vnd  kompt  wieder  in  sein 
ersten  standt. 

Also  hab  ich  die  Curam  auff  ewer  Herrligkeit  kräckheit  angericht:  wiewol  ich  weder  die 
Person,  noch  die  Kranckheit  gesehen,  dann  sovil  ich  in  E.  H.  Brieffen  gelesen  hab.    Wann  die 


Syphilis.  35 

sach  also  geschaffen,  so  hahen  E.  H.  recht  geschriben ;  wo  nit,  so  ist  es  nit  wol  geschrieben : 
ich  glaub  den  Brieffen,  dann  sie  siend  nach  gewonheit  der  Artzet  gestelt.  So  sich  aber  je- 
mandt  an  meiner  vor  vngehörten  Ordnung  verwundert,  ist  nicht  daran  gelegen.  E.  H.  lassen 
ein  erfahrnen  das  Emplastrum  machen,  das  ich  fürgeschrieben,  so  wirdt  es  alles  glücklich  von 
statt  gehn.  Die  Verehrung  so  mir  E.  H.  geschickt,  hab  ich  empfangen,  damit  Gott  dem  Herrn 
befohlen.     Datum  Saltzburg,  den  fünfften  Augusti.  Anno  1541. 

Syphilis. 

Die  bedeutendsten  Schriftsteller  aus  der  ersten  Zeit  der  umfänglicheren  Verbreitung  der 
Syphilis  waren  : 

Joannes  Widmann  oder  Salicetus  (tractatus  de  pustulis  et  morbo  qui  vulgato  nomine 
mal  de  franzos  appellatur  1497). 

Nie.  Leonicenus  (über  de  epidemie  quam  Itali  morbum  Gallicum,  Galli  vero  neapoli- 
tanum  vocant  1497). 

Forell  a  (tractatus  de  dolore  cum  traetatu  de  ulceribus  in  Pudendagraevenire  solitis  1500). 

Grimbeck  (libellus  de  mentulagra  alias  morbo  Gallico  1503,  seine  eigene  Leidensge- 
schichte erzählend). 

Ulrich  v.  Hütten  (libellus  de  Guajaci  medicina  et  morbo  Gallico  1519,  ebenfalls  nach 
Erfahrung  am  eigenen  Leibe). 

Fracastorius  (Syphilis  sive  morbus  Gallicus  1520,  ein  Gedicht  von  ausgezeichnetem 
Werthe,  und  de  contagionibus  et  contagiosis  morbis  et  eorum  curatione  1546). 

Hernandez  de  Oviedo  (in  seiner  historia  general  y  natural  de  las  Indias  oeeiden- 
tales  1525  ;  der  zuerst  die  Meinung  des  americanischen  Ursprungs  der  Krankheit  aufbrachte). 

Massa  (liber  de  morbo  gallico  1532). 

Montan us  (tractatus  de  morbo  Gallico  1550). 

Vidus  Vidius  (in  seiner  Curatio  morborum  1551). 

Musa  Brassavolus  (tractatus  de  morbo  gallico  1551,  unterscheidet  234  Species  von 
Syphilis). 

Amatus  Lusitanus  (Curationum  medic.  Centuriae  7.  1554). 

Faloppia  (tractatus  de  morbo  Gallico  1564). 

Fernel  (de  luis  venereae  curatione  perfectissima  liber,  nach  seinem  Tod  gedrukt). 

Amb  r.  Pare. 

Franciscus  Diaz  (traetado  de  todas  las  enfermedades  de  los  rinones,  vexiga  y  carno- 
sidades  de  la  verga  y  orina  1588). 

Forest  (in  s.  observ.  et  curationem  medicinale  et  Chirurg,  lib.  XXXII.  1596). 


3* 


ZUM  FÜNFTEN  ABSCHNITT. 


Baco. 

Zum  Verständniss  Baco's,  der  von  deutschen  abstracten  Philosophen  so  vielfach  mis- 
handelt,  von  de  Maistre  vom  jesuitischen  Standpunct  aus  verurtheilt  und  selbst  von  Macauley 
so  wenig  gewürdigt  wurde,  ist  Schaller  (Geschichte  der  Naturphilosophie  1841.  Band  1. 
pag.  29 — 85),  besonders  aber  die  schöne  Schrift  von  Kuno  Fischer  (Franz  Baco  von  Verulam, 
die  Realphilosophie  und  ihr  Zeitalter  1856)  zu  vergleichen. 

Harvey. 

Probe  aus  der Exercitatio  anatomica  de  motu  cordis  et  sanguinis  in  animalibus. 
Cap.  2.  Ex  vivorum  dissectione,  qualis  sit  cordis  motus. 

Primum  itaque  in  cordibus  omnium  adhuc  viventium  animalium,  aperto  pectore,  et  dis- 
secta  Capsula  quae  cor  immediate  circumcludit,  observare  licet  cor  aliquando  moveri,  aliquando 
quiescere ;  et  esse  tempus  in  quo  movetur,  et  in  quo  motu  destituitur.  Haec  manifestiora  in 
cordibus  frigidorum  animalium,  ut  bufone,  serpentibus,  ranis,  cochleis,  gammaris,  crustatis  con- 
chis,  squillis,  et  pisciculis  omnibus.  Fiunt  etiam  omnia  manifestiora  in  cordibus  calidiorum, 
ut  canis,  porci,  si  cousque  attente  observaveris  quoad  emori  cor,  etlanguidius  moveri,  et  quasi 
extinguiincipiat:  tum  etenim  tardiores  et  rariores  ipsius  motus  fieri,  et  longiores  quietes,  cernere 
aperte  et  clare  poteris ;  et  motus  qualis  sit,  et  quomode  fiat,  commodius  intueri  et  dijudicare 
licet.     In  quiete,  ut  in  morte,  cor  laxum ,  flaccidum,  enervatum,  inclinatum  quasi,  jacet. 

In  motu,  et  eo  quo  movetur  tempore,  tria  prae  caeteris  animadvertenda. 

I.  Quod  erigitur  cor,  et  in  mucronem  se  sursum  elevat ;  sie  ut  illo  tempore  ferire  pectus, 
et  foris  sentiri  pulsatio  possit. 

II.  Undique  contrahi,  magis  vero  seeundum  latera;  ita  uti  minoris  magnitudinis,  et  lon- 
giusculum,  et  collectum  appareat.  Cor  anguillae  exemptum,  et  super  tabulam  aut  manum 
positum,  hoc  facit  manifestum :  aeque  etiam  apparet  in  corde  pisciculorum,  et  illis  frigidioribus 
animalibns,  quibus  cor  coniforme  aut  longiusculum  est. 

III.  Comprehensum  manu  cor,  eo  quo  movetur  tempore,  duriusculum  fieri.  A  tensione 
autem  illa  durities  est ;  quemadmedum  si  quis  lacertos  in  cubito  manu  comprehendens,  dum 
movet  digitos,  illos  tendi  et  magis  renitentes  fieri  pereipiat. 

IV.  Notandum  insuper  in  piseibus,  et  frigidioribus  sanguineis  animalibus,  ut  serpentibus, 
ranis,  et  caeteris,  illo  tempore  quo  movetur,  cor  albidioris  coloris  esse ;  cum  quiescit  a  motu, 
coloris  sanguinei  saturum  cerni. 

Ex  his  mihi  videbatur  manifestum,  motum  cordis  esse  tensionem  quandam  ex  omni  parte 
et  seeundum  duetum  omnium  fibrarum,  et  constrictionem  undique ;  quoniam  erigi,  vigorari, 
minorari,  et  durescere  in  omni  motu  videtur:  ipsiusque  motum  esse,  qualem  musculorum,  dum 
contractio  fit  seeundum  partium  nervosarum  et  fibrarum.  Musculi  enim,  cum  moventur  et  in 
actusunt,  vigorantur,  tenduntur,  ex  mollibus  duri  fiunt,  attolluntur,  incrassantur:  et  similiter  cor. 

Ex  quibus  observatis  rationi  consentaneum  est,  cor,  eo  quo  movetur  tempore,  et  undique 
constringi,  et  seeundum  parietes  incrassescere,  seeundum  ventriculos  coaretari,  et  contentum 
sanguinem  protrudere ;  quod  ex  qitarta  observatione  satis  patet ;  cum  in  ipsa  tensione  sua, 
propterea  quod  sanguinem  in  se  prius  contentum  expresserit,  albescit;  et  denuo  in  laxatione 
et  quiete,  subingrediente  de  novo  sanguine  in  ventriculum,  redit  color  purpureus  et  sangui- 
neus  cordi.  Verum  nemo  amplius  dubitare  poterit,  cum  usque  in  ventriculi  cavitatem  inflicto 
vulnere,  singulis  motibus  sive  pulsationibus  cordis,  in  ipsa  tensione  prosilire  cum  impetu  foras 
contentum  sanguinem  viderit. 


Harvey.  37 

Simul  itaque  haec,  et  eodem  tempore,  contingunt ;  tensio  cordis,  mucronis  pulsus,  qui 
forinsecus  sentitur  ex  allisione  ejus  ad  pectus,  parietum  incrassatio,  et  contenti  sanguinis  pro- 
trusio  cum  impetu  a  constrictione  ventriculorum. 

Hinc  contrarium  vulgariter  receptis  opinionibus  apparet ;  cum,  eo  tempore  quo  cor  pectus 
ferit  et  pulsus  foris  sentitur,  una  cor  distendi  secundum  ventriculos  et  repleri  sanguine  putetur  ; 
qnanqnam  contra  rem  se  habere  intelligas,  videlicet  cor  dum  contrahitur  inaniri.  Unde  qui 
motus  vulgo  cordis  diastole  existimatur,  revera  Systole  est.  Et  similiter  motus  proprius  cordis, 
diastole  non  est,  sed  Systole ;  neque  in  diastole  vigoratur  cor,  sed  in  Systole  :  tum  enim  tenditur, 
movetur,  vigoratur. 

Neque  omnino  admittendum  illud  (tametsi  divini  Vesalii  adducto  exemplo  confirmatum, 
de  vimineo  circulo  scilicet  ex  multis  juncis  pyramidatim  junctis)  cor  secundum  fibras  rectas 
tantum  moveri ;  et  sie,  dum  apex  ad  basin  appropinquat,  latera  in  orbem  distendi,  et  cavitates 
dilatari,  et  ventriculos  cueurbitulae  formam  acquirere  etsanguinem  introsumere  (nam  secundum 
omnem  quem  habet  duetum  fibrarum,  cor  eodem  tempore  tenditur,  constringitur) :  at  potius 
incrassari  et  dilatari  parietes  et  substantiam,  quam  ventriculos;  et,  dum  tenduutur  fibrae 
a  cono  ad  basin,  et  conum  ad  basin  trahunt,  non  in  orbem  latera  cordis  inclinare,  sed  potius 
contrarium;  uti  omnis  fibra  in  circulari  positione,  dum  contrahitur,  versus  rectitudinem.  Et 
sicut  omnes  musculorum  fibrae,  dum  contrahuntur,  et  in  longitudine  abbreviantur;  ita  secun- 
dum latera  distenduntur  et,  eodem  modo  quo  in  musculorum  ventribus,  incrassantur.  Adde, 
quod  non  solum ,  in  motu  cordis ,  per  directionem  et  incrassationem  parietum  contingit 
ventriculos  coaretari ;  sed  ulterius,  eo  quod  fibrae  illae  (sive  lacertuli  in  quibus  solum 
fibrae  reetae,  in  pariete  enim  omnes  sunt  circulares)  ab  Aristotele  nervi  dietae  (quae  variae  in 
ventriculis  cordis  majorum  animalium)  dum  una  contrahuntur,  admirabili  apparatu  omnia  in- 
teriora  latera  veluti  laqueo  invicem  compelluntur,  ad  contentum  sanguinem  majori  robore 
expellendum. 

Neque  verum  est  similiter,  quod  vulgo  creditur,  cor  ullo  suo  motu,  aut  distensione,  san- 
guinem in  ventriculos  attrahere :  dum  enim  movetur  et  tenditur,  expellit ;  dum  laxatur  et  con- 
eidit,  reeipit  sanguinem  ;  eo  modo,  quo  postea  patebit. 

1 

van  Helmont 

aus  dem  Abschnitte  über  den  Latex  humor  neglectus. 

1.  De  Latice  humore  unico,  et  hactenus  neglecto,  dicturo  probanda  est  primum  quaestio, 
An  sit,  sive  quod  sit:  dein  ejus  usus,  atq;  necessitates,  sive  fiues  ac  scopi,  quibus  inservit.  Ante 
haec  tarnen  omnia,  juvat  obiter  explieuisse,  quid  illo  insolito  nomine  siguificatum  velim. 

2.  Enimvero  praeter  unicum  liquorem  alimentarium  aperte  et  palam  cognitum,  quem 
cruorem  vocant,  innatat  ei  liquor  quidam  aquosus,  nedum  salivae,  lacrymis,  sudori,  tenui 
mueco,  oedemati  etiam  aliis  morbis  materialiter  substratus ;  sed  et  variis  usibus  illustris.  Me- 
minerunt  Scholae  quidem  illius,  sub  nomine  seri  sanguinis,  illumque  tarn  urinae,  quam  sudori 
communem  fecere :  At  sane  ostendam,  eundem  proeul  materia,  et  usibus  diversum:  ac  per  con- 
sequens  non  inter  exerementa,  sed  utiles  suecos  referendum. 

3.  Laticem  enim  voco,  non  autem  humorem,  ut  tollatur  abusus  nominum,  postquam  sat 
per  librum  expressum  demonstraverim,  nunquam  in  humana  natura  exstitisse  quaternarium 
humorum,  quos  Scholae  per  repetitas  commentariorum  centurias  dilatarunt,  adeoq;  humores, 
ceu  actores,  in  omnium  morborum  tragoedias  introduxerunt 

9 Ego  autem  pro  basi  indubia,  fassus  sum  semper,  naturae  Parentem  non  posse  fru- 

strari  coneeptis  finibus,  necquicquamlotii,  ordinario  naturae  errore,  cruorireliquissepermistum. 
Denique,  quod  quiequid  liquidi  in  substantia  sanguinis  est  :  id  ipsuni  non  esse  de  constitutione 
sanguinis,  nee  ejus  exerementum :  sed  esse  Laticem,  suis  utilem  finibus.  Nee  enim  est  Latex 
pars  urinae,  ut  nee  pars  sudoris.  Nam  inprimis  sal  sudoris  distmetus  est  suis  proprietatibus, 
a  sale  urinae.  Estque  Latex  manifesti  adhuc  salis  expers.  Idque  non  mirum.  Quippe  urina, 
jam  fermento  stercoreo  renum,  quatenus  imbuta,  etiam  ab  eodem  est  transmutata. 

10.  Fit  enim  lotium  suis  officinis,  suisque  completur proprietatibus  formalibus,  ad  suas  func- 
tiones,  atque  scopos  utilis.  Differt  itaque  lotium,  nedum  a  sudore :  sed  et  a  seipso  quantisper  non 
dum  renum  fermento,  atque  stercoris  liquidi  intestinorum  est  partieeps.  Idque  sane  nee  alias,  quam 
stercus  coli,  a  cremore  stomachi  differt,  vel  chylus  a  cruore.  Non  inest  ergo  pars  urinae  san- 
guini,  nee  alimento  jam  depurato  commistum  est  exerementum  actu  corruptum,  et  alterius 
corruptivum.  Nam  iste  error  esset  nimis  quotidianus,  et  directus :  pro  cujus  aversione,  natura 
ubique  non  segniter  ita  insudavit,  quod  in  nullo  passim  laboret  operosius,  quam  ut  molesta  sibi 
recrementa  proscribat  ocissime.     Siquidem  exerementa  euneta,  et  singula,  jam  sunt  fermenti 


38  Zum  fünften  Abschnitt. 

stercorei  impressione  a  seipsis  prioribus  alienata,  ideoq ;    non  possent  non  eadem  dote  ulterius 
tabefacere,  optima  quaeq ;  sibi  admista. 

11.  Profecto  Latex  in  cruore  oberrat  permistus,  non  quidem  ut  pars  cruoris,  autresiduum 
lotii  excrementum :  sed  ad  varios  scopus  utilis :  Ideoq  ;  et  Laticem  vocavi,  sive  humorem  pecu- 
liarem  a  cruore  distinctum.  Est  nimirum  in  se  pene  insipidus,  et  pro  primo  scopo,  contem- 
perat  cruoris  aciditatem,  ut  eandem  arceat. 

12.  Potissimum  namque  post  labores ,  aestus,  sudores,  balnea,  etc.  nam  in  tanta  per- 
spirabilitate  cruor  valde  condensaretur,  nisi  haberet  aqueam  partem  admixtam  pro  sudore. 

13.  Alter  laticis  scopus  fuit,  scilicet  dum  in  omni  crudiore  Chylo,  cremore,  et  cruore,  sit 
aliquod  excrementum,  et  cruor  sub  digerendo  salem  excrementitium  reservet,  etiam  dum  in 
purum  alimentum  convertitur :  fuit  ipsi  proin  latex  opportunus  socius,  qui  in  se  reciperet  hunc 
salem,  eumque  everreret. 

14.  Tertius  laticis  accessit  scopus,  ut  materialiter  causet,  ne  ullum  densioris  compaginis 
residuum,  in  ultima  alimoniae  evaporatione  remaneat :  sed  simul  per  diapnaeam  explodatur, 
ratione  fermenti  arterialis,  (ut  supra  in  Blas  humano),  vel  ratione  sudoris  eluatur.  Sudor  namque 
materialiter  nil  nisi  latex  est,  cui  accessit  sal  superfluus.      Quod  apparet. 

15.  Nam  a  potu  aquae,  aut  cerevisiae  tenuioris,  mox  sudor  copiosus  aestate  profluit:  non 
quidem  quod  halitu  tenus,  salsus  sudoris  latex,  per  corpus  feratur,  ut  subter  pellem  salem  prius 
induat,  simulq;  oleosum  quiddam. 

16.  Sed  sudor  expellitur,  in  forma  aquae  (ut  in  sanitate)  vel  sponte  ut  aqua  profunditur 
in  meticulosis,  syncopizantibus,  et  morientibus.     Ubi  per  impertinens  obiter  annoto. 

17.  Quod  morientium  sudor,  non  sit  tarn  latex  in  sui  natura,  quantum  ros  alimentarius 
resolutus,  cui  mors  imperat.  Quod  patet.  Nam  statim  corporis  habitus  sidit,  prout  et  in 
syncope.  Habetque  sudor  ille  mirificas  vires  mortificandi  haemorrhoides,  et  excrescentias  pos- 
sidet.     Porro  quod  sudor  non  feratur  per  calorem,  vaporis  specie,  patet. 

18.  Nam  cum  vapor  centuplo  majorem  locum  occupet  quam  aqua:  tumeret  sudando  corpus 
centuplo  magis,  quam  alioqui  proprio  est  ejus  extensio.  Non  est  enim  subter  pellem  locus 
vacuus,  qui  vaporem  excipiat;  ahenum  quoque  aquae  fervidae,  nullum  intra  se  vaporem habet: 
et  quem  emittit,  e  superficie  tantum  exhalat.  Non  oberrat  ergo  vapor,  sub  pelle  :  sed  liquoris 
sola  specie  propellitur. 

19.  Sudor  ergo  est  latex  materialiter  e  culinis  partium  per  quas  fertur  abradens,  vel 
abluens  sordes,  ideoque  plerumq ;  olidus,  idque  magis  in  morbidis,  quam  sanis.  Adeoque  et 
in  Crisi  saepe  terminat  morbos,  quatenus  secum  effert  sordes  pro  scopo  suo  ordinario.  Cadave- 
rum dissectiones  admiratae  sunt  Scholae :  sed  sudoris  anatomiam  nondum  per  digestiones,  fuli- 
gines,  electiones,  admistiones,  resolutiones,  aut  expulsores,  introspexerunt. 

20.  Quintus  Laticis  scopus  fuit  magis  intimus.  Etenim  cum  oculus  liquore  opus  haberet 
ut  ejus  palpebra  innocue  moveretur,  et  lingna  saliva  eguit,  ut  masticatos  cibos  madore  tempe- 
raret :  absurdum  autem  foret,  totum  cibum  e  massa  cruoris  humectari :  Idcirco  per  venas  latex 
delatus  est,  unde  saliva,  lacryma,  etc.  fierent.  Nam  dum  in  anginis,  et  infami  Mercurii  sali- 
vatione,  plus  justo  saliva  profluit,  alvus  seipsa  siccior  fit. 

21.  Latex  ergo  in  cruoris  massa  innoxius  vagatur,  ad  loca  opportuna  defertur,  distributivae 
facultati  prompte  auscultans.  Qui  quidem  sicubi  salem  cerebri  (ut  in  gravedine)  secum  ra- 
puerit :  non  est  tarnen  Latex  sui  natura  noxius,  nee  illi  piandum  in  eulpam,  quod  ipsi  insonti, 
per  aeeidens,  importune  associatur.  Pariter  licet  in  morbis  obsequiosus  abundet,  oedematosa 
crura  inflet,  id  sorte  contingit.  Natura  namque  generali  nisu,  odiosum  sibi  hospitem  parit, 
eumque  exerementis  sarcinat,  quae  abigere  optat.  Nocte  frigidissima  linteamen  invenio  mane 
tentum  et  congelatum  a  nocturno  anhelitu,  cujus  aquae  quadruplum  adhuc  exhalavit,  ad  mi- 
nimum.  Estque  anhelitus,  aestivis  diebus  non  minus:  sed  multo  magis  vapidus.  Igitur  aliquot 
unciae  insipidi  liquoris  e  solo  pulmone  efflantur.  Sed  non  est  illa  aqua,  excrementum  pulmonis, 
ut  neque  cruoris  resoluti  materia.  Quapropter  e  latice  petitur,  sive  mittatur  a  potestate  distri- 
butiva  Archei,  sive  demum  pulmo  eundem  ad  se  alliciat.  Saltem  continuo  suppeditatur,  quodq; 
alibi  praebent  glandulae  ministerium :  hoc  idem  praestat  pulmonis  parenehyma.  Adeoque 
laticis  velut  scopus  est,  quod  suo  madore  compescat,  ne  pulmo  dehiscat,  siccitate  attracti  aeris. 

Sylvius. 

Series  morborum. 

Partium  contentarum  sive  fluidarum  morbi  sunt. 

I.  In  qualitatibus  sensilibus  propriis  funetionem  aliquam  laedentibus. 

1.  ratione  visus,  in  colore  mutato ;  in  perspieuitate,  aut  opacitate  mutata;  in  luce 
aut  tenebris. 


Sylvius,  39 

2.  ratione  auditus,  in  sono. 

3.  ratione  olfactus,  in  odore  grato,  vel  ingrato. 

4.  ratione  gustus  in  sapore  multifario,  dulci,  acido,  austero,  salso,  amaro,  etc.  vel  insipido. 

5.  ratione  tactus  in  duritie  aut  mollitie. 

6.  ratione  caloris  sensus,  in  calore,  frigore,  tepore,  rigore,  horrore. 
II.  In  qualitatibus  sensilibus  communibus  functionern  aliquam  laedentibus. 

1.  ratione  copiae  auctae  vel  diminutae. 

2.  ratione  loci  mutati. 

3.  ratione  motus  aucti,  diminuti,  aboliti. 

4.  ratione  temporis  mutati,  exeinpli  gratia  quando  menstrua  singulis  mensibus  non 
prodeunt,  sed  citius,  vel  tardius. 

5.  ratione  fluiditatis  mutatae. 

Partium  continentium  seu  consistentium  morbi  sunt. 

I.  In  qualitatibus  sensilibus  propriis  functionem  aliquam  laedentibus. 

1.  ratione  visus  in  colore  mutato;  in  perspicuitate  vel  opacitate  mutata;  in  luce  aut 
tenebris. 

2.  ratione  auditus  in  sono. 

3.  ratione  olfactus  in  odore  grato  vel  foetente. 

4.  ratione  gustus  in  sapore  multifario. 

5.  ratione  tactus  in  duritie  aut  mollitie. 

6.  ratione  caloris  sensus,  in  calore,  frigore,  tepore. 

II.  In  qualitatibus  sensilibus  communibus  functionem  aliquam  laedentibus. 

1.  ratione  uumeri  aucti  vel  diminuti. 

2.  ratione  magnitudinis  auctae  vel  diminutae. 

3.  ratione  figurae  mutatae. 

4.  ratione  continuitatis  solutae,  aut  secreti  coalescentiae. 

5.  ratione  connexionis  solutae. 

6.  ratione  loci  et  situs  mutati. 

7.  ratione  soliditatis  vel  fistulositatis  mutatae. 

8.  ratione  motus  aucti,  diminuti,  aboliti. 

9.  ratione  consistentiae  mutatae  in  fluiditatem. 

De  morbis  sanguinis  et  eorum  indicationibus  curatoriis. 

I.  Postquam  corporis  partium  tarn  continentium  et  consistentium,  quam  contentarum  et 
fluidarum  morbos  secundum  qualitates  sensiles  tarn  comunes  quam  proprias  in  diversas  spe- 
cies  sie  distinximus,  tempus  est,  ut  nunc  ipsas  medendi  metbodo  applicare  ineipiamus. 

II.  Quo  autem  brevior  et  dilueidior  sit  nostra  medendi  methodus,  initium  faciemus  a  con- 
tentarum sive  fluidarum  corporis  partium  vitiis,  quae,  sicut  ex  jam  dictis  patet,  consistunt. 

1.  in  earum  qualitate  sensili  propria  mutata. 

2.  in  earundem  copia  vel  aueta,  vel  diminuta. 

3.  in  earundem  motu  vel  aueto,  vel  diminuto,  vel  abolito. 

4.  in  earundem  loco  mutato,  et  forsan  nonnunquam. 

5.  in  tempore  mutato  :  menstruis  puta  non  menstruatim  prodeuntibus,  et  similibus. 

6.  in  earundem  fiuiditate  mutata  in  substantiam  consistentem. 

III.  Inter  corporis  humani  contenta,  sive  partes  fluidas  merito  primum  locum  tribuimus 
sanguini,  a  quo  immediate  vita  pendet,  partiumque  caeterarum  omnium  reparatio.  Cujus  vitia 
et  indicationes  considerabimus  secundum  qualitates  sensiles  tum  proprias,  tum  communes. 

IV.  Inter  proprias  speetabimus  1.  ipsius  colorem,  qui  secundum  naturam  parte  sui  superiore, 
postquam  eduetus  concrevit,  est  rutilus,  parte  autem  inferiore  nigricans  :  quemadmodum  ipsius 
Serum  est  subflavum. 

V.  Hie  color  si  mutatus  oecurat,  indicat  sanguinem  male  affectum ;  nam  in  superficie  si 
albicet,  crustamque  similem  habeat,  pituitam  et  quidem  glutinosam  in  sanguine  abundare  sig- 
nificat,  ideoque  ipsam  ineideudam  et  amplius  corrigendam,  quinimo  etiam  minuendam. 

VI.  Quomodo  haec  singula  peragenda  sint,  postmodum  in  genere  docebimus,  ubi  indi- 
catorum  materiam  et  formam  in  cornpendio  proponemus,  nunc  enim  ex  indicantibus  indicata 
duntaxat  rimamur. 

VII.  Quoties  universus  sanguinis  color  ater  ac  niger  observatur,  totiesin  ipso  aeidum  exu- 
perare  significat,  a  quo  nigredinem  aeeipit,  quopropter  aeidum  in  corpore  nostro,  hinc  et  in 
ipso  sanguine  minuendum,  et  infrigendum  indicat;  quod  qui  obtinendum  docebimus  postmodum. 

VIII.  Contra  color  sanguinis  magis  rubieundus  significat  bilem  in  ipso  abundare,  ipsamque 
minuendam,  ipsiusque  vim  frangendam  indicat. 


40  Zum  fünften  Abschnitt. 

IX.  2.  Quoad  sonum,  non  memini  aliquem  in  sanguine  observari,  quapropter  nil  etiain 
nunc  de  ipso  trademus. 

X.  3.  Quoad  odorem,  sanguis  secundum  naturam,  quantumego  saltemnovi,  estinodorus; 
qui  foetens  si  observetur,  corruptionem  ipsius  significat,  ipsamque  corrigendametemendandam 
indicat:  ubi  ad  causae  corrumpentis  diversitatem  erit  attendendum,  ac  secundum  ipsam  reme- 
dia  diversa  erunt  usurpanda,  de  quibus  postea,  et  quidem  in  genere,  ubi  ostendemus  quibus 
mediis  possimus  variis  satisfacere  indicationibus. 

XI.  4.  Quod  saporem,  sanguis  secundum  naturam  gustatur  subdulcis ,  et  ipsius  serum 
insipidum. 

XII.  Quotiesantem  sanguinis,  ac  praesertim  seri  ipsius  sapor  mutatur,  toties  ac  frequentius 
quidem  salsus,  aliquando  acidus  vel  austerus,  aliquando  amarus  deprehenditur ;  plures  namque 
in  ipso  sapores  non  memini  me  observare. 

XIII.  Salsus  sanguinis  ac  praesertim  seri  sapor  significat  nimis  purum  existere  in  corpore 
salem  lixivum,  ideoque  cum  spiritu  acido  confiuentem  parere  liquorem  salso  muriatico  sapore 
notabilem,  corporique  noxium,  cum  talis  sapor,  sed  blandior,  in  sola  urina  sit  ferendus,  non 
item  in  sanguinis  sero,  aut  inde  productis  lympha,  succo  pancreatico,  aut  saliva. 

XIV.  Sapor  autem  ille  salsus  muriaticus  indicat  sui  temperationem  ac  correctionem :  quae 
quibus  absolvi  possit  et  obtineri,  docebimus  postea. 

XV.  Ubi  autem  acidus,  vel  austerus  est  sanguis,  et  imprimis  ejus  serum,  significatur  aci- 
dum  et  austerum  redundare  in  corpore,  indicaturque  ipsius  correctio,  et  correcti  diminutio. 

XVI.  Ubi  denique  amaricat  tum  sanguis,  tum  ejus  serum,  significatur  bilis  valde  amara 
et  copiosa  sanguini  admista,  indicaturque  ipsius  tum  correctio,  tum  diminutio :  quorum  reme- 
diorum  materia  et  forma  multiplex  tradetur  postmodum. 

XVII.  5.  Quoad  duritiem  ac  mollitiem,  sanguis  secundum  naturam  dicendus  mollis, 
postquam  digitis  si  conteratur,  nulla  in  ipsosentitur  durities,  sed  summa  mollities,  nisi  postquam 
eductus,  effususque  in  grumos  concrevit,  tum  demum  firmior  factus  ab  illa  mollitie  descivit  atque 
duritiem  levem  mentitur.     Talis  autem  non  est  in  vasis  secundum  naturam. 

XVIII.  Quemadniodum  vero  sanguis  in  vasis  suis  contentus  semper  fluidus  existit  ac  fluens 
secundum  naturam,  ita  praeter  naturam  ibidem  coagulari  potest  ac  concrescens  aliquam  con- 
sistentiam,  hinc  et  duritiem  nancisci :  quae  significat  exuperare  in  eo  acidum  et  inprimis 
austerum,  a  quibus  sanguinis  coagulationempenderenotum,  indicatque  usurpanda,  quae  acidum 
et  austerum  corrigant  et  infringant,  quin  aliquando  minuant. 

XIX.  Denique  6.  Sanguis  secundum  naturam  mediocriter  calidus  observatur;  qui  ali- 
quando praeter  naturam  mimis  calidus,  aut  minus  calidus  reperitur:  significatque  calentior 
causas  caloris  aucti  dominium  habere  in  corpore,  sicut  minus  calens  cousas  contrarias  dominari; 
unde  a  calentiore  indicatur  contemperatio  et  quandoque  diminutio  causarum  calorem  in  san- 
guine  augentium;  sicut  a  minus  calente  temperatio  et  diminutio  causarum  calorem  in  sanguine 
impedientium. 

XX.  Ubi  facile  quivis  agnoscit,  ut  hisce  indicationibus  rite  satisfiat,  opus  esse,  ut  causae 
verae  atque  adaequatae  tum  caloris  naturalis,  tum  caloris  praeter  naturam  in  sanguine  aucti 
vel  diminuti  notae  sint:  nam  in  causis  veris  determinandis,  (plures  namque  tales  occurrere  do- 
cuimus  non  semel)  si  fallatur  medicus,  periculum  est  ne  in  remediis,  ipsorumque  materia  determi- 
nandis fallatur  similiter,  atque  in  grandius  periculum  conjiciat  aegrum,  tantum  abest,  utipsum 
rite  curet. 

XXI.  Hoc  idcirco  hie  moneo,  quia  observavi  saepius  non  parum  hie  peccari  a  multis  satis 
et  nimis  confuse  hanc  de  calore,  ipsiusque  causis  multifariis,  modoque  agendi  vario  doctrinam 
traetantibus,  nee  proinde  tyronibus  viain  ad  medicinam  rite  ac  tuto  faciendam  satis  planam 
parantibus  vel  monstrantibus. 

XXII.  Utique  non  tantum  calor,  quem  sentimus,  multum  diversus  oecurrit  et  observari 
potest,  verum  ipsius  quoque  causae  notantur  diversae,  singularumque  agendi  modus  existit 
valde  diversus. 

XXIII.  An  tempore  frigoris  febrilis,  aut  quando  alias  undeeunque  Universum  corpus  valde 
friget,  sanguis  quoque  frigidus  existat,  ego  saltem  non  possum  determinare,  qui  nunquam  eo 
tempore  sum  ausüs  sanguinis  eduetionem  praescribere,  atque  tunc  sanguinem  eduetum  potui 
contingere ;  quod  testari  poterunt,  qui  non  dubitaut  eo  tempore  quoque  venam  secare,  san- 
guinemque  mittere. 

XXIV.  Hoc  si  fiat,  et  tunc  sanguis  observetur  frigidus,  non  puto  facile  medicum  prudentem 
ad  similem  venae  apertionem  venturum,  cum  pur  ipsam  quoque  m  nuatur  sanguinis  calor, 
augeaturque  proinde  in  ipso  frigus ;  quo  nil  nocentius  et  ad  vitam  tollendam  praesentius  ac  po- 
tentius.     Cum  calore  namque  consistit  vita,  uti  cum  frigore  mors. 


Sylvius.  41 

XXV.  Atque  sie  consideravimus  in  sanguine  qualitates  sensiles  proprias  praeter  naturam 
in  ipso  existentes  cum  suis  indicatis :  pergamus  ad  communes. 

XXVI.  Inter  qualitates  sensiles  communes  contentis  competentes  posuimus  primo  loco 
quantitatem  sive  copiam,  eamque  nunc  praeter  naturam  diminutam,  nunc  auetam. 

XXVII.  Diminuta  praeter  naturam  sanguinis  naturalis  quantitas  et  copia  indicat  sui 
augmentum  ;  cujus  materiam  et  modum  proponemus  postmodum. 

XXVIII.  Aucta  ejusdem  sanguinis  copia  indicat  sui  diminutionem ;  quod  quibus  mediis  et 
modis  obtineri  queat,  docebimus  in  sequentibus,  ubi  iudicatorum  in  genere  consideratorum 
materiam  et  formam  speetabimus,  explicabimusque. 

XXIX.  Contentis,  ergo  sanguini  quoque  competit  motus,  et  quidem  continuus,  ac  circu- 
laris ;  qui  vel  in  totum,  vel  ex  parte  potest  augeri,  vel  minui  vel  etiam  aboleri. 

XXX.  Quando  totius  sanguinis  motus  est  auetus  praeter  naturam,  tunc  is  diminutionem 
sui  indicat.  Minuendus  certe  motus  nimius:  quibus  autem  mediis  hoc  ipsum  queat  obtineri, 
docebimus  in  sequentibus. 

XXXI.  Diminutus  contra  sanguinis  motus  universus  sui  indicat  augmentum ;  quod  quae 
praestant  et  quomodo,  dicendum  postea. 

XXXII.  Imprimis  abolitus  sanguinis  universi  motus  indicat  sui  restitutionem,  et  quidem 
festinatam  ;  cum  alias  brevi  sequatur  mors.  Id  autem  faciendum  docebimus  postea,  prout  causa 
ejus  est  diversa,  diversimode. 

XXXIII.  Tantum  autem  vitae  periculum  non  sequitur  abolitum  in  aliquo  vase  sanguinis 
motum,  quamvis  si  aliquamdiu  perduret,  corrumpatur  in  totum,  in  pus  scilicet  sanguis,  nee  tantum 
reddatur  nutriendae  illi  parti,  in  qua  subsistit,  ineptus ;  verum,  si  reliquo  sanguini  reddatur  et 
illi  admisceatur,  eundem  ita  inficiat  et  corrumpat,  ut  et  universus  corpori  nutrieudo,  caeterisque 
funetionibus,  quibus  inservit,  reddatur  paulatim  magis,  magisque  ineptus,  accedente  universi 
corporis  tabe  ac  morte,  sicut  in  phthisi,  empyemate  ac  similibus  affectibus  iudies  fieri  videmus, 
atque  serio  notare  deberemus,  quo  lethalibus  tandem  istis  affectibus  in  tempore  obviam  eatur,  nee 
quod  fere  a  multis  solet  fieri,  negligantur,  quando  praeservationi  aut  curationi  superest  locus. 

XXXIV.  Loco  etiam  peccare  solet  sanguis  quoties  quaeunque  de  causa  ex  apertis  quovis 
modo  vasis  effunditur  idem  in  partium  vicinarum  substantiam  vel  cavitatem. 

XXXV.  Locus  enim  naturalis  sanguinis  sunt  cordis  auriculae  ac  ventriculi,  atque  arteriae, 
aevenae,  cum  duetibusintermediis,  extra  quos  canales  atque  cavitates  quoties  reperitur  sanguis, 
extra  locum  suum  existere  dicendus,  ac  loco  peccare. 

XXXVI.  Loquimur  autem  de  sanguine  puro,  ejusve  massa ;  nil  enim  impedit  aliquas  ejus 
partes  a  reliqua  massa  secedentes  transire  in  partium  quarumvis  substantiam,  tum  ad  ipsarum 
nutritionem,  tum  ad  liquorum  variorum  praeparationem. 

XXXVII.  Tempore  ostendimus  nuperposse  quoque  peccare  sanguinem  tum  ratione  morae, 
tum  ratione  motus,  et  quidem  uteri  respectu  in  foeminis. 

XXXVIII.  Notum  enim  est  sanguinem  in  foeminis  puberibus  et  ad  generandum  adhuc 
aptis  seeundum  naturam  mensibus  singulis  ad  uterum  copia  majori  meare,  ibidem  in  ejus  sinubus 
colligi,  et  tandem  effluere. 

XXXIX.  Hie  sanguis  quoties  non  tantum  ibi  colligitur,  sed  ibidem  diutius  permanet,  nee 
constituto  tempore  effluit,  cum  variis  modis  foeminis  noceat,  dicitur  tunc  mora  peccare. 

XL.  Quemadmodum  si  effluat  quidem,  sed  nunc  serius,  post  quintam  demum,  sextamque 
septimanam,  vel  adhuc  serius:  nunc  citius,  singulis  puta,  vel  alternis,  vel  ternis  septimanis,  tunc 
dicendus  peccare  fluxus  sui,  effluxusque  tempore. 

XLI.  Sic  etiam  tempore  peccat  fluxus  sanguis  menstruus,  quando  diu  ante  quartum  deci- 
mum  aetatis  annum,  quo  seeundum  naturam  solet  ineipere  idem  fluxus,  anno  puta  aetatis 
oetavo,  nono,  deeimo  vel  undeeimo,  vel  diu  post  eundem  notatum  annum  deeimum  quartum, 
deeimo  septimo,  deeimo  oetavo,  vel  adhuc  serius  ineipiunt  foeminis  prodire  menstrua ;  cum  vix 
unquam  sine  notabili  earum  detrimento  id  fieri  observetur. 

XLII.  Haec  autem  vitia  omnia  indicant  vel  subsistentem  ac  moram  nectentem  in  utero 
sanguinem  esse  ad  effluxum  excitandum ;  sie  segnius  effluentem  itidem  ad  motum  citiorem 
urgendum ;  quemadmodum  contra  citius  solito  effluentem  ad  segniorem  fluxum  ac  effluxum 
deducendum. 

XLIII.  Rursum.  Menstruus  fluxus  ante  annum  aetatis  quartum  deeimum  observatus 
coercendus ;  ut  et  serius  adventans  ad  effluxum  citiorem  urgendus,  ac  vi  blanda  cogendus. 

XLIV.  Quomodo  autem,  ac  quibus  mediis  hoc  queat  obtineri,  paucis  docebimus  in  sequent- 
ibus, atque  passim  docetur  in  practicorum  libris. 

XLV.  Inter  qualitates  sanguinis  sensiles  communes  notavimus  etiam  fluiditatem,  quae 
mutari  potest  atque  funetionibus  obeundis  obesse. 


42  Zum  fünften  Abschnitt. 

XLVT.  Commnnem  illam  dixi  qualitatem  sensilem,  quoniam  pluribus  apparet  sensibus, 
visui  puta  et  tactui ;  quibus  fluiditas  rerum  aut  consistentia  diagnosci  potest. 

XL VII.  Hanc  fluiditatem  quoties  amisit  sanguis,  consistitque  idem  coagulatus  acgrumes- 
cens,  toties  indicat  idem  sui  solutionem  talem,  cujus  ratione  fiat  denuo  fiuidus. 

XLVIII.  Quaenam  remedia  id  praestare  possint,  et  quomodo  eadem  sint  usurpanda,  dicemus 
quoque  in  sequentibus. 

XLIX.  Autequam  vero  a  sanguinis  consideratione  transeamus  ad  humorum,  fiuidorumve 
aliorum  examen,  unum  habeo  monendum,  omnia  nempe  vitia  quae  in  sanguine  ad  indicationes 
instituendas  explicuimus,  non  esse  morbos,  verum  aliquando  causas  morbificas,  et  quidem  ante- 
cedentes,  a  quibus  docuimus  praeservatoriam  peti  indicationem,  et  aliquaudo  symptomata, 
praecedentes  morbos  manifestantia,  sicque  ad  medicationes  ipsis  curandis  aptas  eliciendas  viam 
monstrantia,  imo  agenda  indicantia. 

L.  Res  fiet  exemplo  manifestior.  Sanguis  copia  nimia  peccans  in  plethora,  quamdiu 
functionem  nullam  adhuc  laedit,  rationem  habet  causae  antecedentis,  et  ad  imminentis  morbi 
praecautionem  indicatione  praeservatoria  diminutionem  sui  indicat:  Idem  functionem  actu 
laedens,  adeoque  morbum  constituens  et  causam  continentem,  ad  praesentis  morbi  curationem 
indicatione  curatoria  indicat  itidem  sui  diminutionem. 

LI.  Idem  sanguis  solito  magis  nigricans  testatur  nimiam  acidi  humoris  admistionem, 
a  quo  acido  laeditur  sanguinis  non  tantum  color,  verum  in  nutriendo  corpore,  humoribusque 
variis  producendis  utilitas,  quin  imo  effervescentia  in  corde  vitalis:  quoniam  vero  nullafunctio 
laeditur  a  sanguine  nigricantiore,  qua  tali,  verum  is  color  symptoma  est  in  qualitate  mutata, 
sequiturque  functionem  ab  acido  nimio  laesam,  idem  hactenus  signum  est  acidi  exuperantis  in 
sanguine,  adeoque  non  immediate,  sed  mediate  tantum  indicat  istius  acidi  correctionem  ac 
diminutionem. 

LH.  Quod  nunc  dictum  de  sanguine,  id  etiam  intelligendum  erit  de  caeteris  humoribus 
ordine  proponeudis,  ac  secundum  qualitates  suas  sensiles  tarn  proprias,  quam  communes 
a  statu  naturali  recedentes,  adeoque  vitiosas  considerandis. 

LIIL  Plura  siquidem,  dum  illa  nunc  tractanda  serio  ac  saepius  speculor,  tempore  diverso 
mihi  occurrunt  notabilia,  quae  quoniam  nondum  in  chartam  conjeci,  atque  in  exactum  ordinem 
retuli,  non  semper  loco  aptissimo  a  me  proferuntur :  nolo  tarnen  illa  perire  lectoribus  meis, 
etiam  privatim  cuncta  exactius  repetituris  et  in  certum  ordinem  redacturis,  donec  liceat  mihi 
per  otium  medicam  theoriam  accuratius  conscribere  atque  publico  dare. 

LIV.  Longo  enim  tempore,  ac  multiplici  labore  opus  est  ex  observationibus  practicis,  ac 
praesertim  memoriae  infelici,  non  item  chartae  mandatis  systema  quodvis  adornare  catenatum 
et  solidum:  quod  mecum  agnoscent,  quotquot  unquam  operi  manum  serio  admoverint. 

Iatromechanische  Schule. 

Eine  Consultation  Malpighi's,  betreffend cordis palpitationem  et  affectionem  hypo- 
condriacam. 

Pro  excell.  principe  columna  magni  regni  Neapolis  contestabili. 

Notissimus  est  morbus,  quo  vexatur  nobiliss.  Patiens,  affectio  scilicet  hypocondriaca  cum 
cordis  palpitatione,  pulsus  vibratione,  et  tensione,  capitis  vertigine,  aurium  tiunitu,  respirandi 
difficultate,  hypocondriorum  murmure,  tarda  ventriculi  coctione,  ructu  acido,  reliquisque  symp- 
thomatibus,  quae  eleganter  describuntur ,  et  doctissime  exponuntur  in  transmissa  schaeda. 
Haec  autem  omnia  ortum  trahunt  a  copiosis  particulis  vitriolo-analogis,  quae  sanguini  affusae, 
irritando  fibras  nerveas,  lacertosque  carneos,  et  fluidorum  compagem  immutando,  eorumque 
motum  vitiando,  naturam  perpetuo  sollicitant.  Est  enim  impossibile,  immutata  fermentorum 
imi  ventris  natura,  et  labefactato  motu  fibrarum  ventriculi,  et  intestinorum,  tardam  non  fieri 
coctionem,  nee  debite  subsequi  chyli  dulcificationem,  et  exerementorum  praeeipitationem. 
Cibus  namque  diuturniori  mora  in  ventriculo ,  et  intestinis  acorem  contrab.it,  et  bilis  suis 
salibus  non  debite  atterit,  et  immutat  chylum,  quia  a  toto  reflui  ichores  per  intestinorum  glan- 
dulas  eidem  affusi  labem  augent.  Quapropter  ex  improportionata  attritione,  et  fermentatione 
liberatus  aer  factitius  ruetus,  et  murmur  excitat.  Impurus  igitur  chylus,  et  vitriolatis  particulis 
saturatus  sanguini  affunditur,  etintransitu  cor,  cerebrum,  etmusculos  irritando,  varia  manifestat 
symptomata.  Cordis  palpitatio  obscuram  habet  causam,  cum  adhuc  nos  lateat  mechanica 
ratio,  qua  cor  in  naturae  statu  movetur.  Ex  Ins  tarnen,  quae  ex  cadaverum  sectionibus  habentur, 
videtur  cum  Neoterico  quodam  Observatore  concludi  probabiliter  posse,  nunquam  cordis  palpi- 
tationem succedere,  nisi  in  ipso,  vel  circa  ipsum  obstaculum  adsit.  Certum  etenim  est  in 
sanitate  constrieta  extremitate  venae  cavae,  et  pulmonaris.  debitam  sanguinis  quantitatem, 
statuta  temporis  differentia,   auriculis  subministrari,  a  quibus  eodem  rythmo  in  cordis  ven- 


Malpighi.  43 

triculos  propellitur,  et  ex  his  in  arterias,  aortam  scilicet,  et  pulmonarem.  Inter  haec  omnia 
proportio  exigitur,  Dam  momentum  cordis  debet  superare  resistentiam  sanguinis  in  ipsis  ven- 
triculis,  et  continuatis  arteriis  esistentis  ;  quapropter  latitudo  tubulorum  proportionari  pariter 
debet,  sicut  et  gravitas  sanguinis.  Hinc  est,  quod  vitiata  sanguinis  subministratione  a  venis, 
variata  tubulorum  arteriae  capacitate,  et  gra  iori,  densiorique  reddito  sanguine,  contingit  cordis 
palpitatio.  His  addere  possumus  irritationem  moventis  Principis,  sive  sit  in  sanguine,  sive  in 
succo  nerveo,  de  quibus  solas  palpemus  tenebras.  In  casu  itaque  nostro  probabile  est,  nullum 
adesse  impedimentum  circa  cor  es  polypo,  vel  alio  consimili  fixato  corpore,  sed  probabiliter 
sanguinis  in  cor  irruptionem  inordinatam  esse  ex  convulsione  facta  ab  acidis  particulis  in 
aunculis,  et  ventriculis  cordis,  et  quoniam  sanguis  in  aortam  ob  crassitiem,  et  latiorem  fortasse 
in  principio  tubuli  latitudinem,  et  extremorum  in  carnibus  obstructionem,  non  debita  felicitate 
fluit;  hinc  est,  quod  a  corde  communicatus  impulsus  repercutitur,  et  ad  latera  deflectitur,  et 
in  arteriae  tunica  manifestatur;  unde  in  pulso  tensio,  et  renitus.  In  sectis  namque  cadaveribus 
quamplurimis  consimilium  dilatatum  observavi  aortae  truncum,  lucrosoque  sanguine  turgidum, 
et  quandoque  eodem  vitio  laborabat  sinister  cordis  ventriculus.  Ingeniosa  quidem  sunt,  quae 
ex  compositione  arteriae  habentur  in  media  tunica ;  hujus  tarnen  motus  ex  ribris  carueis  con- 
strictivus  tantum  est.  Quae  vero  a  compressione  lymphaticorum  deducuntur,  non  undequaque 
suadent,  cum  moles  lymphaticorum,  lymphae  pondus,  et  ejusdem  compressiva  vis  longe  inferior 
sit  arteriis  fere  innumeris,  quarum  fiuidum  velocius,  et  impetuosius  movetur.  Vertigo  capitis 
babiliter  succedit,  remorata  sanguinis  subministratione  corticalibus  cerebri  glandulis,  unde 
intercepta  debita  propagatione  succi  nerveiin  cerebri  fibras,  et  appensos  nervös,  deficit  natura- 
lis fibrarum  tensio,  et  ita  novus,  et  extraueus  inducitur  tremor,  et  undulatio.  Tinnitus 
pariter  aurium,  vellicato  nervo  auditorio  subsequitur,  unde  ab  internis  tremorem  concipit,  qui 
alias  ab  objecto  externo  communicari  solet.  Morbosam  hanc  affectionem  praeter  hypocon- 
driorum  inquinamenta  lymphae  vitium,  et  prohibita  tanspiratio  excitare,  et  fovere  possunt. 
Indicationes  igitur  manifestae  occurrunt  juvandi  prirnam  coctionem,  depurandi  fiuida  ab 
acidis  particulis,  firmandi  viscerum  fermenta,  ut  nativa  felixque  succedat  sanguinis  circulatio, 
et  irritationes,  motusque  spasmodici  auferantur.  Ut  his  itaque  satisfiat,  varia  proponuntur  ex 
arte  praesidia.  Post  blandam  alvi  leuitionem,  laudo  usum  tincturae  martis  pro  absumendis 
particulis  acidis  cum  jusculo  alterato  foliis  Melissae  etBorraginis,  hisque  longo  tempore  utatur. 
Circa  lactis  usum  vereor,  ne  acidorum  copia  acescat,  et  ejus  loco  potius  sero  caprilli  uterer,  vel 
satius  succo  depurato  Borraginis,  Melissae,  Taraxaci,  et  similium  alchalicorum.  Antim.  diaph. 
arridet,  et  cum  sero  caprilli,  vel  jure  alterat.  rad.  gram,  assumi  poterit  post  usum  chalybeati. 
Circa  usum  Spiritus  sanguinis  humani  exterius  naribus  tuto,  urgente  capitis,  vel  cordis  affec- 
tione,  usurpaii  potest,  et  possunt  etiam  parari  tabellae  interdiu  assumendae  ocul.  canc.  ras. 
mat.  perl,  eboris,  et  similib.  additis  guttis  aliquot  ejusdem  Spiritus,  vel  salis  armoniaci,  quo 
passim  ego  utor.  Vinum  absynthites,  si  tollerari  potest,  prae  reliquis  juvabit,  vel  saltem  in- 
fundantur  folia  melissae  in  vino.  Balneum  aq.  dulcis  opportunum  erit,  sicut  et  frictiones  totius 
corporis;  motus  localis  etiam  equitando  factus ;  taliter  enim  humores  acres  vindicantur,  et 
transpiratio  promovetur.  Parce  coenet,  et  ciborum  varietatem  vitet  simplicitate  contentus. 
Dormiat  a  cibo  etiam  post  prandium.  Hilare  vivat  absque  curis.  Pauca  haec  in  confirmationem 
propositorum  indicabam ,  eaque  subjiciebam  acri  judicio  doctissimorum  Virorum  meden- 
tium  F.  D. 

Lettera  I  consultiva  sopra  il  male  del  medesimo  principe. 

Dalle  due  relazioni  in  viatemi  si  puö  congietturare,  che  l'affetto,  che  travaglia  Sua  Ecc. 
sia  un'  Ipocondria  con  varii  sintorni,  e  specialmente  con  una  palpitazione  di  cuore,  vibrazione 
di  polso,  difficoltä  di  respiro,  copia  de'  flati  e  qualche  tumore  nell'  estremitä.  La  causa  di 
questi  sintomi  e  stata  accennata  nella  scrittura  giä  mandata,  e  spiegata  con  l'osservazione  de* 
Cadaveri  e  con  il  modo  Meccanico,  col  quäle  la  natura  si  serve  nel  far  il  moto  ordinato  dal 
cuore,  per  quanto  portano  le  umane  cognizioni :  e  perche  nell' ultima  relazione  viene  fusamente 
esposto,  che  la  palpitazione  del  cuore  e  periodica,  accompagnata  da  una  difficoltä  di  respiro, 
e  l'Infermo  e  proclive  alle  vertigini,  gonfiandosi  li  vasi  jugulari ;  quindi  e,  che  necessariamente 
bisogna  confessare,  che  si  fa  una  turbazione  della  circolazione  del  sangue ,  parte  del  quäle 
resta  per  qualche  tempo  come  stagnante  nel  polmone,  o  almeno  non  scorre  con  la  facilitä  na- 
turale, e  cosi  le  vene  superiori  non  siscaricano  nel  cuore  nel  dovuto  tempo  e  no  siegue  la  gon- 
fiezza  ne'  vasi  del  collo,  e  l'appannamento  negli  occhi,  come  succede  ne'  strangolati.  Se 
questo  impedimento,  o  ritardamento  poi  venga  causato  dalla  sola  convulsione  fatta  da'  nervi 
nell'  estremitä  della  vena  cava  e  auricola  destra,  come  succede  nel  tumore,  o  pure  da  un  mo 


44  Zum  fünften  Abschnitt. 

mentaneo,  e  quasi  avagliamento  dello  stesso  fluido,  cessando  il  proprio  modo  intestino,  o  da 
impedimento  fatto  nell'  estremitä  delle  arterie  nelle  vene,  non  e  cosi  facile  a  determinarsi. 
E  perö  probabile  che  vi  sia  l'irritamento  ne'  nervi  e  conseguentemente  le  vie  siano  fuori  del 
loro  stato  naturale ;  e  perche  que'  sali,  che  hanno  dell'  acetoso,  e  che  turbano,  prima  si  mani- 
festano  con  moti  spasmodici,  e  finalmente  impedendo  il  moto  delle  parti  volatili,  levano  la 
naturale  fluiditä  degli  umori,  quindi  e,  che  con  il  progresso  del  tempo  da  un  tale  male  si  passa 
ad  un  altro,  e  si  muta  anche  la  specie  in  pejus.  II  giudica  adunque  verisimile,  che  in  Sua 
Ecc.  per  la  copia  degli  acidi  vi  sia  un'  irritamento  nel  cuore,  una  scompostura  nelle  parti  in- 
tegranti  del  sangue  e  forsi  forsi  un  vizio  nella  struttura  de' precordii.  L'irritamento  lomostrala 
palpitazione  del  cuore,  ed  il  polso  vibrato  o  alterato.  II  vizio  de'  fluidi  si  manifesta  dal  tumore 
ne'  piedi  e  da'  segni  della  viziata  cozione  prima.  L'impedimento  poi  delle  vie  si  puö  cavare 
da'  sintomi,  che  succedono  nel  moto  locale  del  corpo,  nella  variazione  del  sito  ed  altri.  Essendo 
adunque  ciö  probabile,  restano  in  essere.  i 

Le  indicazioni  giä  prese,  ed  esposte  nel  Consulto,  ed  a  questo  fine  stimiamo,  che  sii  bene 
il  praticare  l'uso  di  qualche  calibeato,  accompagnandolo  con  un  brodo  di  polla,  nel  quäle  siano 
state  bollite  le  foglie  di  borragine  e  la  radice  di  gramigna,  e  praticarlo  per  un  mese  almeno, 
e  caso  non  venga  approvato  o  non  venga  tollerato,  prenda  si  sughi  depurati  dell'  erbe  giä 
proposte,  alle  quali  con  il  progresso  del  tempo  si  potria  aggiungere  la  tintura  dolce  dell'  acciajo, 
per  passar  poi  a  suo  tempo  all'  uso  dell'  antinronio  diaforetico  etc.  etc. 

Alchymisten  und  Adepten. 

Die  Blüthezeit  der  Alchymisten  fällt  in  das  17.  Jahrhundert,  obwohl  dieselben  sowohl 
früher,  als  auch  noch  im  Anfang  des  18.  Jahrhunderts  eine  grosse  Rolle  gespielt  haben.  Es 
sind  diese  Menschen  vom  höchsten  psychologischen  Interesse,  indem  sie  eines  der  seltsamsten 
und  belehrendsten  Beispiele  einer  Degeneration  des  menschlichen  Geistes  darstellen,  wie  sie 
zu  allen  Zeiten  bald  vereinzelt,  bald  in  epidemischer  Verbreitung,  bald  in  milden,  bald  in  den 
verzerrtesten  Formen  und  nicht  allem  in  der  Goldmacherkunst,  sondern  in  den  mannigfachsten 
Gebieten  des  Schwindels  sich  gezeigt  hat.  Ein  Drang,  geheime  Wahrheiten  zu  erfassen  neben 
dem  stupidesten  Aberglauben,  die  stumpfeste  Blindheit  neben  der  durchtriebensten  Schlauheit, 
abgefeimte  Betrügerei  und  daneben  ein  schwärmerisches  Aufgehen  in  der  Selbsttäuschung, 
Berechnung  und  Fanatismus,  Eigennuz  und  stoischer  Heldenmuth  im  Leiden  haben  Charaktere 
zusammengesezt,  die,  wenn  man  das  Fratzenhafte  übersieht,  fast  erhaben  erscheinen  könnten. 
Es  ist  kaum  anzunehmen,  dass  irgend  ein  Adept  von  der  Hoffnungslosigkeit  seiner  Unter- 
nehmungen überzeugt  und  reiner  bewusster  Betrüger  gewesen  sei.  Ein  unerschütterlicher 
Glaube  an  die  Wahrheit  und  Göttlichkeit  des  Geheimnisses  bildete  wohl  bei  Allen  den  Kern 
ihrer  Gemüthslage,  und  wunderbare  Geschichten  und  Gerüchte,  die  sich  stets  erneuerten, 
schienen  zu  bestätigen,  dass  einzelne  Glükliche  das  Geheimniss  ergründet  haben.  Die  Spannung 
der  Ungeduld,  durch  angestrengtes  Grübeln  gesteigert,  und  die  Hoffnung,  durch  missver- 
verstandene  Funde  immer  aufs  neue  gestachelt,  verwirrte  den  Kopf,  und  die  Einbildung,  der 
Entdekung  nahe  zu  sein,  verführte  zu  gewagten  Verheissungeu.  Einmal  aber  unter  den  Drang 
unabweissbarer  Anforderungen  gelangt  und  geblendet  von  den  Vortheilen  und  dem  Glänze, 
womit  der  als  eingeweiht  Angesehene  überschüttet  wurde,  war  der  Adept  in  die  Alternative 
versezt,  entweder  durch  ein  bündiges  Bekenntniss  seine  Impotenz  einzugestehen  und  den  Miss- 
handlungen der  enttäuschten  Goldgier  sich  preiszugeben,  oder  durch  ein  System  von  Trug  und 
Gaukelei  sich  Tage  und  Wochen  zu  fristen  und  für  die  Zukunft  auf  einen  günstigen  Zufall  zu 
hoffen.  Es  ist  begreiflich,  dass  der  leztere  Weg  gewählt  wurde,  dass  aber  auf  demselben  mit 
jedem  Schritte  die  Gefahren  wuchsen,  das  Bekenntniss  unmöglicher  wurde  und  der  Trug  raffi- 
nirter  werden  musste.  Dass  bei  solcher  Lage  in  den  zuvor  schon  verdrehten,  durch  unge- 
wohnten Glanz  noch  mehr  verwirrten  und  überdem  durch  die  drohende  Zukunft  zum  Tode 
geängstigten  Gehirnen  alles  klare  Bewusstsein  abhanden  kommen  musste,  ist  zu  begreifen. 
Und  dass  auch  die  sehr  materielle  Folter,  zu  der  gewöhnlich  geschritten  wurde,  um  ihnen  ihre 
Geheimnisse  abzupressen,  nicht  das  Mittel  war,  sie  zu  ruhiger  Ueberlegung  zurükzubringen, 
ist  ebensowenig  zu  verwundern.  Aber  es  weist  auf  eine  merkwürdige  Seite  des  menschlichen 
Geistes  hin,  dass  auch  der  allen  Schreken  glüklich  Entronnene  doch  so  oft  den  Kizel  nicht  zu 
überwinden  vermochte,  aufs  neue  durch  geheimnissvolles  Gebahren  sich  in  die  Gefahr  zu  bringen, 
für  einen  Eingeweihten  gehalten  zu  werden.  Wie  durch  magische  Kraft  wurden  die  Halbver- 
brannten immer  wieder  von  dem  tödtlichen  Feuer  angezogen.  Mag  man  noch  so  streng  den 
Unfug  und  die  Betrügereien  der  Adepten  beurtheilen,  man  kann  doch  diesen  schwergeprüften 
und  hartgestraften  Männern   nicht  alles  Mitleid  versagen  und  muss   tief  bedauern,  wie   so 


Die  spagirische  Medicin.  45 

manche  tüchtige  Forscherkraft  durch  die  Finsterniss,  wie  durch  die  Grausamkeit  einer  hrutalen 
Zeit  dem  jämmerlichen  Untergange  verfallen  ist. 

In  ungleich  geringerem  Grade  werden  unser  Mitleid  und  unser  Interesse  durch  das  Ver- 
halten der  ungebildeten  Massen  gegenüber  den  Goldköchen  erregt.  Der  Leichtgläubigkeit,  mit 
der  man  die  vielversprechenden  Betrüger  oder  Phantasten  aufnahm,  kommt  nur  die  Unmensch- 
lichkeit gleich,  mit  der  man  sie  verfolgte,  sobald  Ungeduld  oder  Enttäuschung  eintrat.  Eins 
wie  das  Andere  lässt  einen  tiefen  Blik  in  den  Grad  der  Bildung  thun,  welche  in  damaliger  Zeit 
die  Völker  regierte.  Der  Adept  Don  Caetano,  angeblich  Graf  v.  Ruggiero,  ein  Bauernsohn 
aus  Neapel,  wurde  in  den  ersten  Tagen  des  Entzükens  vom  Kurfürst  von  Bayern  zum  Feld- 
marschall, Chef  eines  Infanterieregiments  und  zum  Titularcommandanten  von  München  ernannt. 
Als  er  seine  Rolle  ausgespielt  hatte  und  flüchtig  nach  Berlin  kam,  wiederholte  sich  dieselbe  Ge- 
schichte. Friedrich  I.  von  Preussen  ernannte  ihn  zum  General  der  Artillerie  und  ehrte  ihn 
wie  einen  Fürsten,  weil  er  versprach  in  60  Tagen  6,000,000  Thaler  Gold  zu  machen.  4  Jahre 
darauf  wurde  er  gehängt.  Der  Betrüger  Mamugnano  und  viele  Andere  büssten  die  Grund- 
losigkeit ihrer  Versprechungen  an  einem  vergoldeten  Galgen,  an  dem  sie  selbst  in  Flittergold 
gehüllt  aufgeknüpft  wurden.  Herzog  Julius  von  Braunschweig  Hess  die  Adeptin  Anna  Maria 
Ziegler  (1575)  in  einem  eisernen  Stuhle  verbrennen.  Der  Adept  Johann  Klettenberg,  von  König 
August  II.  von  Polen  zum  Kammerherrn  ernannt,  wurde,  als  die  Geduld  zu  Ende  ging,  (1720) 
auf  dem  Königstein  enthauptet.  Setonius  Scotus  wurde  fast  bis  zum  Tode  gefoltert,  und  ähn- 
liche Beispiele  einer  grässlichen  Justiz  waren  nichts  weniger  als  Seltenheiten. 

Vgl.  über  die  Geschichte  der  Alchymie  vornemlich  Kopp's  Geschichte  der  Chemie  2ter 
Theil  pag.  139—262. 

Die  spagirische  Medicin. 

Unter  den  Spagirikern  hat  sich  besonders  berühmt  „Oswald  Croll  aus  Hessen  gemacht, 
der  Anhaltischer  Leibarzt  war,  und  sogar  vom  Kaiser  Rudolf  IL  zu  Rathe  gezogen 
wurde.  Er  ist  der  Verfasser  eines  Werks,  dessen  Einleitung  einen  kurzen  und  wirklich  sehr 
fasslichen  Begriff  von  dem  ganzen  Umfang  der  paracelsischen  Theosophie  gibt.  Ich  will  davon 
nur  etwas  weniges  anführen:  .  .  .  Alles  in  der  Natur  lebt,  nichts  ist  todt . . .  Alles,  was  lebt, 
hat  eine  Lebenskraft,  ein  Astrum,  in  sich,  welches  ohne  Körper  nichts  kann,  sondern,  bei  der 
Fäulniss  und  Verwesung  des  einen  in  den  andern  übergeht.  Der  Mensch  ist  nach  dem  Firma- 
ment gebildet:  alles,  was  wir  in  der  grossen  Welt  finden,  treffen  wir  auch  in  der  kleinen  an: 
und  so  viele  Arten  Mineralien  es  im  Makrokosmus  gibt,  so  viel  sind  deren  auch  im  Mikrokosmus, 
als  dem  Sohn  des  erstem.  Aus  dem  Firmament  nimmt  der  Mensch  alle  Kenntnisse  her:  die 
astralischen  Einflüsse  machen  ihn  zu  einem  wahren  Weisen :  denn  sein  Geist  floss  aus  den 
astris,  die  Seele  aber  aus  dem  Munde  Gottes.  Das  Firmament  ist  das  Licht  der  Natur,  Gott 
aber  das  Licht  der  Gnade,  aus  welchem  der  Arzt  gebohren  werden  muss.  Die  Zahlenleiter  der 
Kabbalisten  gilt  auch  bis  auf  die  intellectuelle  Welt  und  bis  auf  den  Archetypus:  alle  Theile 
des  Körpers  kommen  mit  gewissen  Elementen,  Kräften  und  Zahlen  überein.  Der  innere,  astra- 
lische  Mensch,  der  Genius  der  Menschen,  die  Imagination,  ist  Gabalis,  woher  die  Gabalistische 
Kunst  ihren  Nahmen  hat.  Dies  ist  zugleich  der  Magnet  und  die  magnetische  Natur  des 
Menschen.  Alles,  was  man  mit  den  Augen  sieht,  kann  man  hervor  bringen,  durch  Hülfe  dieses 
Gabalis,  der  Imagination,  die  als  ein  Magnet  sichtbare  Körper  an  sich  zieht  und  sie  den  Sinnen 
darstellt.  Das  innere,  kabbalistische  Gebet  zu  Gott,  oder  die  geheime  Unterredung  mit  ihm, 
vereinigt  die  Seele  mit  dem  Urquell  alles  Lichts  und  aller  Erkenntniss :  und  nun  kann  der 
Mensch  mit  einem  Gedanken  Wunder  thun.  Er  verhält  sich  hiebei  nicht  thätig,  bloss  leidend; 
er  lernt  nichts,  die  Gnade  fliesst  in  ihn  ein,  und  theilt  ihm  alles  mit.  Das  Wort  ist  in  den 
magischen  Handlungen  am  kräftigsten:  dadurch  werden  alle  Krankheiten  geheilt,  wie  auch 
besonders  durch  Charaktere  und  Talismane,  die  zu  gewissen  Zeiten  verfertigt  werden.  Alle 
Arzneimittel  wirken  vermöge  der  magnetischen  Kraft,  die  sie  von  den  astris  erhalten  haben, 
und  wovon  ihre  sinnliche  Eigenschaften  bloss  die  Signaturen  sind.  Der  Siz  dieses  astri  ist 
der  Balsam:  dieser  verbindet  sich  mit  dem  Lebensbalsam  im  Menschen,  und  kurirt  dergestalt 
die  Krankheiten.  Der  Arzt  muss  diesen  Balsam  in  der  ganzen  Natur  aufsuchen,  und  zwar 
durch  Hülfe  aller  Theile  der  Magie,  von  denen  ihm  keiuer  fremde  sein  darf.  Endlich  kann 
das  Leben  verlängert  werden,  wie  man  das  Feuer  durch  Zuthat  von  Brennmaterialen  verlängert: 
und  Paracelsus,  der  im  Besiz  dieses  Geheimnisses  war,  würde  gewiss  nicht  so  früh  gestorben 
sein,  wenn  seine  Feinde  ihn  nicht  durch  Gift  hingerichtet  hätten.  Croll,  der  Erfinder  dieser 
Fabel,  wird  gründlich  vom  Libavius  widerlegt. 

Ein  anderer  Tractat  von  ihm  über  die  Signaturen  ist  ganz  nach  der  Theorie  des  Paracelsus 
geschrieben.     Jedes  Kraut,  sagt  er,  ist  ein  Stern,  und  jeder  Stern  ist  ein  Kraut:  die  astra 


46  Zum  fünften  Abschnitt. 

geben  den  Pflanzen  ihre  Kräfte  und  drüken  ihnen  die  Signaturen  ein.  Dies  ist  das  Principium, 
von  welchem  Croll  ausgeht,  und  man  kann  sich  kaum  vorstellen,  mit  welcher  ausschweifenden 
Phantasie  er  alles  zusammenrafft,  was  seinem  Lieblingssaz  die  geringste  Wahrscheinlichkeit 
geben  kann.  Ich  will  einige  Beispiele  davon  anführen.  Das  kleine  Hauslauch  hat  in  seinen 
Blättern  Aehnlichkeit  mit  dem  Zahnfleisch:  darum  ist  es  ein  gutes  antiscorbutisches  Mittel.  Die 
Augen  im  Pfauenschwanz  haben  Aehnlichkeit  mit  den  Warzen  an  weiblichen  Brüsten  :  dess- 
wegen  werden  die  Krankheiten  der  Brüste  dadurch  geheilt.  Die  Maiblumen  sehen  wie  Tropfen 
aus:  daher  sind  sie  im  Schlagfluss  (gutta)  dienlich.  Die  Wurzel  der  Zaunrübe  sieht  wie  ein 
geschwollener  Fuss  aus:  darum  ist  sie  ein  gutes  Mittel  gegen  die  Wassersucht.  Hypericum 
hat  seinen  Nahmen  von  vrttQ  s'iHovog,  quasi  sitsupra  spectra:  es  ist  also  das  beste  Mittel  gegen 
verlezte  Phantasie  und  gegen  alle  Zaubereien.  Ausserdem  werden  auch  viele  Beispiele  ange- 
führt von  Thieren,  die  den  Menschen  die  Arzneimittel  kennen  gelehrt  haben."  (Aus  Sprengel's 
Versuch  einer  pragmatischen  Geschichte  der  Arzneikunde  1794.  3ter  Theil  pag.  432 — 435). 

Im  Speciellen  lernt  man  die  Art  der  spagirischen  Heilkünstler  recht  gut  kennen  aus 
G.  Gramau's  „New  zugerichte,  sehr  nützliche  chymische  Reise  und  Hauss  Apotheca  1630", 
wo  z.  B.  über  das  Oleum  Nucis  Myristieae  destillatum  folgendes  angegeben  wird: 

Zvm  ersten,  die  Muscatennus  repräsentirt  anatomiam  cerebri,  vnd  die  Signatur,  oder  Ge- 
stalt in  vnd  ausswendig,  zeigt  durch  die  Natur,  dass  sie  Krafft  vnd  Macht  habe,  alle  des  Hirns 
Gebrechen  vnd  Abgang  zu  ersetzen,  solches  wieder  zu  erfrischen,  und  zu  erquicken,  wann  man 
seines  gedistillirten  Öls  fünff  oder  sechs  Tropffen  in  Majoranwasser,  oder  gutem  Weine  etliche 
Tage  einnimmet. 

2.  Welche  mit  Schwindel,  oder  Zuneigungen  der  Fallendensucht,  kleinen  vnd  grossen 
Schlages  angefochten  werden,  die  sollen  das  Gehirn  corroboriren  damit,  vnd  ein  Monat  dis 
köstliche  öl  in  Meyenblumenwasser,  oder  guter  Brüe  eintrincken. 

3.  Ist  es  gut  wider  das  leichtlich  erschrecken,  erzittern  vnd  beben,  welches  des  Schlages 
böse  Vorboten  seynd,  Es  bringt  wieder  die  verfallene  Sprach,  erhebet  vnd  erleichtert  die  schwere 
stamlende  Zunge,  es  wendet  torturam  oris,  vndgekrümbten  Mund,  angezeigter  Gestalt  gebraucht. 

4.  Stercket  dieses  öl  das  blöde  vnd  schwache  Gedechtnis,  vnd  renovirt,  oder  bringt  das 
geschwundene  vnd  abgenommene  Gehirn  wieder  zu  Krefften,  vnd  erfrischt  solches  ein  Monat 
in  Augentrostwasser,  oder  gutem  Weine  eingenommen. 

5.  Verzehret  dis  öl,  die  inwendigen  Nebel,  Pradem,  vnd  Dünste,  welche  die  Augen  vnd 
das  Gesicht  verdunckeln,  leutert  vnd  macht  gute  klare  Augen. 

6.  Eröffnet  dis  köstliche  öl  die  verstoffpte  Organa  et  instrumenta  auditus  et  odoratus,  vnd 
bringet  den  verfallenen  Geruch  wieder  zu  recht. 

7.  Ist  dis  öl  ein  herrlich  arcanum,  wider  den  Schorbock,  Schwinden  vnd  Faulen  des  Zahn- 
fleisches, vnd  befestet  die  wacklenden  Zähne,  so  aussfallen  wollen,  eingenommen,  vnd  offt 
damit  angestrichen  vnd  eingerieben. 

8.  Stillet  dis  öl  dashetschen,  vndkluxen,  oder  schlucken  des  Magens,  verzehret  die  faulen 
ructus,  Dämpfte,  vnd  sawre  auffsteigende  Schwaden  von  roher  vngedaweter  Speise  ,  welche 
sonsten  evaporiren,  vnd  das  Hirn  turbiren. 

9.  Erwärmet  dis  öl  den  kalten,  vndawigen,  auffblöhenden  Magen,  vnd  stillet  seine  Wehe- 
tagen vnd  Schmertzen,  corroborirt,  vnd  stercket  denselbigen. 

10.  Stillet  das  öl  das  gefährliche  würgen,  vnd  obenaussbrechen,  für  eckel  vnd  grawen 
aller  Speise,  bringet  wider  den  verlornen  appetit,  vnd  macht  wieder  lust  zum  Essen,  in  Krause- 
mintzwasser,  oder  gutem  Weine  eingenommen,  vnd  die  Hertzgruben  mit  angesalbet. 

11.  Erfrischet  es  die  angegangene  vnd  verschrumpffte  Lungen,  wendet  das  Reichen  vnd 
schweren  Athem,  macht  einen  lieblichen  Geruch  des  Athems. 

12.  Stercket  es  die  blöde  Leber,  vnd  machet  ein  flüssiges,  durchgängiges,  frisches,  ge- 
sundes Geblüt,  dass  sichs  durch  den  gantzen  Leib  spargiren  vnd  ausstheilen  kann,  derowegen 
ist  es  denen  gut,  so  die  Schwindsucht  haben. 

13.  Ist  es  gut  für  Hertzklopffeu,  Beben,  Zittern,  vnd  Hertzohnmachten,  vnd  erquicket  die 
spiritus  vitales. 

14.  Erweichet,  vnd  eröffnet  es  die  erharte  Miltz,  leget  desselbigen  Geschwulst,  Stechen, 
vnd  Schmertzen,  in  Hirstzungenwasser,  oder  Bier  eingetrunken ,  vnd  ausswendig  vmb  die 
Lägerstatt  damit  geschmieret. 

15.  Wendet  es  das  blehen,  krimmen  vnd  Därmgicht,  vnd  verzehret  die  verhaltene  flatus 
vnd  Bläste  im  vnterm  Leibe,  eingenommen,  vnd  damit  circa  umbilicum  gestrichen. 

16.  Treibt  es  den  verstandenen  Harn,  treibt  den  Lenden-  vnd  Blasenstein,  vnd  stillet  den 
grawsamen  Schmertzen  derselbigen. 


Sydenham.  47 

17.  Erwärmet  es  den  Weibern  die  erkalte,  aufkaufende  Beermutter,  vn  macht  sie  frucht- 
bar, eingenommen,  vnd  vmb  die  gegend  damit  angesalbet. 

18.  Stillet  es  den  Weibesbildern  jhren  vnzeitigen,  vnd  langwirigen,  beydes  weissen  vnd 
rothen  Fluss,  davon  sie  sonsten  vngestalt,  vnd  schwindsüchtig  pflegen  zu  werden. 

19.  Stillet  es  den  vnzeitigen  durchfall  des  Leibes,  rothe-  vnd  weisse  Ruhr,  eingenommen 
vnd  auff  Rockenbrodt  getreufft,  in  die  Hertzgrube  gebunden. 

20.  Gibt  dieses  öl  ein  augmentum  seminis,  sintemal  die  Natur  Signaturam,  s.  r.  et  formam 
testiculorum,  solches  zu  erkennen  vor  Augen  gestellet,  stimulirt  Venerem,  hilfft  dem  kalten 
Manne  in  Sattel,  vnd  reitzet  auch  zum  Beischlaff,  eingenommen,  vnd  deii  umbilicum  damit 
offt  bestrichen. 

Die  sämmtlichen  übrigen  Mittel  haben  so  ziemlich  die  gleiche  Wirkung. 

Sydenham 

Abhandlung  über  Peripneumonia  notha. 

Bei  Beginn  des  Winters,  häufiger  noch  gegen  dessen  Ende  oder  selbst  beim  Anfang  des 
Frühjahrs  entwikelt  sich  alljährlich  ein  Fieber  mit  nicht  wenigen  peripneumonischen  Symptomen. 
Dasselbe  ergreift  vorzugsweise  etwas  beleibtere  und  fettere  Individuen,  welche  das  männliche 
Alter  entweder  erreicht,  oder,  was  noch  häufiger  ist,  bereits  überschritten  haben,  und 
Spirituosen  Getränken,  vorzüglich  dem  Branntwein,  mehr  als  billig  ergeben  sind.  Denn  da 
bei  solchen  Menschen  das  Blut  mit  schleimigen  Säften,  die  sich  während  der  Winterszeit  ange- 
häuft haben,  überladen  ist  und  dasselbebeibeginnendemFrühjahrineineneueBewegungkommt, 
so  entsteht  durch  diese  Gelegenheit  bald  ein  Husten,  durch  welchen  die  genannten  schleimigen 
Säfte  in  die  Lungen  gelangen,  und  wenn  der  Kranke  vielleicht  zu  dieser  Zeit  noch  unzwek- 
mässig  lebt  und  die  geistigen  Getränke  noch  reichlicher  geniesst,  so  wird  die  Substanz,  welche  den 
Husten  hervorgerufen  hat,  noch  dichter  und  die  Zugänge  der  Lunge  werden  durch  sie  verschlossen, 
und  ein  Fieber  verzehrt  die  ganze  Menge  des  Blutes.  Beim  ersten  Anfall  des  Fiebers  wird 
der  Kranke  bald  heiss,  bald  friert  er ;  er  ist  schwindelig,  klagt  über  stechende  Kopfschmerzen, 
so  oft  der  Husten  lästiger  quält.  Die  Getränke  wirft  er  alle  durch  Erbrechen  weg,  bald  ohne 
Husten,  bald  durch  diesen  gequält.  Der  Urin  ist  trüb  und  intensiv  roth.  Das  herausgelassene 
Blut  entspricht  dem  der  Pleuritischen.  Sehr  oft  entsteht  Engbrüstigkeit  und  bedingt  eine 
frequeute  und  raschere  Respiration.  Wenn  er  ermahnt  wird,  zu  husten,  so  schmerzt  der  Kopf 
nicht  anders,  als  wenn  er  bald  inTheile  zerspringen  sollte  (ein  Ausdruk,  welchen  die  Kranken 
meist  gebrauchen).  Es  schmerzt  auch  der  ganze  Thorax,  oder  wenigstens  wird  die  Verengerung 
der  Lunge  von  dem  Gehör  der  Umgebung  wahrgenommen,  so  oft  der  Kranke  hustet,  denn  die 
Lunge  dehnt  sich  nicht  genügend  aus,  und  die  vitalen  Wege  sind,  wie  es  scheint,  durch  die 
Anschwellung  verschlossen;  daher  sind  bei  unterbrochener  Circulation  und  gleichsam  erstiktem 
Blute  beinahe  keine  Zeichen  von  Fieber  vornemlich  bei  beleibteren  Individuen  vorhanden,  ob- 
gleich es  auch  geschehen  kann,  dass  das  Blut  wegen  der  Menge  schleimiger  Materie,  mit 
welcher  es  überladen  ist,  in  eine  volle  Aufwallung  nicht  zu  gerathen  vermag. 

Aus  der  Abhandlung  über  die  Wassersucht. 

Jedes  Menschenalter,  jedes  Geschlecht  wird  zuweilen  von  Wassersucht  befallen;  die 
Frauen  sind  jedoch  dieser  Krankheit  mehr  unterworfen,  als  die  Männer.  Leztere  werden  aber 
hauptsächlich  im  höhern  Alter  befallen,  jene,  nachdem  sie  schon  zu  gebären  aufgehört  haben. 
Unfruchtbare  befällt  sie  zuweilen  auch  schon  frühzeitiger. 

Gruben,  von  dem  Eindruk  der  Finger  in  dem  untern  Theile  der  Wade  hervorgebracht 
und  während  der  Nacht  hauptsächlich  sichtbar,  bei  Tage  aber  wieder  verschwindend,  geben 
das  erste  Zeichen  dieser  Krankheit. 

Dieses  Zeichen  einer  beginnenden  Wassersucht  ist  jedoch  nicht  so  sicher  bei  Frauen,  als 
bei  Männern,  da  auch  die  Schwangern  und  solche,  bei  welchen  die  Menstruation  aus  irgend 
einer  Ursache  unterdrükt  ist,  dasselbe  nicht  selten  zeigen.  Auch  bei  Männern  zeigt  eine  der- 
artige Geschwulst  den  Hydrops  nicht  sicher  an;  denn  ein  Greis,  der  mit  einer  etwas  reichlichem 
Beleibtheit  behaftet  ist  und  schon  seit  vielen  Jahren  an  Asthma  leidet,  wird,  wenn  er  Winters- 
zeit von  demselben  befreit  wird,  bald  von  einer  starken  Schwellung  der  Muskeln,  der  Tibien 
befallen,  welche  die  Geschwulst  der  Hydropischen  nachahmt,  im  Winter  mehr  als  im  Sommer, 
bei  regnerigem  Wettermehr  als  bei  troknem  zunimmt  und  doch  ohne  irgend  eine  erhebliche  Unbe- 
quemlichkeit das  Individuum  bis  an  sein  Ende  begleitet. 

Dessen  ungeachtet  können  im  Allgemeinen  geschwellte  Waden  und  Tibien  auch  bei 
Männern  für  ein  Zeichen  einer  überkommenden  Wassersucht  gehalten  werden,  um  so  mehr, 
wenn  die  so  Befallenen  einen  schweren  Athem  haben.    Die  Geschwulst  nimmt  täglich  an  Um- 


48  •  Zum  fünften  Abschnitt. 

fang  und  Schwere  zu,  bis  die  Füsse  die  Wassermenge  nicht  mehr  fassen,  die  Beine  und  darauf 
selbst  der  Unterleib  befallen  werden.  Dieser  wird,  weil  sich  Serum  fortwährend  aus  dem  Blute 
absezt,  allmälig  bis  zur  Gränze  seiner  Capacität  angefüllt  uud  ausgedehnt,  so  sehr,  dass  er 
häufig  viele  Maasse  Wassers  enthält,  welche  in  den  Nabel,  wie  durch  eine  Pforte  vortreten 
und  einen  Nabelbruch  bilden. 

Drei  Symptome  sind  es,  welche  diese  Krankheit  begleiten,  nämlich  Dyspnoe,  sparsamer 
Urin  und  heftiger  Durst.  Das  erschwerte  Athmen  hat  seinen  Grund  in  dem  Druke,  welcher 
von  dem  Wasser  auf  das  Zwergfell  ausgeübt  wird,  wodurch  dessen  natürliche  Bewegung  be- 
einträchtigt wird.  Der  Urin  wird  desshalb  spärlicher  entleert,  weil  das  Blutserum,  welches 
nach  Naturgesezeu  durch  die  Urinwege  abgesondert  werden  sollte,  schon  in  die  Bauchhöhle 
und  in  andere  Theile  abgesezt  wird,  die  zu  seiner  Aufnahme  passend  sind.  Der  Durst  ent- 
steht durch  die  Fäulniss  der  serösen  Ansammlung  (Colluvies),  welche  wegen  des  längeren  Ver- 
bleibens im  Körper  Wärme  und  Schärfe  annimmt,  wesshalb  der  Kranke  gewissermaassen 
fortwährend  an  Fieber  und  eben  auch  an  Durst  leidet. 

In  demselben  Verhältnisse,  in  welchem  der  Kranke  an  denTheilen,  in  welchen  die  Krank- 
heit ihren  Siz  hat,  an  Masse  zunimmt,  wird  er  am  übrigen  Körper  täglich  magerer  und 
schmächtiger,  und  wenn  endlich  der  zu  grossen  Gewalt  des  Wassers  innerhalb  der  Bauchhöhle 
nicht  länger  Widerstand  geleistet  werden  kann,  dann  dringt  das  Wasser  in  die  edleren  Einge- 
weide ein  und  in  die  wichtigsten  Theile  des  Körpers,  und  der  Kranke  geht  zu  Grunde,  wie  von 
einer  Wasserfluth  überschwemmt. 

Die  Ursache  dieser  Krankheit  im  Allgemeinen  ist  eine  Schwäche  des  Blutes,  in  Folge 
deren  es  nicht  mehr  im  Stande  ist,  die  von  aussen  eingeführte  Nahrung  in  seine  Substanz  zu 
verwandeln  und  zugleich  gezwungen  ist,  diese  in  die  Extremitäten  und  die  herabhängenden 
Theile  des  Körpers,  bald  darauf  auch  in  den  Bauch  auszuschwizen;  in  welchem  lezteren,  so 
lange  es  nur  hie  und  da  in  geringer  Menge  zerstreut  ist,  die  Natur,  um  es  zusammenzuhalten, 
gewisse  Blasen  bildet,  bis  es  endlich,  alles  Mass  überschreitend,  nur  noch  vom  Bauchfelle  be- 
grenzt wird. 

Zur  Schwächung  des  Blutes  tragen  aber  vorzüglich  bei :  die  Blutentziehung  durch  zu 
grosse  Aderlässe,  oder  die  Blutentleerung  auf  andere  Weise,  oder  eine  länger  dauernde  Krank- 
heit, oder  jene  abscheuliche  Sitte,  geistige  Getränke  im  Uebermasse  zu  geniessen,  wodurch  die 
natürlichen  Gährungsstoffe  des  Körpers  zerstört  werden  und  der  Spiritus  zerstreut  wird.  Daher 
kommt  es  auch,  dass  gerade  solche  Trunkenbolde  häufiger  von  dieser  Krankheit,  nemlich  der 
kalten  (Wassersucht?)  befallen  werden,  als  andere  Menschen.  Auf  der  andern  Seite  schadet 
aber  auch  das  Wassertrinken  dem  Blute  derjenigen  in  derselben  Weise,  welche  sich  lange  an 
edlere  Getränke  gewöhnt  hatten. 

Bei  den  Weibern  aber  findet  sich,  was  auch  beachtenswerth  ist,  eine  andere  von  jenen 
weit  verschiedene  Ursache  zur  Wassersucht,  nemlich  eine  Unreinlichkeit,  die  in  einem  der 
beiden  Eierstöke  eingeschlossen  ist,  oder  eine  Verstopfung,  welche  allmälig  dessen  Structur 
vernichtet;  wesshalb  an  dem  erwähnten  Eierstöke,  nachdem  zuerst  der  Grund  der  Krankheit 
gelegt  ist,  seine  Hülle  auf  eine  merkwürdige  Weise  ausgedehnt  wird ;  wenn  diese  nun  nicht 
berstet,  bildet  die  Natur,  um  die  Flüssigkeit  aufzunehmen,  eine  Art  von  Blasen,  und  wenn  nun 
eine  oder  mehrere  von  diesen  plazen,  und  ihre:i  Inhalt  in  die  Bauchhöhle  ergiessen,  dann 
treten  dieselben  Symptome  auf,  wie  bei  der  Wassersucht,  die  wir  oben  geschildert  haben.  Doch 
von  dieser  Art  war  schon  früher  die  Rede. 

Es  gibt  auch  zwei  andere  Arten  von  Bauchgeschwülsten,  die  der  Wassersucht  nicht  un- 
ähnlich sind  und  sich  beide  bei  Frauen  finden.  Die  eine  ist  eine  widernatürliche  Fleisch- 
wucherung an  den  Theilen,  die  in  der  Bauchhöhle  liegen,  und  die  den  Bauch  zu  einer  nicht 
unbeträchtlicheren  Grösse  emportreibt,  als  es  das  eingeflossene  Wasser  zu  thun  pflegt.  Die 
andere  Art  hat  ihren  Grund  in  Blähungen,  welche  nicht  nur  Geschwulst,  sondern  auch  andere 
Schwangerschaftszeichen  hervorrufen.  Diese  befällt  besonders  Wittwen,  doch  auch  Frauen, 
welche  erst  in  späterer  Zeit  geheirathet  haben.  Diese  nemlich  versehen  sich  schon  manchmal 
mit  Binden  und  anderen  zur  Aufnahme  eines  Kindes  nothwendigen  Dingen,  sowohl  nach  ihrer 
als  auch  der  Hebammen  Meinung,  deren  Rath  sie  bei  dieser  Sache  in  Anspruch  genommen 
haben.  Sie  fühlen  die  Bewegung  des  Kindes,  von  der  gewohnten  Zeit  bis  zur  gesezmässigen 
Zeit  der  Entbindung,  ja  sie  erkranken  sogar  plözlich,  ganz  in  der  Art  der  Schwangeren,  indem 
beide  Brüste  anschwellen  und  Milch  abträufelt;  bis  endlich  der  Bauch  auf  dieselbe  Weise,  wie 
er  angeschwollen  war,  allmälig  wieder  abschwillt  und  nur  eitle  Hoffnungen  erregt  hat.  Indessen 
keine  von  beiden  Krankheiten  gehört  zu  der,  von  welcher  wir  handeln. 

Das  wahre  und  ächte  Heilverfahren,  wie  es  sich  nach  den  vorerwähnten  Erscheinungen 
gleichsam  von  selbst  herausstellt,  muss  entweder  auf  die  Entleerung  des  Wassers  aus  der 


Sydenham.  49 

Bauchhöhle  und  den  übrigen  Theilen,  oder  auf  die  Wiederherstellung  der  Kraft  des  Blutes, 
damit  eine  neue  Wasseransammlung  verhütet  werde,  gerichtet  sein. 

Was  die  Entleerung  des  Serum  anlangt,  so  ist  es  von  nicht  geringer  Wichtigkeit,  sorg- 
fältig zu  beachten,  dass  bei  allen  Wassersüchtigen  diejenigen  Abführmittel,  die  weniger  kräftig 
und  langsamer  wirken,  mehr  Schaden,  als  Nuzen  bringen.  Die  Abführmittel  sind  durchgängig 
der  Natur  zuwider,  mögen  sie  einen  Namen  haben,  wie  sie  wollen,  sie  schwächen  und  verlezen 
das  Blut  gewissermaassen  ;  wenn  sie  daher  den  Körper  nicht  recht  schnell  durcheilen  und  so 
schnell  als  möglich  ausgeschieden  werden,  so  bewirken  sie  das  Gegentheil,  vermehren  die 
Flüssigkeit,  welche  sie  nicht  wegführen  können  und  indem  sie  das  Blut  in  heftige  Unruhe  ver- 
sezen,  machen  sie  die  Geschwulst  nur  noch  grösser,  was  man  ganz  deutlich  an  den  Füssen 
derjenigen  sieht,  deren  Unterleib  nur  schwach  und  mild  angegriffen  wird.  Will  man  desshalb 
mit  passenden  Mitteln  die  Reinigung  des  Kranken  vornehmen,  so  muss  man  wissen,  ob  der 
Körper  des  Kranken  leicht  oder  schwer  und  mit  Mühe  Abführmitteln  nachgibt ;  auf  diesen  Punkt 
des  ganzen  Heilverfahrens  muss  man  entweder  gar  keine  oder  die  allergrösste  Mühe  verwenden. 

Um  zu  erfahren,  wie  oft  man  die  Mittel,  welche  das  Wasser  wegschaffen,  anwenden 
soll,  muss  man  eifrig  darauf  Acht  haben,'  ob  der  Körper  des  Kranken  leicht  oder  schwer  Ab- 
führung verträgt;  dies  kann  man  nicht  anders  erfahren,  als  durch  sorgfältige  Untersuchung, 
wie  andere  Purgirmittel,  zu  andrer  Zeit  gereicht,  ihre  Wirkung  gethan  haben.  Denn,  wenn 
in  den  Körpern  eine  gewisse  Idiosyncrasie  gefunden  wird,  in  Bezug  auf  die  leichtere  oder 
schwerere  Wirkung  der  Abführmittel,  so  bringt  derjenige  den  Kranken  oft  in  die  grösste 
Lehensgefahr,  der  sich  zum  Maasse  und  zur  Norm  ein  empfindliches  Temperament  nehmen 
wollte  ;  denn  es  kommt  gar  nicht  selten  vor,  dass  bei  Leuten  von  athletischem  Baue  gelinde 
Abführmittel  wirken,  während  bei  Leuten  von  ganz  entgegengesezter  Gestalt  kaum  die  stärk- 
sten Abführmittel  ihre  Wirkung  äussern.  Und  in  der  That  sollte  die  erwähnte  Vorsicht,  die 
man  wegen  der  Unpassendheit  der  Abführmittel  für  den  Körper  des  Kranken  haben  sol!,  nicht 
nur  bei  der  Versclreibung  der  Mittel,  welche  das  Wasser  wegschaffen,  sindern  auch  bei  allen 
andern  Abführmitteln  gebraucht  werden.  Denn  gar  oft  habe  ich  gesehen,  wie  zu  heftige  Ab- 
führungen auch  schon  durch  milde  Abführmittel  herbeigeführt  wurden,  weil  der  Arzt  nicht,  wie 
es  sich  eigentlich  geholt,  gefragt  hatte,  ob  der  Kranke  leicht  oder  schwer  zu  erregen  sei. 

Wenn  nun  aber  die  Wassersucht,  wie  ich  oben  erwähnt  habe,  vor  andern  beliebigen  Krank- 
heiten, Abführung  und  zwar  eine  recht  kräftige  und  schnelle  verlangt,  und  wenn  in  dieser 
Krankheit  die  Reinigung  durch  „*irt'xgacF«g",  die  in  einigen  andern  Fällen  nüzt,  durchaus 
unstatthaft  ist  (weil  derartige  Abfühiungen  die  Geschwulst  nicht  nur  nicht  verkleinern,  sondern 
noch  vergrössern),  so  ist  desshalb,  sage  ich,  eine  etwas  starke,  und  am  Ende  kräftigere  Ab- 
führung, als  üblich,  doch  wohl  einer  schwächeren  vorzuziehen  ;  zumal  wenn  wir  vom  Laudanum 
nicht  absehen,  dem  sichersten  Zügel  mit  dem  man  zu  grosse  Abführungen  bändigen  kann. 

Dazu  muss  man  noch  bei  allen  Abführmitteln,  welche  zur  Heilung  der  Wassersüchtigen 
empfohlen  sind,  darauf  achten,  dass  das  Wasser  gerade  mit  der  Schnelligkeit  verschwinde,  als 
es  die  Kräfte  des  Kranken  vertragen;  der  Kranke  soll  überdiess  alle  Tage  purgiren ;  ausser 
wenn  entweder  wegen  zu  grosser  Schwäche  des  Körpers  oder  wegen  zu  grosser  und  heftiger 
Wirkung  des  vorbeigehenden  Abführmittels  der  eine  oder  der  andere  Tag  zuweilen  frei- 
gelassen werden  kann.  Denn  wenn  nur  nach  langem  Zwischenräume  eine  Abführung  wieder- 
holt wird,  auch  wenn  vorher  die  Abführmittel  in  reichlicher  Gabe  gereicht  wurden,  so  würden 
wir  zur  wiederholten  Ansammlung  von  Wasser  nur  die  Gelegenheit  geben  und  bei  Gelegenheit 
dieses  Waffenstillstandes  werden  wir  unverrichtetersache  und  schändlich,  als  ob  wir  gleichsam 
den  errungenen  Sieg  nicht  zu  nüzen  verständen,  endlich  vomPlaze  verdrängt  und  in  die  Flucht 
geschlagen.  Man  überlege  auch  noch  ferner,  dass  die  Gefahr  vorhanden  ist,  dass  das  Wasser, 
wenn  es  längere  Zeit  die  Eingeweide  umgibt,  endlich  auch  diese  mit  derselben  Fäulniss  durch- 
dringt und  verunreinigt.  Dazu  kommt  noch,  was  man  auch  nicht  gering  achten  muss,  dass 
jenes  Wasser,  von  den  vorhergegangenen  Abführmitteln  in  Bewegung  gesezt,  mehr  geneigt 
ist,  Schaden  anzurichten,  als  wenn  es  ruhig  steht.  Schon  aus  diesem  Grunde,  doch  auch  aus 
anderen  früher  erwähnten,  muss  man  der  Absicht,  die  in  der  Bauchhöhle  eingeschlossene 
schlechte  seröse  Flüssigkeit  zu  entfernen,  in  möglichst  kurzer  Zeit  genügen;  und  nur  wenn 
man  von  der  Notwendigkeit  dazu  gezwungen  ist,  darf  man  davon  abstehen  und  eher  nach- 
geben, bis  endlich  die  ganze  Wassermasse  entfernt  ist. 

Ferner  ist  zu  erwähnen,  dass,  wie  die  Praxis  lehrt,  beinahe  alle  Mittel,  welche  das  Wasser 
entfernen,  vermöge  eines  ihnen  eigentümlichen  Charakters,  wenn  sie  allein  angewendet 
werden,  bei  denen,  die  schwer  abführen,  den  Wünschen  sehr  wenig  entsprechen  ;  ja  dass  eine 
zu  reichliche  Gabe  derselben  nicht  sowohl  Abführung  herbeiführt,  sondern  das  Blut  in  heftige 
Bewegung  versezt  (wesshalb  die  Geschwulst,  welche  kleiner  werden  sollte,  nur  noch  grösser 
Belege  zu  Wunderlich'«  Gesch.  d.  Med.  ^ 


50  Zum  fünften  Abschnitt. 

erscheint).  Bei  derartigen  Körpern  haben  diese  Mittel  keinen  andern  Nuzen,  als  dass  sie 
zu  den  gelinderen  Abführmitteln  noch  einen  Reiz  hinzufügen.  Demungeachtet  wirken  aber 
bei  solchen,  welche  leicht  abführen,  jene  Mittel,  welche  das  Wasser  entfernen,  schnell 
und  kräftig. 

Desshalb  lokt  bei  denjenigen,  welche  leicht  abführen,  derSyrupus  de  Spina  cervina,  schon 
allein,  das  Wasser  genugsam  heraus.  Dieses  Heilmittel  führt  das  Wasser  bei  diesen  fast 
allein  und  zwar  in  grosser  Menge  weg,  und  beunruhigt  weder  das  Blut,  noch  macht  es  den 
Urin  mehr  gefärbt,  als  es  die  übrigen  Abführmittel  thun.  Nur  hat  jener  Syrup  das  Unange- 
nehme, dass  er  während  er  wirkt  einen  bedeutenden  Durst  hervorruft.  Wird  er  auch  in 
grösster  Gabe  von  Anderen  getrunken,  welche  weniger  abführen,  so  erfolgen  weder  viele  Stuhl- 
entleerungen, noch  sind  diese,  wie  es  doch  sein  sollte,  mit  viel  Wasser  vermischt  etc.  etc. 

Ein  Sydenham' sches  Recept  gegen  Rhachitis. 

Rec.  Fol.  Absinth,  vulg.  Centaur.  min.  Marr.  alb.  Chamaedr.  Scordii,  Calamenth.  vulg. 
Parthen.  Saxifrag.  pratens.  Hyperic.  virgae  aur.  Serpill.  Menth.  Salviae,  Rutae,  Card,  bened. 
Puleg.  Abrotan.  Chamaemel.  Tanacet.  Lilior.  convall.  (omnium  rec.  collectorum  et  incisorum) 
aa.  man.  j.  Axungiae  porcinae  libr.  IV.  Sevi  ovini  et  Vini  Clareti  aa  libr.  duas.  Macerentur 
in  olla  fictili  super  cineres  calidos  per  horas  XII.  Deinde  ebulliant  ad  humiditatis  consumpt- 
ionem  et  postea  colentur  utfiat  linimentum,  quo  venter  ac  hypochondriaillinantur  mane  et  sero 
per  30  vel  40  dies  continuas,  uti  etiam  axillae  utraeque. 

Morton. 

Schema  morborum  generale. 

Morbi,  quibus  corpus  humanum  affiigi  solet,  sunt 

I.  Accidentales  et  externi,  quippe  qui  ab  externo  aliquo  accidente  oriuntur,  uti  casu, 
ictu,  vulnere,  contusione  etc.  quos  omnes  jam  consulto  praetermitto,  quoniam  eorum  aetiologia 
facilis.  et  in  promptu  est,  et  ad  partem  chirurgicam  potius  quam  ad  medicinalem  stricte  ita 
dictam  spectat. 

II.  Habituales,  qui  intus  a  diathesi  spirituum  praeternaturali,  et  crasi  sanguinis  eversa 
immediate,  vel  saltem  mediate,  aut  a  canalium  seu  vasorum  hos  spiritus,  et  liquores  toti  ma- 
chinae  ministrantium  obstructione,  ruptura  vel  aliqua  alia  mala  affectione  nascuntur.  Quaenani 
sit  horum  omnium  causa,  quoniam  nondum  satis  constat,  de  eorum  aetiologia  et  pathologia 
fusius  jam  sermonem  habituri  sumus,  suntque  vel 

A.  Universales,  qui  seil,  immediate  a  diathesi  spirituum  animalium  praeternaturali  et  crasi 
sanguinis  inde  labefaetata  oriuntur ;  ideoque  primo  insultu  totum  corporis  systema  afficiunt, 
non  autem  a  vitio  singularis  eujuseunque  partis  dependent;  suntque  vel 

1.  Primario  ita  dicti,  qui  absque  respectu  ad  partem  aliquam  singularem  prius  aegro- 
tantem  habito  oriuntur,  suntque  vel 

a.  Acuti,  qui  paueorum  dierum  cireuitu,  crisi  finiuntur  funesta,  vel  salutari:  uti  febres 
quaeeunque  acutae,  variolae,  morbilli  etc. 

b.  Chronici,  qui  similiter,  spiritibus  prius  laborantibus,  Universum  corpus  afficiunt,  non 
tarnen  ruinam  tarn  praeeipitem,  quam  priores  minantur,  indeque  aegri  hoc  modo  afFecti,  vitam 
valetudinariam ,  ad  plures  menses,  imo  annos  protrahere  solent.  Hujusmodi  sunt  febris 
hectica,  et  pallida,  chlorosis,  scorbutus,  rheumatismus  vagus,  scorbuticus,  affectio  hypoehon- 
driaca  et  hysterica,  seu  vapores,  affectus  strumosus,  seu  scrophulae,  rachitis  etc. 

2.  Secundario,  qui  licet  ex  accidente  partem  aliquam  singularem  primo  afficere  possint, 
qui  tarnen  sanguinem  et  spiritus  universim  illico  inquinando,  naturam  morborum  universalium 
partieipant,  neque  ex  propria  sua  natura  unam  partem  singularem  prae  alia  affeetant,  rite  in 
classem  morborum  universalium  referendi  sunt,  et  in  hoc  censu  habendi.  Hujusmodi  sunt  lepra, 
Scabies,  lues  venerea,  et  fere  omnes  morbi  chronici  ex  contagione  propagati. 

B.  Morbi  partium  qui  a  viscerum  aliquo,  vel  alia  parte  singulari  laborante  immediate  pro- 
dueuntur;  utut  crasis  sanguinis  a  peculiari  spirituum  vitio  labefaetata,  iis  viam  remote  sternat; 
indeque  totum  corporis  systema  non  nisi  ex  consequente  his  morbis  afficitur. 

De  morbillis  et  febre  scarlatina. 

Morbus  qui  passim  apud  authores  hoc  nomine  designatur,  est  febris  conjuneta  cum  efflores- 
centia  inflammatoria,  hie  illictotam  cuticulam  distinguente.  Cuticulam  solummodo  hac  effiores- 
centia  obsessam  esse  avtoxpia  constat,  quae  inde  primo  morbi  momento  rubedine  et  levi  calore 
ubique  perfunditur,  deinde  in  ejus  dn/nij,  quamprimum  scilicet  acri  hurnore  erosa  turgescere, 
atque  a  cute  vera  separari  ineipiat,  inaequalem  quandam  asperitatem  prodit,  demum  vero 
evanescente  efflorescentia,   squammarum    ad  instar  deeidit.     Efflorescentiam  hanc  semper, 


Morton.  5 1 

interstitiis  figura  diversa,  oblonga  scilicet  quadrata,  vel  multangula  praeditis,  variegatam  ob- 
servare  est:  namque  non  una  continuata  inflammatione  seu  rubedine,  ut  in  febre  scarlatina, 
perfunditur  cuticula.  Quo  criterio  duntaxat  haec  efflorescentia  ab  altera,  quae  febrem  scarla- 
tinam  comitatur  dignoscenda  est.  Dolor  autem  hanc  inflammationem,  utut  a  constrictione 
fibrarum  cuticulae  ortam  non  comitatur,  ob  causam  prius  memoratam. 

Neque  tumoraliquispalpabilis  adest,  quippe  haec  membranula  tenuissima  incrassescere  et 
acuminari  more  cutis  verae  haud  potest ;  quo  pacto  praesertim  morbilli  a  variolis  dignosci  possunt, 
quae  ab  ipso  initio  more  exanthematum  sive  tuberculorum  intumescentia  renitente  tactui  pal- 
pantis  sese  palam  produnt.  Denique  liquor  ille  tenuissimus  et  acerrimus,  qui  a  sanguine  in 
tubulis  fibrillarum  cuticulae  coarctatarum  stagnante  extravasatus  eas  corrodit,  nunquam  in 
pus  maturat  ir  (ut  in  variolis  solet)  ob  peculiarem  suam  indolem,  ei  affinem  quae  e  tendinibus 
et  nervis  in  rheumatica  inflammatione  scatet. 

Febris  quae  cum  hac  efflorescentia  conjungitur  (quod  de  scarlatina  et  variolosa  dictum  sit) 
indolem  quadantenus  peculiarem  sortita  est,  cum  enim  sit  genuina  et  maxime  benigna  est 
tarnen  peracuta,  quam  citissime  varia  sua  stadia  peragrat,  et  nihilominus  crisi  salubri  finitur; 
unde  vires  spirituum  venenum  adorientium  fere  integras  esse  conjicere  licet. 

Ex  comate  autem,  deliriis,  vigiliis,  subsultibus  tendinum,  ceterisque  id  genus  vacillantium 
spirituum,  a  veneno  deleterio  percitorum  symptomatis  vehementioribus,  et  uno  tenore  progredi- 
entibus  a  primo  insultu  oövo%ov  esse,  ac  malignam  suspicari  fas  est.  Genium  autem  ac  pro- 
sapiam  hujusce  febris  clarius  percipiemus,  si  rationem  diversorum  symptomatum  in  variis  ejus 
stadiis  suboriri  solitorum,  consideremus,  seil,  in  apparatu  efflorescentiae  ;  stadio  seil,  in  quo  ex 
symptomatis  indies  auetis  febris  ad  incrementi  finem  pervenisse  videatur;  in  efflorescentiae 
vigore,  qui  statum,  atque  ejusdem  declinatione,  quae  crisin  morbi  continet. 

In  apparatu  efflorescentiae,  seu  primo  morbi  stadio,  (quod  in  morbillis  benignis  et  sporadicis 
a  mitiori  veneno  intus  nato  ortis  XXIV  horis,  aut  saltem  bidui  vel  tridui  spatio  conficitur, 
utut  in  malignis  et  epidemiis,  id  ad  septimum  aut  oetavum  diem  nonnunquam  protendatur) 
praeter  algorem,  quo  Spiritus  a  primo  insultu  veneni  improviso  fere  enecati  et  extineti  tentantur 
atque  horrorem,  rigorem,  oscitationem,  pandiculationem,  aegritudinem,  nauseam,  vomitionem, 
jaetationem  inquietam,  vertiginem,  cephalalgiam,  lassitudinem  ulcerosam,  lumbaginem,  ceter- 
aque  id  genus  symptomata  a  primo  nisu,  seu  lucta  difficili  spirituum  irritatorum,  atque  inde 
hostem  adorientium  provenientia ;  praeter  sitim  immensam,  foeditatem  oris,  cuticulae  aridi- 
tatem,  ceteraque  symptomata  a  calore,  et  spiritibus  sese  expandentibus  orta.  Praeter  haec  ge- 
neralia  symptomata  (inquam)  quae  febrem  quameunque  coniitantur  pathognomica  quaedam, 
quae  nullam  aliam  praeter  hanc  febrem,  scarlatinam  huic  cognatam,  et  variolosam  conse- 
quuntur,  vim  veneni  valde  deleteriam,  indeque  summam  spirituum  oppressionem,  ac  massa 
humorum  colliquationem  significant :  Pulsus  nimirum  debilis  ac  celer,  respiratio  admodum  cita 
et  anhelosa,  hypochondriorum  oppressio  et  angustia,  urina  pallida  ac  tenuis,  vel  saltem  rube- 
dine non  multum  tineta,  aut  contentis  saturata,  aH'ectus  cerebri  comatosus,  vel  vigihae  perti- 
naces,  subsultus  tendinum  frequentes,  nonnunquam  etiam  a  contentione  ac  vacillatione  spirituum 
spasmi  manifesti,  et  deliria  prorsus  efferata,  gravativa  palpebrarum  debilitas,  oculorum  rubedo, 
punetura  dolorifica,  ac  lachrymae  involuntariae,  adeo  ut  aeger  oculos  difficulter  admodum 
aperiat,  vel  lumen  aspiciat:  in  gutture  dolor  ulcerosus  ex  acri  lymphaper  glandulas  pharyngis 
exereta,  raucedo  clangosa  ex  eadem  lympha  trachaeam  seu  tympanum  sonornm  obducente; 
tussis  perpetuo  molesta,  immanis  ac  ferina,  a  bronchiis  eadem  acri  lympha  indesinenter  laces- 
sitis ;  sternutatio  nonnunquam  fere  perpetua  ab  eadem  lympha  papillas  mammillares  irritante. 
Cuncta  haec  symptomata,  tum  pathognomonica,  cum  generalia  in  hoc  stadio  morbi  indies 
augentur,  donec  febris  paulo  ante  efflorescentiam  ad  äx^?}f  suam  perveuiat.  Atque  equidem 
hoc  praepropero  febris  incremento,  atque  repentina  symptomatum  vehementia  febris  morbillosa 
genium  suum  maxime  prodit:  atque  ab  hac  lucta  subita  et  vehementi  non  tantum  vires  spiri- 
tuum fortes  et  fere  integras  et  veneni  gradum  molestissimum  esse  ac  deleterium  concludere 
licet,  sed  etiam  febrem  ipsam,  utut  a  veneni  excessu  praeter  modum  maligna  in  hoc  stadio  vide- 
atur ob  vires  spirituum  non  irritatione  diuturna  fraetas  aut  fatigatas,  crisin  salubrem,  eamque 
repentinam  habituram  fas  est  conjicere,  qualem  nulla  alia  febris  nisi  scarlatina  et  variolosa 
usquam  habet.  Ubi  vero  in  morbillis  epidemiis  et  vere  malignis  a  veneno  Spiritus  plus  obruuntur 
et  pessundantur ;  minus  acriter  hostem  adoriuntur,  et  symptomata  sub  initium  non  adeo  saevi- 
unt ;  febris  hoc  stadio  longius  protracto,  et  crisi  diutius  expeetata  tardius  ad  d^fiijv  pervenit 
atque  spiritibus  ex  his  moris  maxime  prostratis,  eventus  magis  dubius,  ac  saepe  funestus  redditur. 

Vi  autem  elastica  prius  a  veneno  deleterio  depressa  tandem  sensim  restituta,  spiritus  novis 
viribus  aueti  hostem  fugare  moliuntur,  et  per  cuticulam  et  glandulas,  portas  a  natura  designa- 

4* 


52  Zum  fünften   Abschnitt. 

tas,  per  quas  majora  verena  in  ipsa  peste  foras  feruntur,  rlirninare  satagrnt.  In  hoc  vero 
agone  fibrillae  partium  affectKrum  a  summa  contentione  et  orgasmo  spirituuui  admoduni  feroci- 
entium  spasmodice  constringuutur  ac  vellicantur,  atque  inde  partes  affectae  varia  inflamma- 
tionis  symptomata  pro  textura  sua  diversa  patiuntur ;  cuticula  nempe  levi  ardore  et  rubedine 
suffunditur;  glandulae  autem  insuper  dolore  vellicante,  ardore  et  tumore  praegrandi  corripiuntur. 
Ab  hoc  tempore  febris  haecce  primario  maligna  genium  suum  mutat  et  trausit  in  vere 
inflammatorium,  Spiritus  venenum  jam  aliquantum  superant,  arteriae  fortius  vibrantur,  et  urina 
contentis  ac  rubedine  saturatur.  Atque  ab  hac  efflore.scentia  inchoata  usque  ad  ejus  completam 
eruptionem  status  morbi  durat,  et  febris,  ejusque  symptomata  uno  eodemque  tenore  progredi- 
untur.  Citius  autem  vel  tardius  hoc  Stadium  decurritur  pro  differenti  ratione  vigoris  veneni  et 
spirituum,  ac  diversa  indole  febris  inflammatoriae  inde  ortae.  In  morbillis  benignis  et  spora- 
dicis,  ubi  ob  vegetum  spirituum  robur  virus  confertim  ubique  per  cuticulam  quasi  uno  ictu 
elimiuatur,  Status  morbi  spatio  bidui,  vel  saltem  tridui  deiinite  terminatur.  A  quo  tempore 
febris,  utut  cum  diris  symptcmatis  ante  sociata,  tanquam  crisi  perfecta  soluta,  unacum  efflores- 
centia  derepente  evanescit. 

In  morbillis  autem  epidemiis  et  malignis,  quia  venenum  intus  delitescens  vigorem  spiri- 
tuum elasticum  deprimit,  haec  efflorescentia  unam  partem  cuticulae  post  alteram  occupat, 
jamque  vegeta  est,  jam  sublurida  et  pallida,  prout  spiritus  plus  minus  vigent  vel  deprimuntur. 
Non  raro  autem  hoc  morbi  Stadium,  ancipiti  eventu  ad  decimum  septimum,  vel  vigesimum 
usque  diem  protensum  observavi,  et  auginam,  ophthalmiam  vel  peripneumoniamfunestam,  inde 
subortam,  inflammatis  prius  ab  efferato  spirituum  nisu  glandulis  in  pharynge  et  larynge,  vel 
pulmone  sitis,  etdeinde  exulceratis.  Unde  tussis  ferica  ac  perpetua,  deglutitio  difficilis,  dolor 
pectoris  lancinans,  anhelitus,  straugulatio  ac  suffocatio  insequebantur  et  indoles  febris  inflam- 
matoria  manifestier  evasit.  Demum  vero  certamine  finito  crisis  morbi  instat  salutais  vel 
funesta;  salutaris,  quoties  venenum  prorsus  eliminatum  spiritus  non  amplius  lace.ssat;  funesta, 
cum  spiritus  a  veneno  triumphati  haud  amplius  luetam  instaurare  queunt.  Qualiscunque  fuerit 
crisis  efflorescentia  cutanea  sensim  colorem  rubicundam  mutat,  et  in  dies  luridior  et  pallidior 
fit,  donec  tandem  prorsus  dispareat;  quo  tempore  fluxus  alvi  suboritur,  lympha  acri  a  veneno 
colliquata  et  in  habitu  corporis  prius  congesta,  jam  per  intestina  deturbata  et  amandata.  Qui 
fluxus  utut  primum  levamen  naturae  afferat,  modo  diutius  duret,  facile  in  diarrhoea  sympto- 
matica,  torminosa,  irno  colliquativa  et  funesta  terminatur.  Haec  crisis  in  morbillis  sporadicis  et 
benignis  ut  plurirnum  est  salutaris  et  quam  citissime  ut  cetera  morbi  stadia  tinitur,  fermento 
nempe  penitus  exhausto,  spiritus  non  amplius  lacessiti  ultro  quiescunt;  et  massa  humoruminde 
non  amplius  agitata  colliquatio  cessat,  brevique  spatio  febris  sponte  exulat,  pulsu,  temperie, 
urina,  et  appetitu  intra  paucissimas  horas  restitutio.  Tussis  etiam,  oppressio  hypochondriorum, 
respiratio  anhelosa,  comatosus  affectus  et  reliqua  symptomata  sensim  mitescnnt. 

In  epidemiis  autem  et  malignis  morbillis  declinante  efflorescentia  febris  manet,  vel  forsan 
augetur  atque  inflammatione  pulmonis,  glandularum  faucium  aliarumque  partium  perseverante, 
speciem  induit  anginae,  peripneumoniae,  vel  alterius  morbi  peracuti  et  funesti,  qui  aegrotantes 
e  vivis  tollit,  vel  in  malignam  transit.  Quoties  autem  haec  crisis  salutaris  est,  febris  in  avveyr^ 
plurium  dierum,  vel  hecticam  mutatur;  quae  si  cortice  peruviano  vel  aliqna  alia  antidoto,  vel 
naturae  benignitate  non  tempestive  subigatur,  facillimo  negotio  in  Gvvoypv  malignam  et  funestam 
saepissime  degenerat;  aut  fermento  morbifico  imperfecte  de"leto,  quod  superest  veneni  post 
febris  crisin,  tussim,  respirationrm  difficilem,  inappetentiam,  rubedinem  et  dolorem  oculorum, 
aliaque  symptomata  infert,  et  haud  raro  fundamenta  jacit  funestae  diarrhoeae,  phthiseos  pul- 
monaris,  atrophiae  universalis,  anasarcae  seu  leucophlegrnatiae,  hydropis,  op/.thalmiae,  scro- 
phularum  aliorumque  morborum  chronicorum  curatu  admodum  diflicilium.  Symptomaturn 
phaenomenis  hoc  modo  explicatis,  genius  morbi  et  ff  bris  concomitantis  natura  perspicue 
intelligitur.  Atque  jacto  hoc  fundamento,  causa  tarn  continens  quam  procatarctica  morbil- 
lorum  eruitur ,  differentes  eorum  species  distinguuntur,  signa  praesagientia,  et  diagnostica 
investigantur,  prognostica  certa  ac  comperta  proferuntur,  indicationes  curativae  verae  desum- 
untur,  et  deniquie  methodusmedendi  pro  indole  morbi  ac  symptomatum  diversa  vera,  et  rationo 
simul  ac  usu  quondam  comprobanda  excogitatur. 

Causa  morbillorum  continens  seu  imniediata  est  venenum  ?piritus  inquinans,  quod  non  tan  tum 
inprimo  morbi stadiomalignitate  sua  spiritus  obruit,  sed  massam  sanguinis  agitando  eam  in  coll- 
uviem  acrem,  prae  ceteris  omnibus  fermentis  colliquefacit;  unde  ad  plures  dies  invasionem  antece- 
dentes,  a  quo  tempore  scilicet  massa  a  fermento  delitescentiir.terturbariincipiat,  colliquatio  haec 
inchoata  haud  raro  sese  prodat,  et  tussim  ferinam,  oculoslachrymantes  etinflammatos  ceteraque 
id  genus  symptomata  producat,  quae  omnia  statim  a  priino  morbi  insultu  mirum  in  modum 


Morton.  {53 

angentur.  In  statu  morbi  per  cuticulam  copiosa  lyruphae  praedictae  colluvies  excernitur. 
Eadem  colluvies  tan  dem  diarrhoea  critice  eliminatur,  et  (si  quid  veneni  post  crisin  supersit) 
diarrhoeas  novas  symptomaticas,  ophtbalmias,  et  ceteros  prius  memoratos  chronicos  affectus 
excitat,  qui  huic  morbo,  f'ebri  scarlatinae,  ac  variolis  prae  ceteris  omnibus  supervenire  obser- 
vantur.  Causa  procatarctica  morbillorum  (sicut  et  aliarum  febrium  inflainmatoriarum)  petenda 
est  ab  atmosphaera,  quae  in  niorbillis  sporadicis  semiua  morbi  latentia  in  actum  deducit,  iu 
epidemiis  miasma  venenatum  ab  extra  in  porös  cutis  immittit,  et  si<  ut  in  peste  momento  tem- 
poris  ac  sine  apparatu  praecedente  Spiritus  inquinit,  et  massam  sanguinis  interturbat  atque 
confundit.  Quod  in  morbillis  epidemiis  et  malignis  hie  Loudini  post  anu.  1670  ad  plures 
menses  publice  grassantibus  contigisse  memini. 

De  methodo  medendi  morbillis. 

Indicationes  curativae  in  genere  duae  sunt  in  hoc  morbo;  seil,  extinetio  veneni  febriferi, 
quod  spirirus  exagitat,  ac  humores  colliquat,  atque  allevatio  symptomatum  ab  humorum  colli- 
quatione,  ac  nisu  spirituum  subortorum.  Quandoquidem  vero  iudoles  febris  in  vanis  hujus 
morbi  stadiis  diversa,  atque  symptomata  diversa  inde  provenientia  plures,  easque  differentes 
admodum  indicationes  suggerant,  eae  non  separatim,  sed  simul  cum  methodo  medendi  tra- 
dendae  sunt;  ad  quam  igitur  delireandam  me  jam  accingo. 

Regimen  propter  febrem  praesentem  hie  morbus  commune  cum  aliis  febribus  jure  merito 
exigit,  seil,  diaetam  admodum  tenuem,  deeubitum  in  lecto  quietum,  et  calorem  stragulorum 
injeetorum  moderatum.  Sicut  enim  fiigus  aeris  externi  spirituum  expansionem  impediendo 
efflorescentiam  in  cuticula  retardat;  ita  ejus  temperies  impense  calida  spiritusnimium  exagitat, 
unde  in  seeundo  morbi  stadio,  cum  legenaturae  hostem  superare  ineipiant,  glandulispharyngis, 
pulmonis  vel  oculorum  diathesin  inflammatoriam  impertiuut,  cujus  erroris  aegrotans  sero  luit 
poenas,  symptomatis  anginae,  peripneumoniae  vel  ophthalmiae  peraperam  atque  officiose 
accersitis,  et  variis  afl'ectibus  morbosis  qui  a  colliquatione  nimia  post  crisin  peraetam  saepe 
subpullulant.  Quapropter  author  omnibus  sum,  ut  aequabili  et  moderato  regimine  si  in  quo- 
vis  alio,  saltem  in  hoc  morbo  utantur,  ubi  re  naturae  commissa  (modo  nihil  injuriosum  officiose 
perpetretur)  optatum  ev*»ntum  brevi  utplurimum  consequamur. 

Quod  spectat  ad  remedia  sive  pharmaceutica  sive  chirurgica  ea  pro  indole  febris  in 
diversis  morbi  stadiis  varia,  differenti  et  saepe  contrario  plane  modo  adhibenda  sunt.  Nihil 
autem  temere,  atque  sine  evidenti  necessitate  facieudum  est  in  quoeunque  morbi  adeo  peracuti 
stadio,  ubi  crisis  praepropera  jure  merito,  atque  naturae  lege  expeetatur  et  ubi  symptomata 
efferata  quotquot  sunt,  crisi  instante  vel  sponte  evanitura  sunt,  vel  saltem  mitiora  evasura, 
atque  interea  robur  naturae  non  diutumo  conflictu  attritum  et  fractum  iis  sufferendis  sufficiat. 
Cum  autem  ante  efflorescentiam  ex  diliriis,  spasmis,  comatoso  affectu,  sternutatione  indesi- 
nenti,  tussi  ferina,  diarrhoea  enormi,  vomitatione  inani,  ceterisque  symptomatis  hoc  Stadium 
morbi  comitari  solitis,  constet  febris  indolem  prorsus  esse  malignam,  seil,  a  veneno,  Spiritus 
de  praesenti  pessundante  ortam,  quodque  massam  sanguinis  in  fluorem  colliquat,  duplex  in 
genere  indicatio  exurgit.  Quarum  prima  est  ut  expansio  spirituum  alexipharmacis  et  vesi- 
catoriis  applicatis  si  opus  fuerit  promoveatur,  vel  saltem  conservetur  ut  viribus  naturae 
integris  venenum  morbificum  comatis ,  delirii  ceterorumque  symptomatum  causa  deleatur 
vel  subigatur,  quod  in  hoc  statu  spirituum  depresso,  ut  in  caeteris  malignis  febribus,  vires  cor- 
ticis  petuviani  aut  alterius  eujuseunque  antidoti  speeificae  spernit.  siquidem  totum  negotium 
jam  a  spirituum  expansione  dependet.  Ideoque  nihil  saltem  absque  evidenti  necessitate 
tentandum  est  quod  aegrorum  vires  coerceat  vel  deprimat,  utut  symptomata  id  efflagitare 
videantur.  Quo  nomine  in  hoc  morbi  stadio  a  venaesectione  (nisi  vasorum  sanguiferorum 
apertura,  vel  aliquod  aliud  grande  ac  insolitum  symptoma  id  necessarium  fecerit)  atque 
ab  usu  opiatorum  liberali,  utut  delirium,  tussis,  vigiliae  etc.  ea  postulare  videantur.  apprime 
atque  religiöse  abstinendum  est;  spiritibus  enim  quoeunque  modo  dissipatis  venenum  augetur, 
atque  inde  morbilli  natura  beuigni  in  malignos  non  possunt  non  transire.    Etc.  etc. 

Eine  Krankengeschichte  Morton's. 

Filia  mea  charissima  Marcia  VII  annos  nata,  anno  1689  in  quo  febris  dieta  scarlatina 
tempore  praesertim  aestivo  quadantenus  publice  grassabatur,  post  apparatum  rigoris,  horroris 
etc.  plurimum  febricitare  ineepit,  nausea,  vomitione,  comate  ceterisque  malignitatis  symp- 
tomatis afflieta.  Quocirca  julapium  cord.  cum  specieb.  in  historia  praecedenti  descriptum 
eochleatim  exhibendum  esse  jussi,  atque  vesicatorium  emplast.  amplum  ad  nucham  applican- 
dum.     Quandoquidem    vero  nee    fluxus  alvi,   nee  tussis,    nee  rubedo   oculorum,  aut  aliud 


54  Zum  fünften  Abschnitt. 

aliquod  nsitatum  colliquationis  signum  apparatum  comitabatur,  in  isto  stadio  genium  morbi 
non  clare  perspectum  habui.  Quarto  autem  morbi  die,  effiorescentia  rion  interrupta  derepente 
ubique  per  totam  cuticulam  sparsa,  febris  dicta  scarlatina  indolem  suam  palam  prodebat, 
atque  eqnidem  inflammatio  erat  maxima  omnium  quae  unquam  vidi,  tota  cuticula  ex  in- 
flammatione  sensim  crassescebat,  aequali  quadam  ac  renitenti  intumescentia  affecta,  et 
post  inflarrimationem  peractam,  non  squamarum,  verum  pergamenae  similis  dehiscens  deci- 
debat.  Cum  vero  febris  post  quatriduum  ab  efflorescentia  incepta  protenderetur,  atque  pe- 
riodis  certis  quotidie  reverteretur,  äVj  sanguinis  detrahendas  esse  jussi,  atque  3j|?  corticis 
peruviani  quarta  quaque  hora  exbibendam,  unde  spatio  bidui  änv^etög  facta  prorsus  re- 
valescebat. 


ZUM  SECHSTEN  ABSCHNITT. 


Fr.  Hofimann. 

Das  practische  Wesen  Fr.  Hoffmann's  erkennt  man  am  besten  aus  seinen  Consultationes 
et  responsa.  Sie  geben  nicht  nur  von  seiner  lichtvollen  und  einfachen  Art  ein  gutes  Bild, 
sondern  auch  vielfach  einen  Spiegel  der  Albernheit  der  damaligen  Aerzte. 

Im  vierten  Casus  der  ersten  Centurie  schreibt  ein  Arzt  an  Hoffmann  wegen  der  Krankheit 
eines  27jährigen  Edelmanns  von  cholerisch-melancholischem  Temperament,  der  von  frühe  in 
Wein  und  Tabak  excedirt  hatte,  sehr  aufbrausend  war  und  seit  3  Jahren  sich  krank  befand. 
Er  litt  an  einem  heftigen  lancinirenden  Schmerz,  der  vom  Epigastrium  bis  zur  Mamma  und 
der  linken  Scapula  sich  erstrekte.  Der  Puls  war  gleichmässig  doch  zuweilen  aussezend.  Nach 
einer  Besserung  auf  carminative  und  nervine  Mittel  kam  mitten  in  der  Nacht  ein  Paroxymus 
mit  dem  Gefühl  eines  Druks  in  der  Milzgegend,  dem  eine  krampfhafte  Bewegung  um  das 
Scrcbiculum  cordis  und  die  linke  Mamma  folgte,  und  sich  bis  zum  Larynx  ausdehnend  die 
Respiration  erschwerte.  Schwarzwerden  vor  den  Augen,  Ohrenbrausen  und  selbst  mentis 
alienatio  traten  ein  et  quod  notatu  dignum  est,  per  totum  paroxysmum  penis  rigebat  erectus. 
Der  Arzt  fährt  nun  in  diesem  (wahrscheinlich  einen  Herzkranken  betreffenden)  Bericht  fort: 
Quare  ego  malum  a  cruditatibus  pituitoso-acidis,  in  primis  viis  haerentibus,  ortum  fuisse  ratus, 
propinavi  absorbentia  cum  stomachicis  et  nervinis  mixta,  worauf  am  3.  Tage  eine  Besserung 
eingetreten  sei.  Nichtsdestoweniger  ist  die  Sache  dem  Arzt  noch  sehr  bedenklich  und  er  wendet 
sich  daher  um  Rath  an  Hoffmann  :  1)  Primum  enim  doceriaveo,annehic  affectus  potius  fuerithypo- 
chondriacus,  quam  insultus  apoplecticus,  aut  catharrus  suffocativus?  2)  numne  funditus  ex- 
stirpari  possit,  quibusve  hunc  scopum  assequi  liceat  remediis?  3)  utrum  sit  impossibile,  tales 
accessiones  a  cruditatibus  pituitosis  acidisque  primarum  viarumsuboriri?  4)  Anne  adobtinendam 
valetudinem  necessarium  sit,  pertinacem  observare  victum?  et  num  5)  denique  eorum  sententiae 
subscribi  queat,  qui  malum  a  phtysi,  aut  plane  fascino  derivare  voluerunt? 

Hierauf  antwortete  Hoffmann  folgendes:  Acceptis  tuis  litteris,  in  quibus  adversam  vale- 
tudinem viri  cujusdam  generosi  descripsisti,  et  de  illa  quinque  mihi  proposuisti  quaestioDes: 
omnia  bene  perlustravi  momenta,  et  ad  primam  quaestionem,  morbum  illum  minime  apoplec- 
ticum,  vel  catharrum  suffocativum  pronunciare  possum,  cum  signa  horum  affectuum  pathog- 
nomonica  nullibi  recensita  reperiam.  Videtur  ille  potius  fuisse  gravis  ventriculi  spasmus,  ner- 
vös octavi  potissimum  paris  occupans,  et  hinc  eas  partes,  quibus  illud  nervorum  par  surculos 
impertitur,  in  sinistro  maxime  latere  in  consensum  rapiens.  Quare  etiam  sensus  ille  pressionis, 
quocum  incepit  paroxysmus,  minimein  splene  quaerendus  est;  quippe  quod  viscus  ex  meris  san- 
guineis  vasculis  constat,  et  ideo  ob  paucas,  quas  habet,  nerveas  atque musculosas  membranas,  minus 
sensibile  deprehenditur.  Vera  potius  sedes  ac  domicilium  veluti  morbi  in  ventriculo  latet,  qui 
magis  versus  sinistrum  hypochondrium  situs  est,  et  ob  valde  membranaceam  acnerveam  struc- 
turam  insignem  cum  nervosis  universi  corporis  partibus  fovet  communionem.  Hinc  etiam  sedes 
hypocbondriaci  mali,  ac  spasmodicarum,  quae  illud  comitantur,  passionum  falso  attribuitur 
lieni,  cum  magis  in  ventriculo  haereat;  a  cujus  flatulentainflationeplurimahypochondriacorum 
dependent  symptomata.  In  praesenti  autem  malo  minime  inflatio  ventriculi,  sed  potius  gravis 
illius  spasmus  subesse  videtur;  qui  partim  ex  insigni  ad  iracundiam  proclivitate,  partim potuum 
spirituosorum  abusu  natales  suos  mutuatur. 

Quod  autem  alteram  attinet  quaestionem,  num  morbus  ille  penitus  exstirpari  queat,  et 
quae  huic  scopo  prosint  medicamina?  non  omnino  possum,  quin  curationem  hujus  mali  fore 
perarduam  pronunciem:  quoniam  ille  jam  diu  duravit,  ac  in  habitum  veluti  degeneravit;  porro 
a  continuis  animi  commotionibns  sustentatur;  non  minus  vires  corporis  jam  insigniter  prostratae 
videntur;  unde  nee  vegetus  adpetitus,  nee  bona  digestio  locum  invenire  potest.     Nee  denique 


56  Zum  sechsten  Abschnitt. 

sine  ratione  suspicor  atque  vereor,  ne  scirrhositas  atque  exulceratio  ventriculi,  nisi  jam  actu  sit 
praesto,  tarnen  certe  hnmineat.  Neque  tameu  ideo  prorsus  est  desperandum,  maxime  cum 
aetasadhuc  sit  junior:  hinc  ad  instituendam  rite  eurationem,  suadeo,  ut  singulo  mane  quaedara 
vascula  hujus  infusi  hauriantur.  (Es  folgt  das  Recept  zu  eiuem  Kraut  erthee,  sodann  zu 
Pillen,  zu  Pulvern,  die  Verordnung  des  Liquor  anodynus,  sowie  eines  Clysma.) 

Ut  autem  ad  tertiam  quoque  respondeam  quaestionem ;  ex  superioribus  patet,  caussam 
mali  principalem  in  vitio  solidarum  potissimum  partium  haerere,  et  quidem  in  perverso  motu, 
ac  spastica  constrietione  ventriculi  aliarumque  nervearum  partium.  Neque  tarnen  ideo  r.egari 
potest,  quin  saburra  quaed.im  acida,  viscida  ac  biliosa  ventriculi  et  inte-tini  duodeni,  seu  causa 
materialis  malum  illud  toveat  atque  sustentet.  Quando-enim  cumque  peristalsis  veutriculi  ac 
intestinorum  laesa  fuit  ac  destructa;  aümenta  nee  intime  solvi,  nee  debita  chyli,  suecorumque 
utilium  secretio,  nee  inutilium  expulsio  fieri  potest:  hinc  omnino  restant  in  cauale  intestinorum 
exerementa  inutilia,  quae  diuturniori  mora  majorem  contrahunt  acrimoniam,  et  spasmos  magis 
exaeerbant. 

Juxta  quartam  porro  quaestionem  omnino  necesse  est,  ut  aeger,  si  a  malo  suo  vindicari 
cupiat,  recto  vivendi  ordini  iusistat;  maxime  omnem  ad  excandescentiam  occasionem  sedulo 
evitet;  potus  vinosos,  calidiores  atque  Tabacum  probe  fugiat;  omne  frigus  arceat,  nee  denique 
cerevisia  utatur.  Haec  enim  hisce  morbis  plane  non  est  conveniens,  et  majori  fruetu  ejus  in 
locum  decoctum  ex  rasura  cornu  cervi  cum  cortieibus  citri  recentibus:  aut  jusculum  avenaceum 
cum  vitellis  ovi  ac  Acribus  chamaemeli  paratum  substituetur.  Et  denique  vix  opus  est,  ut  ad 
quintam  respondeam  quaestionem:  doler.dum  potius  est  quod  ii  morbi,  quorum  caussa  cogritu 
difficilior,  et  curatio  ardua  est,  mox  a  fascino  deriventur ;  sicuti  cum  affectibus  spasmodicis, 
qui  fixam  in  genere  nervoso  obtinuerunt  sedem,  vulgo  quidem  fieri  assolet. 

Stahl. 

Die  Hauptstelle  in  der  Abhandlung  de  diversitate  mixti  et  vivi  corporis 
§.  42  lautet  (nach  Ideler's  geschmakvoller  Uebersezung) : 

Wenn  also  bei  der  beginnenden  Zersetzung  eines  Theils  in  den  benachbarten  die  erhal- 
tende Tbätigkeit  erlischt,  durch  welche  dem  Fortschreiten  jener  Schranken  gesetzt  werden 
sollten,  so  muss  die  Schuld  dem  Lebensprincip,  also  der  Seele,  dem  verständigen  Wesen  bei- 
gelegt werden,  wohlverstanden,  diss  diese  so  gedacht  werde,  wie  sie  wirklich  ist,  nicht  wie  sie 
sein  sollte.  Denn  die  Seele  ist  nicht  wohl  gerichtet,  mit  sich  in  Uebereinstimmung,  mit  einem 
Worte  gesund,  sondern  entartet,  abschweifend;  sie  übereilt  sich  nach  unreifen  Entschlüssen, 
kommt  durch  eitle  Vielgcchäftigkeit  vom  einfachen  Wege  zum  Ziele  ab,  schwärmt  anstatt 
reiflich  zu  erwägen;  sie  sieht  dem  Zukünftigen  entgegen,  ohne  die  nöthigen  Vorbereitungen 
zu  treffen,  und  wenn  das  Unerwartete  sie  überrascht,  verzagt  sie,  oder  wird  ungeduldig,  wan- 
kelmüthig,  regellos,  und  fahrlässig  die  passenden  Mittel  verabsäumend,  sucht  sie  ohne  diese 
den  Zweck  zu  erreichen.  So  die  menschliche  Seele.  Dagegen  die  thierische  mit  gesammelter 
Kraft  geradeswegs  zu  Werke  geht,  sieb  mit  den  Dingen,  von  denen  sie  einfache  und  bestimmte 
Vorstellungen  erlangt,  in  ein  richtiges  Verhältnis  setzt,  und  nach  diesem  ihre  EntSchliessungen 
abmis.-t  und  ihr  Handeln  bestimmt.  Daher  die  ungleich  grössere  Häufigkeit  der  Krankheiten 
bei  dem  Menschen  als  bei  den  Thieren. 

Wenn  daher  die  Seele  als  Lebensprincip  im  ununterbrochenen,  und  so  lange  sie  nicht 
eine  bedeutende  Störung  erleidet,  im  geregelten  Fortgange  der  Zersetzung  der  Materie  Einhalt 
thut,  indem  sie  die  Stoffe,  welche,  wenn  auch  nicht  von  Fäulniss  angesteckt,  doch  ihr  nahe 
gebracht  sind,  aus  dem  Körper  entfernt ;  und  wenn  ihr  ganzes  Bestreben  dahin  gerichtet  ist, 
dies  Geschäft  mit  Vorsatz  und  Ueberlegung  zu  vollziehen,  damit  jede  Gelegenheit  zur  Ver- 
derbniss  mit  Vorsicht  vermieden,  oder  sie  selbst  im  Beginnen  mit  Nachdruck  zurückgewiesen 
wird:  so  geschieht  es  doch,  dass  ungeachtet  der  vielfältigen  Vorkehrungen,  jene  Verderbniss, 
besonders  wenn  sie  von  gewaltsam  wirkenden  Einflüssen  abstammt,  entsteht.  Sie  tritt  dann 
in  erneuten  Angriffen  mit  der  erhaltenden  Lebenskraft,  deren  gewöhnliche  Wirkungsweise 
im  Vergleich  mit  ihrer  raschen  Thätigkeit  zögert,  in  einen  ungleichen  Kampf.  Wenn  der 
Seele  auch  der  Charakter  eines  ruhigen  und  geregelten  Wirkens  eigen  ist ;  so  muss  sie  doch 
(wie  viel  mehr,  wenn  sie  tumultuarisch  zu  Werke  gebt)  durch  diese  Bedingungen  in  Uneut- 
schlossenheit,  Furcht,  Abneigung  gegen  jedes  thätige  Bestreben,  selbst  in  verworrenes  Schwan- 
ken beim  Handeln  versetzt  werden.  Schwindet  nun  gar  jede  Hoffnung,  den  Theil.  welcher 
bereits  der  Verderbniss  anheim  gefallen  ist,  zu  erhalten,  und  wird  der  Seele  die  Gleichgültigkeit 
gegen  den  verlorenen  Theil  und  das  Vergessen  desselben  schwer;  so  entspringt  hieraus  eine 
verzweifelnde  Furcht,  welche  auch  in  den  angrenzenden  Theilen  die  Energie  der  erhaltenden 
Lebensthätigkeit  in  ihrem  Widerstände  gegen  die  rasch  einbrechende  Verderbniss  lähmt.     Es 


Stahl.  57 

ist  dann  der  gesunden  Vernunft  (Seele)  angemessener,  jenen  Widerstand  aufzugeben,  als  in 
ihm  zu  beharren.  Denn  da  sie  stets  mit  Ueberlegung  zu  Werke  geht,  und  bei  der  Vorbereitung 
zum  Handeln  sich  Zweck  und  Ziel  vorsetzt;  so  ist  in  dem  Falle,  vo  die  Voraussetzung  eines 
unmöglichen  Widerstandes,  wenn  auch  an  sich  falsch,  doch  für  wahr  gehalten  wird,  derSchluss 
ganz  richtig,  dass  bei  der  Unerreichbarkeit  des  Zwecks  sie  sich  auch  der  demselben  ent- 
sprechenden Mittel  enthalten  müsse. 

Das  Capitel  vcn  der  Vollblütigkeit  (Patholog.  part.  I.  general.  Sect.  IV.  Membr.  1) 
lautet : 

Eine  materielle  Ursache,  welche  mannigfache  widernatürliche  Zustände  erzeugen 
kann,  ist  der  Ueberfluss  an  Blut,  welcher  nicht  nur  den  freien  Kreislauf  desselben  in  Hinsicht 
auf  den  angemessenen  Raum  beeinträchtigt,  sondern  auch  die  Energie  der  Bewegung  des 
Blutes  durch  das  Gewicht  und  die  Masse  desselben  in  Vergleich  zu  der  Kapacität  der  Gefässe 
beschränkt.  Einen  einleuchtenden  Beweis  dafür  liefert  die  Erfahrung,  dass  die  Vollblütigkeit 
für  den  Körper  ein  Uinderniss  der  willküh  liehen  Bewegung  abgiebt,  welche  er  nicht  iu  dem 
Grade  leicht,  schnell,  stark  und  ausdauernd  vollziehen  kann,  als  ein  solcher,  welcher  nicht 
daran  leidet.  Ausserdem,  dass  die  Vollblütigen  mit  geringerer  Bewegkraft  begabt,  bei  schneller 
sich  einstellender  Ermüdung  zugleich  das  Gefühl  der  Zerschlagenheit  erleiden,  belästigt  sie 
noch  bei  der  Bewegung  oder  ähnlichen  Veranlassungen  eine  ungewohnte  Hitze,  während  ihre 
Temperatur  bei  der  Ruhe  unter  den  natürlichen  Grad  herabsinkt,  und  sie  gegen  äussere  Kälte 
empfindlicher  sind.  Um  so  leichter  gesellen  sich  dazu  anderweitige  Störungen,  Verstopfungen 
und  Ueberfüllurgen,  welche  leicht  in  Stockungen  übergehen,  von  der  Ausdehnung  herrührende 
Schmerzen,  ja  selbst  tonische  Bewegungen,  welche  durch  erstere  veranlasst,  ihnen  Widerstand 
zu  leisten  streben. 

Der  Zweifel  einiger,  ob  eine  Vollblütigkeit  stattfinden  könne,  ist  zwar  schon  in  der 
Physiologie  beantwortet  worden;  indess  mag  dagegen  noch  Folgendes  angeführt  werden: 
1)  Ein  Körper,  welcher  noch  um  vieles  und  schnell  vergrössert  werden  soll,  bedarf  mehr  aus- 
dehnenden Stoffs,  als  der  gegenwärtigen  Kapacität  entspricht.  2)  Ein  zu  übermässiger  Appetit 
macht  die  Erzeugung  einer  zu  reichlichen  Blutmenge  wahrscheinlich.  3)  Eben  so  liefert  das 
Fett,  da  es  sich  in  zahllosen  Fällen  bis  zu  einer  beschwerlichen  Menge  anhäuft,  den  Beweis, 
dass  ein  Ueberfluss  an  nährenden  Stoffen,  welcher  ein  bequem  zu  ertragendes  Maass  übersteigt, 
leicht  angesammelt  und  aufbewahrt  werden  kann.  4)  In  Uebereinstimmnng  mit  diesen  That- 
sachen  steht  die  Erfahrung,  dass  dergleichen  Personen,  theils  nach  freiwilligen  Blutentleerungen 
sich  sehr  wühl  befinden,  theils  nach  künstlichen,  welche  mit  Klugheit  angeordnet  worden  sind, 
vi  lmehr  zu  einer  grösseren  Euphorie  gelangen,  als  dass  sie  i  gend  eine  Schwäche  erlei- 
den sollten. 

Was  nun  das  ursächliche  Verhältniss  betrifft,  in  welchem  die  Vollblütigkeit  zur  Hervor- 
bringung von  Krankheiten  steht,  so  bezieht  sich  dasselbe  zunächst  auf  Fehler  der  Bewegung, 
in  sofern  sie  dem  regen  Fortgange  derselben  ein  Hinderniss  entgegenstellt.  Hieraus  gehen 
die  gedachten  Beschwerden  der  Bewegung  und  Empfindung  hervor.  Dann  zieht  sie  auch  noch 
Mischungsfehler  (craseos  intemperiem)  nach  sich,  welche  einen  hinreichenden  Grund  zu  ander- 
weitigen Ataxieen  abgeben. 

Membr.  2.     Von   der  Verdickung  des  Blutes. 

Wenn  wir  die  zwei  vornehmsten  Eigenschaften  des  Blutes  erwägen,  deren  eine  sich  auf 
eine  Mischung  bezieht,  welche  zur  schnellen  Entstehung  und  Verbreitung  der  Vprderbniss 
geneigt  ist,  während  seine  Vitalität  es  dagegen  zu  bewahren  strebt,  ohne  ihm  seinen  gedachten 
materiellen  Charakter  nehmen  zu  können;  so  geht  hieraus  unwidersprechlich  hervor,  dass  der 
Akt  der  Zersetzung  alsbald  hervortreten  muss,  wenn  der  Akt  der  Erhaltungsthätigkeit  aufhört. 
Da  nun  letzteres  erst  beim  Tode  des  ganzen  Körpers  oder  eines  Theiles  geschehen  kann,  so 
giebt  es  mittelbare  Zustände,  welche  zwar  mehr  oder  weniger  zur  Zersetzung  hinneigen,  wo 
aber  die  Lebensthätigkeit  das  Verderbte  frühzeitig  auf  entsprechenden  Wegen  ausscheidet,  ehe 
es,  sich  selbst  überlassen,  die  Zerstörung  weiter  ausbreiten  kann. 

Es  giebt  eine  leicht  eintretende  und  einfache  fehlerhafte  Beschaffenheit  des  Blutes,  aus 
welcher,  da  sie  dem  Wi  ken  der  Erhaltungsthätigkeit  Hindernisse  entgegenstellt,  wie  aus 
einer  gemeinsamen  Wurzel,  mannigfache  verderbliche  Wirkungen  hervorgehen.  Ja,  wenn  jene 
Beschaffenheit,  ohne  mit  irgend  einer  Nebenbedingung  verbunden  v  sein,  den  höchten  Grad 
erreicht;  so  führt  sie  nicht  nur  die  äusserste  Lebensgefahr  herbei,  sondern  wenn  sie  sich  auf 
irgend  einen  beträchtlichen  Theil  des  Körpers  erstreckt,  so  wird  sie  die  Ursache  eines  unver- 
meidlichem Todes,  indem  sie  durch  Unterdrückung  der  Lebensthätigkeit  die  Materie  des  Kör- 
per» ihrer  ursprünglichen  Neigung  zur  Zersetzung,  welche  sich  besonders  im  Blute  offenbart, 


58  Zum  sechsten  Abschnitt. 

preis  giebt.  Es  geschieht  dies,  wenn  das  Blut  durch  seine  Konsistenz  für  die  Wirkung  der 
Erhaltungsbewegung  völlig  unfähig  wird,  und  dadurch  das  System  der  Lebensökonomie  ver- 
letzt, im  geringeren  Grade  wenigstens  Störungen  derselben  erzeugt,  indem  es  die  Erhaltungs- 
bewegungen zu  stärkeren  Anstrengungen  veranlasst.  Als  eine  solche  einfache  und  gradweise 
zunehmende  Unfähigkeit  des  Blutes  zum  Kreislaufe  und  zu  den  Ab-  und  Aussonderungs- 
bewegungen stellt  sich  die  Verdickung  desselben  dar,  zu  welcher  es,  auch  bei  übrigens  durchaus 
untadelhafter  Beschaffenheit  von  Natur  geneigt  ist,  da  es  bei  längerer  Ruhe  gleich  der  Gall- 
erte gerinnt.  Jedoch  muss  man  mit  dem  gleichförmigen  Koaguliren  der  letzteren  nicht  das 
nach  erfolgter  Abscheidung  der  flüssigem  Theile  erfolgende  Gerinnen  des  in  sich  heterogenen 
Blutes  verwechseln.  Da  nun  diese  Gerinnung  verhütet  wird  durch  das  fortwährende  Um- 
kreisen des  durch  die  porösen  Theile  gepressten  und  durchmischten  Blutes;  so  kann  jener 
Fehler  aus  einer  blossen  Trägheit  der  Bewegung  entspringen,  welche  ihrerseits  durch  eine 
angefangene  Verdickung  des  Blutes  noch  mehr  erschwert  werden  muss. 

Ohne  dass  also  irgend  eine  äussere  Ursache  hinzuzutreten  brauchte,  kann  ein  Uebermaass 
von  an  sich  löblichem  Blute  die  zur  Erhaltung  seiner  Konsistenz  und  seiner  Mischung  erfor- 
derliche Bewegung  erschweren.  Hierdurch  wird  dasselbe  die  substanzielle  Ursache  mannig- 
facher Leiden ,  indem  die  erschwerten  Lebensbewegungen  völlig  unterdrückt  und  erstickt 
werden,  theils  aber  auch  durch  ihre  Steigerung  gegen  jenen  quantitativen  und  qualitativen 
Fehler  des  Blutes  ankämpfen.  Diese  an  sich  heilsamen  Anstrengungen  führen  aber  nicht  nur 
Beschwerden  mit  sich,  sondern  es  wird  auch  durch  sie  die  Gefahr  nicht  geradezu  gehoben. 
Die  Beschwerden  sind  physisch  nothwendige  Folgen  der  vermehrten  Bewegung,  zu  deren  wohl- 
thätigem  Zweck  sie  unmittelbar  nichts  beizutragen  scheinen.  Dahin  gehören  Veränderungen 
der  Farbe  und  Wärme,  ferner  mannigfache,  theils  gesteigerte,  theils  ungewohnte  Empfindungen, 
z.  B.  Spannung,  Vibriren,  Palpitiren,  das  Gefühl  einer  bevorstehenden  Zerreissung,  einer  ver- 
mehrten Hitze,  welche  Empfindungen  sowohl  wegen  der  Ungeduld  und  Angst  der  Kranken,  als 
wegen  ihrer  erhöhten  Empfindlichkeit  ihnen  stärker  vorkommen,  als  sie  wirklich  sind. 

Die  Gefahr  ist  eine  zweifache,  und  hängt  1)  von  der  individuellen  Beschaffenheit  des  Lei- 
denden ab,  der  zufolge  die  nützlichen  Bewegungen,  welche  im  erhöhten  Grade  und  in  einem 
zur  Erreichung  des  heilsamen  Zwecks  angemessenen  Verhältniss  von  Statten  gehen  sollten, 
auf  eine  verkehrte  Weise  zu  Stande  kommen,  indem  sie  zitternd,  ängstlich,  zaghaft,  stürmisch, 
übereilt  und  vom  Ziel  abirrend  vollzogen  werden.  2)  Wie  richtig  aber  auch  diese  Heilbe- 
wegungen geleitet  werden  mögen,  so  bleibt  doch,  zumal  zu  Anfang,  über  den  Ausgang  eine 
stete  Ungewissheit,  welche  eine  wache  und  furchterfüllte  Besorglichkeit,  eine  Abneigung  gegen 
die  auf  einen  aussergewöhnlichen  Gegenstand  gerichtete  Anstrengung,  Unruhe  und  Ungeduld 
zur  Folge  hat.  Und  zwar  treten  diese  Uebelstände  um  so  gewisser  und  stärker  hervor,  je 
grösser  der  Kampf,  je  flüchtiger  die  günstige  Gelegenheit,  je  gegenwärtiger  die  Gefahr,  je 
ungewisser  der  Ausgang  ist. 

Cullen's  Urtheil  über  Stahl:  zur  Characteristik  beider  (nach  Idelers  Uebersezung): 
„Stahl  hat  sein  System  ganz  offenbar  auf  der  Hypothese  erbauet,  dass  die  Kraft  der 
Natur,  von  der  so  viel  geredet  worden  ist,  gänzlich  in  der  vernünftigen  Seele  ihren  Sitz  habe. 
Er  setzt  voraus,  dass  die  Seele  oft  unabhängig  von  dem  Zustande  des  Körpers  wirke:  und  dass 
dieselbe,  ohne  irgend  eine  von  diesem  Zustande  abhängige  physische  Nothwendigkeit,  blos  zu 
Folge  ihres  Verstandes,  indem  sie  die  Annäherung  der  zerstörenden  Kräfte,  die  dem  Körper 
drohen,  oder  andere  in  demselben  auf  irgend  eine  Art  entstehende  Unordnungen  wahrnimmt, 
solche  Bewegungen  im  Körper  erregt,  welche  den  schädlichen  oder  gefährlichen  Folgen,  welche 
sonst  statt  finden  könnten,  entgegen  zu  wirken  geschickt  sind.  Es  werden  viele  meiner  Leser 
glauben,  es  wäre  kaum  nöthig  gewesen,  eines  Systems  zu  erwähnen,  das  auf  einer  solchen  auf 
blosse  Einbildung  gegründeten  Hypothese  beruht ;  allein  man  bemerkt  oft  so  viel  scheinbares 
Ansehen  von  Verstand  und  Absicht  in  den  Wirkungen  der  thierischen  Oekonomie,  dass  viele 
berühmte  Männer,  als  z.  B.  Perrault  in  Frankreich,  Nichols  und  Mead  in  England,  Porterfield 
und  Simson  in  Schottland,  und  Gaubius  in  Holland  die  erwähnte  Meinung  sehr  lebhaft  be- 
hauptet haben,  und  es  verdient  daher  dieselbe  allerdings  einige  Aufmerksamkeit.  Es  ist  jedoch 
nicht  nöthig,  mich  hier  in  eine  Widerlegung  derselben  einzulassen  —  und  ich  will  nur  noch 
das  einzige  hinzusetzen  —  dass  wir  bei  der  Annahme  einer  solchen  eigensinnigen  Beherrschung 
der  thierischen  Oekonomie,  als  die  erwähnten  Schriftsteller  in  einigen  Fällen  voraussetzen,  auf 
einmal  alle  physischen  und  mechanischen  Schlüsse,  die  sich  zur  Erklärung  der  im  menschlichen 
Körper  vorgehenden  Verrichtungen  anwenden  lassen,  zu  verwerfen  uns  genöthiget  sehen  — 
diesem  zu  Folge  hätte  ich  die  Stahl'sche  Lehre  auf  einmal  verwerfen  können;  allein  es  ist 
schon  gefährlich,  irgend  einen  solchen  Grundsatz  anzunehmen.     Denn  ich  sehe,  —  dass  so- 


Herrn.  Boerbaave.  59 

wohl  Stahl  als  alle  seine  Anhänger  in  ihrer  ganzen  Praxis  sich  von  ihrem  allgemeinen  Grundsatze 
vorzüglich  haben  leiten  lassen.  Voll  von  Zutrauen  auf  die  beständige  Aufmerksamkeit  und 
Weisheit  der  Natur,  trugen  sie  die  Kunst  vor,  Krankheiten  durch  die  Erwartung  zu  heilen ; 
sie  haben  daher  grösstentheils  blos  sehr  unwirksame  und  unnütze  Arzneien  empfohlen,  sich 
dem  Gebrauch  einiger  der  wirksamsten  Arzneien,  dergleichen  das  Opium  und  die  Fieberrinde 
sind,  eifrig  widersetzt,  und  die  allgemeinen  Mittel,  als  z.  B.  das  Blutlassen  (?),  Erbrechen  u.  s.w. 
mit  der  äussersten  Behutsamkeit  angewandt.  —  Wir  mögen  dasjenige,  was  man  die  Wirkungen 
der  Natur  zu  nennen  pflegt,  erklären  wie  wir  wollen,  so  kommt  es  mir  doch  vor,  als  ob  die 
allgemeine  Lehre  von  der  die  Krankheiten  heilenden  Natur,  die  so  sehr  gerühmte  Heilmethode 
des  Hippocrates  öfters  einen  höchst  verderblichen  Einfluss  auf  die  ausübende  Arzneikunst  ge- 
habt habe;  indem  dieselbe  die  Aerzte  zu  einer  unthätigen  oder  schwachen  Behandlung  verleitet, 
oder  macht,  dass  sie  darinnen  verharren,  und  zugleich  alle  Hülfsquellen  der  Kunst  vernach- 
lässigen oder  an  dem  guten  Erfolge  derselben  verzweifeln.  Huxham  hat  sehr  richtig  bemerkt, 
dass  diese  Methode  sogar  in  Sydenham's  Händen  die  nämlichen  Folgen  gehabt.  Obgleich 
eine  solche  gelinde  Heilmethode  zuweilen  das  Unglück  verhüthen  kann,  welches  verwegene  und 
unwissende  Empiriker  anrichten  können ;  so  ist  es  doch  auch  gewiss,  dass  sie  der  Ursprung 
von  jener  übertriebenen  Vorsicht  und  Furchtsamkeit  ist,  welche  jederzeit  dergleichen  Aerzte 
bewogen  hat,  sich  der  Einführung  neuer  und  wirksamer  Mittel  zu  widersetzen.  Die  Schwierig- 
keiten, welche  der  Einführung  der  chemischen  Arzneimittel  in  dem  16.  und  17.  Jahrhundert 
entgegengesetzt  worden  sind,  und  das  bekannte  Verbot  der  medicinischen  Fakultät  zu  Paris 
in  Ansehung  des  Gebrauchs  des  Spiessglases,  müssen  hauptsächlich  diesen  Vorurtheilen  beige- 
messen werden,  welche  die  französischen  Aerzte  nur  erst  ungefähr  hundert  Jahre  nachher  aus 
dem  Wege  geräumt  haben  u.  s.  w." 

Herrn.  Boerhaave. 

Einige  Proben  aus  den  Aphorismen  (entnommen  aus  der  in  Gotha  1828  erschienenen 
Uebersezung) : 

Von  den  Krankheiten  der  festen  einfachen  Faser. 

§.  21.  Die,  aus  der  in  den  Gefässen  enthaltenen  Flüssigkeit  ausgeschiedenen,  durch  die 
Lebenskraft  und  durch  Hülfe  des  feinsten,  wässerigen  und  fetten  Schleims  gegenseitig  an  ein- 
ander gefügten  Theile,  welche  die  kleinste  Faser  bilden,  sind  die  kleinsten,  einfachsten  ird- 
ischen Theile,  kaum  veränderlich  durch  jene  Ursachen,  die  im  lebenden  Körper  stattfinden. 

§.  22.  Darum  kömmt  in  diesen  (§.  21),  wenn  man  sie  für  sich  allein  betrachtet,  keine 
Krankheit  vor,  deren  Beobachtung  und  Heilung  von  Aerzten  beschrieben  würde. 

§.  23.  Aber  in  der  kleinsten,  aus  der  Vereinigung  jener  (§.  21)  gebildeten  Faser,  ver- 
dienen folgende  einfache  Krankheiten  betrachtet  zu  werden:  denn  sie  sind  häufig  und  liegen 
dem  Verständniss  der  anderen  zum  Grunde,  wenn  sie  gleich  über.-ehen  oder  nicht  recht  er- 
kannt worden. 

§.  24.  Schwäche  der  Faser  (§.  23)  heisst  die  Vereinigung  der  kleinsten  Theile  (§.21) 
mit  so  geringem  Streben  zum  Zusammenhang,  dass  dieser  schon  durch  jene  leichte  Bewegung, 
die  in  Folge  der  Gesundh<jt  stattfindet,  gelöst  werden  kann,  oder  doch  durch  eine  nicht 
viel  stärkere. 

§.  25.  Dieser  (§.  24)  gehen  voraus:  1)  verhinderte  Assimilation  der  Nahrungsmittel  in 
eine  gesunde  Lebensflüssigkeit;  dieses  ist  die  Folge  eines  zu  grossen  Verlustes  guter  Säfte 
und  der  zu  tiefen  Einwirkung  der  festen  Theile  auf  die  flüssigen,  oder  verhältnissmässig  zu 
grosser  Festigkeit  des  Wesens  der  Nahrungsmittel  gegen  die  umändernde  Kraft  im  Körper. 
2)  Zu  schwacher  Zusammenhang  der  Theile  unter  einander  (§.  21),  welcher  aus  zu  schwacher 
Bewegung  der  Flüssigkeiten  entsteht,  und  diese  meistens  aus  Mangel  an  Bewegung  der 
Muskeln.     3)  Zu  grosse,  dem  Zerreissen  nahe  kommende,  Ausdehnung  der  Faser. 

§.  26.  Sie  bewirkt  aber,  dass  die,  aus  diesen  Fasern  (§.24)  zusammengesetzten  Gefässe 
leicht  ausgedehnt  und  zerrissen  werden  können;  träge  Wirkung  auf  die  in  ihnen  enthaltenen 
Flüssigkeiten,  wodurch  Geschwülste  von  den  sie  ausdehnenden,  Fäulniss  von  den  stockenden 
oder  ausgetretenen  Flüssigkeiten  und  die  zahllosen  Folgen  aus  der  Verbindung  von  beiden 
entstehen. 

§  27.  Hieraus  (§.  24 — 26)  erkennt  man  die  gegenwärtige,  zukünftige  und  vergangene 
Schwäche  der  Faser:  die  Folgen  werden  vorausgesehen,  und  die  zur  Heilung  nöthigen  Hülfs- 
mittel  aufgefunden. 

§.28.  Die  Heilung  wird  bewirkt :  1)  durch  Nahrungsmittel,  in  welchen  der  nährende 
Stoff  (§.  21)  im  Ueberfluss  vorhanden  ist,  und  die  schon  ungefähr  so  zubereitet  sind,  wie  dieses 
in  einem  gesunden  und  starken  Körper  geschieht.     Milch,  Eier,  Fleischbrühe,  Abkochung 


60  Zum  sechsten  Abschnitt. 

eines  gut  gesäuerten  Brodes,  herbe  Weine  sind  die  hauptsächlichsten.  Diese  miKsen  in  kleiner 
Menge,  aber  oft  wiederholt  genommen  werden.  2)  Durch  vermehrte  Bewegung;  des  Festen 
und  Flüssigen  vermittelst  Reibungen,  Reiten,  Fahren  im  Wagen  und  zu  Schiffe,  Spazieren- 
gehen, laufen,  körperlich^  Uebungeu.  3)  Durch  gelindes  Zusammenpressen  der  Gefässe  und 
Zurücktreiben  der  Flüssigkeiten.  4^  Durch  vorsichtige  und  gelinde  Anwendung  von,  durch 
Säure  zusammenziehenden  Arzneimitteln,  oder  vnn  gegohrneu  geistigen  Mitteln.  5)  Durch 
Alles,  wodurch  zu  grosse  Ausdehnung  gehoben  wird. 

§.29.  Schlaffheit  der  Faser  heisst  derjenige  Zusammenhang  der  Theile  (§.  21) 
untereinander,  der  durch  geringe  Kraft  so  verändert  werden  kann,  dass  die  Faser  länger  wird, 
als  im  gesunden  Zustande;  woraus  erhellt,  dass  dieses  eine  Art  von  Schlaffheit  (§.24)  ist,  dass 
die  Biegsamkeit  davon  abhängt,  und  da*s  Alles  dieses  ausdem§.21 — 28  Gesagten  deutlich 
ist,  sowie  auch  vermi  n  derte  Elastizität.  Denn  das  Glas,  der  zerbrechlichste  Körper, 
kann  durch  Kunst  in  Fäden  gezogen  werden,  die  noch  die  der  Spinne  an  Feinheit  übertreffen, 
der  Faden  hängt  zusammen,  er  ist  biegsam,  und  kann,  ohne  zu. zerbrechen,  ganz  leicht  in  die 
kleinsten  Windungen  gebogen  werden.     Mit  der  Feinheit  wächst  die  Biegsamkeit. 

§  30.  Hieraus  beantworten  sich  auch  folgende  Fragen:  warum  wässerige  und  fette 
Nahrungsmittel  schwache  Fasern  erzeugen?  warum  sie  bei  kalten  Naturen,  Jüngern,  ruhig 
lebenden,  im  Wachsthum  begriffenen  schwacli  sind?  Warum  erdige  und  herbe  Nahrungsmittel 
kräftige  Fasern  erzeugen?  Warum  diese  bei  hitzigen  und  arbeitsamen  Menschen  stark  sind? 
Warum  Elastizität  eine  Begleiterin  der  Stärke  ist? 

§.31.  Zu  grosse  Starrheit  der  Fasern  ist  diejenige  Verbindung  der  kleinsten 
Theile  (§.  21),  durch  welche  diese  so  fest  zusammenhängen,  dass  sie  derjenigen  Einwirkung 
der  Flüssigkeiten  nicht  nachgeben  können,  welche  diesen  Widerstand  überwinden  muss,  damit 
die  Gesundheit  bestehe. 

§.  32.  Dieser  Zustand  (§.  31)  folgt  auf  die  Ursachen,  welche  zur  Heilung  der  schwacheu 
Faser  erfordert  werden  (§.  28),  wenn  sie  zu  lange  und  zu  stark  in  ihrer  Wirkung  anhalten. 

§.33.  Wenn  sie  aber  (§.  31)  entstanden  ist,  so  macht  sie  die  Gefässe,  die  aus  diesen 
Fasern  bestehen,  weniger  biegsam,  enger,  kürzer,  der  Bewegung  der  Flüssigkeiten  zu  grossen 
Widerstand  leistend,  und  was  hieraus  noch  weiter  folgt.    (S.  §.  50 — 53.) 

§.  34.  Hieraus  (§.  31 — 33)  wird  das  Uebel  erkannt,  zugleich  werden  seine  Folgen  (§.  33) 
vorausgesehen,  und  so  ist  auch  die  Heilmethode  klar. 

§.35  Die  Heilung  nämlich  wird  bewirkt:  1)  durch  wässerige  und  milde  Speisen  und 
Getränke,  besonders  durch  Molke,  sehr  weiche  Gemüsse,  verdünnte,  nicht  gegohrue  Mehlspeisen, 
2)  Durch  Ruhe  in  feuchter,  kühler  Luft,  mit  reichlichem  Schlaf.  3)  Durch  wässerige  äusser- 
liche  und  innerliche  Heilmittel,  warm  aufgelegt  oder  eingenommen,  zugleich  durch  die  An- 
wendung ungesalzener,  leichter  und  milder  ölichter  Mittel  unterstützt. 

§.  36.  Hieraus  ergiebt  sich  auch,  was  man  unter  zu  grosser  Elastizität  zu  ver  tehen 
hat,  und  wie  sie  zu  heilen,  da  sie  meist  Begleiterin  und  Folge  der  zu  grossen  Starrheit  (§.  31) 
zu  sein  pflegt ; 

§.  37.  warum  bei  Knaben,  Weibern  und  Müssigen  Schlaffheit,  bei  Erwachsenen  dage- 
gen, bei  Männern  und  solchen,  die  ihre  Kräfte  geübt  haben,  Starrheit  der  Fasern  und  aller 
festen  Theile  stattfindet;  und  warum  bei  getrenntem  Zusammenhang  eine  kräftige  Zu- 
sammenziehung ? 

Von  den  Krankheit  in  der  kleinsten  und  der  grössern  Gefässe. 

§.  38.  Die  Krankheiten  der  kleinsten,  aus  der  Vereinigung,  Verwebung,  Verwachsung 
der  einfachen  Fasern  (§.  21.  23)  gebildeten,  Gefässe  entspringen  aus  denselben  Ursachen  und 
haben  denselben  Charakter  und  dieselbe  Wirkung,  und  erfordern  dieselben  Heilmittel;  dieses 
ergiebt  sich  also  aus  dem  oben  (§.  21 — 38)  Gesagten. 

§.  39.  Die  grössern  Gefässe,  welche  aus  der  Verbindung  der  kleinsten  (§.  38)  unterein- 
ander durch  Vereinigung,  Verwebung  oder  Verwachsung  bestehen,  sind  zwei  verschiedenen 
Arten  von  Krankheiten  ausgesetzt.  Die  eine  Art  hängt  von  den  Krankheiten  der  kleinsten 
Kanäle  (§.  38)  ab,  aus  welchen  der  grössere  zusammengesetzt  ist,  daher  deren  Ursprung, 
Natur,  Wirkung  und  Heilung  denen  der  erstem  (§.  38)  gleichkommen.  Die  andere  Art  aber 
hängt  ab:  1)  von  der  Kraft,  womit  die  Flüssigkeit,  welche  durch  diesen  grössern  Kanal  fliesst, 
dessen  Wände  au  dehnt  und  drückt,  welche  Wände,  aus  andern  kleinern  Kanälen  bestehend, 
durch  diesen  Druck  ihrer  Flüssigkeit  beraubt  und  vereinigt  werden,  und  zu  einer  festen,  aber 
dickern,  Faser  (§.  21.  23)  verwachsen:  dasselbe  kann  auch  in  den  benachbarten  kleinen  Ge- 
fässen  geschehen.     2)  Von  der  Flüssigkeit,  die  mit  dem  sie  enthaltenden  Gefässe  verwächst. 

§.  40.    Hieraus  ist  die  Schwäche,  Schlaffheit,  Stärke,  Starrheit,  Elastizität  der  Gefässe, 


Herrn.  Boerhaave.  61 

worüber  Unwissende  Vieles  sprechen,  deutlich  zu  verstehen.     Und  ihre  Wichtigkeit  verdient 
eine  gründliche  Abhandlung. 

"Von  den  einfachsten  und  von  selbst  entstehenden  Fehlern  der  Säfte. 

§.  58.  Die  in  dem  lebenden  Menschen  vorkommenden  Säfte  bleiben  entweder  roh,  indem 
sie  noch  die  Natur  der  eingenommenen  Nahrungsmittel  beibehalten,  oder  sie  haben  durch  die 
Kraft  der  natürlichen  Funktionen  und  durch  Vermischung  mit  menschlichen  Flüssigkeiten 
einen,  unsern  Säften  ähnlichen  Character  erhalten. 

§.  59.  Die  erstem  (§.  58)  sind  entweder  von  Pflanzen  oder  von  andern  Thieren  her- 
genommen. 

§.  60.  Unsere  aus  mehligen  Pflanzen  oder  aus  zeitigen,  rohen  odergegohrenen  Früchten 
gebildeten  Säfte,  wenn  sie  über  unsere  Lebenskräfte  die  Oberhand  behalten,  nehmen  in  uns 
denselben  Zustand  an,  in  den  sie  ihrer  Natur  nach,  wenn  sie  durch  Hitze  in  Gährung  ge- 
setzt worden,  versetzt  werden.  Am  häufigsten  entspringt  hieraus  saure  Schärfe  und  fette 
Klebrigkeit.  Das  erstere  hauptsächlich  aus  gegohrenen  und  nicht  gegohrenen  Stoffen  ;  das 
andere  entsteht  aus  mehligen  Feldfrüchten  und  Gemüsen,  die  nicht  gegohren  und  nicht  ge- 
kocht sind;  dahin  gehören  auch  diejenigen,  die  durch  ihr  herbes  Zusammenziehen  die  Zähig- 
keit der  Säfte  erzeugen. 

§.  61.  Die  dieser  sauren  Schärfe  (§.  60)  vorangehenden  Ursachen  sind:  1)  Nahrungs- 
mittel aus  mehligen,  flüssig-sauern,  noch  frischen,  rohen,  noch  gährenden  oder  schon  gegohrenen 
vegetabilischen  Th eilen.  2)  Der  Mangel  an  gutem  Blute  im  Körper,  der  diese  Nahrungsmittel 
aufnimmt.     3,)   Schwäche  des  Faserngewebes  (§.  24.  29.  41.)  der  Gefässe  und  Eingeweide. 

4)  Mangel  der  thierischen  Bewegung. 

§.  62.  Anfangs  hat  sie  ihren  Sitz  hauptsächlich  in  den  ersten  Verdauungswegen,  von  da 
geht  sie  langsamer  in  das  Blut  und  endlich  in  alle  Säfte  über. 

§.  63.  Sie  erzeugt  saures  Aufstossen,  Hunger,  Schmerz  im  Magen  und  im  Unterleib?, 
Blähungen,  Krämpfe,  Trägheit  der  Galle  und  verschiedene  Veränderungen  in  derselben,  sauern 
Milchsaft,  sauer  riechende  Exkremente.  Dieses  sind  die  Wirkungen  der  Säure  im  Magen 
und  in  den  Eiugeweiden. 

§.  64.  Im  Blute  erzeugt  sie  Blässe,  säuerlichen  Nahrungssaft ;  daher  bei  den  Weibern 
saure  oder  vielmehr  zu  leicht  sauer  werdende  Milch,  sauern  Schweiss,  sauern  Speichel ;  daher 
Jucken,  Verstopfungen,  Ausschläge,  Geschwüre,  zu  rasches  Gerinnen  der  Milch,  vielleicht  auch 
des  Blutes  selbst,  wodurch  es  zum  Umlauf  weniger  fähig  wird,  dann  Erregung  des  Gehirns 
und  der  Nerven ;  daher  Krampf,  gestörter  Umlauf  und  der  Tod  erfolgen. 

§.  65.  Aus  dem  Gesagten  (§.  60—65)  erkennt  man  die  gegenwärtige,  zukünftige  und 
da  gewesene  Neigung  zur  Säure;  ihre  Wirkungen  lassen  sich  durchaus  vorher  sagen,  und  ihre 
Heilung  wissen. 

§.  66.  Die  Heilung  wird  bewirkt:  1)  durch  thierische  und  vegetabilische,  der  Säure  entge- 
gengesetzte, Nahrungsmittel.  2)  Durch,  dem  guten  Blute  ähnliche  Säfte  von  Raubvögeln. 
3)  Durch  stärkende  Mittel.  4)  Durch  starke  Bewegung.  5)  Durch  Arzneimittel,  welche  die 
Säure  aufsaugen,  verdünnen,  einhüllen  und  verändern. 

§.  67.  Die  Auswahl,  Bereitungsart,  Gabe  und  zeitgemässe  Anwendung  dieser  Mittel, 
beurtheilt  der  Arzt  aus  der  Erkenntniss  des  Uebels,  dessen  Sitz,  dem  Zustande  des  Kran- 
ken u.  s.  w. 

§.  68.  Hieraus  erhellt,  warum  diese  Krankheit  Knaben,  Trägen,  Jungfrauen,  Armen  und 
gewissen  Künstlern  so  gemein  ist. 

§.  69.  Der  aus  dem  Pflanzenreiche  entspringende  fette  Kleber  hat  als  vorhergehende 
Ursachen:  1)  rohe,  mehlige,  herbe  unreife  Nahrungsmittel.  2)  Mangel  eines  guten  Blutes. 
3)  Schwäche  der  Gelasse,  der  Eingeweide,  der  Galle.     4)  Verminderte  thierische  Bewegung. 

5)  Verflüchtigung  der  flüssigeren  Thede  durch  die  erschlaffenden  nbscndernden  Gefässe.  6)  Zu- 
rückhaltung der  festeren  Bestandtheile  durch  die  Schwäche  der  aussondernden  Gefässe. 

§.  70.  Er  entsteht  zuerst  in  den  ersten  Wegen  der  Verdauung,  sodann  im  Blute  und 
endlich  in  den  übrigen,  hieraus  entspringenden  Flüssigkeiten. 

§.  71.  In  den  ersten  Wegen  bewirkt  er  Niederlage  des  Appetits;  Gefühl  von  Vollheit; 
Ekel;  Erbrechen;  Unverdaulichkeit  der  Nahrungsmittel;  Trägheit  der  Galle,  deren  Verdickung 
und  Mangel;  Erzeugung  von  Schleim  im  Magen  und  in  den  Eingeweiden;  trägen  und  ge- 
schwollenen Leib,  Hindernisse  in  Bereitung,  Vollendung  und  Absonderung  des  Nahrungssaftes. 

§.  72.  Im  Blute  erzeugt  er  Zähigkeit,  Blässe,  Stockung:  in  den  Gefässen  Verstopfungen, 
Verwachsungen,  blassen,  kaum  riechenden  Urin;  zähen  Speichel;  weisse  Geschwulst;  verhin. 


62  2um  sechsten  Abschnitt. 

derte  Absonderungen ;  Mangel  an  feineren  Theilen ;  dadurch  bewirkt  er  Verwachsung  der 
kleinsten  Kanäle. 

§.  73.  Dadurch  werden  die  Verdauung,  derümfluss,  die  Ab-  und  Aussonderungen,  die  natür- 
lichen thierischen  und  Lebens-Verrichtungen  sämmtlichgestört,  worauf  Erstickung  und  Tod  erfolgt. 

§.  74.  Hieraus  (§.  69 — 73)  erhellt  die  Erkenntniss  (Diagnose),  die  Vorhersage  (Prog- 
nose) und  das  Ursächliche  (Anamnesis)  dieser  Krankheit,  und  was  zu  ihrer  Heilung  angezeigt 
ist,  ist  nicht  mehr  in  Dunkel  gehüllt. 

§.  75.  Die  Heilung  wird  bewirkt:  1)  durch  den  Genuss  von  gut  gegohrenen,  mit  Salz 
und  Gewürz  bereiteten,  Speisen  und  Getränken.  2)  Durch  Brühen  von  Geflügel.  3)  Durch 
Stärkung  der  Gefässe  und  Eingeweide.  4)  Durch  vermehrte  Bewegung.  5)  Durch  verdünn- 
ende, auflösende,  reizende,  gallenähnliche,  seifenartige  Mittel.  6)  Durch  Reiben,  Wärme, 
Baden,  Blasen  ziehende  Mittel.  Uebrigens  werden  die  innern  Theile  des  Körpers  mit  kleb- 
rigen, dicklichen,  käsigen,  schleimigen,  lehmigen,  wachsähnlichen,  erdigen,  schaumigen, 
steinigen,  weinsteinartigen,  entzündetem  Serum,  polypösen,  honiggeschwulstähnlichen,  speckig- 
en, dicken,  breigeschwulstartigen  und  skirrhosen  Concrementen  angefüllt.  Ganz  vorzüglich 
muss  man  sich  hüten,  dass  man  nicht  den  gutartigen,  natürlichen,  erweichenden,  schlüpfrig- 
machenden, vertheidigenden  Schleim,  der  den  Augen,  den  Augenlidern,  der  Nase,  dem  Munde, 
dem  Schlund,  der  Kehle,  dem  Magen,  den  Eingeweiden,  dem  Becken,  den  Harnleitern,  der 
Harnblase,  der  Harnröhre,  den  schleimigen  Scheiden  der  Sehnen,  den  Gelenken,  der  Speise- 
röhre, der  Luftröhre,  den  Bronchien  zu  nöthigem  Gebrauch  gegeben  worden,  mit  einer  krank- 
haften Schleimmasse  verwechsele.  Ein  Irrthum ,  der  bei  Unwissenden  und  Afterärzten 
nur  zu  häufig  vorkömmt. 

§.  76.  Einige  Pflanzen  sind  überfüllt  mit  einer  Materie,  die,  von  selbst  in  Verderbniss 
übergegangen,  nicht  sauer  wird  noch  gerinnt,  sondern  in  eine  flüchtige,  stinkende  Masse,  fettes 
Alkali,  aufgelöst  wird;  dergleichen  sind  fast  alle  gewürzreichen,  sehr  scharfen  Pflanzen.  Diese 
werden  zwar  selten  in  so  grosser  Menge  eingenommen,  dass  sie  allein  eine  Krankheit  hervor- 
bringen könnten ;  wo  dieses  aber  der  Fall  sein  sollte,  da  wird  sie  zu  den,  vom  scharfen  öligen 
Alkali  entstehenden  gehören. 

§.  77.  Die  aus  den  thierischen  Theilen  bereiteten  Flüssigkeiten  sind  verschieden:  1)  nach 
der  Verschiedenheit  der  Nahrung,  von  welcher  sich  die  Thiere  erhalten;  2)  nach  der  Ver- 
schiedenheit des  Theils,  welcher  verzehrt  wird.    « 

§.  78.  Denn  die  Thiere,  die  von  Kräutern  und  Wasser  leben,  haben  einen  säuerlichen, 
oder  wenigstens  leicht  säuerlich  werdenden,  Milchsaft,  und  auch  eine  solche  Milch ;  was  in 
uns,  indem  es  seiner  Natur  folgt,  einen,  dem  Pflanzenstoffe  sehr  ähnlichen  Nahrungssaft  her- 
vorbringt (§.  61 — 76),  und  eine  träge,  gepresstem  Käse  ähnliche  Masse  in  den  ersten  Wegen 
erzeugt;  dieses  ist  eine  besondere  Art  dieser  klebrigen  Materie. 

§.  79.  Diejenigen  Thiere,  die  sich  von  andern  Thieren  nähren,  haben  alle  zu  alkalischen 
Veränderungen  mehr  geneigte  Säfte. 

§.  80.  Wenn  die  Nahrungsmittel  durch  die  Kraft  unseres  Körpers  (§.  58)  schon  in  solche 
Flüssigkeiten  verwandelt  sind,  wie  sie  nach  vierundzwanzigstündiger  Enthaltung  von  Speise 
und  Trank  im  gesunden  und  kräftigen  Körper  gefunden  werden  :  so  nehmen  sie,  wenn  sie  dann 
der  Ruhe  und  der  Wärme  überlassen,  oder  auch  wenn  sie  stark  bewegt  werden,  überall  die- 
selbe Natur  der  anfangenden  Fäulniss  an. 

§.81.  In  den  Nahrungsmitteln  aber  aus  andern  Thieren  ist  sogleich,  noch  vor  der 
unserm  Körper  beizumessenden  Veränderung,  jene  Neigung  zur  Fäulniss  von  selbst  vorhanden. 

§.  82.  Diese  Fäulniss  (§.  80.  81)  bedeutet  denjenigen  Zustand  der  Säfte,  wo  sie  viel 
Wasser  ausdampfen;  wenn  die  verdünnte  Salzmaterie  ihrer  sauern  Theile  beraubt  oder  auch 
verändert,  und  von  ihrer  Erde  und  von  ihrem  Oele  getrennt  wird :  so  wird  sie  scharf,  flüchtig 
und  alkalisch;  der  übrige  Theil,  um  einen  Theil  dünner,  wird  gleichfalls  seiner  Erde  beraubt, 
mit  jenem  scharfen  Salze  gemischt,  scharf,  flüchtig  und  stinkend;  den  andern  Theil  des  Oels 
aber,  auf  das  innigste  mit  der  ihres  Wassers,  Salzes  und  Oeles  beraubten  Erde  vermischt, 
geht  in  eine  schwarze,  dicke,  unbewegliche  Masse  über. 

§.83.  Insekten,  Fische,  Amphibien,  fliegende,  kriechende,  gehende,  schwimmende 
Thiere,  Menschen  endlich  neigen  von  selbst  ihrer  eigenen  Natur  nach  immer  zu  dieser  Fäul- 
niss (§.  82)  hin ;  niemals  werden  sie  in  saure  Veränderung  übergehen. 

§.  84.  Die  dieser  Fäulniss  (§.82)  vorangehenden  Ursachen  sind:  1)  aus  anderen  Thieren 
genommene  Speisen,  ausgenommen  Milch  von  Gras  fressenden  Thieren  (§.  78),  besonders 
Speisen  von  Iusecten,  Fischen,  Raubvögeln,  Alkali  enthaltenden  Pflanzen.  2)  Ueberfluss  von 
gutem  Blute,  oder  wenn  es  schon  der  Fäulniss  nahe  ist.  3)  Grosse  Stärke  der  Gefässe  und 
Eingeweide  (§.  50 — 54),  Galle.     4)  Stockung  oder  zu  grosse  Erregung  von  zu  träger  oder  zu 


Herrn.  Boerhaave.  63 

starker  thierischer  Bewegung.  5)  Grosse ,  zu  lange  und  zu  viel  auf  den  Körper  wirkende 
Wärme. 

§.  85.  In  den  ersten  Wegen  erzeugt  sie  Durst,  Mangel  an  Appetit,  ranziges  Aufstossen, 
fauligen  und  verdorbenen  Geruch,  bittere  und  faulige  Unreinigkeiten  im  Munde,  auf  der  Zunge, 
an  dem  Gaumen,  Ekel,  Erbrechen  einer  fauligen,  galligen  Masse,  Widerwillen  gegen  Alles, 
ausgenommen  gegen  wässerige  und  säuerliche  Dinge ,  faulige  Cruditäten ,  gallige  Diarrhoe, 
entzündliche  Leibschmerzen,  das  Gefühl  einer  beschwerlichen  Hitze. 

§.  86.  Im  Blute  erzeugt  sie  dessen  faulige  Auflösung;  eine  alkalische,  ölige,  flüchtige 
Schärfe;  Unfähigkeit  zum  Nähren;  Neigung  zum  Verzehren;  Zerstörung  der  kleinsten  Ge- 
fässe  ;  daher  stört,  verschlechtert,  vernichtet  sie  alle  Funktionen  der  festen  und  flüssigen  Theile, 
wonach  der  Kreislauf,  die  Absonderung  und  Aussonderung  verändert  werden;  hierauf  folgen 
hitzige  Fieber,  Fäulniss  des  Urins  und  aller  Absonderungen,  Entzündung,  Eiterung,  heisser 
und  kalter  Brand,  Tod. 

§.  87.  Hieraus  (§.  76.  79 — 86)  ergiebt  sich  deutlich  die  Diagnose,  die  Vorhersage  und 
die  Heilmethode  dieser  Krankheit. 

§.  88.  Diese  wird  bewirkt:  1)  durch  schnell  sauer  werdende  oder  schon  sauere  Speisen 
und  Getränke,  wie  mehlige  in  Wasser  gekochte,  oder  schon  im  Beginnen  der  Gährung  zube- 
reitete Substanzen;  Milch,  deren  vegetabilische  Bestandtheile,  frühzeitige  Gartenfrüchte,  deren 
rohe  Säure  oder  gegohrene,  weinige  oder  essigähnliche  Säfte.  2)  Durch  säuerliche  Arznei- 
mittel, die  aus  rohen  oder  gegohrenen  Pflanzenstoffen  bereitet,  oder  aus  Salzen  und  Schwefel, 
die  mit  Hülfe  des  Feuers  in  Säuren  verwandelt  worden  sind.  3)  Durch  salzige  Mittel,  die  das 
Alkali  aufsaugen,  wie  Steinsalz,  Seesalz,  Salpeter.  4)  Durch  verdünnende  wässerige  Ge- 
tränke. 5)  Durch  gelind  einhüllende  Mittel,  wie  mehlige,  vegetabilische  Emulsionen  oder 
Abkochungen;  auch  die  sehr  gerühmten  Erden  (Boli),  die  aus  einer  balsamischen  säuerlichen 
und  klebrigen  einhüllenden  Masse  bestehen.  6)  Durch  seifenartige,  reinigende,  öligsäuerliche 
Mittel,  Sauerhonig  und  säuerliche  Seifen.    7)  Durch  Ruhe,  Schlaf,  Dampfbäderund  Bähungen. 

§.  89.  Daraus  geht  hervor,  warum  es  gut  ist,  wenn  saueres  Aufstossen  auf  fauliges 
folgt;  warum  und  welchen  Genesenden  der  Geschmack  des  Salmiaks  beschwerlich  ist;  warum 
der  säuerlich  riechende  Schweiss  in  hitzigen  Krankheiten  heilsam  ist;  welche  Schärfe  sauer, 
welche  alkalisch,  gallig,  ölig  ist;  welche  Krankheiten  im  eigentlichen  Sinne  faulig  genannt 
werden  können ;  warum  diese  hauptsächlich  die  stärksten  und  die  vollblütigen  Menschen  be- 
fallen. Auf  die  Frage:  ob  im  lebenden  Menschen  wahrhaftig  alkalische  Säfte  gefunden  werden, 
antworte  ich  aus  Erfahrung,  dass  dieses  höchst  selten  der  Fall  ist.  Lange  in  der  Blase  zu- 
rückgehaltener, oder  in  einem  schwammigen  Stein  aufgesogener  Urin,  kann  vielleicht  zuweilen 
so  verändert  werden.  Ausserdem  erfolgt  vorher  der  Tod,  indem  die  schwammigen  Enden  der 
lebendigen  Theile  durch  die,  noch  nicht  in  Alkalien  übergegangenen,  Schärfen  zerstört 
worden  sind.  • 

§.  90.  Daraus  geht  endlich  auch  hervor,  welcher  Schade  aus  zu  starkem  und  zu  schwa- 
chem Umlauf  der  Flüssigkeiten  entsteht,  und  wie  dessen  Wirkung,  nach  der  Verschiedenheit 
des  Ortes,  wo  er  stockt,  und  der  Flüssigkeiten,  worauf  er  wirkt,  verschieden  ist,  und  welcher 
Nachtheil  von  Stockungen  oder  ausgetretenen  Säften  entsteht.  Demnach  ist  auch  die  Ent- 
stehung des  zähen  Leims  nicht  mehr  dunkel,  wodurch  unsere  Säfte  dicker  und  schwerer  be- 
weglich werden ;  wenn  durch  langes  Kochen  aus  thierischen  Substanzen  bereitete,  gesättigte 
Abkochungen  in  zu  grosser  Menge  verzehrt  werden;  oder  auch,  wenn  Bedeckungen  der  Thiere 
und  deren  zähe  und  klebrige  Extremitäten  zu  begierig  und  zu  lange  genossen  werden;  denn 
hieraus  entsteht  eine  andere  Art  von  Schleim,  verschieden  von  dem  schon  im  §.  75  angeführten. 

Von  der  Verstopfung. 

§.  107.  Verstopfung  ist  die  Verschliessung  eines  Kanals,  welche  der  durchfliessenden, 
gesunden  oder  kranken,  Lebensflüssigkeit  den  Durchgang  verbietet ;  entstanden,  wenn  die 
durchfliessende  Masse  die  Weite  des  durchlassenden  Gefässes  überschreitet. 

§.  108.  Sie  ensteht  aus  der  Engigkeit  der  Gefässe,  aus  zu  grosser  Menge  der  flüssigen 
Masse,  oder  aus  der  Verbindung  von  beiden. 

§.  109.  Die  Verengerung  des  Gefässes  entspringt  durch  äusserliches  Zusammendrücken, 
eigene  Zusammenziehung,  oder  Vermehrung  der  Dicke  der  Häute  des  Kanals  selbst. 

§.  110.  Die  Masse  der  Theile  wird  vermehrt  durch  Verdickung  der  Flüssigkeit  oder  Ver- 
wechselung des  Ortes. 

§.  111.    Aus  beiden  aber  vom  Zusammenwirken  beider  Ursachen  (§.  109.  110). 

§.  112.    Die  Gefässe  werden  von  aussen  zusammengedrückt: 

])  Von  einer  in  der  Nähe  befindlichen  Geschwulst,  plethorischen,  entzündeten,  eiterigen, 


64  Zorn  sechsten  Abschnitt. 

skirrhosen,  krebsigen,  ödematösen,  balgeschwulst-,  grütz-,  brei-,  honiggesclvwulst-,  hvdatiden- 
artigen,  aneurisinatischen,  varikösen,  knochenartigen,  schleimigen,  steinigen,  eallösen  Ursprungs. 

2)  Von  zerbrochenen,  verrenkten,  verbogenen  oder  au.seiuandergezogenen,  haitenTheib-n, 
welche  die  nachgiebigen  Gefässe  zusammendrücken. 

3)  Von  jeder  Ursache,  welche  die  Gefässe  zu  sehr  zieht  und  ausdehnt,  es  sei  nun  durch 
Geschwulst,  oder  den  Druck  eines,  ausserhalb  seines  ihm  zukommenden  Ortes  gelegenen 
Theiles,  oder  von  einer  äusserlichen  ziehenden  Gewalt. 

•i)  Von  äusserlich  zusammen  drückenden  Ursachen,  wohin  enge  Kleider,  Binden,  die  Last 
des  uuf  einem  Theil  ruhig  aufliegenden  Körpers,  Bänder  u.  s.w.  gehören,  Bewegung,  Reibung, 
Andrücken  eines  Theiles  gegen  andere  Körper. 

§.  113.  Die  vermehrte  Zusamrnenziehung  des  Gefässes  besonders  der  Spiralfasern,  auch 
der  Längenfasern,  verengert  die  Höhle  desselben,  und  sie  entsteht:  1)  von  jeder  Ursache,  welche 
die  Elastizität  der  Fasern,  des  Gefässes,  der  Eingeweide  vermehrt  (§.  31.  36.  40.  50.  51.) 
2)  Von  der  Anschwellung  der  zu  sehr  angefüllten,  kleineren  Gefässe,  ans  deren  Verflechtung 
die  Wände  und  die  Höhlungen  der  grösseren  gebildet  werden.  3)  Von  der  Verminderung  der 
die  Gefässe  ausdehnenden  Ursache,  sie  sei  nun  Leere  oder  Schwäche:  daher  die  zerschnittenen 
Kanäle  die  ihnen  angehörigen  Flüssigkeiten  in  Kurzem  anhalten. 

§.  114.  Die  Dicke  in  der  eigenen  Haut  des  Gefässes  wird  vermehrt:  1)  durch  jede  Ge- 
schwulst (§.  112.  Nr.  1),  die  in  denjenigen  Gefässen  ensteht,  die  vereint  und  verwebt  eine 
Haut  bilden.  2)  Durch  ebendatelbst  entstandene  knorpelige,  häutige,  knochige  An- 
schwellung (§.  51). 

§.  115.  Die  Grösse  der  flüssigen  Theile,  so  dass  sie  nicht  durchdringen  können,  wird 
vermehrt:  1)  durch  Veränderung  der  runden  Gestalt  in  eine  andere,  welche  die  Oeffnung  des 
Gefässes,  in  das  sie  eindringen  sollen,  an  Grösse  übertrifft.  2)  Durch  die  Vereinigung  mehrerer, 
früher  getrennter,  Theile  in  eine  Masse. 

§.  116.  Die  Gestalt  wird  hauptsächlich  verändert,  wenn  der  von  allen  Seiten  gleich- 
förmige Druck  gegen  das  Atom  (Molecula)  aufhört,  das  seiner  eigenen  Spannkraft  überlassen 
bleibt,  d.  h.  wenn  die  Bewegung  träger  wird  durch  Erschlaffung  der  Gefässe  oder  verringerte 
Menge  der  Flüssigkeit. 

§.  1 17.  Die  Atome  (Moleculae)  werden  verdichtet  durch  Ruhe,  Kälte,  Frost,  Austrocknung, 
Wärme,  heftig  bewegten  Blutumlauf  und  stark  drückende  Gefässe,  durch  saures,  herbes,  spiri- 
tuöses,  absorbirendes  Gerinnsel  (Coagulum),  durch  Zähigkeit  und  Fettigkeit. 

§.  1 18.  Wegen  Verirrung  sind  die  flüssigen  Theile  unfähig  durchzudringen,  wenn  ein 
Körperchen  in  die  erweiterte  Mündung  eines  kegelförmigen  Kanals  eindringt  und  nun  nicht 
mehr  durch  das  viel  engere  Ende  hindurch  kann.  Vollblütigkeit,  vermehrte  Bewegung,  Aus- 
dehnung der  Flüssigkeit,  Erschlaffung  des  Gefässes  erzeugen  vor  allen  diese  Erweiterung;  be- 
sonders wenn  auf  diese  vorausgegangenen  Umstände  plötzlich  das  Gegentheil  davon  erfolgt. 

§.  119.     Hieraus  erhellen  die  Ursachen  und  die  Natur  einer  jeden  Verstopfung. 

§.  120.  Wenn  diese  im  lebenden  Körper  entstanden  ist,  so  hindert  sie  den  Durchgang 
der  flüssigen  Materie;  sie  hemmt  die  übrige  dagegen  dringende  Masse;  sie  hebt  ihre  Thätigkeit 
auf;  sie  presst  die  dünneren  Theile  aus;  verdichtet  die  dickeren;  dehnt  das  Gefäss  aus;  er- 
weitert, verdünnt  es,  löst  es  auf;  verdickt  die  stockende  Flüssigkeit;  hebt  die  in  ungestörter 
Flüssigkeit  begründeten  Verrichtungen  auf;  entleert  die  damit  zu  befeuchtenden  Gefässe  und 
trocknet  sie  aus;  vermindert  die  Weite  der  Gefässe  jiegeu  die  durchzulassende  Flüssigkeit ; 
vermehrt  die  Menge  der  Flüssigkeit  und  die  Schnelligkeit  ihrer  Bewegung  in  den  freien  Ge- 
fässen ;  und  erzeugt  daher  alle  hiervon  abhängigen  Uebel. 

§.  121.  Daher  sich  jene  Wirkungen  (§.  120),  je  nach  der  Verschiedenheit  des  verstopften 
Gefässes  und  der  verstopfenden  Materie,  mit  verschiedenen  Erscheinungen  zeigen. 

§.  122.  In  den  blutführenden  rothen  arteriellen  Gefässen  entsteht  die  Entzündung  erster 
Art;  in  den  serösen  gelben  arteriellen  Gefässen  entsteht  die  rothe  Entzündung  dmch  Ver- 
irrung des  Ortes,  oder  die  heisse  gelbe,  jenen  Gefässen,  als  gelbe,  eigenthümliche;  in  den 
arteriellen  lymphatischen  erweiterten  Gefässen  entsteht  die  gelbe  Entzündung  der  zweiten  Art 
durch  Verirrung  des  Ortes,  oder  die  durchsichtige,  hitzige,  diesem  Gefäss  eigenthümliche;  in 
den  grösseren  arteriellen  Lymphgefässen  erzeugt  sich  die  hitzige  Wassergeschwulst,  in  den 
kleinereu  Schmerz  ohne  sichtbare  Geschwulst;  andere  Erscheinungen  zeigen  sich  in  den  fett- 
führenden,  knöchernen,  markigen,  Galle  bereitenden,  nervigen  Theilen. 

§.  123.  Wer  aber  den  Sitz,  die  Natur,  die  Materie,  die  Ursachen,  die  Wirkungen  der 
Verstopfungen,  die  bisher  (§.  107 — 123)  aufgezählt  worden,  kennt,  dem  werden  die  Zeichen, 
aus  welchen  die  erfolgende  und  die  vorhandene  Verstopfung  erkannt  wird ,  nicht  unbe- 
kannt sein.  ' 


Herrn.  Boerhaave.  65 

§.  124.  Und  nach  Erkenntniss  ihrer  Verschiedenheit,  wird  es  nicht  schwer  sein,  die  einer 
jeden  zukommende  Heilmethode  zu  bestimmen. 

§.  125.  Denn  die,  welche  von  einem  äusseren  Druck  (§.  112)  entspringt,  erfordert  die  Entfer- 
nung der  Ursache,  die,  wo  sie  möglich,  aus  der  folgendenBeschreibung  derselben  herzunehmen  ist. 

§.  126.  Diejenige  aber,  welche  von  der  vermehrten  Zusammenziehung  der  Fasern  ent- 
steht, wird  aus  den  Zeichen  erkannt,  welche  die  übermässige  Zusammenziehung  der  Einge- 
weide, der  Gefässe,  der  Faser  kund  geben  (§.  34.  36.  40.  50.  53.);  bei  der,  wo  die  Zusammen- 
ziehung aus  der  zweiten  Ursache  (§.  113.  Nr.  2.)  entsteht,  sind  die  Zeichen  durch  die  ihrer 
Ursache  deutlich;  sowie  auch  die,  die  wir  der  vorhergegangenen  Entleerung  zugeschrieben 
haben  (§.  113.  Nr.  3). 

§.  127.  Diese  Verstopfung  (§.  113.  126.)  wird  geheilt:  1)  durch  Mittel,  welche  die  zu 
grosse  Zusammenziehuug  der  Faser,  des  Gefässes,  des  Eingeweides  vermindern  (§.  35.  36.  38. 
54.  55.).  2)  Hauptsächlich  wenn  ihre  Wirkung  unmittelbar  auf  die  leidende  Stelle  selbst  an- 
gewendet werden  kann,  welches  besonders  mit  Dämpfen,  Bähungen,  Bädern,  Salben,  der  Fall 
ist.  3)  Durch  solche  Mittel,  welche  die  überfüllten  kleinen,  die  Membranen  zusammen- 
setzenden, Gefässe  entleeren.  Dahin  gehören  entleerende  Mittel  im  Allgemeinen;  aber  vor- 
züglich, wenn  sie  auf  jene  Gefässchen  unmittelbar  wirken,  wie  die  erschlaffenden,  auflösenden, 
zertheilenden,  abspühlenden,  ausleerenden  Mittel.  4)  Durch  solche,  welche  eine  entstandene 
Verhärtung  der  Häute  (Callosität)  zertheilen. 

§.  128.  Die  Art  von  Verstopfung  aber,  welche  aus  dieser  Ursache  entstanden  ist,  kann 
nur  selten,  wenn  überhaupt  jemals,  geheilt  werden.  Erweichende  und  erschlaffende  Mittel 
sind  die  vorzüglichsten.  Hieraus  erhellt  die  unvermeidliche  Nothwendigkeit  des  Todes  und  die 
grosse  Schwierigkeit,  durch  Arzneimittel  ein  langes  Leben  zu  erhalten. 

§.  129.  Die  Unfähigkeit  der  Flüssigkeiten,  durch  die  Gefässe  hindurch  zu  fliessen,  die 
aus  dem  Verlust  der  runden  Gestalt  entspringt,  wird  aus  ihren  eingesehenen  Ursachen  (§.  116) 
erkannt,  da  diese  meistens  in  die  Sinne  fallen. 

§.  130.  Geheilt  aber  wird  sie  durch  solche  Mittel,  welche  jene  Gestalt  wieder  herstellen. 
Dergleichen  sind  solche ,  die  die  Bewegung  durch  die  Gefässe  und  Eingeweide  vermehren, 
wie  alle  reizende  und  stärkende  Mittel ;  sodann  auch  beschleunigte  thierische  Bewegung. 

§.  131.  Die  verdickte  zusammengetretene  Masse  der  Flüssigkeit,  da  sie  aus  sehr  ver- 
schiedenen Ursachen  (§.  117)  entstehen  kann,  erfordert  auch,  je  nach  ihrer  Entstehung,  ver- 
schiedene Mittel  und  verschiedene  Heilmethoden  ;  welche  Verschiedenheit  auch  in  den  einzelnen 
Krankheiten  untersucht  werden,  und  die  angezeigten  Hülfsmittel  und  die  Art  ihrer  Anwendung 
angeben  wird, 

§.  132.  Im  Allgemeinen  werden  zusammen  getretene  Massen  aufgelöst:  1)  durch  wech- 
selsweise Bewegung  des  Gefässes.  2)  Durch  Verdünnung.  3)  Durch  Einführung,  Zumischung 
und  Mitbewegung  einer  auflösenden  Flüssigkeit.  4)  Durch  Entfernung  der  verdickenden  Ursache. 

§.  133.  Die  wechselsweise  Bewegung  in  dem  Gefässe  wird  bewirkt:  1)  durch  solche 
Mittel,  welche  die,  die  Gefässe  ausdehnende,  Ursache  verringern,  wie  die  Aderlässe.  2)  Durch 
solche,  welche  die  Gefässe  stärken  (§.  28.  29.  45—47.  49.)  3)  Durch  Reiben  und  Muskel- 
bewegung.    4)  Durch  Reizmittel. 

§.  134.  Auflösend  wirkt  das  Wasser,  vorzüglich  das  warme,  wenn  es  getrunken,  einge- 
spritzt, in  Dampfform  angewendet  wird,  und  wenn  es  dann  zu  den  Theilen  gelangt,  wo  es  auf- 
lösen soll.     Dahin  gehören  die  ableitenden,  anziehenden,  forttreibenden  Mittel. 

§.  135.  Verdünnende  Mittel  sind:  1)  Das  Wasser.  2)  Seesalz,  Steinsalz,  Salmiak, 
Salpeter,  Borax,  fixes  und  flüchtiges  Alkali.  3)  Natürliche,  künstliche,  russige,  flüchtige 
Seifen  aus  Alkali  und  Oel.  Galle.  4)  Quecksilberpräparate.  —  Diese  werden  durch  ablei- 
tende, anziehende,  forttreibende  Mittel  an  die  nöthigen  Orte  hingeführt. 

§.  136.  Die  Gerinnen  machende  Ursache  wird  entfernt  durch  die  Anziehung  eines  andern, 
stärker  anziehenden  Mittels.  So  werden  Säuern,  auch  Oele  von  Alkalien  u.  s.  w.  angezogen, 
was  hauptsächlich  durch  chemische  Versuche  gefunden  wird. 

§.  137.  Da  aber  eine  Flüssigkeit,  wenn  sie  an  einen,  ihr  fremden  Ort  getrieben  wird, 
nicht  durchdringen  kann  und  dadurch  Verstopfung  erzeugt:  so  entstehen  dadurch  viele  hart- 
näckige Krankheiten,  daher  dieses  Uebel  genau  erwogen  zu  werden  verdient. 

§.  138.  Wir  wissen,  dass  dieses  geschehen  ist,  wenn  uns  bekannt  ist:  1)  dass  die  Ur- 
sachen davon  (§.  118),  die  oft  sichtbar  genug  sind,  vorausgegangen.  2)  Dass  hierauf  diesen 
entgegen  wirkende,  gefolgt  sind.  3)  Wo  wir  deutlich  die  Wirkungen  davon  sehen.  (§.120 — 122). 

§.  139.  Es  ist  auch  leicht  vorauszusehen,  was  aus  diesem  vorhandenen  Uebel  folgt, 
durch  dasjenige,  was  §.  120—123  erläutert  wurde. 

Belege  zu  Wunderlich'»  Gesch.  d.  Med.  5 


fiß  Zum  sechsten  Abschnitt. 

§.  140.  Die  Heilung  wird  bewirkt:  1)  indem  durch  rückgängige  Bewegung  das  Stockende 
in  die  grössern  Gefässe  zurückgetrieben  wird.  2)  Durch  Auflösung  desselben.  3)  Durch  Er- 
schlaffung der  Gefässe.     4)  Durch  Eiterung. 

§.  141.  Das  Stockende  Wird  zurückgebracht:  1)  durch  Ausleerung  der  Flüssigkeit,  die 
das  Stöckende  drängt,  vermittelst  grosser,  schneller  Blutentziehung,  wonach  es  durch  den  Druck 
des  zusammengezogenen  Gefässes  "zurückgetrieben  wird.  2)  Durch  Reibung  des  Gefässes  von 
seinem  Ende  gegen  seinen  Anfang.- 

§.  142.    Das  Stockende  "wird  aufgelöst  durch  die  oben(§.  133 — 137)  angegebenen  Mittel. 

§.  143.    Die  Gefässe  werden  erschlafft  durch  die  (§.  35.  36.  54.)  vorhergenannten  Mittel. 

§.  144.    Von  der  Eiterung  wird  in  der  Geschichte  der  Entzündung  gehandelt  werden. 

Gorter's  systematische  Eintheilung  der  Krankheiten: 
Partes  corporis  humani  distinguuntur  in  solida  et  liquores. 

I.  Morbi  solidorum  referuntur  ad  simplicem  eohaerentiam,  sensum,  motum. 

A.  Morbi  simplicis  cohaerentiae  referuntur  ad  nexum,  actionem  physicam  et  causas  mutantes. 

1.  Nexus  ille  est  firmior,  debilior,  solutus. 

a.  Firmior  nexus  distinguendus  robore  cohaerentiae  majore,  rigiditate. 

b.  Debilior  nexus  continet  debilitatem  et  fragilitatem,  laxitatem. 

2.  Actio  physica  complectitur  elasticitatem,  inertiam,  robur  contractilitatis  majus,  flacci- 
dam  fibram  et  contractionem  minorem. 

3.  Causae  mutantes  reducuntur  ad  extensionem  seu  elongationem ,  adductionem  seu 
COmpactum,  siccitatem,  humiditatem  vel  uliginem. 

B.  Sensus  continet  nervös  et  spiritus,  sensus  in  genere,  dolores. 

C.  Morbi  ex  motu  dividuntur  in  motum  minorem  seu  languidiorem,  motum  majorem  seu 
fortiorem. 

1.  Motus  minor  distinguitur  in  motum  solidorum  languidum,  tremorem,  debilitatem, 
paralysin. 

2.  Motus  major  continet  motum  oscillatorium  majorem,  mobilitatem  solidorum,  singultum, 
palpitationem  cordis  et  aliarum  partium,  horrorem  et  rigorem,  convulsionem  seu  spasmum. 

II.  Morbi  liquorum  referuntur  ad  quantitatem,  qualitatem,  motum. 

A.  Quantitas  absolvitur  cognitione  sanguinis  fluxus,  mensium  purgationis,  mensium  sup- 
pressionis,  hydropis,  urinae. 

B.  Qualitatis  vitia  referuntur  ad  totam  massam,  unicam  tantum  particulam. 

1.  In  tota  massa  proponuntur:  putredo,  salia  et  acrimonia  salina,  cruditas  et  austeritas, 
visciditas  et  pituita,  lentor  seu  diathesis  phlogistica,  coagulatio  et  polypus,  crassitudo,  tenuitas. 

2.  In  una  particula  acrimonia. 

C.  Motus  vel  est  auctus,  minutus,  türbatus: 

1.  in  motu  aucto  inflammatio,  abscessus,  calor  corporis. 

2.  in  motu  minore  frigus  corporis. 

3.  in  motu  turbato  febris. 

Eine  Krankengeschichte  de  Haeil'S:  de  singulari  modo  respirationis,  et  motus 
cordis  (aus  der  Ratio  medendi  Part.  II.  cap.  8.) 

Erat  43  annos  natus,  rudiori  assuetus  labori,  30  abhinc  annis  spinam  ventosam  ad  dex- 
tram  claviculam  passus ;  quaehucusquequovis  biennio  aut  triennio  recrudescens,  festucas  osseas 
ejicefe  solebat;  caetera  sanus. 

Anni  octo  elapsi  erant,  cum  a  valido  ligno  resiliente  femur  sinistrum  contunderetur,  atta- 
men  sine  ullo  mali  relicto  vestigio  penitus  sanesceret.  Septem  vero  abhinc  mensibus  denuo 
gravi  ligno  sinistram  coxam  contusus,  male  habuit ;  bimestri  tarnen  spatio  hortulani  continuans 
labores,  demum  se  quieti  dedit.  Postquam  tumore  sinistri  femoris  per  sex  menses  mals  ha- 
buisset,  disparuit  tumor  omnis,  cessavitque  dolor,  et  sensim  femur  dextrum  tumere  ac  dolore 
inchoat.  Hunc  tumorem,  mensis  spatio  passus,  nobis  exhibuit  pure  refertus.  Aperto  eo  tres 
unciae  puris  effluxere,  immissus  vero  Stylus  sinuosum  ulcus  ostendit. 

Postquam  quatuor  ab  apertura  diebus  se  optime  habuisset,  sublata  eum  peripneumonia 
prehendit,  pure  quamvis  rite  ex  ulcere  fluente:  hanc  iterata  missio  sanguinis,  penitus  phlo- 
gistici,  et  idonea  remedia,  ad  quartum  diem  egregie  solverunt:  ita  ut  cum  respiratione  non 
impedita,  semper  dein  miti  febre  continua  remitteute  laboraret,  et  appetitu  perpetuo  bono 
gauderet;  donec  demum  colliquante  diarrhoea,  ichoris  ex  ulcere  effluxu,  immobilitate  affecti 
cruris,  urinis  denique  tum  colore,  tum  crassamento,  fuscis,  difricilique  respiratione  praepressis, 
moreretur, 


de  Haen.  67 

In  cadavere  clavicula  et  tumens,  et  exesa  hinc  inde ;  caeterum  nihil  in  tota  vicinia  mali. 
Os  femoris  laevum,  bis  contusum,  vera  mali  origo  et  sedes,  integerrimum  fuit.  Os  autem 
femoris  dextri,  ad  quod  decem  ante  mortem  septimanis  materiae  metastasis  facta  erat,  orbum 
periosteototum,  scabrum  eterosum;  acetabulum  sine  cartilagine,  sine  periosteo,  sine  glandula  : 
ipsaque  theca  ligamentosa  ad  acetabulum  magnam  partem  consumta. 

In  jejuno  intestiuo  susceptio  notabilis  quatuor  pollices  longa,  multum  quamvis  corrugata, 
cum  parte  superiore  in  inferiorem  prolapsa;  mox  parvae  duae  aliae  ibidem,  binaeque  similes, 
sed  inverso  ordine,  in  duodeno.  Colon  a  dextro  latere  medium  ventrem  emensum,  ubi  se 
hepati  pluribus  ligamentis  affixerat,  replicuit  sese  ad  spithamae  longitndiuem  versus  dextrum 
latus,  indeque  reflexum,  lienem  petebat,  sub  quo  ingenti  formato  sacco,  solitam  deinceps  viam 
absolvebat. 

Thoracem  rimatus,  pulmones  ita  nexos  inveni,  ut  simile  quid  nee  viderim,  nee  legerim 
unquam.  Nam  non  fuit  in  toto  thorace,  universoque  pulmonum  in  ambitu,  vel  unicum  punctum 
a  cohaesione  liberum.  Quippe  cohaerebat  pulmo  cum  tota  pleura,  cum  universo  diaphrag- 
mate,  integro  cum  pericardio,  sternoque.  Modus  autem  cohaerentiae  adeo  firmus  erat,  ut 
nemo  nostrum,  citra  dilacerationem,  vel  minimam  solvere  portionem  posset. 

Connectebant  enim  eosdem  tenacissima,  non  dilatabilis,  et  ubi  vi  partes  a  se  invicem 
distrahebantur,  vix  semilineam  crassa,  cellulosa  membrana.  Imo  toto  sinistro  in  latere,  tena- 
citatis  cellulosae  loco,  vera  reperta  sarcosis ;  veluti  si  pleura  degenerasset  in  crassissimam 
carnem  rubram,  insertam  alte  in  pulmonum  substantiam,  ab  eaque  inseparabilem  lobi  quoque 
omnes  inter  sese  eadem  tenacissima  cellulositate  coivere. 

Sed  nihil  mirabilius  contemplatione  cordis.  Ut  enim  pericardium  omni  in  puncto  aretissime 
unitum  cum  pulmonibus  erat,  ut  jam  dixi,  ita  interno  pariete  suo,  ope  ejusdem  tenacissimae 
texturae  cellulosae,  tarn  firmiter  cum  corde,  ejusque  auriculis,  sinibus,  ac  vasis  majoribus 
omnibus  concreverat,  ut  solvere  nemo,  nisi  lacerando,  posset.  Praeterquam  quod  crassus 
saecus,  ceu  nova  genitura,  aortae  ad  pollicem  latum  undique,  firmiterque,  circumeretus,  et 
intime  connatus,  reperiretur.  Cavum  sinistrum  cordis  circiter  solitam,  dextrum  vero  vix  quar- 
tam  partem  solitae  crassitudinis  habebat. 

Porro  nemo  nostum  vidit  hominem  hunc  laboriose  respirantem,  cum  4  Martii  hujus,  quem 
vivimus,  anni,  circiter  50  gradus  conscenderet,  consilium,  cum  caeteris  adventantibus  paupe- 
ribus,  petiturus.  Nee  vitiose  respiravit  quatuor  primis  diebus,  uti  neque  post  peripueumoniam 
curatam,  nisi  sub  mortem.  Respiratio  tantum  fuit  naturali  brevior,  pulsusque  naturali  paulo 
celerior  ac  debilior,  vix  tarnen  inaequalis. 

Homo  ergo  hie  cohaesiouem  habuit,  cur  forte  similis  non  visa  unquam:  attamen  non  su- 
bita, sed  lenta  morte,  cujus  causae  aliunde  notae,  periit. 

Sed  consideremus  jam  actionem  cordis.  Cor  hoc  cum  auriculis,  ac  sinibus,  vasisque  majo- 
ribus, intra  pericardium  plane  immobile  fuit ;  idque  non  partim  ut  pluries  vidi,  sedubiquelocorum, 
concretione  valida,  vi  tantummodo  dilaceranda. 

Si  igitur  hie  contemplemur  totum  thoracem,  pleuram,  diaphragma,  pulmonem,  pericar- 
dium, cor,  vasa  majora,  mediastinum,  non  fuisse  nisi  unicum  solidum,  quomodo  actiones  vis- 
cerum  vitalium  horum  explicabimus  ?  Si  quis  cogitaverit  musculosam  osseamque  fabricam 
thoracis  dilatasse  thoracem,  aera  in  dilatatos  pulmones  intrasse,  laxatis  iterum  musculis 
dilatantibus,  thoracis  capacitatem  hinc  imminutam  aera  expulisse,  et  hac  ratione  quandam 
exercitam  fuisse  respirationem ;  respondeo  ejusmodi  respirationem  si  possibilis  fuisset,  longe 
sane  laboriosiorem  observari  debuisse,  quam  eandem  nos  omnes  in  hoc  homine  observaverimus. 

Sed  praeterea,  quis  cordis  motum  explicabit?  An  tota  concreta  massa  dilatata,  cor  quo- 
que dilatatum  fuerit? 

Tunc  semel  modo  in  singula  respiratione  impleri,  ac  depleri  potuit  ,•  dum  naturaliter  quater, 
quinquies,  in  singula  respiratione  pulset.  Sed  homo  habuit  semper,  etiam  usque  ad  finem 
vitae,  pulsum  celeriorem,  non  palpitantis,  sed  evacuantis  se  cordis,  argumentum.  Si  aorta 
arteria  in  singula  respiratione  semel  modo  dilatata  et  angustata  fuit,  cur  per  suos  in  carpo 
ramos  potuit,  v.  g.  in  febre  peripneumonica,  frequentes  producere  pulsus? 

Sane  qnocumque  modo  rem  examino,  volvo,  ac  revolvo,  non  invenio  nisi  ubique  insupera- 
biles  mihi  difficultates ;  cohaerentia  .euirri  descripta  notas  cujusdam  vetustatis  habet,  ob  idque 
comunes  physiolgicas  regulas  repudiat. 

An  ergo  etpraeter,  et  contra,  communes  leges  naturales  homo  vitam  vivere  possit?  Noster 
vixit,  ergo  potuit. 

Stoll.     Ueber  verschiedene  Formen  von  Pleuresie. 

Der 'Arzt  ist  oft  zweifelhaft,  ob  er  eine  gallichte,  oder  inflammatorische,  oder  eine  aus 

5* 


68  Zum  sechsten  Abschnitt. 

beyden  zusammengesetzte  Pleuresie  vor  sich  hat.     Man  muss,  um  sichere  Unterscheidungs- 
zeichen zu  haben,  auf  folgendes  Rücksicht  nehmen. 

1)  Was  für  eine  Epidemie  zu  der  Zeit  herrscht. 

2)  Man  muss  die  oben  erzählten  Symptome  der  Brustkrankheiten  im  Gedächtniss  haben. 

3)  Es  lässt  sich  vieles  aus  dem  vorhergehenden'  Gesundheitszustand  erklären.  Die  ■wahre 
entzündliche  Pleuresie  befällt  bisweilen  unverhoft  die  stärksten  Personen.  Die  unächte  gal- 
lichte Pleuresie  hat  einen  langsamen  Gang,  und  ist  schon  lange  vorher  aus  den  Zeichen  der 
Verderbniss  des  Magensystems  erkennbar. 

4)  Diese  letztere  greift  hauptsächlich  Leute  an,  die  rohe  Nahrungsmittel  geniessen,  einen 
sehr  schwachen  Magen  haben,  und  von  gallichtem  Temperament  sind. 

5)  In  der  unächten  Pleuresie  vermehrt  sich  der  Schmerz  selten  während  desAthemholens, 
da  bey  der  wahren  alles  Husten  und  Einathmen  die  grösste  Beschwerde  macht.  Die  gallichte 
Pleuresie  ist  selten  mit  einem  Bluthusten  verbunden,  ausser,  dass  bei  dem  allerheftigsten 
Husten  etwas  Blut  ausgeworfen  wird. 

6)  In  der  unächten  Pleuresie  ist  der  heftigste  Schmerz  in  der  Gegend  der  Herzgrube,  der 
Hypochondern,  des  Unterleibes  und  der  Lenden,  welches  in  der  wahren  nicht  ist. 

7)  In  der  unächten  Pleuresie  geht  lange  zuvor  ein  Durchfall  vorher :  welches  in  der 
wahren  nicht  gewöhnlich,  sondern  nur  zufällig  geschieht. 

8)  In  der  gallichten  Pleuresie  ist  lange  vorher,  oder  gleich  im  Anfange  der  Krankheit, 
der  Urin  nicht  dunkelroth,  sondern  gelb,  dem  Gelben  im  Ey  ähnlich,  gallicht,  oft  mit  einem 
schleimigten,  ziegelrothen  Bodensatz.  In  der  wahren  Pleuresie  ist  der  Urin  dunkelroth,  geht 
sparsam  ab,  ist  ohne  Bodensatz. 

9)  Die  wahre  Pleuresie  wird  von  einem  anhaltenden  Fieber  begleitet,  welches  gewöhnlich 
Abends  ohne  untermischtes  Schauern  etwas  zunimmt.  Das  Fieber  hingegen,  welches  sich  mit 
der  gallichten  Pleuresie  verbindet,  gehört  unter  die  Ciasse  der  nachlassenden  anhaltenden 
Fieber  (Feb.  continuarum  remittentium),  welches  keine  regelmässige  Exacerbationen  hat. 

10)  Der  Puls  der  wahren  Pleuresie  ist  stark  und  hart,  und  durchsägt  gleichsam  den  füh- 
lenden Finger  (tactum  serrat).  In  der  einfachen  gallichten  ist  er  weich,  und  nach  Verschie- 
denheit der  Subjecte  von  verschiedener  Schnelligkeit. 

Gemeinschaftliche  Symptome  der  wahren  und  der  gallichten  Pleuresie. 

1)  Bitterkeit  im  Munde,  welche  gewöhnlich  die  gallichten  Krankheiten  begleitet,  aber 
auch  fehlen  kann,  wenn  gleich  sehr  grosse  Anhäufungen  von  Galle  in  den  ersten  Wegen  vor- 
handen sind.  Aber  es  ist  kein  entscheidendes  Kennzeichen;  sie  findet  sich  auch,  wo  kein 
gallichter  Stoff  gegenwärtig,  selbst  in  der  ächten  Lungenentzündung. 

2)  Neigung  zum  Brechen,  oder  wirkliches  Erbrechen.  Dieses  kann  auch  bey  einer 
wahren  Entzündung  erfolgen ,  indem  die  Entzündung  der  Lunge  das  Zwerchfell,  den  Magen 
und  den  Speisekanal  vermöge  einer  Sympathie  angreift,  ohne  dass  die  Ursache  im  Magen  liegt. 

3)  Der  gallichte  Auswurf  beweiset  keine  gallichte  Pleuresie.  Bei  jedem  heftigen  Brechen 
wird  die  Galle  in  den  Magen  und  in  die  Gedärme  gedrängt  und  weggebrochen.  Diess  be- 
gegnet auch  Gesunden. 

4)  Böthe  des  Gesichts,  der  Wangen  etc.  trifft  man  in  beyden  Gattungen  der  Pleuresie. 
Die  Gesichtsfarbe  kann  blass  und  grünlicht,  auch  roth,  sogar  das  Weisse  im  Auge  roth  seyn, 
bey  Kranken,  die  an  einem  unverdaulichen  Stoff  in  den  ersten  Wegen  leiden.  Diese  blasse, 
grünliche  Farbe  kann  ebenfalls  die  entzündliche  Pleuresie  begleiten. 

5)  Mit  Blut  vermengter  Auswurf,  ist  ein  zweydeutiges  Zeichen,  ob  zwar  mehr  der  wahren 
als  der  gallichten  Pleuresie  eigen.  Doch  kann  auch  in  dieser  durch  heftigen  Husten,  bei 
schwacher  Lunge,  eine  Zerreissung  der  kleinen  Gefässe  statt  finden,  wodurch  etwas  Blut  aus- 
geworfen wird. 

Merkwürdig  ist  auch  die  rhevmatische  Pleuresie.  Sie  unterscheidet  sich  durch 
folgende  Symptome  von  der  wahren  Pleuresie : 

1)  Die  Vorbothen  waren  rhevmatische  Schmerzen  der  obern  und  untern  Gliedmassen, 
welche  auch  bisweilen  während  der  Krankheit  fortdauerten. 

2)  Der  Anfang  dieser  Pleuresie  ist  meist  ohne  Fieberschauer  oder  mit  vorübergehendem 
Frösteln,  —  da  hingegen  die  wahre  Pleuresie  mit  einem  starken  Froste  beginnt ,  welcher 
mehrere  Stunden  anhält. 

3)  Mit  dem  Froste  tritt  in  der  unächten  Pleuresie  bald  der  Seitenschmerz  ein.  In  der 
inflammatorischen  erfolgt  der  stechende  Schmerz  erst  einige  Stunden  nach  dem  heftig- 
sten Froste. 

4)  In  der  rhevmatischen  Pleuresie  zieht  sich  der  Schmerz  in  die  Gegend  der  Herzgrube, 


Stoii.  69 

des  Unterleibes,  über  die  ganze  Brust,  bis  zwischen  die  Schultern.     In  der  wahren  hat  er  nur 
einen  kleinen  Umfang. 

5)  Die  rheumatische  Pleuresie  unterscheidet  sich  von  jener  durch  den  fliegenden  Schmerz. 

6)  In  der  rhevmatischen  Pleuresie  ist  das  Anfühlen  des  schmerzhaften  Theiles  fast  un- 
erträglich.    Nicht  so  in  der  wahren. 

7)  In  der  rhevmatischen  Pleuresie  fühlt  der  Kranke  auf  der  gesunden  Seite  liegend  Er- 
leichterung, in  jener  wird  es  ihm  beschwerlich. 

8)  Die  Beklemmung  und  das  schwere  Athmen,  welches  in  der  wahren  Pleuresie  so  heftig, 
ist  in  der  rhevmatischen  unbedeutend. 

9)  In  der  rhevmatischen  ist  die  Zunge  und  der  Schlund  meistens  schleimicht  und  weiss, 
in  der  wahren  mehr  trocken. 

10)  In  der  wahren  ist  eine  grosse  Trockenheit  der  Haut  und  der  Nase,  die  Augen  sind 
unrein,  der  Urin  sparsam  und  dunkelroth,  wenig  Stuhlgang:  die  rhevmatische  hat  nichts  von 
alle  dem,  oder  in  einem  sehr  geringen  Grade. 

11)  Die  ächte  Pleuresie  fand  ich  im  Anfange  trocken,  ohne  Auswurf.  Selten  warfen  die 
Kranken  eine  schleimigte,  gelbliche  oder  blutige  Materie  aus.  Die  rhevmatische  war  selten 
trocken,  begleitet  von  einem  Husten  mit  schleimichtem,  zähen,  mit  Blutstreifen  vermischtem 
Auswurf  bald  im  Anfange  der  Krankheit.  In  beyden  Arten  war  das  Blut  sehr  inflammatorisch, 
aber  die  Speckhaut  in  der  rhevmatischen  meistens  dicker  und  grösser,  so  dass  wenig  oder  fast 
gar  kein  Cruor  zu  sehen  war,  in  der  ächten  war  die  Speckhaut  mit  Fasern  umzogen,  welche 
rund  umher  emporstiegen. 

12)  Die  wahre  Pleuresie  als  eine  hitzige  Krankheit,  drohte  vielmehr  Lebensgefahr,  sie 
richtete  sich  ganz  nach  den  kritischen  Tagen  und  den  kritischen  Erschütterungen  (perturbatio). 
Dies  war  in  der  rhevmatischen  nicht  so  deutlich,  sie  endete  manchmal  mit  Schweiss. 

Die  Cur  der  rhevmatischen  Pleuresie  bestand  in  einer  oder  mehrmaligen  Aderlass,  nach 
Erforderniss  der  Umstände,  in  erweichenden,  salpeterartigen,  lauen  Getränken,  in  früher  An- 
wendung der  Blasenpflaster  auf  die  schmerzhafte  Stelle,  oder  sonst  wo.  Bisweilen  kam  ich 
mit  der  entzündungswidrigen  Methode  aus,  ohne  der  Blasenpflaster  zu  bedürfen.  Aber  sie 
halfen,  wenn  der  Schmerz  nach  der  Aderlass  nicht  weichen  wollte.  Ob  Synapismen  eben  das 
thun,  habe  ich  keine  Erfahrung. 

Wenn  sich  die  Krankheit  gebrochen  hatte,  that  der  Kermes  vortrefliche  Dienste.  Man 
eile  überhaupt  nie  zu  sehr  mit  dem  Gebrauch  der  Auswurf  erregenden  Mittel.  Oft  war  dies 
die  Ursache  von  Fieberbewegungen,  die  erst  eine  Aderlass  unterdrücken  musste. 

In  dem  verwickelten  Zustand  einer  gallicht-rhevmatischen  Pleuresie  gab  das  dringendste 
Symptom  die  Anzeige  zur  Heilart. 

Von  der  verborgenen  oder  versteckten  Pleuresie. 

Diese  Krankheit  ist  schwer  zu  erkennen,  weil  ihr  die  Unterscheidungszeichen  der  wahren 
Pleuresie  und  Peripneumonie  grösstentheils  fehlen.  Sie  ist  gewöhnlich  ohne  Fieber,  das  Liegen 
ist  auf  beiden  Seiten  nicht  beschwerlich,  dabey  zeigt  sich  ein  trockener  Husten,  oder  wenig 
schleimigter  reifer  Auswurf,  etwas  weisse  Zunge,  kein  Durst,  keine  Beklemmung  der  Brust, 
ausser  beym  Wenden  des  Körpers,  gute  Esslust,  keine  oder  geringe  abwechselnde  Fieber- 
bewegungen. Bey  allen  diesen  nicht  eben  in  die  Augen  fallenden  Zeichen  kann  dieses  Uebel 
durch  Vernachlässigung  in  eine  vollkommene,  allgemeine,  inflammatorische  Lungenentzündung 
ausarten,  oder  es  können  Verhärtungen  der  Lunge,  oder  Lungenknoten  entstehen,  oder,  wie 
oft  der  Fall,  am  Ende  eine  wahre  Schwindsucht.  Die  heftigste  Lungenentzündung  hat  nicht 
so  viele  Schwindsüchtige  gemacht,  als  die  geringscheinende  Vernachlässigung  einer  solchen 
verlarvten  Pleuresie.  Um  sie  zu  erkennen,  beobachte  1)  man  die  oben  erwähnten  Symptome, 
2)  lasse  man  den  Kranken  bald  auf  dieser,  bald  auf  jener  Seite  liegen,  um  zu  erfahren,  ob  er  auf 
der  einen  Seite  liegend  husten  muss,  ob  ihm  das  Athmen  auf  der  einen  Seite  beschwerlicher 
ist,  als  auf  der  andern,  3)  hole  der  Kranke  tief  Athem,  und  beobachte,  ob  er  während  des  Athem- 
holens  eine  Beschwerde  auf  der  Brust,  eiuen  stechenden  brennenden  Schmerz  oder  Druck 
empfindet,  4)  er  soll  mit  Fleiss  in  mancherlei  Lagen  des  Körpers  husten,  und  wahrnehmen,  ob 
es  ihm  eine  solche  Empfindung  macht,  5)  untersuche  man  den  vorigen  Gesundheitszustand 
des  Kranken. 

Denn  verschiedene  Krankheiten  lassen  die  verborgene  Pleuresie  als  Folge  nach  sich. 

1)  Auch  nach  einer  gut  geheilten  wahren  Pleuresie  bleiben  zuweilen  einige  Beschwerden 
zurück.  Es  ist  nichts  fieberhaftes  vorhanden:  aber  doch  erfolgen  leicht  Rückfälle  in  die 
Peripneumonie  und  Pleuresie. 


70  Zum  sechsten  Abschnitt. 

2)  Eben  das  geschieht  nach  fieberhaften  inflammatorischen  Rhevmatismen ,  und  nach 
rhevmatischen  Pleuresien  und  Peripneumonien. 

3)  Nach  einem  Catharr  bleibt  bey  Einigen  viele  Wochen  auch  Monate  lang  ein  sehr  ge- 
ringer Seitenschmerz,  Brennen  und  unmerkliche  Beklemmung,  ein  nicht  blutiger,  sondern  eyter- 
artiger  gekochter  Auswurf  zurück.  Diese  leiden  an  jener  versteckten  Pleuresie  oder  Pe- 
ripneumonie. 

4)  Personen,  welche  mit  Lungenknoten  behaftet,  sind  bey  einer  starken  Erhitzung  durch 
Wein,  oder  in  der  Sonnenhitze  durch  heftige  Bewegung  leicht  einer  Entzündung  ausgesetzt, 
ohne  dass  sie  dabey  von  einem  allgemeinen  Fieber  befallen  werden. 

Der  Ausgang  der  versteckten  Pleuresie  ist  entweder  in  eine  hitzige  entzündungsartige 
Krankheit,  oder  in  eine  gutartige  Zertheilung,  oder  in  Eyterung. 

Die  Kämpf'sche  Lehre  vom  Infarctus. 

Unter  der  Verstopfung  der  Eingeweide  des  Unterleibs,  oder  den  Infarctus,  verstehe  ich 
also  den  widernatürlichen  Zustand  der  Blut-  besonders  der  Pfortadern,  wie  auch  der  Mutter- 
gefässe,  wenn  sie  hie  und  da  von  einem  im  Kreislaufe  zaudernden,  endlich  stillstehenden, 
stockenden,  übelgemischten,  verschiedentlich  verdorbenen,  seiner  Flüssigkeit  beraubten,  dicken, 
zähen,  gallichen,  polypösen  und  verhärteten  Geblüt  angefüllt,  vollgepfropft  und  ausgedehnt 
werden ;  oder  wenn  sich  das  verdickte  Serum  in  denselben,  in  den  Drüsen,  in  dem  Zellgewebe 
und  nebst  den  eben  erwähnten  Bluthefen  in  den  Verdauungswegen  anhäuft,  vermodert,  ver- 
trocknet und  vielerley  Arten  der  Verderbniss  annimmt 

Die  infarzirenden  Blutausartungen  habe  ich  von  so  verschiedener  Beschaffenheit  abgehen 
sehen,  dass  ich  sie  füglich  in  folgende  Arten  und  Gattungen  oder  Unterarten  eintheilen  konnte. 

Die  erste  Art  enthält  solche,  woran  der  Blutkuchen  oder  die  dichteren,  irdischen,  schwe- 
ren, öhlichten,  brennbaren,  mehr  zusammenhängenden,  schwärzlichen  Bestandtheile  des  Bluts 
den  grössten  Antheil  haben. 

Die  erste  Gattung  derselben  ist  theils  ein  noch  flüssiges,  aber  zum  Gerinnen  geneigtes 
und  theils  ein  verdicktes,  geronnenes,  oder  geliefertes,  doch  noch  mildes  und  geruchloses  Blut. 

Die  zwote,  ein  nicht  auflösbares,  sondern  fest  zusammenhängendes,  faserichtes,  häutiges, 
fleischartiges  Blutwesen,  das,  in  Gestalt  rother  oder  schwärzlicher,  entweder  länglicher  und 
runder  Polypen,  oder  kleiner  und  grösserer  unförmlicher  Fleischgewächse,  abgeht. 

Die  dritte  erscheint  als  ein  nicht  zusammenhängendes,  im  höhern  Grade  vertrocknetes 
Blut,  in  Gestalt  von  schwarzbraunem  Kaffeesatz,  oder  eines  schwarzen  Staubs,  der  sich,  nach 
Zugiessung  vieles  Wassers,  sogleich  zu  Boden  setzt. 

Die  vierte  aber  als  eine  mehr  schmierige,  klebrige,  fette,  theils  zähe,  pechartige, 
schwarze,  dunkelbraune,  manchmal  in  das  gelbgrüne,  bläuliche  spielende  Bluthefe,  welche 
bald  wie  Holdermuss,  bald  wie  Schmierseife,  bald  wie  Theer,  und  bald  wie  verdickter  Wagen- 
schmeer  aussieht. 

Die  fünfte  stellen  dergleichen  gerundete,  theils  weiche,  theils  steinharte,  dem  Schaf-  oder 
Ziegenkoth  ähnliche  Substanzen  (Scybala)  vor. 

Die  zwote  Art  Inf.  besteht  grösstentheils  aus  dem  Blutwasser,  oder  dem  mit  der  Lymphe 
vermengten  Serum,  dem  ich  alsdann  den  Namen  Pituita  beyzulegen  mir  die  Freyheit  nehme, 
wenn  sich  dessen  nun  abgenutzte  Theile,  die  man  als  die  Hefe  des  Blutwassers  ansehen  kann, 
nach  unvollständigen  Ab-  und  Aussonderungen,  angehäuft  haben,  und  wenn  überhaupt  das 
Serum  seine  milde,  flüssige,  seifenartige  und  nährende  Natur  sehr  alterirt,  oder  wenns  mehr 
oder  weniger  verdickt,  schmierig,  zähe,  unrein,  scharf  und,  ausser  dem  Kreislaufe  gesetzt, 
noch  mehr  verdorben  ist. 

Ihre  erste  Gattung  ist  eine,  dem  Eierweiss  oder  Eichelmistelbeerensaft,  oder  dem  im 
Wasser  geweichten  Schreinerleim  ähnliche,  mehr  oder  weniger  durchsichtige  und  weisse,  zähe, 
schlüpfrige,  glitschende,  auch  elastische,  auf  den  Boden  geworfen,  fortrollende,  in  der  Kälte 
sich  verdickende,  und  wie  Gallerte  zitternde  Masse,  die  manchmal  keinen  Geruch  hat,  und  sich 
zum  Theil  wie  lange  Fäden  ziehen,  oder  gleichsam  haspeln  lässt. 

Die  zwote  eine  minder  zusammenhängende  schmierige,  mehr  stinkende,  dem  weichen 
Käse,  Eiter,  oder  der  durch  Wasser  erweichten  Töpfererde  gleichende  Substanz,  welche  selten 
als  eine  dünne,  schäumige,  gährende  und  aashafte  Hefe,  öfters  aber  als  ein  steifer  Klei- 
ster erscheint. 

Die  dritte  zeigt  sich  als  ein  dem  Griessmehl  oder  der  Asche  ähnliches  Produkt. 

Die  vierte  als  ein  mehr  zusammenhängender  Unrath,  der,  als  zähe,  dehnbare  cnd 
oft  kaum  trennbare,  sennichte  Pfropfen,  als  eine  dem  zerschnittenen  Kalbsgekröss  und  der 
Lunge  ähnliche  Substanz,  als  Fasern,  dünne  Fäden,  die  man  für  Haare  ansieht,  als  kleine 


Die  Kämpf  sehe  Lehre  vom  Infarctus.  71 

Bläschen,  Körner,  Flocken,  Brocken,  oder  als  unförmliche,  manchmal  mit  Bläschen  durch- 
webte und  faustendicke  Klumpen,  oder  als  Lappen,  oder  dicke  und  dünne,  dann  und  wann 
halbdurchsichtige  Häute  abgehet,  die  theils  schichtenweise  über  einander  geklebt,  und  theils 
in  lange  hohle  Röllchen,  oder  ziemlich  weite,  den  Gedärmen  gleichende  Schläuche,  oder  den 
Gänsegurgeln  ähnliche  knorpelichte  Röhren  gerundet  sind,  oder  der,  minder  dichte  und  zähe, 
in  Gestalt  des  Froschlaichs,  der  Schlangeneier,  oder  des  Eierstocks  der  Hüner,  oder  als  eine 
lange  Reihe  aneinander  hängender,  grösser  und  kleiner,  mit  eiter-,  honig-,  brei-  oder  speck- 
artiger Materie,  oder  mit  faulem  Blut  angefüllter,  verschieden  gefärbter  Kugeln  oder  Blasen 
ausgeworfen  wird. 

Die  fünfte  ist  ein  verhärtetes  und  wie  Gummi,  oder  gipsartige  Massen  ausgeartetes  se- 
röses Wesen,  das,  in  Gestalt  von  Griess  oder  unförmlicher  selten  figurirter  Steinchen,  zum 
Vorschein  kommt. 

Von  den  Inf.  der  Mutter,  die  sich  sowohl  in  ihre  Gefässe  einnisten,  als  in  ihrer  Höhle 
aufhalten,  und  ihren  Wänden  bald  fester,  bald  lockerer,  oder  gar  nicht  mehr  anhängen,  sah 
ich  folgende  Gattungen  aussondern:  1)  Die  oben  beschriebene,  theils  schwarzgelbliche  Blut- 
hefe. 2)  Den  pituitösen  Schlamm,  der  öfters  mild,  manchmal  scharf  und  vielfarbig,  auch  mit 
gipsartigen  Bröckchen  vermischt  war,  und  in  Gestalt  vom  weissen  Flusse  abgieng.  3)  Aller- 
ley  fleischartige,  oder  solche  Gewächse,  die  aus  einem  filamentösen,  häutigen  oder  polypösen 
Wesen  zusammengesetzet,  und  an  Zahl  und  Grösse  und  Konsistenz  so  verschieden  waren,  dass 
man  sie  bald  einzeln,  bald  in  grosser  Menge,  und  bis  zu  einem  Pfund  schwer,  bald  so  zähe 
wie  Leder,  oder  scirrhös  und  knorbelicht,  bald  weicher,  manchmal  aus  dünnen  Häuten  gebildet, 
und  mit  Bläschen  besetzt  oder  durchwebt  antraf.  Die  erste  und  zwote  Gattung  enthalten  die 
Gefässe,  die  andern  aber  wohnen  in  der  Höhle  der  Mutter 

Wenigstens  habe  ich  folgende  Krankheiten  und  noch  mehrere,  die  mir  jetzo  nicht  ein- 
fallen, seit  etlich  und  dreyssig  Jahren,  nicht  einmal,  sondern  manche  fünfzig  und  hundertmal, 
blos  dadurch  aus  dem  Grunde  gehoben,  dass  ich  die  Kranken  auf  eine  sehr  in  die  Sinnen 
fallende  Art  von  den  Inf.  befreit  habe.  Es  sind  die  Nerven-  und  Gemüthskrankheiten,  die 
dahin  gehörige  Hypochondrie,  Hysterie,  Epilepsie,  Zuckungen,  Krämpfe,  Sprach-  und  Sinn- 
losigkeit, Starrsucht,  Alpe,  Nachtwandern,  Ohnmächten,  Verdrehungen  des  Halses,  beschwer- 
liches Schlingen,  wandelbare  Halsgeschwulst,  Speichelfluss,  u.  s.  w.  Manie,  und  Melancholie ; 
allerley  Gattungen,  Haupt-,  Augen-,  Ohren  u.  s.w.  Krankheiten,  anhaltender  und  periodischer 
Kopfschmerz  in  verschiedenen  Gegenden,  feuchte  und  trockene  Entzündungen  der  Augen, 
grauer  und  schwarzer  Staar,  verschiedene  Mängel  des  Gehörs,  Betäubung,  Schwindel,  Schlaf- 
sucht, Schlaflosigkeit,  Schlagfluss,  Lähmung  u.  s.  w.  Brustbeschwerden,  Engbrüstigkeit, 
Steckfiuss,  Blutspeien,  Lungensucht:  Krankheiten  des  Unterleibs,  Koliken  von  verschiedener 
Art,  mit  Zufällen  der  Bleikolik,  Darmgicht,  Bauchflüsse,  unbändige  Hartleibigkeit,  Wind-, 
Wasser-  und  Gelbsucht,  falsche  Steinschmerzen,  allerlei  Harnbeschwerden,  Harnstreiige, 
Harnruhr,  Brüche;  Mutter- und  Aftervorfälle,  Hodengeschwülste,  dem  Druck  nachgebende,  aber 
alsdann  oft  schmerzhafte  und  Erbrechen  erregende  Erhabenheiten  an  verschiedenen  Stellen 
des  Bauchs,  Krankheiten  der  Haut,  allerley  Ausschläge  und  Geschwüre,  Krebs,  Aussatz, 
Skorbut,  Schmerzen  uud  Geschwulst  der  Glieder;  übermässige  Blutflüsse,  Unordnung  der 
natürlichen,  Unfruchtbarkeit,  Missgebähren,  u.  s.  w.  kalte  schleichende  Fieber,'  hitzige' 
Krankheiten. 

Die  Nervenkrankheiten,  besonders  die  Fallsucht,  habe  ich  so  oft  von  den  Inf.  vorzüglich 
den  pituitösen  und  auch  schwarzgallichten,  von  der  daher  entstandenen  Verstopfung  der  Ge- 
krösdrüsen,  und  von  gehemmten  Wechselfiebern,  wiewohl  weit  mehr  bey  Kindern,  als  bey  Er- 
wachsenen, entstehen  sehen,  dass  ich  unter  zwanzig  dergleichen  Kranken  kaum  zwey  oder 
drey  angetroffen  habe,  wo  ich  eine  andere  Ursache  zu  bekämpfen  fand.  Ich  bin  daher  er- 
staunt, dass  Herr  Tissot,  dieser  scharfsinnige  Beobachter,  dem  doch  solche  Fälle  weit  öfter, 
als  mir,  vorgekommen  sind,  in  seiner  Abhandlung  von  den  Nervenkrankheiten,  dieser  wichtigen 
und  allgemeinen  Ursachen  so  wenig,  und  gleichsam  nur  im  Vorbeygehen  Erwähnung  thut. 

Die  sehr  seltene  Pulsadergeschwulst  (aneurisma)  der  innern  Theile  habe  ich  meistens, 
wenn  nicht  offenbar  eine  äussere  Gewaltthätigkeit  vorhergegangen  ist,  von  den  Inf.  herzuleiten 
Ursache  gehabt,  und  bin  durch  folgenden  Fall  in  meiner  Muthmassung  bestärkt  worden.  Ein 
fünfzigjähriger  Herr  klagte  über  allerley  hypochondrische  Beschwerden,  vorzüglich  über  Ban- 
gigkeiten, Drücken  in  der  Brust,  und  oft  wiederkehrendes  heftiges  Herzklopfen,  welche  Zu- 
fälle, durch  den  Gebrauch  der  Viszeralklystiere,  sehr  erleichtert  wurden.  Dieser  betrügerische 
Stillstand  machte  den  Kranken  sicher.  Er  fieng  wieder  an,  sich,  mit  Vernachlässigung  der 
Kur  und  Diät,  Tag  und  Nacht  durch  Staatsgeschäfte  zu  erhitzen  und  zu  entkräften,  und  allen 
den  damit  verknüpften  Aergernissen,  gegen  die  nur  eine  am  Staatsruder  schwielig  gewordene 


72  Zum  sechsten  Abschnitt. 

Seele  unempfindlich  wird,  kühn  und  mit  dem  Übeln  Erfolg  auszusetzen,  dass  er,  nach  einer 
heftigen  Gemütsbewegung,  plötzlich  mit  Sinnlosigkeit  und  Zuckungen  befallen  worden, 
worinnen  er  bald  den  Geist  aufgab.  Bei  der  Sektion  fand  man  im  Unterleib  die  Blutgefässe 
des  Gekröses  mit  dickem,  und  theils  polypösen  Blut  vollgepfropft,  und  hier  und  da  in  Säcke 
(varices)  ausgedehnt,  in  der  Brust  aber  eine  geborstene  Geschwulst  der  Aorta. 

Die  gewöhnlichen  Viszeralmittel,  deren  ich  mich,  zur  Zubereitung  unserer  Klysliere, 
mit  unbeschreiblichem  Nutzen  bediene,  sind  folgende : 

Die  Wurzel  des  Löwenzahns  oder  Pfaffenröhrlein  (Taraxacum)  mit  dem  Kraut, 

der  Quecken  (Graminis  radix), 

des  Baldrians  (Valeriana  minor). 

Das  Kraut  der  Kardobenedikten. 
Das  Kraut  und  die  Blume  des  Gauchheils  (Anagallis  flore  phoeniceo),  das  aber  mit  der 
alsine  nicht  darf  verwechselt  werden. 

Das  Kraut  des  Erdrauchs  oder  Taubenkropfs  (fumaria), 

des  weissen  Andorns  (marrubium  album). 

Des  Wolverley  oder  Fallkrauts,  nebst  Blumen  und  Wurzeln  (Arnica). 

Die  Spitzen  und  Blüte  der  Schafrippen  (MillefoHum). 

Kamomillen  und  Wollblumen  (Verbascum). 

Und  die  Roggen-  und  Weizenkleyen. 
Nach  Befinden  der  Umstände  nehme  ich  die  meisten  obigen  Spezies  zum  Klystierabsud, 
oder  wechsele  mit  ihnen  ab,  oder  setze  folgende  zu,  mit  Weglassung  der  minder  passenden  ; 
nemlich 

Die  Grindwurzel  (Lapathum  acutum). 

Und  die  Färberröthewurzel  (Rubia  Tinctorum). 

Die  Sprösslinge  vom  Bittersüss  (Dulcamara). 

Das  Heuhechelkraut  (ononis). 

Die  Simarubarinde. 

Das  Schierlingkraut  (Cicuta  major  sive  Conium  maculatum). 

Die  Pomeranzenblätter,  die  Rosmarinblätter  und  Blumen,  und  die  Pfeffermünze 
(Mentha  piperita). 

Die  verdickte  Ochsengalle  und  besonders  den  stinkenden  Assant,  oder  auf  deutsch, 
Teufelsdreck. 
Die  Wurzeln  werden  von  der  Hälfte  Märzes  an,  bis  in  den  Junius,  oder  ehe  sie  stark  in 
die  Stengel  geschossen  sind ,  und  die  Kräuter,  ehe  sie  Blumen  tragen,  gesammelt.     Beyde 

werden  luftig  und  im  Schatten  getrocknet 

Aus  diesen  angezeigten  Spezies  nun  wird  der  Klystierabsud  auf  folgende  Art  zubereitet. 
Man  giesst  über  zwey  bis  drei  Loth,  oder  eine  starke  Handvoll  der  Klystierspezies,  und  über 
eine  kleine  Handvoll  Kleyen  anderthalb  Schoppen  Regen  -  oder  Kalkwasser.  Hat  man  den 
Tag  über  zwey  oder  drey  Klystiere  nöthig,  so  setzt  man  eine  doppelte  oder  dreyfache  Portion 
auf  einmal  an.  Diesen  Aufguss  stellt  man,  in  einem  irdenen  oder  eisernen  Gefässe,  das  mit 
einem  genau  passenden  Deckel  versehen  ist,  und  dessen  Rand  man  noch  überdiess,  vermittels 
eines  länglich  geschnittenen  und  mit  Mehlpappe  überstrichenen  Papiers  rings  herum  verkleben 
muss,  Nachts  in  heisse  Asche.  Morgens  wird  er,  bey  etwas  verstärktem  Feuer,  so  lange  gelind 
abgedämpft,  dass,  nach  dem  starken  Durchpressen  desselben  durch  ein  Tuch,  etwas  weniger, 
als  zwey  Drittel  davon  oder  ein  kleiner  Schoppen,  der  ungefähr  zwölf  Unzen  ausmacht, 
übrig  bleiben. 

Dieser  Absud  wird  wohl  noch  einmal  so  kräftig,  wenn  man  Gelegenheit  hat,  ihn  in  der 
papinianischen  Maschiene  zubereiten  zu  lassen.  Man  brüht  alsdann  die  Spezies  nur  mit  einem 
Schoppen  Wasser  an,  dem,  zu  mehrerer  Sicherheit,  durchs  Kochen  ein  guter  Theil  der  Luft 
vorher  benommen  worden  ist,  hängt  den,  bis  auf  drey  Zoll  hoch  leeren  Raum  angefüllten 
Digestor  Nachts  über  einen  solchen  Grad  von  Koh'feuer,  der  dem  Siedpunkt  nahe  ist,  worinnen 
ihn  die  mit  Asche  gedämpften  Kohlen  bis  an  den  Morgen  erhalten  sollen.  Wenn  der  Digestor 
genugsam  abgekühlt  ist,  um  ihn,  ohne  Verlust  der  Brühe  öfnen  zu  können,  so  wird  die  Kräuter- 
brühe, ohne  weiteres  Abdämpfen,  stark  ausgepresst 

Ich  liess  die  Klystiere  ehedem  mit  Regen-  oder  leichtem  Flusswasser  absieden.  Seit  ein 
paar  Jahren  aber  habe  ich  aueh  das  Kalkwasser  anstatt  des  Regenwassers,  mit  augenschein- 
lichen, gutem,  nie  übelm  Erfolg,  doch  meistens  gegen  die  pituitösen  Inf.  gebrauchen  lassen. 
Ich  mache  mir  wirklich  Vorwürfe,  dass  ich  dieses  vortreffliche  Viszeralmittel  nicht  eher  und 
häufiger  in  den  Klystieren  angewandt  habe ,  da  doch  dessen  Nutzen  im  Gries,  in  verstopften 


Die  Kämpf'sche  Lehre  vom  Infarctus.  73 

Eingeweiden,  in  den  Plagen  von  herrschender  Säure,  in  hartnäckigen  Durchfällen,  der  Ka- 
kochymie,  dem  Scharbock,  den  Hautausschlägen,  wo  es  auch  bey  säugenden  Kindern,  wenn  es 
gleich  bloss  von  den  Säugammen  verschluckt  wurde,  vortreffliche  Wirkung  geäussert  hat,  und 
in  scrophulösen,  bösartigen  und  selbst  Krebsgeschwüren,  in  den  Urinbeschwerden,  der  Harn- 
ruhr, und  gegen  die  Blähungen,  schon  längstens  bestätigt  war,  und  das,  nach  den  neueren 
Erfahrungen  eines  Whytt,  Senac,  Gaben  und  anderer,  in  Schmelzung  der  Speckhaut  des  Bluts, 
der  Polypen  und  Gichtknoten,  und  nach  eigenen  Versuchen,  in  der  Auflösung  der  verstopften 
Gekrössdrüsen  und  unbändigsten  schleimichten,  lymphatischen  Verhärtungen,  seines  gleichen 
nicht  hat.  Es  zieht  überdies  die  Kräfte  der  Klystierspezies  besser  aus,  und  verhütet  die  saure 
Gährung  ihres  Absudes. 

Wenn  ich  es  für  nüthig  erachte,  zähen,  fetten  Unrath  kräftiger  aufzulösen,  und  die  von 
undurchdringlichem  Kleister  übergezogenen  und  daher  unempfindlichen  Gedärme  zum  Auswurf 
desselben  zu  reitzen,  die  Säure  noch  mehr  zu  dämpfen,  oder  den  Mangel  der  Galle  und  ihre  Un- 
thätigkeitzu  ersetzen,  so  lasse  ich  ihm  etliche  Löffel  voll  inspissirter  Ochsengalle  beymischen 

Sobald  der  Absud  durchgeseigt  ist,  so  giebt  man  ihm,  dnrch  Zugiessung  kalten  Kalk- 
wassers, die  erforderliche  Temperatur  von  Wärme,  die  diejenige  des  Bluts  von  weitem  nicht 
erreichen,  oder  den  fünf  und  dreysigsten  Grad  des  reaumürschen  Wärmemessers  nicht  über- 
steigen darf,  und  füllt  darauf  die  Klystiermaschiene  ohne  Verweilen  damit  an. 

Den  Anfang  der  Kur  lasse  ich  meistens  mit  milchlauen,  doch  eher  kühlem,  als  wärmern 
Klystieren  machen,  das  ist:  mit  solchen,  die  nicht  kühlerund  nicht  wärmer  sind,  als  der  fünf 
und  zwanzigste  und  fünf  und  dreysigste  Grad  des  reaumürschen  Thermometers  anzeigt. 

Die  wärmern,  meistens  lauen  Klystiere,  wende  ich  in  den  oben  bestimmten  Fällen,  wo 
das  Kalkwasser  nicht  statt  hat,  aus  den  dort  beschriebenen  Spezies  zubereitet,  an,  das  sehr 
selten  geschieht. 

Bey  dieser  Beschaffenheit  lasse  ich  noch  den  Unterleib  zugleich  mit  Breiumschlägen,  die 
aus  ähnlichen  Ingredienzien  und  Seife  verfertigt  werden,  fleissig  bähen.  Die  nemlichen  haben 
mir  auch,  zur  Beförderung  gehemmter  Blutflüsse  u.  s.  w.  oft  erwünschte  Hülfe  geleistet. 

Zur  Abwechselung  der  lauen  Klystiere  mit  kühlem  schreite  ich,  sobald  ich  merke,  dass 
die  Infarctus  beweglich  sind.  Ich  schliesse  es  daraus,  wenn  die  Kranken,  nach  dem  beyge- 
brachten  Klystier,  einen  Drang,  oder  Stuhlzwang,  Kneipen,  Aufblähen,  und  andere  bisher 
ungewöhnliche,  besonders  periodische  Beschwerden  zu  fühlen  anfangen.  So  habe  ich  mehr- 
malen erfahren,  dass  die  Kranken,  die  die  Klystiere  vorher  leicht  bei  sich  behielten,  sie,  nach 
einer  viertel  oder  halben  Stunde,  plötzlich  von  sich  zu  geben  gezwungen  waren,  und  wo  erst, 
drey  bis  vier  Stunden  nach  dem  Abgang  des  unveränderlichen  Klystierdekokts,  die  Infarctus 
nach  und  nach  gefolgt  sind.  Noch  vor  kurzen  bewunderte  ich  dieses  bey  einem  Wassersüch- 
tigen, in  den  ersten  vierzehen  Tagen  der  Kur.  Dieser  glückliche  Zeitpunkt  zeigt  sich  aber 
selten  so  geschwind. 

Es  muss  oft  zwey  bis  sechs  Monate,  ja  Jahre  lang  mit  dem  Gebrauch  der  Klystiere  ge- 
duldig und  standhaft  angehalten  werden,  ehe  derselbe  erscheint 

Es  ist  eine  Hauptsache,  dass  der  Klystierabsud  so  lange  im  Darmkanal  zurückgehalten 
werde,  bis  er  völlig  darinnen  verzehrt,  verdämpft,  oder  von  seinen  Saugröhrchen,  so  weit  auf- 
genommen worden  ist,  dass  man  bei  dem  nächsten  Stuhlgange  keine  Spur  davon  wahrnehmen 
kann.  Unter  dieser  Bedingung  hat  man  sich  erst  die  ausserordentliche  Wirkung  von  den 
Viszeralklystieren  zu  versprechen.  Dennoch  sind  auch  manche  genesen,  welche  sie  nur  eine 
viertel,  oder  halbe  Stunde  bey  sich  behalten  konnten.  Bey  vielen  waren  sie  nicht  länger,  als 
die  ersten  fünf  bis  sechs  Tage  rebellisch,  und  bey  andern  musste  man  vorher  die  verschiedenen 
Ursachen  heben,  die  das  Zurückhalten  der  Klystiere  erschwerten,  oder  verhinderten 

Die  auflösende  Wirkung  der  Klystiere  wird  durch  folgende  äusere  Mittel  kräftig  unter- 
stützt: durch  zugleich  angewandte  Bäder,  wovon  ich  unten  ein  mehreres  sagen  werde,  durch 
eine,  mit  dem  flüchtigen  Liniment  vermischte  Seifensalbe,  die  man  täglich  zweymal,  unter  an- 
haltendem Reiben,  dem  Unterleib  oder  demjenigen  Theil,  woran  man  eine  Geschwulst  oder 
Verhärtung  bemerkt,  appliziert.  In  diesem  letztern  Fall  lasse  ich  noch  etwas  mit  arabischem 
Gummischleim  abgeriebenes  Quecksilber  und  gepulverte  Belladonnablätter  zusetzen,  und,  durch 
ein  stark  auflösendes  Pflaster,  des  Nachts  auflegen. 

Diejenigen  Kranken  aber,  welche  sehr  geschwächte  Gedärme  haben,  lasse  ich,  statt  des 
Pflasters,  einen  mit  China  oder  Lohstaub  und  etwas  Musskatennusspulver  angefüllten  uud  ge- 
stopften Gürtel  um  den  Bauch  tragen,  dessen  inwendige  Seite  dann  und  wann  mit  Salmiak- 
geist und  destillirtem  Kamomillenöl  angefeuchtet  wird. 

Die  Seifensalbe,  deren  ich  mich  bediene,  besteht  aus  einer  Unze  geschabter  venetianischer 
Seife,  vier  Unzen  Weingeist  und  zwey  Skrupel  Kampfer.     Der  Weingeist  wird  angezündet 


74  Zum  sechsten  Abschnitt. 

und  die  Masse,  so  lange  er  brennt,  umgerührt,  und  ihr,  wenn  sie  abgekühlt  ist,  der  Kampfer 
zugemischt. 

Das  flüchtige  Liniment  lasse  ich  aus  einer  Unze  Leinöl,  das  mit  Bilsensaamen  und  Blät- 
tern gekocht  worden,  anderthalb  Quentchen  Salmiakgeist  und  dem  Gelben  eines  Eyes  ver- 
fertigen. Einer  jeden  Portion  der  gemischten  Linimenten,  lasse  ich,  kurz  vorm  Gebrauch, 
allenfalls  noch  zehn  Tropfen  vom  Alkali  volat.  des  Herrn  Sage,  und  zwanzig  bis  dreyssig 
Tropfen  des  destillirten  Kamomillenöls  beymischen. 

Das  Pflaster  wird  aus  verdicktem  Schirlingssaft,  Bilsensaamenschleim,  Ochsengalle,  dem 
in  Terpentingeist  aufgelösten  Galbanum,  den  floribus  salis  ammoniaci  martialibus  und  Wachs 
zubereitet 

So  sehr  auch  die  Wirkung  der  Viszeralmittel  dadurch  erhöht  wird,  wenn  man  sie  in  Ge- 
stalt von  Klystieren  anwendet,  und  so  gewiss  es  auch  ist,  dass  gegen  die  oben  beschriebenen 
hartnäckigen  Gattungen  von  Inf.  ohne  diese  Methode  nichts  ausgerichtet  werden  kann,  soschliesst 
dieselbe  dennoch  die  gewöhnliche  Kurart  nicht  aus.  Ia  es  giebt  viele  Fälle,  wo  man  die  Klystiere 
füglich  entbehren  kann.  So  habe  ich  die  nicht  verjährten  und  zu  zähen,  pituitösen  und  schwarz- 
gallichten  Inf.  mehr  als  hundertmal,  ohne  ihre  Beyhülfe,  überwältigt.  In  den  meisten  Fällen 
fährt  man  aber  am  sichersten,  wenn  man  eine  Kurart  durch  die  andere  unterstützt,  oder  wenn 
man  die  Viszeralmittel  in  beyderley  Gestalt,  den  diätetischen  Gebrauch  derselben  mit  einge- 
rechnet, zu  gleicher  Zeit  oder  wechselsweise  nehmen  lässt.  Sobald  ich  aber  gewahr  werde, 
dass  die  gewöhnlich  einschneidenden  und  abführenden  Mittel  keine  oder  nicht  hinlängliche 
Ausleerungen  eines  widernatürlichen  Unraths  bewirken,  oder  dass  die  Gedärme  gegen  die  stärk- 
sten Purganzen  unempfindlich  sind,  so  mache  ich  den  in  der  Erfahrung  gegründeten  Schluss, 
dass  sie  mit  einem  häufigen,  äusserst  zähen  Kleister  überzogen  sind,  der  vorher  durch  Klystiere 
erweicht  und  beweglich  gemacht  werden  muss,  wenn  er  nicht  gegen  jedes  andere  Mittel  un- 
bändig bleiben  soll.  Ich  bin  mehrmals  Zeuge  gewesen,  dass  drastische  Mittel,  z.  B.  zwölf 
Gran  Gummigutt  kaum  etliche  wässerige  Stuhlgänge  erregten,  und  wo  die  milden  Klystiere, 
in  der  Folge  drastisch  wirkten. 

Aus  dem  Verzeichniss  der  Klystierspezies,  und  der  Beschreibung  ihrer  Wirkungsart  wird 
man  ersehen,  dass  die  meisten  derselben,  nach  behöriger  Zubereitung,  auf  die  gewöhnliche 
Art  verschrieben  werden  können.  Die  auf  jeden  Umstand  passende  Auswahl,  wovon  ich  eine 
kurze  Anleitung  gegeben  habe,  überlasse  ich  den  Einsichten  der  Aerzte,  welche  auch  auf  die 
verschiedene  Beschaffenheit  des  Körpers  überhaupt,  und  des  Magens  insbesondere  Rücksicht 
nehmen  werden 

Man  muss  sie  (nämlich  Klystiere  und  Arzneien)  aber  immer,  wie  in  diesem,  so  in  jedem 
Falle,  mit  solchen  Nahrungsmitteln,  welche  vorzüglich  den  Inf.  angemessen  sind,  oder  welche 
seifenartige,  eröfnende,  geschmeidig  machende  und  die  scharfen  Säfte  versüssende  Arzeney- 
kräfte  besitzen,  angenehm  und  doch  kräftig  unterstützen. 

Zu  diesem  Behufe  will  ich  unter  vielen  andern  nur  derjenigen  erwähnen,  die  ich  des 
meistens  Zutrauens  würdig  gefunden,  und  auch  diejenigen  bemerken,  deren  Missbrauch  eine 
Ursache  der  Inf.  abgeben,  und  deren  Gebrauch  folglich  schädlich  seye,  oder  doch  nur  selten 
und  unter  gewissen  Bedingungen  erlaubt  werden  kann. 

Unter  die  heilsamen  (es  werden  nur  einige  als  Gemüse  oder  Salate,  in  Suppen  oder  Trän- 
ken, oder  ohne  Zubereitung  genossen)  rechne  ich  die  Skorzoner-  Haber-  Zucker-Sellery  und 
Cichorien-  wie  auch  die  Petersilien- und  Palsternakwurzeln  ;.. .  die  Rapunzen,  gelbe  und  rothe 
Rüben,  Spargel  und  Hopfensprossen,  das  Löwenzahnkraut,  die  jungen  Nesseln,  das  Maus- 
öhrlein, den  Spinat,  die  ihm  ähnliche  türkische  oder  weisse  Gartenmelde,  den  eingemachten 
weissen  Kohl  oder  Sauerkraut,  den  in  der  ersten  Brühe  abgekochten  blauen  Kohl,  den  Koch- 
salat, das  Cichorienkraut,  die  Endivien  und  Brunneukresse,  den  Lattig  (Lactuca),  Portulack, 
Boratsch,  Sauerampfer,  die  Gurken,  Zitronen,  Limonen,  Pomeranzen,  und  unter  dem  Obst,  die 
völlig  reifen  Trauben,  Kirschen,  Zwetschgen,  die  Johannes-  Preisel-  und  Maulbeeren;  die  von 
Würmern  freyen  Himbeeren,  und  die  so  angenehmen  als  vortrefflichen,  aber,  wenn  sie  nicht 
Nervenzufälle  erregen  sollep,  von  den  unreifen  sorgfältig  abgesonderten,  und  vom  Ungeziefer 
unbesudelten,  oder  davon  gereinigten  Erdbeeren. 

Den  Mangel  dieser  Gattung  Obst  ersetzen  die  zuckerreichen,  mit  Essig  eingemachten 
rothen  Rüben,  und  die  Salzgurken. 

Ferner  gehören  auch  die  Körbel,  Meerrettig,  Senf,  der  antiseptische,  antiskorbutische,  die 
verdickten  Säfte,  und  die  schwarze  Galle  auflösende  Zucker  und  Honig,  die  seifenartigen, 
gegen  die  serösen  und  gallichten  Stockungen  wirksamen,  frischen,  ungesottenen  Eyer,  die 
lindernden,  die  Schärfe  tilgenden  Austern,  und  das  die  Pituita  auflösende,  gesalzene  und  ge- 
räucherte Fleisch,  nebst  den  frischen  Heringen  in  die  Klasse  der  diätetischen  Arzeneymittel 


Sauvages*  nosologisches  System.  75 

Zum  gewöhnlichen  Trank  wählt  mau  Tisanen,  die  z.  B.  ans  Reiss,  Cichorien,  Quecken- 
und  wohl  geschabten  Skorzonerwurzeln  verfertigt  werden,  oder  auch  das  mit  schicklichen 
Wurzeln  u.  s.  w.  gegohrene  Luftmalzbier,  oder,  nach  Umständen,  den  ungegohrenen  Malz- 
trank, oder  den  Absud  von  Wacholderwurzeln.  Diese  Getränke  müssen  zwar  sehr  häufig 
genossen  werden,  wenn  sie  als  Viszeral-  oder  blutreinigende  Mittel  wirken  sollen,  aber  es  darf 
doch  nie  zu  viel  auf  einmal  und  wenig  bey  den  Mahlzeiten,  das  heisst,  es  darf  nur  so  viel  ge- 
schehen, dass  sie  den  Magen  nicht  ausdehnen,  unddie  Verdauungssäfte  schwächen. 

Wo  eine  Neigung  zur  Säure  verspürt  wird,  muss  man  zu  der  Hühnerbrühe  und  zu  den 
Tisanen  mehr  bitterliche  Wurzeln  wählen,  auch  Körbel  und  Eyergelb  zusetzen 

Zuverlässig  machen  die  mit  dem  Gebrauche  der  Arzeneyen  verbundenen,  täglichen  Leibes- 
bewegungen einen  für  unsre  Kranken  wichtigen,  und  oft  unentbehrlichen  Theil  der  Lebensart 
aus.  Dahin  gehören  das  Reisen  zu  Wasser  und  Land,  die  Veränderung  der  Gegenstände,  die 
Jagd,  lustige  Schauspiele,  die  Musik  und  angenehme  Gesellschaft,  das  Reiben  des  Unterleibs, 
und  das  kalte  Waschen  und  Baden. 

Sauvages'  nosologisches  System. 
Classis  I.  (Vitia.) 

Ordo  I.    Maculae. 

Leucoma.  —  Vitiligo.  —  Ephelis.  —  Gutta-rosea.  —  Naevus.  —  Eccbymoma.  — 

Ordo  II.    Efflorescentiae. 

Pustula,  Papula,  Phlyctaena.  —  Varus.  —  Herpes.  —  Epinyctis.  —  Psydracia.  — 
Hidroa.  — 

Ordo  III.   Phymata. 

Erythema.  —  Oedema.  —  Emphysema.  —  Scirrhus.  —  Phlegmone.  —  Bubo.  —  Pa- 
rotis. —  Furunculus.  —  Anthrax.  —  Cancer.  —  Paronychia.  —  Phimosis.  — 

Ordo  IV.    Excrescentiae. 

Sarcoma.  —  Condyloma.  —  Verruca.  —  Pterygium.  —  Hordeolum.  —  Broncbocele.  — 
Exostosis.  —  Gibbositas.  —  Lordosis.  — 

Ordo  V.   Cystides. 

Aneurysma.  - —  Varix.  —  Marisca.  —  Hydatis.  —  Staphyloma.  —  Lupia.  —  Hy- 
darthrus.  —  Apostema.  —  Exomphalus.  —  Oscheocele.  — 

Ordo  VI.    Ectopiae. 

Exophthalmia.  —  Blepharoptosis.  —  Hypostaphyle.  —  Paraglosse.  —  Proptoma.  — 
Exania.  —  Exocyste.  —  Hysteroptosis.  —  Enterocele.  —  Epiplocele.  —  Gastrocele.  —  Hepa- 
tocele.  —  Splenocele.  —  Hysterocele.  —  Cystocele.  —  Encephalocele.  —  Hysteroloxia.  — 
Parorchidium.  —  Exarthrema.  —  Diastasis.  —  Loxarthrus.  — 

Ordo  VII.   Plagae. 

Vulnus.  —  Punctura.  —  Excoriatio.  —  Contusio.  —  Fractura.  —  Fissura.  —  Rup- 
tura.  —  Amputatura.  —  Ulcus.  —  Exulceratio.  —  Sinus.  —  Fistula.  —  Rhagas.  —  Eschara.  — 
Caries.  —  Arthrocace.  — 

Classis  II.  (Febres.) 

Ordo  I.    Continuae. 

Ephemera.  —  Synocha.  —  Synochus.  —  Typhus.  —  Hectica.  — 

Ordo  IL    Remittentes. 

Amphimerina.  —  Tritaeophya.  —  Tetartophya.  — 

Ordo  IH.   Intermittentes. 

Quotidiana.  —  Tertiana.  —  Quartana.  —  Erratica.  — 
Classis  III.  (Phlegmasiae.) 

Ordi  I.    Exantheinaticae. 

Pestis.  —  Variola.  —  Pemphigus.  —  Rubeola.  —  Miliaris.  —  Purpura.  —  Erysipelas.  — 
Scarlatina.  —  Essera.  —  Aphthae.  — 

Ordo  H.   Membranosae. 

Phrenitis.  —  Paraphrenitis.  —  Pleuritis.  —  Gastritis.  —  Enteritis.  —  Epiploitis.  — 
Metritis.  —  Cystitis.  — 

Ordo  III.    Parenchymatosae. 

Cephalitis-  —  Cynanche.  —  Carditis.  —  Peripneumonia.  —  Hepatitis.  —  Splenitis.  — ■ 
Nephritis.  — 

Classis  IV.  (Spasmi.) 

Ordo  I.    Tonici  partiales. 

Strabismus.  —  Trismus.  —  Ostipitas.  —  Contractura.  —  Crampus.  —  Priapismus,  — 


76  Zum  sechsten  Abschnitt. 

Orto  II.   Tonici  generales. 

Tetanus.  —  Catochus.  — 

Ordo  III.    Clonici  partiales. 

Nystagmus.  —  Carphologia.  —  Pandiculatio.   —  Apomyttosis.  —  Convulsio.  —  Tre- 
mor. —  Palpitatio.  —  Claudicatio.  — 

Ordo  IV.    Clonici  generales. 

Rigor.  —  Eclampsia.  —  Epilepsia.  —  Hysteria.  —  Scelotyrbe.  —  Beriberia.  — 
Classis  V.  (Anhelationes.) 

Ordo  I.    Spasmodicae. 

Ephialtes.  —  Sternutatio.  —  Oscedo.  —  Singultus.  —  Tussis.  — 

Ordo  II.    Oppressivae. 

Stertor,   —   Dyspnoea.    —   Asthma.    —   Orthopnoea.  —  Angina.  —  Pleurodyne.  — 
Rheuma.  —  Hydrothorax.  —  Empyema.  — 
Classis  VI.  (Debilitates.) 

Ordo  I.    Dysaesthesiae. 

Cataracta.   —  Caligo.    —  Amblyopia.  —  Amaurosis.  —  Anosmia.  —  Agheustia.  — 
Dysecoea.  —  Paracusis.  —  Cophosis.  —  Anaesthesia.  — 

Ordo  II.   Anepithymiae. 

Anorexia.  —  Adipsia.  —  Anaphrodisia.  — 

Ordo  III.    Dyscinesiae. 

Mutitas.  —  Aphonia.  —  Psellismus.   —  Paraphonia.  —  Paralysis.  —  Hemiplegia.  — 
Paraplexia.  — 

Ordo  rV.    Leipopsychiae. 

Asthenia.  —  Lipothymia.  —  Syncope.  —  Asphyxia.  — 

Ordo  V.  Comata. 

Catalepsis.  —  Ecstasis.  —  Typhomania.  —  Lethargus.  —   Cataphora.  —  Carus.  — 
Apoplexia.  — 

Classis  VII.  (Dolores.) 

Ordo  I.    Vagi. 

Arthritis.  —  Ostocopus.  —  Rheumatismus.  —  Catarrhus.  —  Anxietas.  —  Lassitudo.  — 
Stupor.  —  Pruritus.  —  Algor.  —  Ardor.  — 

Ordo  II.  Capitis. 

Cephalalgia.    —    Cephalaea.   —   Hemicrania.    —    Ophthalmia.  —  Otalgia.  —  Odon- 
talgia.  — 

Ordo  III.    Pectoris. 

Dysphagia.  —  Pyrosis.  —  Cardiogmus.  — 

Ordo  IV.    Abdominales  interni. 

Cardialgia.  —  Gastrodynia.  —  Colica.  —  Hepatalgia.  —  Splenalgia.  —  Nephralgia.  — 
Dystocia.  —  Hysteralgia.  — 

Ordo  V.    Partium  externarum. 

Mastodynia.  —  Rachialgia.  —  Lumbago.  —  Ischias.  —  Proctalgia.  —  Pudendagra.  — 
Classis  VIII.  (Vesaniae.) 

Ordo  I.    Hallucinationes. 

Vertigo.  —  Suffusio.   —  Diplopia.  —  Syrigmus.  —  Hypochondriasis.  —  Somnambul- 
ismus. — 

Ordo  IL  Morositates. 

Pica.  —  Bulimia.  —  Polydipsia.  —  Antipathia.  —  Nostalgia.  —  Panophobia.   —  Saty- 
riasis.  —  Nymphomania.  —  Tarantismus.  —  Hydrophobia.  — 

Ordo  III.   Deliria. 

Paraphrosyne.  —  Amentia.  —  Melancholia.  —  Daemonomania.  —  Mania.  — 

Ordo  IV.    Vesaniae  anomalae. 

Amnesia.  —  Agrypnia.  — 

Classis  IX.  (Fluxus.) 

Ordo  I.    Sanguifluxus. 

Haemorrhagia.  —  Haemoptysis.  —  Stomacace.  —  Haematemesis.  —  Haematuria.  — 
Menorrhagia.  —  Abortus.  — 

Ordo  II.    a)  Alvi  fluxus  sanguinolenti. 

Hepatirrhoea.  —  Haemorrhois.  —  Dysenteria.  —  Melaena.  — 

Ordo  IL   b)  Alvi  fluxus  non  sanguinolenti. 


Sauvages'  nosologisches  System.  77 

Nausea.  —  Vomitus.  —  Ileus.  —  Cholera.  —  Diarrhoea.  —  Coeliaca.  —  Lienteria.  — 
Tenesmus.  — 

Ordo  III.    Seri  fluxus. 

Ephidrosis.  —  Epiphora.  —  Coryza.  —  Ptyalismus.   —   Anacatharsis.  —  Diabetes.  — 
Enuresis.  —  Dysuria.  —  Pyuria.  —  Leucorrhoea.  —  Gonorrhoea.  —  Dyspermatismus.  — 
Galactirrhoea.  —  Otorrhoea.  — 
Ordo  IV.    Aeri  fluxus. 
Flatulentia.  —  Aedopsophia.  —  Dysodia.  — 

Classis  X.  (Morbi  cachectici.) 
Ordo  I.    Macies. 

Tabes.  —  Phthisis.  —  Atrophia.  —  Aridura.  — 
Ordo  II.    Intumescentiae. 

Polysarcia.  —  Pneumatosis.  —  Anasarca.  —  Phlegmatia.  —  Physconia.  —  Graviditas.  — 
Ordo  III.    Hydropes  partiales. 

Hydrocephalus.  —  Physocephalus.  —   Hydrorachitis.  —  Ascites.  —  Hydrometra.  — 
Physometra.  —  Tympanites  —  Meteorismus.  —  Ischuria.  — 
OrdorV.    Tubera. 

Rachitis.  —  Scrophula.  —  Carcinoma.  —  Leontiasis.  —  Malis.  —  Frambaesia.  — 
Ordo  V.   Impetigines. 

Syphilis.  —  Scorbutus.  —  Elephantiasis.  —  Lepra.  —  Scabies.  — •  Tinea.  — 
Ordo  VI.    Icteritiae. 

Aurigo.  —  Melasicterus.  —  Phoenygmus.  —  Chlorosis.  — 
Ordo  VII.    Cachexiae  anomalae. 

Phthiriasis.  —  Trichoma.  —  Alopecia.  —  Elcosis.  —  Gangraena.  —  Necrosis.  — 
Classes  morborum  aetiologicae. 
Classis  I.  Morbi  venenati. 

„  II.  Morbi  virulenti. 

„  HI.  Morbi  exanthematici. 

„  IV.  Morbi  metastatici. 

„  V.  Morbi  febricosi. 

„  VI.  Morbi  miasmatici. 

„  VII.  Morbi  phlogistici. 

„  VIII.  Morbi  sanguinei. 

„  IX.  Morbi  biliosi. 

„  X.  Morbi  saburrales. 

„  XI.  Morbi  pituitosi. 

„  XII.  Morbi  catarrhales. 

„  XIII.  Morbi  lactei. 

„  XIV.  Morbi  serosi. 

n  XV.  Morbi  flatulente 

„  XVI.  Morbi  purulenti. 

„  XVII.  Morbi  acrimoniosi. 

„  XVIII.  Morbi  organici. 

„  XIX.  Morbi  vulnerarii. 

„  XX.  Morbi  emphractici. 

„  XXI.  Morbi  verminosi. 

„  XXII.  Morbi  calculosi. 

„  XXIII.  Morbi  spasmodici. 

„  XXIV.  Morbi  atoni. 

„  XXV.  Morbi  morales. 

Methodus  anatomica  morborum. 
Classis       I.  Morbi  cutanei  universales. 

n  II.  Morbi  cutanei  partiales. 

„         III.  Morbi  artuum. 

„         W.  Morbi  sexuum. 

«  V.  Morbi  sensuum. 

„         VI.  Morbi  capitis. 

»        VII.  Morbi  pectoris. 

n       VIII.  Morbi  abdominis. 

„         ,IX.  Morbi  aetatum. 


78  Zum  sechsten  Abschnitt. 

Beispiele  der  Beschreibung  und  Specific  ation. 

Apoplexia,  ab  apoplettein,  desuper  percutere.  Cognoscitur  ex  somno  profundissimo,  vix 
excitabili,  cum  stertorosa  respiratione,  et  artuum  omnium  laxitate:  confunditur  saepe  cum 
asphyxia,  cephalitide,  epilepsia  etc.  1.  Apoplexia  sanguinea  Sennerti.  —  2.  Apoplexia  trau- 
matica. —  3.  Apoplexia  temulenta.  —  4.  Apoplexia  hysterica  Sydenhami.  —  5.  Apoplexia 
arthritica  Musgravii.  —  6.  Apoplexia  metastatica.  —  7.  Apoplexia  pituitosa.  —  8.  Apoplexia 
epileptica  Lancisii.  —  9.  Apoplexia  febricosa.  —  10.  Apoplexia  suspiriosa.  —  11.  Apoplexia 
polyposa.  —  12.  Apoplexia  atrabilaria.  —  13.  Apoplexia  inflammatoria.  —  14.  Apoplexia 
mephitica.  —  Apoplexia  verminosa.  — 

Hepatitis  phlegmasia  est  acuta,  cujus  praecipua  symptomata  sunt  tensio  dolorifica  hypo- 
chondrii  dextri  sub  costis  spuriis,  cum  sensu  ardoris,  gravitatis,  dyspnoea,  tussi  sicca,  faciei 
colore  flavescente,  siti,  anorexia,  et  saepius  singultu  et  vomitu.  1.  Hepatitis  erysipelatosa.  — 
2.  Hepatitis  pleuritica.  —  3.  Hepatitis  muscularis.  —  4.  Hepatitis  cystica.  —  5.  Hepatitis 
obscura.  —  6.  Hepatitis  suppurans. 


.••" 


ZUM  SIEBENTEN  ABSCHNITT. 


Brown.     Seine  Eintheilung  und  Aufzählung  der  Krankheiten. 

I.  Allgemeine  Krankheiten. 

1.  Erste  Form  oder  sthenische  Krankheiten.  Peripneumonia,  worunter  auch  Pleuritis  und 
die  idiopathische  Carditis  begriffen  werden.  —  Phrenitis.  —  Sthenische  Ausschläge.  —  Variola 
gravis.  —  Rubeola.  —  Erysipelas  gravis.  —  Rheumatismus.  — Erysipelas  mitius.  —  Cynanches 
tonsillaris.  —  Catarrh.  —  Synocha.  —  Scarlatina.  —  Pocken.  —  Gelinde  Masern.  —  Phlo- 
gistische  Apyrexien.  —  Mania.  —  Pervigilium.  —  Obesitas. 

2.  Zweite  Form  oder  asthenische  Krankheiten.  Macies.  —  Inquietudo.  —  Amentia.  — 
Eruptioscabiosa.  —  Scarlatina  asthenica.  —  Diabetes  levior.  — Rhachitis. — Haemorrhaeae. — 
Epistaxis.  —  Haemorrhois.  —  Menstruorum  cessatio,  retentio,  suppressio.  —  Sitis.  —  Vomi- 
tus.  —  Indigestio.  —  Diarrhoea.  —  Colicanodyne.  —  (Kinderkrankheiten:  Vermes.  — 
Tabes.  — )  Dysenteria  et  cholera  leniores.  —  Angina.  —  Scorbutes.  —  Hysteria  lenior.  — 
Rheumatalgia.  —  Tussis  asthenica.  —  Cystirrhoea.  —  Podagra  validiorum.  —  Asthma.  — 
Spasmus.  —  Anasarca.  —  Dyspesodynia.  —  Hysteria  gravior.  —  Podagra  imbecilliorum. — 
Hypochondriasis.  —  Hydrops.  —  Pertussis.  —  Epilepsia.  —  Paralysis.  —  Trismus.  —  Apo- 
plexia. —  Tetanus.  —  Febres,  ut  quartana,  tertiana,  quotidiana.  —  Dysenteria,  cholera  gra- 
viores.  —  Synochus  et  Typhus.  —  Cynanche  gangraenosa.  —  Variola  confluens.  —  Typhus 
pestilens.  —  Pestis. 

II.  Oertliche  Krankheiten. 

1.  Enteritis.  —  Hysteritis.  —  Abortus.  —  Difficilis  partus.  —  Altiora  vulnera. 

2.  Allgemeine  Krankheiten,  die  in  örtliche  ausarten :  Suppuratio.  —  Pustula.  —  An- 
thrax. —  Bubo.  —  Gangraena.  —  Sphacelus.  —  Tumor  cum  ulcere  scrofulosus.  —  Tumor 
scirrhosus. 

Rösehlaub's  dreissig  Geseze  der  Erregbarkeit. 

1)  Ohne  Reiz  existirt  keine  Reizung  (Irritation). 

2)  Ohne  Reizung  keine  Erregung. 

3)  Ohne  Reizbarkeit  keine  Reizung,  also  auch  keine  Erregung. 

4)  Ohne  Reizbarkeit  keine  Lebensfunction. 

5)  Die  Reizung  besteht  nur  so  lange  als  der  Reiz  dauert,  hört  auf,  sobald  der  Reiz 
aufhört. 

6)  Gleich  starker  Reiz  bringt  in  der  organischen  Materie  desto  heftigere  Reizung  hervor, 
je  grösser  die  Erregbarkeit  ist. 

7)  Je  grösser  die  Erregbarkeit  ist,  desto  geringeres  Incitament  ist  hinlänglich,  eine  be- 
trächtliche Erregung  hervorzubringen  und  umgekehrt. 

8)  Jeder  Reiz  vermindert  die  Erregbarkeit. 

9)  Jede  Verminderung  des  Reizes  vermehrt  die  Erregbarkeit. 

10)  Je  mehrere  und  stärkere  Reize  auf  die  organische  Masse  wirken,  desto  mehr  wird 
die  Erregbarkeit  vermindert  und  umgekehrt. 

11)  Je  grösser  die  Verminderung  des  Reizes  ist,  desto  mehr  wird  die  Erregbarkeit  erhöht. 

12)  Je  länger  derselbe  Grad  des  Reizes  wirkt,  desto  mehr  wird  allmählig  die  Erregbarkeit 
vermindert. 

13)  Ein  gelinder  Reiz,  der  länger  wirkt,  vermindert  die  Erregbarkeit  eben  so  sehr,  als 
ein  heftiger,  der  kürzere  Zeit  dauert. 

14)  Jeder  gar  zu  heftige  Reiz  tilgt  alle  Erregbarkeit. 

15)  Ein  massiger  Reiz,  der  zu  lange  dauert,  tilgt  alle  Erregbarkeit. 


80  Zum  siebenten  Abschnitt. 

16)  Ein  bestimmter  Reiz,  der  lange  fortwirkt,  bewirkt  endlich  keine  verstärkte  Erregung 
mehr,  wohl  aber  wenn  er  eine  Zeit  lang  ausgesetzt  wurde. 

17)  Die  durch  einen  Reiz  verminderte  Erregbarkeit  kann  durch  einen  anderen  wieder  zu 
stärkerer  Erregung  gezwungen  werden. 

18)  Derselbe  Reiz  vermindert  die  Erregbarkeit  desto  mehr,  je  grösser  sie  ist. 

19)  Zu  gehörig  starker  Incitation  ist  gehörig  starkes  Incitament  nöthig. 

20)  Jedes  verstärkte  Incitament  bewirkt  verstärkte  Incitation  und  Lebensfunction  und  so 
im  Gegentheil. 

21)  Das  Incitament  muss,  um  gehörig  starke  Incitation  zu  bewirken,  desto  stärker  sein, 
je  mehr  die  Erregbarkeit  vermindert  ist,  und  umgekehrt. 

22)  Jede  Incitation  eines  Theiles  wirkt  als  Reiz  und  Incitament  für  alle  Theile  des  Körpers. 

23)  Jede  verstärkte  Incitation  eines  Theiles  verursacht  verstärkte  Incitation  des  ganzen 
Organismus  und  im  Gegentheil. 

24)  Jede  Verstärkung  der  Incitation  eines  oder  mehrerer  Theile  vermindert  die  Erreg- 
barkeit des  ganzen  Körpers  und  so  im  Gegentheil. 

25)  Jeder  Reiz  vermindert  die  Erregbarkeit  des  ganzen  Körpers;  doch  mehr  jene  des 
Theiles,  den  er  geradezu  afficirt. 

26)  Jeder  Reiz  bringt  grössere  Reizung  in  dem  zunächst  afficirten  Theile  hervor. 

27)  Dasselbe  Incitament  bringt  desto  stärkere  Incitation  in  den  Theilen  hervor,  je  grösser 
ihre  Erregbarkeit  ist  und  je  mehr  geradezu  auf  sie  gewirkt  wird. 

28)  Bei  jeder  Reizung  und  Incitation  darf  die  intensive  Grösse  derselben  nicht  mit  der 
extensiven  verwechselt  werden. 

29)  Intensiv  grosse  oder  starke  Incitation  kann  aber  so  wohl  mit  extensiv  kleiner, 
als  zu  grosser  Incitation  existiren  (falsche  Schwäche). 

30)  Intensiv  kleine  oder  schwache  Incitation  kann  eben  sowohl  mit  extensiv  grosser,  als 
kleiner  Incitation  existiren  (falsche  Stärke). 

Bichat. 

Ueber  die  Bedeutung  der  Flüssigkeiten. 

Voyons  le  röle  des  fluides  et  des  solides  dans  les  phenomenes  vitaux.  Ce  röle  depend 
evidemment  des  proprietes  qu'ils  ont  en  partage :  or,  en  reflechissant  ä  la  nature  des  proprietes 
vitales  que  nous  connaissons,  il  est  evident  que  toute  idee  de  fluide  leur  est  etrangere,  que 
ceux-ci  ne  peuvent  etre  le  siege  d'aucune  contraction,  que  les  sensibilites  organique  etanimale 
ne  s'allient  point  non  plus  avec  l'etat  oü  se  trouvent  leurs  molecules,  etc.  Je  ne  parlerai  pas 
ici  des  pretendus  mouvemens  spontanes  du  sang,  des  fluides  subtils  qu'il  contient,  suivant  les 
uns,  et  qui  le  dilatent  ou  le  resserrent  au  besoin ;  tout  cela  n'est  qu'un  assemblage  d'idees 
vagues  qu'aucune  experience  ne  confirme.  D'ailleurs,  tous  les  phenomenes  de  l'economie 
vivante  nous  montrent  manifestement  les  fluides  dans  un  etat  presque  passif,  les  solides,  au 
contraire,  toujours  essentiellement  actifs.  Ce  sont  les  solides  qui  regoivent  Fexcitation,  et  qui 
reagissent  en  vertu  de  cette  excitation.  Partout  les  fluides  ne  sont  que  les  excitans.  Cette 
impression  continuelle  des  seconds  sur  les  premiers  constitue,  dans  toutes  les  parties,  des  sen- 
sations  continuelles,  qui  ne  sont  point  rapportees  au  cerveau,  qui  ne  sont  pas  pergues  par  con- 
sequent:  c'est  la  sensibilite  organique  en  exercice;  eile  differe  de  l'animale  en  ce  que  Tarne 
n'a  point  la  conscience  des  sensations,  qui  ne  depassent  pas  les  organes  oü  elles  arrivent. 

Puisque,  d'une  part,  les  proprietes  vitales  siegent  essentiellement  dans  les  solides,  et  que, 
d'une  autre  part,  les  phenomenes  maladifs  ne  sont  que  des  alterations  des  proprietes  vitales, 
il  est  evident  que  les  phenomenes  morbifiques  resident  essentiellement  dans  les  solides,  que  les 
fluides  leur  sont,  jusqu'ä  un  certain  point,  etrangers.  Toute  espöce  de  douleur,  tous  les  spas- 
mes,  tous  les  mouvemens  irröguliers  du  coeur,  qui  constituent  les  innombrables  varietes  du 
pouls,  ont  leur  principe  dans  les  solides. 

N'allez  pas  croire  cependant  que  les  fluides  ne  sont  rien  dans  les  maladies:  tres-souvent 
ils  en  portent  le  germe  funeste;  ils  jouent  alors  le  müme  röle  que  dans  l'etat  de  sante,  oü  les 
solides  sont  les  agens  actifs  de  tous  les  phenomenes  que  nous  observons,  mais  oü  leur  action  est 
inseparable  de  celle  des  fluides:  pour  que  le  coeur  se  contracte,  que  le  Systeme  capillaire  se 
resserre,  etc.,  il  faut  que  les  fluides  y  abordent.  Tant  que  les  fluides  sont  dans  leur  etat  na- 
turel,  ils  determinent  une  excitation  naturelle,  mais  qui  change  de  nature  par  une  cause  quel- 
conque:  que  des  principes  etrangers  s'y  introduisent,  a  l'instant  ils  deviennent  des  excitans 
contre  nature,  ils  determinent  des  reactions  irregulieres,  les  fonctions  sont  troublees,  les  mala- 
dies surviennent.  Vous  voyez  donc  que  les  fluides  peuvent  etre  souvent  le  principe  des 
premieres,  le  vehicule  de  la  matiere  morbifique.     (Anatomie  generale  tom.  I.  pag.  XLIV.) 


Bichat.  81  ' 

Unterscheidung  von  Krankheit  und  Symptom. 

D'apres  tout  ce  qui  vient  d'etre  dit,  il  est  evident  qu'il  faut  hien  distinguer  les  maladies 
elles-memes,  ou  plutöt  l'ensemble  des  symptömes  qui  les  caracterisent,  d'avec  les  principes  qui 
les  produiseut  ou  qui  les  entretienuent.  Presque  tous  les  symptömes  portent  sur  les  solides; 
mais  la  cause  peut  en  etre  dans  les  fluides,  comme  en  eux.  Un  exemple  rendra  ceci  plus 
sensible:  le  coeur  peut  se  contracter  contre  l'ordre  naturel,  1°  parce  que  sa  sensibilite  orga- 
nique  est  exaltee,  tandis  que  le  sang  reste  le  meme;  2°  parce  que  le  sang  est  ou  augmente, 
comme  dans  la  plethore,  ou  altere  dans  sa  nature,  comme  dans  les  fievres  putrides  etc.,  tandis 
que  la  sensibilite  organique  du  coeur  ne  varie  pas.  Que  l'excitation  soit  double,  ou  que  l'or- 
gane  soit  deux  fois  plus  susceptible  qu'ä  l'ordinaire,  1'effet  est  toujours  le  meme;  il  survient 
acceleration  du  pouls.  C'est  toujours  le  solide  qui  joue  le  principal  rüle  dans  la  maladie;  c'est 
toujours  lui  qui  se  contracte;  mais,  dans  le  premier  cas,  la  cause  est  en  lui;  dans  le  second, 
eile  est  hors  de  lui  (ibid.  pag.  XL VIII). 

Ueber  die  Pathologie  der  Gewebe. 

Puisque  les  maladies  ne  sont  que  des  alterations  des  proprietes  vitales,  et  que  chaque 
tissu  est  different  des  autres  sons  le  rapport  de  ces  proprietes,  il  est  evident  qu'il  doit  en 
differer  aussi  par  ses  maladies.  Donc,  dans  tout  organe  compose  de  differens  tissus,  Tun  peut 
etre  malade,  les  autres  restant  intacts ;  or,  c'est  ce  qui  arrive  dans  leplus  grand  nombre  de  cas. 
Prenons  pour  exemple  les  orgaues  principaux: 

1°.  Rien  de  plus  rare  que  les  affections  de  la  pulpe  cerebrale;  rien  de  plus  commun  que 
les  inflammations  de  l'arachnoide  qui  la  revet.  2°.  Le  plus  souvent  une  seule  membrane  de 
l'oeil  est  malade,  les  autres  conservant  leur  mode  ordinaire  de  vitalite.  3".  Dans  les  con- 
vulsions  des  muscles  du  larynx,  ou  dans  leur  paralysie,  la  surface  muqueuse  reste  intacte ;  et 
reciproquement,  les  muscles  fönt  comme  a  l'ordinaire  leurs  fonctions  dans  les  catarrhes  decette 
surface.  Les  affections  de  ces  muscles  et  de  cette  membrane  sont  etrangeres  aux  cartilages, 
et  reciproquement.  4°.  On  observe  une  foule  d'alterations  diverses  dans  le  tissu  du  pericarde: 
on  n'en  rencontre  presque  jamais  dans  le  tissu  du  coeur  lui-meme;  il  est  intact  quand  l'autre 
est  enflamme.  L'ossification  de  la  membrane  commune  du  sang  rouge  n'envahit  point  les 
tissus  voisius.  5°.  Quand  la  membrane  des  bronches  est  le  siege  d'un  catarrhe,  la  plevre  ne 
s'en  ressent  que  peu;  et  reciproquement,  dans  la  pleuresie,  la  membrane  bronchiale  ne  s'affecte 
presque  pas.  Dans  la  peripneumonie,  lorsqu'une  enorme  infiltration  annonce  sur  le  cadavre 
l'infiammation  excessive  qui  a  eu  Heu  pendant  la  vie  dans  le  tissu  pulmonaire,  ses  deux  sur- 
faces,  sereuse  et  muqueuse,  paraissent  souvent  ne  pas  avoir  ete  affectives.  Ceux  qui  ouvrent 
des  cadavres  savent  que  tres-souvent  elles  sont  intactes  dans  la  phthisie  commen(;aute.  6°.  On 
dit  un  mauvais  estomac,  un  estomac  delabre,  etc.,  cela  ne  doit  s'entendre  le  plus  commune- 
ment  que  de  la  surface  muqueuse.  Tandis  que  celle-ci  ne  separe  que  difficilement  les  suCs 
digestifs,  que  pour  cela  les  digestions  languissent,  la  surface  sereuse  exhale  comme  ä  l'ordinaire 
son  fluide,  la  tunique  musculaire  se  contracte  comme  de  coutume,  etc.  Reciproquement,  dans 
l'hydropisie  ascite,  oü  la  surface  sereuse  exhale  plus  de  lymphe  que  dans  l'etat  naturel,  la 
surface  muqueuse  remplit  souvent  tres-bien  ses  fonctions,  etc.  7°.  Tous  les  auteurs  ont  beau- 
coup  parle  des  inflammations  de  l'estomac,  des  intestins,  de  la  vessie,  etc.  Moi,  je  crois  que 
presque  jamais  cette  maladie  n'affecte  primitivement  la  totalite  de  ces  organes,  excepte  dans 
les  cas  oü  une  substance  delötere  agit  sur  eux.  II  y  a,  pour  la  surface  muqueuse  stomacale 
et  intestinale,  des  catarrhes  aigus  et  chroniques;  pour  le  peritoine,  des  inflammations  sereuses : 
peut-etre  meme,  pour  la  couche  des  muscles  organiques  qui  separent  ces  deux  membranes,  une 
espece  de  phlegmasie  particuliere,  quoique  nous  n'ayons  presque  encore  aueune  donnee  sur  ce 
dernier  point;  mais  l'estomac,  les  intestins  et  la  vessie  ne  sont  point  tout  ä  coup  affectes  de 
ces  trois  maladies.  Un  tissu  malade  peut  influencer  les  tissus  voisins ;  mais  l'affection  primi- 
tive n'a  jamais  porte  que  sur  un  seul.  J'ai  ouvert  une  assez  grande  quantite  de  cadavres  dont 
le  peritoine  etait  enflamme  soit  sur  les  intestins,  soit  sur  l'estomac,  soit  dans  le  bassin,  soit  en 
totalite:  or,  tres-souvent  alors  si  l'affection  est  chronique,  presque  toujours  si  eile  est  aigne, 
les  orgaues  subjacens  sont  intacts.  Jamais  je  n'ai  vu  cette  membrane  exclusivement  malade 
sur  un  organe  gastrique  isole,  et  saine  aux  environs ;  son  aflfection  se  propage  plus  ou  moins 
loiu.  Je  ne  sais  pourquoi  les  auteurs  n'ont  presque  pas  parle  de  son  inflammation ;  ils  ont  mis 
sur  le  compte  des  visceres  subjacens  ce  qui  vraiment  n'appartient  le  plus  souvent  qu'ä  lui.  II 
y  a  presque  autant  de  peritonites  que  de  pleuresies,  et  cependant,  tandis  que  celles-ci  ont  fixe 
particulierement  l'attention,  ä  peine  l'a-t-on  arrötee  sur  les  autres.  Tres-souvent  la  partie  du 
peritoine  correspondant  ä  un  organe  est bien  specialement  euflammee :  on  le  voit  sur  l'estomac; 
on  l'observe  surtout  lorsque,  ä  la  suite  des  suppressions  de  lochies,  de  meustrues,  etc.,  c'est  sä 

Beiego  zu  Wuaderlicli's  Gesch.  d.  Med.  6 


82  Zum  siebenten  Abschnitt. 

portion  tapissant  le  bassin  qui  s'affecte  la  premiere.  Mais  bientot  l'affection  devient  plus  ou 
moins  generale,  au  moins  les  ouvertures  cadaveriques  le  prouvent  jnsqu'ä,  l'evidence.  8°.  Cer- 
tainement  le  catarrhe  aigu  ou  chronique  de  la  vessie,  de  la  matrice  meme,  n'ariende  commun 
avec  l'inflammation  de  la  portion  du  peritoine  correspondant  ä  ces  organes.  9°.  Tout  le  monde 
sait  que  les  maladies  du  perioste  sont  souvent  etrangeres  ä  l'os,  et  röciproquement,  que  sou- 
vent  la  moelle  est  depuis  long-temps  affectee,  tandis  que  tous  deux  sont  encore  intacts.  II  est  hors 
de  doute  que  les  tissus  osseux,  medullaire  et  fibreux  ont  leurs  affections  propres,  qu'on  ne  con- 
fondra  jamais  dans  l'idee  qu'on  se  formera  des  maladies  des  os.  II  faut  en  dire  autant  des 
intestins,  de  l'estomac,  etc.,  par  rapport  4  leurs  tissus  muqueux,  sereux,  musculaire,  etc. 
10°.  Quoique  les  tissus  musculaire  et  tendineux  soient  reuuis  dans  un  meme  muscle,  leurs 
maladies  sont  tres  distinctes.  11°.  De  meme  ne  croyez  pas  que  la  synoviale  soit  sujette  aux 
memes  affections  que  les  ligainens  qui  l'entourent,  etc. 

Je  crois  que,  plus  ou  observera  les  maladies  et  plus  on  ouvrira  de  cadavres,  plus  ou  se 
convaincra  de  la  necessite  de  considerer  les  maladies  locales,  non  point  sous  le  rapport  des 
organes  composes  qu'elles  ne  frappent  presque  jamais  en  totalite,  mais  sous  celui  de  leurs  tissus 
divers,  qu'elles  attaquent  presque  toujours  isolement. 

Quand  les  phenomenes  des  maladies  sont  sympatbiques,  ils  suivent  les  memes  lois  que 
quand  ils  proviennent  d'une  affection  directe.  On  a  beaucoup  parle  des  sympathies  de  l'esto- 
mac, des  intestins,  de  la  vessie,  du  poumon,  etc.  Je  vous  defie  de  vous  en  former  une  idee, 
si  vous  les  rapportez  ä  l'organe  en  totalite,  et  abstraction  faite  de  ses  tissus  divers.  1°.  Quand, 
dans  l'estomac,  les  fibres  charnues  se  contractent  par  l'influence  d'un  autre  organe,  et  deter- 
minent  le  vomissement,  elles  seules  ont  re^u  l'influence;  eile  n'a  portenisurla  surfacesereuse, 
ni  sur  la  muqueuse,  qui,  si  cela  etait,  seraient  le  siege,  l'une  d'une  exhalation,  l'autre  d'une 
exhalation  et  d'une  secretion  sympathiques.  2°.  Certainement,  quand  le  foie  augmente  sym- 
pathiquement  son  action,  qu'il  verse  plus  de  bile,  la  portion  de  peritoine  qui  le  recouvre  ne 
verse  pas  plus  de  serosite,  parce  qu'elle  n'a  pas  ete  influencee.    II  en  est  de  meme  du  rein,  du 

pancreas,  etc 3°.    Par  la  meme  raison,  les  organes  gastriques  sur  lesquels  se  deploie  le 

peritoine  ne  participent  point  aux  influences  sympathiques  qu'il  eprouve.  J'en  dirai  autant  du 
poumon  par  rapport  ä  la  plevre,  du  cerveau  par  rapport  ä  l'arachnoi'de,  du  coeur  par  rapport 
au  pericarde,  etc.  4°.  II  est  incontestable  que  dans  toutes  les  convulsions  sympatbiques  le 
tissu  cbarnu  seul  est  affecte,  et  que  le  tendineux  ne  Test  nullement.  5".  Qu'a  de  commun 
la  membrane  fibreuse  du  testicule  avec  les  sympathies  de  son  tissu  propre  ?  6".  Certainement 
une  foule  de  douleurs  sympathiques  qu'on  rapporte  aux  os  siegent  exclusivement  dans  la  moelle 
(ibid.  pag.  LXXVII). 

Puisque  chaque  tissu  organise  aune  disposition  partout  uniforme;  puisque,  quelle  que  soit 
sa  Situation,  il  a  la  meme  structure,  les  memes  proprietes,  etc.,  il  est  evident  que  ses  maladies 
doivent  etre  partout  les  memes.  Que  le  tissu  sereux  appartienne  au  cerveau  par  l'arachnoi'de, 
au  poumon  par  la  plevre,  au  coeur  parle  pericarde,  aux  visceres  gastriques  par  le  peritoine,  etc., 
cela  est  indifferent:  partout  il  s'enfiamme  de  la  meme  maniere ;  partout  les  hydropisies  arri- 
vent  uniformement,  etc. ;  partout  il  est  snjet  ä  une  espece  d'eruption  de  petits  tubercules  blan- 
chätres,  comme  miliaires,  dont  on  n'a  pas,  je  crois,  parle,  et  qui  cependant  merite  une  grande 
consideration.  J'ai  deja  observe  un  assez  grand  nombre  de  fois  cette  eruption  propre  au  tissu 
sereux,  qui  affecte  en  general  une  marche  chronique,  comme  la  plupart  des  eruptions  cutanees: 
j'en  parlerai  plus  bas.  Quel  que  soit  aussi  l'organe  que  revete  le  tissu  muqueux,  ses  affections 
portent  en  general  le  meme  oaractere,  et  n'offrent  point  d'autres  varietes  que  Celles  qui  pro- 
viennent des  varietes  de  structure.  J'en  dirai  autant  des  tissus  fibreux,  cartilagineux,  etc. 
(ibid.  LXXXIV). 

Apres  avoir  montre  la  plupart  des  maladies  locales  comme  affectant  presque  toujours  non 
un  organe  particulier,  mais  un  tissu  quelconque  dans  un  organe,  il  f'audraitmontrerlesdifferen- 
ces  qu'elles  presentent  suivant  les  tissus  qu'elles  affectent  (ibid.  LXXXVI). 

Resume  von  Bayle's  Abhandlung  über  pathologische  Anatomie  im 
zweiten'  Band  des  Dictionaire  des  sciences  medicales. 

En  resumant  les  faits  et  les  considerations  que  nous  avons  exposes  dans  cet  article,  on 
peut  etablir  les  propositions  suivantes:  1°.  L'anatomie  pathologique  est  utile  pour  la  Classi- 
fication d'un  grand  nombre  de  maladies;  2°.  eile  ne  fait  conaitre  que  des  lesions  organiques : 
eile  nous  laisse  dans  la  plus  profonde  obscurito  relativemeut  ä  la  cause  prochaine  des  mala- 
dies; 3°.  eile  ne  peut  presque  jamais  faire  conaitre  la  cause  immediate  de  la  mort;  4°.  eile 
peut  souvent  fournir  des  lumieres  sur  la  lesion  organique  ä  laquelle  on  doit  attribuer  les 
lesions  vitales  qui  ont  entraine  la  perte  du  malade;    5°.   eile  est  indispensable  pour  aider 


Bayle.     Peter  Frank.  83 

ä  distinguer  des  maladies  non  contagieuses  qui,  presentant  les  memes  symptümes,  tiennent 
ä  des  lesfons  organiques  d'une  natuie  difierente;  6°.  on  ne  peut  retirer  de  l'anatomie  patho- 
logique  aucun  secours  direct  pour  ötudier  les  maladies  purement  vitales  ;  nöanmois  l'ouverture 
du  cadavre  des  individus  qui  ont  ete  la  victime  de  ces  maladies  sert  ä  constater  l'absenee  de 
toute  lösiun  organique;  7°.  dans  les  maladies  contagieuses,  l'anatomie  pathologique  contribue 
quelquefois  ä  donner  une  conaissance  plus  complete  des  effets  du  principe  contagieux ;  mais  son 
utilite  n'est  alors  que  secondaire,  parce  que,  dans  ces  sortes  d'affections,  les  lesions  organiques 
sont  ce  qu'il  y  a  de  moins  important  ä  counaitre;  8°.  dans  les  maladies  aigues,  accompagnees 
ou  suivies  d'une  lesion  organique  peu  grave,  l'anatomie  pathologique  sert  ä  completer  l'histoire 
de  la  maladie,  et  ä  faire  connaitre  quelques  uns  des  resultats  qu'elle  a  entraines:  eile  est  donc 
alors  utile,  quoiqu'elle  ne  soit  peutetre  pas  absolument  indispensable  :  9n.  mais  dans  les  mala- 
dies organiques,  dans  toutes  les  affectiuns  oü  une  lüsion  organique  peut  determiner  des  symp- 
tumes graves  et  entrainer  la  mort,  l'anatomie  pathologique  fournit  les  plus  grandes  lumieres, 
et  l'on  ne  peut  se  passer  de  son  secours,  soit  pour  etablir  une  Classification  lumineuse,  soitpour 
tracer  des  monographies  exactes,  soit  enfin  pour  conduire  avec  prudeuce  les  individus  atteints 
de  ces  formidables  maladies  qui,  comme  tout  le  monde  en  convient,  sont  excessivemeut  nora- 
breuses. 

Aus  Peter  Frailk's  Vorwort  zu  der  Heilart  in  der  klinischen  Anstalt 
zu  Pavia. 

Nicht  unbekannt  mit  den  Hindernissen,  -welche  das  Wacbsthum  der  Arzneiwissenschaft 
seit  so  vielen  Jahrhunderten  gehemmt  haben,  entferne  ich  mich  voll  Unwillens  von  dem  grossen 
Haufen  derjenigen,  welche  entweder  den  Alten  jede  Einsicht  in  der  Heilkunde  absprechen,  und 
die  ihrige  dafür  geltend  machen ;  oder  eben  denselben  allein  alle  mögliche  Kenntnisse  zuge- 
stehen, und  was  Neu  ist,  ohne  Unterschied  verwerfen.  Von  den  ersten  Tagen  meiner  medi- 
cinischen  Laufbahn  an,  verabscheute  ich  immer  das  Heer  von  Hypothesen,  so  wie  die  Streitig- 
keiten, welche  solche  unter  gelehrten  Männern  anzeddeln  :  da  solche,  obschcn  der  Gegenstand 
des  Zankes  nach  wenigen  Jahren  in  tiefer  Vergessenheit  vergraben  liegt,  doch  zu  einem 
immerwährenden  Hasse  der  ehemaligen  Gegner  Anlass  geben  und  dem  Fortgang  der  Wissen- 
schaft zum  Nachtheil  gereichen.  Mein  Glaube  in  medizinischen  Dingen  war  daher  immer 
ohne  Geräusche  und  von  der  grössten  Duldsamkeit  mit  noch  so  entgegengesetzen  Meinungen, 
begleitet.  Indem  ich  an  meinem  eigenen  Wissen  oft  zweifelte,  habe  ich  die  Beweisgründe 
anderer,  wenn  ich  ihnen  nicht  beigepflichtet  habe,  nie  öffentlich,  es  seye  dann  mit  wenig 
scharfen  und  gewiss  nie  den  Menschen  beleidigenden  Waffen  bestritten.  Seitdem  ich  aber 
zu  Göttingen,  zu  Pavia  und  endlich  zu  Wien  als  Lehrer  aufgetreten  bin,  habe  ich  mich 
nie  anders,  als  es  mein  Amt  erforderte,  benommen;  ich  stellte  meine  Meynungen  auf,  und 
verschwieg  die  ihnen  widersprechenden  Gesinnungen  anderer  nicht,  und  so  hatte  ein  jeder  die 
volle  Freyheit  über  beyde  sein  Urtheil  zu  fällen.  Nur  zielte  unablässig  mein  Bestreben:  dass 
meine  Schüler  die  schwere  und  grosse  Kunst  an  vielem  zu  zweifeln  erlernen  möchten. 

Der  Erfolg  entsprach  meinem  Wunsche,  denn  bald  gab  es  Gelegenheit  für  den  jugend- 
lichen Verstand,  sich  in  solch  einer  Kunst  zu  üben.  Drey  der  angesehendsten  und  erfahrensten 
Männer,  Valcarenghi,  Borsieri  und  Tissot,  hatten  nach  und  nach  der  Kanzel  der  praktischen 
Arzneikunst  auf  der  hohen  Schule  zu  Pavia,  welche  ich  im  Jahr  1785  bestiegen  habe,  ein 
glänzendes  Ansehen  verschafft.  Und  doch  wichen  sowohl  viele  meiner  Lehrsätze,  als  selbst 
meine  Heilart,  in  manchen  Stücken  von  jenen  dieser  berühmten  Männer,  und  selbst  von  dem 
gewöhnlichen  Verfahren  der  mehrsten  italienischen  Aerzte  am  Krankenbette,  um  ein  grosses  ab. 
Zwar  hatte  ich  zwanzig  Jahre  hindurch  eine  unzählige  Menge  von  Krankheiten  behandelt,  und 
auf  der  hohen  Schule  zu  Göttingen,  welche  in  der  gelehrten  Welt  immer  des  grössten  An- 
sehens genoss,  war  mir  die  Verwaltung  der  Klinik  anvertraut  worden;  allein  da  ich  ausser  der 
in  deutscher  Sprache  geschriebenen  medicinischen  Polizey,  ausser  der  bekannten  Ankün- 
digungsschrift de  larvis  morborum  biliosis  und  einigen,  in  akademische  Sammlungen  einge- 
rückten, in  lateinischer  Sprache  verfassten  medicinisch-chirurgischen  Beobachtungen,  noch 
nichts  herausgegeben  hatte,  welches  mir  das  gerechte  Zutrauen  fremder  Nationen  hätte  ge- 
winnen, und  das  Ansehen  verschaffen  können,  dessen  die  berühmten  Männer  genossen, 
in  deren  Fusstapfen  ich  getreten  war,  und  mit  welchen  ich  um  den  Vorrang  weder  kämpfen 
konnte,  noch  wollte ;  so  musste  ich  mich  nicht  nur  mit  starken  Beweisgründen  ausrüsten,  welche 
denzumTheil  mit  andern  ganz  entgegengesetzten  Meinungen  genährten  Geist  der  Schüler  zu 
erschüttern  und  zu  neuer  Durchforschung  der  Dinge  aufzufordern  vermochten  ;  sondern  musste 
auch  all'  dasjenige,  was  ich  in  meinen  Vorlesungen  von  der  gemeinen  Lehre  abweichendes 
vortrug,  am  Krankenbette  nicht  nur  durch  eine,  sondern  durch  vielfache  Erfahrungen  als  wahr 

6* 


84  Zum  siebenten  Abschnitt. 

zu  bestätigen  suchen,  oder  der  Aussage  pathologischer  Leichenöffnungen  unterwerfen.  Hiedurch 
geschah  es,  dass  nach  einigen  Jahren  eine  grosse  Anzahl  junger  Aerzte  aus  sehr  verschiedenen 
Gegenden  in  Pavia  zusammenströmte.  Diese  bildeten  verschiedene  Sekten,  je  nachdem 
nämlich  die  Lehren,  welche  sie  auf  dieser  oder  jener  Schule  eingesogen  hatten,  verschieden 
waren.  Ein  jeder  bestrebte  sich  seine  Theorie  zuerst  hartnäckig  zu  vertheidigen ,  die 
Erscheinungen  und  den  Ausgang  der  Krankheiten  nach  seiner  Weise  auszulegen,  und  in  den 
ersten  Monaten  des  Schuljahrs  allen  fremdartigen  Grundsätzen  die  Ohren  zu  verschliessen. 
Dieses  bemerkte  ich  stillschweigend,  und  es  gereichte  mir  zur  grössten  Freude,  mich  über- 
zeugen zu  können,  dass  meine  Schüler  nicht  auf  die  Worte  ihres  Lehrers  schwuren,  sondern 
zweifelhaft  und  mit  ängstlicher  Wissbegierde  zum  Krankenbette,  als  dem  untrüglichsten  Prob- 
steine, ihre  Zuflucht  nahmen.  An  diesem  geprüft,  habe  nicht  nur  ich  selbst  seit  vielen  Jahren, 
sondern  haben  auch  diese  meine  Zöglinge  vieles,  was  für  achtes  Gold  gepriesen  worden  war, 
als  unedles  Metall  und  von  schlechtem  Gehalt  anerkannt.  So  wuchsen  Zweifel  über  Zweifel  bei  den 
Zuhörern,  und  nachdem  solche  nach  und  nach  unbemerkt  den  unnützen  Schwärm  kurz  vorher 
noch  so  hoch  gepriesener  Hypothesen  verlassen  hatten,  waren  sie  erst  das,  zu  was  ich  sie  mir 
wünschte :  Freunde  der  Wahrheit,  nicht  des  gelehrten  Prunkes,  unermüdet  und  gierig  nach 
jedem  neuen  Lichtstrahle,  woher  er  auch  immer  kommen  möchte.  Daher  war  es  auch  nichts 
seltenes,  dass  meine  Schüler  meine  eigene  Meinungen  verliessen,  und  solche  mit  entgegen- 
gesetzten vertauschten,  oder  wohl  gar  diese  letztere  in  ihren  öffentlich  ausgestellten  Sätzen 
bei  Erlangung  der  Doktorwürde  freundschaftlich,  aber  aus  allen  ihren  Kräften,  vertheidigten ; 
eine  Sache,  zu  welcher  zwar  meine  Einwilligung  erfordert,  aber  auch  mit  vieler  Leichtigkeit 
erhalten  wurde. 

Hahneraann. 

Ueber  die  Wirkung  des  Lycopodiums  (chronische  Krankheiten  Band  2. 
pag.  199). 

„Wenn  dieser  Bärlapp-Staub  auf  die  Art,  wie  die  homöopathische  Kunst  die  rohen  Natur- 
stoffe aufschliesst,  nach  obiger  Anleitung  zur  Bereitung  der  antips  orischen  Arz- 
neien, behandelt  wird  und  ein  Gran  davon  durch  dreimal  einstündiges  Reiben  mit  jedesmal 
100  Granen  Milchzucker  bis  zur  millionfachen  Verdünnung  und  Potenzirung  gebracht  worden 
ist,  so  entsteht  eine  so  wundervoll  kräftige  Arznei,  dass  ein  Gran  des  letztern  in  100  Tropfen 
gewässertem  Weingeiste,  wie  dort  gelehrt  wird,  aufgelöset  und  mit  zwei  Armschlägen  ge- 
schüttelt, eine  Arznei-Flüssigkeit  darstellt,  die  auch  in  der  kleinsten  Gabe  (ein,  zwei  Mohn- 
samen grosse,  damit  befeuchtete  Streukügelchen)  in  den  für  dieselbe  geeigneten  Krankheiten 
noch  viel  zu  heftig  wirkt.  Selbst  der  höher,  bis  zur  Billion-  (II.)  Potenzirung  verdünnten 
Flüssigkeit  kann  man  sich,  auch  in  der  gedachten,  kleinsten  Gäbe,  wegen  ihrer  noch  allzu- 
grossen  Heftigkeit  für  Kranke  noch  nicht  bedienen.  Erst  bei  der  potenzirten  Sextillion-Ver- 
dünnung (VI.)  fängt  diese  Arznei  an,  brauchbar  zu  werden,  so  jedoch,  dass  man  sich  für  reiz- 
barere und  schwächere  Kranke  doch  stets  nur  der  noch  höher  potenzirten  Verdünnungen, 
Oktillion  (VIII.)  und  Decillion  (X.)  bediene,  zu  einem,  höchstens  zwei  feinsten,  damit  befeuch- 
teten Kügelchen  auf  die  Gabe. 

In  diesen  Zubereitungen  ist  das  Lycopodium  eine  der  unentbehrlichsten,  antipsorischen 
Heilmittel  vorzüglich  in  den  Fällen  chronischer  Krankheiten,  wo  folgende  Symptome  beschwer- 
lich sind:  Schwindel,  besonders  beim  Bücken  ;  Blutdrang  nach  dem  Kopfe;  Hitze  im  Kopfe; 
Schwere  des  Kopfs;  mit  Niederliegen  verbundene  Anfälle  von  Reissen  oben  auf  dem  Kopfe, 
der  Stirne,  der  Schläfe,  der  Augen,  der  Nase  bis  zu  einem  Zahne;  Reissen  in  der  Stirne  hin 
und  her,  alle  Nachmittage;  nächtlicher,  äusserer  Kopfschmerz,  Reissen,  Bohren  und  Schaben; 
drückend  spannender  Kopfschmerz  ;  Kahlköpfigkeit;  Augen  vom  Kerzenlichte  gereizt;  Stechen 
in  den  Augen,  Abends  bei  Lichte;  Drücken  in  den  Augen;  Seh  runden  der  Augen; 
Zuschwären  der  Augen;  A  ugen- Entzündung  mit  nächtlichem  Zuschwären 
und  Thränen  am  Tage;  Thränen  der  Augen  in  freier  Luft;  Weitsichtigkeit  (Presbyopie); 
Trübsich tigkeit,  wie  Federn  vor  den  Augen;  Flimmern  und  Schwarzwerden  vor  den 
Augen  ;  öftere  Anfälle  von  Gesichts-Hitze  :  juckender  Ausschlag  im  Gesichte  ;  Geschwulst  und 
Spannung  im  Gesichte;  Sommersprossen  im  Gesichte  ;  Ueberempfindlichkeit  des  Gehörs ,  An- 
gegriffenheit von  Musik,  Schall,  Orgel;  Ohr-Klingen;  Schwerhörigkeit;  Nasen-Bluten; 
nächtliches  Zuschwären  des  Nasenlochs;  Schorfe  in  der  Nase;  geschwürige  Nasenlöcher;  harte 
Geschwulst  an  der  einen  Hals  Seite;  Steifheit  der  einen  Hals-Seite;  Genicksteifigkeit;  Durst- 
losigkeit  mit  Trockenheit  am  uud  im  Munde,  so  dass  diese  Theile  spannen  und  die  Zunge 
schwer  beweglich  und  die  Sprache  undeutlich  wird;  Geschmacks- Verlust;  belegte,  unreine 
Zunge;    früh,     Schleim-Geschmack;     Schleim-Rahksen;    langwieriges   Halsweh;    früh, 


Hahnemann.  85 

Mund-Bitterkeit,  mit  Uebelkeit ;  übermässiger  Hunger;  Heisshunger;  Appetitlosig- 
keit; der  Appetit  vergeht  beim  ersten  Bissen;  Abneigung  vor  gekochten,  warmen  Speisen; 
Abneigung  vor  schwarzem  Brode,  oder  vor  Fleisch;  allzugrosse  Neigung  zu  Süssem;  Milch 
erregt  Durchfall;  fettiges  Aufstossen;  saures  Aufstossen;  Sood-Brennen;  Würmerbe- 
seigen;  öftere,  stete  Uebelkeit;  früh,  Weichlichkeit  im  Magen;  Magen-Drücken;  Magen- 
Drücken  nach  dem  Essen;  Herzgruben- Geschwulst  und  Schmerz  beim  Anfühlen;  Voll- 
heit im  Magen  und  Unterleibe;  beschwerliche  Aufgetriebenheitdes  Bauches; 
Mangel  an  Blähungs-Abgang;  Kulkern  im  Bauche;  Verhärtungen  im  Unterleibe; 
Kneipen  im  Bauche;  Leibschneiden;  Leibschneiden  im  Oberbauche;  Brennen  im  Unterleibe; 
Spannung  um  die  Hypochondern,  wie  von  einem  Reife;  Leberschmerzen  nach  satt  Essen; 
Herzklopfen  bei  der  Verdauung;  schwierig  und  mit  vieler  Anstrengung  herauszupressender 
Stuhl;  Leib- Verstopfung  zu  mehren  Tagen;  Hartleibigkeit;  Afterschmerzen  nach 
Essen  und  Stuhlgange;  Schneiden  im  Mastdarme  und  in  der  Harnblase;  Nieren-Gries; 
Drängen  zum  Harnen;  allzu  häufiges  Uriniren,  mit  Drang;  Jucken  in  der  Harnröhre  bei 
und  nach  dem  Harnen;  Blutfiuss  aus  der  Harnröhre;  schwache  Steifheit  des  männlichen  Glie- 
des; Mangel  an  Erektionen;  Mangel  an  Pollutionen;  Mangel  an  Geschlechts-Trieb;  mehr, 
jährige  Impotenz;  Abneigung  vom  Beischlafe;  allzu  leichte  Reizung  zur  Begattung,  schon 
durch  Gedanken  daran;  unbändiger  Trieb  zur  Begattung  alle  Nächte;  der  Samen  gehet  zu 
schnell  fort;  zu  lang  dauernde  und  allzustarke  Regel;  von  Schreck  auf  lange  Zeit  zu  unter- 
drückende Regel;  Weissfluss-Abgang  auf  vorgängiges  Schneiden  im  Unterbauche ;  Weis s- 
fluss;  —  Fliesschnupfen;  Schnupfen  und  Husten;  Stockschnupfen;  Verstopfung  beider 
Nasenlöcher;  Husten  nach  Trinken ;  trockner  Husten,  Tag  und  Nacht  langjähriger,  trockener 
Frühhusten;  Husten  und  Auswurf;  (Husten  mit  eiterigem  Auswurfe);  Stiche  in  der  linken 
Brust;  Brennen  in  der  Brust  heran  (wie  von  Sood);  steter  Druck  au  der  linken  untersten  Ribbe ; 
Kurzäthmigkeit  bei  Kindern;  stete  Brust-Beklemmung,  jede  Arbeit  verkürzt  ihm  den  Athem; 
Stechen  im  Kreuze,  nach  Bücken,  beim  wieder  Aufrichten;  nächtlicher  Rückenschmerz; 
Reissen  in  den  Schultern ;  Ziehen  und  Zusammenraffen  im  Nacken  bis  in  den  Hinterkopf,  Tag 
und  Nacht;  Zieh-Schmerz  in  den  Armen;  nächtlicher  Knochenschmerz  im  Arme;  Einschlafen 
der  Arme  schon  beim  Aufheben  derselben;  nächtliches,  krampfiges  Einschlafen  der  Arme; 
Kraftlosigkeit  der  Arme;  nächtlicher  Knochenschmerz  im  Ellbogen;  gichtsteifes  Hand-Gelenk; 
Taubheit  der  Hände;  Verstorren  der  Finger  bei  der  Arbeit;  Reissen  in  den  Finger-Gelenken; 
Röthe,  Geschwulst  und  gichtisches  Reissen  der  Finger-Gelenke;  von  Gicht-Knoten  steife 
Finger;  nächtliches  Reissen  in  den  Beinen;  Reissen  im  Kniee;  Steifheit  des  Knie  es; 
Knie-Geschwulst;  Brennen  an  den  Unterschenkeln;  Zusammenzieh-Schmerz  in  den 
Waden  beim  Gehen;  Geschwulst  des  Fussknöchels ;  Klamm  in  den  Unterfüssen;  kalte 
Füsse;  kalte,  schweissige  Füsse;  starker  Fuss-Schweiss;  Fusssohlen-Geschwulst;  Schmerz  der 
Fusssohlen  beim  Gehen;  Umknicken  der  Zehen  beim  Gehen;  Klamm  in  den  Zehen;  Hüner- 
augen;  Schmerz  der  Hüneraugen;  Tages-Schweiss  bei  massiger  Arbeit;  Tages-Schweiss,  bei 
geringer  Bewegung,  besonders  im  Gesichte;  Trockenheit  der  Haut  der  Hände;  die  Haut 
springt  hie  und  da  auf  und  bekommt  Risse  ;  Jucken  am  Tage  bei  Erhitzung;  Jucken  Abends 
vor  dem  Niederlegen;  schmerzhafter  Ausschlag  am  Halse  und  auf  der  Brust;  Blutschwäre; 
alte  Unterschenkel-Geschwüre,  mit  nächtlichem  Reissen,  Jucken  Und  Brennen;  Klamm  in  den 
Fingern  und  Waden;  krampfhaftes  krumm  Ziehen  der  Finger  und  Zehen;  Reissen  in  den  Armen 
und  Beinen;  Reissen  in  den  Knieen,  Füssen  und  Fingern  ;  Zieh-Schmerz  in  den  Gliedern; 
überlaufende  Hitze;  Aderkröpfe,  Wehadern  der  Schwangern;  (leichtes  Verheben);  Ver- 
kältlichkeit ;  Mangel  an  Körper- Wärme ;  Eingeschlafenheit  der  Glieder,  Arme,  Hände,  Beine, 
bei  Tag  und  Nacht;  Gefühllosigkeit  des  Armes  und  Fusses;  nach  wenigem  Spazieren,  Müdig- 
keit der  Füsse  und  Brennen  der  Fusssohlen;  innere  Kraftlosigkeit;  Mattigkeit  in  den 
Gliedern;  Müdigkeit  beim  Erwachen;  öfteres  Gähnen  und  Schläfrigkeit;  Tages-Schläfrigkeit; 
unruhiger  Schlaf,  die  Nacht,  mit  öfterm  Erwachen ;  traumvoller  Schlaf;  ängstliche  Träume; 
fürchterliche  Träume;  öfteres  Erwachen  die  Nacht;  spätes  Einschlafen;  er  kann  vor  Ge- 
danken nicht  einschlafen ;  dreitägiges  Fieber,  mit  sauerm  Erbrechen,  nach  dem  Froste,  Ge- 
dunsenheit  des  Gesichtsund  der  Hände;  Angegriffenheit;  Furcht  vor  allein  Seyn ;  Eigensinn, 
Empfindlichkeit;  Aengstlichkeit,  mit  Wehmuth  und  Weinerlichkeit;  Aergerlichkeit. 

Eine  massige  Gabe,  wenn  es  richtig  gewählt  war,  wirkt  40,  50  Tage  lang  Gutes,  auch 
wohl  einige  Tage  länger." 

Einige  der  891  Einzelwirkungen  des  Lycopodiums  sind  nicht  ohne  Interesse: 

1.  Er  bekommt  Schwindel  in  einer  heissen  Stube  (nach  23  Tagen). 

2.  Früh,  bei  und  nach  dem  Aufstehen  aus  dem  Bett,  Schwindel  (nach  30  Tagen). 


86  Zum  siebenten  Abschnitt. 

9.  Er  kann  über  höhere,  selbst  abstracte  Dinge  ordentlich  sprechen,  verwirrt  sich  aber 
in  den  alltäglichen;  so  nennt  er  z.  B.  Pflaumen,  wo  er  Birnen  sagen  sollte. 

60.  Links  oben  auf  dem  Haarkopf  Empfindung,  als  wenn  an  einem  einzelnen  Haare  ge- 
zogen würde. 

62.  Die  Kopfhaare  gehen  ungeheuer  aus. 

76.  Rothes  gedunsenes  Gesicht. 

78.  Mehr  Sommersprossen  auf  der  linken  Gesiehfcseite  und  über  der  Nase. 

80.  Blasse  elende  Gesichtsfarbe. 

118.  Die  Augen  sind  Abends  voll  eitrigen  Schleims  mit  schründendem  Schmerz  (nach 
32  Tagen). 

168.  Abends  auf  einem  Spaziergang  starkes  Nasenbluten  aus  einer  kleinen  Wunde  in  der 
Nase  (nach  32  Tagen). 

173.  Eine  jükende  Blüthe  auf  der  Oberlippe  (nach  14  Tagen). 

244.  Früh  schmekt  das  Wasser  ganz  zuckersüss. 

446.  Er  schläft  bei  der  Begattung  ein,  ohne  Samenerguss  (nach  12  Tagen). 

476.  Niessen  ohne  Schnupfen. 

481.  Stockschnupfen. 

488.  Heftiger  Schnupfen  etc.  etc. 

Mag  diese  Art  der  Registrirung  der  Selbstempfindungen  und  Selbstbeobachtungen  von 
Leuten,  die  durch  die  Versuchsmaassregel  mit  Notwendigkeit  auf  hypochondrische  Grillen 
und  Täuschungen  geführt  werden,  einer  dunklen  und  übelverstandenen  Ahnung  der  Forderung 
strengster  Esactheit  entsprungen  oder  mag  sie  reine  Windbeutelei  sein,  in  einem  wie  dem 
andern  Fall  gibt  sie  ein  Beispiel,  dass  es  weder  eine  Absurdität  noch  eine  Geschmaklosigkeit 
gibt,  welche  nicht  auf  einen  Schweif  gedankenloser  Nachbeter  rechnen  dürfte. 

Zur  Würdigung  des  sittlichen  Charakters  Hahnemann's genügt  ein  einziges  Factum, 
erzählt  von  Moriz  Müller,  einem  der  anständigsten  Anhänger  der  Secte,  aber  freilich  nicht  in 
exclusiver  Verblendung  befangen  (Vater  von  Clotar  Müller):  Hahnemann  „erklärte,  dass  er 
dem  Heilanstaltsdirector  aus  eigenen  Mitteln  400  Thaler  jährlich  zulege.  Es  fand  sich 
endlich,  dass  er  die  bei  ihm  für  den  Fonds  eingehenden  Beiträge  hiezu  verwendet 
hatte.  Als  nach  3/4  Jahren  diese  ihm  eigentümliche  Quelle,  aus  eigenen  Mitteln 
zu  zahlen,  erschöpft  war,  schrieb  er  den  Inspectoren:  da  der  Fonds  jezt  in  so  vortrefflichen 
Umständen  sei,  so  müssten  sie  nun  die  400  Thaler  Zulage  aus  dem  Fonds  geben.  Die  Inspec- 
toren wussten  aber  nichts  davon,  dass  der  Fonds  in  guten  Umständen  sei,  nur  das  Gegentheil." 
(Zur  Geschichte  der  Homöopathie  1837.  pag.  92). 

Angebliche  Weiterentwiklung  der  Homöopathie. 

Man  hört  zwar  vielfach  laut  oder  im  Vertrauen  von  sogenannten  Homöopathen  die  Ver- 
sicherung, dass  die  Homöopathie  in  ihrer  jezigen  Gestalt  eine  wesentlich  andere  geworden  sei 
und  nicht  mehr  für  Hahnemann's  Absurditäten  verantwortlich  gemacht  werden  dürfe,  auch  dass 
sie  für  einzelne  schwindlerische  Bestrebungen  in  ihrer  eigenen  Mitte  so  wenig  zu  haften  brauche, 
als  diess  der  Medicin  überhaupt  für  die  in  allen  ihren  Branchen  vorkommenden  Charlatanerien 
zugemuthet  werde. 

Sind  auch  immerhin  solche  Bekenntnisse  beachtenswerth,  so  gelingt  es  doch  nicht,  in  den 
Publicationen  der  Secte  die  Beweise  der  Besserung  zu  entdeken.  Es  ist  zuzugeben,  dass 
Manche  der  Anhänger  der  Homöopathie  in  pathologischen  Beziehungen  sich  mehr  oder  weniger 
der  heutigen  Ausbildung  der  Wissenschaft  genähert  haben  und  über  die  von  Hahnemann  und 
Anderen  in  dieser  Hinsicht  vorgetragenen  Albernheiten  sich  keine  Illusionen  mehr  machen. 
Eine  eigentlich  selbständige  Leistung  ist  aber  auch  in  dieser  Beziehung  bei  den  Homöopathen 
nirgends  zu  finden.  Dagegen  sind  die  therapeutischen  Grundsäze,  auch  wo  man  sie  zu  mildern 
suchte,  überall  noch  in  dem  gleichen  Conflicte  mit  der  Vernunft  und  mit  getreuer  Beobachtung. 

Immerhin  bleibt  es  von  einigem  Interesse  einen  Blik  auf  das  jezige  Gebahren  zu  werfen, 
um  sich  zu  überzeugen,  wie  breit  und  tief  die  Kluft  noch  ist,  welche  zwischen  dem  Menschen- 
verstand und  der  Homöopathie  sich  ausbreitet.  Einer  der  anerkanntesten  und  gescheidesten 
Homöopathen,  Hofrath  Wolf,  hat  in  18  Thesen  diejenigen  Grundsäze  niedergelegt,  zu  welchen 
sich  die  Homöopathen  aller  Farben  bekennen.  Aus  jenen  hat  Hencke  in  Riga  (allgem. 
homöopath.  Zeitung  1857  Band  LIV.  pag.  2)  die  4  wesentlichsten  Principien  ausgezogen. 
Sie  sind  mit  den  eigenen  Worten  folgende: 

„1)  Das  Princip:  Similia  similibus  curantur. 

Die  homöopathischen  Aerzte  erkennen  das  zwar  von  mehreren  Aerzten  früherer  Zeit  ge- 
ahnte, aber  von  Hahnemann  zuerst  in  vollster  Ueberzeuguug  aufgestellte  und  practisch  erprobte 


Homöopathen.  g7 

Princip :  dass  Krankheiten  durch  kleine  Gaben  derjenigen  Mittel  geheilt  werden  können,  die 
bei  Gesunden,  in  grossen  Gaben,  ähnliche  Krankheiten  zu  erzengen  vermögen,  als  ein  Natur- 
gesetz an,  auf  welches  ein  kräftiges,  einfaches  und  minder  unsicheres  Heilverfahren  gegründet 
werden  konnte,  und  haben  dessen  practische  Anwendbarkeit  in  den  verschiedenartigsten 
Krankheitsformen  vielfach  bewährt  gefunden. 

2)  Die  Arzneiprüfungen  an  Gesunden. 

Die  homöopathischen  Aerzte  sind  für  die  Unvollkommenheiten  der  bisherigen  Resultate  von 
Arzneiprüfungen  an  Gesunden  der  reinen  Arzneimittellehre  Hahnemann's  und  aller  ähnlichen 
Symptomenverzeichnisse  geprüfter  Arzneien  nicht  blind.  Wir  wissen  sehr  wohl,  dass  Irrthümer 
hier  mit  unterlaufen  können  und  müssen  und  sind  darum  weit  entfernt  jedes  Symptom  unbe- 
dingt der  Arznei  zuzuscbreiben,  welche  eben  geprüft  worden  ist;  desshalb  nehmen  wir  auch 
die  pathologischen  Erscheinungen,  welche  sich  nach  einer  Arzneiprüfung  geäussert  haben,  nur 
als  Andeutungen,  diese  Arznei  bei  ähnlichen  spontanen  Krankheitserscheinungen  zu  versuchen, 
und  nur  wenn  die  Tilgung  dieser  das  gleichmässige  Resultat  wiederholter  Versuche  ist,  treten 
jene  Andeutungen  in  den  Rang  von  Anzeigen  für  den  fernem  usus  in  morbis. 

3)  Anwendung  eines  einzigen  Mittels  zur  Zeit. 

Die  Vorzüglichkeit  dieses  Grundsatzes  vor  jedem  andern  Verfahren  ist  unverkennbar. 
Nur  die  Befolgung  dieses  Grundsatzes  allein  kann  zu  einer  wahren  Kenntniss  des  Mittels  und 
dessen  Nutzen  und  Wirkungssphäre  führen. 

4)  Die  Kleinheit  der  Arzneigabe. 

Wir  homöopathischen  Aerzte  stellen  keineswegs  in  Abrede,  dass  man  in  vielen  Fällen 
auch  mittelst  der  usuellen  Präparate  der  altern  Schule  und  nicht  ganz  kleinen  Dosen  homöo- 
patisch  heilen  könne,  da  Hahnemanu  selbst  ursprünglich  mit  solchen  agirte  und  eben  dadurch 
weiter  geführt  wurde,  wir  auch  die  ältere  Schule  oft  mit  demselben  Mittel  heilen  sehen,  dessen 
wir  uns  in  demselben  Falle  mit  gleichem  Erfolg  in  kleinen  Gaben  bedienen.  Aber  bei  heftigen, 
schnell  verlaufenden  und  lebensgefährlichen  Zuständen  würde  das  homöopathische  Heilprinzip 
ohne  sehr  verkleinerte  Gaben  gar  nicht  anwendbar  sein.  Grössere  Gaben  könnten  eine  posi- 
tive Steigerung  der  Krankheit  zur  Folge  haben,  im  günstigsten  Falle  müsste  man  gefasst  sein, 
der  Besserung  eine  nicht  kurze,  stürmische,  den  Heilzweck  auf  keine  Weise  fördernde  und  den 
Kranken  sehr  peinliche  Aufregung  vorhergehen  zu  sehen.  Hahnemann  ersann,  weil  er  diess 
erfuhr,  in  den  Verdünnungen  ein  so  einfaches  als  zweckmässiges  Mittel  und  gerieth  dabei  auf 
die  Entdeckung  des  merkwürdigen  Facti,  dass  selbst  weit  getriebene  Verdünnungen  (d.  h. 
recht  passend  gewählter  positiver,  homöopathischer  Arzneireize.  Hahnemann)  eine  Wirksam- 
keit zeigen,  die  man  nicht  hatte  ahnen  können  und  wir  müssen  erklären,  dass  die  homöo- 
pathischen Aerzte  ohne  Ausnahme  die  Richtigkeit  seiner  Beobachtungen  anerkennen.  Unsere 
tägliche  Erfahrung  spricht  mächtig  dafür. 

Hahnemann  fand  den  Grund  dieser  Thatsache  darin,  dass  Krankheit  allemal  die  natür- 
liche Empfindlichkeit  des  Organismus  für  äussere  Reize  abändere,  so  dass  er  für  Agentien, 
welche  dem  Krankheitsreize  analog  wirken,  viel  empfänglicher  wird,  für  heterogene  dagegen 
unempfänglicher.  Vernunftgründe,  unsere  Beobachtungen  und  tägliche  Erfahrungen  sprechen 
für  diesen  Satz,  den  wir  als  vollkommen  wahr  anerkennen. 

Die  Suppressiou  der  Symptome  (Enantiopathie)  würde  dem  Homöopathiker  bei  den  kleinen 
Gaben,  die  er  anwendet  und  deren  Wirksamkeit  eben  in  ihrer  specifischen  (homöopathischen) 
Beziehung  zu  dem  Krankheitsfalle  beruht,  nicht  so  leicht  werden,  als  den  Aerzten  der  altern 
Schule  mit  grossen  Gaben  nicht  specifischer,  unhomöopathischer  Arznei." 

Aber  selbst  die  in  diesen  Worten  enthaltenen  mannigfachen  Concessionen  sind  für  viele 
Homöopathen  ein  Greuel  und  haben  Protestationen  für  die  Reinerhaltung  hervorgerufen. 

Prüfen  wir  aber  statt  der  Principien  die  Praxis,  so  finden  wir  z.B.  in  dem  „Ausführlichen 
Symptomencodex  der  homöopathischen  Arzneimittellehre"  von  Jahr  (1848)  eine  mit  der 
naivsten  Treue  hergestellte  Sammlung  und  Wiedergabe  des  haarsträubendsten  Unsinns.  Ein 
einziges  Beispiel  mag  genügen.  Im  2ten  Bande  werden  sub  XXIV.  die  weiblichen  Genitalien 
abgehandelt  und  zwar  in  einem  ersten  Abschnitt  die  Symptome.  Der  zweite  Abschnitt  ist 
überschrieben:  „Einzelnes"  und  hier  werden  die  verschiedenen  Zustände  und  Verhältnisse 
alphabetisch  abgehandelt  und  die  dabei  anzuwendenden  Mittel  beigesezt.  Hier  heisst  es 
pag.  751  ohne  alle  weitere  Bemerkung:  „Beim  Beischlafe,  im  Allgemeinen :  Ferr.  mar. 
Kali  c.  Kreos.  Merc.  Merc.  c.  Sil.  Sulph.";  „nach  dem  Beischlaf,  im  Allgemeinen:  Natr. 
mur.";    bei  „leichter  und  gewisser  Empfängniss  Merc."!! 

Aber  vielleicht  gehört  dieser  Jahr  zu  den  Desavouirten. 

In  einem  in  2ter  Aufl.  1855  erschienenen  homöopathischen  Haus-  und  Familienarzt  von 
Clotar  Müller,  dem  Heraasgeber  des  Centralorgans  für  die  gesammte  Homöopathie,  finden  wir 


38  Zum  siebenten  Abschnitt. 

pag.  118  ganze  Reihen  von  Mitteln  aufgeführt  gegen  hellen,  rothen,  braunen,  schwärzlichen, 
grünlichen,  trüben,  weisslichen  etc.  etc.  Urin,  erfahren  dass  gegen  ,,fasrigen"  Bodensaz  im  Urin 
Cannabis,  Cantharis, Mercur,  Salpetersäure  „oft passen" und  dabeiist  von  „rettendem  Beistand 
der  Wissenschaft"  die  Rede.  Noch  mehr!  wir  begegnen  dort  (pag.  62 — 64)  einem  drei 
Seiten  langen  Verzeichniss  von  Mitteln  gegen  Zahnschmerzen  mit  scharfsinniger  Unterscheid- 
ung in  der  Art,  dass  Chamomilla,  Clem.  Puls.  etc.  passen,  wenn  die  Schmerzen  bis  in  die 
Augen,  Mercur,  Nux  etc.  wenn  sie  bis  ins  Gesicht,  Mercur,  Pulsatilla  etc.  wenn  sie  bis  in 
Ohren,  Chamom,  Merc,  Nux,  Hyosciamus  etc.,  wenn  sie  bis  in  den  Kopf  gehen;  dass 
Belladonna  und  Bryonia  etc.  angezeigt  ist,  wenn  die  Schmerzen  durchs  Essen,  Chamom.  und 
Coffea  etc.,  wenn  sie  durchs  Kauen  verschlimmert  werden,  Pulsatilla  wenn  sie  durch  Stochern 
sich  vermehren.  Angesichts  dieser  Finessen  ist  es  noch  erträglich,  wenn  Arthur  Lutze  (Lehr- 
buch der  Homöopathie  1855.  pag.  110)  19  Mittel  für  die  linke  und  17  für  die  rechte  Körper- 
hälfte aufzählt. 


ZUM  ACHTEN  ABSCHNITT. 


BrOUSSais.  Aus  den  Commentaires :  Proposition  CXXXIV.  Toutes  les  fievres  essentielles 
des  auteurs  se  rapportent  ä  la  gastroentürite  simple  ou  compliquee.  Ils  l'ont  tous  meconnue 
lorsqu'elle  est  sans  douleur  locale,  et  meme  lorsqu'il  s'y  trouve  des  douleurs,  les  regardant 
toujours  comme  un  accident. 

Cette  proposition  est  une  de  Celles  qui  ont  le  plus  revolte  les  anciens  medecins.  Sans 
vouloir  en  approfondir  le  sens,  ils  l'ont  declaree  trop  exclusive.  L'idee  de  ne  voir  que  l'inflam- 
mation  des  voils  gastriques  dans  les  fievres  les  a  choques ;  ils  ont  d'abord.  crie  a.  l'absurdite. 
En  y  reflechissant  ensuite,  ils  ont  bien  voulu  accorder,  au  moins  les  plus  senses,  qu'il  n'y  a 
point  de  fievre  sans  l'affection  d'un  organe;  mais  ils  ont  refuse  d'admettre  que  cette  affection 
se  reduisit  toujours  ä  une  gastroenterite.  Nous  leurs  avons  repondu  en  parcourant  les  phleg- 
masies  aigues  de  tous  les  organes,  et  les  comparant  avec  l'etat  febrile. 

Avez-vous,  leur  avons-nous  dit,  donne  un  nom  aux  inflammations  de  la  peau,  a  Celles  du 
tissu  cellulaire,  ä  Celles  des  muscles,  ä  Celles  des  articulations,  ä  Celles  de  l'encephale,  äcelles 
de  la  gorge,  du  larynx,  des  poumous  et  de  ses  differens  tissus,  ä  Celles  du  coeur,  ä  Celles  du 
foie,  du  pöritoine,  des  reins,  de  l'uterus,  de  la  vessie,  ducolonet  du  rectum;  aux  phlegmons  du 
tissu  cellulaire  des  cavites  viscerales,  aux  phlegmasies  de  l'appareil  vasculaire?  Le  reponse 
ne  pouvait  etre  qu'  affirmative ;  il  suffit  de  parcourir  les  nosologies  pour  en  avoir  la  certitude ; 
mais  les  hommes  qui  craignaient  d'etre  convaincus  ne  l'ont  point  faite;  faisons  la  donc  pour 
eux;  disons  que  toutes  ces  inflammations  sont  designees,  chacune,  par  une  denomination 
speciale  qu'ä  cöte  se  trouve  le  groupe  de  symptömes  qui  les  caracterise  et  que  la  fievre  qui 
les  accompagne  en  est  consideree  comme  l'effet.  Ajoutons  maintenant :  Ou  vous  donnez  aux 
fievres  dependantes  de  ces  phlegmasies  le  nom  de  fievres  essentielles,  ou  vous  ne  leur  donnez 
pas  ce  nom.  Si  vous  le  leur  accordez,  vous  contrevenez  ä  vos  principes,  puisque  vous  professez 
que  toute  fievre  produite  par  1'inflammation  d'un  organe  n'est  pas  essentielle;  si  vous  leur 
refusez  ce  titre,  vos  fievres  essentielles  ne  sont  dependantes  d'aucune  des  phlegmasies  que  nous 
venons  d'enumerer,  et  alors  il  faut  pour  les  caractöriser,  d'autres  symptömes  que  ceux  de  ces 
meines  phlegmasies.  II  s'agit  maintenant,  avons  nous  ajoute,  de  rechercher  la  valeur  des 
symptömes  qui  attestent  l'existence  de  vos  fievres  essentielles;  or  je  parcours  ces  symptömes 
et  je  trouve  que  ce  sont  precisement  ceux  de  1'inflammation  de  la  membrane  muqueuse  du  canal 
digistif,  cepuis  l'estomac  jusqu'au  colon. 

Einge  Proben  aus  der  deutschen  medicinischen  Literatur  vor  dem 
Umschwung  der  Anschauungen: 

„Vergleichen  wir  nun  die  vollkommenste  bewegte  Zelle  der  höheren  Thiere,  die  Blutzelle 
mit  der  Eide,  so  ergibt  sich  die  Aehnlichkeit  auffallend.    So  denn 

Ist  die  Erde  rund  und  an  den  Polen  ab-  Die  Blutzelle  des  Menschen  ist  rund  und 

geplattet.  an  den  Seiten  abgeplattet. 

Die  Irde  hat  einen  Kern  (sie  selbst)  und  Die  Blutzelle  hat  einen  Kern  und  eine 

eine  contnhirte  Hülle  (den  Dunstkreis).  contrahirte  Hülle. 

Die  Erde  dreht  sich  um  ihre  Axe.  Die  Blutzelle   dreht  sich   um  ihre  Axe 

(bei  höheren  Thieren). 

Die  2rde  wird  durch  die  Sonne  gezügelt  Die  Blutzelle  wird  dies  durch  das  Nerv- 

und  höhei  potenzirt  etc.  etc.  ensystem  etc.  etc. 

Wem  wir  denn  nun  eine  so  grosse  Aehnlichkeit  zwischen  beiden  sehen,  so  dürfen  wir 
wohl  au:h  den  Schluss  wagen,  dass  alle  Eigenschaften,  welche  der  Blutzelle 
zukomnen,  so  auch  der  Erde  zustehen  müssen.  (Aus  H.  Horn's  Darstellung  des 
Schleimfebers  2.  Aufl.) 

Naci  Steinheim  (Heft  III.  des  Gräfe  und  Walther'schen  Journals  1838)  ist  „die  Cholera, 
was  ihre  legative  Sphäre  anlangt,  von  einer  outrirten  Decombustion  der  organischen  Ursäfte,  von 


90  Zum  achten  Abschnitt. 

einer  vollendeten'  Melanhaemie  mit  allen  ihren  begleitenden  aus  dieser  einzigen  Quelle  ent- 
springenden pathologischen  Affecten  abzuleiten." 

Die  Thräne  als  Abstossung  und  Aufopferung  eüies  organischen  Theils  ist  das  Symbol  des 
Unterliegens  unter  die  äussere  Macht,  aber  auch  andrerseits  der  Anerkennung  einer  Erhaben- 
heit, einer  sittlichen  Grösse,  ja  des  höchsten  Weltgerichtes  selbst."  (Dr.  Nathan:  physiolog- 
ische Analyse  der  Thräne,  Zeitschr.  für  gesammte  Medicin  von  Oppenheim  Bd.  26  S.  38.) 

Dr.  Krüger-Hansen  in  Güstrow  hat  im  Jahr  1845  folgende  Bedenken  gegen  die  Aus- 
cultation : 

1)  Ein  züchtiges  Fräulein  werde  sich  nicht  überwinden  können,  „ihren  Busen  den  Blicken 
eines  jüngeren  Aesculaps  blosszulegen,  der  ihr  fremd  ist  oder  an  dessen  Namen  sich  nicht  der 
beste  Ruf  knüpft."  2)  Wäre  das  Auscultiren  nothwendig,  „so  würden  taube  Aerzte,  die 
doch  auch  ihre  Praxis  fortsetzen,  übel  daran  sein."  3)  Es  sei  unmöglich,  die  Töne 
und  Geräusche  in  der  Brust  durch  unsere  beschränkte  Sprache  auszudrücken ,  ja  sogar  sie 
systematisch  zu  ordnen.  „Versuche  mal  ein  Naturforscher  den  Gesang  oder  das  Geschrei  der 
befiederten  Thiere  durch  Worte  auszudrücken!"  4)  Es  sei  ein  Versteck  der  praktischen  Un- 
wissenheit, „wenn  der  Arzt  sein  Ohr  darauf  legt  und  dabei  eine  gelehrte  Miene  macht,  als  sitze 
er  auf  dem  delphischen  Dreifuss."  5)  Nur  die,  deren  Auge  und  Ohr  in  geschwächtem  Zu- 
stande sind,  dürften  zur  Unterstützung  Brillen  und  Stethoskop  brauchen.  6)  „Welche  Kosten 
würden  über  Land  wohnende  Kranke  tragen  müssen ,  wenn  Aerzte  sogar  für  das  Dorfgesinde 
herbeigeholt  werden  müssten,  um  durch  Stethoskope  die  Indication  festzustellen!"  7)  Wollte 
man  aber  „solche  Instrumente  über  Land  schicken  und  sich  über  das  Gehörte  berichten  lassen, 
welche  Anwendung  würde  ein  ganz  ungehobelter,  sonst  nur  den  Dreschflegel  handhabender 
Taglöhner  davon  machen,  welch  ein  Galimathias  würde  zu  Hand  kommen,  wenn  er  über  das 
so  Gehörte  referiren  sollte!"  8)  Die  auscultirenden  Aerzte  können  nicht  nachweisen,  dass  sie 
durch  den  Gebrauch  des  Instruments  mehr  und  schneller  Heilungen  bewirkt  haben,  „wenn  sie 
aber  die  Richtigkeit  der  Diagnose  zum  Anschauen  bringen  wollen,  so  müssen  sie  ja  den  der 
Cur  Unterlegenen  bereits  auf  dem  Secirtische  vor  sich  haben."  (Praktische  Fragmente  von 
Dr.  Krüger-Hansen  in  Güstrow.    Coblenz  1845  S.  99  u.  a.  a.  0.) 

Aus  Sobernheim's  Handbuch  der  praktischen  Arzneimittellehre  (1836): 
Von  allen  Antimonialpräparaten  greift  der  Goldschwefel  am  intensivsten  in  das  vegetative 
Leben  ein  und  führt  die  den  Spiessglanzmitteln  im  Allgemeinen  zukommende  Hauptwirkung: 
Steigerung  des  organischen  Verflüssigungsprocesses  auf  Kosten  des  Festbildenden  am  reinsten 
und  consequentesten  durch ,  vorzüglich  in  der  Schleimmembran ,  der  äussern  Haut  und  im 
Lymphdrüsensysteme  und  den  venösen  Gebilden,  überall  fluidisirend,  auflösend,  den  Ab-  und 
Ausscheidungsact  und  die  resorbirende  Function  energisch  bethätigend ;  dessgleichen,  wiewohl 
in  etwas  schwächerem  Grade  in  den  serofibrösen  Auskleidungen,  und  vermag  somit  die  ge- 
sammte vegetative  Metamorphose  in  dieser  Weise  umzustimmen.  Vermöge  seines  mächtig 
reizenden  Eingriffes  in  die  asthenisirte  und  desshalb  zu  copiösen ,  zähen  Absonderungen  ge- 
neigte Lungenschleimhaut,  steigert  er  die  darniederliegende  und  zu  versiegen  drohende  Leb- 
ensthätigkeit  in  diesem  Organe,  wodurch  auch  die  in  Folge  der  Atonie  verhinderte  Los-  und 
Ausstossung  der  angesammelten  und  stokenden  Schleimmassen  kräftig  befördert  wirc,  so  dass 
er  in  solchen  Fällen  als  das  summum  espectorans  angesehen  werden  kann.  Allein  nicht  bloss 
in  functioneller  Beziehung,  als  ein  die  tiefgesunkene  Dynamik  der  Lungenmembran  mächtig 
erhebendes,  specifisches  Reizmittel,  leistet  er  hier  so  vorzügliches,  sondern  noch  mehr  in  Folge 
seiner  qualitativen  plasticitätswidrigen  Beziehungen  auf  die  krankhaften  Absonderun^sproducte 
selbst  und  die  luxurirende  Metamorphose  der  Schleimhaut  die  in  ersterer  Hinsicht  zähe,  zu 
plastischen  Gerinnungen  geneigte  Schleimwucherung  einschneidend,  auflösend,  veräüssigend, 
und  in  letzterer  den  Trieb  zur  organischen  Concrescenz,  zu  Afterbildungen  durch  srine  allge- 
mein fluidisirende  Wirkung  daruiederkämpfend,  woher  auch  seine  unübertroffene  Wirksamkeit  in 
solchen  Leiden  der  Lungenschleimhaut,  welche  durch  metastatische  Ablagerungen  (zumal  psor- 
ischerund  herpetischer  Art)  sich  gebildet  haben ;  so  dass  nach  diesen  thatsächlichen  Wirkingen  wohl 
der  Schluss  erlaubt  ist,  der  Goldschwefel  wirke  ebenso  auflockernd,  verflüssigend  auf  db  Schleim- 
bildung, wieCalomel  specifisch  auf  das  an  plastischen  Elementen  überladene,  zuAusschwitzungen 
einer  plastischen  Lymphe,  concrescirenden  Bildungen  geneigte  Blut  in  entzündlichen  Uebeln. 
Kali  sulphuratum.  Durch  die  Verbindung  mit  der  kaiischen  Grundlage  wird  dk  Wirkung 
des  Schwefels  wesentlich  modificirt;  denn  einerseits  die  ihm  zukommenden  Eigenschiften,  zu- 
mal die  specifischen,  in  Beziehung  auf  das  Venensystem,  das  Hautorgan,  sowie  die  stcretions- 
befördernden  im  Bereiche  der  Schleimhaut  der  Darm-  uud  Respirationsorgane  belauptend, 


Schönlein.  91 

erhält  dieses  Präparat  andererseits  durch  den  Zutritt  des  Kali  eine  weit  grössere  auflösende 
Kraft  im  Allgemeinen  und  eine  besondere  Beziehung  zum  lymphatischen  und  Drüsensystem. 
Das  Kali  steht  in  seiner  auflösenden  Wirkung  dem  Mercur  sehr  nahe,  es  drängt  gleich  diesem 
die  festbildende  Thätigkeit  zurück,  erhebt  den  Verflüssigungsprocess  auf  Kosten  des  assimilat- 
iven,  eine  Wirkung,  die,  von  den  Chylifications-  und  Sanguificationsproducten  ausgehend,  denen 
mit  Zurückdrängung,  Zerstörung  der  plastischen  Elemente  ein  vorwiegend  seröser  Charakter 
aufgedrückt  wird,  bis  in  die  allgemeine  B'utmasse  durch  ihre  auflösenden,  die  serösen  Bestand- 
theile  auf  Kosten  der  cruor-  und  faserstoffhaltigen  egoistisch  hervorhebenden,  desshalb  auch 
verflüssigenden  Eigenschaften  sich  Schritt  vor  Schritt  fortsetzt  und  in  der  vollendeten  thierischen 
Metamorphose  mit  der  Auflockerung  des  Organisch-Materiellen,  Fluidisirung  und  Schmelzung 
der  organischen  Krystallisation  endet  etc.  etc. 

So  geht  es  fort  durch  das  ganze  Buch  und  dieser  Galimathias  war  in  einem  halben  Duzend 
Auflagen  die  Basis  des  Unterrichts  in  der  Pharmacologie  in  Deutschland,  der  Rathgeber  für 
Anfänger  und  erfahrene  Praktiker. 

Aus  Schönlein's  Pathologie  und  Therapie. 
Krisen  lehre. 

a)  Allgemeine  Krisen  bilden  die  quantitativen  und  qualitativen  Veränderungen :  a)  durch 
den  Urin  tritt  die  Krise  ein,  wenn  ein  brennendes  Gefühl  an  den  Genitalien,  ein  Ziehen  in  der 
Nierengegend  längs  der  Urethra  stattfindet.  Fernere  Zeichen  sind:  heftiger  Trieb,  Harn  zu 
lassen,  spröde,  etwas  trockene  Haut,  vermehrter  Durst,  woher  nicht  selten  intermittirender 
Puls.  Soll  aber  der  Urin  kritisch  sein,  so  muss  er  in  gehöriger  Menge  abgesondert  werden, 
anfangs  eine  Wolke  nebula  oben,  und  dann  eine  in  der  Mitte  —  suspensum,  und  endlich  unten 
einen  Bodensatz  —  Sediment  haben,  der  leicht  zusammenfliesst,  rothlich  ist  und  sich  in  der 
Mitte  etwas  erhöht  zeigt;  zugleich  sei  die  Haut  duftend  und  feucht,  oder  es  bricht  gar  Schweiss 
aus.  ß)  Durch  Schweiss  tritt  die  Krise  ein,  wenn  sie  vermehrte  Röthe,  Wärme  und  Weichheit 
der  Haut  zeigt.  Der  Puls  wird  weich,  klein,  der  Urin  nur  sparsam  abgesondert,  der  Schweiss 
muss  mit  warmer  Haut  erfolgen,  flüssig  und  klebrig  sein,  er  muss  am  ganzen  Körper  aus- 
brechen, der  Kranke  sich  sichtbar  erleichtert  fühlen,  auch  muss  errnit  dem  kritischen  Urin  verbun- 
den sein.  Mit  dem  kritischen  Schweisse  erscheinen  noch  andere  Productioneu  der  Haut.  Es  bilden 
sich  auch  oft  zugleich  Exantheme,  die  mehr  auf  das  locale  Leiden  Bezug  haben,  und  als  örtliche 
Krisen  zu  betrachten  sind.  So  findet  man  bei  Typhus  in  den  Gebilden  des  Unterleibs  eine  Blasenbild- 
ung auf  dem  Unterleibe,  so  auch  bei  der  Pneumonie  auf  der  Brust,  um  den  Mund  und  die  Nasenflügel. 

b)  Locale  Krisen.  Alle  andere  Ausleerungen  ausser  Urin  und  Schweiss  sind  örtliche 
Crisen ,  selbst  Blutungen  und  Durchfall.  Nach  den  verschiedenen  Functionen  der  leidenden 
Organe  sind  auch  die  örtlichen  Crisen  verschieden.  So  stellt  sich  z.  B.  bei  der  Pneumonie  die 
örtliche  Krise  durch  den  Auswurf  ein,  bei  dem  Catarrh  durch  einen  Ausfluss  von  Schleim  aus 
der  Schleimhaut  der  Luftröhre.  Die  kritischen  Blutungen  erscheinen  nur  bei  synochalen 
Krankheiten;  sie  erscheinen  an  verschiedenen  Orten  nach  Verschiedenheit  der  leidenden 
Organe  und  der  Individualität  des  Subjects.  Ist  z.  B.  das  Subject  ein  Jüngling,  werden  sich 
leicht  kritische  Blutungen  aus  der  Brust,  aus  der  Nase  bei  ihm  einstellen.  Weil  vorzüglich  in 
diesen  Jahren  das  Blut  nach  der  Brust  und  dem  Kopfe  strömt,  da  sich  dagegen  bei  alten 
Leuten  gerne  Blutungen  aus  dem  After  einstellen ,  weil  in  diesen  Jahren  gerne  das  Blut 
nach  unten  strömt.  Auf  die  Art  der  Blutung  hat  auch  das  Geschlecht  Einfluss.  et)  Kri- 
tische Blutungen  am  häufigsten  durch  die  Nase  bei  jungen  Subjecten,  wenn  der  leidende 
Theil  oberhalb  des  Zwerchfells  liegt  und  es  eine  synochale  Krankheit  ist,  doch  auch  diese 
Blutungen  bei  nicht  rein  synochalen  Krankheiten  öfters,  wie  z.  B.  bei  Hirntyphus,  ein- 
treten. Vorboten  dieser  Blutungen  sind :  Röthe  und  Aufgetriebenheit  des  Gesichts,  rothe 
thränende  Augen,  Funkeln  vor  denselben,  Druck  in  der  Schläfengegend,  Kopfschmerz, 
besonders  am  Hinterhaupte,  Saussen  vor  den  Ohren,  Zucken  und  Kitzeln  in  der  Nase.  Oft  geht 
dem  Nasenbluten  eine  Ausleerung  von  seröser  Flüssigkeit  voraus,  die  Carotiden  pulsiren  heftig, 
der  Puls  ist  doppelt  anschlagend  puls,  dicrotus.  Entscheidet  das  Nasenbluten  synochale  Krank- 
heiten, die  unter  dem  Zwerchfelle  ihren  Sitz  haben,  was  jedoch  selten  ist,  so  geschieht  die  Blut- 
ung aus  dem  Nasenloche  jener  Seite,  nach  welcher  das  leidende  Organ  liegt,  z.  B.  hei  Splenitis 
aus  dem  linken,  bei  Hepatitis  aus  dem  rechten  Nasenloche.  fi)  Die  kritischen  Blutungen  er- 
folgen auch  durch  die  Genitalien,  jedoch  bei  Männern  selten,  wohl  aber  bei  Weibern  und  selbst 
bei  Krankheiten,  die  ober  dem  Zwerchfelle  ihren  Sitz  haben;  besonders  wenn  das  kritische 
Moment  mit  der  Menstruation  zusammentrifft.  Vorboten  sind  Schmerz  und  Spannen  in  der 
Brustgegend  gegen  den  Uterus  hin,  Brennen  beim  Uriniren  und  heftiger  Trieb  dazu,  und  die 
übrigen  individuellen  Erscheinungen  der  Menstruation.  7)  Die  kritische  Blutung  durch  den 
Mastdarm  erscheint  nur  bei  synochalen  Affectionen  des  Unterleibs;  bei  Individuen,  die  über 


92  Zum  achten  Abschnitt. 

das  Mannsalter  hinaus  sind.  Vorboten  eines  solchen  Ausflusses  sind :  Schmerz  im  Kreuze  und 
Unterleibe,  Drang  zum  Harnen  und  Stuhl,  Jucken  im  After  uud  Hämorrhoidalbeschwerden, 
molimina  hämorrhoidalia.  5)  Kritische  Blutungen  können  auch  durch  die  Lunge,  Harnwege  und 
den  Magen  erfolgen,  diese  sind  aber  selten  heilsam,  denn  entweder  sind  sie  zu  gering  und  daher 
nicht  kritisch,  oder  zu  profus,  wo  sie  zwar  die  Krankheit  brechen,  aber  noch  eine  gefährlichere 
setzen.  Eine  Blutung  ist  kritisch,  wenn  das  Blut  in  gehöriger  Menge  ausfliesst,  dasselbe  arte- 
riell hellroth  ist,  aussen  gerinnt  und  der  Kranke  sich  darauf  erleichtert  fühlt,  s)  Der  Durch- 
fall als  Krisis  durch  den  Darmkanal  ist  bloss  eine  örtliche  Krisis  und  beschränkt  sich  als 
solche  auf  Affection  der  Secretionsorgane  des  chylopoetischen  Systems;  so  zeigt  er  sich 
z.  B.  bei  Hepatitis  als  galliger,  bei  Verschleimung  als  schleimiger  Durchfall.  Er  erscheint  aber 
nicht  nur  bei  Krankheiten  dieser  Organe,  sondern  auch  anderer  Organe,  die  nicht  zum  chylo- 
poetischen Systeme  gehören,  wenn  dieselben  einen  Anstrich  von  Gastricismus  haben  ,  vermöge 
des  Gen.  epidemicus.  Vorboten  eines  kritischen  Durchfalls  sind:  ein  eigenes  Zittern  der  Unter- 
lippe, Stottern  in  der  Sprache,  Schmerzen  und  Poltern  im  Unterleibe,  Abgang  häufiger  Winde, 
sparsame  Secretion  des  Urins,  intermittirender  Puls,  dessen  Intermissionen  zunehmen,  wenn 
die  Ausleerungen  sich  nähern. 

Um  kritisch  zu  sein,  muss  er  erscheinen:  a)  Entweder  bei  Krankheiten  des  chylopoet- 
ischen Systems,  oder  auch  bei  Krankheiten  anderer  Organe,  wenn  der  Gen.  epidemicus  gastrisch 
ist  und  die  Krankheiten  daher  auch  dessen  Charakter  angenommen  haben;  ist  dieses  nicht  der 
Fall,  so  ist  er  nicht  kritisch,  sondern  colliquativ,  wie  beiPhthisis.  ß)  Die  Ausleerungen  müssen 
meist  in  der  Remission  des  Fiebers  geschehen,  gewöhnlich  gegen  Morgen,  doch  auch  bisweilen 
gegen  Abend,  y)  Die  Ausleerung  darf  nicht  zu  copiös  sein,  aber  auch  nicht  zu  gering,  es 
muss  dem  Kranken  Erleichterung  verschaffen.  Was  die  Beschaffenheit  der  ausgeleerten  Stoffe 
betrifft,  so  ist  sie  nach  der  Krankheit  verschieden,  z.  B.  bei  Leberkrankheiten  galligt.  Als 
eigenthümliche  Krisis  eines  Theils  des  chylopoetischen  Systems,  und  zwar  vorzüglich  des 
Magens,  erscheint  noch  6)  das  Erbrechen.  Die  Vorboten  sind:  Beben  der  Unterlippe,  Stammeln 
der  Sprache,  Zusammenziehen  des  Schlundes,  Brennen  rh  demselben,  Ekel,  Congestion  des 
Blutes  zum  Kopf,  Schwindel,  Verdunkelung  des  Gesichts,  Durst,  kalte  Schweisse  auf  der 
Stirne,  intermittirender  Puls.  Die  örtlichen  Krisen  der  Secretionsorgane  erscheinen  nur  bei 
Krankheiten  der  Secretionsorgane  selbst,  oder  solcher  Organe,  die  mit  denselben  in  Verbind- 
ung stehen.  So  entstehen  bei  Hepatitis  galligte  Durchfälle ,  bei  Splenitis  Bluterbrechen. 
Haftet  aber  die  Affeetation  in  einem  Organe,  das  keiner  Secretion  vorsteht,  so  besteht  die 
örtliche  Krise  bloss  in  der  Alienation  der  Function  dieses  Theiles;  z.  B.  wo  das  Gehirn  leidet, 
ist  wegen  der  Wichtigkeit  des  leidenden  Theils  die  Krise  eine  Fiebercrise,  als  örtliche  Krise 
könnte  man  aber  noch  annehmen  den  tiefen  Schlaf.  Bei  der  Affection  des  Gangliensystems 
erscheint  als  Alienation  der  Function  der  Krampf,  z.  B.  bei  Hysterischen.  Was  hier  örtliche 
Krisis  ist,  nimmt  man  oft  für  Krankheit  selbst.  Hieher  gehören  noch  die  Ergiessungen  von 
Lymphe  und  Wasser.  Auch  sie  sind  eigenthümliche  Secretionsproducte,  nur  werden  ihre  Pro- 
duete  nicht  nach  aussen  geschieden. 

Das  Zoogen. 

Da  das  Zoogen  als  das  Grundprincip,  als  Substrat  des  thierischen  Lebens  erscheint,  so  kann 
es  keine  wesentliche  qualitative  Veränderungen  erleiden,  denn  sonst  würde  es  aufhören,  Element 
zu  sein;  das  Grundgewebe  lässt  sich  nicht  weiter  zerlegen  und  verändern,  sondern  muss  qual- 
itativ dasselbe  bleiben,  und  seine  krankhaften  Veränderungen  beziehen  sich  nur  auf  die  Art 
und  Weise,  wie  es  in  einzelnen  Individuen  und  Organen  sich  gestaltet.  Es  ist  hier,  wie  bei  den 
einfachen  Stoffen  in  der  Natur,  der  Sauerstoff  kann  niemals  seine  Qualität  verlieren,  wenn  er 
nicht  selbst  als  solcher  seine  Natur  aufgeben  soll.  Da  nun  das  Zoogen  sich  nicht  wesentlich 
verändern  kann,  ohne  aufzuhören,  Urstoff  zu  sein,  so  müssen  sich  seine  Veränderungen  bloss 
auf  räumliche  quantitative  Verhältnisse  beziehen;  diese  Veränderungen  sind  nun  entweder 
absolut,  nämlich  solche,  welche  die  Form  der  Organe  an  sich  anziehen,  oder  relativ,  nämlich 
die  sich  auf  die  wechselseitige  Lage  der  Organe  unter  einander  beziehen.  Morphen  sind  also 
solche  Krankheiten,  bei  denen  absolut  oder  relativ  räumliche  Veränderungen  des  Zoogens  vor 
sich  gehen,  ohne  Veränderungen  der  Textur. 

System  von  Fuchs. 
I.  Classe:  Hämatonosen. 

1.  Ordnung:  Parakyklesen  (Krankheiten  der  Vertheilung  und  Bewegung  des  Bluts,  Hy- 
perämie und  Hämorrhagie). 

2.  Ordnung:  Parakrisien  (Krankheiten  der  Absonderung;  Hydrochysen,  Rheumen,  Blen- 
norrhoen,  Eczematosen,  Chymozemien  =  Drüsenflüsse). 


Rademacher.  93 

3.  Ordnung:  Hämopexien  (Krankheiten  mit  vermehrter  Gerinnbarkeit  des  Bluts:  Phlogose 
und  Erysipelaceen). 

4.  Ordnung:  Hämatolysen  (Krankheiten  mit  verminderter  Gerinnbarkeit:  Hämochrosen 
[Blutsuchten],  Melanosen,  Leukosen,  Hydropsien,  Malakien). 

5.  Ordnung:  Haematophthoren  (Krankheiten  mit  Blutverderbniss :  Typhen,  Typhoide, 
Toxicosen). 

6.  Ordnung:  Dyscrasien:  Chymoplanieu  (Versetzungen),  Kacochymien,  Phymatosen,  Car- 
cinosen,  Phthisen. 

II.  Classe  :  Krankheiten  des  Nervenlebens.  Neuronosen. 

7.  Ordnung:  Krankheiten  des  sensitiven  Nervenlebens:  Parästhesien  (Typosen,  Neur- 
algien, Anästhesien). 

8.  Ordnung:  Parakinesien  (Krankheiten  des  motorischen  Nervenlebens:  Neurospasmen, 
Paralysen). 

9.  Ordnung:  Paranoien  (Krankheiten  des  psychischen  Nervenlebens). 

III.  Classe:  Morphonosen  (Krankheiten  der  Form  und  Bildung). 

10.  Ordnung:  Paratrophien  (Hypertrophien,  Atrophien,  Teratosen,  Neoplasmen). 

11.  Ordnung:  Paratasien  (Krankheiten  durch  fehlerhafte  Ausdehnung:  Stenosen,  Ectasien). 

12.  Ordnung:  Paratopien  (Formkrankheiten  durch  veränderte  Lage:  Ectopien,  Traumen). 

Proben  aus  Rademacher's  Rechtfertigung  der  verstandesrechten  Er- 
fahrungsheillehre. 

■    Ueber  den  Frauendistelsamen  (I.  140). 

„Es  mögen  jetzt  18  oder  19  Jahre  sein,  da  sollte  ich  einer  Frau  helfen,  wehhe  in  den 
Niederlanden  mehrmals  und  hier  im  Lande  Einmal  an  chronischem  Erbrechen  gelitten,  dessen 
Grund  weder  der  niederländische  Arzt,  noch  ich  erkannt.  Es  hatte,  wenu  es  sechs  bis  acht 
Wochen  gewährt,  nach  und  nach  von  selbst  aufgehört,  ohne  dass  man  hätte  behaupten  können, 
die  gereichten  Arzneien  haben  auch  nur  das  geringste  zu  dem  Aufhören  beigetragen. 

Ihr  jetziges  Uebel  bestand  aber  nicht  in  Erbrechen,  sondern  in  Bauchschmerz.  Dieser 
Schmerz,  obgleich  er  den  ganzen  Bauch  einnahm,  war  doch  in  der  Umgegend  des  Blinddarms 
besonders  vorwaltend.  Alles  wohl  erwogen,  hielt  ich  ihn  für  ein  consensuelles,  von  einer  Ur- 
afi'ection  der  Leber  abhängendes  Darmleiden.  Ob  Gallensteine  oder  Verhärtung  eines  Theils 
der  Leber  vorhanden,  war  ungewiss;  beide  Uebel  sind  gar  sch:imm  zu  erkennen  und  letztes 
wahrlich  nicht  immer  mit  Händen  zu  greifen.  Ich  hatte  zu  jener  Zeit  zwar  schon  eine  reiche 
Erfahrung  über  chronische  und  acute  Leberübel,  sie  half  mir  aber  in  dem  gegenwärtigen  Falle 
zu  gar  nichts.  Schmerzen  und  Krämpfe  blieben  wie  sie  waren ;  es  entstand  schleichendes 
Fieber;  bei  ganz  gesundheitsgemässem Harne  wurde  die  Gesichtsfarbe  schmutzig,  schillerte  in's 
Gelbliche,  der  Schlaf  fehlte  gänzlich,  die  Abmagerung  wurde  so  gross,  dass  keiner  mehr  daran 
zweifelte,  die  Frau  leide  an  der  Auszehrung  und  sei  verloren. 

In  diesem  bedenklichen  Zustande,  wo  ich  mit  meiner  Erfahrung  wirklich  ganz  am  Ende 
war  und  doch  helfen  sollte,  kam  mir  eine  Erinnerung  aus  E.  Stahl's  Dissertationen  wunderbar 
zu  Statten.  Dieser  rühmt  nemlich  den  Samen  der  Frauendistel  als  besonders  heilsam  in  den- 
jenigen Brustentzündungen,  welche  sich  zu  Gallenfiebern  gesellen.  Die  angebliche  Subinflamm- 
ation  der  Lunge,  gegen  welche  er  ihn  mit  Nutzen  gebraucht  haben  will,  sah  ich  bloss  als  eine 
schulrecht-ärztliche  Idee  an.  Bei  mir  lautete  seine  reine  Erfahrung  also:  er  hat  den  Samen 
der  Frauendistel  in  Leberkrankheiten  gebraucht,  und  consensuelle  Brustleiden,  die  bekanntlich 
bei  diesen  nicht  selten  sind,  besser  damit  gehoben,  als  mit  andern  Mitteln ;  darum,  dachte  ich, 
ist  es  wahrscheinlich,  dass  der  Frauendistelsame  heilend  auf  die  Leber  wirkt  und  nicht  auf 
die  Lunge. 

Ich  liess  jetzt  eine  Abkochung  des  Samens  machen  und  die  Kranke  stündlich  einen  Löffel 
davon  nehmen.  Die  Wirkung  war  in  der  That  wundervoll;  der  Schmerz  und  alle  krampfhafte 
Zufälle  minderten  sich  von  Stunde  an  augenscheinlich,  die  Kranke  genas  allein  durch  den 
fortgesetzten  Gebrauch  dieses  einfachen  Trankes. 

Von  der  Zeit  an  habe  ich  das  Mittel  nie  wieder  verlassen  und  mich  je  länger  je  mehr 
überzeugt,  dass  es  bestimmt  durch  kein  anderes  zu  ersetzen  ist.  Sehr  wichtig  ist  es  in  dem 
consensuellen  Blutspeien,  welches  sich  nicht  selten  zu  chronischen  Leber- und  Milzleiden  ge- 
sellet. In  unserem  ganzen  Arzneischatze  findet  sich  kein  Mittel,  welches  so  bald  und  so 
sicher  diesen  den  Kranken  sehr  beunruhigenden  Zufall  beseitiget.  In  den  häufig  vorkomm- 
enden acuten  Leberfiebern,  die  mit  Seitenstechen,  Husten  uud  blutigem  Auswurf  verbunden 
sind,  kenne  ich  kein  Mittel,  welches  diesem  in  Heilwirkung  gleich  käme.  Mit  ihm  habe  ich 
Mutterblutflüsse,  die  consensuell  von  einem  Leberleideu  herkamen,  gestillt,  mit  ihm  consen- 
suelles, von  einem  Leber-   oder  Milzleiden    abhängendes   bedenkliches   Nasenbluten.      Ein 


94  Zum  achten  Abschnitt. 

einziges  Mal  heilte  ich  eine  Gelbsucht  damit,  die  durch  andere  gute  Leberruittel  eher  schlimmer 
als  besser  wurde.  Sie  war  neu,  mit  Bauchschmerzen  und  massigem  Durchlaufe  verbunden. 
Die  Heilung  machte  sich,  bei  dem  Gebrauche  einer  schwachen  Abkochung  des  Samens,  sicht- 
bar und  bald.  Das  Hüftweh  hängt  auch  zuweilen ,  als  consensuelles  Leiden  des  Hüftnerven, 
von  einem  Urleiden  der  Leber  oder  der  Milz  ab,  in  welchem  Falle  es  dem  Samen  der  Frauen- 
distel weicht.  Viele  chronische  Husten  habe  ich  damit  gehoben,  die,  von  Urleiden  der  Leber 
oder  der  Milz  abhangend,  nicht  selten  schon  durch  viel  schulrechte  Mittel  vergebens  von 
andern  Aerzten  bekämpft  waren.  Hiebei  bemerke  ich  aber  ein  für  allemal  der  jüngeren  Leser 
wegen,  dass  man  sowohl  beim  Blutspeien  als  beim  Husten,  wenn  sie  consensuell  von  einem 
Urbauchleiden  abhangen,  genau  zusehen  muss,  ob  chemisch  scharfe  Stoffe  sich  im  Darmkanale 
befinden;  ist  das  der  Fall,  so  wirkt  kein  Bauchmittel  jemals  das,  was  man  von  ihm  verlangt. 
Ich  werde  aber  von  der  Entfernung  chemischer  Schärfen,  durch  Neutralisiren  oder  Ausleeren, 
weiter  unten  sprechen. 

Der  reine  Abzug  meiner  Beobachtungen  über  die  Heilwirkung  des  Frauendistelsamens 
lautet  also.  Es  gibt  einen  eigenen  krankhaften  Zustand  in  der  Leber  und  in  der  Milz,  welchen 
dieses  Mittel  weit  sicherer  und  besser  hebt  als  jedes  andere;  da,  wo  es  auch  nicht  als  eigenthüm- 
liches  Heilmittel  kann  angesehen  werden,  wie  z.  B.  beim  Stein  und  bei  Verhärtung,  bewirkt 
es  doch,  dass  das  örtliche  Abnorme  nicht  mehr  feindlich  in  das  Leben  eingreift ;  es  wandelt  in 
dem  Kranken  das  Gefühl  des  Krankseins  in  das  des  Gesundseins  um,  es  macht  die  Anwendung 
des  eigentlichen  Heilmittels  möglich;  vorausgesetzt,  dass  ein  solches  zu  finden  sei. 

Apoplexie.  Diese  Krankheit  gehört  zu  denen,  deren  Entstehung  den  Aerzten  gar  übel 
zu  erklären  ist;  ihre  Form  ist  sehr  schlimm  zu  bestimmen,  denn  sie  gleicht  ja  in  manchen 
Fällen  dem  tiefen,  krankhaften  Schlafe,  auch  möchte  wohl  der  höchste  Grad  der  Trunkenheit 
gar  nicht  von  ihr  zu  unterscheiden  sein.  Auf  der  Hochschule  nannte  man  mir  zwei  Hauptarten 
der  Apoplexie;  in  einer  sollte  Blutentziehung  nützlich  und  nothwendig,  in  der  anderen  unnöthig 
ja  schädlich  sein;  wunderlich  ist  es  jedoch,  dass  ich,  vom  Anfange  meiner  Praxis  bis  jetzt, 
immer  gesehen  und  gehört,  dass  die  Aerzte  den  apoplectischen  Menschen  mit  der  Lanzette  zu 
Leib  gegangen  sind,  und  noch  wunderlicher,  dass  ich  selbst  noch  nie  Nutzen  vom  Aderlassen  ge- 
wahret habe,  auch  da  nicht  einmal,  wo  ein  voller,  starker  Puls  diese  Hülfe  anzurathen  schien. 
Durch  den  Erfolg  belehrt,  habe  ich  mich  also  schon  früh  der  Blutentleerung  enthalten. 

Wäre  Aderlassen  ein  Heilmittel  der  Apoplexie,  so  müsste  es,  meines  Erachtens,  noch  weit 
sicherer  ein  Vorbauungsmittel  derselben  sein.  Ist  es  das  denn  auch  immer?  —  Ihr  könntet  mir, 
werthe  Leser!  dreissig  Fälle  erzählen,  in  denen  Ihr  durch  Aderlassen  vermeintlich  der  Apo- 
plexie vorgebeugt;  wenn  ich  Euch  aber  nur  einen  einzigen,  in  dem  das  Aderlassen  ihr  nicht 
vorgebeugt,  entgegensetze,  so  beweiset  dieser  einzige  weit  besser  die  Nichtigkeit  der  blutigen 
Prophylaxis,  als  Eure  dreissig  die  Nützlichkeit  und  Sicherheit  derselben.  In  diesen  dreissigen 
beruhet  der  Beweis  auf  einem  blossen  Wähnen  und  Meinen  ;  Ihr  könnt  nicht  mit  Sicherheit  be- 
haupten, dass,  wenn  allen  dreissig  Menschen  nicht  zur  Ader  gelassen  wäre,  auch  nur  ein  ein- 
ziger den  Schlag  würde  bekommen  haben.  Ist  aber  Jemand  nach  dem  Vorbauungsaderlass, 
selbst  bald  nach  demselben,  apoplectisch  geworden,  so  ist  das  eine  sichtbare  Thatsache,  über 
deren  Wirklichkeit  Niemand  etwas  wähnen  und  meinen  kann. 

Den  26.  Juli  1805  wurde  ich  von  einem  älteren  Collegen  ,  dem  jetzt  verstorbenen  Kreis- 
physikus  Pfeffer  zu  Geldern  gebeten,  mich  mit  ihm  über  einen,  auf  niederländischem  Gebiete 
liegenden  Apoplectischen  zu  berathen.  Dieser  60jährige,  früher  immer  gesunde  und  starke 
Mann,  hatte  sich,  wegen  Anwandlung  von  Schwindel,  zu  meinem  Collegen  nach  Geldern  be- 
geben und  sich  auf  dessen  Rath  eine  tüchtige  Menge  Blut  abziehen  lassen.  Weit  entfernt 
aber,  dass  ihn  diese  Entleerung  vor  der  Apoplexie  hätte  bewahren  sollen,  wurde  er  vielmehr 
zwei  Tage  nachher  davon  ergriffen.  Sein  voller,  starker  Puls  und  sein  athletischer  Körperbau 
hatten  meinen  Amtsgenossen  auch  jetzt  bestimmt,  ihm  ein  reichliches  Aderlass,  nebst  antiphlo- 
gistischen Mitteln  zu  verordnen ;  die  Krankheit  war  aber  nach  diesem  Heilversuche  sichtbar 
schlimmer  geworden.  Pfeffer,  ein  ehemaliger  Schüler  Stoll's,  der  grösste  ärztliche  Skeptiker, 
den  ich  je  gesehen,  fragte  mich  chne  Umschweif,  ob  ich  schon  in  meinem  Leben  einen  Puls 
gefühlt,  der  das  Aderlassen  mehr  anzeige,  als  der  des  vorliegenden  Kranken?  Ich  konnte 
nicht  in  Abrede  stellen,  dass  nach  schulrechter  Ansicht  der  Puls  des  Kranken  auf  eine  solche 
Hülfe  hinweise,  setzte  aber  hinzu,  ich  habe  schon  ein  paar  Mal ,  ausser  der  Apoplexie,  einen 
gleich  starken  ,  vollen  und  harten  Puls  beim  Marasmo  senili  gefunden ,  wo  es  denn  doch  wohl 
schwerlich  einem  Arzte  einfallen  würde,  die  verschlissenen  Körper  durch  Blutlassen  zu  ver- 
jüngen. Das  war  Wasser  auf  des  Skeptikers  Mühle;  satyrisch  erinnerte  er  mich  an  die  ärzt- 
liche Erklärung  jener  auffallenden  Erscheinung  beim  Marasmus,  und  war  der  Meinung,  es 


Rademacher.  95 

würde  denn  doch  unweise  sein,  in  dem  vorliegenden  Falle ,  irgend  einer  Theorie  zu  Liehe, 
eigensinnig  auf  einem  Wege  fortzuschreiten,  der  bis  dahin  sichtbar  und  unwidersprechlich  zu 
nichts  Gutem  geführt.  Ich  musste  ihm  Beifall  geben,  ■wiewohl  ich  begriff,  dass  das  Einschlagen 
eines  anderen  Heilweges  den  Kranken  auch  nicht  mehr  retten  würde;  er  starb  den  dritten 
Tag  nachher. 

Im  Anfange  des  zweiten  Befreiungskrieges  musste  ich  einen  80jährigen  apoplectischen 
Mann  übernehmen,  dessen  Arzt  zum  Kriegshospital  abgegangen  war.  Dieser  hatte  dem  Alten, 
bei  dem  ersten  Zeichen  des  eintretenden  Schlages,  eine  reichliche  Blutentleerung  gemacht ; 
nach  Aussage  der  Hausgenossen  war  der  Kranke  gleich  nach  dem  Aderlassen  schlimmer  und 
die  Lähmung  sichtbar  geworden.  Auch  dieser  hatte  einen  vollen  starken  Puls  und  wird  ihn 
auch  wohl  bis  zum  Tode,  der  am  zweiten  Tage  erfolgte,  behalten  haben. 

Wie  die  Schulen  die  Artungen  der  Apoplexie  eintheilen,  weiss  jeder,  ich  will  mich  nicht 
dabei  aufhalten.  So  viel  ich  aber  selbst  diese  Krankheitsform  beobachtet,  ist  sie  ihrer  Natur 
nach  zweiartig,  die  eine  ist  das  Sterben  selbst,  die  andere  eine  heilbare  Krankheit. 

Was  die  erste  Artung  betrifft,  so  meldet  sie  sich  gern  vorher  an,  zuweilen  ein  Jahr,  ja 
wol  zwei  Jahre  vorher.  Alte  Leute  sind  ihr  am  meisten  ausgesetzt,  das  heisst,  60jährige  und 
noch  ältere,  oder  solche  jüngere,  die  so  schnell  und  ungestüm  gelebt  haben,  dass  man  sie  vor 
der  natürlichen  Zeit  zu  den  Alten  rechnen  muss.  Schwindel,  Fehler  des  Gedächtnisses,  ein 
Gefühl  von  Abnahme  der  Kräfte,  auch  wol  schnell  vorübergehende  Lähmungen  des  einen  oder 
des  andern  Gliedes  sind  die  Vorboten  derselben. 

Es  ist  freilich  unsere  Pflicht ,  eine  solche  Apoplexie  zu  bekämpfen,  denn  da  wir  nicht 
wissen,  was  das  Leben  sei,  so  können  wir  auch  nicht  wissen,  ob  es  in  dem  Einzelfalle  am  Ab- 
nehmen, am  Ablaufen,  am  Verlöschen  sei ;  mithin  müssen  wir  jeden  Menschen  so  behandeln, 
als  sei  seine  Krankheit  heilbar,  unser  blosses  Vermuthen  darf  keinen  Einfluss  auf  unser  ärzt- 
liches Handeln  haben.  Im  Allgemeinen  muss  man  sich  aber  nicht  schmeicheln,  dass  man  den 
Kampf  mit  dem  Tode  rühmlich  bestehen  werde.  Ich  habe  mehrmals,  seit  ich  mich  zur  geheim- 
ärztlichen Lehre  gehalten,  bei  den  Vorboten  der  Apoplexie  diesen  Kampf  unternommen,  aber 
nie  das  Feld  behalten  können,  sondern  der  Tod  ist  zuletzt,  früher  oder  später,  immer  Meister 
geblieben.  Zuweilen  freilich  schien  es  andern  Leuten  wol,  als  sei  ich  ein  wahrhafter  Todes- 
bändiger; allem  zwischen  dem  Schein  und  dem  Sein  ist  eine  grosse  Kluft.  Ich  erinnere  mich 
noch  lebhaft  eines  achtbaren  Mannes,  den  ein  Gefühl  von  Kraftabiiahme  und  ein  Wanken  des 
Gedächtnisses  an  einen  apoplectischen  Tod  mahnteu.  Das  Wanken  des  Gedächtnisses  äusserte 
sich  nicht  durch  Vergesslichkeit,  sondern  durch  Aussprechen  von  Wörtern,  die  er  nicht  sagen 
wollte.  Die  dadurch  bewirkte  Verwirrung  seiner  Rede  machte  seine  Freunde,  deren  er  viele 
hatte,  sehr  besorgt  um  ihn,  und  ich  musste  versuchen,  das  geahnte  Schicksal  von  ihm  abzu- 
wenden. Durch  Kupfer  brachte  ich  ihn  in  Kurzem  so  weit,  dass  man  keine  Spur  der  gefürcht- 
eten Todesboten  mehr  an  ihm  gewahren  konnte;  er  sprach  und  beschickte  seine  Geschäfte  wie 
früher.  Zu  einer  Zeit,  da  man  schon  längst  alle  Besorgniss  fahren  gelassen,  vermissen  ihn 
einst  seine  Hausgenossen ;  dringende  Geschäfte  warten  auf  ihn  ,  man  sucht  ihn  vergebens  in 
allen  Zimmern  und  findet  ihn  endlich  besinnungslos  und  halbseitig  gelähmt  auf  dem  Abtritte. 
Schlucken  konnte  er  noch,  aber  er  erbrach  Alles,  was  in  seinen  Magen  kam.  Das  ist  ein  übler 
Zufall,  der  böseste  unter  den  bösen.  So  viel  ich  mich  erinnere,  habe  ich  noch  keinen  gesehen, 
der  bei  diesem  Zufalle  dem  Tanze  entsprungen  ist,  und  so  ging  es  auch  hier,  der  Mann  starb 
nach  ein  paar  Tagen. 

Ein  anderer  TOjähriger  Mann,  der  schon  länger  über  allmälige  Abnahme  seines  getreuen 
Gedächtnisses  geklagt,  stürzt  einst  auf  dem  Wege  nach  seiner  ländlichen  Wohnung  zusammen, 
stehet  aber  ohne  Hülfe  wieder  auf,  fühlt  sich  nach  diesem  Falle  etwas  matt  und  fragt  mich  um 
Rath.  Nach  dem  Gebrauche  des  Kupfers  bekam  er  den  Schwindel,  der  ihn  angeblich  zum 
Fallen  gebracht,  in  einem  ganzen  Jahr  nicht  wieder;  der  Mangel  des  Gedächtnisses  blieb  aber. 
Ein  Jahr  darauf  wurde  er  von  einer  Besinnungslosigkeit  ergriffen,  die  aber  nur  anderthalb 
Stunden  anhielt.  Ich  fand  ihn,  da  ich  hinkam,  bei  vollem  Bewusstsein.  Die  vorübergehende 
apoplectische  Gehirnaffection  hatte  eine  unvollkommene  Lähmung  des  linken  Armes  zurückge- 
lassen ;  bald  erschien  eine  zweite  kleine  Gehirnaffection  und  bewirkte  eine  Halblähmung  des 
linken  Fusses;  nun  machten  mehrere  kleine  Anfälle  die  Lähmung  beider  Glieder  vollständig, 
ohne  jedoch  in  den  Verrichtungen  der  Sprachorgane  einige  Störung  zu  verursachen.  Anhaltend 
besinnungslos,  wie  bei  der  gewöhnlichen  Apoplexie,  ist  der  Mann  nie  gewesen.  Sein  Schicksal 
sagte  er  mir,  da  ich  zuerst  ihn  besuchte,  vorher.  Er  war  der  Meinung,  meine  Pflicht  sei,  seine 
Heilung  zu  versuchen,  und  die  seine  sei,  meinen  Anordnungen  Folge  zu  leisten  ;  aber  weder 
meine  Bemühungen  noch  seine  Folgsamkeit  werden  das  endliche  Schicksal  der  Menschheit  von 
ihm  abwenden,  seine  Zeit  sei  abgelaufen  und  er  zum  Scheiden  bereit. 


96  Zum  achten  Abschnitt. 

Uebrigens  hatten  die  mehrmals  wiederkehrenden  kleinen  Gehirnaffectionen  keinen  stör- 
enden Einfluss  auf  seinen  Verstand  gehabt.  Er  hatte  mir  früher  einmal  in  einem  Geldge- 
schäfte freundschaftlichen  Rath  gegeben.  Um  zu  sehen,  ob  auch  sein  Verstand  gelitten,  er- 
zählte ich  ihm  jetzt,  wie  ich  seinen  Rath  befolgt  und  welches  das  Ergebniss  gewesen  ;  er  sprach 
aber  wirklich  noch  eben  so  verständig  und  mit  eben  der  Theilnahme  darüber  als  früher.  Das 
Ende  seines  Lebens  wurde  auch  nicht  durch  einen  erneuerten  apoplectischen  Anfall  herbeige- 
führt; er  ward  vielmehr  immer  matter,  sein  Puls  kleiner  und  schneller,  sein  Schlrf  unter- 
brochener, sein  Gedächtniss  schwächer,  und  so  verlöschte  er  am  Ende  der  dritten  Woche  seines 
Krankenlagers. 

Solch  ein  kurzes  Gefecht  mit  dem  Tode  lasse  ich  mir  allenfalls  noch  gefallen;  wenn  ich 
aber  Monate  lang  mich  abmühe,  den  scheinlich  Geheilten  mehrmals  rückfällig  werden  sehe  und 
dann  doch  endlich  der  Tod  mit  seiner  knöchernen  Tatze  mir  einen  groben  Strich  durch  meine 
Rechnung  macht,  so  ergreift  mich  zuweilen  noch  jetzt,  obgleich  ich  der  Sache  längst  gewohnt 
sein  sollte,  ein  widriges,  mein  Geschäft  auf  Augenblicke  mir  ve-rleidendes  Gefühl.  Ich  sehe 
dann  die  Uebung  unserer  Kunst  als  ein  Pharospiel  an,  bei  dem  der  Tod  Bankhalter,  also  auf  die 
Dauer  immer  im  Vortheile  ist,  und  der  Gedanke  steigt  in  mir  auf,  ob  es  nicht  weit  gescheidter 
sein  möchte,  des  Bankhalters  Spielhelfer,  als  sein  Gegenspieler  zu  sein. 

Mache  ich  von  allen  apoplectischen  Fällen,  die  ich  je  behandelt,  einen  Ueberschlag  (Buch 
habe  ich  nicht  darüber  gehalten),  so  waren  die  meisten  Offenbarung  eines  abhängigen  Organ- 
ismus, sie  trafen  entweder  abgelebte  Menschen,  oder  jüngere,  die  mit  chronischen  Gehirn-,  oder 
Bauch-,  oder  Herzleiden  behaftet  waren.  Apoplexie  als  krankhafte  Störung  des  wirklich  ge- 
sunden, kräftigen  Organismus  sah  ich  sehr  wenig.  Daher  mag  es  auch  wol  kommen,  dass  ich 
dem  Aderlassen  keine  sonderliche  Lobrede  halten  kann.  Wo  ich  geholfen ,  habe  ich  früher 
durch  Aether,  Wein  und  andere  belebende  Dinge  geholfen,  später,  der  geheimärztlichen  Lehre 
folgend,  durch  Kupfer.  Bei  weitem  der  grösste  Theil  wurde  dadurch  wieder  aufgeflickt,  wenige, 
sehr  wenige  starben  in  oder  gleich  nach  dem  apoplectischen  Anfalle.  Dass  aber  das  vermeint- 
liche Heilen  nur  Flickwerk  war,  darüber  kann  ich  keinen  Zweifel  haben,  weil  entweder,  früher 
oder  später,  die  Apoplexie  wiederkehrte,  oder  weil,  ohne  Wiederkehr  derselben,  ein  allmäliger 
Verfall  des  Organismus  dem  Leben  ein  Ende  machte.  Uebrigens  spreche  ich  bloss  von  dem, 
was  ich  selbst  erfahren.  Ohne  es  jedoch  selbst  beobachtet  zu  haben,  sehe  ich  leicht  ein,  dass 
Apoplexie  eben  so  gut  eine  im  Gehirn  vorwaltende  Eisen-  oder  Salpeteraffection  sein  kann  und 
dass  man  dann  weder  die  eine,  noch  die  andere  durch  Kupfer  wird  heilen  können.  So  viel  ich 
Eisenkrankheiten  im  Allgemeinen  kennen  gelernt,  muss  ich  urtheileü,  dass  bei  einer  Eisenapo- 
plexie  am  ersten  Blutextravasate  und  andere  von  dem  Eindringen  des  Blutes  in  die  feineren 
Gehirngefässe  abhängende  Störungen  zu  erwarten  sind.  Begreiflich  wird  man  diese  Störungen 
durch  Blutentziehung  nicht  vermindern,  sondern  vermehren  und  in  den  meisten  Fällen  tödt- 
lich  machen. 

Wenn  zu  chronischen,  meiner  Kunst  unheilbaren  Bauchleiden,  diese  mögen  von  Verhärt- 
ungen oder  Steinen  abhangen,  sich  Apoplexie  mit  Lähmung  gesellet,  so  gebe  ich  den  Kranken 
verloren.  Auch  wenn  sie  sich  zu  chronischen  Gehirnleiden  gesellet,  siehet  es  misslich  aus, 
denn  diese  Leiden  hangen  entweder  von  alten  erworbenen  Bildungsfehlern  des  Gehirns  ab,  und 
darauf  weiss  ich  keinen  Rath,  oder  sie  rühren  von  epidemischen  Einflüssen  her,  und  dann  sind 
sie,  sobald  sie  eingewurzelt,  auch  übel  zu  heben;  jedoch  so  lange  das  höchst  verdächtige,  an- 
haltende Erbrechen  nicht  dabei  ist,  darf  man  den  Muth  nicht  sinken  lassen.  Begreiflich  können 
solche  Apoplexien  nur  durch  Gehirnmittel  geheilt  werden,  denn  sie  bestehen  in  einer  Urgehirn- 
krankheit.  Ich  rathe  aber  jedem  Arzte,  auch  in  den  Fällen,  wo  das  anhaltende  Erbrechen 
noch  nicht  erschienen,  vorsichtig  in  seinen  Versprechungen  zu  sein,  denn  dem  von  epidemischen 
Einflüssen  herrührenden  veralteten  und  schon  eingewurzelten  Gehirnleiden  ist  gar  nicht  zu 
trauen. 

Sollten  manche  Leser  denken,  die  Leichenöffnungen  haben  ja  oft  genug  Blutüberfüllung 
des  Gehirns  nachgewiesen,  wie  ich  also  eine  solche  Ursache  der  Apoplexie  verdächtigen  könne; 
so  bemerke  ich  diesen  Folgendes.  Die  Anatomen  haben  in  früher  Zeit  die  Affenanatomie  des 
Galen  in  den  menschlichen  Leichen  wiederzufinden  geglaubt,  und  da  Vesalius  ihnen  Stück  für 
Stück  es  auslegte,  wie  thöricht,  wie  blind  sie  seien,  so  wurden  sie  unwirsch  und  schrien  ihn  als 
einen  unbefugten  Kritiker,  als  einen  Verächter  der  alten  guten  Schule  aus.  Nun,  ich  denke, 
die  Menschen  bleiben  sich  in  allen  Jahrhunderten  so  ziemlich  gleich.  Wer  sich  einmal  in  den 
Kopf  gesetzt,  Blutüberfüllung  des  Gehirns  habe  bei  einem  Menschen  den  Schlag  gemacht,  der 
wird  in  der  Leiche  auch  diese  Blutüberfüllung  finden.  Zwischen  dem  Mehr  und  dem  Minder  ist 
ja  keine  bestimmte  Grenze,  Also  ist  es  bloss  die  Einbildung  des  vorgläubigen  Besichtigers, 
welche  hier  die  Grenze  ziehet.  Mir  scheint  überhaupt  der  Bau  des  Gehirns  mit  seinen  grossen 


Rademacher.  gy 

Blutbehältern  so  weise  von  der  Natur  eingerichtet  zu  sein,  dass  Blutüberfüllung  nicht  leicht 
das  Leben  gefährden  wird,  vorausgesetzt,  dass  der  Rückfluss  des  Blutes  durch  die  Drossel- 
adern nicht  mechanisch  gehemmt  sei.     (Band  II.  pag.  362 — 373.) 

Ist  meine  Behauptung,  dass  durch  die  Schullehre  (welcherlei  Farbe  sie  habe)  der  Ver- 
stand der  Aerzte  theilicht  verkrüppelt  sei,  eine  Beleidigung  für  die  Aerzte  ? 

Diese  Frage  werde  ich  bloss  für  die  Schwachen  beantworten,  denn  die  Starken  bedürfen 
der  Beantwortung  nicht.  —  Dass  keine  bösliche,  hämische  Absicht  meiner  Behauptung  zum 
Grunde  liege,  geht  daraus  hervor,  dass  ich  gestehe,  zwanzig  Jahre  an  der  nämlichen  Verstandes- 
verkrüppelung,  worauf  ich  die  Lehrer  aufmerksam  mache,  gelitten  zu  haben.  Wahrscheinlich 
würde  ich  bis  zum  Ende  meines  Lebens  nicht  zur  Heilung  gelangt  sein  ,  wenn  mich  nicht  ein 
Zusammenstoss  von  Umständen  bestimmt  hätte,  die  Werke  des  Paracelsus  mit  Aufmerksamkeit 
zu  lesen,  und  wenn  dieser  mir  nicht  ein  Licht  angesteckt,  welches  ich  vergebens  bei  andern 
Aerzten  gesucht.  Dass  ich  dem  Lichte  gefolgt  bin,  ist  eben  kein  grosses  Verdienst.  Viele 
meiner  Amtsgenossen,  in  deren  Köpfen,  so  gut  als  in  dem  meinen,  eine  dunkle  Verstandes- 
mahnung gedämmert,  dass  zwischen  der  rohempirischen  und  der  rationell-empirischen  noch 
eine  dritte  verstandhafte  Erfahrungsheillehre  liegen  müsse,  würden,  hätte  sie,  wie  mich,  ein 
Zusammenstoss  von  äusseren  Umständen  zum  ernsten  Studium  der  Paracelsischen  Schriften 
getrieben,  den  nämlichen  Weg  betreten  haben,  dem  nämlichen  Lichte  gefolgt  sein.  Ich  deuke 
also,  dass  meine  Behauptung  von  einem  ehrlichen  Gemüthe,  und  weit  eher  von  einem  demüth- 
igen  als  von  einem  hochmüthigen  Sinne  zeugt.  Wäre  ich  ein  Schelm  und  ein  hochmüthiger 
Narr,  der  Euch,  meine  Freunde!  plagen  wollte,  so  würde  ich  ja  ganz  von  Paracelsus  ge- 
schwiegen und  mich  gestellet  haben,  als  sei  alles,  was  ich  Euch  gesagt,  mein  Eigenthum. 

Ich  begreife  übrigens  so  gut  als  einer  von  Euch,  dass  nichts  misslicher  ist,  als  über  thei- 
lichte  Verstandesverkrüppelung  zu  sprechen.  Wie  ich  zu  Euch  sage:  Euer  Verstand  ist  durch 
die  Schule  theilicht  verkrüppelt;  eben  so  gut  könnt  Ihr  mir  sagen,  ich  sei  in  den  ersten  zwanzig 
Jahren,  der  Schullehre  folgend,  ein  verständiger  Mann  gewesen,  in  den  letzten  zwanzig  Jahren 
meiner  Praxis  aber,  durch  Paracelsus  toll  gemacht,  ein  Narr  geworden.  —  Wer  soll  nun  ent- 
scheiden ?  —  Bekanntlich  halten  die  Berauschten  sich  häufig  für  sehr  nüchtern,  die  Verrückten 
für  sehr  verständig.  Möglich  biu  ich  verrückt  oder  berauscht,  ohne  es  selbst  zu  wissen  ;  aber 
eben  so  möglich  könnt  Ihr,  meine  Freunde!  es  sein.  Da  wir  nun  über  diesen  kitzlichen  Ge- 
genstand bis  in  alle  Ewigkeit  zanken  könnten,  ohne  aufs  Reine  zukommen,  so  halte  ich  es  für 
das  Beste,  Euch  daran  zu  erinnern,  dass  die  anderen  drei  Fakultäten,  die  Philosophische, 
Theologische  und  Juristische,  Zeiten  gehabt  haben,  in  denen  sie  an  theilichter  Verstandes- 
verkrüppelung gelitten. 

Von  den  Philosophen  lasst  Euch  das  selbst  auslegen:  sie  werden  keinen  Anstand  nehmen, 
Euch  zu  willfahren.  Ich  kann  und  mag  nicht  darüber  reden,  denn  ich  habe  nicht  ninmal  einen 
klaren  Begriff  von  dem,  was  man  heut  zu  Tage  Philosophie  nennt. 

Die  Verstandesverkrüppelung  der  Theologen  ist  weit  ernsthafter  für  das  Wohl  der  Mensch- 
heit gewesen.  Sie  haben  geglaubt,  der  christlicheu  Lehre  zu  folgen,  das  Reich  Gottes  zu 
fördern,  wenn  sie  Leute,  die  in  einigen  Dogmen  von  ihuen  abweichen,  verfolgten,  marterten, 
tödteten.  Da  nun  dieser  Glaube  nicht  aus  der  Lehre  Christi  hervorgehet,  so  konnte  er  doch 
nur  die  Frucht  einer  Verstandesverkrüppelung  sein.  Und  wie  lange  hat  diese  Verstandesver- 
krüppelung mit  Ketten  der  Finsterniss  die  Theologen  gebunden!  I&t  nicht  erst  in  unserer 
Zeit  das  Glaubensgericht  in  Spanien  aufgehoben?  Ja  wir  haben  nicht  einmahl  ein  sicheres 
Wahrzeichen,  ob  in  jeziger  Zeit  die  Köpfe  der  Theologen  gründlich  von  dieser  Verkrüppelung 
geheilt  sind;  wir  wissen  bloss,  dass  die  weltliche  Macht  die  handgreifliche  Offenbarung  jener 
Verstandesverkrüppelung  nicht  mehr  duldet. 

Der  schlagendste  Beweis  der  Kopfhrankheit  der  Theologen  ist  jedoch  ihre  Behauptung: 
der  Stifter  unserer  Religion  sei  Gott;  seine  Lehre  aber  (die  er  doch  in  Palästina  dem  einfäl- 
tigen Judenvolke  vorgetragen)  sei  so  unbegreiflich,  dass  man  zu  verschiedenen  Zeiten  alle 
Theologen  aus  der  ganzen  christlichen  Welt  habe  zusammenrufen  müssen,  um  sie  zu  erklären. 
Sie  sehen  uns  also,  die  wir  doch  auch  einige  Ansprüche  auf  geistige  Bildung  machen^für 
viehisch  dumme,  tief  unter  dem  alten  Judenvoike  stehende  Menschen  an  ;  ja  sie  begreifen  nicht 
einmahl,  dass  ihre  Behauptung:  ein  Gott  habe  den  Willen  gehabt,  das  Volk  zu  belehren,  die 
Gabe  der  deutlichen  Mittheilung  aber  in  so  geringem  Grade  besessen,  dass  man  seit  achtzehn 
hundert  Jahren  aus  seiner  Lehre  nicht  klug  werden  könne,  eine  ungeheure,  ganz  offenkundige 
Contradictio  in  adjecto  enthält. 

Nun  wollen  wir  uns  zu  den  Rechtsgelehrteu  wenden.  Hier  erinnere  ich  zuerst  an  die 
Folter.     Bekanntlich  wurden  nicht  bloss  die  gemartert,   die   eines  Verbrechens  beschuldigt 

Belege  zu  Wunder  lieh's  Gesch.  d.  Med.  7 


gg  Zum  achten  Abschnitt. 

waren,  sondern  in  manchen  Fällen  selbst  die  Zeugen,  wenn  sie  den  unteren  Volksklassen  an- 
gehörten. Der  Verstand  der  Rechtsgelehrten  musste  doch  nothwendig  durch  die  Schullehre 
theilicht  verkrüppelt  sein,  dass  sie  solchen  Unsinn  für  etwas  sehr  Verständiges,  bei  ihrem  Ge- 
schäft Unentbehrliches  ansehen  konnten.  Bekanntlich  hat  Friedrich  der  zweite,  König  von 
Preussen,  zuerst  diese  empörende  juristische  Grausamkeit  abgeschafft;  aber  wie  lange  ist  sie 
noch  in  anderen  Ländern  geübt  worden  ! 

Ferner  erinnere  ich  an  die  Hexenprozesse.  Freilich  haben  die  Theologen  auch  ihre  Hand 
mit  darin  gehabt,  und  dem  armen  Volke,  das  sie  belehren  sollten,  ihre  eigene  Verstandes- 
verkrüppelung  gewissenhaft  mitgetheilt.  Aber  die  Rechtsgelehrten  hätten  sie  doch  als  studirte 
Leute  von  dieser  Geisteskrankheit  heilen  müssen.  Sie  haben  es  nicht  gethan,  sondern  sich 
vielmehr  gegen  die  Heilung  gesträubt.  Seit  unser  achtbarer  Amtsgenosse  Wierus  sich  als 
Schriftsteller  der  armen  Hexen  angenommen,  sind  noch  Bücher  über  die  Hexenprozesse  ge- 
schrieben, aus  denen  in  unseren  Tagen  verständige  Männer  der  lesenden  Welt  merkwürdige 
Fälle  zur  Unterhaltung  mitgetheilt  haben.  Die  Verstandesverkrüppelung  der  Rechtsgelehrten 
ging  selbst  so  weit,  dass  sie,  wenn  die  armen  gemarterten  Menschen  durch  die  unerträglichsten 
Qualen  ohnmächtig  und  ganz  besinnungslos  wurden,  der  festen  Meinung  -waren,  der  Teufel 
mache  dieselben  durch  seine  höllischen  Künste  unempfindlich  für  den  Schmerz. 

Nun,  Ihr  Herren  Amtsbrüder  !  die  Ihr  Lust  haben  möchtet,  mich,  weil  ich  Euch  einer 
theilichten  Verstandesverkrüppelung  bezichtige,  für  einen  ungeschliffenen  Gesellen  zu  halten, 
sagt  mir  einmahl :  woher  habt  Ihr  doch  das  Privilegium,  von  solcher  Verkrüppeiung  frei  zu 
bleiben?  Warum  sollte  das  Menschliche,  was  dem  Philosophen,  Theologen  und  Juristen  wider- 
fahren, nicht  auch  den  Aerzten  widerfahren  sein?  Wäre  es  diesen  nicht  widerfahren,  so 
müssteu  sie  nicht  Menschen,  sondern  wahrhafte  Engel  sein.  Betrachte  ich  aber  die  Geschichte 
der  Medizin,  so  kann  ich  nichts  Engelhaftes  an  ihnen  entdecken,  aber  wohl  viel  grob  Mensch- 
liches. Sie  haben  ja  nicht  bloss  die  ihnen  von  der  Urzeit  eingeleibte  ärztliche  Verstandes- 
verkrüppelung treu  bewahrt  und  gepflegt,  sondern  sich  auch  die  der  Theologen  und  Philo- 
sophen sorgfältig  angeeignet,  selbst  mit  letzter  so  geprunkt,  dass  man  manches,  was  in  gewissen 
Zeiträumen  von  ihnen  geschrieben  ist,  kaum  ohne  Mitleiden  und  Ekel  lesen  kann.  (Band  II. 
pag.  735. 

Die  Popularisation  der  Naturwissenschaften  und  der  Medicin. 

Die  jüngste  Erscheinung  auf  dem  Gebiete  der  Naturwissenschaften  ,  welche  als  Zeichen 
unserer  Zeit  für  den  künftigen  Historiker  kein  geringes  Interesse  darbieten  wird,  ist  die  Theil- 
nahme  des  grossen  Publikums  an  den  Forschungen  in  der  Natur.  Zahlreiche  emsige  Federn 
sind  beflissen ,  den  sogenannten  Gebildeten  die  Einsicht  in  die  Gestaltungen  der  Natur  und  in 
ihre  Vorgänge  zu  vermitteln  und  es  ist  eine  eigene ,  äusserst  geschäftige  Literatur  entstanden, 
welche  bald  in  trokener  Weise ,  bald  in  schöngeistig  zugeschnittener  Form  für  das  moderne 
Bedürfniss  sorgt.  Auch  die  Medicin  hat  ihren  Theil  an  dieser  neuen  Industrie  genommen  und 
die  Annahmen  Einzelner  sind  als  ausgemachte  Thatsachen  unter  den  grossen  Haufen  ausge- 
streut worden.  Es  ist  schwierig  ,  zu  einem  Entschluss  zu  kommen  ,  ob  man  über  dieses  ver- 
breitete Interesse  sich  freuen  oder  schlimme  Folgen  von  demselben  befürchten  soll.  Der  Nuzen 
für  das  Publicum  selbst  dürfte  mindestens  ein  minimaler  sein.  Wie  früher  dasselbe  seine 
Illusion,  aus  van  der  Velde'  und  Spindler's  „historischen  Romanen"  gelegentlich  und  in  ange- 
nehmster Weise  Geschichte  sich  aneignen  zu  können,  nur  mit  einer  Geschmaksverwilderung 
büsste,  so  ist  zu  vermuthen,  dass  auch  die  naturwissenschaftliche  Nascherei,  welche  jezt  an 
der  Tagesordnung  ist,  Niemanden  zu  einer  klaren  Einsicht  verhilft,  selbst  wenn  der  Gehalt 
dieses  neusten  Mittels,  die  Zeit  zu  tödten,  wirklich  ein  gediegener  ist.  Die  Naturwissen- 
schaften und  zumal  die  Medicin  verlangen  vor  Allem  ein  ernstes  Studium  und  die  Strafe  dürfte 
nicht  ausbleiben  für  den,  welcher  versucht,  sie  zum  gelegentlichen  Amüsement  seiner  müssigen 
Stunden  zu  missbrauchen.  In  der  That  kann  man  bemerken,  dass  die  Eindrüke,  welche 
solche  Leetüre  auf  den  Unkundigen  macht,  die  flüchtigsten  und  unhaltbarsten  sind  und  dass 
nichts  davon  zurükbleibt,  was  das  Herz  erbaut  und  das  Gehirn  säubert,  sondern  nur  ein  Chaos 
unverdauter  Fragmente.  Doch  soll  und  kann  nicht  die  Möglichkeit  in  Abrede  gestellt  werden, 
dass  da  und  dort  ein  einsichtigerer  Sinn  angeregt  und  zu  ernstlichem  Studium  der  Wissen- 
schaft hingelenkt  wird,  von  der  einige  seltsame  Proben  seiner  Neugierde  gestachelt  hatten. 


NAMEN-REGISTER. 


Die  mit  kleineu  Lettern  gedrukten  Namen  und  Ziffern  beziehen  sich  auf  die  Belege. 


Abercrombie  328.  329. 
Abemethy  243. 
Abu  Bekr  el  Rari  46 . 
Abul  Casem  46. 
Acerbi  251. 
Achillini  67. 
Ackermann  283. 
Addison  329. 
Aerius  v.  Amida  38. 
Agrippa  v.  Nettesheim  84. 
Alkenside  227. 
Albeithar  46. 
Alberti  72. 

Alberti  Michael  166.  225. 
Albertini  211. 
Albertus  Magnus  49.  28. 
Albin  153. 
Albinus  173.  210. 
Alembert,  d'  149   153. 
Alexander  v.  Tralles  37. 
Ali  Ben-Abbas  46. 
Allan  328. 
Alpino  Prosper  81. 
Amatus  Lusitanus  103. 
Amoretti  254. 
Anaxag  ras  5. 
Andral  309. 
Andromachus  31. 
Antyllus  37. 
Aran  324. 
Arantius  70. 
Arcaeus  Franciscus  76. 
Archagatus  26. 

Aretäus  v.  Kappadocien  32.  19. 
Aretius,  Benedictus  102. 
Argenterius,  Job.  65. 
Aristoteles  17.  13. 
Aristoxenos  21. 
Amaldus  von  Vilauova  51.  28. 
Arnold  151.  223. 
'  Asclepiaden  3. 
Asclepiades  26. 
Ashwell  331. 
Asselh  115. 


A=truc  223  u.  ff. 
Athenäus  aus  Cilicien  30. 
Aubert  81. 
Auenbrugger  225. 
Auerbach  361. 
Aureiianus,  Cölius  37. 
Autenrieth  2S5.  287.  289. 
Avenzoar  46. 
Averr^es  46. 
Avicenna  46. 

Baco,  Franz  104.  38. 
Baco,  Roger  54. 
%Baglivi,  Georg  134. 
Baillarger  323. 
Baillie  243. 
Baillou  77. 
Bak,  de  117. 
Baktischuah  46. 
Balfour  22f>. 
Ballonius  73.  77. 
Bang.  Friedr.  Ludw.  222. 
Barbarus  66. 
Barth  313. 
Bartbez  188. 
Barthez,  [E  ]  313.  323. 
Bartholin,  Thomas  136. 
Batemann  243. 
Battie  177. 

Baudelocque,  Jean  Louis  232.  323. 
Bauhin,  Caspar  72.  76. 
Baulot  145. 
Baumes  227  u.  ff. 
Baumes  259. 
Baumgärtner  233. 
Bayle'249.  250.  307.  82. 
Bayle,  Pierre  148. 
Beaulieu  145. 
Becher.  Joachim  115. 
Beclard  328. 
Becquerel  320. 
Beddocs  243. 
Begin  305. 
Beireis  234. 


II 


Namen-Register. 


Bell,  Benjamin  220. 

Bell,  Charles  327. 

Bell,  Georg  243. 

Bellini,  Lorenzo  119.  134. 

Bellocq  217. 

Ben  Isaak  46. 

Benedetti,  Alessandro  58.  68. 

Beniveni,  Antonio  77. 

Berengar  v.  Caspi  67.  73. 

Berlinghieri,  Vacca  196.  251.  254. 

Bernard,  Claude  321. 

Bernoulli  173. 

Bertini,  Giorgio  102. 

Berton  323. 

Bertrand  231. 

Bianchi  254. 

Bichat,  Marie  Franz  Xaver  244.  80. 

Bidloo  119. 

Biett  323. 

Billard  312.  323. 

Bizot  313. 

Blache  323. 

Blandin  322. 

Blaud  223. 

Bleuland  226. 

Blumenbach  199. 

Blundeh  331. 

Bock,  Tragus  66. 

Bodenstein,  Adam  v.  95. 

Boer  290.  345. 

Boerhaave,  Abraham  Kaauw  171. 

Boerhaave,  Hermann  166.  226.  59. 

Böttcher  228. 

Bohn  131. 

Boisseau  306. 

Boivin,  Mad.  324. 

Bolingbroke,  Viscouut  von  148. 

Bolognini  73. 

Bonagentibus,  Victor  de  78. 

Bondioli  251. 

Bonnet,  Theophil  136. 

Bontekoe  131. 

Borda  251. 

Bordenave  228. 

Bordeu,  Theophile  186.  228. 

Borelli,  Giovanni  119.  133. 

Borsieri  de  Kanilfeld  221  u.  ff.  83. 

Bosch,  van  der  177. 

Botalli  80. 

Bouillaud  306. 

Bovius,  Thomas  84. 

Boyle,  Robert  114. 

Boyer  250. 

Brandis  285. 

Brassavolus,  Musa  35. 

Brera  251 

Breschet  3i2.  322. 

Bretonneau  309. 

Bright  328.  329. 

Brissot,  Peter  64. 


Brodie  327. 

Bromfield  220. 

Broussais,  Casimir  307. 

Broussais,  Franz  Joseph  Victor  270. 298.  89. 

Brown  328. 

Brown,  John  193.  236.  79. 

Brunfels  66. 

Brunner  120.  229. 

Büchner  160.  223. 

Bufalini  254.  331. 

Burdach  346. 

Bums  331. 

Bush  225. 

Buzzicaluve  135. 

Cabanis  249. 

Caetano,  Don  45. 

Cagnati,  Marsilius  63. 

Cajus,  Johann  64. 

Calmeil  313  323. 

Campanella,  Thomas  124. 

Campbell  231.  331. 

Camper,  Peter  153. 

Campolongus  81. 

Canano  68. 

Cappel  2b'2. 

Cardanus,  Hieronymus  84. 

Cardogan  229. 

Carminati  251. 

Carrichter,  Barthol.  95. 

Carswell  329. 

Casserio,  Giulio  7l. 

Cassias  der  Iatrosophist  33. 

Cassiodor  47. 

Cato  26. 

Cazenave  323. 

Celsus,  Aulus  Cornelius  28.  17. 

Cerise  323. 

Cesalpino  71. 

Chalmers  225. 

Chamberlen  231. 

Chapmann  232. 

Charmetton  228. 

Chaussier  305. 

Chenot  183  231. 

Cheselden  220. 

Chevallier  323. 

Cheyne,  Georges  155. 

Cheyne  328. 

Chirac  154. 

Chomel  309. 

Chopart,  Franz  218. 

Christison  329. 

Chrysippus  v.  Knidos  17. 

Churchill  331. 

Civiale  323. 

Claubry,  Gaultier  de  323. 

Cleghorn  221. 

Clementius  Clementinus  80. 

Cime  243. 


Namen-Register. 


in 


Clusins  66. 

Cole  154. 

Colles  328. 

Collin  183. 

Cüllin  331. 

Columbus  70.  73. 

Combalusier  229. 

Combe,  George  270. 

Condillac  149. 

Condorcet  149. 

Conradi,  G.  Chr.  288. 

Conradi  (in  Göttingen)  343. 

Coming  131. 

Constantinus  Africanus  48.  25. 

Contanceau  313. 

Cooper,  Astley  243.  327. 

Copho  48. 

Cornarus  78. 

Corvisart,  Jean  Nicolas  244.  248. 

Coschwitz,  Georg  166. 

Cotugno  223  u.  ff. 

Cowper,  William  119.  146. 

Craftheim,  Crato  v.  66.  78.  30. 

Crawford  243.  327. 

Croll,  Oswald  123.  45. 

Cruveilhier  308. 

Cullen,  Wilhelm  192.  202.  223  u.  ff.  58. 

Cuvier  286. 

Dalmas  313. 

Damokrates,  Servilius  31. 

Dance  313. 

Daniel  202. 

Dariot  95. 

Darwin  243. 

Dechambre  323. 

Dekakarchos  21. 

Delaberge  313. 

Delasiauve  323. 

Deleurie,  Frang.  Ange  232. 

Delius  176. 

Delpech  250. 

Demokrit  5. 

Denman,  Thomas  223  u.  ff. 

Denis  320. 

Desault  215.  218.  244. 

Descartes  112.  117. 

Desmarres  323. 

Desruelles  306. 

Deventer,  Hendrik  van  146. 

Devergie  323. 

Diaz,  Francescus  35. 

Diderot  149. 

Dietl  360. 

Diemerbroek,  Isbrand  van  136. 

D'gby  124. 

Dinus,  Garbo  52. 

Diocles  v.  Karystos  16. 

Dionis,  Pierre  145.  223. 

Dioskorides  Pedacius  31.  18. 


Dobson  229. 

Dodart  154. 

Dodonaeus  66.  73.  78. 

Doläus  131. 

Donatus  73. 

Donders  331. 

Donzellini  135. 

Dornaus,  Gerhard  95. 

Double  312. 

Draco  6.  15. 

Drake  117. 

Dran,  le  217. 

Drelincourt  167. 

Dubois,  Paul  323. 

Dudith,  Andr.  v.  Horekowitz  66. 

Duges  324. 

Dumas  191. 

Dupuy  320. 

Dupuytren  249.  305.  307.  321. 

Durand-Fardel  323. 

Duretus,  Ludwig  64. 

Duverney  228. 

Eben  al  Dschezzar  46. 
Eberhard  160. 
Ebn  Albeithar  46. 
Ebn  Sina  46. 
Eisenmann  342. 
Ellinger  102. 
Emmerich  228. 
Empedokles  von  Agrigent  5. 
Engel  359. 
Erasistratus  22. 
Erastus,  Thomas  96. 
Eresius  Theophrastus  16. 
Eschenmayer  266.  270. 
Esquirol  323. 
Etienne,  Charles  68. 
Ettmüller,  Michael  131. 
Eudemus  22. 
Euler  153. 
Euryphon  4. 
Eustachi  70. 
Eyerell  183. 

Fabricius  ab  Aquapendente  7l.  73.  115. 

Falconner  229. 

Faloppia,  Gabriel  71.  35. 

Fantoni  135. 

Faure  228. 

Faye,  George  de  la  217. 

Fernel  65.  72.  77.  35. 

Ferrar  223. 

Ferrior  243. 

Ferro  183. 

Ferrus  313.  323. 

Fickel281. 

Fienus  81. 

Fioraventi,  Leonardo  84. 

Fleischmann  281. 


IV 


Namen-Register. 


Floyer  225. 

Fludd,  Robert  124. 

Foesius,  Anutius  64. 

Folli  117. 

Fonseca,  Roderigo  de  63.  103. 

Fontana  177. 

Forjzago  251. 

Forbes  225. 

Fordyce  243. 

Forella  35. 

Forest,  Peter  78.  80.  35. 

Fothergill,  John  220.  223  u.  ff. 

Foubert,  Peter  2 17.  225. 

Fouquet  188. 

Fourcroy  258. 

Fournet  313. 

Foville  323. 

Fowler  243. 

Fraca;torius  35. 

Fracastoro  79. 

Franco,  Pierre  76. 

Frank,  Joh.  Peter  222.  288.  »3. 

Frank,  Jos.  251.  262. 

Franke  151. 

Frere  Jacques  145. 

Fuchs,  Leonhard  64.  66.  78.  30. 

Fuchs  (in  Göttingeu)  342. 

Gaddesden,  Jobann  52. 

Galenus,  Claudius  33.  21. 

Galilei  113. 

Gall,  Joh  Joseph  270. 

Gallini,  Stefan  251. 

Garbo,  Dinus  52. 

Garengeot,  Rene  de  217. 

Gariopontus  48. 

Gaspard  320. 

Gassendi  112.  117. 

Gaub,  Hieronvmus  David  178. 

Gavarret  310i  311.  320. 

Gehler  223. 

Gendrin  309.  320. 

Georget  323. 

Gerdy  322. 

Geromini  331. 

Gessner,  Conrad  66. 

Geulinx  150. 

Gibert  323. 

Gilbert  49. 

Gilles  v.  Corbeil  49. 

Giorgio,  Franz  84. 

Girtanner  258.  259. 

Glauber  114. 

Glaukias  24. 

Glisson,  Franz  118.  1 74. 

Gmelin,  Ferdinand  295. 

Gmelin  347. 

Good,  Mason  325. 

Gordon,  Bernard  von  52. 

Gorter,  Johann  von  171.  66. 


Goupil  306. 

Graaf,  Regner  de  119. 

Gräfe  290. 

Graman,  G.  46. 

Gramann,  Johann  123. 

Grant  229. 

Graves  328. 

Greatrake  124. 

Gregoire  d.  Aelt.  232. 

Gregoire  d.  Jung.  232. 

Gregorius,  Fabricius  v.  Chemnitz  59. 

Gregory,  Jacob  195. 

Gregory,  John  193. 

Griesselich  281. 

Griffin,  Gebrüder  328. 

Grimaud  191. 

Grimbeck  35. 

Grisolle  313. 
Gross  280. 
Grossi,  Ernst  v.  290. 
Grüner,  Chr.  263.  289. 
Gültenklee,  Timäus  v.  136. 
Güterbock  340.  341. 
Guerin  323. 
Guersent3l3.  323. 
Guglielmini  135. 
Guillemeau,  Jacques  76. 
Guislain  323. 
Guy  de  Chauliac  55. 

Habicot  76. 

Haen,  Anton  de  176,  181.  214.  225  u.  ff.  66 

Häser  342. 

Hagenbutt,  Johann  (Cornarus)  64. 

Hahnemann,  Samuel  271.  34. 

Haies,  Steph.  215.  229. 

Hall,  Marshall  328. 

Haller,  Albert  von  172.  226. 

Hamberger  173. 

Hamernjk  360. 

Hamilton  331. 

Hammen,  Ludwig  von  119. 

Harper  223. 

Hartmann,  Philipp  Carl  260.  263.  267.  293. 

Harvey,  William  115.  36. 

Hasenöhrl,  Johann  Georg  183. 

Haslam  223. 

Hasse  352. 

Heberden,  William  221.  230. 

Hecker  262.  290. 

Hegel  267. 

Heim  290. 

Heine  345. 

Heister  219.  231. 

Helidäns  77. 

H»  Im  356. 

Helmnnt,  Joh.  Bapt.  von  114.  124    37. 

Helvetius  149. 

Hempel  287. 

Hencke  (in  Riga)  S6. 


Namen-Register. 


Henke  262. 

Heule  349.  358. 

Heraklides  v.  Tarent  24. 

Herodot  33. 

Herophüus  22.  16. 

Herpin  323. 

Hery,  Thicrry  de  76. 

Heuermann  177. 

Heviu  218. 

Hewson  215 

Heyne  228. 

Highmor,  Nathanael  119. 

Hildanus,  Fab'icius  146. 

Hild  brandt  287. 

Hildenbrand,  Joh.  Valentin  290. 

Himly  266.  345. 

Hippi'krates  5.  3. 

Hirsch  349. 

Hobbes  112. 

Hoboken,  Nicol.  119. 

Hoffmann,  Friedr.  175.  223  u.  ff.  55. 

Hoffmanu  351. 

Hofmann,  Christoph  Ludwig  200. 

Homberg,  Wilhelm  115. 

Home,  Everard  243. 

Home,  Franz  221.  225. 

Hoorn  van  146. 

Hope  329. 

Hörn,  Ernst  262.  290. 

Hörn,  H.  8D. 

Houllier,  Jacob  (Hollerius)  64. 

Hourman  323. 

Hoven  v.  262. 

Huarte,  Juan  103. 

Hufeland,  Chr.  Wilh.  259.  263.  280.  291. 

Humboldt  284.  288. 

Hunter,  John  214.  220  u.  ff.  243.  328  u.  ff. 

Hunter,  William  220.  232. 

Flurtado  307. 

Hütten,  Ulrich  v.  80.  35. 

Huxham,  John  220.  226  u.  ff. 

Jacob  v.  Forli  58. 

Jacobus  Soter  37. 

Jaeger  263. 

Jaeger  (in  Wien)  345. 

Jänisch  229. 

Jahn  267.  342.  343. 

Jahr  87. 

Jenner  243. 

Ilsemann  229. 

Ingrassias  70.  73.  "8. 

Johann  v.  St.  Amaud  51. 

Jones,  Robert  243. 

Jordanus  79. 

Joubert,  Laurentius  65. 

Isa  ben  Ali  46. 

Isaak  ben  Soliman  46. 

Jung,  Joachim  112. 

Junker,  Johann  166. 


Kämpf  200.  227.  70. 

Kallisthenes  21. 

Kant,  Immanuel  256. 

Karl,  Joh.  Samuel  166. 

Kaye  64.  79. 

Keill,  James  154. 

Kennedy  331. 

Kenntmann  72. 

Keppler,  Joh.  113. 

Kergaradec,  Lejumeau  323. 

Kern  290. 

Kerner,  Justinus  270. 

Kielmeyer  285. 

Kieser  266.  270. 

Kilian  266. 

Kirby  328. 

Klettenberg,  Johann  45. 

Koch,  Wilhelm  (Copus)  63. 

Kölreuter  80. 

Kohlrausch  351. 

Kolletschka  353.  356. 

Kopp  281. 

Kortum  228. 

Koyter,  Volcher  71.  73. 

Kratevas  24. 

Krause  177. 

Kreyssig  263.  292. 

Krüger-Hansen  90. 

Krukenberg  332. 

Krzowitz,  Trnka  de  183.  231. 

Kunkel,  Johann  115. 

Kunrath,  Heinrich  123. 

Lacaze  de  188. 

Lachapelle  323. 

Lännec,  Rene  249.  307. 

Lallemand  305. 

Lamettrie  192. 

Lancisi  210.  224  u.  ff. 

Landus  78. 

Lanfranchi  49. 

Lange,  Johannes  64.  80. 

Langenbeck  287.  290. 

Lanza  251. 

Largus,  Scribonius  32. 

Larrey  250. 

Latour  310.  313. 

Lautter  183. 

Lavoisier  258. 

Lecat  176. 

Lee  331. 

Legendre  323. 

Lehmann  352. 

Leibnitz  150. 

Leidenfrost  223. 

Lemery,  Nicolaus  115.  / 

Lentin,  Benjamin  222. 

Leonicenus,  Nicolaus  63.  66.  35. 

Leuret  320.  323. 

Leuwenhoeck,  Anton  van  119. 


VI 


Namen-Register. 


Levret,  Andreas  232. 

Levy  323. 

Libavius  96.  114. 

Lieberkühn  153. 

Liebig  351. 

Lietaud  214.  225. 

Linacer,  Thomas  v.  Canterbury  64. 

Lind  228. 

Linne201.  229. 

Lisfranc  322. 

Littre  215. 

Lobelius  66. 

Locatelli  250. 

Locke  148. 

Locke,  Johu  113. 

Loder  287. 

Lombard  312. 

Lommius,  Jodocus  81. 

Longet  321.  323. 

Lorry  228. 

Lotze,  H.  352. 

Louis,  Antoine  218.  228.- 

Louis  310. 

Lower,  Richard  119.  224. 

Ludwig  224. 

Lunier  323. 

Lups  177. 

Lusitanus,  Amatus  103.  35. 

Lutze,  Arthur  88. 

Lux  282. 
Lynch  243. 

Mac  Bride  202. 

Magati  145. 

Magendie  319.  328. 

Maggi  73. 

Magni,  Guillaume  de  178. 

Magnus  v.  Ephesus  33. 

Maitre-Jean,  Antoine  146. 

Malebranche,  Nicol.  148. 

Malfatti  266. 

Malgaigne  322. 

Malpighi,  Marcello  119.  134.  228.  42. 

Mamugnano  45. 
Manardo  77. 
Mandella  77. 
Manningham  232. 
Marandel  250. 
Marc  323. 
Marc  d'Espine  313. 

Marcellus  Empincns  23. 

Marchettis,  Dominico  de  119. 

Marchettis,  Pietro  de  145. 

Marcus  Adalb.  Friedrich  262.  266.  268. 

Marinus  32. 

Marnionides  46. 

Marque.  .Tacque«  de  76. 

Massa,  Nindaus  68.  77.  18.  79.  35. 

Massaria  78. 

Mauchart  219. 


Maunsell  331. 

Mauriceau,  Frangois  146. 

Maxwell,  William  124. 

Mayow,  John  119. 

Mazzini  135. 

Mead,  Richard  155.  220  u.  ff. 

Meckel,  Joh.  Friedr.  287.  288.  350. 

Medicus  198. 

Megliorati,  Remigius  102. 

Menekrates  31. 

Mercado,  Luis  103. 

Mercier  323. 

Mercurialis,  Hieronym.  63.  102. 

Mesmer,  Anton  269 

Mesue  46. 

Mesue  der  Jüngere  46. 

Mettrie  la  149. 

Michaelis  225. 

Miliar  225. 

Mirandola,  Pico  della  84. 

Mittelhäuser  232. 

Mnesitheos  16. 

Mondini  de'Luzzi  54. 

Montieret  313.  324. 

Monro,  Alexander  193.  220.  227. 

Monro,  Alexander  der  Jüngere  221. 

Monro,  Donald  229. 

Montagnana,  Bartholomäus  58. 

Montauus  77.  35. 

Montanus ,  Johann  Baptista  63. 

Monte  del  251. 

Monte  Giambattista  de  77. 

Monteggia  251. 

Montesquieu  149. 

Montgomery  331. 

Morand,  Franz  Salvator  217. 

Morgagni,  Joh.  Bapt.  211.  224  u.  ff. 

Morton,  Richard  144.  50. 

Moscati  251. 

Moschion  37. 

Motte,  dela2l7.  232. 

Müller,  Clotar  87. 

Müller,  G.  Fr.  282. 

Müller,  Johannes  328.  347. 

Müller,  J.  H.  262. 

Müller,  Moritz  280.  86. 

Mulcaille  229. 

Mursinna  227. 

Musa,  Antonius  28. 

Musa  Ben  Maimon  46. 

Mu>chenbrock  van  lf-3. 

Musgrave,  Samuel  195.  229. 

Mus^is  de  56. 

Nahuvs  226. 

Nasse  266.  270.  333. 

Nathan  90. 
Naumann  267. 
Nees  v.  Einbeck  270. 
Nenter,  Ge^rg  166. 


Namen-Register. 


VII 


Neustain,  Alexander  von  102. 

Newton  153. 

Nicander  von  Colophon  24.  16. 

Nicolai  160. 

Nicolaus  Praepositus  48. 

Niemeyer  262. 

Nietzky  170. 

Nuck  119. 

Oken  266.  268. 
Oldham  331. 
Olivier  217. 
Ollivier  313.  323. 
Oporinus,  Johannes  96. 
Oppolzer  362. 
Orfila  323. 
Oribasius  37. 
Orräus  231. 
Oslander,  Fr.  B.  345. 
Otto  288. 
Overkamp  131. 
Oviedo,  Hernandez  de  35. 
Ozanam  254. 

Palfyn  232. 

Paracelsus,  Aureolus  PhilippusTheophrastus 

Bombastus  ab  Hohenheim  85.  33. 
Pare,  Ambroise  74   78.  35. 
Parent-du-Chatelet  323. 
Parisanus,  Aemilius  117. 
Parish  328. 
Parketer  223. 
Passavant  270. 
Patin,  Guy  131. 
Paul  v.  Aegina  38. 
Pecquet  117. 
Pelletan  313. 
Percival  328. 
Perfect  223. 
Perrault,  Claude  154. 
Perrier,  Casimir  299. 
Peter  von  Abano  51. 
Peter  de  la  Cerlata  53. 
Petit,  Antoine  218.  232. 
Petit,  Jean  Louis  215.  228. 
Petit  250. 

Petrarcba,  Franz  55. 
Petri  223. 
Peyer  120. 

Peyronie,  Frangois  la  217. 
Pfaff  259.  260.'  263. 
Pfeufer  358. 
Phädro  v.  R  dach  102. 
Phiünus  v    Kos  23. 
Philipp  353. 
Philo  31. 
Pliilumenos  32 
Pico  della  Mirandola  84. 
Pigray  76 
Pineau,  Severin  76. 


Pinel,  Philipp  244.  247. 

Piorry  312. 

Pitard  54. 

Pitcairn  328. 

Pitcairn,  Archibald  154.  167. 

Platearius,  Joannes  48. 

Platearius,  Mattheus  48. 

Plater,  Felix  72.  73.  78. 

Platner  219. 

Plenciz,  A.  183. 

Plenck  183.  228. 

Plenkwitz  230. 

Plinius  Secundus  28. 

Plouquet  202. 

Polybus  6.  15. 

Pommer  289. 

Pool  229. 

Portal,  Antoine  215. 

Portal,  Paul  146. 

Posidonius  33. 

Pott  220. 

Praxagoras  16. 

Primerose,  Jacob  117. 

Primigenes  21. 

Pringle,  John  220.  227  u.  ff. 

Prochaska  285. 

Prodicus  16. 

Prost  250. 

Prus  323. 

Psellus,  Michael  38. 

Puchelt  268. 

Pujol  228. 

Purmann,  Matthias  146. 

Puzos,  Nicolas  232. 

Pythagoras  4. 

Quarin,  Jos.  von  221.  271. 
Quercetanus  (Duchesne)  95. 
Quesnay,  Franz  217. 
Quintus  32. 

Rademacher.  Joh.  Gottfr.  361. 

Ramazzini,  Bernhardin  136. 

Rasori,  Giovanni  251. 

Rau,  Joh.  Jac.  146. 

Rayer  306. 

Read  229. 

Redi,  Francesco  119. 

Rega  160. 

Regius  117. 

Reich  283. 

R>  iff.  Walter  76. 

Reil  283. 

Reinhardt  350. 

Remak  3*1. 

Renhac,  Solayeres  de  232. 

Requin  313. 

Rhazes  46. 

Richerand  249. 

Richerand  250. 


vni 


Namen-Register. 


Richter,  August  Gottlob  219. 

Ricord  323. 

Ridley  225. 

Rigby  321. 

Rilliet  313.  323. 

Ringseis  343. 

Riolan  102.  117.  131. 

Ritter  268. 

Riverius,  Rochus  95. 

Rivinus  120. 

Robinson,  Nicolaus  155. 

Roboretus  79. 

Roche  306. 

Roche  de  la  196. 

Rochoux  313. 

Rodier  320. 

Röderer  231. 

Röderer  233. 

Rösch  268. 

Röschlaub,  Andreas  259.  260.  79. 

Röslin,  Eucharias  76. 

Roger  323. 

Rokitansky,  Carl  352. 

Rolfink  117. 

Rolfink,  Werner  146. 

Rollo  243. 

Romberg  349. 

Rondelet,  Guillaume  77. 

Roonhuysen  231. 

Rosas  345. 

Rose  123. 

Rosen  v.  Rosenstein  225  u.  ö'. 

Rosenmiiller  287. 

Roser  358. 

Rotan  308. 

Rousseau  149. 

Rousset  76. 

Roux  322. 

Rubini  251. 

Rudolphi,  Carl  288.  346. 

Rueff,  Jacob  76. 

Rufus  v.  Ephesus  32. 

Benj.  Rush,  221. 

Rust  290. 

Ru>tanus,  Amatus  103. 

Ruysch  119. 

Sabatier  der  Vater  218. 
Sabatier  der  Sohn  218. 
Sachs  345. 
Sagar  183.  202. 
Sailant  229. 
Sala  114. 

Saladin  v.  Asculo  59. 
Samolowitz  231. 
Sanchez,  Franzisco  111. 
Sandifort,  Eduard  215.  228. 
Sandri,  Jacob  de  135. 
Sanson  ?>22. 
Santorini  153. 


Santoro  Santorio  132.  145. 

Sarcoue  221  u.  ff. 

Sauchez,  Franzisco  111. 

Sauvages,  Franz  186.  201.  223  u.  ff. 

Savonarola,  Michael  58. 

Scarpa  254. 

Schaeffer,  Gottlieb  198. 

Schellhammer,  Günther  131. 

Schelling  263. 

Schenk  v.  Grafenberg  73. 

Scherer  351. 

Scheunemann,  Heinrich  123. 

Schieffeibein,  Margarethe  146. 

Schill  352. 

Schmidt  266. 

Schneider  120. 

Schönlein  267.  333.  91. 

Schröder  224. 

Schröder  van  der  Kolk  331. 

Schrön  281. 

Schuh  356. 

Schulze  160. 

Schwann  349. 

Scultetus,  Johann  146. 

See  323. 

Seidl,  Bruno  80. 

Seile,  Christian  Gottliel  222. 

Senac  210  224  u.  ff. 

Sequard,  Brown  321. 

Serapion  46. 

Serveto  64.  69. 

Sestier  313 

Severino  145. 

Severinus,  Peter  95. 

Sextus  Empiricus  37. 

Shaftesbury  Graf  148. 

Sichel  323.  345. 

Siegmund,  Justine  146. 

Siena,  Franz  v.  55. 

Simon  341. 

Simpson  225. 

Simpson  331. 

Skoda,  Joseph  353.  355. 

Smellie,  William  232. 

Smetius  96. 

Sniadezki  286, 

Sobernheim  345.  90. 

Sömmering  287. 

Solingen,  Cornelis  van  146. 

Soranus  der  Aeltere  von  Ephesus  32. 

Soranus  der  Jüngere  37- 

Spach  76. 

Spallanzani  254. 

Spangenberg  223. 

Spener  151. 

Spieghel,  Adrianus  van  den  115. 

Spiess  349. 

Spinoza  150. 

Sprengel,  Kurt  199.  262. 

Spurzheim,  Johann  Caspar  270. 


Namen-Register. 


IX 


Stahl,  Georg  Ernst  152.  160.  227.  56. 

Stapf  280. 

Stark  267.  342.  343. 

Stein,  Georg  Wilh.  233. 

Steinheim  268.  ao. 

Stevens  329. 

Stewart  243. 

Stieglitz  263.  290.  332. 

Stüüng  349. 

Stockhausen  229. 

Störck,  Anton  184. 

Stokes  329. 

Stoll  184.  214.  225  u.  ff.  it. 

Strack  231. 

Strato  21. 

Strathius  80. 

Suavius,  Leo  95. 

Swammerdam,  Joh.  119. 

Swieten,  Gerhard  van  180.  225  u.  ff. 

Sydenham,  Thomas  136.  47. 

Sylvius,  der  Chemiatriker  117. 

Sylvius  (Uubois)  68. 

Sylvius,  Franz  Deleboe  129.  30. 

Tabernämontanus  66. 

Tabor,  John  155. 

Tacheniu.%  Otto  131. 

Taube  229. 

Taupin  323. 

Teale  328. 

Tessier  229. 

Thaddäus  von  Florenz  51. 

Thakrah  329. 

Themison  von  Laodicea  27. 

Theophanes  Nonnus  38. 

Theophilus  von  Coustantinopel  38. 

Theophrastus  21. 

Thessalus  6.  15. 

Thessalus  von  Tralles  32. 

Thomasius  79. 

Thomasius,  Christian  151. 

Thore  323. 

Thumeyssen  zum  Thurn  95. 

Tiedemann  347. 

Tissot  177.  221  u.  ff.  83. 

Tomasini  251. 

Torrigiano  51. 

Torti  231. 

Traube  341. 

Travers  326. 

Treviranus  285. 

Trevisius  79. 

Troja,  Mich.  227. 

Tronöhin  229.    ■ 

Trou-seau  320.  323. 

Troxler  266. 

Türk  349. 

Tulpius,  Nicolaus  136. 

Turner  228. 

Tweedie  329. 


Unzer,  Joh.  Aug.  197. 

Valcarenghi  83. 

Valens,  Vectius  31. 

Valescus  de  Taranta  58. 

Valleriola  77. 

Valleix  323. 

Valles,  Francisco  103. 

Valsalva  153. 

Valverde  de  Hamusco  72. 

Vater  210. 

Vavasseur  74. 

Vega,  Christobal  de  103. 

Velpeau  322  u.  ff. 

Vesal,  Andreas  69.  72. 

Vesling,  Johann  115.  117. 

Vetter  288. 

Victorius,  ßenedictus  77. 

Victor  de  ßonagentibus  78. 

Vidius,  Vidus  (Guido)  68.  35. 

Vieussens  120.  136. 

Vigo  73. 

Villerme  323. 

Vincenz  v.  Beauvais  51. 

Virchow  341.  350. 

Vochs  78. 

Vogel  202.  221. 

Vogel,  Samuel  Gottl.  222  u.  ff. 

Voigtel  288. 

Voism  323. 

Voltaire  149. 

Volz  342. 

Vrolik  331. 

Wagler  231. 

Waldkirch  76. 

Waldschmidt,  Wulfg.  131. 

Wale  de  117. 

Walshe  329. 

Walther  227. 

Weber,  Ed.  347. 

Weber,  E.  H.  347. 

Weber,  Wilh.  347. 

Wedekind  263. 

Wedel,  Georg  Wolfg.  131. 

Weigel,  Valentin  123. 

Weikat  259.  262. 

Wepfer  120.  223  u.  ff 

Werlhof,  Paul  Gottl.  221  u.  ff. 

Wernischek  183 

Wesele,  Andreas  69. 

Whart"n,  Thomas  119. 

Whytt  176. 

Wichmann,  Joh.  Ernst  222  u.  ff. 

Widmann,  Joannes  (Salicetus)  35. 

Wienholt  270. 

Wierus  102. 

Willan  243. 

Williams  327.  329. 

Willis,  Thomas  119.  132. 


Namen-Register. 


Wilson  223. 

Winslow  153. 

Winther  v.  Andernach  64.  68. 

Wolf,  Caspar  76. 

Wolf,  Christian  151. 

Wolf  (Hofrath)  86. 

Walfart  270. 

Wrisberg  287. 

Würtz  73. 


102. 


Wunderlich  353.  358. 
Wyl,  Stalpaart  van  der  136. 

Zerbi  67. 

Zimmermann  177.  221.  u.  ff. 

Zinn  177. 

Zopyrus  24. 

Zwinger  102. 

Zwinger,  Theodor  64. 


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Author 

Hundsrlich,  K.R.A. 
Geschichte  der 
Medicin.     1859. 

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